Nr. 154 Zweites V'aft Athener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen) Dienstag. 5. Juli 1928
OieLubiläumsfeier der Gießener Hochschulgesellschast.
Am Qametog beging, wie gestern schon kurz gemeldet, die Gießener Hochschulgesell- s ch a s t (Gesellschaft von Freunden und Fördereim der Universität G eßen) in eindrucksvoller Weise die Feier ihres zehnjährigen Be- st e h e n s. Aus diesem Anlaß waren zahlreiche hervorragende Perlönlichkeiten, Mitglieder der Gesellschaft, aus allen Teilen des Hessenlandes hierhergekommen, um durch ihre Teilnahme an der auf hohe Gedanken eingestellten Jubelfeier ihr starkes Verbundensein mit den Bestrebungen der Hochschulgesellschaft zu bekunden.
Aach einer Sitzung des Derwaltungsrats fand in der Kleinen Aula des Universitätsgebäudes die
Hauptversammlung
unter der Leitung des Vorsitzenden der Gesellschaft, Provinzialdire'tors G r a e f - Gießen, bei sehr zahlreichem Besucht statt. Zunächst erstattete der Vorsitzende den
Jahresbericht des Vorstandes für 1927,
in dem zuerst der verstorbenen Mitglieder Divisionspfarrer a. D. Büttel- Schleswig, Kaufmann L. D a h - Gießen. Prof. Dr. E. W. Mayer -Gießen und Prof. Dr. Wiener» Leipzig, gedacht, ihrem Andenken die übliche Ehrung erwiesen wurde. Dann wurde mitgeteilt, daß die Hochschulgesellschaft das Jahr 1927 mit 626 Mitgliedern begonnen und es mit 637 beschlossen hat. Die Zahl der Mitglieder betrug im Jahre 1920 440, 1921 = 566, 1922 - 661,
1923 = 565, 1924 = 544, 1925 - 579, 1926 -- 626, 1927 637. Der Stand am Jubiläumstage betrug
726 Mitglieder. Die Werbung neuer Mitglieder sei nicht leicht. Rur der persönlichen Werbearbeit von Person zu Person sei der bisherige Aufstieg zu verdanken. Am besten sei das daraus zu ersehen, daß es dem Geheimrat Prof. Dr. König gelungen sei. aus den Kreisen seiner früheren Schüler 15 neue Mitglieder zu gewinnen. Ihm gebühre der wärmste Dank der Hoch» schulgesellfchast. Die Tätigkeit des Werbeausschusses hatte sich in den letzten Jahren grundsätzlich der planmäßigen Ersas unq aller akademisch gebildeten Beamten und Angehörigen der freien Berufe in Oberhessen zugewandt. Das Ergebnis ist leider noch bescheiden geblieben. Bis jetzt gehören fünf Verbände ..Alter Herren" der Universität Gießen der Gesellschaft an. Auch hier kann noch sehr viel geschehen, sowohl hinsichtlich der Gewinnung von Verbänden, als auch von Einzelmit- aliedern aus den Korporationen. Wenn man bedenkt, daß etwa */, der Alten Herren der Korporationen an der Technischen Hochschule in Hannover der dortigen Hochschulgesellschaft angehört, so geht daraus hervor, was auf diesem Gebiet der Werbearbeit noch erreicht werden kann und muß. Es sollte ein Ansporn sein, hier mindestens daS Gleiche zu erreichen, wie in Hannover. Dec Werbeausschuß setzte seine im Vorjahr schon vorbereiteten Versuche fort, in einzelnen größeren hessischen Städten durch Bildung von Keimzellen die allmähliche Entstehung von Mitgliedsgemeinden zu gewährleisten. Die Ergebnisse dieser Werbearbeit sind noch nicht völlig zu übersehen. Ein hervorragendes Beispiel dafür, was hier zu leisten möglich ist. bietet die Stadt Worms. Dort ist es der verständnisvollen, planmäßigen und glücklichen Art des Mitglieds deS Vcrwaltungsrats, Oberbürgermeister Bahn, gelungen, in ganz kurzer Zeit säst 100 Mitglieder zu werben, ein Er olg, der die Erwartungen weit übertroffen hat. Oberbürgermeister Rahn sei für seine Wirksamkeit herzlichster Dank auszusprechen. Vach dem großen Erfolg in Worms werden die Versuche, auch in
anderen Städten Ortsgruppen zu bilden, fortgesetzt.
Auf dem Gebiete der Werbung neuer Mitglieder kann und muß noch viel gesäxhcn. wenn cs jedem Mitglied der hochschulglscUschasl gelingt, in diesem Jahre nur c i n neues Mitglied zu gewinnen, dann kann die Milgliederzahl verdoppelt werden.
'21 Uc Mitglieder der Gesellschaft müssen sich noch mehr als bisher anftrengen, durch eifrige Werbung die Mitgliederzahl zu steigern. Der Redner wies dann auf die geistige Verbindung der Mitglieder durch die „Nachrichten der Gießener Hochschulgesellschaft" und auf die Borträge von Dozenten der Landes- Universität in den verschiedensten hessischen Städten hin. Vorträge wurden in Alsfeld, Altenstadt, Bü- dingen, Friedberg, Hanau und Worms gehalten. Das Jahr 1927 zeigt auch in finanzieller Beziehung einen weiteren, wenn auch geringen Aufstieg. Das Jahr 1926 schloß mit einem Dermögensstand von 32 380 Mark ab, am 31. Dezember 1927 konnte ein Vermögen von 32 725 Mark ausgewiesen werden.
Am Schlüsse des Berichts heißt es dann: „Nachdem sich die Finanzen der Hochschulgcscllschaft auch in den letzten Jahren wieder gebessert haben, sind wir in der Lage, für die Bedürfnisse der Wissenschaft in etwas höherem Maße als seither — allerdings immer noch in sehr bescheidenem Rahmen — Mittel zur Verfügung zu stellen. Wir sind von dem Ziel, das man sich bei der Gründung der Gießener Hochschulgescll- schaft gesteckt hat, noch sehr weit entfernt. Vielgestaltig und mannigfaltig sind die Bedürfnisse unserer Landesuniversität, die befriedigt werden müssen, wenn die Universität in dem Wettkampf mit den Nachbaruniversitäten ehrenvoll bestehen soll.
Hierzu kann jeder sein Scl-erslein beitragen, wenn er Mitglied der Gießener Hochschulgesell- schast wird.
Wir müssen auch im neuen Jahre die Zahl unserer Mitglieder zu steigern suchenFund dadurch das In- teresse für unsere Bestrebungen in immer weitere Kreise tragen. An alle richte ich auch heute wieder die dringende und herzliche Bitte, uns mit Rat und Tat zu unterstützen, dann wird es uns auch gelingen, weiter vorwärts zu kommen."
Anschließend wurde dem Vorstand und dem Ver- maltungsrat einstimmig E n t l a st u n g erteilt. Ein Antrag des Vorstandes auf eine Satzungsände- r u n g fand einstimmige Annahme. An Stelle des in den Vorstand einaetretenen Hüttendirektors Dr. Humperdingk (Wetzlar) wurde Kammerdirektor B r ä u n i g (Darmstadt) in den Vcrwaltungsrat gewählt
Als Schlußpunkt der Tagesordnung folgte nun- mehr die Ueberreichung einer
Iubiläumsspende an die tlniversitäi.
Der Vorsitzende >rovinzialdirektor G r a e f, warf einleitend einen kurzen Rückblick auf das erste Jahrzehnt der Gießener Hochschulgesellschaft und erklärte, man dürfe ohne Ueberhebung sagen. daß die Gesellschaft in den ersten zehn Jahren ihres Bestehens der Universität nützliche Dienste geleistet und in mancher Beziehung deren wissenschaftliche Arbeiten dadurch erleichtert habe, daß sie zur Erfüllung ihrer Aufgabe Mittet zur Verfügung stellen konnte. Damit sei die Gründung der Hochschulgesellschaft in vollem Umfange gerechtfertigt. Das zehnjährige Bestehen der Hochschulgesell- schaft sei ein willkommener Anlaß gewesen, auf ihre Bestrebungen erneut hinzuweifen und zu versuchen, einen größeren Jubiläumsfonds anzusammeln, der es der Landesunivcr- fität ermöglichen soll, dringende Bedürfnisse zu befriedigen und lang zurückgestellte Wünsche zu erfüllen. Die Lieberzeugung, daß im deutschen Dolle trotz allen Unglücks der letzten Jahre doch eine starke Lebenskraft und der Wille zur Selbst
behauptung vorbanden feien, und daß trotz aller Rot der Zeit bei den alten und neuen Mitgliedern der Gesellfchaft der Sinn für ideale Bestrebungen sich erhalten habe, veranlaßte den Vorstand, zur Sammlung einer Jubiläumsgabe aufzurufen. Es erfülle die Hochschulgesellschaft mit großer Freude, daß die Werbearbeit einen schönen Erfolg gehabt habe und man heute in der Lage sei,
der Canbeeunioerfitäl einen Jubiläumssonds von 61 000 Mark
zu überweisen. Zu dieser Spende haben folgende Firmen und Einzelpersonen beigetragen: Firma Bänninger G. m. b. H., Gießen: S. Bock & Co. Gießen: Duderus'sche Eisenwerke. Wetzlar: Gießener Brauhaus Denninghosf. Gießen: J.-V.- Farbenindustrie A.-G., Frankfurt: Dr. Georg Gail, Gießen: Waggonfabrik Gebr. Gastell und Dipl.-Jng. Otto Gastell, Mainz-Mombach; Gewerkschaft Gießener Braunsteinbcrgwerke vonn. Fernie, Gießen: Bankdirektor Gotpchalk u. Bankdirektor Grießbauer, Gießen: Kommerzienrat Franz Hesselberger, München: Firma Cornelius Hehl QL-® und Ludwig Freiherr Hehl zu Hermsheim - Worms, Firma Gebrüder Hevne G.m.b.H., Offenbach: Generaldirektor Hildebrandt, Zillertal (Schlesien): Kommerzienrat Josef Himmelsbach, Freiburg: Firma Brauerei Jhring» Melchior, Lich: Dr. med. Kurt Koch. Gießen: Landesversicherungsanstalt Hessen - Darmstadt: Buchdruckereibeiitzer Richard Lange, Gießen: Firma Dr. Emst Leih, Optische Werke, Wetzlar: Dr. jur. Otto Liebmann. Berlin: Mannesmann- Röhrenwerke, Gießen: Generalkonsul Karl Mayer: Firma E. Merck und Familien Merck, Damistadt: Ministerium des Innern, Darmstadt: Fabrikant Arthur Pfeiffer, Wetzlar: Fabrikant Ludwig Rinn, Gießen: Firma Stahlwerke Röchling-Buderus A.-G., Wetzlar: Kommerzienrat Schassstaedt und W. und C. Schu- chardt, Gießen: Freiherr Willfried Schenk zu Schweinsberg-Wäldershausen: Kommerzienrat
Schirmer, Gießen: Graf Schlitz gen. von Görtz- Schlitz: Firma Wegener, Dliyenrod; Direktor Will, Mainzer Verlagsanstalt. Mainz: Bankdirektor Wolsskehl, Gießen: Fabrikant Dr. Zöpp- rih, Magelstetten.
Aus warmem Herzen dankte er allen Spendern, die zu diesem Fonds beigetragen haben. Dieser Gabe sei eine besondere Bedeutung beizumessen. wenn man brden.e, daß die Mittel gespendet wurden in einer Zeit wirtschaftlicher Schwierigkeiten, und daß sie nicht aus dem üeberflufo gekommen feien, sondern daß sie Opfer waren, zu denen sich die Spender bereitgefunden haben in der Erkenntnis, daß es Dinge gibt, die höher einzuschätzen sind als Geld: die Förderung deutscher wissenschaftlicher Arbeit, die in der ganzen Welt anerkannt wird und nicht entbehrt werden kann, die Erhaltung der deutschen Kultur, der Glaube an Deutschlands Zukunft. Der Redner machte sodann darauf aufmerksam, daß die Hälfte der Jubiläumsspende durch Bindungen seitens der Stifter für bestimmte Zwecke vorgesehen ist. Die Gabe der Landesversicherungsanstalt Hessen soll dem weiteren Ausbau der Lupusheilstätte in Gießen dienen, die Gabe der Mannesmann-Röhrenwerke soll für den Veuausbau des Geologischen Instituts Verwendung finden, Dr. Otto Liebmannnin Berlin wünscht seine Gabe für Zwecke des juristischen Seminars der Landesuniversität verwendet zu sehen, die Spenden von Buchdruckereibesitzer Richard Lange und Fabrikant Ludwig Rinn sotten zum Ankauf von 2 Sammlungen unveröffentlichter griechischer Papyri benutzt werden Für die andere. Hälfte der Spende (30 500 Mk.) soll der Landesuniversität das freie Derfügungsrecht ^ustehen, jedoch sotten die Mittel nicht zur (Befriedigung vieler Wünsche
verwendet und dadurch in viele kleine Spenden aufgelöst werden, sondern fic sollen vorzugsweise zur Erfüllung eines größeren Zweckes, der dec Landesuniversität besonders am herzen lieg', Verwendung linden. Falls nicht andere, größere, in höherem Maße unterstätzungSbedürftma Zwecke der Universität bekannt geworden fein sollten, würde die Hochschulgesellschast es freudig begrüßen wenn insbesondere der einzige, ihr bisher bekanntgewordene solche Zweck. daS von Professor Dr. Aubin angeregte Institut für hessische Landesforschung. auS den Mitteln der Jubiläumsspende gefördert würde, unter der selbstverständlichen Voraussetzung. daß auch der hessische Staat und die Rotgemeinfchaft das Zustandekommen dieses Instituts durch Bereitstellung entsprechender Mittel sichern. Insoweit auS den Mitteln deS Jubiläumsfonds. oder aus laufenden Zuwendungen der Hochschulge'ellfchaft Bücher befchasit werden. soll in oiefen darauf hingewiefen werden, daß sie aus Mitteln der Hochfchulgefellfchaft beschafft worden find, um für alle Zeiten die Tätigkeit der .Hochschulgesellschast hervorzuheben. Mit der ilebcriDeifung des Jubiläums onds an die Universität verbinde die Hochfchulgesellfchast den Wunsch, daß der Fonds dazu beitragen möge, die wissenschaftliche Arbeit zum Segen unserer Landesuniversität und unseres Landes weiter zu fördern.
Als Vertreter Sr. Magnifizenz des Rektors Professor Dr. Rosenberg, der durch Krankheit am Erscheinen verhindert war, nahm der Ex-Rektor, Professor Dr. Zwick, die reiche Iubiläumsspende der Hochschulgesellschast mit herzlichen Dankesworten entgegen und sprach der Geberin gleichzeitig herzliche Glückwünsche zum Jubiläum aus. Wenn wir, so sagte der Redner unter anderem weiter, heute zn- rückblicken auf die bisherige Tätigkeit ber_ Hoch- fchulgesellschaft, so muß die Mnmerfität als Empfangende dankbar bclenr.cn,, daß die Leistungen, die die Hochschulgesellschast vollbracht ha:, weit größer und umfangreicher sind, als man sich bei der Gründung versprach, daß sie weit hina. .» gehen über das gesteckte Ziel. Von den zays» reichen und mannigfaltigen wissenschaftlichen Bestrebungen und Ausgalen, die unserer ilniDci;-- tät zugefallen sind, gibt es nur wenige, die noch nicht von selten der Hochschulgesellschast Unter» stützung und Förderung erfahren hätten. Der Redner zählte dann eine Anzahl der hervorragenden Leistungen der Hochschulgesellschast Ur die Landesuniversität auf und erklärte weiter, der Dank der Hnioerfität für diese reiche Förderung bekunde sich in der verbesserten Ausbildung unserer Studenten und in einer Reihe eifrig durchgesühöter Forschungsarbeiten, die Zeugnis dafür geben, daß durch die Spenden dec Hocy- schulgefellschast die Arbeitsfreude und der Arbeitsmut durch diesen Ansporn noch kräftiger als bisher wieder gewachsen seien. Die Universi- tät werde auch in Zukunft in dem Sinne der Stifter die Mittel verwenden zur Mitarbeit am Wiederaufstieg unseres Volkes und Vaterlandes. Als Jubiläumsgabe der Universität an die Hochschulgesellschaft habe er im Auftrage Sr. Magnifizenz des Rektors eine größere Anzahl von Beitrittserklärungen zu übergeben, die der Rektor unter den Professoren. Privatdozenten. Assistenten und Beamten dec UniDerfität geworben habe, die bisher noch nicht Mitglieder der Hochschulgesellschaft waren. Zur ganz besonderen Freude gereiche es ihm (Redner) aber, hier verkünden zu können, daß der Gesamtsenat in seiner letzten Sitzung einstimmig beschlossen habe, den hochverdienten Vorsitzenden der Gießener Hochschulgesellschast. Provinzialdirektor G r a e f zum Ehrensenator der hessischen Landesuniversität zu er-
Bei den Pyramiden.
Von Max Brod.
Die Sphinx und die Pyramiden, um derentwillen ich nach Aegypten gekommen bin, habe ich überhaupt nicht gesehen. Ich war während der gaiucn Zeit, in der mir diese Denkmäler ur- ältester Vergangenheit zum greifen nahe waren, ausschließlich mit dem Problem beschäftigt, Bakschisch zu geben oder nicht zu geben.
Zwei Rebenbemerkungen: ich bin überzeugt, daß es den meisten Aegyptenreifenden so geht wie mir. Denn der Dakschischruf bei den Pyramiden ist eine elementare Macht, die alles niederwirft, was man zum Schutze gegen ihn etwa vorbereitet hat — inklusive Baedeker- und etwaige archäologische Kenntnisse —. Rur will man es nachher nicht eingestehen, daß man faktisch nichts gesehen hat. Die Pyramiden existieren nur auf Bildern. In Wirklichkeit sind sie unsichtbar. Vielleicht tauchen sie bei einem zweiten, dritten Besuch schüchtern aus der Wüste auf. Aber zu dem nehmen sich wohl die wenigsten Touristen Zeit. Schon deshalb nicht, weil sie sich nicht eingestehen, daß sie beim ersten nichts gesehen haben.
Ferner: — es ist kein Wunder, daß jeder, der über den Orient schreibt, zunächst auf das Thema „Bakschisch" gerät.
Alles andere tritt bei dem Erlebnis in den Hintergrund. Unnatürlich wäre es, von Moscheen, Minaretten. Liwanen zu reden, eh: man die acht bis zehn Mann gebührend gewürdigt hat, die sich in die Aufgabe teilen, einem vor Betreten des Heiligtums die gelben Lederschlappen über die 6hefei zu binden. Einer ist Aufseher, einer kontrolliert den Aufseher, zwei »erben nxggejagt, einer sucht die Pantoffeln aus und einer reißt sie ihm weg. einer begleitet das Werk mit weisende den. einer schaut stumm zu, einer belehrt mehrere Knaben über den Vorgang. So setzt sich die Arbeit ins Unendliche fort. Und diese Arbeit von „lausendem Band", die dem Europäer gänzlich neu ist, übertrifft im ersten Eindruck an exotischer Wirkung alles, was er an Sehenswertem zu sehen bekommt.
Bei den Pyramiden von Gizeh aber überschreitet der wohlorganisierte Vorgang feine eigenen Grenzen. Er verschlingt die Sehenswürdigkeit, er wird zum Selbstzweck. Die Pyramiden sind an Ort und Stelle gänzlich unwichtig und die Dakschisch-Angelegenheit allein regiert am Rande der Wüste.
Wie anders hat man sich die Sache vorgestellt. Auf den schönen Aegypten-Briefmarken, die man als Kind mit besonderer Vorliebe gesammelt hat, liegt sauber und ordentlich das rätselhaste Sphinxhaupt vor den drei -perspektivisch abgestuften Pyramiden.
Später hat man so viele Bilder gesehen, so viele Beschreibungen gelesen, daß man glaubt: diesmal kann doch der Eindruck solch geometrischer einfacher Gebilde von der Phantasievorstellung nicht allzusehr abweichen, obwohl man ja die Erfahrung gemacht hat, daß das Erwartete und das Wirkliche nie zusammenstimmen.
Diese Erfahrung bestätigt sich mit verdoppelter Wucht. — Das Mena-Hause-Hotel mit feinen blumigen Grasbeeten, seinen Loggien und Baikonen entspricht zwar noch so ziemllch dem Gedachten. (Man hat es sich vielleicht nur noch etwas eleganter vorgestellt, mit Rücksicht auf die sündhaft noblen und kavaliermähiaen Liebes- gefchichten. die von Romanciers hierher verlegt werden.) Aber schon die lange Reihe kniender Kamele, mit bunt aufgepuhten. rot betrobbclten Sätteln, jahrmarktmähig hergerichtet, wie man späterhin im ganzen Orient fein Tragtier mehr sehen wird, also ausschließlich für den Fremdenverkehr hergerichtet, — schon die mit ihrer Schar von Beduinen, die als Treiber Dienst leisten, stören das Bild denkmalmäßiger Ruhe und "Brief- marfenortmung. Die Kamele liegen zum Aussuchen da wie geschlachtete Gänse in der Markthalle. Roch ehe man überhaupt den Wunsch ausgesprochen hat, sich auf solch ein Kamel oder — bescheidener und feiger — auf eines der geduldigen Eselchen zu setzen, die gleichfalls bereitftehen. noch ehe man überhaupt zum Bewußtsein gekommen Ist, verhandelt der Führer, den man für den Ausflug gemietet hat, mit einem der Scheichs. Wildes Getümmel unter den Beduinen. Jeder hat sein Kamel, fein Eselchen anzupreisen. „Aber ich möchte zu Fuß fou den Pyramiden hinauf" — diesen Wunsch traut man sich gar nicht auszusprechen. Er würde auch gar nicht gehört werden. Denn der Schlachtlärm der Araber hat sich so gesteigert, daß man überhaupt nichts hört. Ein riesengroßer Mohr, ägyptischer Polizist in dunkler Uniform, mit rotem Tarbusch und zwei Wetattschttden an den Schultern. — der eine zeigt unsere, der andere die arabischen Ziffern — bewirkt durch fein bloßes Rähertreten Mäßigung. Aber leise, durch Zeichen geht der sinnverwirrende Streit weiter. Der Führer hat sich nunmehr ganz auf die Seite unserer Gegner geschlagen, et verhandelt nur
„wieviel", nicht „ob". Einwände versteht er nicht, ober gibt vor, sie nicht zu verstehen. Und doch wäre der Hügel, der der Cheopspyramide zur Basis dient, und hinter dem die Sphinx sich befindet, mit ein paar Schritten zu erklimmen. Auch unser Auto könnte den Weg hinauffahren. Vergeblicher Protest. Schon sitzen wir auf den Reittieren, die Treiber stoßen gutturale Rufe aus, vorwärts.
Diesen Ritt vergesse ich nie. Der mir zugeteilte Treiber, ein junger, schöner schwarzer Kerl mit blitzenden Zähnen, immer lächelnd, scheinbar äußerst gutmütig, dabei aber von letzter Zweck- befliffcnpeit, läßt mich keinen Moment in Ruhe. Ob ich englisch spreche? Ober französisch? Ja, unb ba$ sei die Pyramide. Die grellen Stein- slächen stoßen wie ein Gebirge vor, die Hitze, das gelbe Wüstenlicht vibriert längs der ungeheuren Masse, zu der ich gern aussähe. — aber das Tier setzt sich in Trab, es ist nicht leicht, sich festzuhalten. Und der Treiber hält inzwischen schon bei deutschen Brocken. Seltsames Gemisch, dessen Bestandteile er in mehrjähriger Pyramidenpraxis zusammengeklaubt hat: „Dank schön, dank schön, guter Baron, Deutschland über alles, lein Geschäft, auf Wiedersehn, vielleicht übermorgen".
Das also war der Eindruck der Cheopspyramide. Zu den beiden anderen reichte der Blick, seltsam gelähmt, überhaupt nicht hinüber.
Indessen hat einer aus unserer Reisegesell- schast, mürbe durch die Bettelei, bereits ein Fünfigpiasterstück hervorgeholt und feinem Treiber gegeben. Die drahtlose Telegraphie ist erstaunlich, mit deren Hilfe diese Rachricht allen Beduinen, die uns begleiten, im Augenblick »eitergegeben wird, obwohl wir in großen Abständen reiten. Verstecktes »Dank schön' setzt ein; die Antizipation, von der entsprechenden Geste begleitet, wirkt kindlich, einschmeichelnd, suggestiv. Und gibt man, so ist man nicht etwa befreit, sondern es wird einem Erstaunen, Unwillen gezeigt, ein höheres Geschenk gefordert. Abweisen hat keinen Zweck, prallt ab an dem ewigen zähnefletschenden Lächeln. Aber nun verstärkt sich der Anstumt. Ein Photograph tritt auf. Widerspruch gilt nicht, dazu ist es auch viel zu heiß. Und kleine Jungen in blaugestreiften Hemden tanzen einem vor der Rase herum, geben kleine gelbe Rippesfiguren, Alabaster-Sphinxen, verlangen schreiend ein Pfund, oder ein halbes, je nach dem Gesichtsausdruck des Fremdlings. Diese Heinen Sphinxe erinnern mich daran, daß ich vermutlich in die Rähe der berühmten Sphinx gelangt bin,
des Löwen mit dem Kopf des Königs Chefren. Richtig, da unten — in der Sandgrube ein gelbbrauner riesiger Kopf. Haubenflügel, auffallend dünne Lippen — und schon werde ich »eitergeriffen. Es geht zurück, den Hügel hinauf, dann zum Mena-Hause-Hotel hinab.
Das war also die Sphinx.
Ich gestehe, nachher einen Heinen Wutanfall gehabt zu haben. Man hat uns geprellt. Richt nur um Geld, das wäre zu ertragen, das ist Schicksal des Reisenden, — hier aber hat man uns das ganze Reiseziel einfach wegeskamotiert. Zu spät merken wir es. Aber wer brächte in dieser Sonnenglut die Energie auf. die ganze Prozedur — mit zweifelhaftem Erfolg — zu wiederholen.
Mit dem Bakschich-Wesen hat mich dann später ein Augenblick versöhnt. — Es »ar in El Arisch. Alle Schrecken der Hitze verhundertfacht auf diesem ausgedö raten Wüstenboden. Dattelpalmen verstauben, und das nennt man „Oase". Rechts und links die unendlichen Sandwellen, von grauen Grasbüscheln gefleckt. Englische Militärhäuser, eins wie das andere, Ziegelhäuser, wie aus derselben Form gegossen. Man begreift den Heroismus der Leute nicht, die in dieser Einöde dienen. Elend: Lehmhütten der Eingeborenen. Während wir halten, steht ein kleiner Bursch in gelbem Mantel und weißem Turban auf dem Perron, streckt das schwarze Händchen vor. ganz apathisch, und die Lippen flüstern leise „Baksis. Daksis". Vielleicht spricht man hier im Dialekt, vielleicht hat der Junge einen Sprachfehler; das Wort Hingt jedenfalls in dieser Aussprache wie neu. Man hat es zum Ueberdruß gehört. Plötzlich rührt es mich Der Knabe bettelt ja gar nich.. Riemand beachtet ihn. er sucht auch durch gar (ein Mitt l die Aufmerksamkeit auf sich zu len.en, ganz schläfrig und felbstve.gessen steht er im weißgelben Wüstenlicht da, streckt nur schwach die Hand aus, — der Zug ist einige Meter weit entfernt. Die Traumhastigkeit und Hoffnungs- lofigfeit dieser Geste ist ergreifen!). Das Ganze sieht aus, als sage der Knabe einen Gruß auf, als wiederhole er nur aus Höflichkeit, aus Pflichtgefühl, zur Begrüßung dieser unbegreiflichen Fremden, die auf andere Art nicht begrüßt sein wollen, nicht begrüßt fein können, als wiederhole er nur als Zeremonie fein leises eintöniges Gemurmel „Dapfis". Die Beduinen bei Gizeh sind auch nicht anders erzogen worden als zu dieser Art von Verkehr mit Europa. Es ist nicht ihre Schuld, daß man von den Pyramiden nichts sieht.


