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m. 105 Erstes Blaff

178. Jahrgang

mtttwod), 2. IHai 1928

Erschet«: täglt*. cu^er Sonntags anb Jsiertagfc Beilogen;

Dietzen er Familienblätter Heim al im Dill»

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monots-Beiegsprets: 2 Reichsmark anb 20 Reichspfennig ftr Träger» lohn, auch bet Richter» scheinen elnzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanjchlüsse:

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greiffori am Main liest.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Dnid mb Dtriog: Brühl'sche llstiveTsiMr-vuch. nnb Stdibnuferei 8. tanze in Gießen. Lchriftiettunz and Geschäftritele: 8ch»lftraße 7.

aeiobme von lajeiaei für bie Xage-inammer bis zum Nachmttxag oorh«.

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Theftedakteur

Dr. JrncJ'r. Dill» Lange. DerantroonUch für Politik Dr. Fr. Will) Lange, für Feuilleton Dr H.THyriot, für ben übrigen Teil Ernst Blumschein: für ben An­zeigenteil Kurt fiiDmann, sämtlich in (Bitten.

Gibt es ein Transferproblem?

Don unserer Derliner Redaktion.

Dei den Debatten über die Durchführbarkeit des Dawes-Plan- ist die Frage des Trans­fers in den Vordergrund der Betrachtungen getreten, man hat bisher, da man diese Frage als eine problematische aussaht. eine Klärung nicht hrrlriführen Bnncn, sondern will unberück­sichtigt von diesem Problem die Entwicklung ab­warten, ehe man an eine Revision des Dawes- Planes herangeht. Die Ansicht der Wiffen- schastler unter ihnen sind besonders der eng- liche Rattonalökonom Keynes und der schwe­dische Professor Lasse! zu nennen geht dahin, dah sich Transferierungen von Gemmen, wie fie im Dawe»-Plan vorgesehen find, nur durchführen lassen, wenn ihnen tatsächlich e i n Gegenwert in echten äleberschüssen aus dem Export des Landes, welches diese Zahlungen zu leisten hat, gegenübersteht. Run hat kürzlich ein ausgesprochener Prakttker. der frühere Leiter des BerrechnungswefenS der ReparationSkommiffion, A u l d, einen Dortrag über da- Problem der Reparattonen und der internattonalen Verschuldung gehalten, der nicht nur deshalb, weil fein Derfaffer bei der Repa- rattonSkommiffion tätig war. Beachtung verdient, sondern auch deshalb, weil dieser ausgesprochene Prakttker im Gegensatz zu der allgemein be­kannten wissenschaftlichen Anschauung eigene und neue Ideen zu dem Problem der ReparattonS- und auch speziell deS Transfer- bringt

Ruld geht bei feiner Argumentatton von der erheblichen internationalen Derfchul- dung der DorkriegSzeit aus und stellt dabei fest, was zweifellos richtig ist. daß man damal- von einem Transfer-Problem bzw. von dem Begriff des Transfer- überhaupt nie­mals gesprochen hat. Infolgedessen hat cs auch in der DorkriegSzeit niemals TranSfer- fchwierigkeiten gegeben, denn jeder leistungsfähige Schuldner hätte seine Schuld bezahlt, ohne dah ihm oder sonst jemandem daraus ein Schaden entstand. GS traten andieStelleder alten Kredite immer wieder neue Kredite, während die Gesamtsumme der AuSlandguthaben dabei niemals zurückging, so dah Transser- Schwierigkciten eben nicht entstehen formten. Auld behauptet tn diesem Zusammenhänge, dah inter­nationale Schulden unter normalen Deuhältnissen niemals durch Exportüberschüsse bezahlt worden seien. Internationale Schulden entständen lediglich barau«. dah die Schuldner­länder keine Ekporlüberschüfse haben. Rach Ver­lauf von vielen Jahren würden sie bei Fälligkeit durch die Schaffung einer frischen Schuld bezahlt. In diesem ZtzlluS von Kapi- tal-verteilung über die Welt sieht Auld einen natürlichen, gesunden und vorteilhaften Zustand für alle Tcik Damit ist Auld der Auffassung, dah die heule stattfindenden Schuldenzahlungen. die für Deutschland nur durch stete Auf­nahme von Krediten möglich lind, lange andauern könnten, wenn nur Kredite stet- wieder zur Verfügung stehen. Mithin gibt es nach feiner Auffassung weder ein Transfer-Pro­blem für den Schuldner- noch für den Gläubiger­staat. .

In einer Kritik zu diele- ^cde deS Herrn Auld weist nun Dr Gestrich . . > " .3 - u. H- Ztg." auf einen wefentlichen llr. tccf4>teb der internationalen Schuldenreglung von heute bei dem Vergleich mit der Vorkriegszeit hin. nämlich den. dah es sich in der Vorkriegszeit um rein wirtschaftliche Schulden, beute um poli­tische Zahlungen bandelt. In seinen Folge­rungen. die er an diese Tatsache knüpft, schlicht er sich der von Prof. Cassel besonders klar ver­tretenen Auffas'unq an. dah Transferierungen nur in dem Mähe auf die Dauer durchgettihrt werden können, als ihnen echte Werte in Gestalt von wirklichen Gkporttlberschüs'en gegen- überftebe ' Prof Calfel hat bekanntlich den DaweS'Plan auf Grund der Ergebnisse, die er bisher gezeitigt hat. besonder- scharf kritisiert, und zwar dahingehend, dah von einem Er­folg des Dawes-Planes nicht die Rede fein könne. Der DaweS-Plan selbst sieht vor. dah Reparationszahlungen nur au- echten Ueberschüls en geleistet werden sollen. Man kann sich, so safzinrerend die Korn- pensattonstheorie Aulds auf den ersten Blick fein mag. doch nicht der Tatfache verschließen dah da« durch Krieg und Inflation schwer leidende Deutschland bzw. Europa berartige Kapi- tatfummen nicht ohne weiteres an feine Gläu­biger übertragen kann, lediglich weil ihm immer toicber neue Kredite zur Verfügung ge­stellt werden. Diese Kredite werden zudem nur solange gegeben werden, als ihre Anlage für die Geber wirklich nutz- und ziUs - bringend ist. Ob aber auf die Dauer eine produktive Verwendung dieser Kredite möglich ist. erscheint fraglich.

Eine infereffonfe Nachwahl in England

London, 1. Mai. (XiL) Die ParlamentS- nachwabl hx Marylebone. bie durch die Er­hebung des bisherigen Generalstaatsanwalts. Sir Douglas Hogg. in den Peerstand notwendig wurde, endete mit dem Siege des konservativen Kandidaten Renell Rvdd. der 12 859 Stimmen auf sich vereinigte gegen 6721 bzw. 3318 Stim­men des Arbeiterpartcilers und Liberalen. Die konservative Mehrheit, die im Jahre 1924 noch 15 527 Stimmen betragen hatte, ist daw.il auf 6138 Stimmen zurückgegangen, was trotz einer Wahlbeteiligung von nur 43 Prozent für die Konservative Partei ein sehr unbesriedigen-

Beginn des Kolmarer Anionomistenpwzeffes.

Kalmar (Gtlfafo), 1. Mai (WTB.) Der Prozeh gegen 22 elsässische Äutonomiften, von denen gegen sieben, bie sich im Auslände befinben, in con­tumaciam verhanbelt wirb, hat heute vormittag vor bem Schwurgericht begonnen. Die zum Gericht füh- renben Sttaßen sinb mit Gendarmerie in Stahl­helmen unb Milttärposten besetzt. Die Staatsan­waltschaft hat 40 Zeugen geladen, bie Derteibi» gung 15. Bei ber Aufrufung der Entlastungszeugen wirb Reichsauhenminister Dr. Strefemann auf­gerufen, was unter dem zahlreich anroefenben Pu­blikum Rufe bes Erstaunens auslöst. Alsbann wirb bie Anklageschrift verlesen, bie 15 Schreib­maschinenseiten umfaßt. Die Verlesung geschah in französischer unb in deutscher Sprache. In der Ein­leitung heißt es:Die autonomistische Separatisten- bemegung, bie in Elsah-Lothringen bereits vor dem Waffenstillftanb von Deutschen unb beutsch franzö- sischen Elsäsiern geschaffen worben war, hat stets ein für bie nationale Einheit außer- orbentlldi gefährliches Ziel verfolgt, ba sich ihre beständigen Anstrengungen auf einen voll- kommenen Bruch zwischen Frankreich und den elfaß-lothringischen Provinzen richteten. Alsdann folgen bie den einzelnen Angeklagten zur Last ge­legten Taten, wie sie bereits früher gekennzeichnet worden sind.

Der Generalstaalsanwall erhebe gegen die 22 Angeschuibigten Anklage, feit 1920 auf dem nationalen Gebiet unb besonders in den drei Departements Oberelfafj, Unterelsaß unb Mosel f i d; untereinander verständigt unb beschlossen zu hoben, die Regierung zu beseitigen ober zu ändern, die Bürger ober Bewohner aufzureizen, sich gegen die Behörden zu bewaffnen, wobei das so geschmiedete Komplott bereits in die Tat umgeseht worden fei bzw. vorbereitende Handlungen vor­genommen worden waren.

Von selten ber Verteidigung wurde protestiert, daß die sogenannten Schutztruppen, die noch einem ilebersall am 22. August 1926, dessen Opfer Ricklin geworden war, gebildet worben waren, um den Vcrsammlungsschutz zu sichern, in ber Anklageschrift a l sSturmtrupp" bezeichnet werden, was dem Begriffe der Schutztruppen nicht entspreche. Außerdem haben die Anwälte der An­geklagten dagegen Einspruch erhoben, daß ifjncn nicht die gesetzlich zulässige Möglichkeit eingcraumt wirb, über ihre Verteidigung sich untereinander zu verständigen. Die Verteidigung verlas außerdem ein Schreiben ber beiden Abgeordneten Rosss und Ricklin, in bem diese gegen die Beschnei­dung ber Verkehrsmöglichkeit Der Angeschuldigten untereinander heftigen Protest erheben. General- staatsanwalt F a ch o t wendet sich gegen diesen An- trag und erklärt er wolle durch die Vorenthaltuckg ber freien Berk hrsmöglichkeit untereinander ver­meiden, daß bie Angeklagten weiter sich zum Zwecke ber von ihnen angeblich verfolgten Ziele nerftän- tilgten.

Zu Beginn ber Rachmittagssitzung wurde der von der Verteidigung gestellte Antrag auf Bewilli- gung der Vergünstigungen für poli­tische Gefangene für die drei in Untersuchung befindlichen Beschuldigten, die diese Rechte noch nicht genießen, abgelehnt. Ebenso ber von ber Verteidigung gestellte 'Antrag auf freien verkehr ber Angeschuibigten unlcreinanber zwecks Vorbereitung ihrer Verteibigung.

Alsdann begann das verhör des angeschuldig­ten Abgeordneten Ricklin, der vor allem seine spezifisch elsässische Gesinnung hervorhebt.

In deutschen Kreisen habe man ihn als Quer­kopf bezeichnet. Er betonte, daß er aus bem Pro- zeß rehabilitiert heroorgehen wolle. Vor dem Kriege habe er bie übermäßige Verdeutschung Elsaß.Lothringens bekämpft, während man ihn jetzt von französischer Seite als Agenten der Ger- manisierung hinstelle Er habe für einen elsässischen Autonomismus stets gearbeitet Der

Vorsitzende stellte u. a. an Ricklin die Frage, ob es richtig sei, daß er zur Zeil ber Kriegserklärung an ben Vorsitzenden des Reichstages gcichneden habe, er bedauere, daß er nicht mehr im Reichstag sitze, um für die Striegstrebite stimmen zu können. Rick- lln erklärte Darauf, bah eine Nichtannahme der Kriegskredite durch diesen oder jenen Abgeordneten gar nichts hatte verhindern können. Nickün zitierte schließlich eine Aeuherung des Regierungspräsiden­ten von Kolmar, o. P u 11 f a m e r, der erklärt habe:Ricklin ist auch so einer, für den es höchste Zeit war, daß er sich in bie beutsche Uni­form geflüchtet hat Wir werben ihm ober schon bie Uniform ausziehen." Nach einer kleinen bedeutungslosen Auseinandersetzung zwischen bem Vorsitzenden unb bem Verteidiger wurde die Ver­handlung auf morgen vormittag vertagt.

Rostes und Ricktins Dank aus dem Gefängnis.

Colmar, 1. Mai. (WTB.) Der .Elsässische Kurier" veröffentlicht folgendes Schreiben der beiden neugewählten Abgeordneten Rossö und Ricklin auS dem Gefängnis in Colmar vom 30. April datiert, da- heute Im Autonomisten- prozeß verlesen wird.

.Willkürlich in Haft gehalten im Gefängnis von Colmar, nach einer skandalösen Untersuchung am Vorabend der Schwurgerichtsverhandlung, dem Regime des strengsten politi­schen Geheimnisses unterworfen, ohne eine Möglichkeit, mit jemandem verkehren zu können, jeder äußeren Stühe beraubt, sind wir, nachdem wir in Straßburg durch den Regie­rungschef selbst schmachvoll beleidigt und

Don unserer Derliner Redaktion.

Witten in den Wahlkampf hinein platzt d t e preußische Regierung mit der Mittei­lung. daß sie daS Minderheitenrecht, zunächst zugunsten der Polen, neu zu regeln gedenkt und den Polen in Preußen auf dem Gebiete des Schulwesens erhebliche Zugeständnisse machen will aus der Grundlage des freien Be­stimmungsrechtes, in der Form, daß private MinSerheitsschulen auS ^sentlichen Mitteln unterstützt werden sollen, auch durch die Stellung geeigneter Lehrkräfte. Preußen beruft sich dabei auf eine ähnliche Regelung, die jetzt bereits in RordfchleSwig zugunsten der Dänen be­steht unb mit der angeblich gute Erfahrungen gemacht fein fallen: was freilich von den Rächst- cteiligten Deutschen selbst stark bestritten wird Die ganze Art aber, wie Preußen diesen Schritt bekannt macht und begründet, gibt doch zu leb­haften Einwendungen Anlaß. Wir sind uns wohl alle darüber einig, daß die Minderheiten in ®eutf<blanb heute weitgehende Berück­sichtigung ihrer kulturellen Wünsche verlan­gen können: einmal deshalb, weil sie zahlen­mäßig im Reichsgebiet so gering sind, daß im großen gesehen eine Gefährdung des Staates nicht zu befürchten steht, dann aber auS dem noch sehr viel wichttgeren Grunde, well durch den unglücklichen Versailler Vertrag Mil­lionen von Deutschen Zwangsbürger anderer Staaten geworden sind und um die Anerkennung ihrer weiteren ugehörigkeit zum deutschen Kulturkreis einen erbitterten Kampf führen. Je grvß-ügigcr Deutschland selbst allo sich feinen Minderheiten gegenüber stellt,

desto stärker wird unter Anspruch, daß bie beutschen Minderheiten in anderen Län­dern mit bem gleichen Maßstab gemessen werben. Wir müssen eine Politik treiben, die auf eine internationale Regelung bes MinberheitSfchutzes hi au-läuft. In

jüngst noch durch den Präfekten deS OberrheuxS als Kanaille behandelt worden find im Kot hcrumgezogen durch eine vom Haß geblendete ultrachauvinistische Presse, ohne daß wir un« mit irgendwelchen Mitteln verteidigen konnten, durch bie elsässische Bevölkerung Im ersten Wahlgang an bie Spitze der Kandi­daten gebracht worden." Rach einer An­spielung auf die Wahlen im zweiten Wahlgang schließt da» Schreiben: .Allein gegen alle hinter den Mauern bes GefängnifseS haben wir doch gesiegt. DaS elsässische Volk hat da- Urteil gefällt. Wir danken ihm dafür."

Fälschungen als Dahlmache.

Solmar. 1. Mai. (WB.) Der ..Slsäfsifche Kurier" de» Abbö Haegy berichtet, daß in der Rächt vom SamStag auf Sonntag, also vor dem zweiten Wahltag, Gegner deS Dr. Ricklin in Automobilen ein von ihnen her- gestellte« Plakat in rot-weiß.lchwar,en Farben anschlagen wollten, das einen ebenfalls gefälschten Aufruf RicklinS trug, in dem eS hieß:Was deutsch war. muß deutsch bleiben! Parole unseres Präsidenten von Hin­denburg! In wenigen Jahren werden un- uncrc deutschen Brüder befreien! Dr. Ricklin." Don dieser Wahlmache hätten die Wahlagenten Kennt­nis erhalten unb auf biese Automobile mit ben falschen Plakaten Jagd gemacht. Sie hätten vier Männer ertappt unb nach einem Hanbgemenge überwältigt. Die vier Männer hätten gestanden, daß sie eine Rieber - trächtigkeii begangen hätten. Ihre Auftraggeber hätten fie nicht bezeichnen wollen.

Oberschlesien ist da» vertraglich durch den Minderheitsschuh geschehen. Wir erleben ja aber tagtäglich Beispiele, wie die Polen diese Be­stimmungen zu umgehen wissen, unb deshalb kann e» zum mindesten zweifelhaft erfchemen, ob eS zweckmäßig ist, gerade den Polen gegen­über jetzt eine große Geste zu machen, zumal von einem einzelnen Lande au«. Der Schuh d^S Minderheitenrechtes soll und muß Reichs- fache bleiben. DaS Reich hat sich mit bi?fen Fragen auch eingehend beschästtgt. Praktisch ist zwar richtig, dah das Minderhei tenprob em. wenn man von den Wenden In Sachsen absiebt, die eigentlich nur in ber Theorie eine Rolle spielen, sich auf Preußen konzentriert, aber da« Reich muß boch feberführend sein und darf sich nicht von einer Länderregierung aus schalten lassen. Schon wegen der internationalen Rückwirkungen. Wir nehmen deshalb auch an. daß eS Preu'ren nur um die Ankündigung zu tun war, dah dagegen die Durchführung ganz von selbst vom Reich übernommen werden wird, wobei e« vor allem gilt, die Erfahrungen zu berücksich- ttgen. die tn RordfchleSwig gemacht wurden. Wenn auch die Polen auf deutschem Boden ihrer Stärke nach unbedeutend sind, ergibt sich aus der Gestaltung unserer Grenze, daß wir bei der Regelung der Minderheitenfrage auf Ostpreu - hen besonders Rücksicht nehmen müssen, uni zu verhindern, dah hier unter dem Minderheiten­schutz vielleicht noch mit staatlicher Unterstützung eine polnische I rreden ta aufgezo­gen wird, die den Graben zwischen dem Reich und der Insel Ostpreußen erweitert. Rur aus diesem Grunde ist es notwendig, dah alle Mög­lichkeiten. die sich auS der Sicherstellung t>er Minderheiten ergeben können, peinlichst durch- geprüst werden. Mit dicser Einschränkung nut ist Der Gedanke einer kulturellen Autonomie für uns überhaupt tragbar.

Eine Minderheilenverordnung in Preußen

deS Ergebnis darstellt. Mit Sir Renell Rodd, der 40 Jahre im britischen diplomatischen Dienst tätig war. und Großbritannien lange Jahre in Rom als Botscha ter vertrat, zicch: einer der wenigen Vertreter der Diplomatie hx daS Hinterhaus ein.

Zn Mainzer Gefängnissen.

Erlebnisse des Pfadfinders Kreutz.

Berlin. 1. Mai. (XU.) Aus dem Rhein» land wird ber Telegraphen-Union ge­schrieben: .Der Pfabnitbersührer Kreutz auS Prüm (Eifel>. der jüngst von dem französi- fchen Kriegsgericht in Mainz zu einer IStägigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, weil er die Sicherheit der Defatzungstruppen gefährdet hatte, mußte diese Strafe im hessi­schen Landgerichtsgefängnis in Mainz verbüßen. Wir geben im folgen­den seine eigene Schilderung wieder: .Alsbald nach der Einlieferung in das vcllstäxxbig unter deutscher Verwaltung stehende Gefängnis mußte ich Gefangenenkleidung anlegen und kam in die Verbrecher ab teilung. Zwar wurde mir auf meinen Einspruch gestattet, meine eigene Kleidung wieder zu tragen, boch die Art der Gefängnisarbeiten, zu denen ich zusammen mit den Verbrechern herangezogen wurde, zwang mich, zur Schonung meiner Kleidung auf den Sefängnisanzug zurück­

zugreifen. Man beschränkte mich in der ersten Woche lediglich auf die G e f ä n g n i s k o st. Das Rote Kreuz war durch meine Derteidlger gebeten worden, für meine Verpflegung Sorge zu tragen. ES hat sich während der ganzen Zeit überhaupt nicht um mich gekümmert. Meine Briefe wurden zensiert. Meine Be­schwerden über die entwürdigende Gefangenen­arbeit wurden vom Anstaltsleiter. Herrn Mohr, unter Drohungen abgewief en." Kreutz berich­tet. daß unter den gleichen Verhältnissen noch etwa 15 weitere, von den Franzosen verurteilte Deutsche sich im gleichen Ge­fängnis befinden, die zum Teil wegen angeb­licher Spionagehandlungen verurteilt sind, von denen sie selbst nichts toiHen, und bie mangels eigener Wittel auf die unzulängliche und uner- trägliche Gefängniskost angewiesen find und die gleiche unwürdige Behandlung wie Kreutz noch auf längere Zeit hinaus zu tragen haben." Die Verantwortung für die Richtigkeit dieses Berichts, den wir daraufhin nicht nachprüfen können, müssen wir der Telegraphenunion über­lassen.

Römische Hoffnungen.

Rom, 1. Mai. (WB.) Die Morgenblätter äußern ihre Freude über bie Niederlage bes fran­zösischen Linkskartells. Eie vertreten bie Auffassung, baß bie nationale Regierung sich in Frankreich bilden könne.Popolo bi Roma*

glaubt, baß bie bisherige Politik Dr i a n b s gegen­über Deutschland nicht fortgesetzt werden würde, so daß Deutschland sich wiederum mehr Italien nähern werde- es sei aber auch zu hoffen, daß die neue französische Regierung sich weniger schroff gegenüber Italien oer- halten werde, wie das bisherige Kartell.

Katholizismus und Weltkirchenbewegung. Heidelberg. 30. April. (XU.) Die deutsche Abordnung des Lausanner Weltkirchen- kongresseS. die im Anschluß an die Tagung des Weltbundes für internationale Freundschafts- arbeit der Kirchen in Heidelberg zusammen­trat. hat zu der jüngsten päpstlichen En­zyklika eingehend Stellung genommen. Die Un w ers ttätsprof e ss oren Dr. Wobbermin- Göttingen unb Dr. Hermelink-Marburg gaben wichtige Aufschlüsse übet bie Entstehungs­geschichte des päpstlichen Erlasses gegen bie Cini- gungsbewegung. wie sie von ben evangelischen Kirchen ber ganzen Welt seit Jahren angebahnt ist. Es besteht kein Zweifel, baß ber katholische Erzbischof von Westminster» btefen Er­laß gegen den Weltprotestantismus veranlaßt habe. Der gegenwärtige Kirchenstreit in England fei offenbar als besonders günstiger Zeitpunkt für diesen Erlaß angesehen toorben. Auf Grund ber Angriffe des Papstes gegen bie