50 Wrfeier des Me-Schul-Vereins.
Ein bLdeutsamer und von weiten Bevölterungs- schichtsn mit 'Recht hochgeschätzter Bildungsfaktor für die schulentlassene weibliche 3ugeick>, der Alice-Schul-Derein in (Ziehen, beging am Freitag und Samstag in schlichter und eindrucksvoller Weise die Feier seines 5 0 jäh - rigen Bestehens. Wie stark die Wurzeln dieses Vereins in der Bevölkerung Oberhessens sind, bezeugte einerseits der sehr starke Besuch der Iubiläumsveranstaltungen, ging anderseits aber auch klar aus den Worten hervor, mit denen bei dem Festakt am Samstag über die Arbeit des Vereins berichtet und diese von berufenen Sprechern gewürdigt wurde. Hierbei konnte man ein Doppeltes feststellen: einerseits den freudigen Willen, für die Ausbildung unserer werblichen Jugend in allen Zweigen weiblicher Tätigkeit für Haus und Beruf mit Eifer und Gründlichkeit zu sorgen, andererseits die warmherzigen Sympathien, mit denen die staatlichen und städtischen Behörden die lobenswerten Bestrebungen dieses gemeinnützigen Vereins begleiten.
Oer Auftakt der Jubiläumsfeier
brachte am Freitag einen T e e a b e n d mit Sachvarführungen aus den Arbeitsgebieten der Sch u l e. Helle Kleider, Blumen und viel frische Jugend gaben dem Bild im Saale des Gesellschaftsvereins ein festliches Gepräge. Ein Chor frischer Jungmädchenstimmen, von Lehrer Linden st ruth feinsinnig geleitet, begann die Reihe der abwechslungsreichen Darbietungen. Dann begrüßte der erste Vorsitzende des Vereins, Stadtschulrat Prof. Dr. Alles (Gießen), die große und frohgeftimmte Festgemeinde. Run trat Gießens jüngste Jugend, von Fröblerinnen geleitet, an und bereitete eine Kindermusik, der Spiele des Kindergartens folgten. Herzige Kinderlust erfüllte den Saal und machte die Herzen der Aelteren warm. Weitere Vorführungen zeigten, wie die Fröblerin angelernt wird, den Kleinen Nahrung, Kleidung und Spielwerk zu bereiten. Dann kamen die Schü lerinnen des Hauswirtschaftslehrerinnen - S e m i n a rs in selbstgefertigten Kleidern an. Die praktische Arbeitsaufgabe ihrer Ausbildung wurde kurz erläutert; Proben der Tätigkeit trugen junge Hände stolz durch den Saal. Das Hand- arbeitslehrerinen - Seminar führte sodann selbstgefertigte Kinder- und Erwachsenen-Klei- dung vor und zeigte, in wie verschiedener Form die gleiche Aufgabe gelöst werden kann. In bunter Reihe zogen nun die Vertreterinnen der verschiedenen Schulkurse auf. Die Haushaltsschülerinnen brachten auf Tellern und in Schüsseln, in Körben und an Stangen die Früchte ihrer vielseitigen Ergebnisse heran, wie weiland die Früchte des gelobten Landes. Dann flatterte Gewaschenes u^b Gebügeltes, in Sauberkeit und Frische strahlend, in den Saal: der S o n d c r k u r s u s für diese Fertigkeiten zeigte sein Können. Was Kind und Frau heute an Wäschegegenstönden trogen, wurde den ständig stark interessierten Gästen von dem W e i ß- n ä h k u r s u s gezeigt. Luftig wogte der Schlaf-An zug mit dem Stilkleidunterrock im Tänzchen. Lichte Decken und feine Stickereien hatte der S t i ck k u r - f u 5 zu zeigen. Eine kleine Kleiderschau zeigte, was 15- bis 19iährige Mädchen im Schneiderunterricht zuwege gebracht hatten. Damit schloß die Reihe der vielseitigen und sehr interesianten Vorführungen. Frische und von ernstem Streben erfüllte Zusammenarbeit von Lehrerinnen und Schülerinnen, die den praktischen Forderungen des Lebens neuzeilitch gerecht zu werden versteht, ist der schöne Geist, der hier aus den Arbeitsproben prüch- tig heroorleuchtete. Eine sehr schöne A n s st c l - lung von Schülerinnen arbeiten, die verdientermaßen rege in Augenschein genommen wurde und die von wunderbarer Vielseitigkeit war, gab ein' weiteres eindrucksvolles Bild von der segensreichen Tätigkeit der Alice-Schule. Die Lehrerinnen und Lehrer, vom ersten bis zum jüngsten Glied des Lehrkörpers, machen sich in diesem Institut um unsere Heranwachsende weibliche Jugend hochverdient, ihnen gebührt die volle Anerkennung nicht nur der Schülerinnen, sondern auch der Elternschaft und darüber hinaus der Allgemeinheit. Was hier in täglichem Mühen geleistet wird, ist im besten Sinne des Wortes Aufbauarbeit an unserem ■MiiriTTT-BHiniTi'min— ~i tit 1 rwi—— ti
Volkslörper, ist gute Weabereituna für die Volksgesundheit in Stadt und Land, in der Familie und in der Gemeinschaft.
Oer Festakt
am Samstag in den Mittagstunden im Saale des Gescllschajtsvereins bildete den Höhepunkt der Halbjahrsundertfeier. Eine große Festgemeinde füllte wiederum, wie am Dachmittag vorher, den Saab und die Galerien. Als Vertreter der Regierung waren Ministerialdirektor Urstadt und Oberschulrat Jung vom Kultusministerium erschienen, die Landes-Universität war durch Se. Magnifizenz den Rektor Prof. Dr. Herzog vertreten, die Provinz Oberhessen und den Kreis Gießen vertrat Oberregierungsrat Dr. Heß, als Vertreter der Stadtverwaltung war Bürgermeister Dr. Seid zugegen, außerdem von den Schulbehörden Kreisschulrat Fischer, Oberstu- diendircktor Dr. Kalbfleisch, die Rektoren Kneip und Reul (Gießen) und zahlreiche weitere Ehrengäste.
Dachbein der Chor der gegenwärtigen Schülerinnen der Schule unter der vortrefflichen Leitung des Gesanglehrers L i n d e n st r n th Franz Schuberts wundervolle Psalm-Komposition «Der Herr ist mein Hirte" in feiner Weise zu Gehör gebracht hatte, begrüßte her erste Vorsitzende des Alice-Schul-Vereins, Stadtschulrat Prof. Dr. Alles, die Ehrengäste und die Fest Versammlung, wobei er mit gutem Grund betonte, daß der Verein seine 50-Jahr-Feier mit dem Hochgefühl frohen Stolzes begehen könne, weil die Gedanken und Ueberzeugungen, die zur Gründung der Schule führten, Gemeingut geworden seien. Die Zahl der Mädchen, die in die Dil- dungsstätten des Vereins alljährlich ausgenommen werden möchten, fei weit größer, als wegen der Raumverhältnisse angenommen werden könne. Das Rekrutierungsgebiet der Anstalt sei über die Grenzen unserer Stadt und der Provinz Oöer- hessen weit hinausgewachsen. Der Lehrkörper und der Vorstaird seien weit davon entfernt, das Verdienst an dieser Entwicklung nur sich und ihrer Arbeit zuzuschreiben; aber das dürfe gesagt werden, sie hatten sich bisher stets vom besten Willen leiten lassen, dem unter der veränderten allgemeinen Lage gesteigerten Bedürfnis nach hauswirtschastlicher und beruflicher Ausbildung der jungen Mädchen gerecht zu werden.
Ministerialdirettor Urstadt überbrachte die herzlichen Glückwünsche des Ministeriums für Kultus- und Bildungswesen, sowie des Staatspräsidenten Adelung, denen er als alter Gießener auch seine perftznlichen herzlichen Glückwünsche für das Institut anschloß. Der Redner würdigte sodann den großen Segen der Arbeit der Alice-Schule für die einzelnen, die Familien, die Gesellschaft und bas Allgemeinwohl in Hessen und weit darüber hinaus. Dieser Segen der Arbeit liege nicht nur in der Ausbildung 'der technischen Fähigkeiten der Schülerinnen, sondern vor allem auch in der guten Vorbereitrrng der Mädchen auf ihren späteren Beruf als Hausfrau und in der Erzielung für diese Aufgaben, ferner für die Gemüts- und Willensbildung, für das Benehmen und Auftreten daheim und in der Öffentlichkeit. Mit warmen Worten der Anerkennung gedachte der Redner weiterhin der reichen Fülle von Arbeit und der tiefen Pflichttreue, die die Mitglieder des Lehrkörpers in den fünf Jahrzehnten den jungen Menschenkindern zugute kommen ließen, ferner würdigte er m herzlichen Dankesworten die Mühen und Sorgen der Damen und Herren an der Spitze des Alice- Vereins. Don besonderer Wichtigkeit fei dabei die Tatsache, daß diese Erfolge des Dercinsvor- standes nicht durch besoldete Beamte, sondern durch ehrenamtliche Selbstverwaltung erreicht wurden. Gerade diese ehrenamtliche Qfrbeit habe ganz Vortreffliches geleistet. Der Redner wünschte der Schule, daß sie auch weiterhin das Glück haben möge, immer ein so ausgezeichnetes Lehrerkollegium und einen so vortrefflichen Vorstand an ihrer Spitze zu haben. Dann werde der Gegen ebenso groß fein, wie bisher.
Oberregierungsrat Dr. Heß überbrachte die Glückwünsche der Provinzialdirektivn Oberhessen und des Kreises Gießen, und betonte, die Schule
und ihre Leistungen sprächen für sich selbst, so daß sich eigentlich jedes Wort des Lobes erübrige. Der Verein habe seine hohe Pflicht und Schuldigkeit voll und ganz erfüllt und ein unendlich wichtiges Stück Arbeit durch die Ausbildung der jungen Mädchen für die Familie, die Keimzelle des Gemeinwesens, und für die Voltsgesamtheit geleistet. Ein herzliches ..Glückauf" der Provinz Oberhessen und des Kreises Gießen begleite auch weiterhin die Schule.
3m Rainen der Stadt Gießen sprach Bürgermeister Dr. S e i b dem Verein und seiner Schule die herzlichen Glückwünsche der Stadt aus. Verein und Schule hätten in den fünf Jahrzehnten wertvolle Pionierarbeit für das Gemeinwohl geleistet, dadurch, daß sie die jungen Mädchen in gründlicher Weise auf ihren Hauptberuf als Hausfrau und Mutter vorbereiteten. Das sei ein hohes Verdienst, das allgemeine Anerkennung und wärmsten Dank verdiene. Der Verein möge seine Arbeit auf den bisher bewährten Bahnen fortsetzen, bis später einmal der Staat, dem eigentlich auch diese Seite der 3ugendausbildung obliege, das Werk des Vereins fortführe. Besonderen Dank der Stadt Gießen sprach der Redner noch den beiden Vorsitzenden des Vereins, Stadtschulrat Professor Dr. Alles und Frau Professor Dr. Kramer für ihre zielbewußte und selbstlose Arbeit im Allgemeininteresse aus. Beiden Vorsitzenden wünschte er, daß sie noch lange mit ihrer bewährten Kraft an der Spitze des Vereins stehen möchten.
Oberstudiendivektor Dr. Kalbfleisch beglückwünschte den Verein und die Schule im Damen der Studienanstalt und unterstrich dabei die enge Verbundeicheit, die zwischen den beiden 3nstituten seit Jahren besteht, die gewissermaßen eine Einheit darstellen. Rektor Kneipp übermittelte die herzlichsten Glückwünsche der Stadt- Mädchenschule und würdigte auch seinerseits in treffenden Worten den Wert der Alice-Schule für die Weiterbildung der aus der Volksschule kommenden Iungmädchen. Beide Redner wünschten der Schule ein weiteres Blühen, Wachsen und Gedeihen.
Nunmehr ergriff der Vereinsoorsitzende, Stadtschulrat Professor Dr. Al l e s, das Wort zu seiner Festrede, in der er nach einer seingestimmten und dankerfüllten Würdigung der Gründerin und Patin des Vereins und der Schule in den verflossenen fünf Jahrzehnten gab und damit einen Ausblick in die Zukunft verknüpfte. Wir werden auf die Schilderung dieser interessanten Vereinsgeschichte noch zurück- kommen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr auch die weitere Oeffentlichkeit, daß Frau Landrichter E r d - mann und Frau Geheimrat Gebhardt zu Ehrenmitgliedern, Geheimrat Prof. Dr. Fromme zum Ehrenvorsitzenden in dankbarer Würdigung ihrer großen Verdienste um den Verein ernannt wurden.
Oer Ausklang des Festtages.
Bei der anschließenden Festtafel feierte Oberschulrat Jung namens der Staatsregierung und in Vertretung des Ministerialdirektors U r st a d t noch einmal in beredten Worten die hohe Bedeutung der Mädchenbildungsarbeit in der Alice- Schule und das hervorragende Wirken des Der- einsvorsitzenden Prof. Dr. Alles. Anschließend wies ^3rof. Dr. Alles ganz besonders auf die unermüdliche und höchst verdienstvolle Tätigkeit der zweiten Vorsitzenden, Frau Pros. Dr. Kramer, und auf das Wirken des früheren Vorsitzenden, Geheimrat Prof. Dr. Fromme, hin, denen er herzlich dankte. Frau Prof. Dr. Kramer sprach mit warmen Worten der Anerkw- nung von der wertvollen Mitarbeit der Frau Geheimrat Gebhardt und der Frau Geheimrat S t ö r i k v. Kreisschulrat Fischer pries zum Schlüsse der Tafel in einer launigen Ansprache den Wert der guten Haushalts- und Kochausbildung der künftigen Hausfrauen, abschließend sprach eine frühere Schülerin der Anstalt dem Lehrerkollegium und dem Vorstände herzlichsten Dank für die Segnungen der Anstalt aus.
Den Ausllang des Tages bildete ein frvhge- stimmtes geselliges Beisammensein auf der ßic» bigshöhe.
Daten für Dienstag, den 2. Oktober.
Sonnenaufgang 6.02 Uhr, Sonnenuntergang 17.36 Uhr, — Mondaufgang 19.06 Uhr, Monduntergang 9.40 Uhr.
Das Rätsel Grönland.
Von Dr. Kjulneß.
Die Vision von Eis und Schnee, die fast jeder Leser mit dem Begriff Grönland verbinden wird, steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu «Gent altnordischen Damen, der ganz zweifellos „grünes Land" bedeutet. Auch kann man sich das spärlich bevölkerte Land pelzbewafsneter Eskimos nicht gut als europäische Kolonie vorstel- len und doch ist. es sicher, daß schon vor tausend Jahren die Äormannen dort eine große Sie- delung angelegt haben, deren Geschichte durch Forschungen und Ausgrabungen heute ziemlich, klargestellt ist.
Danach soll schon im Jahre 920 der Dormanne Gunbjörn Grönland entdeckt haben und im Jahre 985 habe Erich der Rote mit der Besiedelung begonnen. Die meisten Siedler wählten ihre Wohnsitze in den geschützten Meeresbuchten der Fjorde, nur Herjolf Baardson blieb an der offenen See. Dach ihm wurde her Oie- delungskvmplex Herolfsnes genannt, an welchem । die Dänen in den letzten Fahren erfolgreiche Ausgrabungen gemacht haben. Die Grönländi- sche Kolonie blühte jahrhundertelang und muh i einen ziemlich großen Umfang angenommen haben. Es wurden Städte gebaut, ein Bischofssitz entstand und — Getreideanbau ist ganz sicher nachgewiesen. 3m 3ahre 1261 tarn der bis dahin selbständige Freistaat unter norwegische Herrschast und es entwickelte sich ein reger Handelsverkehr zwischen Grönland und vor allem der norwegischen Hafenstadt Bergen.
3m 14. Jahrhundert wurde Bergen, wie das übrige Europa, von der Pest heimgesucht und etwa um 1410 jeder Verkehr mit der Kolonie jenseits des Atlantik abgebrochen. Die Kunde von bim fernen Land geriet in 'Vergessenheit. Als im 3ahre 1576 der Engländer Frobish er und 1585 John Dav is als erste wieder die Küsten von Grönland erreichten waren die Dormannen dort ausgestorben und das Klima war rauh, Getreide wuchs nicht mehr, die festen Plätze, die Städte, waren verfallen, und an Stelle der alten Wikinger hausten ESIimos in Zelten. — Die Eskimos haben keine Schriftsprache, nur Überlieferungen, nach bei sie die Dormannen in blutigen Schlachten besiegt und ausgerottet hätten. — Wie unwahrscheinlich,
wenn man das kraftvolle, hochgewachfene nordische Erobeieivolk mit den kleingewachsenen Eskimos vergleicht? — Hier nun beginnt das Rätsel Grönland.
Cs gibt verschiedene Theorien: Eine davon nimmt an, daß die Dormannen, nachdem die Verbindung mit der Heimat abgebrochen war, gezwungen gewesen seien, die Verbindung mit den Esllmos zu suchen, und daß sie bann durch Vermischung als Rasse untergegangen seien. Eine andere nimmt an, daß Degeneration und Seuche sie dezimiert und vernichtet habe. — Die Lösung des Rätsels liegt aber wohl in der Annahme einer Klimaveränderung.
Es ist nicht einzusehen, weshalb die grönländischen Wikinger nicht imstande gewesen sein wollten, von dort aus die Schiffsverbindung mit dem Mutterlands wieder auszunehmon. 'Das größte Problem aber ist überhaupt die Frage, wie es denn so relativ kleinen Schiffen, wie den Wilingerschiffen möglich gewesen ist, die weite Reise über den Ozean zu machen, nicht einmal oder gelegentlich, sondern doch offenbar ganz regelmäßig und in großen Mengen. Die Gefahr der Eisberge, die häufigen heftigen Stürme, die Wetterverhältnisse über dem iibrb- lichen Atlantik, wie tob: sie heute kennen, scheinen eine Seefahrt mit kleinen Schiffen fast unwahrscheinlich zu machen. Ungelöst ist auch Die Frage, wie auf Grönland Ackerbau möglich war. Damhafte norwegische Historiker und Meteorologen nehmen an, daß — vielleicht durch Verlagerung des Golfstroms — gerade in den zwei Jahrhunderten, in denen die Verbindung mit Grönland unterbrochen ttyzr. eine Verschiebung des Klimas stattgesunden habe. Man müsse sich das ursprüngliche Klima in jenen Breiten als sehr gemäßigt vorstellen. Das Dordmeer müsse zu jeder Zeit eisfrei gewesen sein, und Grönland könne man sich wirklich als „grüneL Land" mit allen Vorbedingungen für den Anbau von Kulturpflanzen vorstellen.
Eine ungeheure Daturkatastrophe von gewaltigem Ausmaß, verteilt vielleicht auf viele Jahrzehnte, mag es gewesen fein, die allmählich das Klima unb damit die Lebensbedingungen her vr>rblänbischen Kolonisten änderte, Kran.hüt und Seuche mag die Folge gewesen fein unb den CReft. die völlige Vertilgung, hoben dann die Cstimos besorgt. — Jedenfalls Hot diese Theorie die größte Wahrscheinlichkeit für sich, und viel
leicht gelingt es auf diesem Wege, das Rätsel Grönland doch noch ganz zu lösen.
Friedrich-Haase-Anekdsten.
Friedrich Haase, der berühmte Darsteller, erzählt in seinen Erinnerungen: 3m Schloß zu Gotha wurde eine Liebhaber-Aufführung von (5er ibed «Glas Wasser" vorbereitet, in welcher Herzog Ernst II. selbst den Boliiigbroke spielen sollte und die übrigen Rollen mit Damen unb Herren des Hofes beseht waren. Haase, Leiter der Hvfbühnc, führte die Regie, und es war ihm zur Pflicht gemacht worden, besonders auf das Spiel des Herzogs zu achten. Alles ging in Ordnung, und das Stück wuchs von Probe zu Probe heran. An der Darstellung des Herzogs fand Haase nichts mehr zu tadeln, biS auf den einen Punkt, daß der Herzog bewegungsmäßig weder mit dem Hut noch mit dem langen Stock fertig wurde. Anstatt den Hut nach der graziösen Mode der Zeit Bolingbrokes leicht mit dem Un- terarm an den Leib zu drücken, zwängte er ihn fest unter die Achsel, und der Spielleiter mußte immer wieder erinnern. Schließlich riß dem Herzog die Geduld, und er rief unmutig: „Schwere- breit noch einei 3ch kann doch nicht anders!" Ein Wort bringt das andere. Haase vergißt vollkommen die höfische Haltung und Rücksicht und erklärt schließlich zornig: „Wer ich bitte, so benimmt sich doch rein vornehmer Mensch." Anfängliches Erstarr i der Anwesenden. Der Herzog nahm jedoch den Ausdruck nicht übel. Die Auf- führun'g kam trotz des Zwischenfalles zustande und hatte Erfolg.
Am Abend nach der Aufführung bei einem Souper im Schlosse fragte der Herzog Haase plötzlich: „Haase, wenn ich Schauspieler wäre, welche Gage, denken Sie, würde ich bekommen?" Haase druckst und druckst, und es bedarf wiederholter Aufforderung, bis er zur Antwort ansetzi: „Hoheit, ich denke..." — „Dun, was denken Sie?" — „3ch denke: achthundert Taler, bei einer mittleren Bühne." Alles lacht; der Herzog aber Meint zufrieden: „Da also, da kann ich ja nicht kaputt gehen." —
Recht vergnüglich ist jene andere Geschichte, wie Haase nach Frankfurt a. M. engagiert wurde:
1839: der Maler Hans Thoma in Demou im Schwarzwald geboren; — 1847: Reichspräsident Paul von Hindenburg in Posen geboren; — 1865: der Afrikareifende Karl Klaus Freiherr v. d. Decken bei Bcrdera (Ostafrika) ermordet; — 1869: der indische Nationalist Mohandas Karar chand Ghandi in Porbandar geboren; — 1920: der Komponist Max Bruch in Berlin gestorben; — 1921: der frühere König Wilhelm II. von Württemberg in Bebcnhousen gestorben.
Oberheffen.
La dkreis Gießen.
7. Rödgen, 30. Sept. Die Kartoffeln erbrachten hier eine gute Mittelernte. Die Knollen find durchweg gesund. Dir Obsternte ist auch fast beendet. Aepfel gab es wenig. Die Birnbäume tragen etwas reichlicher. Zwetschen wurden in Großen-Bufeck verladen. Trotz der langen Trocknheit stellen die Gartenerzeugnisse zufrieden. Lauch und Sellerie haben schöne Knollen, die Schwarzwurzeln sind kräftig entwickelt, Karotten geben schöne Erträge itnb unter dem Gemüse ist wenigstens Wirsing geraten.
s. A u s dem B u s e ck e r Tal. 30. Sept. Mit der zu Ende gehenden Woche dürften die meisten Landwirte unserer Gegend mit dem Kartoffel- aus machen fertig geworden sein, da das Wetter anhaltend günstig war. Der 6 r t r a g J ft sehr zufrieden st eilend. Aecker mit binbigein Boden, der sonstjahrs leicht die Knollen faulen läß^. brachten auch gute Ernten. Ganz besonders zeichnen sich Odenwälder Blaue aus, aber auch Vater Rhein, die noch vielfach angebaut wird. Ausgezeichnet ist auch die Qualität der Knollen. Mit dem A u s st e l - len der Wintergetrcides ist man allerdings infolge der Bodentrockenheit nach im Rückstand. Ganz außergewöhnlich voll hängen in diesem Herbst die W e i n t r a u b e n st ö ck e an den Häusern, eine Erscheinung, die seit mehreren Jahren in unserer Gegend nicht beobachtet wurde. Auch solche Stöcke, die schon abgängig sind, aber als Hauszierde belasten werden, tragen dieses Jahr. Die üblichen Weinkrankheiten sind fast ganz ausgeblichen. Man findet deshalb fast kaum aufgesprungene Früchte. Außerdem sind sie von einer Süßigkeit, wie seit langem nicht.
L Göbelnrod, 30. Sept. Der Gememderat und Ortsvorstand haben dem seitherigen 3agd- pächter, Fabrikant Allmendinger (Grün- berg), unsere G e ni e i n d e j a g d auf weitere drei 3ahre zu dem um 100 Mark aur 600 Mark erhöhten Pachtpreise verpachtet. Diese Regelung war nötig geworden, um die durch den Tausch von Wald mit dem Fiskus verschieden laufende Pachtzeit innerhalb unserer Gemarkung auszugleichen.
s. Utphe, 30. Sept. Zur Zeit ist man mit der Ausbesserung unb Teerung unserer Ortsdurchfahrt beschäftigt, die einen Teil des Straßenzuges Hungen—Friedberg bildet. Nachdem unser Dorf in diesem Strahenzug mit den beiden Nachbarorten Berstadt und Inheiden durch Klein- pflaster verbunden worden ist, hätte die Provinzialverwaltung auch die Durchfahrt pflastern lassen, falls die Gemeinde einen Anteil von 8000 Mark dazu beigetragen hätte. Wegen anderweitiger Belastung war dies zur ^eit nicht tragbar. Infolgedessen einigte man sich auf die Befestigung der Straßendecke durch Teer, wobei die Gemeindekasie anteilsmäßig 400 Mark zu tragen hat. Die Anwohner begrüßen die Verbesserung, da sie bei dem starken Durchgangsverkehr seither ungeheuer unter der Staubolage litten. Diese war so stark, daß viele Topfpflanzen vor den Fenstern, in einem Fall sogar prachtvolle Kletterrosen, an einem Hauseingcmg abgestorben sind. Nicht minder froh als die Anwohner werden aber auch die Autofahrer fein, da der seitherige Zustand der Straße trostlos war.
Äreis Friedberg.
“3 ai> • Ql a u fje im, 30. Sept. DanE der günstigen Sage am Taunusrande hatte unsere an Obstkulturen sehr reiche Gemarkung noch eine leidliche Mittelernte zu verzeichnen. Die allgemeine Knappheit an Arpfeln übte aber ihren starken Einfluß auf die Preisgestaltung bei den staatlichen und städtischen Ob st v e r - Steigerungen aus, und so gab es auch hier durchweg nur teures, sehr teures Obst. Die Stadt hat rund 500 Mk. Mehrerlös gegenüber dem Haase kam auf einer Reise durch Frankfurt. Sein Zug ging 4.31 Uf)c weiter. Eine kleine Spanne Zeit, die ihm bis dahin verblieb, wollte er benutzen. indem er Roderich Benedix besuchte, der damals Intendant des Städtischen Theaters in Frankfurt war.
Atemlos betritt Haase das Intendantur-Gebäude: „3ch will Ihnen, lieber Freund, im Dor» beifliegen nur rasch Die Hand drücken; der Zug geht 4.31 Uhr weiter." — „Was der Tausend, Haase, wo kommen Sie her? Wo wollen Sie hin?" — „Ich komme von Karlsruhe und gehe zunächst heim, nach Berlin, um dort neue Dispositionen zu treffen." — „So! Ach Herr Jesus, und da stürmt er herein zur Tür und will um 4.31 Uhr wieder weiter. Dee, daraus wird nichts. Sehen Sie sich hier; ich werde gleich den Gastspielverlrag ausfertigen lassen." — „Wer Benedix, sind Sie verdreht? Ich muß doch auf den Bahnhof. Sie hören ja: 4.31 Ufjr — „Geht Der Zug! Lassen Sie ihn nur ruhig gehen. Haben Sie Ihre Sachen auf Der Bahn?" — „3a." — „Da, dann geben Sie mir nur den Schein; ich lasse sie sofort holen." — „Aber ich bitte Sie!" .Datürlich, einen dreijährigen Kontrakt, der mit meinem konform ist." — „Wer Benedix, ich muß doch ..." — „Vorher gastieren? Datürlich! Wer bei Haase ist das ja überflüssig. Kenne Sie doch. Komitee kennt Sie auch; Publilus dito. Also ist ein Gastspiel auf Engagement überflüssig." — „Dun lassen Sie mich aber au»ch mal zu Worte kommen. Sie wissen ja nicht..— „Was Sie fordern? Das schadet nichts. Das lasse ich offen im Kontrcüt; das füllen Sie selbst aus. Sie sind ja ein anstän- 1 diger Kerl und werden uns das Fell nicht über die Ohren ziehen." -- „Aber, Menschenst'ind. begreifen Sie denn nicht, daß ich auch ..." — „Spielgeld und Urlaub haben muh? Datürlich' Habe ich schon notiert: vier Monate Urlaub.“ — „Venedig, Sie werden mich ernstlich böse machen. 3ch gehe..." ■*- „Herr 3esus ja, das können Sie auch, wenn Sie den Kontrakt unterschrieben heben. Vorher aber kommen Sie nicht heraus.“
Ward je in solcher Laun' ein Weib gefreit? Der Zug ging um 4.31 Uhr; aber ohne Haase.
i Der blieb für die nächsten Jahre in Frankfurt.
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