Nr. 231 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für lvberhesien) Montag, 1. Oktober 1928
Jubiläums-Präludien in der Tschechoslowakei.
Don unserem Prager A. K.*Korrespondent«n.
3n knapp einem Monat soll mit großem Aufwand an Festlichkeiten das Jubiläum des zehnjährigen Bestandes der Tschechoslowakei feierlich begangen werden. Diese Gelegenheit soll benützt werden, um, wie es die Tschechen so gerne tun, der Welt, die allerdings noch einige andere Sorgen h ft, die Republik als den besten, modernsten und tonsoludierte.» Staat Europas vorzuführen. Aus den Borbereitungen ist zu schließen, daß die Staatslenker die Absicht haben, insbesondere mit der nationalen Duldsamkeit zu prunken, und den Umstand, daß deutsche Minister in der Regierung sitzen und deutsche Parteien die Mehrheit bilden helfen, weidlich auszuschroten. Wie gut muh es den Deutschen im tschechischen Staate gehen — so soll ungefähr die Beweisführung lauten — wie wohl müssen sie sich hier fühlen, wie duldsam ist dieses fabelhafte Staatswesen, wenn Deutsche zur Regierung herangezogen werden und sich heranziehen lassen.
Das Argument ist fraglos bestechend und sieht aus der Ferne großartig aus. GS ist ja auch nicht gut möglich, daß der Ausländer durch die schön polierte Schale den einigermaßen anders beschaffnen Kern entdecken und merken soll, welch armselige Figurantenrolle die als Kronzeugen der nationalen Eintracht angerufenen deutschen Minister in Wirklichkeit spielen und wie weit es mit der reklamehaft ausposaunten nationalen Duldsamkeit hrr ist. Es gibt aber auch unter den nationalen Minderheiten einige fromme Seelen, die sich bluffen lassen. Wir haben fraglos eine Anzahl Quintisten unter uns, von denen einige aus höchst egoistisch-inate- riellen Gründen, andere tatsächlich aus purem Idealismus von dem Formalkram begeistert sind und glauben, daß der rühmlichst bekannte tschechische Chauvinismus abgerüstet habe und das Zeitalter der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in der Tschechoslowakei airgebrochen sei.
Diese braven Leute und schlechten Menschenkenner schließen die Augen und verstopfen sich die Ohren, um ja nicht sehen und hören zu müssen, totfc es hinter der für das Ausland aufgebauten Potemnnschen Idylle zugeht. Seit ein paar Tagen hat in einem Teil der tschechischen Presse Prags wieder die lieblichste nationalistische Hetze begonnen. Das Faschistenblatt hat angefangen, die „Rarodni Listy" haben sofort die Melodie ausgenommen, um mir Gott behüte nicht weniger als stramm zu erscheinen, das Boulevardblatt des Herrn Stribrnh stimmt in den Chorus ein, daß die Funken stieben und in kurzem werden wohl auch die anderen Zeitungen ihren Scheit in das Feuer schieben, das die leicht erhitzbare Prager Volksseele zum Kochen bringen soll.
Was ist denn geschehen? In einigen Prager Kaffeehäusern und auf den Straßen der inneren Stadt hört man deutsch sprechen und reichsdeutsche Sommerreisende sind in größerer Zahl als sonst in die Tschechoslowakei gekommen. Das sind die schrecklichen Tatsachen, die dem faschistischen Organ Anlaß geben zu behaupten, daß eine nationale Schmach vorliege, und jeder Tscheche entsetzt sei, während die „Rarodni Listy". dozieren, daß die Tschechen den deutschen Touristen keine Konzession in nationaler Hinsicht machen dürfen, und daß das Benehmen der Reichsdeutschen eine grobe Verletzung der internationalen Courtvisie und eine unanständige Handlungsweise sei.
Die ßeute auf deutscher Seite, die um jeden Preis Ruhe haben wollen und Pazifisten aus Prinzip oder Bequemlichkeit sind, haben gleich Beschwichtigungen bei der Hand. Man solle sich an solche Schimpfereien nicht kehren, es handle sich nur um einige berufsmäßige Hetzer, während
Verschollene Geliebte.
Von Anton Schnack.
Hedwig.
Hie war qroh wie Figuren, die verschollen und vergessen hinter zugewachsenen Laubenwegen von Rotokogärten stehen. Etwas Steinernes, Kühles lag in ihrem Wesen. Sie trug zwei blonde Zöpfe, die ihr gleich Seilen bis in die Kniekehlen herunterhingen, am Ende sorgfältig verknotet und mit schwarzen großen Schmetterlingsschleifen gebunden waren. Denn es waren die Jahre 1908 bis 1910.
Ich bin heute erstaunt darüber, daß ich sie niemals geküßt habe.
Ich erinnere mich cm das beglückte Herzklopfen, das mich befrsl, als ich ihr auf einem Spaziergange stockend, umständlich und hartnäckig das „Du" antrug. Ich glaubte damals, wenn wir Du zueinander sagen würden, wäre alles da: Küsse, zu denen wir nicht den Mut hatten, Zärtlichkeiten mit den Händen, die uns von der inneren Spannung befreit hätten; ach, ich glaubte, das Geheimnis der Liebe ginge von ihm aus.
Der Weg, den wir gingen, war im Regen von Bauernwagen ausgefahren. Die glühende 2uli- sonne hatte die Spuren ausgetrocknet und rissig und hart gemacht. Jedesmal, wenn ich ein zärtliches, inniges und — wie mir schien — unerhörtes Wort zu ihr sagen wollte, stolperte ich. Es war ein Abend aus dem die Dämmerung lila schimmerte. Aus den Gärten schrien die Amseln. Der feuchte Wiesenrand der «inen Wegseite war blau von Vergißmeinnicht. Beklommenheit schnürte mir die Kehle zu.
Im Winter, da ich das Mädchen noch nicht kannte, warf ich mit Schneebällen nach ihr. Mit der Fronleichnamsprozession ging ich leidenschaftlich gerne, nicht nur weil ich den blauen Dunst des Weihrauches liebte, sondern auch weil sie im Chore sang, der hinter dem Allerheiligsten herging und die Evangelien vortrug.
Vieles weih ich nicht mehr: ihre Stirne war hoch, beim Gehen hielt sie die Augen, die wasserblau schimmerten, etwas gesenkt. Sie machte den Eindruck eines Engels. Später erfuhr ich, daß sie sich von einem Kaufmann abends in den schmalen Winkelgassen küssen lieh. Daß ich die Mathematik vernachlässigte, daran ist sie schuld gewesen. Denn ich schrieb ihr täglich auf blaues oder rosa Papier Verse und Worte, die mir voll wilder
das „Volk" versöhnlich gestimmt sei, und überdies wären das alles bloß Lappalien. Leider hat uns diese Vogel-Strauß-Politik noch nicht einen Schritt weitergebracht, und es ist höchst verkehrt, in großzügiger Weise von Lappalien zu sprechen, wenn auf allen wichtigen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Gebieten die Zurücksetzung des Deutschtums andauert und selbst belanglose Kleinigkeiten genügen, um eine wüste Hetze heraufzubeschwören.
Uebrigens sind die Kleinigkeiten gar nicht so klein, sie haben «inen sehr ansehnlichen Hintergrund. Vom Deutschen wird, wie selbstverständlich verlangt, daß «r staatstreu sei und etwa gar patriotische Gefühl« entwickeln solle, aber in der Hauptstadt Prag, die auch er als eine Hauptstadt betrachten soll, wird er als Paria, als Fremdling und Feind behandelt. Es zeugt auch von Unkenntnis und Oberflächlichkeit, wenn ein Gegensatz zwischen berufsmäßigen Hetzern, deren angeblich nur wenige seien, und dem braven Volk konstruiert wird. Aus hunderterlei Erfahrungen weiß man, daß die nationale Stimmung des tschechischen Volles in Prag erzeugt wird, und die Prager Massenseele ist nur zu gern bereit, sich zu dieser Stimmungsmache herzugeben. Der Prager Kleinbürger, der in hunderttausend Exemplaren herumläuft, ist nationalistisch bis in die Knochen und wartet nur auf die Signale, die ihm seine von den „Rarodni Listy" repräsentierte Intelligenz gibt, um einen Radau zu arrangieren.
Richt weniger bezeichnend ist die feindselige Stellungnahme gegen die Reichsdeutschen. Sie sind heuer zu vielen Taufenden ins Land gekommen, haben die böhmischen Bäder gefüllt, den Prager Fremdenverkehr aus eine nie geahnte Höhe gebracht, haben ihre Reisen bis in die Tatra ausgedehnt und ein sehr schönes und
willlommenes Stück Geld ins Land gebracht. Wie groß muh doch der Haß sein, wenn der reisende Fremde, der überall anderswo mit offenen Armen ausgenommen wird, hier Schimpf und Schande erntet, weil er ein Deutscher ist. Wo soll man angesichts solcher Erscheinungen noch die Hoffnung und den Mut aufbringen, an eine bessere und friedlichere Zukunft zu glauben?
Es ist auch gar nicht so selbstverständlich, daß es gegen solche Hetzereien kein Mittel gäbe, als großmütiges Ignorieren und Bagatellisieren. Man stelle sich vor, daß eine deutsche Zeitung oder ein einzelner Deutscher auch nur einen Bruchteil der Invektiven gegen Tschechen gebrauchen würde, die in den letzten Tagen gegen das Deutschtum ausgestoßen worden sind. Flugs würde sich der Staatsanwalt erinnern, daß es ein Schuhgesetz und darin einen Paragraphen vierzehn gibt, der Aufreizungen und Schmähungen gegen eine Ration unter schwere Strafe stellt. Die Deutschen sind die Letzten, die nach dem Staatsanwalt rufen sollten — es näht ihnen ja auch nichts —, aber man muh sich doch zumindest fragen, wie denn eine friedlichere und versöhnlichere Stimmung aufkommen soll, wenn jedermann sieht, daß Hetze gegen das Deutschtum straffrei ist und wohlwollend geduldet wird.
Aus den Funken, die jetzt umhergestreut werden, dürfte kaum ein Brand entstehen. Die Tschechen wollen ihr Jubiläum möglichst glanzvoll begehen und unliebsames Aufsehen vermeiden. Darum wird die Hetze sicher rechtzeitig abgeblasen werden. Aber das ist für uns Deutsche kein Anlah, zu frohlocken und auf die Dauerhaftigkeit der Iubiläumsstimmung zu rechnen. Die Präludien des Hasses sind leider aufrichtiger und realer als die scheinheilige Symphonie der Versöhnung, die zum 28. Oktober angestimmt werden wird.
Das Land des XX. Jahrhunderts.
Zum Besuch des kanadischen Eisenbahnmagnaien Thornton in Berlin.
In der vergangenen Woche weilte ein interessanter Gast, der Präsident der Cana- bi an Rational Railways, Sir Henry Thornton, in der deutschen Reichshauptstadt. Sir Henry, ein geborener Amerikaner aus Indiana und von Hause aus Ingenieur, wurde im Jahre 1914 zum Generaldirektor der Great Castern Railway ernannt. Während des Weltkrieges war ihm mit dem zeitweiligen Range eines Generalmajors die Generalinspeltion des Transportwesens in England übertragen. Wie Sir Henry unserem F. B.-Mitarbeiter erklärte, sei er inoffiziell nach Berlin gekommen, habe jedoch mit einzelnen leitenden Stellen Fühlung genommen und sich über das deutsche Eisenbahnwesen informiert, dem er große Anerkennung zollte.
Als das Gespräch auf die Einwande* run gs Möglichkeiten in Kanada kam, betonte er, daß das Land insbesondere den Deutschen als Einwanderer will.'ommen heiße, weil er fleißig, geschickt, willig und nicht revolutionär gesinnt sei. Kanada beabsichtige nicht, sich an andere Länder hTranzudrängen, um deren Bewohner abspenstig zu machen und sie zur Auswanderung zu verleiten, aber es sei bereit, denen eine hilfreiche Hand zu bieten, die aus eigenem Antriebe infol:e mißlicher wirtschaftlicher Verhältnisse gewillt sind, sich anderswo eine neue Heimat zu suchen. Kanada ist In den letzten Jahren oft als das Land der Zukunft gepriesen worden, und schon der verstorbene kanadische Ministerpräsident Sir Wilfred Gautier hat es einmal das „Land des 20. Jahrhunderts" genannt. Aber man darf nicht außer acht lassen, daß von 3 729 665 das Dominium umfassenden Quadratmeilen, das fast
703 000 Quadratmeilen größer als die Vereinigten Staaten ist, erst ein kleiner Teil der Kultur erschlossen . wurde, und ungeheure, gleichmäßig für Industrie und Landwirtschaft in Frage kommende Gebiete noch der Erforschung und Erschließung harren.
Kanada hat eine staunenswerte wirtschaftliche Entwicklung zu verzeichnen, die schon dadurch zum Ausdruck kommt, daß im leöten Jahre nicht weniger als 5 500 000 Bushel Getreide geerntet wurden (1 Bushel = 36>/3 Liter), daß die Banken von den prosperierenden Farmern nicht um 'Geld angegangen wurden, daß Kanada heute an dritter Stelle der Golderzeu- gung steht, die Presse der Vereinigten Staaten den größten Teil ihres Papiers aus dem Dominium bezieht, und dieses auch der Metallieferant der Zukunft werden dürfte. Jahrelang hat das jetzt 9 Millionen zählende Kanada, die große englische Kolonie in • Rord- amerifa, neben den Vereinigten Staaten nur eine bescheidene, fast untergeordnete Rolle gespielt, bis mit dem Aufschluß der westlichen Weizendistrikte der Aufschwung eingesetzt und das Land zu einem der wichtigsten Absatzbiete gemacht hat. Lind berücksichtigt man, daß nach ziemlich zuverlässigen Schätzungen vielleicht erst der neunte Teil des wirklich für den Getreideanbau geeigneten Landes unter Kultur ist, so kann leicht ermessen werden, welche außerordentlichen Entwicklungsmöglichreiten dem Lande bevorstehen.
Doch die Laardwirtschaft bildet nur eine große Seite des kanadischen Wirtschaftslebens. Daneben läuft die von Jahr zu Jahr wachsende Industrie. Milliarden von Kapital sind in der
Schönheit zu sein schienen. Stundenlang wartete ich an der Brunnen ecke, die vor der Handarbeitsschule in die Straße schnitt. Einmal zeigte sie mir ein schwarzes Kiffen. Auf ihm war mit roten Fäden „Ruhe sanft" gestickt. Ich fand es herrlich und wollte es von ihr geschenkt haben.
Dann machte ich eine Reise, imd sie schrieb mir einen Brief. Ich habe ihn verloren und kann mich auf keines feiner Worte mehr erinnern.
Mathilde.
Einmal kamen viele HoHhauer und Zimmerleute, denen gelbe Meterstäbe aus den Taschen starrten, vor unser Haus. Aus den runden Stämmen voll honigdunkler Harzrisse hieben sie viereckig weiße Bauhölzer heraus. Da las ich ihr an einem Rachmittag mit hingegebenem Gefühl die Späne in ihre blaue Schürze. Wie ein Wunder schien mir diese Harrdlung, die die Späne mit den Worten entgegenbrachte: „Schau, dieser hat viel Harz, er wird gut brennen."
Es war dumpfe Kinderglut. Das große Erschüttertfein. Das Herz hatte zum erstenmal die Verwirrung in sich hinein gelassen. Gegenüber lagen die Fenster der Väterhäuser. Oirrfahren- des Abenteuer, hinter den Gardinen zu stehen und zu erkennen, wie sich drüben die drei Schwestern mit zartem Gelächter durch die Zimmer jagten, die Oberröcke schon abgetan, die Haare schon entknotet, die weihen Rachtjacken leuchteten, und schwer sank ein Geftlhl ins Blut, nicht begriffen, zur Lust wie zur Qual bereitet. O Lächeln miteinander, das die Vereinigung des Kinderlebens schien. Spiel mit dem Ball; ach, die weißen zitternden Kinderhände bogen sich einander zu! Zeit voll ergreifender Abende, auf den Treppenstufen vor den Türen sitzend, an ein Geheimnis ausgeliefert, das unerbittlich schien, miteinander im Laufspiel auf und nieder rennend, dabei ein absichtlich langes Festhalten, daß das Herz mit rasender Trommel klopfte.
Ich sehe das Bild noch: eine kleine Stadt, eine Brauerei, leere Fässer lagen an der Hauswand, die Schwalben schrien auf dem 2wend* flug, Wagen mit Kuh gesponnen fuhren frisch- gemähten Klee ins Scheuertor, der Pedell der Lateinschule, Hofstetter geheißen, ging mit blauer Amtsmühe als Schreckgestall die Straße hinunter, Mägde kehrten, am Brunnen standen die Weiber und pumpten ihre Tragbütten voll, aus einem Fenster glimmte ein Zigarrenstengel mit rotem Qlugt.
Das ist alles. Damals war es Glück.
Eine Unbefannte.
Ich erinnere mich noch ihres Mundes: man sieht manchmal Früchte, überreif und fastvoll; sie warten auf die ersten Regentropfen, um auf* zuplatzen.
Es war eine Iuninacht, vielleicht auch eine Iulinacht, ich weih es nicht mehr genau. Es war warm, eine überwache, unruhige Wärme, in der Gewitter entstehen aber nicht kommen.
Ich, ein aufgeschossener Knabe, Spielereien hingegeben, allem was Phantasie und Einfälle brauchte, aber allem sich entziehend, was Will« und Ehrgeiz zum Zweckmähigen verlangte, war einer ziellosen halbbewuhten Träumerei hin- gegeben und lag im verdunkelten Abend auf einer alten Brücke. Ihre Quadern waren noch von der Mittagshitze erwärmt; um die Pfeiler gurgelte der Fluh mit milden Wirbeln. Traumhafte Gedanken und Vorstellungen ließ ich mit den Wellen schießen; Schisse, die zum fernen Meere glitten, das ich damals noch nie gesehen hatte und von dem ich mir ungeheuere Vorstellungen machte. Ich trieb im Schicksal der Wasser mit von Stein zu Stein, von Wehr zu Wehr, von Weidenbusch zu Weidenbusch, von Mühle zu Mühle, von der Saale zum Main, zum Rhein und hinein in den Salzstrom des Meeres.
Plötzlich lag sie neben mir mit überkreuzten Armen auf den Steinquadern. Ich hatte sie nie vorher gesehen und ich sah sie auch nachher nicht wieder. Sie schien mir ein Mädchen aus den Dauerndörsern der Umgegend zu fein, die Tochter eines Bürgermeisters oder eines Wirtes, vielleicht war ihr Vater auch schon lange tot
Ich hätte sie nie zu küssen gewagt, sie tat es von selbst. Lind später fiel mit ein, als ich die Liebe mit ihren vielen Beweggründen fernten* gelernt hatte, daß es ein reines vollkommenes Geschenk war. Es war mit unbegreiflich. Ich dacht« damals, ich würde geliebt, weil ich Klavier spielte, besonders die ungarische Rhapsodie von Liszt, in der ich die Läuse wie glitzernde Perlen herunterfegte, oder well ich die Goldlitzen eines Schülers der fünften Gymnasiumklass« an der Kappe trug, ober weil ich Gedichte in roter Tinte schrieb, oder weil ich am besten den Ball im Schlagballspiel warf.
Aber diese liebte mich, weil ich ein Junge war. Vielleicht gefielen ihr meine etwas traurigen, aber zugleich großen Augen, vielleicht hatte sie Gefallen an meinem widerborstigen Haar gefunden, vielleicht hatte sie nur Sehnsucht, die sie nicht mehr bemeiftem tonnte und es war ihr
kanadischen Industrie angelegt. Alljährlich werden neue Fabriken gegründet und neue Industriezweige in Kanada eingeführt. Lind in großem Aufschwünge ist die elektrische Industrie «griffen, die ihre Entwicklung zu einem nicht unerheblichen Teil dem immensen Wasserreichtum — heute sind Werke von insgesamt 35 Millionen Pferdestärken vorhanden — des Landes verdankt. Aber Kanada ist ein Land nur für gesunde und kräftige Leute. Die klimatischen Verhältnisse, insbesondere der strenge und harte Winter erfordern eine eiserne Konstitution. Den Einwanderern wird jede Erleichterung gewährt, sei es im Transport, in der Beschaffung von Arbeit oder in der Gewährung von Land auf Kredit. Das Letztere jedoch nur, wenn der Aspirant sich naturalisieren läßt. Gerade das aber ist bedenklich, denn wir möchten nicht, daß die Deutschen einmal die gleiche Rolle der „Kultur- düngerei", die sie schon in den ^Bereinigten Staaten gespielt haben, in Kanada wiederholen mühten.
Oie Angestellten her deutschen Reichsverwaltungen.
Schon mehrfach sind Verhandlungen über die Altersversorg ung für die Angestellten der deutschen Reichsverwaltungen geführt worden, wobei es allerdings nicht möglich toar, ein Resultat zu erreichen, da der Standpunkt der AngestelltenvrganisationLN auf der einen Sei'e mit demjenigen der Regierung insofern nicht in Einklang zu bringen war, als die Regierung den finanziellen Ansprüchen mit Rück icht auf die dadurch eintretende außerordentliche Mehrbelastung des Etats doch nichtin vollem Umfange entsprechen zu können glaubte. Runmehr scheint es, als ob die jetzt wiederum aufgenommenen Verhandlungen zwischen dem Reichssinanzministerium einerseits und den An- gestelltenorganifationen andererseits, die sich um das Problem der zusätzlichen Ruhestands Versorgung und Hinterbliebenenfürsorge für die Angestellten der Reichsverwaltungen drehen, doch in Kürze z u einem Abschluß führen werden. Allerdings müßte nach der derzeitigen Lage der Finanzminister noch weitere Zugeständnis e machen, wenn er den Forderungen der Angestelltenorganisationen entsprechen würde. So hat der Reichsfinanzminister jetzt eine Mindestzusatz- rente von 300 M k. bei Wegfall der Altersgrenze für die älteren Angestellten zugesichert, was die Angestell en- organifationen aber als unbefriedigend 8 irr ü d g e to i e f e n haben. Man verlangt in diesen Kreisen vor allen Dingen eine wesentliche Erhöhung der Mindestzusahrente und zu gleicher Zeit eine Sicherung dieser Zusatz renke nach mehr als zehnjähriger Tätigkeit im Dienste der Reich sverwal- t ungen. Ob die Reichsregierung und vor allem der Reichssinanzminister dem vollauf entsprechen wird, steht noch dahin. Es scheint, als ob man sich auf einer mittleren Basis einigen wird. Vorgesehen ist, daß diese zusätzliche Ruhestcmdsversor- gung und Hinterbliebenenfürsorge bereits am 1. Rovember d. I. in Kraft tritt. Es steht deshalb zu erwarten, daß diese ganze Angelegenheit noch in allernächster Zeit einer restlosen Klärung entgegengeführt wird.
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gleich, wer ihr in den Weg kam.
Es gibt keinen Schnittpunkt des Schicksals mehr mit ihr. Alles hat sich in der einmaligen Umarmung erschöpft. Ich werde mich nie mehr dem warmen roten Fruchtfleisch ihres Wundes hingeben.
Sie wird vielleicht noch immer den Weg über diese Brücke gehen und an der grünen staubigen Bank vorbei, auf der wir sahen. Vielleicht wird sie leise lächeln und das Körbchen mit Kathreiners Malzkaffe« oder gelber Stiefmütterchen voll auf das alte versessene Holz stellen. Ich möchte einen Kranz auf ihr Grab legen, wenn sie schon gestorben sein sollte.
„Sie merken nicht auf, Schnack," sagte zu mir nachher immer der Lehrer, wenn er über die griechischen Derben auf mich sprach. Ich konnte nicht. Denn damals stand ich mitten in der Verwirrung und im Geheimnis der Liebe.
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Wilhelm Schwehdar an der Universität Berlin hat den an ihn ergangenen Ruf zur Uebemahme des Lehrstuhls der Geophysik an der Universität Göttingen als Rachfolger des Geh. Rats E. Wiechert abgelehnt. — Der a. o. Professor für vergleichende indogermanische Sprachwissenschaft an der deutschen Universität in Prag, Dr. Friedrich S l o t t y, ist zum ordentlichen Professor dieses Faches ebenda ernannt worden.
Ernannt wurde der o. Professor an der Technischen Hochschule in Stuttgart Wilhelm Io st vom 1. Oktober 1928 ab zum ordentlichen Professor der Gebäudelehre in der Hochbauabteilung der Technischen Hochschule zu Dresden als Rachfolger von Geheimrat Diestel. Prof. Jost, der aus Zwickau gebürtig ist, erhielt seine Ausbildung in Dresden und Stuttgart, besonders unter Dülfer, Fischer und Bonah.
Ernannt wurde der o. Professor an der Uni* versität Jena, Dr.Herbert Koch vom 1. April 1929 ab zum ordentlichen Professor der klassi- r Archäologie an der Universität Leipzig
Rachsolger von Geheimrat F. Studniczka.
Der Ordinarius für germanische Philologie an der Frankfurter Universität. Prof. D r. Hans R a u m a n n, ist für das Wintersemester aut Uebernahme der Karl-Schurz-Professur an die Universität Madison (Wisconsin) berufen worden. Die Vertretung seines Faches tm Lehrplan des Wintersemesters hat auf Anordnung des Preußischen Kultusministers der Privatdozent an der Universität Berlin, Dr. Gottfried IBeber, übernommen.


