Ausgabe 
31.8.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Dießen, den 31. August 1932.

Oie Hilfsbedürftigkeits-Prüfung.

Der f)e\\W Minister des Innern erließ eine Verordnung über die Hilfsbedürftig keits- Prüfung zur Durchführung des § 172 Abs. 3 des Gesetzes über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung. Die Verord­nung, die am 1. September in Kraft tritt, hat fol­genden Wortlaut:

1. Zuständig zur Prüfung der Hilfsbedurftigkeit bei Anspruch auf versicherungsmäßige Arbeitslosen­unterstützung oder Krisenfürsorge ist diejenige Ge­meinde, die den Semeindeanteil der Krisensursorge zu erstatten hat oder zu erstatten hätte, wenn es sich um einen Fall der Krisenfürsorge handeln würde. Di« Prüfung der Hilfsbedursligkeit erfolgt nach den Vorschriften für die allgemeine Fürsorge In den Reichsgrundsätzen über Voraussetzung, Art und Maß der öffentlichen Fürsorge.

2. Das Gutachten wird erstattet von derjenigen Stelle der Gemeinde, die für Bescheidung der An­träge auf Gewährung der allgemeinen Fürsorge (Armenfürsorge) zuständig ist. Die Gemeinde teilt ihr Gutachten in der hierfür vorgeschriebenen oder vereinbarten Form unverzüglich dem Arbeitsamt mit.

3. Gegen die Entscheidung des Arbeitsamts über den Anspruch auf versicherungsmäßige Arbeitslosen­unterstützung oder auf Krisenfürsorge steht dem Ge- sucWeller binnen einer ausschließenden Frist von 2 Wochen, von der Bekanntgabe der Entscheidung des Arbeitsamts an gerechnet, der Einspruch zu. Der Einspruch ist bei dem Arbeitsamt einzulegen. Der Vorsitzende des Arbeitsamts leitet den Ein­spruch unverzüglich an die Gemeinde weiter, sofern die Ablehnung oder Kürzung der Bezüge der Ar­beitslosenunterstützung oder Krisenfürsorge auf Grund des Gutachtens der Gemeinde erfolgt ist.

Soweit die Gemeinde den Einspruch für statthaft und begründet erachtet, ändert sie ihr Gutachten ab und gibt den Einspruch an den Vorsitzenden des 'Arbeitsamts zurück, andernfalls legt sie den Ein­spruch mit ihrer Aeuherung unverzüglich dem Vor­sitzenden ihres Bezirksfürsorgeoerbandes vor.

lieber den Einspruch entscheidet der bei der Be- zirksfuisorgestelle des Bezirksfürsorgeoerbands erriet), tele Spruchausschuh, mit der Maßgabe, daß der Spruchausschltß beschlußfähig ist, wenn von jeder der beiden Gruppen der Beisitzer je ein Beisitzer er­schienen ist. Die Entscheidung, die im Beschlußver­fahren zu erlassen ist, ist schristlich abzusasscn, mit Gründen zu versehen und dem Arbeitsamt unver­züglich mitzuteilen: sie ist endgültig.

Seiten für Mittwoch, 31. August.

Sonnenfinsternis, in Mitteleuropa nicht sichtbar. Neumond.

1821: der Naturforscher Hermann o. Helmholtz in Potsdam geboren: 1864: der Sozialist Ferdinand Lassalle in Genf gestorben: 1920: der Philosoph Wilhelm Wundt in Leipzig gestorben.

* Gießener JustizpersonaNe. Aus Grund des Gesetzes über die Altersgrenze der Staatsbeamten tritt der Landgerichtsdirektor beim Landgericht der Provinz Oberhessen zu Gießen Richard D ch u d t am 1. Oktober in den Ruhestand.

Bautätigkeit am Rahrungsberg. 3m Lause des Sommers sind am Rahrungsberg zwei Reubauten als Einfamilienhäuser im Roh­bau erstanden, die jetzt im inneren Ausbau fertig- gestellt werden, da sie noch im Herbst bezogen werden sollen. Das eine Gebäude steht zunächst dem Alten Friedhof, während das andere sich in der verlängerten Hessenstraße befindet.

" Anlagenkonzert unserer Mili­tärkapelle. Am Sonntag, 4. September, fin­det bei günstiger Witterung in der S ü d a n l a g e von 11.30 bis 12.30 Uhr ein Anlagenkonzert statt. Leitung: Obermusikmeister Kr a u ße. Dor- tragssolge: 1.Semper avanti! Marsch von

Fucik. 2. Ouvertüre zur Operette ..Die schöne Galachö" von SuppS. 3.Rosen auS dem Süden" Walzer von Strauß. 4. Zwei Stücke aus der OperDer Bajazzo": a) ..Intermezzo", b)Glockenchor" von Leoncavallo. 5. Fantasie aus der OperDer Prophet" von Meyerbeer. 6. Heeresmarsch II, Ar. 116,Der Dauer von Preston", Marsch nach den Motiven aus der gleichnamigen Oper, von Adam.

" 100 000-Wark-G«winn fällt z. T. nach Hessen. In der Ziehung der Preußisch- Süddeutschen Kla'lenlotterie am Dienstag wurde ein Gewinn von 100 000 Mark auf die Rümmer 345 043 gezogen. Das Los wird in der ersten Abteilung in Hessen, in der zweiten Abteilung in Berlin in Achtellosen gespielt.

Schadenfeuer in Heuchelheim.

Heute aegen 12.15 Uhr brach im nahen Heuchelheim in einer Scheune des Landwirts Ludwig Rinn In der Bachstraße Feuer aus, das sehr schnell um sich griff. Di« Scheune stand bald in hellen Flammen und das Feuer griff auf eine zweite Scheune über. Da beide mit Heu und Stroh angefüllt waren, war kaum eine Möglichkeit vorhanden, das Feuer zu löschen. Die Heuchelheimer Feuerwehr, die sofort an der Brandstelle erschien, hatte sehr vie< zu tun und war noch bis zum späten Abend damit beschäf­tigt, das Stroh abuzlöschen. Die Scheunen selbst brannten bis a u f d i e Grundmauern nie­der. Einen Teil ihrer Aufmerksamkeit mußte die Feuerwehr dabei dem nahen Spritzenhaus zuwen- den, dessen Schlauchlrockenturm in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die Wohngebäude wurden eben­falls gefährdet. Der Sicherheit halber rief man die Kreismotorspritze an den ausgedehnten Brandherd, sie brauchte indessen nicht viel in Tätigkeit zu treten und konnte gegen 15 Uhr wieder einrücken. Das Vieh, das in den Ställen unterhalb der Scheunen- höben untergebracht war, konnte gerettet werden. Der durch das Feuer entstandene Schaden ist be­trächtlich. Die Ursache des Feuers konnte bisher noch nicht festgestellt werden. Die Ermittlungen sind noch im Gange.

Rheinhessen mahnt den Staat zur Zahlung.

Mainz, 30. Aug. (WSN.) Der Provinzial- ta g d e r Provinz Rheinhessen hat in sei­ner diesjährigen öffentlichen Versammlung u. a. ein umfangreiches Arbeitsbeschaffungspro­gramm beschlossen, für das rund 750 000 Mark vorgesehen sind. Bedingung für die Ausführung de« Programms ist jedoch, daß der hessische Staatseiner Verpflichtung noch- kommt und der Provinz die anteiligen Gelder zur Verfügung stellt. In einer Entschließung an die hessische Regierung heißt es u.a.:Der Provinzial- tag ist der Auffassung, daß die Prooinz einen Rechtsanspruch auf die ihr gehörigen Gelder hat, die seinerzeit auch ausdrücklich zu­gesichert worden sind. Der Provinzialtag erwartet, daß die dem hessischen Staat vom Reich überwiesenen Beträge aus dem Aufkom­men der Kraftfahrzeugsteuer in Zukunft sofort nach Eingang bezahlt und weiterge- führt werden und nicht für andere Zwecke Ver­wendung finden. Die Provinz ist nicht gewillt, ihr gehörige Gelder dem hessischen Staat zu lassen und dadurch Straßen verfallen zu lassen, deren Wiederherstellung die Provinz später Millionen kosten würde. Die Provinz erwartet, daß der hessische Staat in Zukunft seinen Zahlungsver­pflichtungen nachkommt."

Hochspannungsleitung fällt auf einen Eilgüterzug.

DLR. Dingen, 30. Aug. Sonntag vormit­tag ereignet« sich am hiesigen Fruchtmarkt, wo

Dolksbad-SchwimmWe neu hergerichtet...

Seit 1. August war die Schwimmhalle im Städtischen Dolksbad zum Zwecke der Renovierung geschlossen gehalten. Am kom- menben Samstag wird sie der Oeffentsichkelt wieder zugänglich gemacht und sich dabel in neuem Gewände präsentieren. Die Schwimmhalle wurde gründlich renoviert. In freundlicher Helle empfängt sie den Besucher und bietet 'n Der- bindung mit all den Wohltaten des erfrischen­den und reinigenden Bades angenehmen Au^ enthalt. Mancherlei wurde geändert (wenn auch nichts grundsätzliches), mancherlei verb-siert. ver­schiedenes einfacher und zweckmäßiger gestaltet: manche Schnörkerei und Ueberflüssiges wurde ent­fernt. , ,

In Hellem, leicht nach Gelb hin gebrochenem Weiß schimmern die Wände, für deren Verputz eineMinerakfarbe" Verwendung fand, die di« besondere Eigenschaft beweisen soll, kein Wasser, keine Feuchtigkeit anzunehmen, sondern unter dem Einfluß des Dunstes sich im Gegensatz zu dem bisherigen Kalkanstrich - zu verhärten und das Wasser abzustoßen. Die Decke wurde mit einem Salzkalkanstrich versehen, der eine ähnliche Wir- kung beweisen soll. Eine besondere Reuerung aber stellt die Verwendung eines säurefesten Emaillelackes dar, mit dem die Sockel, die un­teren Flächen der Wände, nach einer forgfaltigen Grundierung behandelt worden sind und iClbJt bei der großen Feuchtigkeit, die ständig die Schwimmhalle erfüllen wird, ihre trockene De- fchasfenhsit und ihren Glanz behalten sollen. Dieser Emaillelack wurde nicht nur zum Anstrich der Wände im Schwimmbad und im Wannen­bad (das unmittelbar und nur durch eine feste Wand getrennt neben dem Schwimmbad liegt) verwandt, vielmehr wurden auch di« Kabinen, das Holz also, damit überzogen und gegen die Feuchtigkeit abgeschlossen. In der natürlichen Folge ergibt sich daraus, daß

die Reinhaltung der Schwimmhalle auherorbent- sich erleichtert wirb unb allen Forderungen der

Hygiene Erfüllung werden kann.

Außerdem sehen Wände und Kabinen sehr adrett aus. Das Helle Gelb und das feine dunkle Braun, klingen ausgezeichnet zusammen. Eine Atmospäre der Reinlichkeit bestimmt den Sin- druck, den der Besucher von dem Raume erhält. Verschieden ornamentales Beiwerk wurde über­malt. so daß die Halle in der klaren Form großer, geräumiger, luftiger erscheint als bisher.

Eines fällt vor allem auf: der Wasserspeiende Fisch, jenes Ungetüm aus Zink, das an der Stirn­

seite des Wasserbeckens stand, wurde völlig ent­fernt, nachdem es bereits vor geraumer Zeit den lebhaft geschwungenen Schwanz jugendlichem Ae- bermut zum Opfer lassen muhte. An Stelle dessen wurde ein

neuer Wasserspeier angebracht, der, hergestellt aus dunkelgrün gla­siertem Ton, sich der Geraden der Teckenwandung anpaht und sich der sachlichen Linie eingliedert, die man der Schwimmhalle bei dieser Renovierung ganz bewußt gegeben hat. Die bisherigen Trep. pen im Wasserbecken mußten einer zweckmäßige­ren Konstruktion weichen. Der kleine Schwimm­kran an der einen Seite des Beckens wurde eben­falls entfernt. Die Schwimmschüler sollen in Zu­kunft nur noch an dem Seil gesichert werden, das über den seichten Teil des Decken- gespannt ist. Reben den 27 Auskleidekabinen und den Aus- kleidekäften im ersten Stockwerk, wurden auch die Fön".Kabine und die Rasierkabine neu herge­richtet.

Die Arbeiten sind nahezu beendet, so daß am Samstag, wie schon erwähnt, die Halle wieder ihrem Zwecke übergeben werden kann. Roch ist das Bassin (das neu gedichtet wurde) leer.

In sieben Stunden wird es voll laufen. Es faßt 300 Kubikmeter Wasser.

3n ständiger Arnwälzung und Ergänzung wird es reingehalten, indem es über Kiesfilter geleitet unb durch einen notwendigen Zusatz bakterienfrei gemacht wird. So bleiben alle Gebote der Hygiene beachtet, so bleibt die Schwimmhalle des Volksbades ein wertvoller Faktor im Dienste derGefunderhaltungderDe- Dotierung unserer Stadt und gleichzeitig ein Repräsentativstück für unser Gemeinwesen, um das sie von mancher anderen gleichgroßen und größeren Stadt in Deutschland beneidet wird.

Einige Reuerungen hat auch das Wannen­bad erfahren. Der Seitcngana zu den Kabinen wurde ebenfalls mit dem säurefesten Emaille-Lack behandelt die Kabinen wurden bis zu halber Höhe mit schönen polierten Steinplatten aus- aelegt die Wände und die Decken neu verputzt unö gestrichen, so daß jede Kabine ein Kabinett­stück einer modernen sanitären Anlage darstellt.

Verantwortlich für die Wiederherstellung der Schwimmhalle und des Wannenbades sind: für die Decken und Wänderenovierung das Hochbau- amt für die übrigen Arbeiten die Verwal­tung des Städtischen Volkbade« selbst. Man darf behaupten, daß allenthalben geschickte und glückliche Hände am Werke waren.

Eisenbahnlinie und Straß-'nbahn- 1 i n i e dicht aneinander vorbeiführen, ein eigen­artiger Unfall. Ein Ankerdraht. der über den Bahnlörper an das Heimatmuseum führt, hatte, wahrscheinlich infolge Gewittereinflü'se, nach­gegeben AIS ein Eilgüterzug in Richtung Mainz die Stell« passierte, riß der Draht durch. Infolge der nun «inseitigen Belastung brach «in Doppel-Holzmast ab und das ganz« Lei­tungsnetz legte sich aus den Bahn­körper. AIS die Hochspannungsleitung auf den Tender der Lokomotive schlug, entstand Kurzschluß und eS bildete sich eine große Stichflamme. Der Lokomotivführer des Eil­zuges erhielt einen elektrischen Schlag, konnte jedoch seinen Dienst weiter vergehen. Der Zug­verkehr war etwa zehn Minuten unterbrochen. Der elektrische ©iraßenbabnbetrieb wurde voll­

ständig unterbunden und konnte erst am Mon­tagfrüh wieder aufgenommen werden.

Brandstiftung im Finanzamt.

WSR. Westerburg.30. Aug. Montag nach­mittag brach im hiesigen Finanzamt Feuer au». Di« Flammen wurden rechtzeitig entdeckt, so daß die Feuerwehr bald jede Gefahr beseitigt«. Die Untersuchung der Brandursache durch die Gcndarmeriestation führte zu der Feststellung, daß wahrscheinlich vorsätzlich« Brand­stiftung vorliegt. Die Rachsorschungen nach den Tätern sührten bisher zu keinem Ersola. Frankfurter Kriminalbeamte wurden zur Aus­klärung der Angelegenheit von der Gendarmerie­station Westerburg angefordert.

ttnd Pappi ianzi."

Lustige Buchtitel'Revolutionen in einer Leihbücherei.

In meiner Rachbarschaft wurde eine Leih­bibliothek eröffnet. »Jedes 'Buch ohne Pfand 10 Pfennig", steht an der Tür zu lesen, und einer §ibt dem anderen die Klinke in die Hand, denn ie junge Inhaberin versteht ihr Geschäft. Sie hält die neuesten Dücher auf fast allen Gebieten, und wenn gestern ein neuer Roman auf den Markt kam. heute hat sie ihn bereits ange­tauft und verliehen, und notiert drei Vorbestel­lungen darauf, lieber die Erfahrungen, die sie mit der Kundschaft macht, soll sie reden?

Die gangbarsten Romane sind etwa2 a i Geheimnis des gelben Zimmer S", Das s ch w a r z e K a m e l" undDer Hexe r". Tatsächlich werden ja heutzutage auch von be­gabten Schriftstellern Kriminalromane geschrieben, weil sie erkannt haben, daß die Manschen span­nende Sachen lieben, und als neulich ein Herr erschien und sagte:Ach, geben ©ie mir mal irgendeinen Zahn", da guckte ich ihn ganz entgeistert an, und erst dann fiel mir ein, daß er ein Buch von Ernst Zahn haben wollte. So wenig ist man auf reinliterarische Wünsche eiimestcllt."

Ratürlich wird die blonde junge Frau, von der die Besucher annehmen, daß sie alle Bücher der Weltliteratur gelesen oder im Kopfe habe, oft um Rat gefragt. Sic soll etwas empfehlen, aber es ist schwer, den Geschmack des Publikums wirklich zu treffen.

Auch werden die Titel oft derart ver­stümmelt angegeben, daß man zuerst gar nicht ahnt, was für em Buch gemeint sei. Ich will nicht gerade auf den klassischen Fall Hinweisen, in dem jemandRobinson E a r u f o ver­langte, aber neulich kam ein junges Dienst­mädchen und sagte, ihre Dame wolleA m besten was Reues" haben. Ich gab ihr zur Auswahl fünf moderne Romane mit, doch bald erschien sie wieder mit einem Zettel, daraus stand3m Westen nichts Reue«".

Cs wird eben zu viel geschrieben. Ieder, der nichts erlebt hat, seht sich heutzutage hin und versaßt ein Buch darüber. Wie sollen die armen Leser die vielen Titel auseinander halten? Richt mal die Klassiker sind allzusehr bekannt.Geben Sie mir irgend was frei nach Sch ille r", sagt jemand, und keiner weih, was er sich dar­unter vorstellt.Oder sonst was von Goethe".

Was beim?Ra, alle s". Man legt ihm 52 Bände auf den Tisch, worauf der Mann rasch nach einem Kriminalroman griff Reuerdings gehen auch die kriminalistischen Rovellen unserer Klassiker Viel verlangt wird SchillersVer­brecher aus verlorener Ehe" (Ehre!) ober auch Kleist-M arquise von Kuh" (Die Marquise von O).

Eine Schwäbin hatte einer norddeutschen Freun­din das BuchDer stille Gatte" stark empfohlen. In der Buchhandlung aber wurde sie belehrt, daß es sich um ein Gartenbuch Der stille Garten" bandele. Die Schwaben sagen eben Gatte, wenn sie Garten meinen. Gerhart Hauptmanns stärkste RovelleDer Ketzer von Seana" istKetzer Savona rola" geworden. Thomas MannS Meisternovelle muß eS sich ge­fallen lassen, al«Der Tod ist erledigt" (Der Tod in Venedig) verlangt zu werden. And als der FilmDie Gräfin von Monte Ehristo" in allen Kino- gespielt wurde, sorderte mancher Leser auf einmal denGrafen von Monte Christo" von H a n S A l b e r S. Sin sport­lich eingestellter Leser, der wußte, daß die vier Tenniscracks der Franzosen (Lacoste. Cochet. Do- rotra. Brugnon)Die vier Musketiere" genannt wurden, brachte Alexander Duma«' RomanDrei Musketiere" mit der Bemerkung zurück, d a fehle ja einer.

Daß ein vierjähriges Mädchen, wie ich neulich gelesen habe, in eine Leihbücherei gekommen sei undfür Mutti" das BuchAnd Pappi tanzt" verlangt habe, halte ich für ein Märchen, denn Gerhart Hauptmanns DramaAnd Pippa tanzt" wird fast niemals verlangt, aber andere Umdrehungen kommen -tatsächlich vor. Ich er­innere mich anKönig Laurin und die Seinen" statt WassermannsLaudin und die ©einen" oder an denKönig der Berliner" stattKönig der Bernina", ja selbstDanteS OTligieri" ist einmal verlangt worden.

Gut gehen alledicken" Bücher, denn die Leute wollen was haben für ihr Geld, gut gehen Lebensbeschreibungen wieKönig Hein­rich VIII." von Hockett oder Axel MunthesBuch von ©an Michele", das augenblicklich vielleicht meistgelesen« Buch des kleinen Lesers in Deutsch­land. weil es aufregend und aufwühlend ist, ohne ein Kriminalroman zu fein. Cubcrt.

Buntes Allerlei.

Ein wirklich schöner Beruf.

In einem Vorort Berlins, mitten im Grünewald, steht ein großes, modernes Gebäude: eine Schule. Die Vögel, die aus dem Walde kommen, wundern sich immer wieder über dieses fremde Ungetüm. Sie zwitschern ihre Empörung in die offenen Fenster undstören" den Unterricht.

Da die Schule so einsam und gefährlich gelegen ist, brauchen die Kinder, die aus der Umgegend ge- laufen kommen, einen Behüter, der sie morgens gemeinsam durch den Wald führt und mittags wie­der abholt und heimbringt.

Dieser Beschützer ist der Kinder-Schupo, der beste Freund und Kamerad der Kinder. Ein ganz junaer Kerl ist er noch, kaum über 20 Jahre alt. Rur die Uniform läßt ihn ein wenig älter und würdiger er­scheinen.

Was das immer für ein Hallo gibt am Morgen, wenn sie sich treffen!Tag, Schupo-Fritze!" sagen die Weiteren,Onlel Schupo" die Kleineren. Und die Mädels nennen ihn höflich:Herr Schupo". Schupo-Fritze strahlt, wenn die Kinder wie die Kletten sich an ihn drängen und ihn mit Fragen und Erzählungen bestürmen.Du, weißt du, was Oberlehrer Witt gesagt hat, als ich vor Wut aus dem Fenster gesprungen bin?Aus dem Fenster?" Ra ja, aber nur parterre", entschuldigt sich der Schlingel.Ach, protz doch nicht so!" ruft ein Mädel dazwischen.Ruhe, Ruhe, ich hab doch nur zwei Ohren ..."Onkel Schupo halt doch mal meine Mappe, ich hab Hunger!" Schupo-Fritze, Onkel, Herr Schupo, wissen Sie schon, weißt du noch nicht und so weiter ...

Alles soll er wissen und muß er erfahren, der gute Mann, den sie so sieben. Schokolade und zer­quetschte Bonbons schenken sie ihm, auch mal eine geflaute Zigarette aus Papas Etui.

Schupo-Fritze lacht, hört zu, ernsthaft, gibt Rat, erzählt Anekdoten.

Und vom Vormittag bis- zum Schulschluß grinst er vergnügt vor sich hin, lutscht, raucht und wartet auf seine kleinen Schützlinge.

Verhängnisvoller Ordnungssinn.

Mit der Ordnung ist es eine eigene Sache. Der eine gilt als unordentlicher Mensch, und dabei ist in feiner Unordnung mehr System als in mancher Ordnung, der andere wieder hält sich für grund- ordentlich und ist dabei in Wirklichkeit doch nichts anderes als nur ein trockener Pedant, dem jede Phantasie fehlt. Und wenn vom Segen der Ord­nung die Rede ist, dann aber wir wollen nicht vorgreifen. Denn auch mit diesem Segen ist das, wie man gleich fetzen wird, unter Umständen eine recht problematische Angelegenheit.

Die Umstände waren in jenem Falle, der hier erzählt werden soll, ein Bett, und unter diesem Bett, das in einem Hotelzimmer stand, lag em Dieb den die unerwartete Rückkehr des Hotelgastes so überrascht hatte, daß er nur noch im Verstecken fein Heil sah. Der Dieb hatte Glück. Er blieb un­bemerkt, da es schon später Abend war und der

Reisende sich ohne weiteres in sein Bett legte. Und sicherlich wäre alles (für den Dieb) gut gegangen, wenn er nicht ordentlich und sein Opfer unordentlich gewesen wäre. So aber ereignete es sich, daß der Hotelgast seine Zigarette, die er sich vor dem Schla­fengehen angesteckt hatte, im Dunkel zuende rauchte und den glimmenden Stummel, obwotzl auf dem Nachttisch ein Aschenbecher stand, auf die Erde warf. Fast im gleichen Augenblick aber war der Stummel auch schon verloschen, denn der Dieb war, wie. gesagt, ein ordentlicher Mann, und ganz in Gedanken drückte er den neben ihm liegenden Stummel aus, wie er das nicht anders gewohnt war.

Das Weitere ist schnell erzählt. Dem Raucher kam das plötzliche Verlöschen seines Stummels nicht ganz geheuer vor, er ging dem Phänomen auf den Grund, und kaum eine halbe Minute später sah sich der Dieb einer drohenden Revoloermündung gegen­über.

Und da soll noch einer vom Segen der Ordnung reden ...

Arktisches Eis und europäisches Wetter.

Während jetzt im Verlauf desInternationalen .Polarjahres" Expeditionen aus 13 Ländern mit der Sammlung von Tatsachen über den Einfluß der Arktis auf die Witterung beschäftigt sind, wird in dem vom englischen Luft-Ministerium herausgegebe- nenMeteorologischen Magazin" ein solcher neu­entdeckter Zusammenhang auf Grund langjähriger Beobachtungen mitgeteilt. Nach den Schätzungen der Eisverhältnisse in der Davis-Straße, die seit 30 Jahren vom Dänischen Meteorologischen Institut durchgeführt werden, zeigt Dr. C. Brooks, daß die Menge des Sommereises in der Davis-Straße in «enger Beziehung steht zu den Witterungsverhätt- niffen in West-Europa, die in dem darauffolgenden Herbst und während des Sommers im nächsten Jahr eintreten. Diese neue Feststellung ist ein weiterer Beweis dafür, daß «ine genaue Kenntnis der klima­tischen Vorgänge im Polargebiet für eine lang­fristige Wettervorhersage in Europa unbedingt not­wendig ift Wie eng die Witterungserscheinungen in weit entfernten Ländern miteinander zusammen- hängen, ist ja auch sonst schon in neuester Zeit er« lannt worden. Die Wetterkundigen in Indien haben beobachtet, daß ihr Wetter von den Luftdruck-Be­dingungen abhängt, die viele Monate früher in ver­schiedenen Teilen der Welt, hauptsächlich in Süd­amerika, auftreten. Aehnsiche Beziehungen scheinen zwischen 3aoa und Rhodesien zu bestehen. Für Eu­ropa dürfte es in erster Linie das Wetter in der Arktis sein, das Anhaltspunkte für langfristige Vor­hersagen gewährt. Bisher ist aber darüber noch sehr wenig bekannt, und die bei der neuen Entdeckung verwerteten Berichte über die Eisverhältnisse in der Davis-Straße wurden erst von Walfisch-Fängern nach der Sommersaison gemeldet. Es ist aber von größter Wichtigkeit, rasch orientiert zu sein, und das wird nur gelingen, wenn zahlreiche Wetterstationen im Polarkreis angelegt werden.

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