geblich über keine arbeitsfähige Mehrheit verfügen. Das deutsche Volk und das Ausland werden durch solche Nachrichten mehr und mehr beunruhigt. Als Präsident des Deutschen Reichstages weise ich derartige unverantwortliche Gerüchte zurück. Ich bin davon überzeugt, das) der Herr Reichspräsident nur gemäß der von ihm an dieser Stelle beschworenen Verfassung handeln wird. Ich stelle vor dem ganzen deutschen Volke ausdrücklich fest, die heutige Sitzung, sowie vor allem die Wahl des Präsidiums eindeutig ergeben hat, daß
der neue Reichstag über eine große arbeitsfähige nationale Mehrheit verfügt und somit in keiner Weise der Tatbestand eines staatsrechtlichen Notstandes gegeben ist.
(Beifall.) Ich bin überzeugt, daß der Reichstag, wenn alle wertvollen Kräfte Zusammenwirken, die schweren Aufgaben erfüllen wird, die seiner harren. Ium ersten Male besitzt der Reichstag wieder eine nationale Mehrheit (Beifall rechts), die gewillt ist, das deutsche Volk aus drückendster materieller Rot und dumpfster Verzweiflung herauszuführen. (Beifall.) Die Tatsache beseelt mich mit der Hoffnung, das) ich mein Amt ausüben kann, bei dem die Ehre des Volkes, die Sicherheit der Ration und die Freiheit des Vaterlandes die obersten Leitsterne meines Handelns sein können. (Lebhafter Beifall rechts.)
Der Präsident bittet um die Ermächtigung, den Termin der nächsten Sitzung selbst zu bestimmen.
Die Abgeordneten Torgler (Komm.) und Dittmann (Soz.) beantragen dagegen, morgen eine Sitzung abzuhalten und über die M i h - trauensanträge gegen das Kabinett abzu- stimmen.
Diese Antrüge werden abgelehnt, der Vorschlag des Präsidenten wird angenommen.
Präsident Goering gedenkt zum Schluß der Toten der „Niobe". Die Abgeordneten ehren ihr Andenken durch Erheben von den Sitzen.
Rach 1/29 ilfjr schließt der Präsident die Sitzung.
Nächste Reichstagssihung
B e r l i n , 30. Aug. (VDZ.) Der Aeltesten - rat des Reichstages beschäftigte sich nach der ersten Vollsitzung am Dienstagabend noch mit der Frage, wann decReichstagwiederzu- sammentreten soll. Es wurde beschlossen, vorläufig den 8. evtl, den 9. September für die nächste Sitzung in Aussicht zu nehmen. Auf die Tagesordnung soll eine Erklärung der Reichsregierung gesetzt werden. Falls die Regierung nicht bereit ist, eine Erklärung abzugeben, wird der Aeltestenrat vorher noch einmal zusammentreten, um eine andere Tagesordnung aufzustellen.
Antrag der ONVp. gegen die Reichsflagge.
Berlin, 30. Aug. (CNB.) Der Vorsitzende der deutschnationalen Reichstagsfraktion, Dr. Ober- fahren, hat, wie der deutschnationale Pressestelle mitteilt, an den Reichstagspräsidenten Goering den folgenden Brief geschrieben:
„Im Namen der deutschnationalen Reichstagsfraktion bitte ich, die in der Wandelhalle des Reichstags hinter dem Standbild Seiner Majestät Kaiser Wilhelms I. aus Anordnung des früheren Herrn Präsidenten des Reichstages an- gebrachte schwarzrotgoldene Fahne entfernen zu lassen."
AGOAp.-Reichstagsfraktion an die Beuthener Verurteilten.
Berlin, 30. Aug. (TU.) Ein von der nationalsozialistischen Reichstagsfraktion in ihrer Eröffnungssitzung an die zum Tode verurteilten fünf Beuthener S A. - L e u t e gerichtetes Telegramm hat folgenden Wortlaut:
„Wir grüßen Euch fünf Kameraden von Herzen in treuer Verbundenheit. Euer Schicksal machen wir zu dem unseren. Wir werden nicht ruhen, bis der Kampf um Euer Leben zum Siege geführt hat. Heil Hitler! Rationalsozialistische Reichstagsfraktion."
Goethe und der Lustballon.
Erne wicht ge Erfindung vor 150 Jahren.
/ „Die Luftballone werden entdeckt. Wie nahe ich dieser Erfindung gewesen. Einiger Verdruß, sie nicht selbst entdeckt zu haben. Baldige Tröstung. Glaube an die Verwandtschaft elektrischer und magnetischer Phänomene." Diese Sähe, die sich in einem aus dem Iahre 1821 stammenden Entwurf Goethes über seinen „naturwissenschaftlichen Entwicklungsgang" linden, zeigen den Dichter, dessen Geburtstag am 28. August in diesem Goethejahr besonders gefeiert wurde, auf einem bisher kaum beachteten Gebiet seiner universellen Tätigkeit, nämlich bei seiner Beschäftigung mit den Problemen der Luftschiffahrt. Der zweite gelungene Stratospürenflug Prof. P i c c a r d s , der einen neuen Schritt zur Beherrschung der Luft bedeutet, lenkt unfern Blick zurück zu der Erfindung des Luftballons, die gerade vor 150Iahren erfolgte. Die Bemühungen um dieses Problem, die im Laufe des 18. Iahr» Hunderts durch bedeutende wissenschaftliche Erkenntnisse gefördert worden waren, führten zu der ersten Verwirklichung im Iahre 1 7 8 2, und im Iahr darauf fanden die ersten Aufstiege der Gebrüder Montgolfier, von Charles und Pilatre de Rozier statt. Goethe hat uns das ungeheure Aussehen, das dadurch erregt wurde, anschaulich geschildert: „Wer die Entdeckung der Luftballone miterlebt hat, wird ein Zeugnis geben, welche Weltbewegung daraus entstand, welcher Anteil die Luftschrffer begleitete, welche Sehnsucht in so viel taufend Gemütern hervordrang, an solchen längst vorausgesetzten, vorausgesagten, immer geglaubten und immer unglaublichen, ge- sahrvollen Wanderungen teilzunehmen, wie frisch und umständlich jeder einzelne glückliche Versuch die Zeitungen füllte, zu Tagesheften und Kupfern Anlaß gab: welchen zarten Anteil man an den unglücklichen Opfern solcher Versuche genommen. Dies ist unmöglich, selbst in der Erinnerung wiederherzustellen."
Goethe hat an diesen Versuchen selbst tätigen Anteil genommen, und wenn man erwägt, daß die ersten französischen Dallonausstiege im August und September 1783 glückten, so kann man sein Bedauern darüber, daß man ihm zuvorkam, begreifen, denn der Luftballon, den der Physiker Soemmering mit seiner Hilfe in die Luft sandte, stieg im Rovember 1783 empor. J3n Deutschland, glaube ich, war ich de« erste, dtzm
preußenlandiag scharf gegen Popen.
ErklarungderfrüherenRegierung.-MßbittigungsaniraggegenPapenundBracht angenommen
Berlin, 30. Aug. (VDZ.) Zur heutigen Sitzung des Preußischen Landtags war der Andrang der Oessentlichkeit wieder außerordentlich stark. Alle Tribünen waren überfüllt.
Präsident K e r r l eröffnete die Sitzung um 14 älhr mit einem Rachruf für die Opfer der „Riobe"-Katastrophe. Während des Rachrufs waren die Kommunisten im Saale nicht anwesend. Die übrigen Abgeordneten hatten sich von den Plätzen erhoben.
Vor Eintritt in die Tagesordnung erhält
Abg. Hirtsiefer (Zentrum)
zu einer Erklärung das Wort. Der Redner gibt einen Lieberblick über den historischen Verlauf der letzten Ereignisse, die mit der Einsetzung des Staatskommi ssars begannen. Er teilt dabei u. a. mit, daß die Amtsenthebung des Ministerpräsidenten Braun und des Ministers Setz e r i n g zu einem Zeitpunkt erfolgte, als die Rotverordnung über die Einsetzung des Reichskommissars überhaupt noch nicht verkündet war.
Zur Zeit der Amtsenthebung der beiden Minister habe außer den Reichsstellen noch niemand Kenntnis von dem Wortlaut der Verordnung gehabt. Bereits am 20. Iuli mittags habe die preußische Staatsregierung Klage und den Antrag auf einstweilige Verfügung an den Staatsgerichtshof abgesandt. Abends seien dann auch die übrigen Minister ihres Amtes enthoben worden. Die preußischen Minister, so fährt Hirt- siefer nach Schilderung der Entwicklung fort, sehen mit Rücksicht auf die allgemeine Rotlage des Landes von einer tatsächlichen Ausübung ihrer Befugnis als Verwaltungschefs im allgemeinen vorläufig ab, denn diese Ausübung wäre nur in gewaltsamer Auseinandersetzung mit der gewaltsam vorgehenden Reichsregierung möglich gewesen, und sie hätte folgerichtig zu einer Auseinandersetzung zwischen Polizei und Militär und ebenso zwischen den parteinehmenden Volkskreisen, also zu furchtbarem Blutvergießen, zu einer völligen Zerrüttung des Landes und wahrscheinlich zum Auseinanderfallen des Reiches geführt. Die Staatsminister sehen aus dem gleichen Grund davon ab, die Beamten im allgemeinen aufzufordern, den nach ihrer Ansicht unrechtsmäßig amtierenden Ministern den Gehorsam zu verweigern. Sie behielten sich aber insbesondere ausdrücklich die Befugnisse vor, die ihnen als Minister gegenüber dem Landtag und Reichsrat zustehen. Dr. Hirtsiefer schildert dann die Vorgänge in der Reichsratssitzung, den Protest Bayerns und anderer Länder und beschäftigt sich mit dem, was die Reichsregierung als „Grund für diesen Gewaltakt gegen das größte deutsche Land" ausgeführt habe. Er weist insbesondere die 'Behauptung zurück, als hätten die Staatsminister kommunistische Terrorakte begünstigt. Das Gegenteil trifft zu. Die Vorwürfe, die die Reichsregierung erhob, seien in tatsächlicher Hinsicht vor allen Dingen unrichtig. Selbst beim Vorliegen berechtigter Vorwürfe wäre die Reichsregierung nicht befugt gewesen, so gegen Preußen vorzugehen. Die Absetzung der Minister steht unter diesen Umständen mit der Reichsverfassung nicht im Einklang. Ich betone, daß ich meine Erklärungen im Namen der preußischen Staatsminister abgegeben habe.
Sodann gibt
Landtagspräsident Kerrl
eine Erklärung ab, in der er Verwahrung einlegt gegen die ihm vom Reichskommissar bekanntgegebene Auffassung, daß die kommissarische Regierung dem Landtag nicht verantwortlich sei und vor ihm nicht zu erscheinen habe. Die Antwort des Reichskanzlers könne die staatsrechtlichen Bedenken um so weniger beseitigen, als Herr v. P a p e n die Absicht habe, in Preußen eine Verwaltungsreform durchführen zu lassen ohne Mitwirkung des Landtags. Die preußische kommissarischen Regierung dürfe das Parlament nicht ausschalten bei Fragen, die das ganze
preußische Volk berühren. Er lege schärfsten Protest gegen ein derartiges Vorgehen ein und warne die Regierung, ihr Vorhaben durch- zusühren.
Es beginnt dann in Erledigung der Tagesordnung die Aussprache über die
Cnisctz msijdesNelchckonunlssarsinPreutzcrl
Abg. Iürgensen (Soz.) nennt die Einsetzung des Reichskommissars in Preußen einen Staatsstreich, den der nationalsozialistische Landtagspräsident K e r r l angeregt und Herr v. P a p e n durchgeführt habe. Die Rolle, die Präsident Kerrl bei diesem Staatsstreich gespielt habe, rechtfertige, daß alle, die diesen Gewaltakt nicht billigten, Herrn Kerrl ihr schärfstes Mißtrauen aussprechen. Der Redner erinnert an die Schreiben des Landtagspräsidenten an den Reichskanzler, in denen u. a. angeregt war, die preußische Polizei der Reichsaufsicht zu unterstellen und die Ge- schästsordnungsänderung im Landtag wieder zu beseitigen, um den Rationalsozialisten die Wahl des Ministerpräsidenten zu erleichtern. Die SPD. verlange Beseitigung der „Schreckens- undMord- verordnung", weil sie jeden Gewaltakt im politischen Kampf grundsätzlich ablehne.
Abg. K o e n e n (Komm.) erklärt u. a., daß Sozialdemokraten und Zentrum, sowie Nationalsozialisten sich einig seien, im Interesse des kapitalistischen Systems die organisierte revolutionäre Arbeiter- schäft niederzuknüppeln.
Abg. Dr. Lauscher (Ztr.) erklärt, seine Partei habe sich der Klage der früheren Staatsregierung gegen die Einsetzung des Reichskommissars angeschlossen, um damit zum Ausdruck zu bringen, daß das Zentrum das als Berfassungsoerletzung finde, was am 20. Juli vom Reich aus geschah. Eine Bestätigung dieser Auffassung sehe man in der Behauptung des stellvertretenden Reichskommissars, daß er dem Landtag gegenüber nicht verantwortlich wäre und seine Beschlüsse nicht auszuführen hätte. Ausführlich weift der Redner dann die Gründe zurück, die die Reichsregierung für ihr Vorgehen gegen Preußen angeführt habe und die keine Gründe, sondern lediglich Vorwände seien. Das Ersatzkabinett, das jetzt in Preußen amtiere, hätte sich in seiner Regierungstätigkeit die Zurückhaltung auferlegen müssen, die ihm schon durch die Unsicherheit seiner Rechtsbasis dringend nahegelegt sei. (Sehr wahr! im Zentrum und bei den Nationalsozialisten.) Statt dessen betätige sich das Ersatzkabinett in geradezu fieberhaft beschleunigtem Tempo. Das Zentrum lehne die durch Notverordnung verfügte Reform ab. Das Zentrum werde dafür sorgen, daß sobald wie möglich wieder verfassungsmäßige Zustände in Preußen hergestellt werden, damit man der illegalen Diktatur die Zähne zeigen könne. (Beifall im Zentrum.)
Abg. Kube (Rats.) betont, daß feine Partei den Kampf um die politische Willensbildung der Ration geführt habe, um einer anonymen Clique politischer Hazardeure nicht zur Verfügung zu stehen. Daß unter den Augen der Regierung und unter Bezugnahme auf eine sehr hohe Stelle in Reudeck mit dem Staatsstreich gedroht worden könne, zeige, wessen Herr Dr. Drach't und die im nahestehenden Kreise fähig seien. Wir Nationalsozialisten, betonte der Redner, haben immer zum Ausdruck gebracht, daß wir uns, solange die Verfassung besteht, im Rahmen der Verfassung hal-ten werden und daß wir nicht staatsfeindlich sind. Der Kampf der Rationalsozialisten in Preußen ist nicht deshalb geführt worden, damit an die Stelle der schwarz-roten Regierungskoalition ein Reichskommissar gesetzt wird, der dem Landtage gegenüber nicht verantwortlich ist. Den Erfolg des Kampfes verdanken wir nicht zuletzt unseren ehrlichen sozialistischen Forderungen. Wir sind und bleiben Rationalsozialisten, ob das Herrn Hugenberg paßt oder nicht. (Beifall bei den Nationalsozialisten.) Eine Diktatur, die sich auf Bajonette stützt, wäre eine Diktatur im luftleeren Raum. Der Beamte, der Leuten folgt, die die Verfassung außer Kraft
das Experiment im kleinen reüssierte", schrieb Soemmering am 8. Mai 1784 aus Kassel an Merck. „Im September 1783 war Goethe hier, und da hatte ich schon einen Kubus von Fünfviertel Ellen in der Arbeit. Der gute Mann hals mir noch füllen, allein die ^Übereilung machte den Versuch nicht gelingen.“ Außer mit Soemmering in Kassel arbeitete Goethe in Weimar mit dem Apotheker Buchholz zusammen. „Buchholz peinigt vergebens die Lüste, seine Kugeln wollen nicht steigen", schreibt Goethe darüber am 27. Dezember 1783 an Knebel. „Eine hat sich einmal, gleichsam aus Bosheit, bis an die Decke erhoben und nun nicht wieder. Nun hat er in seinem Herren beschlossen, still vorzugehen, und hofft auf Die Montgolfiersche Art gewiß eine Kugel in die Luft zu jagen.“ Diese Bemühungen waren auch von Erfolg gekrönt. Wie Goethe berichtet, stieg eine Duchholzsche „Montgolfiöre" „zum Ergötzen der Unterrichteten in die Höhe, während die Menge sich vor Erstaunen kaum zu fassen wußte und die verschüchterten Tauben scharenweise in der Luck hin- und herflüchteten. Lieber seine Ballonversuche spricht Goethe verschiedentlich in seinen Briefen an Frau von Stein. So schreibt er am 19. Mai 1784: „Ich hoffe, du bleibst meinem Garten und mir treu. Vielleicht versuchen wir den kleineren Ballon mit dem Feuerkorbe. Sage aber niemandem etwas, damit es nicht zu weit herumgreife." Am 9. Iuni 1784 schreibt er dann an Soemmering: „In Weimar haben wir einen Ballon nach Montgolfierscher Art steigen lassen, 42 Fuß hoch und 20 im größten Durchschnitt. Es ist ein schöner Anblick, nur hält sich der Körper nicht lange in der Luft, weil wir nicht wagen wollen, ihm Feuer mitaugeben." Mit größtem Interesse verfolgte er die Meldungen über den geplanten Ballon-Auf- ftieg des Franzosen Blanchard in Frankfurt am Main. Charlottes Sohn, Fritz von Stein, war nach Frankfurt geschickt worden, um das Schauspiel zu bewundern, das während der Messe statt- sinden sollte. Der Ausstieg mußte dann unterbleiben, weil ein aus dem Hinterhalt gegen den gefüllten Ballon abgegebener Schuß diesen zum Bersten brachte, als Blanchard bereits mit dem Erbprinzen von Hessen-Da mstadt und einem französischen Offizier in der Gondel saß. Die enttäuschte Menge wollte damals Blanchard mißhandeln, so daß er unter militärischer Bedeckung sortgebracht werden mußte. Der kühne Lustschisser unternahm dann den von Goethe so gespannt erwarteten Ausstieg am 3. Oktober 1785 und gelangte bis zu einer Höhe von 2000 Meter. Wie eng GverheS Ballon-Versuche mit seiner Gedan
kenwelt verknüpft waren, zeigt ein Gleichnis in einem Brief an Frau von Stein vom 7. Iuni 1784, das den Luftballon wohl zum erstenmal bildlich verwendet. Er spricht hier von den Memoiren Voltaires und rühmt ihnen Leichtigkeit und Höbe des Geistes nach: „Man kann ihn einem Luftballon vergleichen, der sich durch eigene Luftart über alles wegschwingt und dort Flächen unter sich sieht, wo wir Berge sehen." Wie der Meister die von ihm so leidenschaftlich miterlebte Eroberung der Lüfte für feine Dichtung verwertete, das zeigen berühmte Stellen des „Faust“, wie die Fahrt mit dem Zaubermantel und die Euphorion- Szene.
Oie böse Oreizehn.
Von Bruno Manuel.
Elfi hat einen schrecklichen Hang zum Aberglauben. Sie legt nie Schlüssel auf den Tisch, geht schwarzen Katzen schnöde aus dem Weg und mißt der Dreizehn verheerende Bedeutung bei.
Obwohl ich ihre Schwäche kannte, mutete ich ihr unlängst im Theater den dreizehnten Sessel zu. Elfi war ob meiner scheußlichen Art schwer beleidiat. Sie sah mich mit vorwurfsvollen Augen an und sprach:
„Also, du kannst machen, was du willst. Aber auf diesen Platz setze ich mich auf keinen Fall."
„Schön", sagte ich, „dann tauschen wir. Mir macht die Nummer dreizehn gar nichts aus."
Wir tauschten. Elfi nahm den zwölften Stuhl. Ich ließ mich mannhaft in den dreizehnten fallen.
Sie blickte trübselig auf mich und meinte, es würde wahrscheinlich kein gutes Ende nehmen. Da nyhte in der Tat das Verhängnis. Eine Reihe vor mir, auf nämlichem dreizehnten Sessel, pflanzte sich eine Riesendame Hin, die mir jegliche Aussicht völlig versperrte. Darüber wegsehen war allenfalls mit einem Scherenfernrohr möglich.
Elfi betrachtete das Hünenweib, betrachtete bann mich und sagte ziemlich klagend:
„Siehst du, da hast du's! Ich habe es ja immer gesagt: der dreizehnte Stuhl bringt Pech. Entweder er knarrt, oder der Nachbar hat einen Husten, oder ein Gebirge baut sich vor einem auf. Etwas passiert auf alle Fülle."
„Elfi", behauptete ich,, „nun sei doch bloß vernünftig. Das kann dir auf jedem Platz passieren."
„Gewiß", versetzte Elfi, „es kann. Aber auf dem dreizehnten muß es dir passieren. Das ist nämlich der Unterschied."
sehen, bricht seinen Eid, dem er seinem Volke geschworen hat. Man kann nicht hinter jeden Steuerzahler ein Bajonett stellen. Daran scheitert Herr Dr. Bracht. Di« deutsche Iugend hat nicht ihre Besten darum hergegeben. daß wir einen kalten Staatsstreich dulden, der das deutsche Schicksal auf ein totes Gleis schiebt. Die NSDAP, wird, was an ihr liegt, dazu beitragen, eine verfassungsmäßige Negierung in Preußen zu- standezubriugen. Der Redner schließt mit dem Rufe: „Mit Adolf Hitler für die Lebensrechte des deutschen Menschen!" (Lebhafter Beifall bei den Nationalsozialisten.)
Abg. Dr. Hamburger (Soz.) führt aus: Heute nennt Herr Kube die Mitglieder der Reichsregierung eine Clique politischer Hazardeure. Es ist eine einwandfreie Tatsache, daß der Landtagspräsident Kerrl durch seinen Bries vom 19. Juli an den Reichskanzler v. Papen die Einsetzung des Reichskommissars für Preußen befürwortet und in einem späteren Schreiben diese Maßnahme als rechtlich zulässig und notwendig bezeichnet hat. Der nationalsozialistische Redner habe heute ein besonderes Treuebekenntnis zur Verfassung abgelegt. Damit sei er nun auch Systempolitiker geworden und habe dem System, das er seit Iahren bekämpfte, die Reverenz erwiesen.
Abg. Oe lze (Dn.) gibt namens seiner Fraktion eine Erklärung ab, in der betont wird, daß die fortgesetzte Zersetzung der Polizei- und Beamtenschaft, sowie die Ausgabe von Staatsgeldern für parteipolitische Zwecke des sterbenden Systems ein beschleunigtes Eingreifen der Reichsregierung notwendig gemacht haben. Die deutschnationale Reichstagsfraktion sehe die vorübergehende Einsetzung des Reichskommissars in Preußen als einzig mögliche Maßregel im Staatsinteresse an.
Abg. Stendel (DDP.) nimmt den Reichspräsidenten gegen einen Vorwurf des Abg. Kube in Schutz. An der rechtlichen Frage, daß der preußische Reichskommissar alle Befugnisse des Ministerpräsidenten übertragen erhalten habe, bestehe kein Zweifel.
Abg. N u s ch k e (Staatsp.) bezeichnet die Einsetzung des Staatskommissars und die Absetzung der Minister als verfassungswidrig.
Bei den Abstimmungen wird mit den Stimmen aller Fraktionen gegen die Deutschnationalen und bei Stimmenthaltung der Christlich-Sozialen ein nationalsozialistischer Antrag angenommen, wonach
der Landtag dem Reichskommissar von Papen seine Mißbilligung ausspricht.
Die Nationalsozialisten rufen den auf ihren Plätzen sitzengebliebenen deutschnationalen Abgeordneten zu: „Nieder mit der Reaktion!" v
Annahme findet mit der gleichen Mehrheit ein sozialdemokratischer Antrag auf Aufhebung der Notverordnung über die Einsetzung des Reichskommissars und auf beschleunigte Herbeiführung der Entscheidung des Staatsgerichtshofes.
Mit den Stimmen der Kommunisten und der Nationalsozialisten wird ein kommunistischer Antrag angenommen, wonach kein Beamter oder Angestellter verpflichtet sein soll, den auf Grund der Verordnung über die Einsetzung des Reichskommissars erlassenen Dienstanweisungen nachzukommen.
Daraus vertagte sich das Haus auf Mittwoch, ■ 21. September.
Verbot des „Vorwärts".
Berlin, 30. Aug. (WTB.) Der Polizeipräsident teilt mit: Der „Vorwärts" einschließlich seiner Abendausgabe „Der Abend" ist auf die Dauer von drei Tagen verboten worden. Das Verbot erfolgte, weil in der Abendausgabe vom 29. August eine Abhandlung enthalten ist, die das Programm des Reichskanzlers als „das Programm des Verfassungsbruches" bezeichnet. Diese Charakterisierung, die keinerlei tatsächliche Unterlagen hat, stellt eine grobe Beschimpfung und böswillige Verächtlichmachung des Reichskanzlers dar.
Während dieser mystischen Unterhaltung wurde der Platz neben der Riesendame von einem kleinen Herrn eingenommen. Infolge seiner untersetzten Bauart ging er restlos in den Polstern unter und gewährte Elfi einen Ausblick wie noch nie. Sie sah mich triumphierend an, schmunzelte und pries mit Inbrunst ihren Aberglauben. Ich hütete mich, zu widersprechen.
Da nahm das Omen eine rasche Wendung.
„Ach, verzeihen Sie, mein Herr", hörten wir plötzlich die Riesendame den kleinen Mann fragen. „Wäre es sehr ungezogen von mir, Sie zu bitten, den Platz mit mir zu tauschen. Es ist zwar komisch, aber wissen Sie, ich bin furchtbar abergläubisch wegen der Drei- 8et)n."
Sie tauschten. Was zur Folge hatte, daß ich die beste Aussicht auf die Bühne bekam. Elfi dagegen bekam einen gelinden Schlaganfall. -
Zeitschriften.
— „Philosophie und Lebe n“, herausgegeben von Prof. Aug. Messer: Verlag Felix Meiner, Leipzig. Einzelheft 0,75 Mk. — Das September-Heft enthält «ine geistvolle philosophische Plauderei von Prof. Böhringer, Stuttgart, über den „Zufall" und einen ausführlichen Bericht über H. Dmglers Buch „Weltmaschine und menschliche Freiheit". Ein Meister der biologischen Forschung, Prof. Iulius Schulz, Freiburg, behandelt „die beiden Methoden der Naturphilosophie". Aus dem weiteren Inhalt wird eine tiefdringende Charakteristik des bekannten Philosophen Friedrich Paulsen (t 1908) und die innere Entwicklungsgeschichte eines jungen Schwaben besonderes Interesse erregen.
Hochfchulnachrichten.
Professor Dr. Walter Fried o es in Rostock, her einen Ruf auf den Lehrstuhl der Haut- und Geschlechtskrankheiten an der Universität Berlin als Nachfolger von Professor G. Arndt erhalten hatte, hat die Berufung angenommen.
Für den durch den Tod von Prof. A. Hauffen an der Deutschen Universität in Prag erledigten Lehrstuhl für deutsche Volks- und Altertumskunde ist der a. o. Professor Dr. Viktor G e r a m b an der Grazer Universität vorgeschlagen worden. An zweiter Stelle ist Dr. Lutz Mackensen (Greifswald, bzw. Riga) vorgesehen.


