Ausgabe 
30.12.1932 Frühausgabe
 
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Ars der Vrovinzialhauptfladt.

Spende für die Winiernothilfe.

« Von der Gechäfisstelle der Gießener Winternot- Mift wird uns folgende neue Spende mitgeteilt: M Willy (B r ü t ft e i n, ßrönen. und Wäschegeschäft, Äiefr'gftra&e, enon Posten Textilwaren.

I Weitere Spenden werden mit Dank angenommen, ^ornoi^cn.

I Aus dem Stadttheaterbureau Kpird uns geschrieben: Heute, 23 Uhr, zum letzten- >^nnlDer D.eb", Schauspiel von Bernstein (Sp'.el- ^eilung: Karl Heyser). 12. Dorstellung im s>Are:tag-Abonnement. Gewöhnliche Preise. Ende j 22 Uhr. Am Silvesterabend um 20.15 Uhr L 6töpfel von Arnold und Dach. Oberspielleiter ' 'ßcter Fasso11 und die Mitglieder des En- s embles mit Heinrich Hub in der Hauptrolle, tote Regle hat für die Silvesteraufführung eine vaanze Reihe hübscher Abwechslungen eingelegt, o e unter der Leitung Kapellmeister Moehls ' und Ballettmeister Bäulkes eine amüsante Ueberralchung bedeuten. Die Darstellung, außer Abonnement und zu ermäßigten Preisen, endet 22.30 Uhr. Sonntagnachmittag, 1. 3anuar, in 'cchs bunten Märchenb.ldern mit Gesang und TanzAschenbrödel". Spieldauer von 15.45 bis 18.15 Uhr. Für den Reujahrsabend sieht der Lpielplan einenKabarett"-Ab nd vor. Das sorg­fältig ausgewählte, reichhaltige Programm bringt i'unter der Eesamtleitung Wolfgang Kühnes, der auch die Ansage übernimmt, eine neue bunte Dortragsfolge. Das Programm umfaßt Sketsch, Musik, Gesang, Rezitation und Tanz. Erstmalig wirkt der oberhessische Heimatdichter Gg. Heß mit, der in Originaltracht eigene Dichtungen hes- sicher Mundart zum Vortrag bringt. Beginn des

Kabaretts 20 Uhr, Ende gegen 22.30 Uhr. Danz kleine Preise.

e

Der Postdienst am Reujahrstage. Wie das Postamt Gießen uns mitteilt, werden am Reujahrstage der Schallerd.enst und die Brief­kastenleerungen wie an den Sonntagen durchge­führt. Die Ortsbrieszustellung wird um 8 Uhr und um 14 Uhr stattsinden, ferner wird eine Orts- Geldzustellung ohne Rachnahmen und Postauf­träge erfolgen, dagegen die OrtS-Paketzustellung ruhen. Rach allen Landorten wird eine Brief­zustellung durchgeführt werden.

** Kommt Schnee? Die Umgestaltung der Großwetterlage, so wird von berufener Seite ge­schrieben, zu einer winterlichen Rormalwetterlage hat seit den Feiertagen bereits Fortschritte ge­macht. Dabei ist auch die für Schneesportler er­freuliche Tatsache zu verzeichnen, daß in den hö­heren Lagen jetzt durchweg wieder Frost herrscht und in den Gebirgen des nordwestlichen Deutsch­land, so auf dem hohen Westerwald und im Sauer­land nennenswerte Schneefälle niedergegangen sind. Da die Entwicklung der Wetterlage m glei­chem Sinne fvrtschreitet, kann in absehbarer Zeit auch in den uns benachbarten Gebirgen mit Schneefällen gerechnet werden. Doch wird die Urngestaltunng ganz langsam fortschreiten.

" Identifizierter Toter. Der am Mittwvchvrrmittag, wie gestern bereits berichtet, aus der Lahn bei Gießen geländete Tote wurde als der 29 Jahre alte verheiratete Schreiner Christian Hantel aus Erda erkannt. Der be­dauernswerte Mann, der schon seit 30. Oktober von zu Hause verschwunden war, litt an Gemüts- erkranlung. Ein Verbrechen ist bei dem Tode des Mannes ausgeschlossen. Der Verstorbene hinter­läßt seine Frau und drei unmündige Kinder.

Dienst an der Gesamtheit.

IZwischen den Jahren" in der Zeit der Nach- tzirnklichkeit und dem Rechenschastgeben wollen auch Dir, meine Freunde und Kameraden der hessischen |3ugcnb, uns darauf besinnen, ob wir die Zeit recht «nutzt haben, die unserem Wirken gegeben war. L Wir gingen mit Sorge in das nun ablaufende ^Jahr 1932. Die Sorge begleitet uns weiter. Be­reiten soll uns aber auch der Wille, Hand an- iju'egen, wo immer man unser bedarf und die Bo f f n u n g, daß aus unserem Miteinander [Immer stärker ein Füreinander werde und ein

Zwischen den Jahren.

kinWoftandieFreundeun-KameradenausZugend-un-VorköbildungSbewegrrng Don Heinrich Hafsinger, Darmstadt.

ner, der Volkshochschulen und der Organisationen mit kultureller Zielsetzung. Sie wurden unterstützt vom Staat, verantwortungsbewußten Gemeinden und den Gemeinschaften der Kirchen und Welt­anschauungen, sowie den Jugendpfarrämtern. Kein Zweig der Jugendarbeit brauchte vernachlässigt zu werden, weil sich herausstellte, daß die gesunden Kräfte, die aus der Jugendbewegung und der Volks­bildung strömen, ihren dauernden Wert gerade in unserer Notzeit erwiesen.

Gibt es, um mit dem bekanntesten zu beginnen, einen schöneren Beweis für die Richtigkeit auch des Tempos, mit dem unsere Jugendherbergen ausgebaut wurden, als den, daß sie auch im ver­gangenen Jahre und nahezu stärker als früher den wandernden Jugendlichen aller Schichten und jeden Herkommens billige und gute Unterkunft bieten konnten und so der jugendlichen Sehnsucht in die Ferne und in die Freiheit dienten? Die Jugend­burgen gaben ihre Räume für Freizeiten der Ar­beitslosen, ermöglichten Stadtkindern den Ferien­aufenthalt, sie stellten sich mit in die Reihe der Kämpfer und Helfer gegen die Not.

Was sie den erholungsbedürftigen Körpern boten, das boten die geistigen Burgen, unsere Volkshochschulen und Volksbüchereien dem Verlangen nach Weiterbildung und sinnvoller Ausnützung der freien Zeit.

2Han muß es deutlich sagen, daß es eine Ruhmesfeite in der deutschen Nokgeschlchte darstellt, daß das Bedürfnis, an den geistigen Gütern des Volkstums und der Menschheit teil- zuhaben, gerade in der Notzeit gewachsen ist und daß es nicht so ist, wie man manchmal hörte, daß die Not oberflächlich und leicht­sinnig machen mühte.

Ueberraschend im Steigen begriffen ist die Inan Ipruchnahme der Volksbücherei: sie hat fiel- lfnweise dazu geführt, daß die Leserzahlkontigen- tiert werden mußte. Das kann nur mit Bedauern feftgefteüt werden und sollte eine Mahnung an alle Verantwortlichen sein, die Bücherei Hilfe aus­zubauen.

Alle guten Geister unseres Volkes sollen mobi­lisiert werden, um der Not, auch der geiftigen Not einen Damm entgegenzusetzen. In diesem Sinn wollten wir auch wirken, wenn im letzten Jahr auch der Pflege des deutschen Liedes, der Haus­musik, des Laienspieles und des Volks- tanzes die gleiche Aufmerksamkeit zugewandt wurde und möglichst auch die gleiche Förderung. Unsere Gesangvereine, deren gemein­schaftsbildender Wert nicht abzuleugnen ist und die unter der Massenarbeitslosigkeit ihrer Mitglieder sehr zu leiden haben, dürfen mit allen der Volksbildung und Heimatpflege dienenden Ver­bänden und Vereinen den Anspruch auf Treue und Förderung bei all denen geltend machen, die über ein Einkommen verfügen. Auch im privaten Haus­halt darf der Kulturetat nicht ohne die zwingendste Not beschnitten werden. Zu dieser Mahnung glaube ich mich um so mehr berechtigt, als ich auf Grund einer nunmehr fünfundzwanzigjährigen Tätigkeit im Dienste der Volksbildung und Jugend doch einigermaßen ermessen kann, welche starken Kräfte des Ausgleiches und der Kameradschaft, aber auch der Lebensweitung für den Einzelnen von ihnen ausgehen. Nur wenig wird nach außen bekannt, wie der Geist der Hilfsbereitschaft auch in ihnen in den letzten Jahren wirksam gewesen ist. Was ober die Pflege deutschen Liedes und Spieles für eine Gemeinschaft bedeutet, das haben wir in un­seren Arbeitslagern ersehen können. Wir hoffen, daß deren Teilnehmer dereinst sich auch einreihen in die Front derer, denen an der Schaffung einer neuen Volkskultur und veredelten Formen der Geselligkeit liegt.

Unser Arbeiten geht dahin, daß Geist und Körper eines Volkes nicht getrennt werden. In diesem Sinne haben unsere Turn- und Sport­vereine ihre Aufgabe auch in diesem Jahre zu erfüllen gesucht. Auch sie wollen nicht eine einseitige Körperkultur. Körperzucht und Willensbeherrschung bedeutet ihnen noch lange nicht das einzige Ziel. Den Geist per Kameradschaft, die Pflege der ge- wüthasten Werte von Volkstum und Heimat lasten sie sich ebenso angelegen fein. So faste ich auch den -oegrisf derJugendertüchtigung auf, dem nun von Reichs wegen eine besondere Organisation Dient. Unb ich weiß, baß auch Hessens Jugend für eine solche umfassende Deutung aufgeschlossen ist und jede Einseitigkeit ablehnt.

d Am Anfang und am Ende unseres Tuns stand tllnd steht das Vertrauen. Es ließ die Jugend D einem Ring der Hilfe sich zusammenschließen B&er die Grenzen der Parteiungen, der Welt- kwschauungen, der Klassen und der Stände: es ließ Mngrisse solcher, die aus Sonderinteressen unser Gemeinsames Werk nicht verstehen wollen, in Wd) selbst zusammenbrechen. Wir werden der Der- ikindnislosigkeit nicht einen gleichen Geist der Zwie- «acht entgegensetzen, sondern als Weggenossen je- Ivtn mit uns gehen lasten, der gleichen guten Wil- Wns ist und der auch im Jugendlichen anderen »denkens den Juge.idkameraden und ehrlichen Strei- rer sieht, anerkennt und achtet. Wo aber die Waffen Wicht rein sind, gibt es der Selbstachtung wegen kein Wrmeinsames Marschieren.

»Nur im Miteinander konnten wir bisher und kerben wir in Zukunft unsere Ausgaben lösen kön- Intn. Im Mittelpunkt all unseres Sinnens wird Weiter stehen die Frage, wie wir unseren c r - »vr b s l o s e n Jugendlichen auch von uns »us helfen können. Im Zusammenwirken mit den Hntänbigcn Stellen des Reiches, mit Unterstützung Itr Regierung unseres hessischen Volksstaates (dank- W»r sei dessen gedacht!) haben die Kräfte der Volks- Wdung und die Mitstreiter der Jugend dem Hes- W s ch e n Heimatwerk eine Wirkungsmöglich- ftit gegeben, die es mit an die Spitze aller gleich- Mrichteten Bestrebungen in unserem Vaterlande stellt hat.

Durch die vom heimatwerk unb den ihm an- U geschloffenen und befreundeten Organisationen betreuten Lager des freiwilligen Arbeitsdienstes sind im letzten Jahre weit über 15 000 Jugend- tiche gegangen. Jetzt, an der Jahreswende, W Zählen unsere Lager immer noch mehr als I 8000 Teilnehmer. Doch uns sind die Arbeits- »dienstfreiwilligen mehr als Zahlen und Jlum- meai. Wir wollen uns bewußt bleiben, daß I hinter jedem Einzelnen ein Menfchenfchickfal I st>l und wir wollen jedes die'er Schick'ale M ernst nehmen. Darum wird uns auch der Aus- | bau desNotwerks der Jugend" ein wichtiges

Anliegen fein.

BUl denen, die nsit ihrer 'Zeit und mit ihren Gaben »laugen in den Lagern den Jugendgenosten auf- »merungsvoll unb ohne äußeren Gewinn dienten, ÖCr -nxf 6etr .Sefamten Jugend. (Wer Zahlen L.;[cnlU' Am fei es gesagt, daß im letzten Herbst |Sn "ber 300 freiwillige Helfer tagaus tagein als f"h»eude und Vortragende draußen waren.)

I Dir freuen uns auch der Anerkennung, die dem Mrk-n der Volksbildner unb ber Arbeitslager Hes- öen berurenen bebörblidjen Stellen zuteil iKÄ Unb, dazu führte, daß dem Hessischen E ^r das Gebiet unseres Landes auch

«e Ausbildung der künftigen Lagerleiter im LurL L9Cr Arbeitsdienst Übertragen

J6urbe Bisher sind es über hundert, und bis zmn Echften Frühjahr durften es mehr als zweihundert lÄrl.^Qn^erabfd)aft5fÜ^rer lein- Wir brauchen es JX besonders noch zu sagen, daß diese Führer- pmeraben tn ihrem ganzen Denken auf ben übcr= parteilichen Charakter unseres Wer- ffes eingestellt sind, daß sie ihre Aufgabe im Dienen unb nicht im Kommandieren sehen. Das u rf wird sich nie für irgendwelche Sonber- «Deere hergeben! Und ebenso wird es sich zur Wehr Imv' man ihm falsche Absichten unterstellt! s Wir sehen alle Aufgaben, vor die heute die Ju g e n b unb ihre Führer gestellt sinb, unter »,taQ)e.n Gesichtswinkel des Dienstes r *JX c,niat und Vaterland. Darum (l, ~s nuch m Zukunft keine isolierte Betrachtung wr ^5n-0cn der lugenblichen Arbeitslosen mit benen n2en jugendlichen unb ber gesamten Volks- i t . ewegung. Neben bem freiwilligen Arbeits-

'ftirHuih ^ch in diesem Jahr die unterrichtende, irtbübenbe, umschulende Tätigkeit der Volksbild­

Freunde und Kameraden aus Jugend und Volks- bilbungsberoegung! Wenn wir so zwischen den Iah- reifrunfereBilanz" ziehen, bann wagen wir nicht zu entscheiden, ob sie in allem ermutigend ist. Aber das Eine können wir sagen:

2Hutlos ju fein, haben wir keinen Grundi

Manches erfüllt uns mit Freude, an vielem sehen wir Fragen erwachsen. Wir wollen keiner Frage aus dem Wege gehen, wir dürfen es

nicht, des Zieles wegen und um derer willen, die nach unserem Dienste verlangen.

Hinter uns bleibe der Gedanke an persönliche Er­folge. Blicken wir auf die Sach e. Sie zu verteidi­gen und zu einem guten Ziele zu führen darf es kein Zagen geben.

Miteinander Füreinander! Vorwärts! Mit Gott für Jugend, Volk unb Heimat!

Der Mann, dem Europa sein heutiges Gesicht verdankt... Leben und Taten des Königs Eduard VII. von England.

Don 7t Schlichters.

I.

Gilvestergespräch zweier Diplomaten anno!932

,Zst es wicht merkwürdig, daß wir uns immer wieder zu verzweifelter Rückschau drehen unb wenden?"

Meiner Ansicht nach «in verständliches Beginnen angesichts eines zum Ende rollenden Jahres. Der Mensch, auch wenn er Politiker ist, fühlt sich nun einmal veranlaßt, an solchem Zeitpunkt Bilanz zu machen. Das ist Geschäftsusance, wie es nüchtern und wirtschaftlich gesprochen heißt."

Und was wird dies Jahr 1933 bringen?"

Uns? weitere Entwirrung unb Klärung der gigantisch-katastrophalen Erbmasse, die ein einzel­ner Mensch diesem immer noch in Krämpfen sich windenden Erdteil Europa hinterlassen hat."

Em einzelner?!"

Frage gegen Frage!: Wie, glauben Sie, würde das Gegenwartsgesicht Europas aussehen, wenn es keinen Eduard VII. von England ge­geben hätte?!"

,Herrgott, Sie haben recht! Hier liegt Keim und Urgrund zu allem Heutigen! Ohne dies schick­salsschwer« Königsdasein hätte die europäische Mächtekonstellation zu Ausbruch des Wettkrieges vermutlich gänzlich andere Farmen gehabt! hätte es vielleicht keinen Weltkrieg, sicherlich aber einen anderen Wettkrieg gegeben als den, der unserm Erdteil fein heutiges Gesicht gab unb das tausend- formige Chaos auf ihn niederkeulte, das zu ent­wirren die Sisyphusarbeit unseres Amtes und Lebens ist?"

Sehen Sie, Bilanz machen heißt: das Fazit aus dem Vergangenen zu ziehen, damit man denGegenwartsftatus des Geschäfts" klar überschaut unb die Gegebenheiten zur Weiterarbeit und Entwicklung bis ins Tiefste beherrscht! Und kein Heut-gsr kommt bei solcher Bilanz um Leben, Taten und Planen dieses einen Menschen herum, der sich Eduard VII. nannte."

Die meisten haben da, aus Mangel an Kennt­nissen, nur die Möglichkeit, mit angelernten Schlag­worten um sich zu werfen: Lebemann, Spieler, Intrigant"

Bedauerlich. Denn nebenbei ent raten sie damit des Wissens um ein Lebensdrama von ungemeiner Spannung!"

Drama? Spannung?!"

Aber gewiß. Bitte, erinnern Sie sich doch!"

II.

Eine Kronprinzenfugend.

Wie weit sind Sie mit der Denkschrift, Stock- mar?"

,Jch hab« endlich das Gesetz 'ber Vererbung ab- gewickelt. Königliche Hoheit im Hinblick auf un­seren ... unseren besonderen Fall."

Gut."

Ihre Majestät wird nun klar erkennen können, welchen Erbfehlern der hannoverschen Ahnen die Erziehung des Prinzen von Wales entgcgenzu- wirken haben wird."

Prinzgemahl Albert aus dem Haufe von Sachsen- Koburg, Gatte der Königin von England, der jungen Victoria, die soeben den ersten Sohn, den Kronprinzen Awert Eduard geboren hatte, nickte «düster vor sich hin. Dor seinem geistigen Auge stieaen die Schatten auf: der bem Wahnsinn verfallene dritte Georg, der Urgroßvater des Neu- geborenen; dann einst Europas wildester Lebe­mann, der Großonkel Georg IV.; ferner der bru­tale Großvater, der Herzog von Kent unb die Verwandten drüben in Hannover, vor allem ber kranke, blinde Kronprinz ... Den Sinnenben über­schauerte es.

Also arbeiten Sie weiter, Stockmar. Es muß der Königin von allem Anbeginn her klar gemacht werden, daß, um diese furchtbaren Erbgesahren im Keim zu ersticken, eine eisern strenge Erziehung, ohne jede Weichlichkeit, vonnöten ist. Schließlich handell es sich um den zukünftigen König von Groß­britannien!"

3n zwei Tagen werde ich Eurer Königlichen Hoheit die vollständige Deutsch.ift zur Begutachtung vorlegen können."

Ich danke Ihnen, Stockmar."

Baron Stockmar, der einstige Erzieher des Prinz­gemahls, dieser eiskalte Rationalist unb düstere Puritaner, zieht sich zurück, zu neuer Arbeit an bemErziehungsplan", ber eine ganze Kronprinzen­jugend grausam zerknechten sollte.

*

Die Denkschrift hat ihren Zweck erfüllt. Die junge Königin ist in hysterische Angst hineingehetzt worden vor den Schatten der Ahnen. Im übrigen folgt sie sowieso blindlings allem Wollen, allen Ansichten ihres Gatten, dieses seltsamen Märtyrers seines Pflichtgefühls und Gewissens, der jede Regung ber Freude, der Hoffnung alsSünde" ansieht unb sie streng verbannt so aus dem eigenen Leben wie aus bem Herzen der Königin. Sie üebt diesen ihr geistig überlegenen Gatten in dem gleichen Maße, wie ihn das englische Volk haßt. Sie ist ein instinktstarkes Geschöpf gewesen: heute schon lebt sie nur noch jenen abstrakten Pstichtbegriffen, die der Prinzge- mahl auf dem Wege immer mehr sich häufender Denkschriften^ unerbittlich in sie hineinge- fnetet hat. Selbst nach seinem Tobe stets gegen­wärtig, wird ber Prinzgemahl unb sein unheim'ich kalter Pflichtbegriff ihr ganzes Leben regieren, wirb lebenslang das Verhältnis Mutter unb Sohn, Königin und Kronprinz zerstörerisch beherrschen und dies Kronprinzenleben zu der Tragödie machen, als die es sich noch den Heutigen darstellt unb als die es eine auffällige Parallele in der preußi­schen Geschichte findet ... Friedrich II. unter bem eisernen Regiment des Vaters, bes Pflicht- rnenfchen Friedrich Mlhelm I.

Die StockmarscheErziehungsdenkschrift" Hal jeglichesWeiber-regiment" bezüglich ber Erzie­hung des kleinen blauäugigen Loclenlopfes streng abgelehnt. Strenge Isolierung Lernen, Ler­nen, Lernen!: das seht für den Kronprinzen, gleichsam in der Wiege schon ein. Er schreibt und- spricht mit sieben Jahren bereits englisch, deutsch und französisch. TieErtüchtigung" des Sieben­jährigen legt der Prinzgemahl zunächst in die Hände des Humanisten unb Erziehers Birch. Vor­aussetzung des Systems: ununterbroch-ene Heber* wachung des Zöglings: geistige Konzentration: unbedingte Unterörüdung sogenannter Freiheit irr jeder Form: und Führung eines Tagebuches durch den Knaben! Ter Theologe Birch ist milde: er versucht des Vaters Erziehungssystem mit Menschlichkeit zu durchsetzen: es gelingt ihm, sich die Anhänglichkeit des Kindes zu erwerben. Milde? weg damit! Birch wird alsbald ent­lassen: weinend drückt der kleine Prinz dem schei­denden Erzieher heimlich kleine rührende Geschenke, Blumen und Zettel mit Zärtlichkeitsbeteuerungen in die Hand: das Kind erlebt seine erste Seelen­tragödie. Birch wird ersetzt durch Mr. Gibbs, einen gescheiterten Anwalt. Mr.Gibbs paukt: gute Manieren. korrekteKleidung, Zweck­mäßigkeit und Lernen, Lernen, Lernen. Eine rasende Fülle von Lektüre und Wissensstoffen hat das Kind durchzuackern: der Prinz-emahl, der pathologische Denklchristler, studiert die Geaen- denkschriften des Erziehers wie Fieberkurven. Ver­kehr mit Gleichaltrigen wird nicht geduldet! Sport: nicht geduldet!. Lernen, Briefe schreiben, Tagebuch führen: das ist die Kindheit des Prinzen von Wales. Tas Rervenshstem des Knaben wird zer- rüttet Aber vergeblich sucht man jede Regung der Selbständigkeit zu zerlnütteln. Ter Knabe bäumt sich wieder und wieder auf gegen dies un­menschliche Foltershstem der Erziehung. Er berfäOt in rasende Wutausbrüche, vor allem cegen die El­tern. Sie veranlassen den Prinzaemahl jedoch nur, die Kandare noch schärfer anzuziehen. Mr. Gibbs wird entlassen, Mr. Bruce nebst Frau treten auf den Pl<m Kerkermeister nach Vorschrift. Herr Bruce sicht sich genöt'gt, tief trauend dem Prinz­gemahl in eii.erDenkschrift" mitzuteilen, daß der junge Prinz Gelehrsamkeit verachte, zu viel Wert auf Kleidung lege, vor allem nicht dazu neige, Reflationen anzustellen wörtlich! Man inter­niert den Prinzen in dem Landschlößchen White Lodge. Einsamkeit Denkschriften Lernen, Lernen, Lernen Tagebuch ...

Tas Kind wird zum Jüngling einsam. Im­merhin erfährt die englische Oeffentlichkeit von der barbarischen Erziehung, die man ihrem künftigen Kömg zuteil werden läßt. Es hagelt P r o t e st e. Der Prinzgemahl schiebt sie beiseite. Gelegentlich darf der Prinz reifen unter steter Bewachung von Mr. Bruce ©eine Lieblingsschwester, die Prinzessin Victoria, wird mit dem preußischen Kronprinzen, dem nachmaligen Kaiser Friedrich, verrnählt. Kur^ danach darf auf ausdrücklichen Wunsch der Schwester der Prinz sie in Potsdanr besuchen ihm geht eineDenkschrift" des Prinz­gemahls voraus: derE r z i eh u n g s p l a n" darf auch in Deutschland keinerlei Unterbrechung erfahren und vor allem: keinerlei kleinste Auf­merksamkeiten für den Prinzen von Wales! Gegen das ganze Foltersystem, mit dem man den eng­lischen Kronprinzen zu zerbrechen sucht, lehnt sich der alte deutsche Kaiser, Wilhelm I., heftig auf. Er veranlaßt, daß man bem Zungen, der vom Le­ben nichts als die dunkelsten Schatten kennt, einen glänzenden Empfang und rauschende Feste bereitet. Ter Prinzgemahl knirscht vor Entsetzen. Die Kandare wird noch scharfer angezogen. Man jagt ihn nach Rom, Archäologie zu treiben nach genau geregeltem Stundenplan. Tana - Edinburgh. V:r- bereitungszeit auf Oxford a so neue Kerkerzeit. Dann Oxford. Verbot auch des losesten Verkehrs mit den anderen Studenten: Verbot jeglichen Sports: also: weiter Kerker!

Tie Folge: neuerliche Proteststürme der Oef­fentlichkeit: Heimli hleiten des Prinzen, um sich wenigstens etwas von dergoldenen Etudenten- freiheit" zu verschaffen: wilde Szenen mit den El­tern: Haß auf beiden Seiten: offizielle Schritte der Minister bei dem Königspaar zugunsten des Prinzen. Diese Schritte erreichen es, daß man den Prinzen auf einepolitische" Reise nach Kanada und Den Vereinigten Staaten spickt, wo man das liebenswürdige Wesen und die Klughcit des Jüng­lings nicht genug und aus ehrlichem Herzen zu rühmen weiß. Rach der Rückkehr: neue Kaser­nierung in Oxford. Da stirbt, im Jahre 1861, der Vater, der Meister der Denkschriften, der Prinz­gemahl

Freiheit? !

Das System der Mutter ersetzt das des Vaters und ist im Grunde genommen das Gleiche. Die künsllich argwöhnisch gemachte Königin sieht in dem Sohn nichts als den Rivalen, den Rachfolger in der Königswürde, den man ducken muß, damit er nicht aufkönigliche" Gedanken kommt ... Rei­sen darf er aber nicht sich in Vorbereitungen. auf fein späteres Amt betätigen. Mr. Druce, der Kerkermeister, bleibt weiter Herr des Prinzenschick-- sals. Tann stirbt er.

Freiheit?!

Unter dieser Mutter gibt es keine Freiheit! Rie- mals erfüllt sich ihm, bis zum Regierungsantritt, der Herzenswunsch: Mannesarbeit für Mannes­kräfte. Er hat zu gehorchen. Und er gehorcht. Ge­horcht auch in allem, was seine Heirat betrifft. Tie Mutter diktiert ihm die Vermählung mit Alexan­dra, Tochter des nachmaligen Königs Christian von Dänemark, und nimmt nicht nur den Sohn, sondern auch die Schwiegertochter unter ihre Fuch­tel. Tie Hochzeit findet statt am 10. März 1863. Es gibt keinen eigenen Haushalt, kein eigenes Le­ben. Der Prinz tritt ins Mannesalter und bleibt ein Staatsgefangener, der sich lediglich durch ein elegantes Aeußeres auszeichnen dars...

(Fortsetzung folgt.),