Sprechstunden der Redaktion.
HJO bis 1230 Uhr. 16 bis 17 Uhr. Samstag nachmittag geschlossen
Mnjelgenaaflräge find lediglich an die Geschäfts steile zu richten.
Seitengewehr, zwei Stiche in den rechten und den linken Oberarm, sowie eine größere Verletzung an der Unten Wange. Der Student wurde nach erster Hilfeleistung durch die Freiwillige Sanitätskolonne vom Voten Äreiu der Chirurgischen Klinik Angeführt. Der Soldat begab sich nach dem Vorfall zur Kaserne. Die pollzeilichen Ermittelungen send eingeleitet.
" Blutige Auseinandersetzung zwischen einem Liebespaar. Der Po- lizeibericht meldet: Gestern gegen 21.30 Uhr brachte die 23jährige Pflegerin C M. aus Lollar ihrem Liebhaber F. F. von hier in dem Treppenhaus des Hauses Wühlstrahe 2 drei Messerstiche bei, davon einen in die linke Drustseite in die Herzgegend, den anderen am rechten Oberarm und den dritten in die linke Schulter. Der Stich in die Drust ist nach Angabe des Arzte» schwer, so daß Lebensgefahr besteht. Die Täterin halte sich für ihre Tat ein feststellbares neues Dolchmesser in 25 Zentimeter Länge beschafft. Aach ihren Angaben war der Anlaß zu der Tat eine Auseinandersetzung mit ihrem Liebhaber, da das Verhältnis zwischen den beiden nicht ohne Folgen geblieben war und der junge Mann daS Mädchen angeblich im Stich lassen wollte. Sin Zeuge, der auf die Hilferufe hinzukam, nahm der Täterin das Messer ab. wobei 'ich das Mädchen erheblich an beiden Händen verletzte und deswegen in di« Chirurgische Klinik gebracht werden muhte. Der gestochen» junge Mann wurde nach erster Hllfeleistung durch die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz ebenfalls der Chirurgischen Klinik zugeführt. Di« polizeilichen Ermittlungen über den noch dunklen Vorgang sind im Gange.
•• Sin unbekannter Toter. Gestern gegen 11 Uhr wurde, wie die Kriminalpolizei mitteilt, in der Aähe der Kläranlage eine un
Ein deutscher Arzt erobert Afrika
Gustav RachtigalS Heldentaten im Gchrvat-zen Erdteil.
Don Paul A. Hofer.
Aus Oer pnwinziathauptfiadt
Gießen, den 30. 3uni 1932.
Kampf gegen die Kriegsschuldlüge.
Line Protestkundgebung der Gießener llnioersität.
In Anwesenheit Seiner Magnifizenz des Rektors der Universität, von Vertretern der Dozentenschaft und einer großen Anzahl Studenten fand gestern abend in der Neuen Aula der Universität im Rah- men des Vortragszyklus über Wehr- Wissenschaft eine Protestkundgebung der Universität gegen die Kriegsschuld l ü g e statt.
Sc. Magnifizenz der Rektor, Prof. Dr. Danse- l o w, sprach zunächst einige einleitende Worte über die Bedeutung der Kriegsschuldfrage für Volk und Vaterland und kennzeichnete die deutfche Stellung hierzu^ er begrüßte besonders den Redner des Abends, Dr. h. "c. von Sßegerer, der es sich zur Aufaobc gemacht habe, an der Lösung der Kriegs- schuldfrage mitzuarbeiten. Schon im Zähre 1928 habe die Universität Gießen dem Vortragenden in Würdigung seiner Verdienste den Xitel eines Ehren- doktors der Universität verliehen. Der Abend solle zugleich eine Protestkundgebung gegen die Lüge von Deutschlands Schuld am Kriege sein. Sodann hielt auch cand. jur. Wehrfritz eine kurze Ansprache, in der er vor allem den Standpunkt der deutschen Jugend zur Kriegsschuldfrage klarlegte und den unerschütterlichen Willen, die Ketten des Versailler Vertrages zu zerschlagen, besonders betonte. Er verlas gleichzeitig folgende
Entschließung:
„Rektor, Dozenten und Studentenschaft er- heben anläßlich der 13. Wiederkehr des Tages der Unterzeichnung des Versailler Diktates erneut schärfsten Protest gegen diese Vergewaltigung eines ganzen Volkes! Die letzten 13 Jahre der größten Not über Deutschland haben gezeigt, daß ein Wiederaufstieg unseres Vaterlandes, als auch der gesamten Well nur über die Trümmer der sogenannten Friedensoerträge möglich ist. Wir werden nicht ruhen und rasten, bis in gemeinsamer Arbeit dieses Ziel erreicht ist."
Im Anschluß an die Verlesung dieser Entschließung wurden zwei Strophen des Deutschlandliedes gesungen.
Sodann sprach Dr. h. c. von Degerer über das Thema des Abends:
„Die Kriegsschuldfrage seil 1918".
Seinen Ausführungen sei folgendes entnommen: Wenn man einen Ueberblid über den Fragenkomplex
bekannte männliche Leiche auS der Lahn ge» ländet Der Verstorbene gehört anscheinend dem Arbeiterstande an. er ist etwa 65 Jahre alt, 1,73 Meter grob, kräftig, hat meliertes Haar, rotblonden Schnurrbart, niedrige Stirn, hell- blaue- Auge (das linke Auge fehlt», rotblonde Augenbrauen, große abstehende Ohren und lückenhafte Zähne, die fast vollständig fehlen. Er war bekleidet mit dunklem Rod und Weste, schwarzer Hose (llnisormhose mit roten Streifen), schwarzen Strümpfen, schwarzen neuen Schnurschuhen und Trikothemd ohne Einsatz. 3n der Aähe der Fundstelle lagen eine blaue Mütze, ein Klappstühlchen, ein kleine- Kissen, Stod und eine Schutzklappe für das fehlende. Auge. 3n den Taschen de» Toten befanden sich ein großer Haustürschlüssel und ein Taschenmesser mit Horn- griff. Angaben über die Persönlichkeit deS Mannes erbittet die Kriminalpolizei.
Taten für Freitag, I.Juli.
1646: der Philosoph Gottfried Wilhelm von Leibniz in SeUwig geboren. — 1867; die Verfassung deS Aorddeutschen Bunde- tritt in Kraft. — 1881: der Philosoph Hermann Lotze in Berlin gestorben.
Taten für Samstag, 2. Juli.
1714: der Komponist Christoph Willibald Ritter v. Gluck auf Weidenwang geboren. — 1724: der Dichter Friedrich Gottlieb Klopftock in Quedlinburg geboren. — 1877: der Dichter Hermann Hesse in Calw geboren.
ber Kriegsschuld gewinnen wolle, müsse man einen Blick auf die historische Entwicklung werfen. Bei der Eingehung des Waffenstillstandes im Jahre 1918 bevorstehenden Friedensoechandlungen betrachtet worden. Diese Grundlage habe man bei den Friedensoerhandlungen in wesentlichen Punkten verlassen und dabei den Friedensvertrag von Versailles zum Teil auf Grund gefatschter Dokumente konstruiert. Auf deutscher Seite habe man leinerzeit die Bedeutung der Kriegsschuldfrage im Rahmen des Friedensvertrages sehr wohl erkannt und die Einsetzung eines neutralen Untersuchungsausschusses verlangt. Das sei ab gelehnt roor- de" Vielmehr behaupteten tne alliierten Mächte, daß Deutschlands Schuld am Kriege längst erwiesen le* und Deutschland mitsamt seinen Verbündeten vorsätzlich den Weltkrieg herbeigefuhrt habe Wie der 5 231 des Versailler Friedensoertrags zustande gekommen sei, wäre dis heute noch nicht sicher nachzuweisen. In der deutschen Friedcnsdelegation habe von Brockdorfs.Rantzau aber schon von Anfang an betont, daß Deutschlands Alleinschuld am Kriege eine Lüge sei. In seinen weiteren Aus- Führungen ging der Vortragende auf die Lansing- Note ein, deren Einzelheiten er den davon abweichenden Bedingungen des Versailler Vertrages gegcnüberstellte. Die Lansing-Note sei bindend gewesen, so betonte er, unb deren Umgehung und Abwandlung bedeute nichts anderes, als einen klaren Rechtsbruch. Die deutsche Friedcnsdelegation habe sich zwar mit aller Kraft gegen diesen Rechtsbruch gewandt, die Anerkennung der Verpflichtungen des Versailler Vertrages sei Deutschland aber aufgezwun- gen worden. Ein umfangreicher Notenwechsel habe eingeletzt, von deutscher Seite her sei man hartnäckig gewesen, noch einmal fei der Rechtsstandpunkt in den Vordergrund gedrängt worden, den Bemühungen sei aber der Erfolg versagt geblieben, denn Elemenceau drohte mit dem Abbruch der Verband- lungen und habe bereits den Vormarsch der Truppen zu einem bestimmten Zeitpunkt befohlen, sofern der Vertrag nicht unterzeichnet werde.
Aach dem der Vortragende noch auf den engen Zusammenhang zwischen Kriegsschuldsrage und Reparationszahlungen hingewiesen hatte (mit dem Fall der KriegSschuldlüge falle gleichzeitig ein großer Teil der Forderung auf Reparationszahlungen), ging er auf die Verhältnisse nach dem Kriege und nach den Friedensverhandlungen ein, schilderte in Einzelheiten di« verschiedenen Konferenzen von London. Locarno usw. und zitierte dabei die sehr wesentliche Aeuherung Lloyd George-, der 1921 in London sagte, daß die Schuld Deutschlands am Kriege di« Grundlage für di« 'Forderungen der Aliierten fei, ja, der Vertrag von Versailles sei darauf aufgebaut. Der Ruhrein-- bruch, der Ruhrkampf, die Verhandlungen zum DaweS-Abkommen, di« nachfolgend« laue Behandlung der Kriegsschuldsrage bei den weiteren Verhandlungen (man wolle, so sagte man, vermeiden, durch die Aufrollung der Kriegsschuldfrage die Versöhnuckgsarbeit zwischen den Völkern zu stören- die Bedeutung deS Eintritts Deutschlands in den Völkerbund, die Erklärung Hindenburgs gegen Deutschlands Schuld am Kriege (abgegeben bei der Einweihung des Tannenberg de nk- rnalS) u. a. m. zog der Redner in den Kreis seiner Betrachtungen, um schließlich kurz zusammenfassend zu betonen, daß die bisherigen Angriff« auf die Kriegsschuldlüge noch immer mißglückt seien. Bei den Verhandlungen um den Poung- plan sei die Kriegsschuldfrage auch nicht aufgegriffen worden: das Volksbegehren gegen den Poungplan habe zu keinem Erfolg geführt, das Volk fei sich aber einig gewesen in der Ablehnung deS Versailler Vertrages. DiS heute habe sich in der Betrachtung der Kriegsschuldsrage bei den Alliierten keine Aenderung durchgeseht. Um so mehr müsse von deutscher Seite der Kamps um die Beseitigung der Kriegsschuldlüge mit aller Energie fortgesührt werden. Zwar könne die Lösung der Probleme nicht auf dem politischen Wege erfolgen, wie «S sich längst erwiesen hab«, vielmehr müsse die Wissenschaft mit eingreifen. Das 3ntereffe auS den Kreisen der Wissenschaft nehme ständig zu. Die wesentlichen Quellen seien die Dokumente, deren sehr viele vvrliegen. Kaum sei «S mehr möglich, das gesamt« Material zu überblicken. Der Kampf könne nur von der Wissenschaft her auf Grund der historischen Forschung mit Aussicht auf Erfolg geführt werden. Man brauche sich dabei auch nicht zu scheuen, die Wissenschaft deS Auslandes zu interessieren. Das deutsche Volk müsse aber an seinen Forderungen festhalten, die Wissenschaft müsse ihre Aufgabe zu erfüllen bestrebt sein und die akademische 3ugend, die kommende Generation, müsse ihre Kraft ebenfalls mit einsetzen und dafür sorgen, daß die Aufgabe erfüllt werde.
Starker Beifall dankte dem Redner für seine Ausführungen. Die von großem Ernst getragene Kundgebung fand damit ihr Ende.
Tunis, Unb beginnt, dem deutschen Doktor von diefem .Aufenthalt der Glückseligkeit" vorzu- lchwirmen, von all dem Wunderbaren und Fremden. von der berauschenden Buntheit de- Leben-, von dem heilkräftigen Klima. Rachtigal macht Einwendungen. aber sie sind leer und nicht ernsthaft gemeint Zenner tourt e-. er fühlt, daß dieser Mann nichts sehnlicher wünscht al» bleiben au dürfen. Endlich kommt et an den wunden Punkt der Doktor rückt mit der Wahrheit heraus es ist die leidige Geldgeschicht«. Da beginnt der Missionar zu lachen: .Glauben Sie, daß e» in Tunis keine Krankheiten gibt? Sie sind doch Arzt!"
Am 3. 3uni 1863 hält Aachtigal seinen Einzug auf dem klassischen Boden N*» alten Äartbaga, Das Ist der Anfang, das Märchen beginnt, in dem sich alle Wünsche erfüllen. Em alter Traum aus seiner Würzburger Studentenzeit taucht wieder vor ihm auf: Leibarzt des Del von Juni» zu werden. War es damals wirklich mehr als ein Scherz gewesen, eine Vorahnung künftigen Schicksal-. 3n wenigen Wochen ift der Deutsche ein gesuchter und hochgeschätzter Arzt. Seine Gesundheit bessert sich zustchend». Kein Mensch würde dem braungebrannten Manne auch nur noch eine Spur der schweren Erkrankung an,eben.
1864 bricht «in Aufstand au-. Das ganz« Zentrum deS alten Reich» steht in Flammen. Frankreich blickt von Algier £cr vergnügt aus den Zerfall, der ihm eine reife Frucht in den Schoß zu werfen verspricht. Der Bei rüstet ein kleine« Heer gegen die Rebellen auS. aber e» ist ein verzweifelte- Unternehmen, in dem unwegsamen, wüsten Gelände die nomadisierenden feindlichen Arabertrupp- zu schlagen. Der Doktor hat da« .herrliche Ländchen" lieb gewonnen, er will bei fciner Rettung mithelsen. Unb man Ist gern bereit, ihn als Mi.itärarzt einzustellen. Der Deutsch« zieht also in den tunesischen Bürgerkrieg. Er rechnet mit em paar Monaten. Aber erst nach einem 3ahr kann er wieder In die Hauptstadt zurück. Aach einem 3ahr aufreibender Arbeit und entnervender Einsamkeit. „Rur vereinzelt« Male konnte ich mit jemandem vernünftig sprechen, und wenn ich nicht Bücher und Zeitungen gehabt hätte, wäre ich vor Langeweile gestorben" schreibt er nach Hause.
Aber diese» 3ahr sollte sich später noch einmal gut bezahlt machen. Richt umsonst lernt er daS Land, di« Bewohner und ihre Sprache kennen, wie vor ihm selten ein Europäer. Unb in Tunis selber ist er ein berühmter Mann geworden, ber allmächtige Groß-Vezier macht ibn zu seinem HauSarrt und schließlich wird er sogar Leibarzt be- Bei. Bald kennt er keine ruhig« Minute mehr, vom frühen Morgen bis zum späten Abend belagert ihn eine ständig wachsende Schar von Patienten.
Heimweh und Llnraft.
Müht« der Mann jetzt nicht zufrieden sein, fo nah am Ziel ferner Wünsche 7 Aber in diesem Doktor Aachtigal steckt eine unbezähmbare Unruh«, er kann niemals Halt machen, niemals ausruhen, er will immer weiter. Tunis wird ihm von Tag zu Tag mehr verleidet Gr kann zwar eine verheerende Cholera-Epidemie durch energisches Eingreifen zum Stillstand bringen, aber ba- Land verelendet immer stärker. Was von ber Revolution und der Cholera verschont bleibt, rafft di« Hunger-not de- Winter- hin. .Ich muh nach Hau»", schreibt er seinen deutschen Freunden, ..die Sehnsucht nach germanischer Zivilisation verzehrt mein afrikanische- Gemüt .."
1868, sechs Jahre nach jenem Dflobertag, an dem vor ihm zum ersten Mal« in bläulichem Schimmer di« Küste Afrika- am Horizont ausgetaucht war, k«hrt er wieder in die Heimat zurück. Europa hat sich seitdem gewaltig verändert, auf den Schanzen von Düppel unb ben Feldern von Königgräh hat man die Grundsteine eines neuen Deutschland gelegt 3eht wäre es gut,, hier zu bleiben, und am neuen Ausbau mitzuwirken.
^a erreicht ihn, wenige Wochen nach seiner Heimkehr, die Rachricht, daß in Tunis bet Hungertyphus auSge brachen ift. Et zaubert nicht eine Minute^ er weiß, bah man ihn letzt dort unten braucht. Aber er ist fest entschlossen, nur noch dieses einemal hinüberzugehen, nur dies« wenigen Monate au-zuharren. Dann will er in Deutschland bleiben — für immer.
Der Doktor Gustav Aachtigal vergißt eine- in seiner Rechnung: die magische und rätselhafte Anziehungskraft deS Magneten Afrika!
•• Glückwunsch des Staatspräsidenten an Geheimrat Pros. D. Dr. Krüger. Staatspräsident Dr. Adelung hat dem Geh. Kirchenrat Prof. D. Dr. Krüger in Gießen anläßlich seines gestrigen 70. Geburtstages herzliche Glückwünsche übersandt „in dankbarer Wertschätzung seiner großen Verdienste um die LandeS- universität und ihre Theologische Fakultät".
" Geschäftsjubiläum. Am morgigen Freitag kann die Firma IughardL- Krause, Ludwigstraße 36, auf ihr 25jäyriges Bestehen zurückblicken. Der Begründer und derzeitige einzige 3nhaber, Herr Christian 3 u g h a r d , hat das Geschäft (Kohlen, Koks, Briketts, Landesprodukte, Kunstdünger) aus fleinen Anfängen heraus zu seiner heutigen Größe entwickelt unb weitreichende Geschäfts beziehungen angeknüpft. Die umfassenden Kenntnisse des Geschäftsinhabers führten auch dazu, daß ihn nicht nur die Handelskammer Gießen, sondern auch der Verband Deutscher Rauh- futter- und Fouragehändler, sowie der Einheitsverband des deutschen Kartoffelhandels zum beeidigten Sachverständigen bestelltem Die Firma erfreut sich weit übet unsere Stadt hinaus besten Ansehens.
•• Der Abschluß der Stadtgut- Hardthöse-AG., Gießen, für 31. Dezember 1932 enthält einen Verlust von 1951 Mark. 3n der Bilanz sind landwirtschaftliche Grundstücke mit 446 412 Mark. Hofreiten einfchl. Drau- ereigrundstück mit 184 000 Mark, Effekten mit 39 700 Mark, Debitoren mit 34 883 Mark au»- gewiesen. Zu dem erwähnten Verlust auS 1931 toirnnt noch ein Derlustvortrag aus 1930 von 15 730 Mark. Kreditoren betragen 46 412 Mark, AK. 686 000 Mark.
•• Eine Schlägerei zwischen einem Soldaten und einem aus Darmstadt stammenden, hier wohnhaften Studenten spielte sich, wie der Polizeibericht mitteilt, in der letzten Rächt gegen 0.30 Uhr in der Sicher Straße ab. Dabei erhielt bet Student von dem Soldaten, angeblich mit dem
Wenn auch der Versailler Vertrag die deutschen Kolonien unter fremde Oberhoheit gestellt hat, so ist doch der koloniale Gedanke in unterem Vaterland« keineswegs erloschen. Das ist um so verständlicher, als Deutschland auf Grund seiner kolonisatorischen Leistungen in den Jahrzehnten vor dem Krieg« sich ein durchaus begründetes Anrecht aus kolonialen Besitz erworben hat. Untere Artikel-Reihe, die das abenteuerreiche Leben und die unvergänglichen Taten von Dr. Gustav Rachtigal, einem ber größten Pionier« Dcutschlanb» im schwarzen Erdteil, schildert, bietet den besten Beweis für Deutschland- Anrecht auf Kolonien.
I.
Ankunft im Traumland.
Ganz weit am südlichen Horizont schimmert das Land herauf — eine bläuliche, traumhafte Silhouette. Der Mann an der Reling lächelt Da- also ift Afrika! So sieht die Erfüllung unterer Sehnsucht ausl ®r fährt mit der Hand über das fiebrig glühende, hektisch gerötete Gesicht. Wie lange ist das schon her? Achtzehn 3ahre, zwanzig Jahre? Er erinnert sich ganz deutlich an den Tag: zum ersten Mal« entrollt der Lehrer vor den Augen ber staunenden 3ungen» die groß« Landkarte von Afrika an der Wand. Ein ungeheures Gebilde, aber nur die Konturen sind schars umrissen, hx der Mitte gähnen gewaltige weiße Flächen — unerforschte- Gebiet. Irgendwo ist ein verschwommener, großer blauer Feld. „Tschad-See" steht daneben. Mit allen ihren Einzelheiten sieht ber Mann diese alte Äarte vor sich. Zehn Jahre alt mag er damals gewesen fein. 3n der Pause nach dieser Stunde war er in einem seltsamen Taumel durch den Schulhof gegangen. Unb plötzlich hatte er zu seinem Freund gesagt: „An diesem blauen Fled, diesem geheimnisvollen Tschad-See werde ich einmal stehen, gan- sicher, ich werde der erste Europäer fein, der ihn zu Gesicht bekommt." Kinder sind grausam, sie hatten den Träumenden höhnisch verlacht, und der Spitzname „Afrikanische Aachtigal" war lange an ihm hängen geblieben.
Aun steht er an der Reling unb sieht bie gezackte Felsenküste von Bona am Horizont herauf- steigen. Roch zwei Stunden unb er wirb seinen Fuß auf ben Boden Algier- fetzen. Aber diese An- kunft bedeutet keine Verwirklichung kindlicher Phantasien. Für ihn gilt eS keine abenteuerlichen Entdeckungsfahrten in- unbekannte Innere de» schwarzen Erdteils. Er wird sehr still, sehr ruhig bleiben müssen. Hier wird erst einmal eine Entscheidung über Leben oder Tod gefällt Der Kgl. preußische Assistenzarzt a. D. am 33. Infanterie- Regiment Gustav Aachtigal hat die Schwindsucht Er ist 28 Jahre alt, man kann den Mann für verloren geben, wenn man seinen Lungenbefund kennt
Ein halbe- Jahr Aordafrika hat er sich verordnet. Vielleicht gelingt eS, vielleicht bringt ihn die heiße Wüstensorme durch. Der Dr. Gustav Aachtigal wirft die Flinte nicht so leicht In» Korn. Er weiß besser Bescheid al- seine Kollegen, er kann noch ein gewaltige- PluS in die Waagschale legen: seine Energie, sein« unverbrauchte Zähigkeit!
Algerien ist nicht da- Herz Afrika-. Der Tschad- Se« ist weit. Aber man kann auch hier noch mancherlei entdecken, wenn man die Augen offen hat. Der kranke deutsche Doktor beginnt arabisch zu lernen, er beschäftigt sich mit dem 3-lam, et studiert das Volk. Das halbe Jahr verstreicht aber die Tuberkulose läßt sich nicht tommanbieren. Es ist zwar nicht schlimmer geworben, boch wäre es übertrieben, wollt« man irgenb eine Besserung feststellen. Also Heimreise? Aachtigal sieht «-vor sich, was ihm da blüht Heiner Landarzt in einem verlorenen Winkel Deutschland», hüstelnd und kränllich in dem feuchten, rauhen Klima. AiemalS wird er darauf verzichten können, abends da» Therrnometer in die Achselhöhle zu legen, ängstlich in sein Inneres zu horchen, die kranke Lunge, da» schwache Herz zu beobachten. Aber hier in Algier bleiben? Dos geht auch nicht. Die Reisekasse ist bedenklich zusammengeschmolzen, der Mutter geht es nicht zum besten, man famr e» ihr einfach nicht zumuten, immer noch einmal Geld zu schickem Sin Märchen wird Wirflichleil.
3n diesem Augenblick lernt Aachtigal den englischen Missionar Fenner fermen. Der lebt in
Oie Gießener Eiatberaiung.
* Giehen. 29. Juni 1932.
Der Gießener Stabtral bat heute nach mehrstündiger Aussprache den städtischen Voran- schlag für das R j. 1 932 mit allen Stimmen gegen die der beiden Kommunisten verabschiedet. Wie wir — ogl. unseren Artikel „Fragen zur Gie- ßener Etatberatung" in Nr. 149 vom 28. Juni — erwarteten, hat sich das Haus bei seiner Stellung, nähme weniger mit dem durch die Entwicklung der Zeitverhältnisse bereits zum erheblichen Teil überholten Entwurf des Voranschlags beschäftigt, als vielmehr Fragen und Aufgaben der allgemeinen Kommunalpolitik besprochen. Hierbei trat erfreu- licherweise, abgesehen von den beiden nur auf Partei- dottrinen eingestellten Kommunisten, bei allen Red- nern der ernste Wille zutage, den großen Schwierig- leiten dieser Zeit im Rahmen der kommunalen Wirtschaft nachdrücklich entgegenzuwirken.
Einigkeit herrschte über die Notwendigkeit soweit und so rasch wie möglich Arbe'its- Möglichkeit zu schaffen. Hier wandte sich der Blick nach dem Schulhausbau in den Eichgärten. Wenn dessen Fertigstellung wohl auch nicht in einem Zuge möglich sein wird — im Hinblick auf die Schwierigkeiten bei der Geldbeschaffung —, so ist aber doch geplant ihn in Teilabschnitten zu vollenden um auf diesem Wege in absehbarer Zeit zum Schlußergebnis zu kommen. Dabei ist ber Gedanke maßgebend, daß auch auf diese Weise immerhin ein beachtenswertes Stück Belebung der heimischen Wirtschaft und ferner die allmähliche Beseitigung der Schulraumnot mit ihren üblen Begleiterscheinungen erreicht wird. Wir glauben, daß diese Stellung- nähme des Stadtrats in weitesten Kreisen der Bürgerschaft Zustimmung finden wird. Wir hätten aber gewünscht, daß man sich auch über die baldige In- angriffnahme des Straßenbahnbaues nach Wieseck geäußert hätte.
Dolle Uebereinftimmung herrschte auch in der Beurteilung der städtischen Finanzlage. Sehr deutlich unb energisch kam babei von ben beiben bürgerlichen Fraktionen bie Verurteilung ber Prak- tiken ber Finanzpolitik ber hessischen Regierung zum Ausbruck. Man erfuhr im Verlaufe biefer Aussprache, baß der Staat mit rund 220 000 Mark rück- ständige Steuerüberweisungen bei der Stadt „hängt", leider wurde aber nicht gesagt, welche Schritte geplant sind, um so rasch wie möglich diesen papierenen Be- sitztitel unserer Stabt in bar Geld umzuwandeln. Wir sind ber Meinung, baß hier mit aller Energie sorge- gangen werben muß, um unserer Stabtfaffe biete Stärkung balbigft zuzuführen unb sie im Interesse des Gießener Wirtschaftslebens arbeiten zu lassen.
Ernst« Beachtung verdienen auch die Gedanken, die über die Erfordernisse einer gesunden M i 11« l st a n d s p o 1 i t i k in allgemeiner und vor allem in steuerlicher Hinsicht vorgetragen wurden. Auf diesem Gebiete muß eine umfassende Wiederherstellungsarbeit mit größtem Rachdruck und rasch in Angriff genommen werden, um den Mittelstand als Hauptstütze d«S städtischen Wirtschaf tssundaments wieder mit der früheren Leistungskraft zu erfüllen. Dazu ist vor allem Arbeitsbeschaffung erforderlich, nicht minder bedeutsam ist aber auch die Erfüllung der steuerlichen Forderungen, die einer immer stärkeren Aufsaugung des mittleren und kleineren selbständigen Geschäftsmannes durch di« Kapitalmacht der Großbetriebe entgegenwirken sollen. Schutz dem wirtschaftlich Schwachen ist heute gerade auch nach dieser Richtung hin mehr denn je zuvor erforderlich! Die Stadtverwaltung hat erkennen lassen, daß sie bereit ist, an der Erfüllung dieser Aufgabe tatkräftig mitzuarbeiten. Hoffentlich wird die gleiche Bereitwilligkeit Aum Schuhe des Mittelstände- auch von der hessischen Regierung und dem Landtag bekundet werden, sobald man jetzt mit bestimmten Anträgen an sie herantreten wird.
Im ganzen betrachtet, ist zu sagen, daß die heutige Etatberatung sich auf gutem sachlichen Riveau hielt und wertvolle Erkenntnisse und Entschlüsse zum Kampf gegen die Rot dieser Zeit und für eine erfolgversprechende Aufbauarbeit auch über die unmittelbare Gegenwart hinaus zutage förderte.
.Lieber den Verlauf der Stadtratssitzung werden wir heute mittag im einzelnen berichten.


