Industrie- und Handelskammer Gießen.
lieber die Sitzung der I n d u st r i e. un d Handelskammer Gießen für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach die am vorigen Donnerstag stattfand, geht uns ein Bericht zu, dem wir folgendes entnehmen:
Vor Eintritt in die Tagesordnung gibt der Vorsitzende, Herr Ludwig Rinn, unter dem Beifall der Versammlung seiner Freude über die nach schwerer Krankheit fortschreitende Genesung des Herrn.Bankdirektors Grießbauer beredten Ausdruck. — Die Herren Mitglieder hören den Nachruf stehend an, welchen der Herr Vorsitzende dem Heimgegangenen Ehrenmitglied, Herrn Kommerzienrat Carl Grünewald (Alsfeld), in herzlichen, von Hochachtung und Verehrung getragenen Worten widmet.
Nach einem Referat des Herrn Wilhelm Horn über
die Besteuerung der Ailialbelriede im Einzelhandel
wird die folgende Entschließung gefaßt: „Mit banger Sorge verfolgt die Kammer das unaufhaltsame Vordringen der großbetrieblichen Formen im Einzelhandel: vor allem sind es neben den Waren- derhäusern und Einheitspreisgeschäften die Filialbetriebe der kapitalkräftigen und kreditfähigen Großunternehmungen, welche zwangsläufig zu einer zunehmenden Vernichtung von kleinen und mittleren Fachgeschäften des Einzelhandels und damit wert- voller Kreise des Mittelstandes überhaupt führen müssen. Dieser bedrohliche Zustand macht ein Eingreifen des Staates zur Notwendigkeit, da Selbsthilfe des Einzelhandels allein nicht mehr genügt. Welche staatlichen Maßnahmen, im besonderen auf steuerlichem Gebiet, zur Erhaltung des Einzelhandels gefordert werden sollen, bedarf der sorgfältigsten Erwägung. Zur Zeit stehen einer wirksamen Besteuerung der Filialen reichs- und landesgesetzliche Vorschriften hindernd im Wege: es gilt daher zunächst, diese Hindernisse durch eine Aenderung der Besteuerungsgrundlage (Umsatz an* Stelle des Gewerbeertrags) beiseite zu räumen. Dabei ist Bedacht darauf zu nehmen, daß die Filialen von Bank-, Kredit- und Versicherungsunternehmen von der Filialbesteuerung befreit bleiben."
Tagungsberichte.
Der Kammers.yndikus vr. Z e i d l e r berichtet über die am 11. Mai in Berlin stattgehabte 52. Vollversammlung des Deutschen Industrie- und Handelstags, über die im „Gießener Anzeiger" bereits berichtet wurde.
Der Syndikus berichtet ferner über die am 19. Mai in Mainz stattgehabte Jahresversammlung des H e s - fischen Verkehrsverbandes, über die im „Gießener Anzeiger" ebenfalls schon berichtet wurde.
Die Schaffung guter Warenwechsel
ist sowohl für die ausreichende Kreditversorgung der Wirtschaft wie auch für die Sicherheit der Währung von ausschlaggebender Bedeutung. Nur auf der Grundlage eines Bestandes an guten Warenwechseln kann die Reichsbank der Wirtschaft als letzte Kreditquelle die notwendigen Dienste tun. Das Bestreben der Reichsbank, die Erhöhung des Bestandes an Handelswechseln zu fördern, hat nun aber eine entsprechende Gestaltung der Liefer- und Kreditbedingungen von Lieferantenverbänden und Banken zur Voraussetzung. Die Schaffung guter Handelswechsel bedingt ferner eine wesentliche Senkung der Wechselsteuer. In diesen beiden Richtungen werden sich auch die Arbeiten der amtlichen Berufsvertretungen bewegen müssen, wenn das gesteckte Ziel erreicht werden soll.
Geschäftswelt und Banken.
Aus der Geschäftswelt ist an die Kammer der Wunsch herangetragen worden, daß die Banken auch an den Samstagen vor Feiertagen ihre Schalter — wenigstens bis 12 Uhr mittags — für den Verkehr offenhalten. Die Kammer wird sich in Verhandlungen mit den beteiligten Organisationen bemühen, daß diesem Wunsche Rechnung getragen wird.
Die Handelslehranstalt.
Nach einem einleitenden Referat des Leiters der Handelslehranstalt, Herrn Handelsstudiendirektor Dr. Wendel, über die Entwicklung und den jetzigen Stand der Schule wird der Voranschlag für das Schuljahr 1932/33 in der vorgelegten Fassung genehmigt.
Gauliedertag in Gießen.
Der Sängergau Giehen-Stadt und -Land im Hessischen Sängerbund veranstaltete gestern in Gießen seinen 3. G o u l jede r t a g, der von den Gießener Vereinen und auch von den Gesangvereinen im Gaugebiet des Kreises Gießen sehr stark besucht war.
3n der bis auf den letztem Platz besetzten Neuen Aula der Universität fand von 8.30 bis 12 Uhr das
Wertungssingen
statt. Als Wertungsrichter fungierte Musiklehrer Samper- Darmstadt. Die Vereine sangen in zwei Gruppen.
In Gruppe! (Vereine bis 45 Sänge r).hatte jeder Verein als Pflichtchor „Abend- lied" von Kuhlau (Gedicht von Goethe), daneben noch einen selbstgewählten Chor zu singen. In Dieser Gruppe fangen (befr Titel des selbstge- wählten Chors fügen wir in Klammern bei) folgende Vereine:
Gesangverein Harmonie, Klein-Linden. 31 Sänger, Chorleiter: Lehrer Fr.Knoche, Klein-Rechtenbach („Abmarsch" — Altes Soldatenlied — von Heinrichs).
Gesangverein Liederkranz, Gießen, 38 Sänger, Chorleiter: Musiklehrer Wilh. S ch ä t t l e r, Gie-' ßen („®er Wald" von Häserl.
Gesangverein Eintracht, Grüningen, 45 Sänger, Chorleiter: Lehrer Ludwig M a r st e l l e r, Wat- tenborn-Steinberg („Mein Vaterland" von Jos. Werth).
Turn- und- Gesangverein. Lollar, 25 Sänger, Chorleiter: Lehrer Jul. Eberle, Lollar („Mein Mädel hat einen Rosenmund" von Fr. Neuert).
Gesangverein Concordia, Gießen, 25 Sänger, Chorleiter: Musiklehrer Phil.Groh. Wieseck („Die Kapelle" von Kreutzer).
Gesangverein Germania, Durkhardsfelden, 36 Sänger, Chorleiter: Musiklehrer Heinr. R ik o- lai, Großen-Vuseck („Am Vergstrom" von E. Köllner).
Gesangverein Liederkranz, Treis a. d. Lumda, 40 Sänger, Chorleiter: Musiklehrer Konr. Nikola i, Großen-Vuseck, („Und dennoch" von Josef Deschermeier).
In Gruppe II (Vereine über 45 Sänger) hatte jeder Verein als Pflichtchor „Mailied" von Phil. Gorr (Gedicht von Goethe) zu singen. In dieser Gruppe singen (den Titel des selbstgewählten Chores fügen wir wieder in Klammern bei):
Vauerscher Gesangverein, Gießen, 100 Sänger, Chorleiter: Universitäts-Musikdirektor Dr.Te- mesvarh, Gießen („Feldeinsamkeit" von Wendel).
Gesangverein Arion, Klein-Linden, 50 Sänger, Chorleiter: Musiklehrer Konr. Nikolai, Gro- ßen-Duseck, („Im tiefsten Wald" von Speidel).
Gesangverein Frohsinn, Garbenteich, 48 Sänger, Chorleiter: Musiklehrer Gg. Harnisch, Watzenborn-Steinberg („Der Vergstrom" von L. Baumann).
Gesangverein Heiterkeit, Gießen, 85 Sänger, Chorleiter: Musiklehrer W. Schättler, Gießen, („Hymne an die Musik' von D. Lachner).
Gesangverein Germania, Steinbach, 46 Sänger, Chorleiter: Musiklehrer Gg. H a r n i sch , Watzenborn-Steinberg, („Tief ist die Mühle verfchneik' von Th. Podbertskh).
Männer-Gesangverein, Mainzlar, 46 Sänger, Chorleiter: Musiklehrer Gg. Burger, Watzenborn-Steinberg, („Vineta" von Ignaz Heim).
Gesangverein Viktoria, Garbenteich, 48 Sänger,
Roman von Gert Rothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle.
27. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Zu Lisa waren beide sehr freundlich. Die sagte aber gleich zu Anfang, daß sie heftige Kopfschmerzen habe und zeitig schlafen gehen wolle.
Das verstanden sie und nickten ihr zu. Und so konnte Lisa zur angegebenen Zeit pünktlich das Parktor, in dessen Wölbung sie wartend gestanden, bis sie Drüben eine Gestalt auftauchen sah, verlassen.
Lisa huschte an der Mauer hin, erreichte das offene Feld. Sie kannte den kleinen Weg genau, von Dem aus sie direkt an die Kreuzung gelangte.
Da blieb sie wie erstarrt stehen. Der dort Wartende war weder Lüderitz noch Ansbrück! Sie erkannte es an der Figur.
Wer war der Mann? Was hatte man mit ihr vor? Wie konnte sie überhaupt so leichtsinnig, auf einen anonymen Drief hin, in die Nacht hinausgehen, um sich mit dem Schreiber dieses Driefes zu treffen?
Lisa wandte sich um, wollte fluchtartig zurück. Da bannte sie ein kurzer, scharfer Ruf an ihren Platz.
Der Mann kam näher, stand jetzt dicht vor ihr. Daron Ilzenescu!
„Guten Abend, Lisa. Du hattest jemand andevs erwartet? Tut mir leid, daß nur ich es bin. Ich bin ja auch durchaus nicht eifersüchtig, doch ich mußte dich unbedingt sprechen."
„WaS willst du?" stammelte sie mühsam.
„Dich garu gewiß nicht,", sagte er brutal. „Ich brauche Geld, und du wirst es mir verschaffen."
Von Ekel geschüttelt stand sie da:
„Ich? Ich habe nichts. Din hier bei meinen Verwandten nur geduldeter Gast, seit — seit...“
„Laß das!" sagte er herrisch. „Dein Schwager hat sicher Geld im Hause. Solch ein Krautjunker vertut kaum etwas, und er hat Vieh und viel Getreide verkauft."
„Wie gut du orientiert bist", sagte sie schauderno.
„Natürlich bin ich Das. Ich brauche eben das Geld notwendig.*
Ein letztes Aufbäumen war in ihr gegen Den Willen dieses Verbrechers:
„Ich habe mit' dir nichts mehr zu schaffen. Du hast mich damals von dir gejagt, und ich habe unzählige Demütigungen ertragen müssen."
„Für Sentimentalitäten habe ich weder Interesse noch Zeit", sagte er schneidend. „Es handelt sich darum, wie wir am besten so schnell wie möglich das Geld für mich beschaffen. Sie find mir auf den Fersen, die holden Behörden. Ueber die Grenze komme ich ohne Geld nicht mehr. Da besann ich mich auf dich. Und e-s hat mich viel Mühe gekostet, herauszubekommen, wo du dich befindest. Willst du mir das Geld also verschaffen?"
Das war keine Ditte, .das war eine einzige Drohung! Und Lisa erkannte das auch. Sie wich zurück.
„Ich — soll — meinen — Schwager bestehlen?" fragte sie bebend.
„Was sonst? Ich muß das Geld noch in dieser Nacht haben."
„Der Verdacht, die Spuren fallen aber dann auf mich."
^Möglich I Wahrscheinlich sogar. Das spielt jetzt aber nicht die geringste, Rolle. Komm mit mir! Wir gründen uns im Ausland ein neues Leben."
Sein Gesicht war dem ihren nahe. Er küßte sie plötzlich, weil ihm ihre blonde Schönheit wieder gefiel.
Lisa wich zurück. Er lachte roh auf, meinte bann:
„Du willst nicht? Auch gut, dann laß es bleiben. Das Geld aber bringst du mir. Ich bin in zwei Stunden noch einmal hier."
„Und wenn ich es nicht tue? Es ist ein Verbrechen: ich weigere mich."
„Du wirst es tun. Wenn man mich erwischt und mir den Prozeß macht, dann bin ich gezwungen, auch dich mit hineinzuziehen in all das. In deinem eigenen Interesse also..."
Da sanken Lisa Ansbrücks abwehrend aus- gestreckte Hände herab. Sie war in der Gewalt dieses Verbrechers. Sie mußte tun, was er wollte.
„In zwei Stunden also. Und — ich muh wohl mit dir gehen, denn man wird es doch wissen, wer die Diebin war."
„Ich habe es dir doch gleich gesagt. Also komm!"
Er wagte es nicht mehr, sie zu küssen, aber er toar tatsächlich innerlich aufgewühlt von ihrer
Chorleiter: Karl Sommer, Watzenborn, („Die Vesper" von Kämpf).
Gesangverein Heiterkeit, Annerod, 48 Sänger, Chorleiter: Musiklehrer Phil. Groß, Wieseck, („Die beiden Särge" von Hegar).
Turn- und Gesangverein Lollar, Chorleiter: Lehrer Jul. Eberle, Lollar, a) Frauenchor:„ „Alldeutsches Volkslied" (27 Sängerinnen), b) Gemischter Chor: „Erinnerung" von I. Eberle, (27 Sängerinnen und 24 Sänger).
Sämtliche Vorträge wurden mit starkem Interesse verfolgt. Im Hinblick auf das Urteil des Wertungsrichters verzichten wir, einem Wunsche des Gauvorstandes Rechnung tragend, von einer kritischen Detrachtung der Einzelleistungen der Vereine. In der Gesamtheit kann man aber fest- stcllen, daß die Sangeskunst in den Gauvereinen auf großer Höhe steht, ein Verdienst der eifrigen Chorleiter und der hingebungsvollen künstlerischen Mitarbeit der Sänger.
Oeffentliche Kundgebung.
Nach dem Wertungssingen marschierten die Vereine unter Vorantritt des Spielmannzuges und der Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr in geschloffenem Zuge, unter Mitführung der Vereinsfahnen, von der Universität durch verschiedene Straßen der Stadt zum Landgraf-Philipp-Platz, wo eine ö f f e n t- liche Kundgebung zur Werbung für das deutsche Lied stattfand.
Nach dem „Deutschen Sängergruß", gesungen von einem Massenchor aller Vereine unter Leitung des Gauchormeisters Oberreallehrcr Blaß, hielt der Gauvorsitzende Koch (Gießen) die Begrüßungsansprache, in der er besonders als Vertreter der Provinzialdirektion Oberhessen und des Kreisamtes Gießen Regierungsrat Schmidt, als Vertreter der Stadtverwaltung Stadtratsmitglied Schmieder, ferner die Vertretung der Presse und als Vertreter des Hessischen Sängerbundes Herrn Wendler (Bad-Nauheim) willkommen hieß. Weiter entbot er herzlichen Gruß den Vertretern der benachbarten Gaue und der angegliederten Bezirke, sowie allen Sangesbrüdern aus Stadt und Land. Der Redner würdigte sodann die große Begeiste- rung der Sänger für den Dienst am deutschen Lied, dem sie sich trotz der Not der Zeit und- einer nahezu 50prozentigen Erwerbslosigkeit in zahlreichen Vereinen noch mit unerschütterlichem Mut und in vollkommener Ueberparteilichkeit hingeben. Mit Stolz könne behauptet werden, daß das deutsche Lied den Sängern als Urquell des einstigen Freiheitgedankens, als Führer durch das Leben, als Tröster in Leid und Schmerz die Kraft gebe, allen Einflüssen der Verhältnisse die Stirn zu bieten. Der Redner warb zum Schluß um weiteren engen Zusammenschluß in den Gesangvereinen und um tatkräftige Förderung des deutschen Männergesangs durch alle Mitbürger in Stadt und Land. Vor allem bezeichnete er es auch als notwendig, die Jugend dem Dienst am deutschen Lied zuzuführen, damit auch sie dieses ideale Gut ihr eigen nennen und sich daran geistig stärken könne. Die Sänger und Sängerinnen forderte er auf, weiterhin im Geiste des deutschen Liedes eifrig zu arbeiten und in Einigkeit zusammenzustehen. Mit begeistert aufgenommenem Heilruf auf das deutsche Lied und das deutsche Vaterland schloß der Redner seine eindrucksvolle Ansprache.
Unter der Leitung des Gauchormeisters Bloß wurde sodann der Massenchor „Mein Deutschland" von Mangold zu Gehör gebracht.
Hierauf begrüßten Regierungsrat Schmidt namens der Provinzialdirektion Obcrhcssen und des Kreisamts Gießen sowie Stadtratsmitglied Schmieder namens der Stadtverwaltung die große Scin- gerversamlung in herzlicher Weise. Beide Redner würdigten mit warmen Worten der Anerkennung die hervorragenden gesanglichen Leistungen der Vereine, die man bei dem Wertungssingen feststellen konnte, und die bedeutsamen Fortschritte, die gegenüber den früheren Wertungssingen zutage traten. Ferner zollten sie volle Anerkennung der vorbildlichen Arbeit in den Gesangvereine!) zur Pflege und Vertiefung der deutschen Kultur und damit der Förderung des geistigen Wiederaufbaues unseres Volkes. Auf den gleichen Ton gestimmt war auch eine längere Ansprache des Vertreters des Hessischen Sängerbundes, Herrn Wendler (Bad-Nauheim), der noch besonders den Dienst am deutschen Lied als vorbildliches Mittel zur Schaffung einer wahren Volksgemeinschaft, zu engerer seelischer Verbundenheit zwischen den verschiedenen Volksschichten und zur
blonden Schönheit. Und er hatte schon mehrere Male bereut, sich von ihr getrennt zu haben. Weil er sie vielleicht doch liebte, soweit sein Herz einer Liebe überhaupt fähig war, und weil er sich überlegt hatte, daß sie eine wertvoUe Partnerin für ihn fein konnte.
Lisa ging den Weg zurück. In ihrem Innern dröhnte es: „Jetzt weißt du, wo du hingehörst!"
Polzenhagen faß mit feiner Frau noch gemütlich im warmen Zimmer, als der alte Geifelt, Der Gärtner, den Herrn zu sprechen verlangte.
Erstaunt erhob sich der Gutsherr. Draußen wartete der Alte, und in feinem Gesicht prägte sich tiefste Erregung aus.
„Was ist, Geifelt?"
„Gnädiger Herr, im Park führen kleine Fußspuren bis zum Teich. Und dann — sind sie zu Ende. Nirgends ist eine Spur. Es — muß — jemand...“
Polzenhagen schüttelte den Alten, besann sich, rief ins Zimmer zurück:
„Trautel, bleib hier, bis ich wiederkomme. Verlaß auf keinen Fall das Zimmer!"
Er raste dann Die Treppe hinunter. Der Alte folgte ihm mühsam und keuchend.
„Stangen, Leinen, alles was nötig ist, um den Teich abzusuchen! Schnell, schnell!" rief7 er dem Diener zu.
Dann raste Polzenhagen in den Park.
Lisa! Nur Lisa konnte es sein!
Jetzt war er am Teich. Still und verschneit lag er da, aber die dünne Eisdecke, die sich gebildet hatte und die trügerisch und leuchtend den Weißen Schnee trug, die gab sofort nach, sowie er auch nur den einen Fuß vorsichtig draufsetzte.
Ein tiefes, dunkles Loch gähnte links von ihm. Doll Grauen starrte Polzenhagen auf dieses Loch.
Dann waren zwei Männer mit Stangen und anderem Gerät zur Stelle. Eine halbe Stunde später lag Lisa Ansbrück im weichen Schnee zu Füßen ihres Schwagers. Wiederbelebungsversuche waren erfolglos.
Vorsichtig, im Innern maßlos erschüttert, trug Polzenhagen mit seinem Diener die Tote ins Gutshaus zurück.
Wie es sich herumgesprochen, wußte wohl niemand. Jedenfalls hieß es allgemein, Frau Lisa Ansbrück sei einem Unglück zum Opfer gefallen. In der Dunkelheit sei sie, von der weißen Schnee
Aufwärtsentwicklung der deutschen Ideale feierte und zum Schlüsse eindringlich die Schaffung einer weit t verbreiteten deutschen Liedgemeinschaft empfahl. Sämtliche Ansprachen wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen.
Mit dem Massenchor „Deutsches Dolksgebet" von Ianoske schloß die eindrucksvolle Kundgebung.
Oie kritische Besprechung.
Um 14 Uhr versammelten sich die Chorleiter und Dereinsvorsitzenden im Katholischen Dereinshaus zur Besprechung. Musiklehrer Samper führte aus, daß man in Anbetracht des Goethejahres als Wertungschöre Vertonungen Goethescher Gedichte gewählt habe. In Gruppe I sei mit dem „Abendlied", einer alten Komposition von Kuhlau, mehr der romantische, in Gruppe II mit dem „Mailied", einer neueren Komposition von Gorr, der klassische Goethe zu Wort gekommen. Der Kritiker ging hierbei auf Stilfragen näher ein und brachte eine Gegenüberstellung von Romantik und Klassik. Im Bezüge auf die Leistungen der Vereine stellte er fest, haß diese durchweg als gut zu bezeichnen feien; nicht ein einziger Verein habe schlecht gesungen. Ganz besonders hob er hervor, daß Aussprache, Tonreinheit und Tonbildung in allen Vereinen kaum mehr Anlaß zu Beanstandungen gegeben haben, und Daß sowdhl Texte, wie Kompositionen beinahe durchweg wertvoll waren und minderwertige Lieder fast nicht zu Gehör gebracht wurden: In dem nun folgenden, etwa zweistündigen Vortrage des Wertungs» richters erfolgte eine eingehende und genaue Kritik jedes einzelnen Vereins. Anschließend gab dann Herr Samper Ratschläge zur weiteren Besserung der ohnehin schon sehr beachtenswerten . Leistungen. Lobend erwähnte er noch den zum Vortrag gebrachten Frauen- und Gemischten Chor als wertvolle Verschönerung des Programms.
Zum Schlüsse dankte der Gauvorsitzende Koch dem Wertungsrichter Samper für seine Ausführungen und spornte die Vereine zu weiterem Dorwärtsstreben an.
Oberheffen.
Lanvkreis Gietzen.
ch Aus dem Lumdatal, 29. Mai. In unserer Gemarkung ist seit einigen Tagen sehr vielLager- f r u ch t zu verzeichnen. Die Svmmerfrucht zeigt einen guten Stand. Leider ist vereinzelt die Fritfliege schädigend aufgetreten. Mit dem ersten Kleeschnitt wurde dieser Tage begonnen. Die Spätkartoffeln gehen fast lückenlos auf. Die Gartengewächse aller Art zeigen ebenfalls einen guten Stand; Von den Steinobstbäumen weisen nur die Kirschen einen teilweise befriedigenden Fruchtansatz auf.
• Harb a ch, 29. Mai. Seit einiger Zeit ist auch in unserem Orte der freiwillige Arbeitsdienst im Gange, bei dem 50 Leute für rund 20 Wochen Beschäftigung finden. Bisher wurde ein bei der Feldbereinigung ausgeschiedenes Waldstück gerodet. Zur Zeit ist man mit der Chaussierung des Weges von hier nach dem Bahnhof Saasen beschäftigt, der nicht nur ein viel ■ begangener Personenweg ist, sondern für eine gewisse Strecke auch als Holzabfuhrweg in Betracht kommt Die Gemeinde Saasen hat sich bereit erklärt, das Wegestück in ihrer Gemarkung ebenfalls zu befestigen, so daß künftig auf der ganzen Wegstrecke die bisherigen Uebelstände bei naffet Witterung beseitigt sein werden. Als weitere Arbeiten sind Rodungen. Bachregulie- rung, Aussteinen schlechter Feldwege usw- in Aussicht genommen. In einer Versammlung der Ortsbürger erklärte man sich bereit, die für diese Arbeiten erforderlichen Fuhrleistungen freiwillig vorzunehmen.
0 Holzheim, 29. Mai. Gegenwärtig findet hier unter Leitung von Fräulein Griebel (Gießen) ein Kursus in Verbandlehre Kranken- und Kinderpflege statt. Es beteiligen sich daran die Fortbildungsschülerinnen (2. und 3. Pflichtjahr) von hier und Dors-Gill, sowie Freiwillige. Im nächstjährigen Kursus sollen auch die Sanitäter der Feuerwehr in Verbandlehre unterrichtet werden. Die Kurse sind um so mehr zu begrüßen, als wir hier weder Arzt, noch Krankenschwester haben. — Anläßlich der D D A. - W o ch e sammelten die Kinder der obersten Schulklasse bei Bekannten und Verwandten zugunsten der deutschen Schulen im Ausland den Betrag von 52 Mark.
decke geblendet, vom Wege abgekommen und in den Teich Hineingeräten.
Dieses Gerücht erhielt sich aufrecht. Die Behörde selbst konnte nichts anderes feststellen.
Die schöne Frau ruhte in Der alten Gruft der Polzenhagen. Doll Güte hatte der Gutsherr das an geordnet.
Frau von Massow, Lisas Mutter, stand gebrochen vor ihrem Schwiegersohn. Aber ihre Stimme klang nicht klagend und weich, sondern hart, als sie sagte:
„Es ist so am besten. Sie wäre immer ruhelos geblieben und hätte uns allen noch mehr Schmerz zugefügt. Der liebe Gott hat es gut gemacht."
Ernst von Polzenhagen wußte nicht, ob sie an einen Unglücksfall oder an einen Selbstmord glaubte. Sie sprachen nie darüber. .
Die alte Dame blieb einige Wochen, dann reifte sie wieder ab. Aber sie nahm doch die Gewißheit mit sich, daß in Polzenhagen das Glück wohnte und daß sie jederzeit kommen konnte, um sich einige Zeit daran zu erfreuen.
Natürlich erregte der Fall in der Nachbarschaft und im weitesten Umkreis größtes Aufsehen. Doch nach und nach beruhigten sich Die Gemüter wieder.
*
Klaus Lüderih war an jenem Tage, da er Lisa in die Schuhhütte getragen, wie ein Wahnsinniger nach Hause gekommen. Er riß Rose an sich, küßte sie lange, lange. Als sie mit neuer Hoffnung in feine Augen sah, da erzählte er ihr alles.
„Ich war allein mit ihr, und wir haben uns doch nicht geküßt. Ich hatte kein Verlangen danach, denn plötzlich wußte ich, daß ich dich viel, viel lieber habe."
Da wußte Rose, daß ihm nie wieder eine Versuchung nahekommen würde,---
Monate später stand in den Zeitungen, daß bei einer aufregenden Jagd nach einem Schwerverbrecher dieser erschossen worden sei. Es sei ein lange gesuchter internationaler Hochstapler, ein Rumäne namens Ilzenescu.
Da kein Mensch wußte, daß dieser Mann einmal mit der schönen Lisa Ansbrück in engster Verbindung gestanden, so überging man diesen Artikel ziemlich rasch. Nur Doktor Ansbrück und sein treuer Helfer von damals wußten es. Aber über ihre Lippen kam kein Wort. Die tote Lisa sollte ihren Frieden haben.
(Fortsetzung folgt.)


