Ausgabe 
29.9.1932 Erstes Blatt
 
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der Depression berücksichtigt werden. 2lls besonders schwerwiegend sei der falsch angewen­dete politische Interventionismus zu werten. Als Krisenursachen dieser Kategorie sah der Redner vor allem den Versailler Verir« sowie protektionistische und prohibitive Maßnatz- men an. Das Korreferat hielt Prof. Dr. Colm (Kiel) über die einzelnen Ursachen, das Ausmaß und die Ausdauer der Gleichgewichtsstörungen, die durch die zunehmende Industrialisierung in der Wirtschaft hervorgerufen worden sind.

Die Aussprache wurde von dem greifen Geheim­rat Prof. Dr. Gering» Berlin eröffnet, der ein» i gangs auf das Wirtschaftsprogramm der Reichsregierung zu sprechen kam, das als Notprogramm für ein Jahr keinen Anlaß z u I

einer prinzipiellen Kritik geben könne. Es erscheine ihm aber als solches wohl über­legt, klug und kühn und stelle ohne wesent­lichen Aufwand beträchtliche Summen zur Wirt­schaftsbelebung zur Verfügung in der Erwägung, daß eine Konjunkturwende eingetreten sei. Reichsminister a. D. Dr. G o t h e i n erblickte in der Verminderung b e r S e l b st k o st e n, insbesondere der sozialen Lasten und Steuern, die notwendige Voraussetzung für die wirtschaftliche Wiederbelebung. Reichsminister a. D. Wissel trat für die Verminderung der Arbeitszeit ein und er­klärte die Gegnerschaft der Gewerkschaften gegen den Wirtschaftsplan der Reichsregierung damit, daß er die Arbeiter nur als Objekte der Wirtschaft werte.

Sie üeufllieberung her Landkreise in Preußen.

Beseitigung von Llnebenheiien der ersten Verordnung.

Devlin, 28. Sept. (WTD.) Wie amtlich mit­geteilt wird, hat die preußische Staatsregierung eine Verordnung zur Berichtigung und Ergänzung der Verordnung über die Reu­gliederung von Landkreisen vom 1. August 1932 erlassen.

Die Verordnung enthält eine Reihe von Grenzänderungen zwischen den neu ab­gegrenzten Landkreisen, in zwei Fällen die A u f - hebu ng der Zusammenlegung von Landkreisen und weiter formelle Vorschriften, die sich mit den Rechtsfolgen der Grenzänderungen, der Aus­einandersetzung zwischen Provinzen (Dezirksver- bänden) und der Ue6erleitung in den neuen Zu­stand befassen. Mit den Grenzänderungen sollen Llnebenheiien, die sich aus der Grenzziehung im einzelnen ergeben hatten, beseitigt werden.

Aufgehoben worden ist die Zusammen­legung des Landkreise Herrschaft Schmalkal­den und Schleusingen sowie der Landkreise W o l f h a g e n und Kasse l. Im ersten Falle erfolgte die Aufhebung, um nicht eine etwaige territoriale Reichsreform in diesem Gebiete von vornherein in einer bestimmten Richtung festzu­legen, im zweiten Falle, weil die Rachprüfung ergab, daß es zweckmäßiger ist, den Land­kreis Wolfhagen mit dem Kreis der T w i st e zusammenzulegen. Letztere Regelung konnte jedoch nicht mit sofortiger Wirkung ge­troffen werden, da in dem Staatsvertrage zwi­schen Preußen und Waldeck die Aufrechterhaltung der drei waldeckischen Kreise bis zum 1. April 1934 durch die preußische Staatsregirrung zuge­sagt worden ist. Die Zusammenlegung der Land­kreise Kreis der Twiste und Wolfhagen mit dem Kreissih in Arolsen, sowie der Landkreise Kreis des Eisenberges- und Kreis der Eder mit

dem Kreissih in K o r b a ch ist daher mit Wirkung erst vom 1. April 1934 ausgesprochen worden. Der Aufhebung der Zusammenlegung in zwei Fällen steht hiernach die neue Zusammenlegung von je zwei Kreisen in zwei weiteren Fällen gegenüber, so daß sich die Gesamtzahl der aufgelösten Landkreise (53) durch die Ergänzungs­verordnung nicht ändert.

Mit der Ergänzungsverordnung ist die Neu­einteilung der Landkreise abgeschlossen. Weitere Maßnahmen sind auf diesem Gebiete nicht beab­sichtigt.

Die Neuordnung in den Kreisen Llnterweflerwald und Wetzlar.

Jür denRegierungsbezirkRNesbaden kommen folgende Aenderungen in Frage:

3n den Landkreis Unlerwesierwaldkreis wird der Teil des neu zu bildenden Landkreises Westerburg eingegliedert, der besteht aus den Landgemeinden Girod, Goldhausen, Görgeshausen, Großhelbach, Heilberscheid, Hundsangen, Kleinhelbach, Nentershausen, Niedererbach, Nomborn, Obererbach, Oberhausen, Ouetschbach, Ruppach, Steinefrenz und Weroth.

3n den Landkreis wehlar werden einge­gliedert: 1. der Teil des neu zu bildenden Landkreises Obertaunuskreis, der besteht aus den Land­gemeinden Brandoberndorf, Lspa, hasselborn, Klee­berg und weipersfelden-, 2. der Teil des neu zu bil­denden Landkreises Dillenburg, der besieht aus den Landgemeinden Fellingshausen, Frankenbach, Hermannstein, Königsberg, Krumbach, Naunheim, Rodheim a. d. Bieber und Waldgirmes.

Oie Parteien im Wahlkampf.

Dr. Goebbels spricht in Breslau.

Breslau, 29. Sept. (CNB.) In einer Der» sammlung der NSDAP, in Breslau erklärte Dr. Goebbels u. a wenn man den Nationalsozialisten Gier nach Ministersesteln oorwerfe, so sei der 13. Au» guft eine klassische Widerlegung dieser Behauptung gewesen. Die Nationalsozialisten wollten keine Fortsetzung des bürgerlichen deut­schen Vorkriegspatriotismus. Dieser habe nicht verhindern können, daß 17 Millionen Menschen infolge der kapitalistisch - liberalistischen Wirtschaftsordnung dem Marxismus in die Arme getrieben worden seien. Dem Nationalismus müsse wieder jene aktive revolutionäre Kraft gegeben werden, mit der er die Volksmassen wieder gewinnen könne, bis er schließlich alle Klassen, Stände und Berufe umfasse. Die NSDAP, nehme für sich in Anspruch, die Arbeiter dem Nationalis­mus zurückgewonnen zu haben. Je schärfer der Ar­beiter das kapitalistische Wirtschafts­system bekämpfe, um so stärker müsse er im nationalen Eigenleben des Volkes wurzeln. Die

NSDAP, kämpfe für außenpolitische Freiheit und Wehrfreiheit Deutschlands und für eine Reform der Nation an Haupt und Gliedern.

Eine deutschnationale Wahlversammlung verboten.

Frankfurt a. d. O., 28. Sept. ($11.) Am Dienstagabend sollte eine Wahlversammlung der TRVP. stattfinden, zu der als Redner der Reichs­tagsabgeordnete $eiegrapt)enOike£tor Hermany erschienen war. Die Versammlung wurde a u f Anordnung der Ortspolizeibehörde verboten, weil, wie es in der Verfügung heißt, nach den Umständen eine unmittelbare Gefahr für die öffentliche Sicher­heit zu besorgen ist. Die Gefahr ist deshalb un­mittelbar, weil ein hoher Grad von Wahrschein­lichkeit dafür vorhanden ist, daß die geplante Versammlung durch Angehörige der RS DAP. gestört oder gesprengt werden wird." Die nationalsozialistische Ortsgruppe bestrei­tet, daß die Absicht bestanden habe, die Ver­sammlung zu sprengen. Ihre Mitglieder hätten

Müles NIMM

Vornan von Hertha Fricke

Arheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau

34 Fortsetzung Nachdruck verboten.

Ich sagte dir doch schon, öafj mein Doktor Andresen derartiges nicht liebt", wiederholte Klaus ruhig.

Was liebt der schöne Mann denn? Die Frau von vorgestern?" Sie fuhr sich mit dem Taschen­kamm durch die Knabenfrisur.

Er liebt die Frauen, die weiblichen Zauber haben und sittliches Gefühl, und die wird es Gott sei Dank 'mmer geben."

Dieses ewige Schulmeistern und Predigen", sagte unmutig die junge Frau.Es wird einem wirklich zuwitz-r. lieber zuviel Galanterie von feiten meines Herrn Gemahls kann ich mich wirk­lich nicht beklagen."

Sie tat ihm fast leid, daß so gar nichts Ge­meinsames zwischen ihnen war.Aber doch auch nicht über Treulosigkeiten", antwortete er freund­lich. Sie ärgerte sich über seine Ruhe. «

Ich weih ja viel davon, was du auf deinen Fahrten machst. Aber es ist ja möglich, daß du auch dazu zu langweilig bist.

Er ging ins Rachbarzimmer, wo die Suppe eben aufgetragen wurde. Sie folgte ihm.

Ich dachte, zu anständig, Ilse."

Ob sich Frau Ilse ein bißchen schämte? Sie setzte sich ruhig an den Tisch, ohne zu antworten. Er ah seinen Teller Suppe, und als Aas Mädchen die Suppenteller weggeräumt hatte, reichte er seiner Frau die Schüsseln ohne jede kränkende Reserviertheit, mit freundlicher, kleiner Vernei­gung, wie er es in jeder guten Gesellschaft getan haben würde.

Schweigend verlief das Mahl, aber eine Un­freundlichkeit lieh Klaus Behrens nicht mehr aufkommen. Er hatte das Gefühl, dah er auch seiner Frau schuldig bleiben muhte, weil sein Herz so still geworden war, aber es. war ja nicht seine Schuld, dah sich nach und nach alle Fäden zwischen ihm und ihr lösten. Er hatte ja den be­sten Willen gehabt. Sie standen auf und gingen in das Wohnzimmer hinüber. Klaus bot seiner Frau eine Zigarette an.Da, Ilse, du rauchst ja gern.

Sie nahm sie, ein wenig verwundert.Aber du magst es nicht, wenn Frauen rauchen."

Er gab ihr Feuer und setzte eine blanke, schön geschliffene Perlmutterschale vor sie hin.

Warum denn nicht, Ilse? Ich mag es nur nicht in einem öffentlichen Lokal oder auf der Straße."

Das ist doch ziemlich dasselbe", sagte sie.

Ich glaube, darin gehen unsere Meinungen wieder auseinander." Er sah still an ihr vorbei.

..DaS ist das Elend. Sie gehen eben immer auseinander", trotzte Frau Ilse.Ich möchte wissen, wie du die Frau haben willst. Alt­modisch?"

Rein, Ilse, nur dezent. Ich liebe gut an­gezogene Frauen." Er lächelte liebenswürdig.

Oder dah sie kochen und ewig Handarbeiten machen." Sie blies den Zigarettendampf in die Luft.

Kochen, Ilse? Das habe ich eigentlich nicht von dir erwartet. Du warst verwöhnt. Aber Handarbeiten machen, das fand ich immer wun­derhübsch bei Damen. Es war mir direkt ein ästhetischer Genuß, anzufehen, wenn hübsche Frauenhände bunte Seidenfäden durch eine Sticke­rei zogen, und es konnte überraschend hübsch aussehen, wenn sich plötzlich die Augen von der Arbeit hoben und das Gegenüber lächelnd oder erwartungsvoll ansahen. Es hat mir darum immer Spaß gemacht, meinen Schwestern und ihren Freundinnen vorzulesen, wenn sie an Win­terabenden bei der Lampe ihre Kunstwerke stichel­ten."

Geschmacksache", sagte Frau Ilse.Ich mache mir nichts aus den Sticheleien. Man kauft die Sachen heute so billig."

Aber es ist doch nichts Eigenes, Ilse. Es hat doch keine Seele."

Wozu braucht eine Tischdecke oder ein Kissen eine Seele? Und ich dafür zerstochene Finger­spitzen. Ach nein, Klaus, das ist Blödsinn."

Cs tut mir leid, dah unsere Meinungen schon wieder auseinandergehen", sagte er ernst.Das sollte eigentlich nicht so oft der Fall fein in der Ehe."

Wie denkst du dir denn eine ideale Ehe?", fragte Ilfe spottend.

Du siehst, dah wir sie uns beide anders dachten, liebe Frau. Ich wünschte mir sehnsüchtig ein Kind, du findest Kinder lästig, störend, an­strengend. Ich suchte eine behagliche Häuslichkeit, wo man abends auSruhen kann, wenn das Schiss vor Ankev geht, du gehst lieber in Tanzpalais."

Ihr Männer könnt doch wirklich nicht ver­langen, dah man euch bloß die Wirtschaft be-

sich lediglich ein f achliches Urteil über den Unterschied zwischen der nationalsozialisti­schen Bewegung und der Deutschnationalen Volks- Partei bilden wollen.

Oie Volkspariei lehnt Wahlbündnisse mit regierungsgegnerischen Parteien ab

Berlin, 28. Sept. (CNB.) Die Pressestelle der Deutschen Volkspartei teilt mit: Verschiedene Blät­ter berichten über eine Konferenz von Par­teiführern der Mittelparteien, die in Stuttgart stattsindet, um Verhandlungen über gemeinsame L i st e n für d i e Reichstags­mahl zu führen. Es wird behauptet, daß sowohl die Deutsche Volkspartei wie auch die Staatspartei an diesen Verhandlungen be­teiligt seien. Die Deutsche Volkspartei erklärt dem­gegenüber. daß sie mit solchen Verhandlungen nichts zu tun hat. Für sie kommt irgend­ein Wahlbündnis mit einer Partei, die sich gegen d i e Politik der jetzigen Reichs- regierung wendet, gar nicht in Betracht.

Gründung einer Gtudentengruppe Hindenburg".

Marburg, 29. Sept. In Marburg haben sich nationale Studenten zusammengeschlossen, um unter dem RamenHindenburggruppe" die Ju­gend zu überparteilicher Aufbauarbeit zu sam­meln. Die StudentenvereinigungHindenburg­gruppe" seht sich, wie in dem Programm mit­geteilt wird, für die Person des Reichspräsidenten v. Hindenburg und das Programm seiner Regie­rung ein. Die Ereignisse der jüngsten Zeit in der Geschichte deutscher Innen- und Außenpolitik haben gezeigt, daß nur eine Regierung, die über den Parteien steht und von dem festen Willen beseelt ist, das Wohl des Vaterlandes über alles zu stellen, und die mit eiserner Energie den Weg zum Aufstieg sucht, im Stande ist, Deutschland wieder besseren und glücklicheren Zeiten entgegenzuführen. Lediglich auf propa­gandistische Wjrkung abgestellte Anträge und Parteireden verkennen den Ernst unserer Zeit. Die wirtschaftliche Rot zwingt zu der von jeg­licher Agitation ungestörten Durchführung eines zielbewußten Wirtschaftsprogrammes. Darüber hinaus erheischt die Erhaltung der deutschen Kultur, daß die Freiheit des Einzelnen im Rah­men der von Anstand und Rationalgefühl ge­

zogenen Grenzen vor den Bestrebungen einseitig eingestellter Machtgruppen geschützt wird.

Aus aller Welt

Line Arbeitsgemeinschaft der Fachärzte Deutschlands.

In Hannover fand im Anschluß an die allge­meine Aerztetagung eine Versammlung der Fachärzte Deutschlands ftatt um über fach­ärztliche Sonderfragen zu beraten. Mit Rücksicht auf die Not der Zeit wurde ein engeres Zusam­menarbeiten der Fachärzte innerhalb der ärzt­lichen Hauptorganisation des Hartmannbundes für dringend erforderlich gehalten. Es wurde daher die Einrichtung einer Arbeitsgemeinschaft der Fachärzte Deutschlands nebst Beratungsstelle mit dem Sitz in Bremen, An der Weide 33, beschlossen.

Robert-Koch-Gedächtnisfeier auf den Philippinen.

Auf Deranlassung des in Manila ansässigen deutschen Arztes Dr. C. M. H a s s e l m a n n ver­anstaltete die Manila Medical Society, die örtliche Untergesellschaft des Aerzte-Verbandes der Phi­lippinen, eine Festsitzung zur Erinnerung an die vor 50 Jahren erfolgte Entdeckung des Tuberku- loscerregers durch Robert Koch. Dr. Hasselmann hielt die Festrede überRobert Koch und sein Werk".

Brandstiftung in einer Ortskrankenkasse.

In den Bureauräumen der Allgemeinen Orts­krankenkasse des Landkreises Grünberg (Schle­sien), die im Gebäude des Kreishauses unter­gebracht sind, brach plötzlich Feuer aus und fand in den Akten große Rahrung. Die Löscharbeiten nahmen mehrere Stunden in Anspruch. Eine über den Bureauräumen woh­nende alte Frau mußte von der Feuerwehr aus der Gefahrenzone entfernt werden. Sie wurde rauchvergiftet ins Krankenhaus eingeliiefert. Die Polizei stellte mit Bestimmtheit Brandstiftung fest, da an verschiedenen Stellen Aktenstücke mit Petroleum begossen und ange­zündet waren. Es wurden eine Flasche Petroleum und zwei leere Flaschen gefun­den, in denen sich Petroleumreste befanden. Die Türen sind von den Tätern mit passenden Schlüs­seln geöffnet worden. Auf einen Raub scheint es nicht abgesehen gewesen zu sein, da der Kassenschrank ganz unberührt ge­blieben ist. Die Polizei verfolgt mehrere Spuren.

Eine Balkanreise in Krisenzeiten.

Griechenland und der große Kreter.

Von unserem P. ^.-Korrespondenten.

Athen, September 1932.

Am 25. September ist das griechische Parlamenl neu gewählt worden. Leniselos hat wiederum eine starke Mehrheit erhalten, obwohl die Prognose für ihn ungünstig lautete. Ohne Zweifel ist er die stärkste Persönlichkeit, die je seit dem Bestehen des neugriechischen Staates in ihm aufgetreten ist. Er stammt aus Kreta und ist dort 1865, noch unter türkischer Herrschaft geboren. Von dem Tage an, wo er als aktiver Politiker in die Geschicke eingreifen konnte, verfolgte er ein Ziel: das des g r o ß g r i e - chischen Staates unter feiner eigenen Führung. Im Weltkrieg setzte er auf die Karte der Alliierten, und vom griechischen Standpunkt aus tat er recht daran. Bei einem Bündnis mit den Mittelmächten hätte Griechenland türkisches Gebiet überhaupt nicht bekommen, denn die Türken fochten ja auf derselben Seite, und das Stück von Albanien, das Griechenland von den Mittelmächten angeboten war, hätte kaum einen Gewinn bedeutet, eher eine Verlegenheit.

®an$ anders beim Bündnis mit der Entente. Lief der Krieg unglücklich für diese aus, so brauchte Grie­chenland nichts zu verlieren; siegte sie, so winkten als Preis nicht nur Mazedonien und Thrazien, son­dern auch noch Smyrna und womöglich der ganze griechische vordere Teil von Kleinasien. Der Ausgang des Krieges gab der Berechnung von Veniselos recht.

sorgt und die Hemden flickt. Solange man jung ist, will man doch etwas vom Leben haben."

Ich gehe gern mal mit dir in die Oper, Ilse." Das langweilt mich."

2a, siehst du, und die Tanzlokale mit der widerlichen Musik und der unangezoge ren Weib­lichkeit langweilen mich. Ja, mehr als das, es ekelt mich oft an. And um das zu haben, brauchte ich ja eigentlich nicht zu heiraten."

Obwohl Klans Behrens in aller Ruhe sprach, antwortete seine Frau dauernd gereizt. Schließlich zog sie sich schmollend zurück und sprach nicht mehr.

Ihr Mann saß schweigend und gelassen, rauchte seine kurze Seemannspfeife und las die Zeitung. Frau Ilse fuhr umher und telephonierte aller­hand mit ihren Bekannten und sagte schließlich so laut, daß ihr Mann es hören konnte, ihr Mit- kommen am Abend zu. Klaus beschäftigte sich und sagte kein Wort dagegen, was sie nur noch mehr gegen ihn aufbrachte.

Als um acht Ahr Dr. Andresen kam, waren bereits die beiden tanzlustigen Ehepaare Kell- mann und Metzer da und taten sehr erstaunt, daß Herr Behrens nicht Lust zeigte, mitzukom­men. Man brauchte alle Aeberredunaskünfte, und die beiden Damen in den schicksten Kleidern boten schließlich ihre ganze Koketterie und Liebens­würdigkeit auf, um Andresen auf ihre Seite zu bekommen. Der war abrt ebenso verbindlich, so kühl und ablehnend wie Klaus. Schließlich holte dieser eine Flasche Südwein, trank sie mit den unternehmungslustigen Leuten und wünschte ihnen viel Vergnügen. Er selbst habe leider mit Herrn Dr. Andresen eine wichtige Besprechung, die keinen Aufschub dulde, da derselbe morgen reisen müsse, und um der Bettelei der Damen und den witzigen Redereien der beiden Herren ein Ende zu machen, verabschiedete er sich höflich und zog sich mit seinem Besuch in sein Zimmer zurück.

Seufzend warf er sich dort in einen Stuhl. Als er aber den Wagen fortrollen hörte, hellte sich sein Gesicht ein wenig auf. Er rüdte. zwei tiefe. Sessel an den Kamin, legte eigenhändig Holzscheite in das offene Feuer und sagte von Herzen:Run wird es gemütlich!" Dann setzte er Zigarren und Wein auf die blanke Messing- platte des türkischen Tischchens, auf der die Flammen in roten Streifen spiegelten.

Diese Platte kaufte ich ahnungslos in Kairo", sagte er.And wissen Eie, was dieser krakelige Segensspruch bedeutet, der hier herumgraviert ist? Tod allen Christen, heißt das." Gr lachte

Wäre nachher nicht das unglückliche Abenteuer in Kleinasien dazu gekommen, so läge die griechische Ostgrenze heute am Schwarzen Meer, vor den Toren von Konstantinopel und bei Sardes, im alten Lydien. Veniselos war der Verant- wörtliche für den Krieg mit der Türkei, der so unglücklich endete. Er hat es später nicht wahrhaben wollen und hat dem König Konstantin schwere Vorwürfe gemacht, daß er die Vermittlung Eng­lands und Frankreichs für einen rechtzeitigen Frieden mit den Türken nicht annahm. Aber Konstanlin wußte nur zu gut, daß, wenn er den Frieden schloß er hätte die Preisgabe von Kleinasien erfordert Veniselos der Erste sein würde, der dafür feinen Sturz verlangte. Der König verlor das Spiel, Kleinasien und Ostthrazien gingen wieder verloren, aber Griechenland konnte den Vorteil buchen, daß durch den gewaltsamen Bevölkerungsaus­tau s ch mit der Türkei das bis dahin nur halb- griechische Mazedonien jetzt ein fast ganz griechisches Land geworden ist.

Man kann dagegen einwenden, daß es ein Verlust für Griechenland ist, wenn jetzt aus ganz Kleinasien die fleißige, intelligente, handelstüchtige und zum Teil sehr wohlhabende griechische Bevölkerung v e r- s ch w u n d e n ist. Im großen und ganzen haben die griechischen Flüchtlinge, die jetzt in Mazedonien und Altgriechenland angesiedelt sind, auf ein niedrigeres wirtschaftliches Niveau herabsteigen müssen, als das war, auf dem sie sich vordem befanden. Es fehlen dem Griechentum jetzt die vielen Anknüpfungspunkte in den reichen Landschaften der kleinasiatischen West­küste, in Cilicien und am Schwarzen Meer. Trape-

behaglich und setzte sich dem Doktor gegenüber, ihm Wein und $abat anbietend.

Armer Kerl", dachte Heinrich Andresen.So­viel Sinn für das Traute und so wenig Gleich­klang bei seiner Frau. Zu Renate hätte er ganz gewiß besser gepaßt und sie zu ihm."

Seien Sie mir willkommen", grüßte KlauS Behrens und hob sein Glas.Merkwürdig, heute morgen kannten wir uns noch nicht, und nun freue ich mich, daß Sie bei mir sind."

Dr. Andresen tat ihm Bescheid und sah ihir herzlich mit seinen klugen Augen am.Mir ist es, als ob wir uns schon tausend Jahre kennen, Herr Behrens, und daß ich darum heute wohl nirgends anders fein könnte, als bei Ihnen."

Tausend Jahre sind eine kurze Spanne Zeit", sagte Klaus Behrens und erzählte seinem Gaste von dem Dhruva der altindischen Mythe. Er zeigte ihm den -kleinen Gott auf dem silbernen Kasten, ließ ihn klingen und berichtete, daß triefe liebliche Figur indischer Kunst den Polarstern darstellen sollte, der Ewigkeit und Festigkeit be­deute. Roch manches Interessante hatte er zu zeigen, köstliche, kunstgeschmiedete Waffen, bron­zene Tierfiguren, Götzenbilder, Drachen, lauter auserlesene Sachen indischer und altchinesischee Kunst, wie sie sonst nie nach Deutschland kamen. Das Zimmer war ein kleines Museum exotischer Wunderlichkeit.

Die Möbel hier stammen von meinen Eltern", erzählte er.Dies Zimmer ist mein alleiniges Eigentum, und es wäre das einzige, auf das ich Wert legen würde, wenn meine Frau Ilse einmal den Wunsch hätte, von mir zu gehen." Er sprach wie zu sich selber.

Hat Ihre Frau Gemahlin denn diesen Wunsch?", fragte mitleidig Dr. Andresen.

Heute morgen schien es mir so", antwortete Klaus. Es kam ihm gar nicht zum Bewußtsein, daß er zu diesem sympathischen Mann, den ee heute morgen doch erst kennengelernt hatte, wie zu einem Freunde sprach.

Ich bedauere es", sagte Dr. Andresen, und fein Ton hatte soviel Wärme und Mitgefühl.

Es ist nicht so wichtig," sagte Klaus Behrens. Ich fahre doch bald wieder über See ,und dann, ist es ihr gleich. Denn da hindre ich sie ja nichc im ihren vergnügten Unternehmungen. Wir sind aus zwei Welten."

Sie legen keinen Wert darauf, sich scheide« zu lassen, um eine bessere Ehe zu finden, wie mie scheint", meinte Andresen.

(Fortsetzung folgt)

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