Aus der Provinzialhaupiüadt.
Gießen, den 29. Juli 1932.
Arbeitslager der Studentenschaft.
Vom Vorstand der Gießener Studentenschaft wird uns geschrieben:
Der Vorstand der Gießener Studentenschaft beabsichtigt, während der großen Ferien ein Arbeitslager zu veranstalten, nachdem es nun- mehr gelungen ist, auch für Studenten, arbeitslose Iungakademiker und Abiturienten vor Beginn des Studiums einen täglichen Förderungssatz von 2 RM. aus Reichsmitteln zu erhalten. Die Gießener Studentenschaft erwartet, daß von dieser Gelegenheit, die heute im Brennpunkt der Frage der Arbeitsbeschaffung steht, von den obengenannten Kreisen reger Gebrauch gemacht wird.
Nähere Auskunft erteilt der Referent für Werkstudentendienst der Studentenhilfe e. V. Sprechstun- den täglich von 13.30 bis 14.30 Uhr im Schreib- maschinenraum des neuen Studentenhauses am Leih- gesterner Weg 16.
UngehörigkeitimFrankfui-terNundfunk
Aus unserem Leserkreise geht und fol- gender Protest zu, den wir nur unterstützen können. D. Red.
Am Mittwoch fand über alle deutschen Sender eine eindrucksvolle Trauerfeier für die Toten der „Riobe" statt. Anschließend sandte der Frankfurter Sender programmgemäß eine „burlesque Operette": .Die Tondo- liere". Wie der Ansager meldete, wäre das Stück abgesetzt worden im Hinblick auf bas Unglück, wenn nicht der Schweizer Landessender das Programm übernähme. Meiner Meinung nach ist diese Begründung nicht stichhaltig. Es wäre der für uns alle gestorbenen Helden und des deutschen Volkes würdiger gewesen, man hätte dem Abend einen ernsten Abschluß gegeben, ganz abgesehen von dem besseren Eindruck, den eS dem Ausland gegenüber gemacht hätte I Der Frank- surter Sender hat einen Fehler gemacht, der nicht wieder gutzumachen ist! L. G.
Besuch deutscher Kriegergräber in Frankreich.
Unter Benutzung der Lage von Trier, nahe der ehemaligen Westfront, hat der Bezirksoerband Trier des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge für Die nächsten Monate ein- und zweitägige »ährten im Gesellschaftswagen zum Besuch deutscher Kriegergräber und Fried- V 0 c ■ Frankreich vorgesehen. Sie werden es Angehörigen und Freunden von Gefallenen ermöglichen, auf kürzestem Wege und unterstützt von sprachkundiger deutscher Seite unmittelbarauf e *~.e ^befUmmten Friedhof zu gelangen.
Die eintägigen Fahrten, morgens in Trier be- flinncnö und abends dort wieder endigend, führen Zu den deutschen Friedhöfen in Lothringen, am Priesterwald und dem St. Mihiel-Bogen, an der Cornbres-Höhe, sowie zu den Friedhösen vor Verdun und am Oftrande der Argonnen. Der Fahrpreis beträgt je nach der Länge der Fahrtstrecke 13 bis t rr .ber*^n^' un& Zweitägige Fahrten, ebenfalls ^in Trier beginnend und endigend, führen zu den tNiedhöfen in den Argonnen, der Champagne, bei Reims, an der Aisne, dem Chernin-des-Dames (Damenweg) und bei Laon, sowie zu den Friedhöfen im ehemaligen Etappengebiet hinter diesen Front- ,
a&tönitten. Der Fahrpreis für diese Fahrten beträgt einschl. Unterkunft und Verpflegung in Frankreich 30 biß 40 Mark.
Das Fahrtenprogramm sieht zunächst den Besuch von 79 verschiedenen Friedhöfen vor, darunter mehrere Friedhöfe, auf denen zahlreiche Angehörige hessischer Truppenteile (wie des Inf.- R g t s. 116 und seines Reserve- und Landwehr-Regiments) ruhen.
Weitere Fahrten nach den Friedhöfen in den Vogesen, im Somme-Gebiet und bei Arras sind in Aussicht genommen.
.Die Durchführung der Gräberfahrten ist dem städtischen Verkehrsamt Trier Übertragen worden, das auf Anfrage jede weitere Auskunft kostenlos erteilt. Die Angabe des Friedhofs, der besucht werden soll, ist hierzu erforderlich.
** Landestrauer in Hessen. Auf Beschluß des hessischen Gesamtministeriums sind zum Zeichen der Trauer anläßlich des Unterganges des Schulschiffes „Niobe" die Dienftgedäude Donnerstag und Freitag halbmast zu flaggen.
** Bauvorhaben des Eisenbahner- H e i rn st ä t t e n o c r e i n s. Nachdem bereits vor einigen Jahren von dem Heimstättenverein auf dem am Wartweg gelegenen größeren Baugrundstück vier Doppelhäuser erbaut wurden, soll nunmehr die Bautätigkeit dort fortgesetzt werden. Für dieses Jahr sollen noch zwei große Wohnhäuser, Ecke Wartweg und Freiligrathstraße, mit insgesamt zehn Woh- nungcn von drei bis vier Zimmern nebst Zubehör zur Ausführung kommen. Die Entwässerungsanlage des gesamten Baugrundstücks ist bereits zur Ausschreibung gebracht. In aller Kürze ist mit der Vergebung der gesamten Bauarbeiten zu rechnen, weil die Roh- bauarbeiten für die Neubauten noch in diesem Jahre zur Vollendung kommen sollen, während die Arbeiten für den inneren Ausbau als Winterarbeiten vorgesehen sind. Im Interesse der Bautätigkeit wäre zu wünschen, daß auch die von den übrigen Bauvereinen geplanten Bauvorhaben alsbald zur Verwirklichung kämen.
** D i e Hindenburg-Spende. Die jetzt bald fünf Jahre bestehende, vom Herrn Reichspräsidenten aus den ihm zu seinem 80. Geburtstag im Jahre 1927 dargebrachten Mitteln errichteten Stiftung „Hindenburg-Spende" hat bis zum l.Iuli 1932 insgesamt 5,2 Millionen Reichsmark an Unterstützungen ausgezahlt. Damit dürste Hindenburgs Schäp- fung zur größten privaten Wohlfahrtseinrichtung der Nachkriegszeit geworden fein. Don den durch Vermittlung der Geschäftsstelle ausgegebenen Beträgen sind an Veteranen Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene im Freistaat Hessen bis zu dem genannten Tage rund 100 170 RM. an Unterstützungen ausgezahlt worden.
Langfrisiige Wettervoraussage
für Norddeutschland westlich der Oder, West-, Mittelund Süddeutschland (ohne Alpenvorland) für die Zeit vom 29. 3uli bis 7. August.
Herausgegeben von der Staatl. Forschungsstelle für langfristige Witterungsvorhersage in Frankfurt a. M.
Die Witterung wird in den nächsten 10 Tagen viel- fach freundlich und angenehm roarnr jedoch im ganzen noch nicht beständig sein. Die Neigung zu Ein- brächen ozeanischer Luftmassen bleibt bestehen, so daß mit veränderlichen Störungen, vorwiegend geroitter- Hafter Art, zu rechnen ist.
Fort mit der Schwarzarbeit!
Wenn ein Volk zur Hälfte arbeitslos und zur anderen Hälfte in seinem Einkommen stark geschmälert ist, dann verführt die verringerte Kauf- kraft trotz aller besseren Einsicht und auch trotz gegnerischer politischer Einstellung das Publikum immer wieder dazu, sich von seinen bisherigen Grundsätzen des soliden Einlaufens abzuwenden und sich von Villigke'ts-Anpreisungen einfangen Zu lassen, Und es hrt den Anschein, als ob daran auch der meist unmittelbar folgende Reinfall nichts ändern könnte.
Ein unerfreuliches Kapitel in dieser Richtung ist die Schwarzarbeit. Besonders unerfreu- lich deshalb, weil die Beweggründe, die den Echwarzarbeiter selbst leiten, ber langer Erwerbs- losigkeit menschlich durchaus verständlich sind und dadurch seiner Bekämpfung allzu leicht der Anschein einer gewissen Rücksichtslosigkeit angehängt wird, Und doch muß im Interesse des Arbeitenden selbst, wie seines Auftraggebers und nicht zuletzt wegen der Schäden, die die Ausschaltung des Handwerks volkswirtschaftlich mit sich bringt, von den berufenen Organisationen mit allem Rachdruck auf die Verhinderung der Schwarzarbeit hingearbeitet werden. Doch auch die Besteller selbst sollten sich mehr der Folgen eingedenk sein, die sie mit der Beauftragung unselbständiger Arbeiter anrichten können.
Zumeist wird der Anreiz zur Schwarz-Beschäftigung durch einen Dritten verursacht. Man hört gelegentlich, wie der Herr T. V- von dem und dem Arbeiter so gut und für einen ganz niedrigen Lohn irgendeine Arbeit machen ließ. Da man gerade auch so etwas unbedingt machen lassen muh, wird der Mann bestellt. Seine niedrige Forderung läßt ihn gleich sympathischer erscheinen, und Atoar in jeder Hinsicht. Die Arbeit wird gelobt, die verbrauchten Stunden bezahlt und man ist überaus befriedigt, daß man so schön und vorteil- tAU $cr Erledigung der schon lange zurück- .Reparatur oder Erneuerung gekommen 1 * Sch^ubar! Denn wer einmal unbefangen nachrechnet, muh meistens feststellen, daß die verbrauchte Zeit doch eigentlich reichlich gewesen ifl und dann das verarbeitete Material, das man natürlich selbst gekauft hat! Wenn man nun auch noch von dem Herrn Handwerks- öufallig erfahren muh, daß er für die geleistete Arbeitsmenge mit der Hälfte Der ongelchasften Waren gut ausgekommen wäre! ®ie nichtverbrauchten Reste hat man auch noch auch noch dieses oder jenes Arbeitsgerät, das der Mann doch für die 2k- 6e<t brauchte und bei so billigem Preis doch nicht auch noch stellen konnte! Wenn solche Pillen erst einmal geschluckt sind, dann fehlt nicht mehr viel, bis man Mehlich feststellt, dah eigentlich die geleistete Arbeit „doch nicht ganz so" ist.
mrl "kennen, dah auch tüchtige Gesellen sich nicht mehr tfjrer Aufgabe gewachsen Seggen, wenn ihnen die gewohnte Anleitung fehlt. Esi doch etwas dran an der Facharbeit! Was der Meister m langjähriger Praxis an sich selbst und seinen verschiedenen Gesellen korrigiert und verbessert hat, das hat er als wertvolles De- dankengut angesammelt. Dieses Wissen kommt in verfeinerter Arbeit und in sparsamster, auf den
Zweck genau zugepahter Materialverwendung seinen Kunden zugute. Seine Arbeitsgeräte sind für den Verbrauch an vielen Arbeiten bestimmt. Lind die Anzahl der Arbeitsstunden, die er äuherst verbrauchen darf, hat er sich vor Abgabe seines bindenden Angebotes, mit dem er konkurrenzfähig sein muh, genau berechnet, so dah es bei ihm gilt darauszuhalten, dah etwas verdient wird. WaS unter seiner Aufsicht gemacht worden ist, das hält der Kritik und den Iahren stand.
Weiterhin: Es kommt einmal vor, dah der selbstbeschästigte Arbeiter auf einer Leiter oder einem geliehenen Gerüst tätig ist, auch daß er mit irgendwie gefährlichem Material arbeitet. Was geschieht mit ihm, wenn er zu Fall kommt, sich verbrennt oder sonst irgendwie zu Schaden kommt? Wer soll für sein« Rente aufkommen, wenn ihm etwas Schwereres zugestohen ist und die Unfall-Versicherung sich unzuständig erklärt, oder gar den Auftraggeber zur Verantwortung zieht und mit Strafen belegt? Wer gibt dem Erkrankten und Richtversicherten sein Krankengeld, wenn bei der Krankenkasse nicht Beiträge für ihn entrichtet worden sind? Meist will man doch dann „nicht so sein" und will dem Geschädigten ein wenig helfen. 2lber was man „so tut“, hat immer so ein bihchen Beigeschmack einer Verlegenheitshilfe, und dem Arbeiter ist dann doch nicht geholfen.
Es mühte interessant sein, einmal eine Statistik mit Preis aufzäh lung, Unfallchronik und Befund- Kritiken zu den Schwarzarbeiten zusammenzustellen. Was da der Oeffentlichkeit für ein Eindruck vermittelt würde von dem. was durch die Schwarzarbeit angerichtet wird, läßt sich aus dem, was man gelegentlich erzählt bekommt, nur ahnen.
Bei dem Handwerksmeister dagegen muh der Geselle gegen Krankheit, Invalidität, Unfall und Erwerbslosigkeit versichert werden. Passiert ihm etwas, oder erkrankt er, so ist ihm sein- Invaliden- bzw. Unfallrcnte oder fein Krankengeld sicher, wird er wieder arbeitslos, so hat er wieder Unterstützungs-Anspruch. Die Leistungen der Institute an die vielen Hunderttausende von Anspruch-Berechtigten müssen doch durch Beiträge aufgebracht werden. Was fehlt — und die Fehlbeträge sind bei der geringen Anzahl von Beschäftigten heute größer als die Eingänge —, müssen die Handwerksbetriebe in Form von höheren Beiträgen auf bringen, Um daS, was infolge von Schwarzarbeit unangemeldet bleibt, sind die Der- sicherungs-Institute und die Geschäfte gebracht.
Das ganze Volk hofft auf den wirtschaftlichen Aufstieg. Diese Hoffnung kann sich nicht erfüllen, so lange weite Kreise unbedacht mit ihren Handlungen zerstörend wirken. Rur toeim von unten heraus durch Auftragserteilung an die Fachgeschäfte diese wieder lebensfähig gemacht werden, können die von ihnen getragenen Wohlfahrts- Sinrichtungen allmählich gesunden, ihre verbrauchten Rücklagen wieder ansammeln und ihre Beiträge reduzieren. Und da dasselbe genau so für die Steuern zutrifft, ergibt sich doch von selbst die Folgerung, daß ein Aufbau unserer Verhältnisse ohne die konsequente Beschreitung dieses Weges nur Stückwerk bleiben müßte
Zwischen Klippen und Böen.
Zum Untergang des deutschen Schulschiffs „Ttiobc* im Kehmarn-Belt.
Der Landzipscl zwischen Kiel, Großenbrode und Lübeck grenzt mit der nördlichsten Ecke an den Fehmarn-Sund, an die kleine Seedurchfahrt. Sie trennt die Insel Fehmarn, die jetzt in ganz Deutschland im Mittelpunkt des Fühlens und Denkens aller Volksschichten steht, vom Festlande. Unscheinbar ist dieses kleine Eiland, nur mit wenigen Dörfern besiedelt, in denen knorrige, mit der holsteinischen Heimaterde fest verwurzelte Männer und Frauen dem harten Fischerhandwerk nachgehen. Iederrnann kennt die wetterfesten Seeleute, die den ganzen Ostsee- stre.fen von der Kieler Ducht bis herauf nach Memel wie ihren kleinen Platz vor dem Haus, auf dem sie ihre Rehe trocknen, kennen. Sie wissen in jedem Winkel, in jeder noch so versteckt liegenden Ducht, die die Zunge des Meeres in das Festland hineingefcessen hat. Descheid. Richt weit von der Insel Fehmarn, etwas nördlicher, liegt z. D. das Gjedser-Riff, das schon vielen Schiffern und ihren Kähnen zum Verderben wurde. Schräg gegenüber — vor der deutschen Küste — erblickt man bei klarem Wetter in ihrer ganzen Herbheit die Prerow-Dank und dicht daneben den Plantagenet-Grund. Beides sind Stellen in der Ostsee, die jedem Anfänger in der Fischerei eingeprägt werden als die heimtückischsten Klippen innerhalb der Kadet- Rinne.
2lber nicht nur in diesem Teil der Ostsee gibt es für die Seefahrt gefährliche Tiefen. Weiter östlich, in der Helaer Bucht, liegt eines der bekanntesten und berüchtigsten Risse, der „Weiße Schimmel". Bei ruhiger See sieht nur das geübte Auge an dieser Stelle vor dem jetzt polnischen Adlershorst die Wogen über den Stein leicht dahinspritzen, wie spielend weisen sie auf die verborgene Gefahr hin: ein weißer, von dem Meerwasser polierter Fels, um dessen Gipfel die Gischt des blaufarbenen Meeres spritzt, hat er von den Männern der See seinen merkwürdigen Ramen erhalten. Orter alle diese Stellen sind schon lange den Seefahrern bekannt und ihre Existenz und Lage ist von Generation zu Generation übermittelt worden. Die Lieberlieferung ersetzte die Karte. Lind kaum ein Kapitän eines Dampfers, der mit dem Zirkel in der Hand auf Grund genau gezeichneter Karten nach wissenschaftlich erprobten Methoden den Kurs eines Schiffes bestimmt, kann diese gefährlichen Klippen so genau angeben, wie der alte schleswig-holsteinische Schiffer von der Insel Fehmarn, der von Kreiselkompaß und moderner Ravigation wenig Olhnung hat.
Aber nicht allein die Klippen und Riffe sind Feinde des Seefahrenden. Gefährlicher und unberechenbarer sind die Böen, böse Vettern des Windes, den von den Schissern des Altertums sogar göttliche Ehren erwiesen wurden. Llnvorbereitet und gewalttätig stürzt die Böe über das Fah'-zeug. reiht es in die Täler der Wellen und wirft es in der nächsten Sekunde auf die Spitzen der Wogen. Sie ruht nicht eher, als bis dos Fahrzeug vernichtet und der armselige Mensch, der es gewagt hat. sich den Wogen und dem Wind anzuvertrauen, von der Raturgewalt erdrückt ist.
Ein besonderes Med singt aber der wilde Sturmgeselle von Fehmarn, der von Laalond, der dänischen Insel nördlich des Fehmarn-Belt, herunterbraust, voller ungeheurer Energien, die er am kalten Rordkap gesammelt hat. Die Fischer fürchten seit Iahrhunderten die Stelle. Kein Wunder, dah zu der Zeit, als man daran ging, Warnunaszeichen auch auf den Seestrahen aufzurichten, als eines der ersten das Feuerschiff nördlich der Insel Fehmarn vor Markelsdorfer Huk verankert wurde. Zwischen diesem Schiff und der Insel hat sich die entsetzliche Katastrophe mit dem Stolz der deutschen Seekadetten, dem Segelschulschiff „21 i o 6 c“ abgespielt. Der schmucke Dreimaster, die Ausbildungsstätte des deutschen Marinenachwuchses, konnte einer derartigen Böe in ihrsr wilden Urwüchsig- keit nicht standhalten. Beim Passieren der gefährlichen Stelle zw'schen der Insel Fehmarn und dem Feuersch ff kenterte die Schonerbark, und 105 Menschen patten plötzlich den Tod vor Augen. Etwa 40 Menschen werden sich erfahrungsgemäß an Deck aufgehalten haben und wurden sofort über Bord gespült. Sie allein sind gerettet worden. Innerhalb von wenigen Minuten vollzog sich das Llnglück. Die schmucke „Riobe" versank mit der übrigen Besatzung in den Fluten. Diele blühende, junge, zu groben Hoffnungen berechtigende Menschen sind nicht mehr. Gin schweres Geschick hat ihnen den Lebensfaden abgeschnitten, hat sie herausgerissen aus der Dahn, die hinaufführen sollte zum Erfolg im Dienste für das deutsche Volk.
Die Fischer von Fehmarn werden noch lange an diese gefährliche Böe zurückdenken, der sie entgingen, der aber so viele junge Menschen zum Opfer fielen. Lind immer wieder wird in stürmischen Rächten in den Fischerkaten auf Fehmarn der Toten von der „Riobe" gedacht werden. Mit den Fischern, mit den Angehörigen der so früh Abberufenen trauert das ganze deutsche Volk und alle Seefahrer der Erde.
Buntes Allerlei.
Ein zarter Binnenbrief.
Die sog. Sinnenbriefe sind allgemein bekannt; sie haben alle den gleichen Wortlaut: „Wenn Sie nicht binnen soundsoviel Tagen Ihre Schuld begleichen — na, Sie wissen schon. Der Mensch gewöhnt sich an alles, was regelmäßig kommt. Er gewöhnt sich an Zahnschmerzen und Rheumatismus, an feine Straßenbahn und auch an die täglich einlaufenden Sinnenbriefe. Nach den Mitteilungen eines Berliner Blattes ist ein Gläubiger nunmehr auf die Idee gekommen, den scharfen Ton der Binnenbriefe fallen zu lassen und es einmal mit der Liebenswürdigkeit zu versuchen, das Herz des Schuldners zu rühren. Er eröffnet das Schreiben mit einem höflichen „Sehr geehrter Herr!" und fährt dann fort: Bei dieser sengenden Hitze kann ich von Ihnen gewiß nicht ver- langen, daß sie noch heute auf Ihr Postamt gehen und den kleinen Betrag, den Sie mir schulden, für mich überweisen. Aber bitte, wenn Sie den ersten trüben Tag benützen, Ihr Konto auszugleichen, bin ich Ihnen wirklich dankbar!" — Wird der Mann Erfolg haben?
Badekostüme im Omnibus.
Ferienreisende, die die holländische Hauptstadt den Haag aufsuchen, werden jetzt in ihren Babe- foftümen in der Straßenbahn oder im Omnibus nach dem nahe gelegenen Badeort Sdjeoeningen her- aussahren können, um sich dort sofort in die kühlenden Fluten zu stürzen. Bisher war eine solche Tracht in den öffentlichen Beförderungsmitteln Hollands streng verboten. Jetzt aber sind durch eine neue Verfügung alle Badekostüme zugelassen, doch Haden die Schaffner die strenge Anweisung, Personen zurückzuweisen, die „ungenügend bekleidet" sind.
Aus dem Leben einer schönen $rou.
In Frankreich kann eine Frau jede beliebige Karriere machen, wenn sie drei Bedingungen erfüllt, wenn sie jung, schon und elegant ist. Vor diesen Eigenschaften streckt die Kritik ihre Waffen. Es fiel in Rizza niemandem auf, daß eine junge Dame von höchstens 21 Iahren unter dem Ramen einer bekannten Pariser Rechtsanwältin auftrat. Wie konnte es auch auffallen, denn die Dame war schön und elegant. Die junge Dame hätte dank ihrer Schönheit, ihres charmanten Wesens, ihrer geistreichen Art zu plaudern, einen guten Weg machen können, wenn sie nicht unter dem Ramen einer Pariser Rechtsanwältin auf» getreten wäre. Sie wohnte in den teuersten Hotels der Riviera, beehrte die besten und teuersten Modegeschäfte mit ihrer Kundschaft und bezahlte nicht. Die Pariser Anwältin, die für den Luxus der jungen Betrügerin Ramen und Kredit hergeben mußte, erhielt dann eines Tages die hohen Rechnungen der Hoteliers und Lieferanten. Es ist ihr nicht zu verdenken, wenn sie mit einer so kostspieligen Doppelgängerin nicht einverstanden war und die Polizei alarmierte.
Die Pseudoanwältin begann ihre „Laufbahn" mit 15 Iahren. Da entlief sie aus dem Elternhaus und begab sich an die Riviera, wo sie, ein Halbes Kind noch, schon ein Mittelpunkt in den Kreisen der Lebewelt war. Sie beteiligte sich an Schöicheitswettbewerben und wurde Ehren» bame der „Prinzessin Der Riviera". Eine Zeitlang war sie Varietssängerin. Diese Laufbahn war ihr jedoch zu schwierig, sie kam nicht vorwärts, sie blieb im Hintergrund. Das war nicht nach ihrem Geschmack, denn sie wollte berühmt werden, den Blick der großen Welt auf sich zwingen. Zu diesem Zweck machte sie zunächst einen natürlich mißglückten Selbstmordversuch. Es war auch nicht das Richtige. Dann ging sie nach Paris und probierte sich als Fallschirmspringerin. Für ihren ersten Ortsprung wurde die gesamte Pariser Presse eingeladen. Wieder ein Fehlschlag, denn der große Aufwand trug ihr kaum einige Lokalnotizen ein.
Sie sattelte noch einmal um und hatte jetzt herausgefunden, daß man auf dem Gebiete Der Politik und Der Wissenschaft als schöne Frau noch am ehesten vorwärts kommen kann. Es heißt, daß es ihr in Paris gelungen sei, bis in Die Arbeitszimmer einiger Minister vorzudringen. Später verlegte sie das Feld ihrer Tätigkeit wieder an Die Riviera, wo sie ihre ersten Triumphe gefeiert hatte. Unter dem Ramen der bekannten Pariser Anwältin fand sie dort rasch Eingang in Die Gesellschaft; Die berühmtesten Anwälte machten ihr Den Hof, sie waren über Diese Kollegin alle entzückt. Mit vielen prominenten Persönlichkeiten führte sie eine rege Korrespondenz, in der sehr zarte und delikate Angelegenheiten behandelt wurden. Rechtsfragen spielten darin keine Rolle. Die gewinnen jetzt erst Bedeutung, nachdem sie festgenommen ist.
$ür 150000 Mark Scheiben eingeschlagen.
Eine wahre Epidemie des Scheibeneinschlagens fetzt Die südaustralische Hauptstadt Adelaide in Schrecken und die Polizei in ratlose Verwunderung. Fast auf jeder der Hauptstraßen, besonders in der wichtigsten Geschäftsgegend, sind die Schaufenster zertrümmert worden, und in sechs Tagen wurde dadurch ein Schaden von mehr als 150 000 Mark ver- ursacht. Da auch die Vororte nicht verschont wurden, nimmt man an, daß es sich um mehrere Sanden handelt. Die Polizei aber hat bisher noch keinen Täter fassen können, obgleich ihre gesamte Mannschaft aufgeboten wird, Patrouillen von Motorfahrern die ganze Nacht unterwegs sind und Privatleute ihnen bei Der Fahndung auf die Scheibenzer- trümmerer in großer Anzahl helfen. Der Schadeir ist besonders empfindlich, da fast keine Versicherung besteht. Sogar bei hellem Tageslicht sind viele Scheiben eingeschlagen worden, aber immer sind die Täter entkommen oder Verdächtige, die verhaftet wurden, konnten Der Tat nicht überführt werden.
LleberschußbeimZrankfurterSängerfest
Frankfurt o. M., 28. Juli. (WSN.) Nach den bisherigen Feststellungen ist damit zu rechnen, daß das 11. Deutsche Sängerbundesfest mit einem nicht unbeträchtlichen Ueberschuß abschließen wird. Die Stabt Frankfurt hatte für bas Fest einen Kredit von 250 000 Mark zur Verfügung gestellt, von dem die Festleitung 100 000 Mark in Anspruch genommen hatte. Diese 1 0 0 0 0 0 Mark sind am Mittwoch der Stadt Frankfurt zurückgezahlt worden.
Mord im Schwanheimer Wald.
WSR. Frankfurt a. M., 28. Iuli. Der 30jährige Optiker Wilhelm W i e D aus Münster bei Stuttgart hat in Der Rächt auf Mittwoch ein 1 8 jährige s Ladenmädchen aus Ried im Schwanheimer WalD DurchzweiSchnittern Den Hals ums Leben gebracht. Wied hatte Das Mädchen anläßlich DrS SängerfesteS keimen gelernt. Da er sie nicht heiraten konnte, wollte er gemeinsam mit ihr in Den Tod gehen. Rachher fehlte ihm anscheinend Der Mut, sich selbst das Leben zu nehmen, und er ging flüchtig. Wied wird übrigens auch aus Stuttgart gesucht, wo et eine Unterschlagung begangen hat. Er ist 1,70 Meter groß, schlank, hat Dünnes blondes Haar, bartlos, braunes verbranntes Gesicht und spricht schwäbischen Dialekt. Rach Vollbringung Der Tat verständigte er selbst Die Polizei und hinterließ eine genaue Zeichnung Des Tatortes, sowie seinen Pah.
Sprechstunden der Redaktion.
11-30 bis 12-30 Ahr, 16 bis 17 Ahr. Samstag nachmittag geschlossen.


