Ausgabe 
29.6.1932 Erstes Blatt
 
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das andere Fahrzeug. Gegenüber diesemmit Bestimmtheit annehmen" scheiden alle anderen Erwägungen rücksichtslos aus. Kommt dem Fah» rer auch nur der leiseste Zweifel, oder muh ihm ein solcher Zweifel kommen, wenn er MC er­forderliche Sorgfalt walten läßt, so hat er die bestimmte Pflicht, den zur Vorfahrt berechtigten Fahrer an sich vorüberfahren zu lassen.

Aber auch der zur Vorfahrt berechtigte Fahrer hat nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Er darf nicht auf sein Dorfahrerrecht pochen und wild drauflosfahren, er ist gebunden an die Vor­schriften der §§ 17 2lbs. 1 und 18 2Ibs. 1 und 2 KVO. Trotz seines unbestrittenen Vorfahrtrechts ist er verpflichtet, bei jeder Annäherung an eine Kreuzungsstelle die erforderliche Sorgfalt und Vorsicht walten zu lassen und zu diesem Zwecke eine Geschwindigkeit zu wählen, die ihm die Möglichkeit gibt, den Verpflichtungen, die ihm als Kraftzeugführer obliegen, nachzukommen. Insbesondere legt ihm der § 18 Abs. 2 die Ver­pflichtung auf. eine Geschwindigkeit innezuhalten, die es ihm möglich 'macht, wenn die Kreuzung unübersichtlich ist, auf kürzeste Entfernung zu halten. Seht er sich über diese Destimmung hin­weg, so droht ihm die Gefahr, schadenersatz­pflichtig gemacht zu werden und in Anklage­zustand zu kommen, ebenso wie der Fahrer, der das Vorfahrtrecht verletzt hat. Wenn nun auch der Begriffkürzeste Entfernung" nicht allzu eng gesetzt werden wird und wenn auch bei den älr- teilen in dieser Frage eine Unterscheidung ge­macht werden dürfte zwischen einer Hauptver­kehrsstraße in der Großstadt mit ihrer geregelten Verkehrsordnung und den Straßen in einer Mittel- oder Kleinstadt, so sind doch die vom Reichsgericht festgelegten Grundsätze derartig, daß jeder Kraftfahrer sie sich bei Kreuzungen immer vor Augen halten sollte. Es würde ihm dadurch manche Unannehmlichkeit erspart werden.

Bauer und Staat.

Von Dr. Eberhard Meckel.

Es wird in der letzten Zeit besonders häufig über die Stellung des einzelnen Menschen, ^ner einzelnen Alters-, Berufs- oder Standesschicht zum Staate geredet und geschrieben. Dabei kann man stets feststellen, daß immer wieder in irgend­einer Weise vor allem vom gegenwärtigen Staate ausgegangen wird, und daß man erst von dort aus in der Untersuchung schließlich zum Menschen gelangt, zur einzigen Schicht mit den jeweiligen individuellen Bedürfnissen und For­derungen. Dadurch wird das Ganze von,vorn­herein in das Politische abgedrängt, was gewöhnlich ja auch dem Sinn solcher ®r* orterungen entspricht, für eine einzelne Schicht eine Staatsanschauung festzustellen, ein Für oder Wider gegen den Staat zu erzielen

Es muß aber auffallen, daß durchweg eine bestimmte Menschenschicht in den Kreis der Unter» suchungen und Betrachtungen nicht einbezogen wird: Das Bauerntum. Denn hier versagt die angegebene Art der Llntersuchungsführung vollkommen. Bei keiner anderen Standesschicht ist es sinnwidriger, in einer Betrachtung über das Verhältnis zum Staate zunächst vom gegenwär­tigen Staate auszugehen als beim Bauerntum.

Die Verhältnisse liegen heute im allgemeinen so, daß eigentlich jede Derufsschicht mit indi­viduellen Ausnahmen in irgendeinem Sinne dienend geworden ist, auch in den Berufen mit sog. freier Geistesarbeit. Das bedeutet, daß sich auch das Vermögen einer eigenen Anschau­ungsbildung von Grund auf durch die Zeit ge­wandelt hat und von den dem ursprünglichen Menschen gefühlsmäßig eingeborenen inneren Lebens- und Anschauungsmo^lichkeiten abgedrängt wurde in der aus den Verhältnissen der Zivili­sationsumwelt und Berufsschichtung zwangsläufig sich ergebende Anschauungsform. Eine bestimmte vernunftgemäße Staatsanschauung ist zum Bei­spiel ein Ergebnis davon. Denn jede Berufs­gruppe steht ja in einem verbindlichen Verhältnis zum Staat; daher ist auch die politisch ab- gefahte Fragestellung nach dem Verhältnis der einzelnen Berussgruppen zum Staate begründet. Beim Bauerntum muß sie, wie gesagt, versagen. Trotz aller verzweifelten Einspannung in die Geldwirtschaft ist der Bauer auch heute noch der freieste Mensch. Er, als der ursprüng­liche Mensch, der auf seinem eigenen Grund und

Boden sitzt, daraus seine zum Leben notwendige Rahrung direkt beziehen kann, verkörpert auch heute noch sozial und geistig die möglichste Selbständigkeit und Unabhängig­keit. In ihm, soweit er wirklich im eigentlichen Sinn des Wortes Bauer blieb, ist alles Äun unö Denken noch in einem gewissen Grade unverbilMt vorhanden. Der Sinn für das Selbstverständliche und Einfache, der dem zivilisierten Menschen erst auf Umwegen der Bildung vielleicht menschlich wieder aufgeht, ist ihm noch eingewurzelt. Der Dauer ist die zeitloseste Erscheinung der Gegen­wart. Aus der Unmittelbarkeit seiner Beziehun­gen zum Leben als Ganzes und seinem daraus entspringenden Gefühl der Einheit aller ver­schiedenen Lebensäußerungen, die er noch gläubig als von einer höheren waltenden Macht ge­schaffen empfindet, erwächst auch seine Einstellung zum Staate. Sie ist von einer großen Selvst- verständlichkeit getragen, ohne jeglichen Umweg, wie ihn der. der kein Dauer mehr ist. wohl mei­stens gehen muß. Für den wahren Bauern aber, der sich die Möglichkeit bewahrt hat. die Un­mittelbarkeit aller Zusammenhänge zu sehen, ist der Staat wie es für ihn etwa die Familie ist Ausdruck einer gläubig empfundenen Macht und daher gottgewollt. __

Der Dauer ist darum im Vergleich zu anders Berussgruppen derunpolitischsteMensch. Und die Fragestellung über fein Verhältnis zum Staate in der üblichen Weise vorzunehmen, be­deutet eine Verkennung und Verschiebung seines wahren Wesens. Man hat im Gegenteil beim Dauern zuerst als von ihm als Menschen aus­zugehen. weil er nie in einem verbindlichen tt^r- hältnis politischer Art zu einer Staatsform stehen kann. Er hat also bestimmt keine ausge­sprochene Staatsanschauung in dem Sinne, wie sie die anderen Berussgruppen haben, für die sie aus den für sie geltenden zeit­lichen Umständen bedingt ist. Eine Betrachtung über das Verhältnis des Bauern zum Staate kann demnach nie im Politischen, sondern n u r i m Menschlichen seine Stellungnahme darlegen, die gerade deshalb für die Gegenwart in der das Menschliche hinter dem Politischen zurücktritt, von Bedeutung ist. , .

Der Staat ist dem Dauern keine politische Angelegenheit. Es ist der unpolitischeGe- meinschaftsgedanke. der bei ihm als fast einzigem in der Volksgesamtheit in der ursprüng­lichen Auffassung vorhanden ist. Da der Staat

dem Dauern als Gegebene« und nicht al« Ge- bildetes erscheint, ist er.konservativ von 0? atur; konservativ in bezug auf das ihm ein- geprägte Urbild der Gemeinschaft. Die.Schwan, kungen der Staatsform lassen ihn fast gleichgültig. So ist ihm eigentlich der Begriff -^ntion fremd, denn er kennt keine Einigung durch geschichtlich- politische Entwicklungen. Sein starkes Traditions­gefühl, das nichts zu tun hat mit einer Tradition im historischen Sinn, geht einzig und allein vom Doden aus und allem, was damit zusammen- hängt und endigt auch dort 2hm ist der Doden alles der Staat ist eine Schutzmoglichkeit dafür und 'eine solche ist zugleich auch ein jeder der Anteil hat an diesem Doden.Der Staat ist jeder", so kann man immer wieder den Dauern sprechen hören. Seine Art der Bejahung des Staates ist vielleicht eine der wenigen, heute noch ganz ethisch begründeten Beziehungen zum Staatsgefüge. Jedes Politische im heutigen Sinne ist ihm fremd. Er ist zu einfach zu politischer Argumentation, aber was bei ihm natürliche Einfachheit ist, hat nichts zu tun mit der Be­schränktheit, die vielfach die Angehörigen anderer Derufsgmppen urteilslos ins Politische zieht. Daher ist der Dauer, wenn er politisch wird, fast immer noch ein Opfer für etwas ihm nicht We­sensbedingtes geworden. Wohl braucht er, um in der heutigen Zeit mit seinen wirtschaftlichen Rot» wendigkeiten vertreten zu sein, einen politischen Rückhalt. Aber eine direkte Politisierung bedeutet eine Verschiebung seiner natürlichen Gegeben­heiten und Möglichkeiten. Sie ist ein menschliches Unrecht aus blindem politischem Egoismus ent» ^D^ Dauern nach ihrer Parteilichkeit zu werten, die gerade in Deutschland durchaus landschafts­bedingt ist. und sie dadurch politisch einzuordnen, geht nicht an. Man erfaßt daher nur die Ober­fläche. nicht den Kem. Denn über alle Ver­schiedenheiten, über alle Partei hinweg geht etwas unterschiedslosGemeinsames. das sich beraushebt aus dem uns heute gewohnten Dilde: Vor allem die so nottuende- mensch­liche Einstellung, die unverbildet und ein­fach bejaht, die den Grund noch in sich trägt, der ein Halt ist auch für das Gegenwärtige, das zwischen den Extremen schwankt. Mit dem fortschreitenden Verlust dieser in ihrem reinen Sinne allein noch beim Dauern bewahrten Einstellung müssen wir mehr und mehr die Grundlagen für ein organisches Staatsgebilde verlieren.

Die Leute von drüben.

Don unserem bl. ^.-Berichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Bukarest, Juni 1932.

Unter den politischen Schlagworten, die die Nach­kriegszeit im Südosten geprägt hat, steht der BegriffDie Leute von Drüben" an allererster Stelle und in den beiden wichtigsten Staaten des Südostens, in Jugoslawien und Rumänien, dreht sich, innenpolitisch gesehen, alles um dieseLeute von Drüben". Sie wohnen jenseits der Landes­grenzen von 1914 und heißen in Jugoslawien Kroaten und Slowenen, während sie in Rumänien unter dem SammelbegriffDie Sie- benbürger" marschieren. Gemeinsam ist allen dreien Kroaten, Slowenen und Siebenbürgern die Abneigung gegen dieLeute | aus dem Alten R e i ch", verschieden ist ledig­lich die Art des Kampfes, den sie offen oder ver­steckt gegen ihreBrüder" von einst undHerren von heute" führen. Im alten Oesterreich-Ungarn bildeten die Kr o a t e n einen Staat im Staate, sie genossen alle Rechte und Freibeiten, die Habsburgertreue der Kroaten war sprichwört­lich, und mit den Tirolern zusammen bildeten sie die Garde, die Elite der kaiserlichen und königlichen Armee. Völkisch gesehen kämpften sie jedoch einen erbitterten Kampf gegen die Madja- risierungsbestrebungen Budapests, von dem sie staatsrechtlich abhingen und dem Wien nach dem Grundsatzdivide et imperia" freie Hand ge­lassen hatte. Stein Wunder also, daß sich die Kroa­ten nach dem Zusammenbruch der Monarchie in ihrer Freude, den ungarischen Entnationalisierungs­bestrebungen entronnen zu sein, jubelnd in die Arme der rassegleichen Serbe n warfen,

von denen sie aber nunmehr nicht als gleichered)- tigteBrüder" angesehen, sondern alserober­te Provinz" behandelt wurden.

Trotzdem haben die Kroaten in den ersten Iah- ren des Zusammenlebens im neuen Hause um die Siebe und das Verständnis Belgrads gerungen wie ein Liebhaber um die Braut, aber ihr Marquis- Posa-Ruf nach Gedankenfreiheit und Gleichberech- tigung ist immer wieder ungehört verhallt. Die Erschießung des kroatischen Bauernführers Ra- ditsch und seiner Genossen in der Skupschtina, eine Tat, die nur in der Ermordung Casars im Senat ein Gegenstück aufweist, bildete den Abschluß des legalen Kampfes, den Agram gegen dieSer- bianer" geführt hat. Ausgesprochener Typus dieser Serbianer war der General Schifkowitsch, der mit allen Mitteln daran arbeitete, ganz Jugosla- wien auf einen Nenner zu bringen, das heißt, es zu jetbifieren.

Aber die Träger dieser Idee übersahen eins: ihre Methoden der Entnationalisierung, überstei­gerter Zentralismus, Kampf gegen alle völkischen und nationalen Eigenheiten, gegen Schulen, Sprache und Sitte, waren vielleicht auf den kulturell beson­ders tiefstehenden Teil des Reiches wie Mazedonien oder Albanien anwendbar. Aber ein im besten Sinne des Wortes westeuropäisches Land wie Kroatien wird stch niemals dazu ^ergeben, einer fiktiven Einheit zu Liebe auf der Treppe der kulturellen Höherentwicklung ein paar Stufen herab auf das serbische Niveau zu steigen. Dagegen sträubt sich Kroatien, das ist der Kernpunkt des serbisch-kroatischen Gegensatzes, den die verschiede­nen Morde und Attentate in Agram und Belgrad

immer wieder urbi et orbi vor Augen führen, und die es durchaus nicht unwahrscheinlich erscheinen lassen daß das jugoslawische Reich, das einst in Serasewo mit Pistolenschüssen aus der Taufe ge­hoben morden ist, eines Tages mit Bomben und Granaten wieder zu Grabe getragen werden wird.

Diese, einer Steigerung kaum noch fähigen Ge­gensätze zwischen demAltreich" und denLeuten von Drüben", wie wir sie in Jugoslawien finden, bestehen in diesem Ausmaße in Rumän ie n nicht, weil der Rumäne des Alt-Reiches, sprich Dorkriegsrumänien", in keiner Weise und auf keinem Gebiete einFanatiker" ist.Fanatiker der Arbeit" sind im Altreich genau so seltene Vögel wieFanatiker des Nationalismus". Der Rumäne begeistert sich schnell, aber sein Enthusiasmus oer» lodert wie Strohfeuer, wenn sich die ersten wirk­lichen Schwierigkeiten zeigen. Er willleben" und läßt andereleben", und im allgemeinen legt er auch allen wirklichen Lebensfragen gegenüber jene absolute Wurschtigkeit" an den Tag, die in gewis­sen Fallen als äußeres Zeichen wirklicher Groß­zügigkeit gewertet werden kann.

Die Gegensätze zwischen dem rumänischen Altreich und denLeuten von Drüben", denSiebenbür­gern", die sich ausRumänie n" (derentwegen dies Gebiet beim Friedensschluß von Ungarn ab­getrennt wurde), ausSachse n" u^b ausU n garn" zusammensetzen, resultieren Msvlgedesjen in erster Linie aus der Lebens- und Dienstauffas­sung der beiden Kontrahenten, genauer vielleicht aus der Entwicklung und Erziehung, die sie in der Vergangenheit durchgemacht haben. Das Altreich war bis 1918 einbalkanischer" Staat, ein verle- vantinisiertes Gebilde, behaftet mit allem, was man sich unter dem SchlagwortBalkan" vorzu­stellen pflegte. DieSiebenbürger" dagegen waren und find genau wie die Kroaten unter ausschließlich west europäischem Kul­tur e in f (u fj groß geworden und durch die Kette der Karpathen und das Sibingebirge auch geo­graphisch wie durch eine hohe chinesische Mauer von jenemBalkan" getrennt gewesen, dessen Mit­telpunkt Bukarest bildete.

Als dann die Karpathenscheidewand politisch ge­fallen war, ging das Alt-Reich selbstverständlich genau wie die Serben ans Werk, um nicht nur die ftammes- und rassegleichen Siebenbürger Ru­mänen, sondern darüber hinaus auch die sie« benbür gischen Sachsen und Ungarn in das neue Reicheinzugliedern". Da dieser Einglie­derungsversuch im Anfang von Altreich-Rumänien und Siebenbürger Rumänen gemeinsam auf dem Rücken der artfremden Sachsen und Ungarn unter­nommen wurde, weil das Rumänentum als Ganzes auf Kosten dieserFremden" die denkbar größten Vorteile für sich herausschlagen wollte, hätte die Lage der Minderheiten außerordentlich ernst werden können, wenn eben nickst letzten Endes dieMen­talität" der Alt-Rumänen und die große Wirt­schaftskrise diesem Vochaben ein Ende gemacht und auch Rumänien in zwei getrennte Lager gespalten hätte. Infolgedessen steht auch in Rumänien heute auf der einen Seite dasAlt-Reich" (Serbien), auf der anderen dieSiebenbürger" (Kroaten), die, ganz gleich, ob es sich um Rumänen, Ungarn oder Sachsen handelt, heute eine erhebliche Unzufrieden­heit mit Bukarest an den Tag legen.

Warum? Zunächst denken dieseLeute von Drüben" auch wenn sie sonst an Ungarn kein gutes Haar lassen mit Sehnsucht an die ver- nene saubere ungarische Vermattung zuruck, für as Altreich bisher noch keinen Ersatz hat schaf­fen können. Außerdem stehen dießeute von Drü­ben" kulturell auf allen Gebieten der Technik, der Landwirtschaft, der Viehzucht, Wissenschaft, Hy­giene, allgemeinen Bildung und Staatsausfassu' i auf einem wett höheren Niveau als das Altreich. Diese höhere Kulturstufe kommt äußerlich durch schweren, behäbigen Reichtum zum Ausdruck, der den Staat natürlich veranlaßte, seine neuen, reicheren Provinzen zu entsprechend höheren finanziellen Leistungen heranzuziehen. Das aber ist die Stelle, wo auch der größte Patriot empfindlich zu werden beginnt und die Schuld an dem durch die Weltkrise heroorgerufenen Nieder­gang seines Lebensstandards ohne weiteres dem Falschen, in diesem Falle der Bukarester Zentrale, ausschließlich und allein in die Schuhe schiebt.

Daß diese Zentrale ein gerüttelt Maß von Schuld an den chaotischen Wirtschaftszuständen und an der daraus resultierenden allgemeinen Unzufriedenheit trägt, kann nicht geleugnet werden, aber der - n i g als Exponent dieser Zentrale und das

Das silberne Trapez.

Von Franz Karl Wagner. .

Oberinspektor Victor Jollioet hatte seit langem einmal einen freien Abend, verließ um sieben Uhr das Polizeipräsidium und begab sich in bas Casino de Paris, um einer VarietSvorstellung beizuwohnen. Da er im Präsidium keinem Menschen sagte, wohin er ging und auch im Foyer niemand getroffen hatte, mit dem er bekannt war, so konnte er hoffen, wenigstens ein paar Stunden vor allen dienstlichen Ueberfällen sicher zu sein.

Das Programm begann mit einigen schwächeren Darbietungen, doch Nr. 4 schien die Sensation des Abends zu fein.Das Todesrad, ein unerhört küh­ner Lustakt , las Oberinspektor Jollioet und blickte gespannt auf die Bühne, als der Vorhang hoch- ging.

Ein junges Mädchen, gefolgt von ihrem Partner, beide in einem schillernden Flittertrikot, traten aus der Kulisse und verbeugten sich lächelnd. Dann klet­terten sin an einem Seil zu einem Trapez empor, bas an ber höchsten Stelle ber Bühne angebracht war. Die Metallstange blitzte im Bühnenlicht wie blankes Silber und Jollioet hob sein Glas, um die kühnen Evolutionen des Paares zu beobachten.

Nach verschiedenen Tricks begann die Artistin, an den Händen ihres Partners hängend, der mit dem Kopf nach abwärts sich nur mit den Füßen festhielt, mit großen Schwingungen hin. unb herzupendeln. Dann sauste der Körper durch die Luft, das Mädchen schnellte sich empor und stand fast im gleichen Augen­blick regungslos wie eine Statue auf ber Metall- ftange, umbonnert vom Applaus bes Publikums.

Nach einer kleinen Atempause verfinsterte sich die Bühne, nur an den Enden der Trapezstange unb an den beiden Drahtseilen leuchteten buntfarbige elek­trische Birnen auf. Der roeifa Kegel eines Schein- werfers tauchte den Körper der jungen Artistin in blendende Helle. Jetzt hing bas Mädchen mit den Zähnen an einem Haken, der am Trapez befestigt war. Wieder versetzte sie sich in Schwingungen und wirbelte schließlich wie ein großes glitzerndes Rad um die silberne Stange.

Da plötzlich ... im Zuschauerraum gellten im gleichen Augenblick ein paar Schreckensrufe auf ... sauste der Körper des Mädchens vom Trapez herab ...

In der nächsten Sekunde fiel ber Vorhang, bie I Leute sprangen von ihren Sitzen und riefen erregt | durcheinander.

Auch Jollioet stürzte aus dem Zuschauerraum und hämmerte kaum drei Minuten später schon mit seinen Fäusten an den kleinen eisernen Eingang, der zur Bühne führte. Er drängte sich an dem Feuerwehr­mann, der ihn aufhatten wollte, vorbei, und schob rücksichtslos die Leute fort, die hier schweigend um einen regungslosen Körper standen. Ein Blick in bas Gesicht bes Theaterarztes genügte dem Oberinspektor zu wissen, daß hier jede Hilfe vergebens war. Neben der Leiche des jungen Mädchens kauerte schluchzend ihr Partner. Jollioet berührte ihn leicht an ber Schulter:Wie ist bas Unglück geschehen? Hat ber Apparat nicht funktioniert ober verließen Ihre Part­nerin die Kräfte?"

Der Angesprochene wandte sein blasses Gesicht dem Detektiv zu und antwortete schroff:Wer find Sie ..., was wollen Sie?"

,Zch bin Oberinspektor Jollioet von ber Polizei­präfektur und war zufällig zugegen, als bas Unglück geschah. Da bachte ich mir, Sie brauchen vielleicht meine Hilfe ...?

Nein, banke, mir kann niemanb mehr helfen", erwiderte ber Artist.Pepina war die beste Part­nerin, nun ist sie tot, unsere Nummer zerstört ... Ich habe nicht nur meine Braut, sondern auch mein Engagement verloren."

Ein entsetzliches Unglück", jammerte ein kleiner wohlbeleibter Herr.Ich danke Ihnen, Oberinspektor, daß Sie sich um die Sache bemühen, aber es han­delt sich ganz einwandfrei um einen Unfall. Ich hoffe, die Polizei wird mir doch keine Unannehmlich­keiten bereiten... Herr Bresani hat jeden Abend knapp vor seinem Auftreten das Trapez genau unterfudjt unb meine Leute stets bei ber Montage überwacht. Sagen Sie es boch selbst bem Herrn Oberinspektor, baß sich bie Sache so verhält!"

3a ... ja ... gewiß, es war ein Unglück, Pe­pina muß einen Schwächeanfall gehabt haben, sonst hätte bas nie passieren können. Sie war bie sicherste Zahnathletin unb in den zwei Jahren, in denen wir zusammen arbeiteten, hat es nie einen Zwischen- fall gegeben/

Oberinspektor Jollioet nickte mit bem Kopf unb sagte dann:Ich bedauere Sie sehr, Herr Bresani, das junge Mädchen scheint eine große Künstlerin gewesen zu sein."

Sie machen also keine Schwierigkeiten, Ober- Inspektor?" fragte nochmals ber kleine Herr ängst- lief).

Beruhigen Sie sich nur, Herr Direktor , entgeg­nete Jollioet. ,Zch habe sofort gesehen, daß hier kein Fall für bie Polizei vorliegt." Er grüßte freund­lich und verschwand zwischen den Kulissen.

Inzwischen hatte einer ber Artisten bas Publikum mit kurzen Worten beruhigt und nach einer Unter­brechung von fünfzehn Minuten nahm bas Pro­gramm seine Fortsetzung.

*

Oberinspektor Jollioet stand in einem Gange des ersten Stockwerkes, auf den die Türen der Artisten- garderobe mündeten. Er sprach mit einem hingen Manne, einem Beamten der Theaterkanzlei, den er in der Verwirrung aufgefischt hatte.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufklärungen!" Jolli- vet schüttelte dem jungen Manne die Hand.Sagen Sie mir nur noch, wo befindet sich bie Garderobe dieser Tänzerin?"

Fräulein Falconi hat Nr. 15."

Oberinspektor Jollioet öffnete gleich darauf ohne anzuklopfen eine Türe unb trat ein. Vor einem Toilettentisch saß eine Frau in einem grellen gelben Kimono unb fuhr Jollioet ungehalten über diese Störung an:Was erlauben Sie sich ... wer find Sic überhaupt?"

Ich weiß ... es ist eine große Taktlosigkeit, fo ohne weiteres hier einzudringen ... entschuldigen Sie ... aber ber Dienst ...ich bin Oberinspektor Jollioet!"

Don ber Polizei?" fragte bie Tänzerin sichtlich verlegen.

Die Stimme des Detektivs war scharf als er fragte:Sie find eine Landsmännin Bresanis und waren in letzter Zeit sehr oft in seiner Gesellschaft? Es gab Eifersuchtsszenen zwischen Ihnen und Pe- pina ... stimmt das?"

Fräulein Falconi kreischte auf:Ich habe ihr nichts getan ...ich nicht ...!"

So ... fo ... unb Herr Bresani?"

Eine Vietelstunbe versuchte Jollioet aus ber Tänzerin etwas herauszubringen, aber diese chwieg beharrlich. Er verließ bas Zimmer, sperrt die Ture ab unb steckte den Schlüssel zu sich. Dann stieg er wieder zur Bühne hinunter, wo gerade eine Akrobatengruppe ihre Künste zeigte. Jollioet gab einem Bühnenarbeiter ein Zeichen unb als dieser auf ihn zutrat, flüsterte enUßo ist bas Trapez?"

Der Arbeiter beutete auf einen Winkel, und als er näher trat bemerkte er Bresani. Dieser fuhr den Detektiv grob an:Was haben Sie denn schon wieder hier herumzuschnüffeln?"

Das ist einmal mein Beruf", versetzte der Ober­inspektor liebenswürdig, bückte sich und hob bie Trapezstange auf.

Lassen Sie meine Sachen tn Ruh!" Brefani bebte vor Wut.

Aber Oberinspektor Jollioet ließ sich nicht ab* halten unb untersuchte bas Metallstück eingehend, Dann fuhr er fort:

Ein Mensch, ber über genügend teuflische Er­findungsgabe verfiigt, kann mit diesem Ding da einen ganz schonen Mord inszenieren und babei mit 99 Prozent hoffen, daß ein solches Verbrechen unentdeckt bleibt. Aber dieses eine Prozent ... das ist es eben ..., darüber stolpern bie meisten Ver­brecher ...." Der Detektiv loste von bem Trapez ein kleines Stückchen isolierten Drahtes.Sehen Sie, Herr Brefani, wenn ich fünf Minuten später komme, ist dieser Draht verschwunden und kein Mensch hätte jemals erfahren, daß Sie Ihre Partnerin um- gebracht haben ...!"

Bresanis Hand zuckte auf, eine Messerklinge blitzte. Aber ber Artist fuhr zurück, benn er sah m bie Münbung eines Revolvers, ben Jollioet auf ihn gerichtet hatte.

Diesen Unsinn werden Sie erst beweisen müs­sen ..." stieß Bresani heiser hervor.

Beweisen ... nun gut: Sie haben ganz einfach von ber elektrischen Leitung, bie zu ben farbigen Birnen führt, eine Verbindung mit ber Metallstange hergestellt. Mit einem zweiten Stück Draht, ben Sic dazwischen geschaltet haben, stellten Sie den Kontakt her. Ein kleiner Druck und durch die Me- tallftange ging ein Strom von 250 Volt. Kein Wunder, daß Pepina mit ihren Zähnen loslassen mußte und abstürzte..."

Der Artist vergaß alle Vorsicht:Wer hat mich verraten?" schrie er mit verzerrtem Gesicht.

Ihre eigene Unvorsichtigkeit! Wenn man feine Partnerin so enorm hoch versichert hat, um diese Summe durch einen Mord sich anzueignen, läßt man die Prämie auch nicht ausnahmsweise durch die Theaterkanzlei an die Versicherungsgesellschaft überweisen. Das werden Sie wahrscheinlich mit Ihrem Kops bezahlen, Brefani!"

Um die Hände bes Artisten schlossen sich zwei Stahlfesseln,