Wirtschaft.
Ein günstiger Reichsbankausweis.
Berlin, 29. März. (WTB. Funkspruch.) Bach dem Ausweis der Reichsbank vom 2 3. März Hot sich in der dritten Märzwoche die gesamte Kapitalanlage der Bank in Wechseln und Schecks, Lombards und Effekten um 51,1 Millionen auf 3715,9 Millionen Reichsmark erhöht. 3m einzelnen haben die Bestände an Handelswechseln und -schecks um 65,8 Millionen auf 3198,6 Millionen Reichsmark, die Bestände an Reichsschatzwechseln um 17,8 Millionen auf 20,8 Millionen Reichsmark und die Lombardbestände um 65,3 Millionen auf 134,9 Millionen Reichsmark abgenommen. Die Bestände an Effekten erhöhten sich um 200,0 Millionen auf 361.8 Millionen Reichsmark durch älebernahme von Aktien der Deutschen Golddiskontbank in gleicher Höhe.
An Reichsbanknvten und Rentenbankscheinen zusammen sind 110,8 Millionen Reichsmark in die Kassen der Reichsbank zurück- geflossen, und zwar hat sich der Umlauf an Reichsbanknoten um 107,3 Millionen auf 4005,9 Millionen Reichsmark, derjenige an Rentenbank- fcheinen um 3,5 Millionen auf 404.5 Millionen Reichsmark verringert. Dementsprechend haben sich die Bestände der Reichsbank an Rentenbankscheinen auf 22,7 Millionen Reichsmark erhöht. Die fremden Gelder zeigen mit 491.5 Millionen Reichsmark eine Zunahme um 147,0 Millionen Reichsmark.
Die Bestände an Gold und deckungs- fähigen Devisen haben sich um 0,7 Millionen auf 1019,3 Millionen Reichsmark erhöht. 3m einzelnen haben die Bestände an Gold um 0,2 Millionen auf 877,1 Millionen Reichsmark, die Bestände an deckungsfähigen Devisen um 0,5 Millionen auf 142,2 Millionen Reichsmark zugenommen.
Die Deckung der Roten durch Gold und deckungsfähige Devisen beträgt 25,4 Prozent gegen 24,8 Prozent in der Borwoche.
Zinssenkung auf -em Kapitalmarkt.
Berlin, 26. März. (WTD.) Die Bedürfnisse des Verkehrs haben eine Ergänzung und Klarstellung der Bestimmungen über die Kapitalzinssenkung in der vierten Rotverordnung vom 9. Dezember 1931 im Wege einer zweiten Demnächst erscheinenden Durchführungs- und Ergänzung sverordnung erforderlich erscheinen lassen, von denen folgende hervorgehoben seien:
Zur Vermeidung von Weiterungen im Kreditverkehr ist vorgesehen, daß auf dem Grundbesitz des Kreditnehmers zugunsten des Kreditgebers für die Sicherung eines bankmäßigen Personalkredites eingetragene Grundschulden den Kündigungsschutz der Rotverordnung nicht genießen sollen. Ferner wird der Kündigungsschutz auf solche fällige Forderungen ausgedehnt, die vor dem 9.Dezember 1931 auf unbestimmte Zeit gestundet worden sind. Weiter wird bestimmt, Daß die Pfandbriefinstitute, die auf Grund des Darlehensvertrages, oder Der Satzung eine Gebühr im Falle der Rückzahlung des Darlehens in Pfandbriefen verlangen können, zur Erhebung dieser Gebühr nicht berechtigt sind, soweit die Tilgung durch Pfandbriefhingabe im Rahmen der Rotverordnung erfolgt Auch soll dem Schuldner das in der Rotverordnung eingeräumte Recht, seine Schuld in Pfandbriefen zurückzuzahlen, auch dann gewahrt bleiben, wenn gleichartige Pfandbriefe im Markte nicht oder nur zu angemessenen Bedingungen zu haben find. 3n einem solchen Falle sollen die Aufsichtsbehörden der Pfandbriefinstitute berechtigt sein, die erforderlichen Anordnungen zu treffen.
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Roman von I. Schneider-Foerfil.
Urheber-Rechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau.
13. Fortsetzung. Rachdruck verboten!
Als er wieder an seinem Schreibtisch stand, fühlte er, wie ihm die Schläfen hämmerten. 3n aller Hast warf er einige Kleidungsstücke und Toilettengegenstände in seinen Koffer. Als er ein wenig später vor dem Kraftwagen stand, fand er einen Riesenstrauß dunkler Rosen auf dem Sitze im Fonds liegen. Rach dem Herrenhause hinübersehend, gewahrte er Susos weißes Gesicht durch das Rebenwerk des wilden Weines spähen. Er wagte nicht hinaufzugrüßen, nahm nur die Rosen hoch und hielt sie sorglich auf den Knien.
Roch lange sah die jüngste Recklinhauserin das Auto, welches den geliebten Mann davontrug, in rascher Fahrt das gelbe Band der Chaussee Durchfliegen. Eine Wolke Staubes zog wie ein Rebelstreif hinter ihm her. Als sie sich endlich umwandte, begegnete sie Lenores vorwurfsvollen Augen.
„Was ist?" fragte sie beklommen.
„Muh ich dir das erst sagen, Kleines?" Lenores Stimme klang merkwürdig traurig und apathisch.
„Du hast mir nachspioniert!"
„Richt nachspioniert!" wehrte die Aeltere. „Du bist an mir vorbeigelaufen, ohne mich zu fehen. Ohne dir nachzublicken, wußte ich, wohin du «. Suse, hast du denn gar nicht bedacht, daß imit aller Sitte ins Gesicht schlägst?"
„Gott, wie kleinlich du manchmal bist! 3ch wollte doch nichts, als ihm ein liebes Wort sagen!"
„Du hättest zu ihm an den Wagen kommen können, aber nicht in sein Zimmer", mahnte Lenore. „Suse, hattest du denn gar keine Bedenken, was er von dir halten muß, wenn du —“
-.Du machst mich schlecht!" weinte die 3üngste. „3ch wollte nichts Unrechtes. 3ch habe ihn nicht einmal geküßt. 3ch wollte ihm nur beim Packen helfen, aber er hat es nicht geduldet!"
„Siehst du!" unterbrach sie Lenore. „Du mußtest doch erwägen, in welche Lage du dich bringst wenn dich lemand bei ihm antrifft. Es wäre nicht auszudenken."
„Hältst du ihn für solch einen Schuft?" fuhr Suse dazwischen.
„Eben nicht!" urteilte die Aeltere. „Es wäre schlimm für dich, wenn er nicht der Mann von Ehre wäre, der er ist. Versprich mir, Sule daß das nicht wieder vorkommt. Die Verantwortung, wenn ich der Mama gegenüber schweige, erdrückt mich sonst."
* Die Indexziffer der Großhandelspreise. Die vom Statistischen Reichsamt für den 23. März berechnete Großhandelsindexziffer ist mit 99,5 gegenüber der Vorwoche um 0,6 v. H. zurückgegangen. Die 3ndexziffern der Hauptgruppen lauten: Agrarstoffe 95,9 (— 1,3 v. H.), Kolonialwaren 88,6 (— 0,3 v. H.), industrielle Rohstoffe und Halbwaren 90,4 (— 0,1 v. H.) und industrielle Fertigwaren 120,4 (— 0,2 v. H.).
* Einstellung der Rotieruag der Kreuger-Wcrte? Wie „Svenska Morgen- bladet" in Stockholm, das Blatt der schwedischen Regierung, meldet, soll die Rotierung aller Kreuger-Papiere an sämtlichen Weltbörsen suspendiert werden.
Berlin sehr ruhig.
Berlin, 29. März. (WTD. Funkspruch.) Die heutige Börse zeigte zu Beginn nach der viertägigen Unterbrechung ein sehr ruhiges Bild. Die Auslandbörsen, insbesondere Reuyork, hatten auf die Meldungen von dem schlechten Stand des Kreuger-Konzerns bereits schwach reagiert und auch in Berlin lagen Svenska-Aktien etwa 10 Mk. unter ihrem letzten Kurs, ohne daß dies jedoch auf die Allgemeintendenz größeren Einfluß hatte. Wider Erwarten setzte nämlich die heutige Börse — mit Ausnahme von Svenska — in behaupteter Haltung ein, und die Kurse zeigten im allgemeinen, allerdings bei ganz kleinem Geschäft, nur unwesentliche Veränderungen. 3nteresse f'ir Farben gab der Gesamttendenz eine Stütze, anderseits verstimmte jedoch später die anhaltende Schwäche der Altbesihanleihe und der Reichs- bahnvorzugsaktien, wobei man wieder von Aus- land-Abgaben sprach. Der etwas verspätet erschienene Reichsbankausweis für die dritte Märzwoche konnte ebenfalls keine Anregung geben. Trotzdem blieb auch im Verlaufe das Geschäft weiter sehr ruhig, und die Kurse bröckelten eher leicht ab. Besonders Chadeaktien büßten nach widerstandsfähiger Eröffnung etwa 4 Mk. ein. Auch der Anlagemarkt war ziemlich geschäftslos. Man taxierte meist unveränderte Kurse. Goldpfandbriefe und Kommunalanleihen waren ziemlich behauptet, während 3ndustrie- obligationen und Reichsschuldbuchforderungen besonders im Verlaufe zur Schwäche neigten. Deutsche Anleihen waren rückgängig. Am Geldmarkt trat der Ultimo weiter in Erscheinung. Man hörte einen Tagcsgeldsah von 6,5 bis 8,5 Prozent, jedoch war unter 6,75 Prozent nur selten anzukommen. Auch im weiteren Verlauf neigte die Tendenz an den Aktienmärkten zur Schwäche, besonders Kunstseidewerte und Deichsbahnvorzugsaktien waren erneut stärker rückgängig, aber auch Reichsbankanteile büßten etwa 1,5 Proz. ein.
Frankfurt schwach.
Frankfurt a. M., 29. März. (WTB. Draht- meldung.) Die Börse eröffnete zu Beginn der neuen Woche in schwacher Tendenz. Die schlechte Lage des Kreuger-Konzerns und die beiden letzten schwachen Börsen in Reuyork drückten auf die Kurse, zumal auf einigen Marktgebieten wieder mehr Material herauskam, das nur auf ermäßigter Basis ausgenommen wurde. Die Spekulation zeigte nach der mehrtägigen Unterbrechung durch die Feiertage nur wenig Unternehmungslust. Bei kleinem Geschäft ergaben sich gegen die letzten Tage vom Donnerstag der Vorwoche überwiegend Abschwächungen von 1 bis 2 Prozent, bei einigen Werten darüber hinaus bis zu 3 Prozent. Recht matt lagen Svenska, die etwa 10 Mark verloren. Am Chemiemarkt verloren 3G--Farben 2 Prozent und Scheideanstalt 1,5 Prozent, von Elektrowerten gaben Licht und Kraft etwa 3 Prozent, Siemens 2,5 Prozent und die übrigen Werte dieses Marktes etwa bis zu 1.5 Prozent nach. Montanaktien lagen nach anfänglich behaupteter Eröff-
Statt einer Antwort warf Suse sich der Schwester an die Brust und umklammerte deren Hals mit beiden Armen. — „3ch tu's gewiß nicht wieder, Lore! Und weil du's nun doch einmal weißt: 3ch hab ihn lieb, so lieb, daß es gar niemanden gibt, der mich von ihm weghringen könnte. Glaubst du, daß die Mama gut zu ihm ist, wenn er kommt, um ihr „3a" zu fragen?"
Lenore lächelte über den Kopf der Schwester hinweg. „Die Mutter hält sehr viel auf ihn. So viel ich Menschen taxieren kann, bist du in seinen Armen treu geborgen."
Die Siebzehnjährige richtete sich etwas auf und strich sich die Wimpern trocken. „Margret sagt, er hätte die gleiche verdächtig glatte Fratze wie Swensen!"
Lenores Gesicht erblaßte. Sie suchte mit den Fingerspitzen an der Kante des Tisches nebenan Halt zu finden: „Du muht nicht alles glauben, was Margret sagt. Sie hat noch keinerlei Erfahrungen im Leben gemacht. Vielleicht macht sie überhaupt keine. Sie ist anderer Art, wie wir beide! Glücklicherer Art, möchte ich beinahe sagen. Weine jetzt nicht mehr Kleines! Es wird schon alles gut werden."
, strich der Schwester über die Wangen, küßte sie und verließ das Zimmer.
Eine Viertelstunde später hörte sie Suse schon wieder durch das Haus trällern. 3n ein paar Tagen kam Dieter zurück. Daß er eine Mutter batte, vergaß sie für den Augenblick vollkommen.
Man war eben nur einmal im Leben siebzehn 3ahre.
Es ist unmöglich, daß Monate zwischen dem Damals und dem Heute liegen, dachte Molnow, als er aus dem Abtell stieg und unweit von llch dce weihe Haube von Schwester Gertraud leuchten sah. Alles war genau wie an jenem Abend, wo er zum ersten Male nach langen 3ahren die Mutter zu besuchen kam.
Er hatte Mühe ihr ein „Grüh Gott!" zu sagen und ein „Danke!" für ihre teilnehmenden Worte zu finden. An ihrer Linken schritt er dem Aus- gange zu und blieb stehen, als sie ihm unver- $anö arif den Aermel legte. „3ch habe 3hnen etwas mitzuteilen", sagte sie in ihrer ruhig vornehmen Art. „3hre Mutter hat mir das Versprechen abgenommen, daß ich 3hnen rÄ-’ die anderen sich dareinmengen. Deshalb bin ich auch herausgefahren, Sie zu empfangen sonst hätten Sie ja meiner Führung bedurft. Die gnädige Frau hat ge- wunscht daß dos Kind in 3hrer Obhut bleibt und nicht den Verwandten ihres Mannes aus- geliefert wird."
Etwas wie Schwindel überkam ihn mit 6er- arttger Macht. Latz er den TüiHrücker -um Aus-
nung später bis zu 1,5 Prozent niedriger. Auch Kaliaktien gingen um 1 bis 1,5 Prozent zurück. Reichsbankanteile verloren 2 Prozent, während Privatbank nur wenig verändert waren. Von Derkehrswerten büßten Reichsbahnvorzugsaktien weitere 1 Prozent ein, da die Abgaben anhielten. Hapag und Rorddeutscher Lloyd schwächten sich nur um Bruchteile eines Prozentes ab. Am Anleihemarkt lagen Altbesitz im Angebot und etwa 1 Prozent schwächer. Reichsschuldbuchforderungen gingen etwa 0,5 Prozent zurück. Am Pfandbriefmarkt ergaben sich bei kleinen Umsätzen sowohl für Gold-, als auch für Liquidationspfandbriefe Rückgänge von 0,25 bis 0,5 Prozent. Auslandrenten lagen geschäftslos und unverändert. 3m Verlaufe war das Geschäft sehr gering. Die Kurse blieben auf dem ermäßigten Riveau unverändert. Rach einigen Montan- werten machte sich eher Rachfrage geltend. Sehr fest lagen 3G.-Chemie Basel, die auf Käufe der Arbitrage etwa 3 Prozent gegen die vorwöchi- gen Kurse gewannen. Am Geldmarkt nannte man Tagesgeld mit 6 Prozent unverändert.
Devisenmarkt Berlin — Frankfurt a.M.
Reichsbankdiskonl 6 Proz. — Lombardsah 7 Proz. Frankfurter Schlachtviehmarkt.
24.Mörz
29-MSr,
Amtliche Dotierung
Amtliche Notierung
meld
Dries
Geld
Bries
Wellington .
Wien. . .
7,053
49,95
7,067 50,05
7,243
49,95
7,257
50,05
Prag . . .
Budapest . .
12,465
12,485
12,465
12,485
56,94
57,06
56,94
57,06
Sofia . . .
3,057
3,063
3,057
3,063
Holland . . Oslo.... Kopenhagen.
169,58
169,92
170,08
170,42
82,12
82,28
84,12
84,28
85,01
85,19
87,61
87,79
Stockholm .
83,22
83,38
85,32
85,48
London. . . Buenos Ader
15,44
15,48
15,89
15,93
1,073
1,077
1,073
1,077
Neuvorl . .
4,209
4,217
4,209
4,217
Brüssel. .
58,64
58,76
58,66
58,78
Italien. .
21,78
21,82
21,79
21,83
Paris . .
16,51
16,55
16,57
16,61
Schweiz .
81,19
81,35
81,52
81,68
Spanien . .
32,07
32,13
82,18
31,97
32,03
Danzig. . .
82,02
82,37
82,53
Japan . . .
1,359
1,361
1,384 0,254
1,386
Diro de Ian..
0,254
0,256
0,256
Jugoslawien
7,413
7,427
7.413
7,427
Liiiabon
13,99
14,01
13,49
13,51
Frankfurt a. M., 29.März. Auftrieb:981 Rinder, darunter 230 Ochsen, 60 Dullen, 368 Kühe, 275'Färsen: Kälber 417; Schafe 72; Schweine 3745 Stück. Es notierten pro 100 Pfund Lebendgewicht: Rinder: vollfleischige, aus-- gemästete, höchsten Schlachtwerts: jüngere 30 bis 34, ältere 25 bis 29, sonstige vollfleischige jüngere 20 bis 24; Dullen: jüngere, vollfleischige, höchsten Schlachtwerts 25 bis 30, sonstige voll- fleischige oder ausgemästete 20 bis 24; Kühe: jüngere, vollfleischige höchsten Schlachtwerts 24 bis 26, sonstige vollfleischige oder ausgemästete 20 bis 23, fleischige 15 bis 19; Färsen (Kalbinnen, 3ungrinder): vollfleischige, ausgemästete, höchsten Schlachtwerts 30 bis 34, vollfleischige 25 bis 29, fleischige 20 bis 24. Kälber. Beste Mast- und Saugkälber 42 bis 46, mittlere Mast- und Saugkälber 36_ bis 41, geringe Kälber 32 bis 35. Schafe. Mastlämmer und jüngere Masthämmel (Weidemast) 30 bis 35, mittlere Mastlämmer, ältere Majthämmel und gut genährte Schafe 25 bis 29. Schweine. Vollfleischige Schweine von etwa 240 bis 300 Pfund 40 bis 43, von etwa 200 bis 240 Pfund 40 bis 43, von etwa 160 bis 200 Pfund 38 bis 41, fleischige Schweine von etwa 120 bis 160 Pfund 36 bis 40, Sauen 32 bis 36 Mark. Marktverlauf: Rinder ruhig, ausverkauft; Kälber und Schafe mittelmäßig, geräumt; Schweine ruhig, geringer üleberstand.
Briefkasten -er Redaktion.
(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)
W. in G., Stephanstratze. „Claudine von Villa Bella", ein Singspiel in drei Akten von Goethe, entstanden 1775 unter dem Eindruck des Erleb
gang so lange in den Händen hielt, bis ihn ein anderer unsanft gegen die Ellenbogen stieß.
„Das wird sich nicht machen lassen, Schwester!" würgte er heraus. „Meine Mutter wußte doch, daß ich in abhängigen Verhältnissen bin. Daß —“
»Wir wollen einen Wagen nehmen!" unterbrach sie ihn. „Dann haben wir noch zehn Minuten Zeit, in Ruhe darüber zu sprechen."
Er winkte ein Auto herbei und wartete, bis sie Platz genommen hatte. Etwas wie Scham überkam ihn, daß sie seine Worte von vorher möglicherweise falsch gedeutet hätte. Stockend gab er eine Erklärung ab: „3ch betrachte es selbstverständlich als heilige Pflicht, für meine Stiefschwester zu sorgen. 3ch selbst habe keinerlei Bedürfnisse und werde die Mittel aufbringen, daß die Kleine keinen Mangel zu leiden hat. Aber das Kind xu mir nehmen — das kann ich natürlich nicht!" Er dachte an feine Zweizimmerwohnung, und daß es unmöglich war, sie dort unterzubringen.
„So war eä auch gar nicht gemeint, Herr Malnow". hörte er Schwester Gertraud sagen. „Die gnädige Frau hat verfügt, daß das Dorli in eine Pension kommt. 36re Bitte beschränkte ffch nur darauf, daß Sie ab und zu nach dem Kinde sehen, daß es sich nicht allzu einsam und verlassen fühlt."
„Das werde ich natürlich gerne erfüllen!“ sagte er bereitwillig zu, verspürte ein förmliches Aufatmen, sah den Blick der Schwester auf sich gerietet und senkte den seinen, als könnte sie erraten, daß seine Gedanken bei Susi Recklinhausen weilten.
Als der Wagen hielt und sie zusammen den Weg nach dem Hause gingen, da kam ihnen das Dorli entgegen: Eine schwarze Schärpe über dem Kleidchen, die Augen rot verweint.
Es war mehr Mitleid als Liebe, das ihn zwang, sich zu ihr herabzuneigen, ihre Stirne zu küssen und den Arm um ihre Schulter zu legen. Seine Rechte fuhr über ihr blondes Gelock und hielt dann die kalten Fingerchen umschlossen.
Die Schwester blieb zurück und lieh die beiden allem in das Zimmer treten, in welchem die Tote noch aufgebahrt lag. Das Dorli sah, wie der große Bruder mit einem haltlosen Aufschluchzen neben der Mutter in die Knie glitt ten Kops gegen das spitzenbefehte Kissen preßte.^ Sie bemerkte das Zucken seiner Schultern und horte ihn unverständliche Worte murmeln, von denen nur das eine immer deutlich wieder- kehrte: »Mutter verzeih mir! — Kannst du mir verzeihen, Mutter?
Dorlis kleiner Körper begann zu zittern, ßang- 'vrn gtltt sie an seiner Seite nieder und drückte das Gesichtchen geaen seinen Ellenbogen. Ihre Hand« schoben sich durch feinen Arm und taftetan
nisses mit Lili Schönemann, erschienen als „Schauspiel mit Gesang" Berlin 1776, umgearbeitet während des späteren Aufenthaltes in Rom, erste Aufführung 1789 in Berlin; die bekannteste Vertonung stammt von Reichardt.
Oberheffen.
Gemeinderat in Laubach.
□ Laubach, 26. Mürz. Der Gemeinderat beschloß in seiner jüngsten Sitzung, dem Beispiel benachbarter Städte folgend, daß die Inhaber leerstehender Mietwohnungen vor Neuoermietung an Zuziehende mit der Bürgermeisterei Rücksprache nehmen sollen, damit die Stadt und die eingesessene Bevölkerung von dem Zuzug unter- stützungsbedürftlger Personen verschont bleiben.
Landkreis Gießen.
* Heuchelheim, 26. März. Der Leiter deS Gießener Arbeitsamtes, Regierungsrat Dr. D u e s, Gießen, hielt hier einen instruktiven Vortrag über das Wesen und die Bedeutung des freiwilligen Arbeitsdie^nstes. Der Vortrag fand aufmerksame Zuhörer. Bei der Bürgermeisterei liegen nunmehr GinzLichnungs- listen auf, und man hofft, daß recht viele Erwerbslose sich zur Verfügung stellen.
:/: Beuern, 26. März. 3m Rahmen der Vorträge des Volksbildungsoereins sprach Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Robert Sommer (Gießen). Die aufmerksamen Zuhörer wurden bc- kanntgemacht mit den Erscheinungsformen der Psychiatrie, ihrem Wesen und mit der sich daraus ergebenden psychischen Hygiene. Die Ausführungen wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen.'
= Harbach , 26. März. Der ölte st e Bürger unserer Gemeinde, zugleich das älteste Gemeindeglied des Kirchspiels Wirberg, der frühere Gemeinde, und Kirchendiener Peter Hartmann, starb im 9 2. Lebensjahre. Der Verstorbene hatte bis zuletzt einen erstaunlich frischen Verstand und nahm noch an allen Dingen Anteil.
* Birklar, 26. Mürz. Dieser Tage wurde die Wahl des Beigeordneten Heinrich Wagner vom Kreisamt Gießen bestätigt. Beigeordneter Wagner hat sich u. a. im hiesigen Dereinsleben große Verdienste erworben. Er ist Vorsitzender des hiesigen Konsum-, des Gesang- und des Rind- und Pferde- oersicherungsoereins, ferner Aufsichtsratsmitglied der Spar- und Darlehenskasse und des-Milcherzeu- aerverbandes, Mitbegründer J5es Turnvereins und Vorstandsmitglied, Rechner des Kriegeroereins, der Ortsgruppe Birklar des Landbundes und des Sängerbundes „Ehattia-Wettertal". Ferner gehört er der Kirchengemeindevertretung an.
Kreis Schotten.
□ Laubach, 26.März. Für die Römheld- sche Eisengießerei wurde in dem bei dem hiesigen Amtsgericht abgehaltenen Zwangsoer- steigerungstermin kein Gebot abgegeben. — Die in der hiesigen Turnhalle eingerichtete 3 u - gendherberge, die zur Zeit 24 Lager umfaßt und sich als zu klein erwiesen hat, wird durch das Freiwerden zweier Räume im kommendem Monat auf 45 Lager erweitert. Hierdurch ist die Mög- lichkeit gegeben, auch größere Jugendgruppen in der Herberge unterzubrinaen.
Eschenrod, 27. März. Am Karfreitag ereignete sich hier eintragischerllnglücks- fall, der den Tod eines Kindes zur Folge hatte. Die Ehefrau des Landwirts Kaiser. von ihrem fünfjährigen Söhnchen begleitet, begab sich auf den Friedhof, um die Gräber von Angehörigen zu besuchen. Während die Mutter beschäftigt war, machte sich der Knabe nach Bubenart an den Grabsteinen zu schaffen. Dabei stürzte der schwere Stein um, der keine feste Unterlage mehr hatte, und begrub den unglücklichen Knaben unter sich. Ein doppelter Schädelbruch hatte den sofortigen Tob des bedauernswerten Kindes zur Folge.
an diesem aufwärts nach seinen Fingern. „Dieter! - Dieterle!"
Er hob verwirrt den Kopf, sah sie neben sich knien und legte den Arm um sie. „Weißt du, daß die Mama tot ist?"
Sie nickte und schluckte tapfer an ihren Tränen. „Aber du bist noch da!" sagte sie vertrauend. „Die Mama hat mir versprochen, daß du mich so lieb hast, wie sie dich lieb gehabt hat!"
Er wußte nichts zu erwidern, wollte sich erheben und fühlte, wie ihn ihre Finger niederdruckten. „Hab mich lieb, Dieter!"
Er sah unwillkürlich nach der Toten und sein Gesicht bekam plötzlich die Farbe einer gekalkten Wand. Die Augen der Mutter, die vorher geschlossen waren, schienen jetzt offenzustehen. „Mutier!' — Er wollte die Arme um sie werfen, fühlte sich zurückgehalten und nach einem Stuhl gedrängt.
Schwester Gertraud, die unbeachtet eingetreten toar, reichte ihm ein Glas Wasser und öffnete bie beiden Fenster, die nach dem Garten gingen. Gr hörte ihre Stimme wie etwas unwirklich meilenweit Entferntes über sich hinklingen. „Sie werden sich jetzt zur Ruhe legen, Herr Malnow. 3dj habe das Zimmer nebenan instand gesetzt. Das Dorli legt sich auch schlafen."
Auf seine müde Abwehr erklärte sie tröstend: „3ch werde bei der Toten wachen, daß sie nicht allein ist. Sage „Gute Rächt!" mein Kind." Sie nahm die Kleine bei der Hand und führte sie zu Dieter hinüber.
Er fühlte, wie sich zwei Arme um seinen Hals legten und eine samtene Wange sich an die seine schmiegte. Mit halbgeschlossenen Lidern zog er das Kind auf die Knie und drückte dessen Gesicht an seine Brust. „Hast du mich lieb, Dieter?"
„3a!" sagte er ohne Zögern.
Sie hielt feine Finger umklammert und strahlte ihn an. „Gute Rächt, Dieterle!"
„Gute Rächt, mein Kind!"
»Bist du morgen noch da?" fragte sie ängstlich und kam von der Türe noch einmal zu ihm zurück.
Er nickte und fuhr ihr die Wangen herab. „Schlaf nur ganz ruhig. Unb vergiß nicht, für die Mama zu beten."
Als Schwester Gertraud die Kleine zu Bett gebracht hatte, fand sie Malnow über das Gesicht der Mutter geneigt. „Legen Sie sich jetzt für ein Paar Stunden zur Ruhe", bat sie und wies nach der Tür, hinter welcher das Fremdenzimmer lag.
Gr schüttelte den Kopf und hielt den Blick auf sie gerichtet: „Hat meine Mutter 3hnen nie von der Familie ihres Mannes gesprochen, Schwester Gertraud?"
„Rein!" sagte sie ruhig, und schloß eines der beiden Fenster, da es merllich kühl im Raume wurde.
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