Dienstag, 29. März 1952
Siebener Anzeiger (Senerai-Anzeiger für GberMen)
Nr. 13 Zweites Blatt
SO Lahre Tuberkulosebekämpfung.
Robert Kochs berühmte Entdeckung.
Don Dr. Kranz Rittler.
3n den Jahren 1877 bi» 18hl starben in den beut- schen Stödten mit über 15 000 Einwohnern von 100000 Bewohnern jährlich im Durchschnitt 358 an Tuberkulose oder, wie die Krankheit damals genannt wurde, an „Schwindsucht". Vom Jahre 1882 an tritt ein ständiges Sinken der Todesfälle ein. Bor dem Krieg betrug der Jahresdurchschnitt nur noch etwa 150. Aehnlich liegen die Berhaltnisje in allen Kultur- floaten. Das Jahr 1882 bedeutet also einen Wendepunkt und zwar nicht nur in bezug auf die Be- fämpfung der Tuberkulose, sondern im Kampf gegen die InfektiSnskrankheiten überhaupt.
In diesem Jahre hatte Dr. Robert Koch seine langwierigen und mühseligen Arbeiten über die Ursache der Schwindsucht abgeschlossen. Es war ihm gelungen, ihren Erreger nicht nur aufzufinden, sondern auch Kulturen davon hcrzustellen. Des weiteren war es ihm gelungen, den Zusammenhang zwischen Bazillus, Ansteckung und Erkrankung zu beweisen. Heber alles das berichtete er zusammenfassend a m 2 4 Marz 1882 in der Physiologischen Gesellschaft zu Berlin.
Mit Recht kann man behaupten, daß von diesem Tage an ein Umschwung in den Ansichten über die Schwindsucht einsetzte, die damals die gefürchtetstc aller Krankheiten war. Sie galt als unheilbar. Wer davon befallen wurde, den betrachtete man als verloren. Er war von vornherein aufgegeben. Wenn sich das alles heute von Grund auf geändert hat, so ist es dem Umstand ZU verdanken, daß die in der eben ermahnten Sitzung gemachten Mitteilungen Kochs der wissenschaftlichen Nachprüfung ftandhielten. Das ganze Gebiet war von ihm so sorgfältig, so gründlich, war derart bis in die letzten Einzelheiten durchgearbeitet worden, daß sich Zweifel überhaupt nicht mehr ergaben. Es wurden auch ohne Verzug die richtigen Schlußfolgerungen in bezug auf die Ansteckung gezogen. Klar und deutlich ließ sich erkennen, wie sie erfolgte, und wie man sich vor ihr hüten könne. Daraus erklärt sich die überraschende Tat- fache, daß das Sinken der Sterblichkeitsziffer schon sehr bald nach Kochs Bortrag einsetzt, um von da an ununterbrochen anzuhalten. Später tarnen bann weitere Maßnahmen im Kampf gegen die Tuber tulose hinzu, vor allem wurden auch Mittel und Wege zu ihrer Heilung gefunden.
Die Bedeutung des Kochschen Vortrags ist jedoch nicht auf die Tuberkulose allein beschränkt. Sie liegt vielmehr darin, daß die von Koch bei seinen Arbeiten über den Tuberielbazillus ausgearbeiteten Verfahren sich auch auf Forschungen über andere Krankheitserreger anwenden lassen, daß sie darüber hinaus sogar die Begründung der neuzeitlichen Bakteriologie bedeuten. Als Koch sich diesem Gebiete zuwandte, gab es noch so gut wie gar nichts von alledem, was wir henke verwenden, um in die Welt der kleinsten Lebensformen einbringen zu tonnen, die wir mit dem Mitrostop sichtbar zu machen vermögen. Dabei mar es nur eine glückliche Fügung des Schicksals, durch die Koch überhaupt auf das Gebiet geführt wurde, das er später mit so außerordentlichem Erfolg bearbeitete. Nach beendetem Studium ließ er sich in Wollstein im Posenschen nieder. Dort übte er ärztliche Praxis aus. Als Geburtstagsgeschenk überreichte ihm seine Frau ein Mikroskop. An diesem saß er nunmehr in allen feinen freien Stunden. In erster Linie waren es die Wundinfektionen, die seine Aufmerksamkeit erregten. Er stellte fest, daß cs ganz bestimmte Bakterien sind, die eine Gefahr für die Wunden bedeuten. Den Beweis hierfür erbrachte er durch Versuche am Mäusen und Kaninchen. Einzelne Fälle von Milzbrand, die ihm in seiner Eigenschaft als Kreisphysikus gemeldet wurden, erregten jein weiteres wissenschaftliches Interesse. Auch hier jand er bald den Erreger der Krankheit. Der Milz- brandbazillus gab ihm Gelegenheit zu weiteren Studien. Heber die Stellung der Bakterien war man sich nicht ganz klar. Handelte es sich um Pflanzen oder
um Tiere? Koch erkannte ihre pflanzliche Eigenschaft, zeigte, daß sie zu bestimmten Arten von Pilzen zu rechnen sind. Er beobachtete des weiteren, daß die Form nicht immer die gleiche ist. Ter Bazillus, das Stäbchen, dessen Lebensdauer unter Umstanden eine kurze sein kann, vermag auch eine andere Gestalt anzunehmen, die eine lange Lebensdauer besitzt und widerstandsfähig ist. In dieser Widerstandssahigkeit der Dauerform der „Spore" und in dem Umstand, daß aus ihr wieder Stäbchen heroorgehen, liegt ihre große Gefahr.
Durch diese Arbeiten Kochs und durch die dabei lefammeltcn Erfahrungen war der Boden für die Forschungen über den Tuberkelbazillus wohl vor- bereitet. Sie gestalteten sich sehr schwierig. Vor allem deshalb, weil es sehr schwer war, den Bazillus von anderen Bakterienarten zu trennen. Diese Schwierigkeiten wurden die Ursache neuer Fortschritte. Um den Bazillus aus seiner Umgebung herauszuheden, so daß man ihn besser beobachten konnte, erfand Koch eigene Färbemethoden. Er legte Kulturen erst auf Kartoffeln, dann auf künstlichen Nährböden, vor
Giehener (Sportler zum Olympiade' DorbereiiungSkursuS eingeladen.
Der Westdeutsche Spielvcrband hatte im Austrag der Deutschen Sportbehörde die besten Leichtathleten des Verbandsgebictes zu einem Olympiavorbereitungskursus eingeladen, um Heerschau halten zu können über diejenigen Sportler, die evtl, von Westdeutschland aus zu einer Teilnahme an der Olympiade 1932 in Betracht kommen könnten. Zu dem Kursus wurden auch verschiedene Mitglieder der Spielvereinigung 1900 eingeladen. Cs sind dies die beiden Läufer Gerhard und Schaaf für die Lang- strecken-Wettbewerbe. Steines und 3 u n g für den Stabhochsprung und Gugel für Diskuswerfen. 1900 steht mit der Einladung der fünf Sportler zahlenmäßig an dritter Stelle. Lediglich die Vereine Düsseldorf und Duisburg 99 entsenden einige Sportler mehr.
Oster Zußball
der Gießener Mannschaften.
Die Ligamannschaften verlieren.
Die Gießener Sportvereine VfB. und 1900 hatten sich für die beiden Feiertage ein umfangreiches Spielprogramm vorgenommen. Die Ausbeute an Erfolgen mar allerdings nicht groß. Man hatte sich schwere Gegner verpflichtet, gegen die nicht leicht zu gewinnen war. Die Niederlagen überraschen deshalb nicht allzusehr.
Die Liga der Spieloereinigung empfing am ersten Feiertag die 1. Mannschaft von „Pfalz" Ludwigshafen und verlor mit 6:3 (4:2). Das Spiel der Liga gegen „Germania" 94 Frankfurt ging ebenfalls verloren und Zwar mit dem (Ergebnis von 3:0 (1:0). Die Ligareferve verlor in Watzenborn-Steinberg gegen die 1. von „Teutonia" mit 3:1 und gegen die 1. des Sportvereins Wetter mit 4:3. Die Lehrmannschaft verlor gegen Wetter 2. 0:3, die 4. Mannschaft hielt in Ebsdorf (1.) ein Unent- schieden von 3:3. Die 1. Jugend gewann gegen die 1. Jugend von Union-Niederrad mit 3:0 und gegen die 1.Jugend von Braunfels 5:4. Die Schüler verloren gegen die Schüler von Nassau im ersten »piel mit 1:7, im sofortigen Rückspiel hielten sie ein Unentschieden von 1:1. — Die Handballmannschast der
allem auf Nährgelatinen an. Er stellte die Mikrophotographie in den Dienst der bakteriologischen For- schung. Mit Rücksicht auf die hohe Gefährlichkeit der Bakterien, mit Denen er arbeitete, erfand er auch Verfahren zu ihrer sicheren Abtötung, vor allem die Desinfektion im strömenden Dampf. Dazu kommen eine Unmenge von Einrichtungen, die der Aufzucht der Bakterienkultur dienen, wie Brutschränke, in denen lange Zeit eine gleichmäßige Temperatur erhalten werden kann und Vorrichtungen zur Aussaat der Bakterien.
Der Tuberkelbazillus hat also die Unterlagen für weitere bakteriologische Forschungen geschaffen, die Koch erst im Berliner Gesundheitsamt, später in dem eigens gegründeten und ihm unterstellten Institut für Infektionskrankheiten zu Berlin fortsetzie und allmählich immer weiter ausbchntc. Wo eine Krankheit auftauchte, da erschien auch Koch, da erschienen mit ihm seine Schüler, die er in vorzüglicher Weise hcranbildete. Als in Indien und Aegnpten die Cholera auftritt, ist Koch Zur Stelle und entdeckt Den Cholerabazillus eine Entdeckung, die es ermöglicht, die später in Hamburg aufgetretene Cholera rasch zum Verschwinden zu bringen. Aehnlich geht es bei der Bekämpfung Der Malaria, des Typhus, der Schlafkrankheit, des Texasfiebers, Der ägyptischen Augenkrankheit und einer Reihe weiterer. Ucberall sind es Die bei den Arbeiten über den Tuberkel bazillus gewonnenen Erfahrungen, die sich auch hier als nützlich und erfolgreich erweisen.
Spielvereinigung verlor gegen VfR. Sachsenhausen (Frankfurt) mit 11:6.
Die Liga des V f B. mußte in Wallau gegen Die spielstarke Liga Der Gastgeber eine Niederlage von 3:2 (3:0) hinnehmen. Die Ligareserve siegte gegen Die 1. Mannschaft von Watzenborn-Steinberg mit dem Ergebnis von 3:0. Das Ergebnis überrascht einigermaßen. Denn Die Liga mußte sich bekanntlich in Watzenborn-Steinberg mit 2:1 geschlagen bekennen. Die Ligareferve brachte zugleich Der 1. von „Teutonia" auf eigenem Platze Die erste Niederlage in diesem Jahre bei. Die 1. Jugend spielte in Eschersheim 2:2 und gewann in Nieder-Ursel mit 4:2 Toren. Die 2. Jugend weilte in Alsfeld und gewann gegen Die Dortige 1. Jugend mit 4:0, am zweiten Öfterfeiertag spielte sie gegen Die 1. Jugend von Leusel 1:1.
ireuerBezirlSmeisterinWestdeuffchland
3m Westdeutschen Spiel-Verband wurden an den Festtagen die Spiele zur Ermittlung der acht Dczirksmeister, die die erste Etappe aus dem Wege zur westdeutschen Meisterschast bilden, fortgesetzt. Dis auf den Ruhrbezirksmeister, der aber wohl sicher Schalle 04 heißen wird, stehen jetzt alle Meister der Bezirke fest. Sie heißen: Köln/Sülz07 (Rheinbezirk). Schwarz-Weih Därmen (Bergisch- Märkischer Bezirk). Meidericher Spielverein (Nie- derrhein), Hüsten 09 (Südwestfalen), FD. Deuen- dors (Mittelrhein). SpDg. Herten (Westfalen) und Dorussia Fulda (Hessen Hannover). Die diesjährige Saison hat allo eine Anzahl neuer Mannschaften nach vorn gebracht.
Nachdem bereits am ersten Festtag im Dezirk Niederrhein die Entscheidung gefallen war, wurde am Montag in zwei weiteren Dezirken die Frage nach dem neuen Meister gelöst.
3m Dergisch-Märtischen Dezirk, wo man zu Deginn der Entscheidungsspiele nur mit einem Sieg des Titelverteidigers Fortuna, Düsseldorf, oder mit einem Erfolg von DfL. Denrath rechnete, ist der Titel überraschend an Schwarz- Weih Därmen gefallen.
Am M i 11 e l r h e i n fiel die Meisterschaft zum 17. Male an den FD. Ncuendors (bei Koblenz). Neuendorf konnte zwar das erste Entscheidungsspiel gegen den TD. Maven nur 1:1 fpielciv, aber im zweiten Treffen glückte ihm nach Kampf ein verdienter 4:2- (2:2) Sieg.
9Ji.-$,port
Schalke 04 — Dienna Wien 1:1.
Die Glückauf »Kampfbahn in Gelsenkirchen hatte am Sonntag wieder einen ihrer ganz großen Tage, denn zum Internationalen Fuhballkampf zwi'cden Schalke 04 und Dienna Wien waren bei herrl chem Sommerwetter nicht weniger als 30 000 Zuschauer er chienen. Bei etwas mc r Glück hatten die Ruhrknappen aus dem Ichnellen und hochinteressanten Spiel sogar siegreich heroorgehen können. 3n der ersten ausgeglichenen Spielhälfte schoß Diennas Halblinker den ersten Treffer. Nach Dem Wechsel war Schalke die weitaus gesähr- lichere Mannschaft, aber erst in der 23. Minute gelang Den Westdeutschen durch Czepan der Ausgleich. Die Wiener übertrieben das Kombinationsspiel
Oie süddeutschen Endspiele.
An den Ostertagen kamen in Euddeutschland zwar nur drei Schtuhspiele zum Austrag, aber Dafür endeten alle mit überraschenden Torziffern. Das bedeutsamste Nesultat kam in Der Abteilung Südost zustande. Die Münchener Bayern brachten das Kunststück fertig, in Stuttgart den VfB. mit 3:2 (1:0) zu schlagen. Mit diesem Erfolg haben sich die Bayern mit einem Punkt Vorsprung vor KFD. an die Spitze der Tabelle gesetzt und ihre Aussichten, einen Der beiden vorderen Plätze bis zum Schluß zu behaupten, sind wesentlich gestiegen.
Auch die beiden Spiele der Abteilung N o r d w e st brachten unerwartete Ergebnisse. Der FSD. Frankfurt büßte beim Spiel in Mainz (1:1) einen Punkt ein. Wormatia Worms gewann in Mannheim gegen Waldhof 3:0 (0:0). Während die Eintracht durch den Punktverlust ihres Lo- kalrivalen FSD. nun um fünf Derlustpunkte günstiger steht als ihre 'Verfolger, wird der Kamps um den wertvollen zweiten Platz immer spannender, denn FSV. Frankfurt, Neckarau und Wormatia haben nun alle Drei je neun Derlustpunkte und mithin auch Die gleichen Chancen.
Beuthen 09 — südostdeutscher Fußballmeister.
Von den sieben Landesverbänden im Deutschen Fußball-Bund hat Südostdeutschland als erster seinen Meister ermittelt. Die höchste Würde im südostdeutschen Fußballsport erstritt wiederum der Titelverteidiger, SD. Beuthen 09, der auf eigenem Platze vor 17 000 Zuschauern im letzten Spiele EC. 08 Breslau knapp aber verdient mit 2:1 (1:1) besiegte.
Skispringen auf dem Zugspitzplatt.
Die alljährlichen Osterskispringen auf dem Zug- spihplatt beim Schneefernerhaus wurden am Sonntag bei starkem Publikumsinteresse und ausgezeichneter Schneelage begonnen und durchgeführt. Insgesamt 50 Springer von Rus gingen über die Schanze, wobei sich eine ganze Anzahl Stürze ereignete. Der Vorjahrssieger Stoli. Berchtesgaden, büßte hierbei feine guten Aussichten ein und konnte nur den fünften Platz belegen. Den Sieg errang Dietl. München, mit Weiten von 43, 46, und 45 Meter vor dem 3nnsbrucker©um» pold (44, 41. 36 Meter), Fischer, München (45, 40 und 39 Meter), und Sch 1 u11, Neuhaus. Zum Abfahrtslauf über eine schwierige 5-Kilome- ter-Cfredc stellten sich 70 Teilnehmer. Die schnellste Zeit lief der Davoser Willi Prager mit 5:31,4 vor Bader, Partenkirchen (5:53) und Sch in dl, Darmisch (6:01) heraus.
Kurze Sportnotizen.
Hilde Ä r a h m i n t c I siegte bei Den Dänischen HaUen-Tennismeisterschaften im Endspiel über Frl. Peitz 6:3, 6:2, dagegen wurde Dr. Prenn im End spiel des Herren-Einzel von Dem Dänen Ulrich 3:6, 6:3, 4:6, 4:6 bezwungen.
Das Berliner Fußballturnier der Tennisborussia um den Ehrenpreis des preußischen Ministerpräsidenten Brann wurde van Eintracht Frankfurt mit 4 Punkten von Tennisboruisia, München 60 (je 2 Punkte) und Minerva 93 (0 Punkte) gewonnen.
Lebendige Weltgeschichte.
Von Professor Wilhelm Ooegen, Direktor des Lautmuseums, Berlin.
Das Lautmuseum in Berlin ist ein staatlich- wissenschastliches Institut, das seinesgleichen in der ganzen Welt suchen kann. Cs ist ein Ergebnis der Lautaufnahmen, die ich schon während des Weltkrieges in der Mitte des Jahres 1915 im Kriegsgesangenenlager in Verbindung mit einer staatlichen Lautkommission begonnen habe. Die moderne Technik hat im Grammophon ein Mittel zur lautgetreuen Festhaltung der menschlichen Sprache geliefert, ein Mittel, das berufen erscheint, späteren Geschlechtern Kunde von der Aussprache einer bestimmten Zeitperiode zu übermitteln. Der Gedanke, die Sprachen der Völker in ihren wichtigsten und interessantesten Erscheinungsformen mit Hilfe des Grammophons festzuhalten und aus derartigen Schallplatten ein ganzes Museum zu bilden, schlummerte in mir seit meiner Studienzeit in Orford, ausgehend von meiner phonetischen Ausbildung bei dem englischen Gelehrten Prof. Sweet. 3n einem Gefangenenlager in Deutschland nahmen wir zuerst verschiedene englische Dialekte auf; es waren im ganzen 34 verschiedene Mundarten der Eng- länöer, die den Grundstock zu dem Museum g^ geben haben. Die Aufnahmen werden heute nach dem elektro-akustischen Verfahren auf Originaltupferplatten gemacht, deren Lebensdauer auf die für unseren Degriss gewaltige Zeit von 10000 Jahren geschätzt wird. Das Lautmuseum ist zugleich ein einzigartiges Museum desWeltkrieges. eine lebendige Zeiturkunde aller Völker, die an diesem gigantischen Ringen teilgenommen haben.
Das Archiv des Museums enthält für jede Platte, mit Ausnahme der rein instrumentalen, eine phonetische Wiedergabe, sowie eine Llebcr- setzung ins Deutsche oder in die betreffende Schriftsprache. 3m ßaufe der Zeit hat sich das Archiv um 250 verschiedene Sprachproben erweitert. Wenn es sich um ein besonderes Schriftsystem handelt, wird die persönliche Aufzeichnung des Sprechers, sowie eine wissenschaftlich korrekte Aufzeichnung des Fachgelehrten, der die Aufnahmen leitet, hinzugefügt. Es ist und gelungen, das Gebiet Der Sprachforschung aller Länder und Stämme — von den arabischen Wüstensöhnen über die Kongo-Neger bis zu den bezopften schlitzäugigen Mongolen — fast restlos zu er
schließen und auch die berühmte Trommel- spracheder Asrika-Neger auf die Platte zu bannen. Diese Trommelsprache ist gewissermaßen eine Geheimsprache in besonderen Zeichen, die Nachrichten übermittelt, die man dem Euro- päer verheimlichen totfL Das Lautmuseum hat einen ganz besonderen Wert als Studienausbildungsanstalt für Sprachforscher. Es enthält z. B. aus der Provence und anderen Teilen des romanischen Sprachgebietes die verschiedenartig- sten Aufzeichnungen, unter denen die noch so gut wie unerforschte baskische Sprache gleichfalls vertreten ist. Es sind außerdem vorhanden: zehn indische Dialekte, ein zigeunerischer Dialekt, fünf Himalayasprachen. 16 verschiedene italienische Dialekte, kreolische Mundarten aus Martinique und Guadeloupe, die vollständig verschwundene kirchen-slawische Sprache, vier kaukasische Dialekte, neun finnisch-ugrische Sprachen, zahlreiche afrikanische Sprachen, polynesische Dialekte — um nur einige von den wichtigsten Sprachaufnahmen zu nennen.
Neben der Lautabteilung stehen dem Museum noch etwa 100 Fachleute zur Seite, die die Verantwortung für wissenschaftlich einwandfreie Aufzeichnung der mit Den Schallplatten verbundenen Sprachterie in dreifacher Gestalt — Schriftsprache. Lautschrift und Lleberset- zung ins Deutsche — tragen. Diese Texte werden fortlaufend nach bestimmten Gesichtspunkten ausgewählt, in Einzelheften gedruckt und mit der Lautplatte abgegeben. Expeditionen in die ganze Welt auf Einladung verschiedener Staaten verschaffen Material zur Ergänzung des Museums.
Dieser Sammlung von Dialekten schließt sich eine besondere Abteilung an, die man mit vollem Recht als aktuelle Abteilung bezeichnen könnte. 3n Erkenntnis der Tatsache, daß das schöpferische Moment auf allen Gebieten stets die Persönlichkeit des einzelnen ist, haben wir führende Vertreter Der Kunst, Politik und Wirtschaft stimmlich festgehalten. Das Museum erweitert sich hier zu einem Denkmal der lebendigen Weltgeschichte. Weltpolitische Reden W 11 - heims II., des ersten Reichspräsidenten Ebert. Hindenburgs, von Tirpitz, Strese- m a n n u. a. kann man hören, und sie für kommende Generationen als historische Dokumente erhalten. In friedlichem Nebeneinander sind in dieser Bibliothek der Stimmen auf Jahrtausende hinaus Bekenntnisse von Staatsmännern ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit aufbewahrt. Auch ein Archiv Der Schauspielkunst und Der Musik ist dem Museum angeschlossen. 3n Den
Stimmen Der großen Meister Ernst v. P o s s a r t und Kainz wird Die Tradition des alten Theaters wieder lebendig. Professor Schreker dirigiert für die Ewigkeit eines seiner Werke. Ein Schauer ergreift uns bei dem Gedanken, daß, wenn die Technik vor Jahrhunderten bereits soweit gewesen wäre, wir heute Mozart spielen und Beethoven Dirigieren hören könnten. Für Den Musikforscher bietet Das Museum eine Fülle unschätzbaren Materials. Altschottische Dudelsack- weisen, baskische und finnische Liebeslieder, kaukasische Tänze, beduinische Gesänge, mohammedanische Gebete, eigenartige tartarische Weisen erschließen dem Musiker eine bisher ungeahnte Welt des musikalischen Empfindens aller Völker.
Aber nicht hur menschliche Stimmen, auch tierische Laute sind im Museum vertreten. Das Gekreisch von Assen, das Gebrüll von Elefanten, das Geheul von Seelöwen und der hohle Schrei des Tigers vermitteln dem Zoologen wertvolles Material zur Ergründung der tterischen Psyche.
Bekenntnisse eines bärtigen Gentleman.
Es gehört schon ein gewisser Mut und eine große Selbständigkeit baau, wenn ein Herr der englischen Gesellschaft sich einen Spihbart wachsen läßt. 3edenfalls ruft diese Tatsache eine Sensation hervor, und Der Betreffende hat als Son- derling manchen Spott und manche Anfechtung zu ertragen. Ein Mitglied der britischen Aristo- fratie. Der sehr ehrenwerte Maynard Greville, Bruder des Earl von Warwick, hat sich in seinem noch gar nicht so langen Leben bereits viermal einen Bart wachsen lassen und erfreut sich augenblicklich eines stattlichen fünften Spiybaries. 3n einem Londoner Sonntagsblatt gibt er seine Gründe dafür an und die Erfahrungen, die er als Bart träger gemacht hat. Sieben Gründe zählt er auf: „1. Größerer Respekt bei Personen jeden Alters. 2. Niemand vergißt mein Gesicht, wenn er mir einmal begegnet ist. 3. Man ist eine beständige Quelle des Vergnügens für seine Freunde, die mit einem ihren Spaß treiben. 4. Die Möglichkeit, jeDen Augenblick Die Nationalität zu wechseln unD als erotische Persönlichkeit zu erscheinen. 5. Größeres Behagen durch Die Befreiung von Der barbarischen Gewohnheit, sich zweimal täglich das Gesicht zu verletzen. 6. Vollkommene Befreiung von den Aufmerksamkeiten und Aufdringlichkeiten Der Damenwelt. 7. Ein Bart ist für einen Engländer die Erinnerung an jene Zeit, Da kein Vaterland zur Große emporstieg."
Greville hat eine sehr verschiedene Reaktion bei Kellnern und Hotelbesitzern auf den Bart beobachtet. Kellnern ist ein Bärtiger in England ein Gegenstand des Argwohns, den Hoteliers dagegen ein Gegenstand Der besonderen Auszeichnung. Mit einem Bart bekommt man das beste Zimmer in einem britischen Gasthaus und wird besonders zuvorkommend bedient. Besonder- leicht kann man sein Engländertum durch einen Bark verbergen. „Man wird im Nu ein Lette, ein Finne oder sonst irgendein dunkler Ausländer", schreibt der Verfasser, „und ich bin schon oft für einen fremden Herrscher gehalten worden, an dem nur das gute Englisch auffiel Ein Bart ist auch sehr angenehm in Augenblicken Der Nervosität, Da man ihn mit dem Daumen und Den Fingern einet Hand streichen und sich damit beruhigen kann. Änd wieviel Zeit erspart man Dabei. Ich habe mir ausgerechnet, daß man in 10 3ahren mehr als Drei Wochen seines Lebens dadurch gewinnt. daß man auf diese furchtbare Prozedur des täglichen Rasierens verzichtet. Auf die Gunst der Weiblichkeit allerdings Darf man keinen Wert legen. Besonders Die jungen Damen bringen einem Bart und gar einem Spitzbart eine unverständliche Scheu entgegen. 3n dieser Beziehung war mir die Antwort von Oliver Baldwin aufschlußreich. Der sich kurz vor mir einen Bart wachsen lieft und ihn Dann wieder abnahm. Als ich ihm vorwarf, daß er mich im Stich lasse, erwiderte er, er wolle sich ins Parlament wählen lassen und et tonne nicht auf die Damen stimmen verzichten."
Lochschulnachrichten.
Der Lehrstuhl her vergleichenden Sprachwissenschaft an Der Universität Berlin wurde an Stelle von Wilhelm Schulze dem Ordinarius Eduard Schwyzer von der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn angeboten.
Der ao. Professor Dr. Paul H a n t a m « r von der Universität Köln erhielt einen Ruf auf bei durch Den Weggang von Joseph Nadler nach Wien an Der Universität Königsberg erledigten Lehrstuhl für neuere deutsche Sprache und Literatur.
— Professor Dr. Ferdinand Gras von Degen- feld-Schvmburg an der Slniberfität Wien hat einen Ruf auf Den durch Den ToD von Professor von Schanz erledigten Lehrstuhl für Nationalökonomie. Finanzwissenschaft und Statistik an Der Universität Würzburg erhalten.


