Tagung des Deutschen Zeamtenbundes.
An den Vortrag des Bundesvorsitzender! Flügel schloß sich am Nachmittag eine lebhafte Aussprache. Als Hauptredner der Opposition kritisierte Dr. Klüver vom Verband der Technischen Zollbeamten die Unterzeichnung des Ge° Werkschaftsaufrufs anläßlich der Einsetzung des Reichskommissars für Preußen. Er meinte, dadurch sei die parteipolitische Neutralität verletzt worden. Schon die bloße Teilnahme an einer Aktion der politisch einseitig gegen die Regierung eingestellten Gewerkschaften bedeute einen Druch der politischen Neutralität. Die Führer des Deamtenbundes hätten das in sie gesetzte Vertrauen keinesfalls gerechtfertigt. Sie hätten so versagt, daß nur eine grundlegende Aenderung in der Besetzung der Führe r st e l l e den Verfall des Bundes aufhalten könne. Nur so werde es möglich sein, zu der NSDAP, wieder in ein erträgliches Verhältnis zu kommen. Unter dem lebhaften Beifall einer Minderheit und starkem Widerspruch und fortgesetzter großer Unruhe sagte der Redner dann, daß die augenblicklichen Führer des Bundes als die Vertreter einer Zeit, die in der formalen Demokratie das Allheilmittel sehe, nicht mehr in die jetzige Zeit paßten, in der sich bei den Beamten grundlegende Aenderungen der politischen Auffassung vollzogen hätten.
Don anderer Seite wurde es als notwendig bezeichnet, für die Zukunft Verstöße gegen die
parteipolitische Neutralität unmöglich -u machen. Es hätte auch der Anschein vermieden werden müssen, als ob es sich bei der Unterzeichnung des Aufrufes um einen Vorstoß gegen die R e i ch s r e g i e r u n g gehandelt hätte.
Bundesvorsitzender Flügel erklärte nach Ab- schluß der Aussprache in seinem Schlußwort, der Bundestag habe die Aufgabe erfüllt, nicht ein Gerichtstag, sondern ein Arbeitstag zu sein. Die Tagung werde diejenigen enttäuscht haben, die von ihr Sensationen und Zerfallserscheinungen erwartet hätten. Sie stehe als Arbeitstagung unter dem Zeichen „Einheit und Aufbau". Der Deutsche Be- amtenbund, so sagte Flügel zu 'dem Borwurf der Oppositionsgruppe, stehe der NSDAP, ebenso ob« jekno gegenüber wie jeder anderen politischen Partei. Er habe den Kampf der gegenwärtig aus- gefochten toorte, nicht gesucht, sei aber verpflichtet, sich gegen ungerecht'ertigte Angriffe zu weh. ren. 3n persönlicher Aussprache hätten sowohl der Reichskanzler wie der Reichsinnenmini- ster sich für die volle Aufrechterhaltung des Berufsbeamtentums ausgesprochen und die Bedeutung der Deamtenspihen- organisation anerkannt. Ge^en wenige Stimmen wurde darauf dem Vorstand Entlastung erteilt. Die Anträge wurden verschiedenen Aus'Hüssen überwiesen; die Abstimmungen darüber finden am Freitag statt.
ter sahen, daß seine Versprechungen an die Landwirtschaft sich nicht erfüllten, haben wir entsprechend unserer Grundeinstellung unsere ganze Krast gegen das Kabinett Brüning—Schiele gewandt. Auch in Zukunft kann die Landwirtschaft darauf bauen, daß die Deutschnationale Volks- Partei die endliche Erreichung des Zieles der Wiederherstellung der landwirtschaftlichen Lebensmöglichkeiten als einen Eckstein ihrer Politik festhält. Sie hat auch das Kabinett von Papen als einen Garanten dieser Politik begrüßt. Sie muß nach allen gegebenen Versicherungen annehmen, daß sie sich darauf verlassen kann, daß auch die Landwirtschaft es kann. Mit Besorgnis betrachten wir neuerdings die Gestaltung der Getreidepreise. Ter Städter hat keinen Vorteil davon unb der Landwirt wird dadurch ruiniert. Wir vermuten, daß die Regierung hier der Sabotage Nachgeordneter Stellen gegenüber» steht. 3n jedem Falle kann die Landwirtschaft sich auf die Deutschnationale Volkspartei verlassen: Sollte wider alles Erwarten auch der gegenwärtige Crnährungsminister und das gegenwärtige Reichskabinett gegenüber der Landwirtschaft unter dem Einfluß einer unfruchtbaren Bürokratie versagen, so steht die Deutschnationale Dolkspartei auf der Seite der Landwirtschaft, nicht um der Landwirtschaft, sondern um des Volkes willen, dessen Dasein durch eine Politik bedroht wird, bei der die Landwirtschaft ztu Grunde geht.
Oie Arbettslosenkundgebung im Hydepark.
Schwe c Zusammenstöße mi der Pol zei
London, 27. Oft. (TU.) Am Donnerstag veranstalteten die aus allen Seilen Englands Inge- trvffenen arbeitslosen churgerdemonst. ante n eine riesige Massenkundgebung im Hydepark, bei der es zu wüsten Radau- szenen und schweren Zusammen st ößen mit der Polizei kam. Heber 50 Personen, darunter zahlreiche Schutzleute, wurden verletzt. Bieie Personen wurden verhaftet.
Kurz nach Mittag strömten die Hungevdemon- stranten aus fünf verschiedenen Richtungen Londons strahlenförmig nach dem Hydepark zu. Der dortige Bezirk war mit Tausenden von Schutzleuten zu Pferde, zu Fuß und in Kraft wagen besetzt. Den Hungerdemonstranten schlossen sich unterwegs Trufende von Londoner Arbeitslosen an, so daß sich bald etwa 30 000 Menschen vor den Toren des Hy', eparks drängten. Der Verkehr in dieser Gegend war vollkommen lahmgelegt. Unter den 2* Veits« losen befanden sich viele Studenten, auch Mütter, die ih.e Kinder auf dem Arme trugen. Plötzlich bewarfen einige Arbeitslose vorüberfahrende Polizeiwagen mit Steinen, Sand und Flaschen. Sofort gingen berittene Schutzleute mit Gummiknüppel g"gen die Menge vor. Es entwickelte sich ein schweres Handgemenge. Die Arbeitslosen Derztjten einige Schutzleute durch Steine. Bald lagen mehrere Perionrn o.utonb auf dem Pflaster und mußten im Krai.irnwe.stM weggeschafft werden. Viele Ladenfenster in dem Bezirk wurden ein» g schlag.m; d'e er schreckten Ladenangestellten , flüchteten in dir oberen Stockwerke.
V2id wurde dst ßa~e bei Marblea-rch am H<st-rstark ernst. Die Meiste bewirf die Polizei mit Slei.-.n u :b Kot. Berittene Poli'.ci drängte die r'ei'.ge Menschenmenge in der O - forb;tr??t „zu-st'.el. U: -i .steil ist le gr.*.c:n, dir in das D-cdrä -g-r hirei -Giraten wo en, schrien, c s sie regen die Hauiwände gedrückt tour. :n. Zest'r» reiche Läden u-.'d Nestanro.sts sch'chsen sofort ihre Dore. Die Temvn'ira t:n rii en sti-ste von den Bäumen und wehrten s ch damit. Bst.heeee Fronen ger'e'.-rn bei dem Dvrstwem der be.itter.on Po- r.'ei u.'.ier die P'erde. Die Lee wurde cllmäh» l.ch D ernst, daß die Polizei im Galopp gegen die Menge v o r g e h e n mußte, die unter iron'ichen Rufen in asten Richtungen aus» e'.nanber'iod. Zur Verstärkung wurden wertere Polizei nlsteilunren herbeigerufen, dst sich in Sei.« benstraßen zu Hunderten für Votfäste bere t» |
hielten. Es fiel auf, daß die höheren Polizeibeamten und alle berittenen Polizisten Helme trugen statt der üblichen Tuchkappsn. Das Parlament war mit einer dichten Polizeikette um» geben. Auch auf der Besuchertribüne des Unter» Hauses waren mehrere Schutzleute untergebracht worden. Ein Antrag der Unabhängigen Arbeiterpartei, eine Abordnung der Hunger demon» (tränten vor dem Unterhaus vorzulasfen, wurde abgelehnt. Es soll nunmehr eine Bittschrift an das Parlament einsteveichl werden, in der um die Dorlassung ersucht wird.
Kleine politische Nachrichten.
Das englische Unterhaus hat die Vorlage über die Abkommen von Ottawa in zweiter Lesung mit 423 gegen 77 Stimmen angenommen.
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3m dänischen Folketing verlas Ministerpräsi» dent Struning eine ©nliirung, die u. a. besagt: Da der Landsting die Valutavorlage verworfen hat und da im Folketing bezweifelt worden war, daß in der Bevölkerung eine Mehrheit für dst Gesetzesvorlage vorhanden (ei, werde er beim König beantragen, den Folketing a u f z u l ö s e n und Neuwahlen für den 16. November auszuschreiben.
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Der D'zrlönig von Indien hat auf ein Schreiben des Mohammeda..erführers SHaukat Ali, der um Freilassung Gandhis gebeten hatte, sein Bedauern aulgedrückt, Gandhi nicht f r e i l a s s e n zu lör.nen ohne eine Erklärung Gandhis, das) er sich vollkommen von der Be- Wogung des zivilen Ungehorsams lossage.
Ku ?! und Wissenschaft.
Goelhe-Aueskellung in Paris.
Unterrichtsminister d e M o n z i e eröff. eie in ter Ga.crie Mazarin der Nalionalbibliothek in Paris eine Goethe-Aus st ellung. An dem Zustand.kommen dieser Ausstellung zur ©rinne» rung an den 102. Todes lag Goethes hatte Bot- scha.ter v. Hoesch regen Anteil. An der Spitze del Goethe-Komitees steht Minister Paul P a i n- leße, Vizepräsident ist Unterrichlsminister de Monzie. Ihm gehören ferner an Vertreter des literarischen Frankreich und Deutschland, u. a. Pstul Dal 6 ry, die Bürgermeister von Frankfurt a. QU. und Weimar, der Direltor des Wei»
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marer Nationalmuseums, Wahl, und der Leiter des Frankfurter Goethe-Museums. Ihre Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit verdankt die Goethe-Ausstellung de n bereitwilligen Entgegenkommen zahlreicher Museen, Bibliotheken und Privatsammlungen namentlich aus Deutschland und Oesterreich, aber auch Frankreich.
Der Nobelpreis für Medizin fällt nach England.
Das Leh.erko! e um des Karclinischen Ins.i uts in Stockholm beschloß, den Nobelpreis 1932 für Medizin und Physiologie an Sir Charles Sher- rington in Oxford, und Professor Edgar Douglas A d r i a n in Cambridge gemeinsam zu verleihen wegen ihrer Entdeckung über die Funktionen des Neurons (Nervenzellen).
Einweihung der neuen Pinakothek im Vatikan.
Unter Te.lnahme der 5^rten-Kardinäle und des Diplomat schen Korps beim Heiligen Stuhl wurde vom Papst die neue vatikanische Pinakothek eingeweiht. In einer Rede sprach der Papst sich sehr bestimmt gegen goto fse Tendenzen der modernen Kunst und besonders deutl ch gegen die sogenannte „neue kirch- l.che Kunst" aus, die es vielfach an Würde und moral scher Auffassung fehlen lasse und die mit dem kanonischen Recht nicht in Uebercinftim» mung sei.
Aus aller Welt.
Bankier Hintzes Aussagen.
Der'Bankier Hintze, der seine Frau, die Berliner Opernsängerin Gertrud Bindernagel, durch einen Revolverschuh lebensgesährl. _h verletzte, gab im Verlauf der Untersuchung eine Darstellung feiner persönlichen Verhältnisse, die von seinen bisherigen Erklärungen abweicht. Hintze hält jedoch seine bisherige Behauptung, er sei Hauptmann der Reserve im 1. Garderegiment öu Fuß getoefen, nicht mehr aufrecht. Er sagt, daß er als Reservestutnant eines Insan- tcr^eregimentß in den Krieg gezogen und während des Krieges zum Oberleutnant der Reserve befördert worden sei. Das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse habe er erhalten. Die letzten Iahre des Krieges habe er in der Re ich sbekleidungs stelle verbracht. Hintze will auch Kriegsverletzungen erhalten haben und an den Folgen einer Verletzung des Rückgrats heute noch leiden. Erst nach dem Kriege, so behauptet Hintze, habe ihm eine in Auflösung befindliche Kvmmandostelle des al
ten Heeres den Charakter eines Hauptmanns der Landwehr verliehen. Außerdem habe er nachträglich das Eiserne Kreuz I. Klasse auf Antrag erhalten. Sein Millionen-Vermögen habe er durch seine Tätigkeit in der galizischen Petrvleumindustrie und durch Erdölgewinnung für Deutschland erworben. Mit seinem Vermögen konnte er es sich leisten, eine 20» Zi mm e r- Villa in Zehlendorf zu erwerben. Hintze besaß drei Kraftwagen mit mehreren Chauffeu- ren und eine Motoryacht. Er war Mitglied mehrerer angesehener Wassersportvereine, besah mehrere Iagdreviere und veranstaltete im Winter iir seinem Hause viele musikalische Darbietungen, an denen Künstler wie Richard Tauber, Alexander Kirchner und Prof, von Schillings teilnahmen. So lernte er in seinem Hause auch Gertrud Dindernagel kennen, die er 1925 heiratete. Hintze behauptet nun, er habe den ersten Mann seiner Frau sowie seine erste Frau abftn- den müssen, wofür er 60 000 Mk. ausgegeben habe. Sein Bankgeschäft habe er an einen Engländer für 100 000 Dollar verkauft. Erst später sei er in Dermögensverfall geraten. Vor 6 Monaten hat Qbanlier Hintze den Offenbarungseid geleistet. Rechtsanwalt Bahn, der die Verteidigung Hintzes übernommen hat, hat nunmehr einen Haftentlassungsantrag gesleilt, den der Verteidiger mit der Haftunfähigkeit Hintzes begründet, da er bereits an Bewußtseinsstörungen leide.
Kirchlich-Sozialer Kongreß in Stuttgart.
Der Kirchlich»Soziale Kongreß in Stuttgart fand feinen Ausklang in einer großen Vollskundgebung in der Stuttgarter Stadthalle, die von rund 10 020 Menschen besucht toar. In packenden Worten kennzeichnete Pastor D. L e Seur, C senach, d e letzten Hintergründe des Klassengegensatzes und schilderte das volls- zerstörende Schicksal der Arbeitslosigkeit. Der Ruf an Staat und Wirtschaft nach Arbeits- be.chaffung, der Ruf an alle zur Winterhilfe könne nicht dringend genug sein. Der tiefste Grund der Arre t^not und Arbeitslosigkeit liege in der falschen Wirtschaftsgesinnung, die an Stelle be3_®.cnen3 das Verdienen in den Vordergrund gerüdt habe. Cs gelte, in der heutigen Krise das Gericht Gottes und seinen Ruf zur Ülmkehr zu erkennen. De höchste Verantwortung liege dee- halb auf der Christenheit, der Gemeinde, die eine He mstätte sozialer Wiedergeburt und sozialer © I nnung werden müsse
Güterzug beraubt
• Durchgangcgüterzug Falkenberg—Halle wurde
m Delitzsch auf dem Güterbahnhof von bisher unbekannten Dieben beraubt. Mehrere Wagen wurden erbrochen und Stückgut auf den Bahnkörper geworfen. Der Raub wurde erst nach der Abfab/t des Zuges bemerkt. Ein Kommando der Bahnpolizei Halle begab sich sofort mit einer Lo'omotioe nach Delitzsch und suchte systematisch das Gelände ab. Dabei wurden die Beamten aus einer Strohdieme plötzlich beschossen. Es wurden etwa 15 bis 20 Schüsse gewechselt. Einer der Täter erhielt einen Armschuh und konnte fest genommen werden, die übrigen entkamen auf ihren Fahrrädern.
Raubüberfall auf eine Postagentur.
Ein verwegener Raubüberfall wurde in Merlstein (Rheinprovinz) verübt. Kurz nach Beginn des Dienstes in der Postagentur drangen zwei- junge Burschen in den Amtsraum ein. Als der am Tisch sitzende Briefträger auf den Ruf „Hände hoch!" überrascht aufblickte, wurde ihm eine Hand voll Pfeffer ins Gesicht geworfen. Ein Beamter, der gerade telephonierte, wurde von bAi Räubern nut der Pistole in Schach gehalten. Die Eindringlinge, die mit den örtlichen Verhältnissen sehr gut vertraut zu fein schienen, bemächtigten sich sofort einer Holzkiste mit Eisenbeschlag, in der sich 2 00 Mark befanden. Mit der Beute machten sie sich schleunigst davon. Die Polizei nahm sofort die Verfolgung auf und blieb den Verbrechern auch bis Wilhel'msschacht auf der Spur, wo die beiden Banditen aber wie vom Erdboden verschwunden waren. Die Räuber waren durch ein im gleichen Hause befindliches Geschäft in das Amt eingedrungen. Auch der Frau des Postagenten hatten sie Pfeffer in die.Augen gestreut.
Dsr Onf'eii.
Do.i H. von H Hermann
Peter fuhr auf. Was ihn geweckt hatte, wußte er nicht. Aver da sag er nun und bttnzctte (ch.uf t-umen in das malte Halbdun.el des Minbe10mi= niers, in dem die Gegenstände zu dieser nüchtnchen Stunde so gioß uno f.eind schienen. Ganz still war's. 9iur draußen auf dem F.ur pendelte die alte Grostvateruhr langsam hin und her: Ticktack tick — rack, sch.af sch.m ... Aber desto wacher ward er.
Es mar alles wie immer.
Heber der Kommode hingen bunte Tierbilder in luftiger Reihenfo.ge. Seltsam lebendig leuchteten sie im fiadcrnben Schein der darunter stthenden Ruchi- lampe. Wie groß und rot der Fuchs aussah, dem die Gans vor der Rase davonf.atterte, wie bvse der Wolf neben Rotkäpvchen, hu — der kleine Kerl zog fröstelnd die Schultern hoch. Angst — ? Rein, Angst hatte er nicht, er war ja schon vier Jahre ost! „Mein großer Bub" nannte ihn Pa ppi stolz. Der war vorhin an (ein Bett getreten, hatte ihn herausgehoben und hoch in die Luft geschwenkt, daß Peter vor Wonne quiei'en mußte. Und Mutti hatte was Helles, Schimmerndes angehabt und einen blitzenden Reif im Haar. Sie hatte ihn geküßt und wieder schön zuaedeckt. Und dann waren sie fort- gegangen. Und Anna war nun auch fort. Es war doch eigentlich furchtbar still ...
Da — Peter lauschte mit schiefem Kopf wie ein aufmerksamer Foxterrier: da knisterte und knabberte was! Mißtrauisch schielte er nach der Ecke, aus der das Geräusch kam. Eine Maus? — Das Kratzen wurde lauter. „Anna", flüsterte ein beengtes Sümmchen, „Anna!". Aber niemand kam, nichts regte sich im Hause, außer diesem Ding da in der Grfe. Peter kroch unter seine Decke. Nur ein blonder Haarschopf und zwei untertassengroße Blauaugen guckten daraus hervor in bänglicher Erwartung der Dinge, die da geschehen konnten.
Doch g crabe wie das Knabbern am lautesten klang und Peters Herz wie ein Maschinengewehr lostackte, kam Rettung. Irgendwo ging eine Tür Jemand war da. Gottlob! Im Nu war Peter aus seinem Bett herausgekrabbelt und rannte, (ein Nachthemd mit beiden Händen hochhaltend, so schnell er nur konnte, über den langen Flur ins Eßzimmer, aus dessen offener Tür schwacher Lichtschein dämmerte. „Pappi?"
Ein greller Blitz blendete ihn sekundenlang, daß er die Augen schließen mußte. Dann flitzte das Licht weiter, erlosch. Eine am Büfett hantierende Gestalt
war mit jähem Ruck herumgefahren. Nun sahen die beiden sich an, ein noch junger Mann im ,chwar- Zcn Trilot und der Bub im Nachthemd, das er immer noch festhielt. Peter balancierte auf einem Bein wie ein Storch und lachte, halb verlegen und ganz ich erfreut über die tröstliche Nähe eines Menschen.
„Bei mir is ’ne Maus", sagte er endlich, „ich mag Mause nicht leiden!" Damit war die Unterhaltung eröffnet. Mit einem unterdrückten Lachen richtete sich der Mann aus seiner gebückten Stellung auf, I der lauernde Ausdruck in seinen Augen verschwand, einer gewissen belustigenden Gutmütigkeit Pia. machend.
„Nanu, du Proppen, bist vor ’ner Maus aus- gerissen, was? Ist denn niemand bei dir?"
„m — m", verneinte Peter kopfschüttelnd, „Pappi ist fort und Mutti und Anna auch, ich bin ganz, gai” allein." Es klang stolz. Seine Neugier erwachte. „Wer bis 'n du?"
Der Mann steckte etwas Blinkendes in feine Ho,entasche und schob mit der anderen Hand ein schwarzes Tuch auf dem Büfett zurück, darin es leise fli . le. „Za, siehste, jetzt fennfte mich nid) mal, uno ich bin doch dein Onkel und komm' euch besuchen, und nun ist niemand da."
„Pappi und Mami kommen bald wieder", meinte Peter tröstend und hopste einen Schritt näher. „Kannst du nicht ’n bißchen dableiben? Öd) bleib doch!"
Der andere lachte. „Eigentlich ist das „Bleiben" mcht grab meine Sache, aber wenn du so schön bittest', eine Zusage die Peter mit größter Befriedigung erfüllte. „Wie heiß ’n du, DnteP"
Der fuhr ihm leise zausend durst) das wirre Haarsch ipschen — „grab wie bu, Struwwelpeter grab wie bu!" Womit er zufällig bas Richtige getroffen. Zwei kleine Fäuste packten ihn: „Du bist mein Onkel Peter, ja? Pate Peter, Pate Peter" um ihn herumhopsend wie ein Gummiball.
«Da hängt bein Bilb!"
-Sehr richtig." Der nächtliche Besucher trat auf bas im Silberrahmen an der Wand hängende Bild zu. uuer über die linke Seite ftanb: „Seinem lieben Patchen — Onkel Peter, 1926."
„Fein seh' ich da aus", meinte der Onkel wohlgefällig und lachte in sich hinein. Dann wandte er pd) um — „bu, Peter, ich hab' mächtigen Hunger, kannst bu mir nicht etwas zu essen geben?"
Peter nickte. „Speisekammer", erroiberte er lakonisch unb übernahm ohne weiteres die Führung. Geschäftig leuchtete die elektrische Taschenlampe auf den wohlgefüllten Regalen umher. „Das läßt sich
sehen. Im Kittchen gab’s nicht so viele Gänge zu Tisch." — „Was is 'n Kittchen?" erkundigte sich Petcr, an den guten, ihm zum Teil verbotenen machen wißbegierig herumschnuppernd.
„Das ist ein feines Hotel, wo alles frei zu haben ift, unb wo sie furchtbar froh finb, wenn bu kommst."
»Da will ich auch hin", sagte Peter. Vollbepackt (anbeten sie wieber im Kinderzimmer, wo Peter sofort auf dem Bett herumzuhüpfen begann. „Ich kann auch Purzelbaum schlauen, wenn bu mir die Beine hältst", prahlte er. Ader der Onkel legte keinen Wert auf dieses Kunststück zu nächtlicher Zeit. „Jetzt wird gegessen und bann geschlafen", mahnte er streng, bie Schüssel mit ber Creme vor Peter hinstcllend, ben er beim Wickel gepackt unb mit energischem Ruck auf bie Sitzfläche gepflanzt batte. Der tunkte ben Löffel ein unb begann zu schmausen, ohne einen weiteren Ton von sich zu geben.
Peter lehnte sich in die Kissen zurück angenehm gesättigt unb warm. Noch hielt er bie Augen offen, aber bie Liber waren schon schwer geworben.
Als ber Mann an das Kinberdett trat, hatte Peter nur noch ein schläfriges Lächeln für ihn Mil einer ihn selbst komisch anmutenben Kinderfrau- sorglichkeit schüttelte er die Kissen zurecht unb zog bie Decke glatt. „Jetzt schläfste fein, unb ich geh rüder ins Eßzimmer, auf bie Eltern warten. Die Slnna kommt auch. Nun fei brav —" er strich über bas kecke Haarschöpschen.
»Wann kommst bu wieber, Onkel?" — „Wenn's grün schneit, Struwwelpeter!"
„3s bas halb?" — „Ja. Nun leg dich rum und schlaf." Die Mahnung war überflüssig. Im Nu war Peter eingeschlafen. Und konnte sich gar nicht erklären, warum er kurz darauf wieber aufwachte, unb Zwar in Mammis Armen, bie totenblaß, ihn immer wieber küßte, unb warum Pappi so erregt am Telephon schrie und Anna so laut heulte. Seine Frage, wo der Onkel wäre, wurde mit plötzlichem Schweigen beantwortet. „Der Onkel — ?" fragte Mammi ganz atemlos. Und nun erzählte Peter von feinem nächtlichen Besuch. „Und bann haben wir zusammen gegeßt, unb bann ging der Onkel ins Eßzimmer auf euch warten."
„Warten ist gut", knurrte Pappi, grimmig lachend. Und dann tarnen drei Männer mit Schnauzbärten und fragten furchtbar viel, unb es gab ein großes Jammern über das gestohlene Silber.
Ja. Unb babei blieb es. Dom Onkel hörte man jum allgemeinen Bebauern nie wieder. Und Peter wartet noch heute sehnsüchtig darauf, daß es grün schneit.
Ein 6 om ker rr odernisieri Shakespeare.
Tr i st a n Vernarb, ber witzige Pariser, ber schon so manchen kühnen Einfall mit Hilfe seiner unverwüstlichen Komil zu einer amüsanten Dichtung aus gestaltet hat. überraschte dieser Tage das Publikum mit ber Mitteilung, bah er sich damit beschäftige, Shakespeares Drama „Heinrich IV.“ ya bearbeiten. Diese Bearbeitung ist aber nicht eine jener Einrichtungen, wie sie Er im französischen Theater. Hessen Stil ber englische Dramatiker so fremd ist, beliebt sind, sondern es soll eine burchgreifenbe Umgestaltung sein. Die beiden Te.le w rd er nicht nur in ein Stück zusam- menziehen, sondern er will ben Te?t ganz neu schreik>en, und zwar seiner verwegenen Absicht nach so, „wie ihn Shakespeare selbst oeschrieben hätte, wenn er heute lebte". Das, was^der Wirkung eines alten Stückes, mag es auch von dem größten Gen'e geschaffen sein, heute so sehr im Wege steht, ist das Zeitkolorit b^r Vergangener t, finb bie altertümlichen Ausdrücke unb bie längst verschollenen Bräuche, die wohl ben Gelehrten e.n romantisches Vergnügen bereiten, mit benen aber das große Publikum nichts anzusan- ^u weih. Man sollte nie vergessen, bah die Kostüme unb bie Redewendungen bei ber ersten Aussührung des Werkes alltägliche Kleider und £e normale Sprechform ber Zeitgenossen waren, -man läßt daher dem Dichter ber Vergangenheit JiyS Gerechtigkeit widerfahren, wenn man seine Person modern reden unb sich modern bewegen
Zeitschriften.
— Die Grenze zwischen Kulisse unb Wirklich- leit, zw.schen Theater unb Leben ist in der Filmstadt Hollywood verw'scht und fließend. Ein re.ch bebilderter Aufsatz in der Leipziger „I l l u- strirten Zeitung" (Verlag I. I. Weber) fuhrt ben Leser in diese merkwürdige Welt ein. Eine lebendige Dildreportage „Beim Imker in ber Lüneburger Heide" erzählt aus dem Leben der Bienen, das in seiner sozialen Struktur immer wieder ben Forscher unb Naturfreund dum näheren Studium gereizt hat. Außerdem bietet bie Nummer interessante Beiträge aus dem Gebiete ber weltlichen unb kirchlichen Kunst, ber Technik ber Kinberpsychologie. Auch findet bie neueste Mode eingehende Berücksichtigung.


