Freies Unternehmertum und Mrischastsprogranim ireichswirtschastsminister und Reichsbankpräsident fordern die Wirtschaft zur Ausnutzung der ihr gegebenen Chance auf.
Köln, 27. Sept. (WTB.) 3n einer Rede, die der Reichswirtschaftsminister Dr. Warmbold bei der Einweihung des Reubaues der Indystrie- und Handelskammer hielt, erklärte er u. a.: 3n Zeiten wie der gegenwärtigen Krise glaubt jeter Stand, der am meisten notleidende zu sein, lebet glaubt, der Hilfe des Staates am meisten zu bedürfen. Der Staat soll aber stets das Ganze sehen. Daraus ergibt sich, das; er nicht alle Cinzelwünsche sich zu eigen machen, noch weniger, sie erfüllen kann. Der Staat ist verpachtet, jede Maßnahme nicht nur auf ihre Wirkung auf den einzelnen, sondern auf ihre Wirkung auf die Gesamtheit zu prüfen. Es sei unmöglich, betonte der Minister, in einem so /dicht bevölkerten Lande ohne hinreichende eigene Rohstoffquellen allen Menschen Arbeit und Brot zu geben und alle Staatsbürger zu ernähren, wenn man sich ausschließlich auf Die Hilfsquellen des eigenen Landes einzustellen versuchen würde. Daher müsse die Arbeits- gelegenheitdurch Lei st ungen fürdas Ausland vermehrt werden.
So unmöglich eine Politik mit dem Ziele eines Rückzuges aus den weltwirtschaftlichen Verflechtungen wäre, so wenig könne in Frage kommen, unsere eigenen Hilfsquellen unaus- genutzt zu lassen. Unser Ziel müsse sein, die höchste Ausnutzung des Bodens und die Sicherung der in ihm investierten Kapitalien mit der Erhaltung der industriellen Arbeitsstätten und mit der pflege von handel und Verkehr zu verbinden. Dieses Ziel kann aber nach der Struktur unserer Wirtschaft nur erreicht werden, wenn wir auch den Güteraustausch mit dem Auslande pfleglich behandeln. Die Entwickelung der Welt in den letzten Jahren, fuhr Dr. Warmbold fort, ist gekennzeichnet durch die zunehmende Absperrung der aufeinander angewiesenen Länder im Warenverkehr und durch die Kreditkrise, welche zu der Zwangsbewirtschaftung des Kapital- und Zahlungsverkehrs in wichtigen Ländern geführt hat. Unfer deutsches Interesse liegt eindeutig darin, alle Schwierigkeiten zu mildern und z u d e n früheren Zu ständen zurückzukehren. Ie schneller das gelingt, um so schneller wird sich die Welt aus ihrer unhaltbaren Lage befreien. Die ersten Keime dieser Erkenntnis zeigen sich heute. Wir wollen hoffen, daß sie auf ter kom
menden Weltwirtschaftskonferenz vertieft und zur praktischen Auswirkung gebracht werden.
Unsere eigene Lage erlaubte es uns jedlxh nicht, bis zu diesem Zeitpunkt zu warten. Die deutsche Regierung muhte daher den Versuch machen, durch eine Reihe von Maßnahmen demgegen- wärtigen Äotzu stände zu begegnen, um seine Ueberwindung zu erleichtern.
Das Gelingen des wirlschaflsprogramms hängt von der Mitwirkung der ganzen deutschen Wirtschaft ab, und die Reichsregierung hofft hierbei darauf, daß ganz besonders die zahlen- mähig st arte Schicht der mittleren und kleineren Betriebe, die für das Gelingen des planes von besonderer Bedeutung sind, ihre Mitwirkung nicht versagt. Ich möchte daher an das gesamte deutsche Unternehmertum den Appell richten, die ihm gebotenen Möglichkeiten weite st gehend auszunuhen. Reichsbankpräsident Or. Luther.
sagte u. a.: Ich bin überzeugt, test es eine Währungsgefahr in Deutschland nicht nur nicht geben darf, sondern auch nicht geben wird. So schwer die Zeiten auch sind, die wir zu durchkämpfen haben, die Währung wird ganz sicher aufrechterhalten bleiben. Der Reichsbank wird vorgeworfen, dah sie über Währungsrncksichten die Wirtschaft vergesse. Erzählungen solcher Art sind eine grobe Unwahrheit. Die Reichsbank war immer Treiber der Diskontsenkung bei allen dafür in Betracht kommenden Stellen. Rur eines hat die Reichsbank nicht getan: Sie hat das deutsche Dankgeseh nicht verletzen wollen.
Ich möchte an die Wirtschaft den Aufruf richten, sich aus inner st er Ueberzeugung in das Regierungsprvgramm einzufügen. Für mich ist der Kern des Programms, dast es zum ersten Male möglich geworden ist, einen neuen Antrieb in die Privatwirtschaft zu bringen. Das Programm war vor einigen Monaden noch nicht möglich. Der Appell must Wirkungen in solchem Ausmaß Her- Vorbringen, dast die ganze Menschheit sieht: Es geht doch auf dem alten bewährten Weg der Wirtschaftsführung, auf dem Weg der Einsetzung der freien Kräfte des einzelnen wieder aufwärts zum Segen Deutschlands.
Reichstagspräs. Göring: Haben Sie beobachtet, dah in dem Augenblick, wo ich das Wort „Abstimmung“ gesprochen habe, der Reichsaußen- minister den Reichskanzler angestoßen hat?
Minister v. Gayl: Das habe ich nicht bemerkt. Ich wollte aufstehen, bin aber an einem Schlüssel hängengeblieben.
Zeuge Staatssekretär der Reichskanzlei Or. Planck
gibt dieselbe Darstellung wie der Reichsinnen- minister. Auf Fragen des Reichstagspräsidenten Göring erklärt der Zeuge: Ich habe die bestimmte Ansicht, daß Sie sich er st nach links wendeten, als der Reichskanzler sich zum Wort gemeldet hatte. Den Umstand, daß die Schallplatte die Wortmeldung des Reichskanzlers nicht aufgenommen hat, erklärt der Zeuge damit, daß der Reichskanzler mit dem Rücken zum Plenum gestanden habe. Der Zeuge bestätigt, daß der Reichskanzler ausdrücklich die Worte gebraucht habe: ,Ich bitte ums W o r t". Ich glaube, mich zu erinnern, daß der Reichsaußenminister den Reichskanzler irgendwie gedrängt hat. Ich glaube, daß das aber zu einem späteren Zeitpunkt war, vor der zweiten Wortmel. düng oder im Zusammenhang mit der Uebergabe der Urkunde.
Oie Beschlüsse des Ausschusses
Rack Vernehmung einiger Journalisten und Tri- bünenoesucher wurde die Beweisaufnahme geschlossen. Nach einer Pause trat der Ausschuß in die Beweiswürdigung ein. Aussprache und Beschlußfassung fanden in nichtöffentlicher Sitzung statt. Als Ergebnis der Beweisaufnahme wurde mit den Stimmen der Nationalsozialisten, des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei gegen die Stimmen der Deutschnationalen zunächst ein nationalsozialistischer Antrag angenommen, wonach der Ausschuß fest- stellt:
„Reichskanzler o. Popen hat sich e r st zum Wort gemeldet, nachdem die Abstim- mung vom Reichstagspräsidenten bereits eröffnet war. Das Verhalten des Präsi- denten entsprach sowohl der Reichsoerfassung wie der Geschäftsordnung des Reichstages. Der Reichskanzler hätte die Möglichkeit gehabt, sich rechtzeitig zum Wort zu melden. Aus den Aus- führungen des Reichskanzlers als Zeuge in Verbindung mit einer im Ausschuß abgegebenen Er- fiärung des Führers der deutschnationalen Fraktion ergibt sich für den Ausschuß die Feststellung, daß die Reichsregierung unter allen Umständen entschlossen war, den Reichstag noch vor der Abstimmung über die Aufhebung von Notverordnungen und über Mißtrauensanträge zur Auflösung zu bringen."
Für einen kommunistischen Antrag, wonach der Ausschuß beschließen sollte, daß die Reichstagsbeschlüsse über die Annahme der kommunistischen Anträge auf Aufhebung der Notver- ordnung sowie auf Entziehung des Vertrauens rechtswirksam sei, stimmten nur die Antragsteller. Gegen den Antrag sprachen sich Deutschnationale, Zentrum, Bayerische Volkspartei und Sozialdemokraten aus, während sich die Nationalsozialisten der Stimme enthielten. Dr. Frank II (Rats.) gab dazu die Er- kiärung ab, daß der Ausschuß bereits früher durch Beschlußfassung festgestellt habe, daß die Abstim- mungen in der Vollsitzung des Reichstages über die kommunistischen Anträge rechtswirlsam seien, und es nach seiner Auffassung deshalb keinen Zweck habe, früher gefaßte Beschlüsse zu wiederholen.
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Der Reichstagspräsident Göring hatte im Ausschuß zur Wahrung der Rechte der Volksvertretung von einer subventionierten Regierungs- p res s e gesprochen. Der Staatssekretär in der Reichskanzlei hat wegen dieser Aeußerungen unter dem 15. September den Reichstagspräsidenten Gö-
-‘g um öffentliche Bekanntgabe von Beweisen hierfür gebeten. Eine Antwort auf dieses Schreiben ist bis heute noch nicht ein- gegangen.
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Zola.
Vor dreißig Jahren, am 28. September, ist Em>l Zola, der Enkel Venedigs und der Sohn der Provence, le ner eingeborenen Sehnsucht nach Wärme zum Opfer gefallen. Von seinem Land- gute Medan nach Paris zurückgekehrt, ließ er sich vor der sonst üblichen Zeit den Ofen feines Schlafzimmers Heizen, der nicht im besten Zu- stunde war. So sah er die Aurora, die Morgenröte. nicht mehr, während gerade sein Roman „V£ritc“ in der „ Aurore“ erschien.
Die Wahrheit aber, die „Verit6", für die er in seiner tapferen Streitschrift „J’accuse“ eingetreten war, überlebte die Morgenröte und führte zum vollen Licht des Tages, als Vorspiel der Re- vis.on deS Dreyfusprozesses. In weiten Kreisen außerhalb Frankreichs ist deshalb Zola mehr durch diese Gerichtsverhandlungen bekannt geworden — die natürlich eine fabelhafte Beleuchtung erfuhren —, als durch seine zahlreichen Schriften und Romane. 3a, wirklich zahlreich! 3ch nenne nur: „Travail“, „Feconditd“, „Nana“. „Assommoir“. „Germinal“, „Le ventre de Paris“, „Lourdes“, „La däbäcle“, „Madeleine Fdrat“.
Literarisch hat das Eintreten Zolas für Drey- fuß gewissermaßen ein Vorbild in dem von Voltaire für Calas, den Protestanten, der widerrechtlich als Mörder verurteilt worden war. Beiden Schriftstellern waren wohl auch weitere Züge gemeinsam, so die Reigung, oft ohne reifes eigenes Urteil Ergebnisse der Arbeit von engeren wissenschaftlichen Kreisen in die breite Menge zu tragen. Richt immer zum Vorteil der Menschheit! Und wie Voltaire in echt französischer, geistreichelnder und frivoler Art und Weise besonders die Kirche in zu allgemeinen Formen bespöttelt hatte, so schuf Zola auf Grund der physiologischen Studien Tlaude Bcrnards und der materialistischen Philosophie Taines einen „Naturalismus“, auf den er wohl allzu stolz war. Die Menschen erschienen seinem Verstände nicht als beseelte denkende Einzelgeschöpfe, sondern als physiologische Typen, die wie Tierarten — nach der damals herrschenden Auffassung — mehr nur von Trieben und Instinkten geleitet werden sollten. Dos schließt freilich nicht aus, daß er in seinem dichterischen Empfinden auch psychologisch sehr fein zu Gegrünten verstand. Ein leichter geistiger Hochmut lieh ihn die Gestalten seiner Romane besonder« da suchen wo eben nach seiner Auffassung die Psychologie mehr hm ter den physiologischen, triebhaften Regungen zurücktreten sollte — in den untersten
Kleine politische Nachrichten.
Durch eine Verordnung des Reichsministers tes Innern wird bestimmt werten, dah am 1., 2. und 3. Oktober Versammlungen unter freiem Himmel und Auszüge zugelassen sind, wenn sie zu Ehren des 8 5. Geburtstages des Reichspräsidenten veranstaltet werten.
In Bayern lind am 2.Oktober zu Ehren des 85. Geburtstages des Reichspräsidenten von Hindenburg die Staatsgebäude und die Gebäude der Universitäten und der staatlich verwalteten Anstalten und Stiftungen in den Landesfarben zu beflaggen. Die Gemeinden, Bezirke und Kreise werden ersucht, ihre Dienstgebäude gleichfalls zu beflaggen.
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3m Lohn- und Arbeitszeit st reik des Ruhrbergbaues führten die im Reichsarbeitsministerium ftattgefuntenen Rachverhandlungen zu einer Einigung der Tarifparteien. Die Verbände erkannten die in den Schiedssprüchen vom 24. September vorgeschlagene Lohn- und Arbeitszeitregelung an und erhoben sie zum Tarifvertrag.
Schichten des Volkes. So-in den Pariser Hallen, im „ventre de Paris“, so die Schnapspest in „Assommoir", die Dirnen in ..Nana“, dem wohl am meisten gelesenen Buche. 3m übrigen können wir ja gewiß nicht verkennen, daß gerade tes französische Volk am ehesten den großen Romanschreiber zu seiner geistigen Einstellung führen mußte.
Und dennoch: Dieser ursprüngliche 3taliener war em hochstehender Mensch, ein Wahrheitssucher, einer der Männer, von denen wir gerate heute Frankreich eine größere Zahl wünschen mochten ... Dr. H. Kraemer.
Schwarzwälder Kirsch.
Von Heinz Gtegutveit.
Oh, daß man ewig lernen muß! Bismarck hat's gesagt, und es war wohl das Gültigste, was er die Geschichte vom Schwarz- wälder Kirsch, die hier preisgegeben werden soll, hat mit Bismarck nichts zu tun, wohl aber mit einem schwäbischen Landstreicher, ter neulich den Schwarzwald von der Hornisgrinde bis zum Feldberg und vom Neckar bis zur Kinzig behelligte. Don diesem Landstreicher, ter sich kurz und bün- dfg Pepeli nannte, kann man also lernen. Lernen nicht m dem Sinne, dah sein als einträglich erwiesener Geschäftstrick nun für jedermann ein Re- sept wirtschaftlicher Belebung werden könnte. Mit- nlchten! Der Stromer Pepeli, ein unersättlicher Säufer, lehrt uns nur, daß der klarste Schnaps nicht immer klarer Schnaps ist, und wen. dieses Spiel der Worte beunruhigt, ter vernehme den Hergang ter Eulenspiegelei: als Pepeli in zerlumptem Zustand das Wirtshaus am Kandel betrat, gab's sofort ein Kichern und Rumoren an öen Tischen der Gäste. Was wollte dieses zottige Scheusal im Revier ter Ausflügler und frommen Wanderer?
Pepeli aber grüßte artig nach allen Seiten, lächelte hausbacken, behielt den Hut in der Hand und steuerte geradenwegs auf den Schanktisch zu, ohne zu betteln oder sonstwie die erstaunten Zeitgenossen zu belästigen. Nein, Pepeli zog nur eine leere Flasche aus dem Rock, stellte sie dem Wirt hin und bat ganz sachlich um einen Liter echten Schwarzwälder Kirsch. Iawohl, um einen Liter wasserklaren, echten Schwarzwälder Kirsch!
Der Wirt wagte zunächst nicht, das an sich ganz Tauber aussehente Gebilde der Flasche zu berühren Darum fragte er, vielleicht in der Hoff
Zur Frage der Anklageerhebung vor den Sonde rg er ich t en hat der preußische Iustizminister die Staatsanwaltschaften darauf hingewiesen, mehr als bisher darauf zu achten, bie Zuständigkeit der Sondergerichte nicht bei Fällen von minderer Bedeutung, sondern nur in wirklich notwendigen Fällen zu begründen. Namentlich bei solchen politischen Straftaten. die vor dem 10. August d. 3. begangen seien, werde eine Aburteilung durch die Sondergerichte nur noch bei besonderen Umständen am Platze sein.
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Der sä ch si sch e Ministerpräsident Schi eck ist vom Reichskanzler zu einer Be- sprechung empfangen worden, die, ähnlich wie die Dorangegangenen Besuche süddeutscher Ländervertreter, die finanziellen Schmierigkeiten der Länder zum Gegenstand gehabt haben dürfte. In der Unterredung ist eine Einigung über die Mittel zur Ueberbrückung dieser Schwierigkeiten erreicht worden.
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Die nationalsozialistische Fraktion im Braun- schweigischen Landtag hat den Antrag ein- gebracht, den Braunschweigischen Landtag aufzu- lösen. Die Neuwahlen sollen zusammen mit den Reichstagswahlen am 6. November erfolgen. Der
nung, ten Stromer schnell los zu werten, seelenruhig dies: „Ein Liter Kirsch? Hast auch so viel Geld, Pepeli — ?“
Der Landstreicher schob die Brust etwas entrüstet nach vorne, setzte den Hut auf, rollte die Augen: „3d)? Geld? Freili hab' i Geld!“ -
Und der Gastwirt vom Kandel lieh den klaren Schwarzwälder Kirsch frisch aus dem Fäßchen in die Flasche rieseln, bis diese voll war. Pepeli dankte, preßte den Korken auf ten Hals, steckte die gefüllte Pulle ein und faltete überlegen grinsend einen Zwanzigmarkscheinen auseinander, offenbar in der Erwartung, von dem Gastwirt noch gemünztes Silber herauszubekommen. — Diese Hoffnung wurde indessen getäuscht. Schmählich sogar. Denn der Wirt betrachtete sich den Zwanzigmarkschein genauer, warf ihn dann dem schreckhaft zuckenden Stromer wieder hin: „Geh, Pepeli, gib den Kirsch wieder raus: dös is ja ein Geldschein vbn 1910, ein ganz filziger und alter: wo hast den her?“
Dem Landstreicher blieb ter Unterkiefer stehen, die Augen kämpften rechtschaffen mit Tränen. Pepeli gestand, diesen Schein im Wald gefunden zu haben. Und faßte es nicht, daß er die frisch mit Schwarzwälder Kirsch gefüllte Pulle wieder aus dem Rock ziehen sollte. Aber nichts konnte helfen, Pepelis Kopf sank so verdrießlich auf die Vrust, als hätte man ihm die goldenen Aepfel uer Hesperiten aus den Zähnen geholt. Stumm und keiner Worte mächtig sah der Stromer zu, wie der Gastwirt die Flasche entkorkte, das klare Kirschwasser wieder ins Fäßchen gluckern ließ und dann, die leere Pulle zurückreichend, mit dem Smgcr streng zur Tür wies: „Marsch, naus! Laß di nimmer hier blicken!“
^ein, ter Stromer Pepeli ließ sich nimmer im Gasthaus am Kandel blicken. Der Stromer Pe- peli saß vielmehr eine halbe Stunde später ganz r ^gendwo unter den Tannen und wog schmunzelnd zwei Flaschen in den Händen: eine leere unö eine gefüllte! Die gefüllte setzte er an ten JKunö und genoß ihren brennenden Inhalt in schweren, genießerischen Schlucken. Und beschloß, am nächsten Tag das gleiche Kunststück bei einem anderen Wirt zu versuchen. Dazu bedurfte es keiner langwierigen Vorbereitungen. Er brauchte Die eine Flasche nur wieder mit klarem Quell- wasser zu füllen, alles andere würde dann seinen Gang gehen, auf den alten Zwanzigmark- fi^lrkun& auf die zweite leere Pulle konnte er Il.$ verlassen! — Unterdessen wunderten sich Vie Gaste im Wirtshaus am Kantel, daß der Schwarzwälder Kirsch so wässerig schmeckte, obzwar er doch frisch aus dem Fäßchen quoll. —
Braunschweigische Landtag ist zum Samstag einberufen worden. Der einzige Punkt der Tagesordnung ist: Antrag auf Auflösung des Landtags.
Die preußische Staatsregierung hat beschlossen, daß der Kreis Schmalkalden seine Selbständigkeit behält. Weitere Ausnahmen von Der Landkreisoerordnung find nicht beschlossen worden bis auf kleine Grenzberichtigungen, die nur rein örtliche Bedeutung haben.
Kunst und Wissenschaft.
92. Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte.
Im Mittelpunkt der jüngsten Sitzung ter naturwissenschaftlichen Hauptgruope der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Aerzte in Mainz stand ein Vortrag von Professor Dr. Kurt Wegener (Berlin) über die deutsche Grän- lanDexpedition Alfred Wegeners. Nach kurzen Einführungsworten von Staatsminister Dr. Schmidt-Ott, dem Präsidenten ter Notgemein- fchaft der Deutschen Wissenschaft, führte Professor Wegener, der nach dem Tod seines Bruders die Leitung der Expedition übernahm, etwa folgendes aus: Zur Erfüllung ter Aufgaben der grönländischen Expedition Wegeners wurden an 34 Stellen die Eisdicke mit Hilfe einer Methode, die dem aus ter Schiffahrt bekannten Echolot entspricht, gemessen. Diese Messungen ergaben als größte zuverlässig fest- gestellte Eisdicke 2000 Meter. Weiter wurde versucht, Höhenmessungen mit Hilfe von Entfernungen und Winkeln durchzuführen. Erst eine langwierige Verarbeitung der Ergebnisse dieser von Dr. Weilen und cand. phil. Iülg durchgeführten Versuche kann zeigen, ob sie erfolgreich waren. Außerdem wurden Schweremessungen auf dem Inlandeise vorgenommen. Dem meteorologischen Studium Grönlands dienten drei Stationen, die unter Leitung der Herren Dr. Kopp, Dr. Georgi und Dr. Holzapfel standen. Durch zahlreiche Drachenaufstiege wurden barometrische Höhenmessungen vorgenommen. Die glazioloaischen Arbeiten der Expedition wurden besonders schwer durch ten Tod des Expedit! onsl eit ers beeinflußt. Geh. Rat Dr. Arthur von Weinberg (Frankfurt a. M.) sprach dann über „Die Bedeutung der Farbstoffe für die Organismen". Es ist ein grundlegendes Problem der Biologie, zu ermitteln, wie es die Natur mit Hilfe der Kohlenstoffoerbindungen bewerkstelligt, sich die in der Umwelt zur Verfügung stehende Energie für das,Leben der Organismen dienstbar zu maegen.
Aus afler Welt.
DerheerendesErdbebeninGriechenland
Ein schweres Erdbeben hat in Challi- diki 12 0 Tote gefordert. Die Zahl der Verwundeten wird auf 5 0 0 geschäht. Besonders betroffen wurden die Dörfer Ierissos, Stratoniki und Rea Roda. Die Bewohner wurden von panischem Schrecken ergriffen. Sanitätskolonnen und Hilfsmannschaften sind nach dem zerstörten Gebiet abgegangen. Fünf Dörfer sind vollständig zerstört worden, während viele andere schwer gelitten haben. Die hohe Zahl der Toten erflärt sich daraus, dah das Erdbeben gegen 22 Uhr einsetzte, als sich die meisten Dorfbewohner bereits zur Ruhe begeben hatten. Ein Augenzeuge gibt ein Bild tes schrecklichen Vorganges: Plötzlich fühlte ich, wie sich die Erde bewegte. Mit Donnergetöse ftünten die Häuser ein und begruben ihre Einwohner unter sich. Todesschreie hallten durch die sonst so still da- liegenten Dörfer. Die nicht unter den Trümmern begrabenen Bewohner flüchtetenhalbnackt und übernachteten unter freiem Himmel. Die Panik wurde noch dadurch vergrößert, daß viele weitere Erdstöße folgten. Im Dorf Panagia verlor ein Einwohner vor Schreck den Verstand.
Der Gouverneur von Macedonien ist an Bord tes Torpedobootes „Pergamos“, das in ein Ho- spitalschiff umgewandelt ist, nach dem Erdbebengebiet abgefahren. Zur behelfsmäßigen Unterbringung ter Obdachlosen wurden sechshundert Zelte zur Verfügung gestellt. — Zentrum tes Bebens ist ein alter Unterfeefrater, der 300 Meter unter dem Meeresspiegel liegt.
O, daß man ewig lernen muh. O, dah ter klarste Schnaps nicht immer klarer Schnaps sein kann!
Wolga-Zilm und Kosaken-Chor.
Im Lichtspielhaus gibt terUral-Kosaken- Chor ein zweitägiges Gastspiel. Wir haben den Chor, wenn wir nicht irren, schon früher hier fingen hören und freuen uns der Wiederbegeg- nung. Seine Vorzüge sind eine schöne orchestrale Geschlossenheit des Klangkörpers, aus dem sich die einzelstimmlichen Individualitäten vom glodentönig summenden, profunden Baß bis zum Hellen Tenor sympathisch und wirkungsvoll abheben: ferner die Disziplin und ter unakademische Schwung tes Vortrages unter der straffen Leitung tes Dirigenten Andrej S ch o 1 u ch, ter seine Leute vortrefflich in der Hand hat. Wir hörten gestern ein russisches Potpourri mit dem berühmten Wolga-Lied, ferner ein lustiges Hochzeltsliedchen, die breit ausladende melodische Fülle des „Stenka Rasin" und zwei wilde Ko- sakenlieter, mit denen ter Chor für den starken und wohlverdienten Beifall dankte. Die Gesangsvorträge bildeten eine stimmungsvolle Introduktion zu dem Universal-Tonfilm „Wo die Wolga fließt“, ter, nach Tolstojs Roman „Auferstehung“ gedreht, das Liebesschicksal zweier jungen Menschen schildert und eine typisch ru,sische Lösung findet in ter Gegenüberstellung von Schuld und Sühne. Die Regie führt Edwin Carewe: aus einem Ensemble hier unbekannter amerikanischer Darsteller hebt sich Lupe Velez m a 1 n un$. überzeugend heraus, die aus der Rolle ter Katjuscha eine liebliche und rührende Madchengestalt macht. Ihr Partner ist Iohn Doles als Fürst Dimitri Nechludoff. —
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Hans von Wartenburg in Danzig, der vor kurzem einen Ruf auf den r? r Lehrstuhl für anorganische Chemie 3" von Professor Zsigmondy erhielt,
hat die Berufung angenommen und ist zum Ordinarius an der Universität Göttingen ernannt worden.
Burd) die Berufung des Greifswalder Pri- vatdozenten für germanische Philologie Dr. Lutz Mackensen wird der mit Unterstützung der Deut- jd)en Akademie in München gestiftete Lehrstuhl für Germanistik an der Herderhochschule in Riga zum erstenmal besetzt. Die Deutsche Akademie hatte schon vor zwei Jahren einen Leb stuhl für neuere deutsch» Geschichte an dem gleichen Institut gestiftet,


