»MlMAM!"
Vornan von Gexi Gothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Hall«
26. Fortsetzung. Nachdruck verbotenI
Polzenhagen blieb noch ein Weilchen stehen, dann warf er seinem Diener die nassen Sachen über den Arm und ging schnell in sein Zimmer, um sich umzuziehen.
3n Lisas Zimmer stand Traute mit gerungenen Händen vor Lisa, die in wilder Hast plötzlich ihre Sachen in den Koffer warf.
„Dein Mann soll mich nicht buchstäblich hinaus- werfen, wörtlich hat er es bereits getan. Es ist ja jetzt auch alles gleich - alles!"
„Bleib doch, Lisa! Sicherlich hast du Ernst vollkommen mißverstanden Er hat es erst doch' so gern gewollt, dah du mit nach Polzenhagen kamst."
„3a, erst! Es ist ihm aber inzwischen vergangen. 3d) kann hier nicht mehr bleiben."
„lind ich lasse dich in dieser Verfassung nicht fort", sagte Traute entschieden.
Sie half der Schwester, die nach und nach still und willenlos wurde, die nassen Kleider ablegen.
lind dann nahm Lisa ein Dad und legte sich zu Bett. Traute blieb bei ihr. bis sie ganz fest eingcschlofen war, dann erst schlich sie hinaus und lief dann schnell über den langen Korridor in das Zimmer ihres Mannes.
Der stand am Fenster und rauchte. Bei ihrem Eintritt legte er die Zigarette beiseite und ging ihr entgegen.
„Du hast ein Recht auf die Wahrheit, Trautet. Komm, ich erzähle dir."
Er setzte sich in einen der tiefen Klubsessel und zog die junge Frau auf seine Knie, lind nun erfuhr sie alles von ihm. Als sie dann leise weinte, sagte er:
„Sei ruhig — es war gut, daß ich kam. Mit Oüderitz muh ich noch sprechen. Er ist ein guter Kerl und liebt feine Frau. Aber Lisa hat es in sich. Auf kurze Zeit kann sie einen Mann toll machen. Auf kurze Zeit! Aber auch diese Zeit
kann genügen, ein Glück in Trümmer zu schlagen. Also muh sie fort, und ich habe ihr das auch gesagt."
„Wenn sie ihn aber nuiUwirtlich liebt? Verlassen, wie sie ist?" fragte Traute zaghaft.
,,3d) nehme dir dein Mitleid nicht übel, Kind. Schließlich ist es deine einzige Schwester, um die es sich handelt. Ob sie das Mitleid verdient, ist eine andere Sache. ilnb das andere? Ernstlich lieben, sich etwa gar noch mehr einbilden, dazu wird sie doch wohl zu klug sein. Sie hat von Anfang an gewuht, dah der Mann verheiratet ist."
Die Worte klangen hart. Traute wagte nichts mehr zu sagen. Aber sie lehnte den Kopf an die breite Brust des Gatten.
Wie geborgen sie vor ollem war, wie geborgen!
Aber war Lisa denn nicht ebenso geborgen gewesen, und hatte sie nicht trotzdem die Schranken überschritten?
Traute wuhte nichts Bestimmtes, aber Polzenhagen, vorsichtig sondierend, hatte etwas herausbekommen. wenn er es dann seiner Frau gegenüber auch nur angedeutet hatte.
„Das Beste wäre aber doch, wenn man sie mit ihrem Manne versöhnen könnte", sagte Traute schliehlich. nachdem man noch eine ganze Weile über Lisa gesprochen hatte.
„Das hoffe lieber nicht. Trautelchen, denn das wird bestimmt nie sein", sagte er fest. —
Mit der Vochmittogspost waren zwei Briefe gekommen. Für Lisa!
Traute brachte sie der Schwester ans Bett. Die griff gleichgültig danach. Der eine war mit der Maschine geschrieben.
Lisa lächelte maliziös. Ein Geschäftsbrief! War von Herrn Doktor Ansbrück vielleicht irgendeine Rechnung nicht bezahlt worden?
Der andere Brief war von Mama. Lisa öffnete auch ihn einstweilen nicht. Sie hatte keine Lust, die Klagen zu hören: denn weiter enthielten die Briefe der guten Mama ja doch nichts.
Lisa sprach auch nicht mit Traute, so dah sie nach einer Weile still wieder hinausging. Morgen war grohe Wä^' und die Mamsell zählte diese in der Kamme itcn.
Traute band eine große weihe Schürze um und half mit.
Als Ernst von Polzenhagen gegen Mittag aus
den Ställen beteinfam, traf er seine Frau dabei, wie sie sich von der Köchin die Geheimnisse einer gefüllten Ente erklären lieh. Mit hochroten Wangen machte sie sich Notizen. 3hr aufstrahlender Blick traf sich mit dem seinigen. Und er machte kurzen Prozeß und kühte sie herzlich ab vor der Mamsell, die sich lächelnd zur Köchin wandte und ihr irgend ekwas sagte. Denn schliehlich brauchte die sich nicht noch umzusehen.
Oben in ihrem Zimmer las Lisa den Brief der Mutter, der aber keine Klagen enthielt, sondern die dringende Bitte. Heimzukommen. Sie fühle sich sehr einsam und man könne sich doch zu zweien das Leben immerhin etwas erleichtern. Und es sei vielleicht auch besser, wenn sie Ernst und Traute lieber allein ließe. Die habe bei der Beerdigung den Eindruck gehabt, als stimme dort auch nicht alles. Aber es sei doch vielleicht noch nicht alles verfahren, und sie schäme sich doch vor den Freunden und Verwandten, wenn es etwa bei Traute auch noch Skandal geben würde.
Lisa lächelte. Nein, liebe Mama, sie leben wie die Turteltauben. Traute ist jetzt sehr glücklich, dachte sie. Dann gingen ihre Gedanken weiter.
Was sie erst gedacht, daß Ernst den Brief bei Mama bestellt, das machten die Worte der Mutter zunichte. Sie wußte ja nicht einmal, wie flut die beiden sich jetzt vertrugen, und sie ängstigte sich nun auch noch um Traute. Nun, sie würde heimfahren und da konnte sie die Mutter ja gleich über diesen letzten Punkt beruhigen.
Gleichgültig öffnete Lisa den zweiten Brief. Da wurden ihre Augen auf einmal groß und starr. Auch der Dogen war mit der Maschine beschrieben und lautete:
„Liebe Lisa!
Ditte, komm heute abend um acht auf die Straße an die Kreuzung, von wo aus der Weg nach Polzenhagen führt. 3ch muß Dich dringend sprechen. Komm bestimmt. Sag aber keinem Menschen etwas, sonst hätte es keinen Zweck, dah ich Dich aufsuche."
Der Brief trug keine Unterschrift. Von wem war dieses Schreiben?
Lisa sah nach dem Poststempel. Er trug denjenigen des kleinen Postamtes im Nachbardorf.
Von Klaus Lüderitz! Das war ihr erster "Gedanke. Denn nur er hatte das größte Interesse, seinen Namen nicht auf das Papier zu bringen, Oder war es Rudolf? Wollte er eine Versöhnung? Lisa sprang aus dem Bett.
Wenn Rudolf es wäre?
Aber weshalb kam der nicht offen und direkt nach Polzenhagen?
Es würde doch Klaus Lüderitz sein! Bestimmt würde er es sein. Er hatte es sich überlegt, daß er sich von seinem Freunde Polzenhagen hatte wie ein dummer Junge behandeln lassen. Nun wollte er mit ihr irgend etwas besprechen. Vielleicht hatte er sich mit seiner Frau gar schon auseinandergeseht?
Lisa ging hin und her, immer hin und her, aber zu einem direkten Schluß kam sie nicht.
Sie sah noch einmal auf den Brief. Um acht Uhr sollte sie dort fein. Da war die Abendbrotzeit vorüber. Und wenn sie heftige Kopfschmerzen vorschühte, dann konnte sie ganz gut abkommen und sich durch das Hintere Parktor davonschleichen. Der Schlüssel steckte immer, das wußte sie. Sie fürchtete sich zwar ^etzt schon, in die Nacht hinauszugehen, wo sie doch nicht wußte, wer sie ertoartete. Aber es würde ja doch bestimmt Klaus Lüderitz sein. Und man durfte ihm diese Sache nicht einmal Übelnehmen. Wie iDUte*tr sie denn sonst erreichen?
Lisa legte die beiden Briefe in das Seitens ach ihres großen Koffers. Dann wusch sie sich nebenan in dem kleinen Toilettenzimmer und machte sich fertig.
Sie sah dann am Fenster und las, bis es dunkel wurde. Traute war nicht wieder herauf» gekommen zu ihr. Nur gegen vier Uhr brachte ihr das Mädchen frischen Kaffee.
Lisa aß nichts, aber von dem duftenden starken Kaffee trank sie zwei Tassen, und dann fühlte sie sich wieder gekräftigt. Sie war jetzt schon wieder so weit, daß sie sich herzlich freute, über Schwager Emst hinweg sich dennoch mit Lüderitz zu treffen.
Gegen sieben Uhr wurde in Polzenhagen zu Abend gegessen. So ging Lisa um diese Zeit in das kleine Speisezimmer hinunter.
Traute ordnete noch etwas auf dem Tische und Ernst lehnte am Fenster und sah ihr zu.
(Fortsetzung folgt.)
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