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27/12/1932 Frühausgabe
 
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Druck und Verlag: vrühl'sche Univerfilüts-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange in Gießen. Schriftlettung und Geschäftsstelle: Schuf^ttaße <.

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Nr ZOHKvühaussabL 182.Jahrgang Dienstag, 27.Dezember1932

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Randnoten.

Pausen sind nicht nur ein Mittel der Musil, sondern ebenso der Politik. Sn den Augenblicken, in denen nichts zu geschehen scheint, vollzieht sich häufig der entscheidende Teil der Handlung und Wirkung. Wir sehen dann plötzlich alles mit anderen Augen an, wir hören mit anderen Ohren, empfinden mit neuen Sinnen. Dieter Möglich - leit, und zugleich diesem Bedürfnis nach Ruhe und D.stanz zu den Dingen, dienen im Kreis­lauf des Alltags die Sonntage. Die großen Feste mit ihrer längeren Paule: sie dienen dem Jahre und einige davon dienen schließlich, emporgehobcn durch die Umstände, den Jahrhunderten und den Jahrtausenden. Heutzutage sind wir freilich zu­frieden uni) froh, wenn es uns gelingt, inner­halb der Ordnung des bürgerlichen Sahres eine Spanne der Beschaulichkeit einzuschal­ten und wirklich zu feiern, aber auch in dieser Begrenzung enthüllt sich manches, was im Ge­triebe des Tages verborgen bleibt: Wandeln sich nicht unsere Umstände, ohne daß wir es ge­wahr werden? Sehen wir uns um!

Wenn wir die Weihnächte- unb Neujahrsfeste der letzten zehn Jahre rückschauend überdenken, wenn wir die öjfentlichen und persönlichen Jahresbilan­zen in ein Ganzes zufammenziehen, wenn wir uns in die Außenpolitik hineinversetzen: allenthalben sind tausend Vorstellungen und Begriffe am Schwinden, die vor kürzerer oder längerer Zeit noch wahr und wirklich zu sein schienen. Unser ein­gebildeter und geborgter Reichtum ist dahin, unsere riefenhafte Projekte sind zerflattert, die weltbe­glückenden Phrasen sind unglaubwürdig geworden, sechst die Rekorde im Sport, dieweltbezwingenden Leistungen einzelner muskulöser Primadonnen oder dekorativer Filmsterne verlieren an Geltung. Innerhalb und außerhalb unserer Grenzen, beson­ders aber in den Vereinigten Staaten betrachtet man sorgenvoll ein dürres Skelett von Tatsachen, das übrig aeblieben ist aus dem Goldrausch. Sogar der russische Fünfjahrsplan, der unbekannte aber angebetete Götze eines Massen­wahns enthüllt sich felbst deutschen Moskowitern als Fata morgana, als Jllufionstrick.

Kurz und gut, wir sind nüchterner, aber and) idealisti scher geworden. Das ist der entscheidende Punkt. Wir kommen allgemach mehr zur Ruhe und hören die wirklichen Stummen unserer Zeit deutlicher als vor dem; wie man denn in der Nacht andere Stimmen vernimmt als am Tage. Ja, es wandelt sich alles; ohne daß wir es inerten und mir wandeln uns selbst. Darin liegt aber mehr, als mir wissen. In den Pausen der Tätigkeit kommen wir wieder zur Besinnung. Wenn es etwas gibt, was uns wirklich nützen und fordern kann, bann ist es eben für uns Deutsche die Rück­kehr zu uns selbst, die S e l b st b e s i n n >l n g als Nation deren wir mehr bedürfen als irgendein anderes Volk. Wenn wir den Weg zu uns selber zurückfinden, dann hätten wir unsere Zukunft ge­wonnen. Mit uns selber wandeln sich die Umstände. Sie wandeln sich aber unversehens, jenseits des Be­reichs und des Zugriffs der Tagespolitik. Um dies zu erkennen, nun, dazu dient auch diese Pause im Alltag, die jeder von uns nützen kann, in­dem er zu sich selbst zurückkehrt und zugleich zum Ganzen, zu seinem eigenen Volkstum und feinem ewigen Gesetz, um wieder bewußter Bürger des Reiches der Deutschen zu werden.

Der Notstand, mit dem sich der Weihnachts­aufruf des Reichspräsidenten und der Reichsregierung beschäftigt, rührt an die Grundlagen unserer nationalen Zukunft. Die Hoffnungslosigkeit, in der ein großer Teil der jun­gen deutschen Menschen dahinlebt, droht die Kräfte zu lähmen, auf denen in der kommenden Generation die Last der Veranwortung und der Arbeit für 'die Existenz und für hie Entwicklung von Staat und Volk ruhen wird.

Man hat nach dem Kriege die Befürchtung aus­gesprochen, daß die helmkehrenden Soldaten sich nicht mehr mit den Aufgaben und Pflichten des geord­neten. bürgerlichen und wirtschaftlichen Leb^rs zu­rechtfinden könnten. Glücklicherweise hat fid) diese Sorge als unbegründet herausgestellt. Aber alle diese Menschen, die im Kriege waren, sind aus­gewachsen in einer Zeit, wo Beschäft.gung und Arbeit im Rahmen irgendeiner Gemeinschaft ftlost- verständlich waren, wo nicht die Frage nach dem Sinn alles Lernens und alles Tuns wie ein düsteres Gespenst über dem Leben stand. Ev war keine Frage, daß der Volksschüler als Vierzehnjähriger eine Lehre fand, und es war die Regel, daß der Lehrlang später als Geselle oder als junger Angestellter in dem Betrieb blieb, in dem er gelernt hatte. Vor dem akademischen Nach­wuchs ge-fpenftete nicht der drohende Numerus Clausus uni) die Not der Hunderttaufende von Aka­demikern, die unter die Grenze der proletarischen Lebensbedingungen vor dem Kriege gesunken sind und von Wohlfahrtsunterstützung leben müssen. Alles Lernen und Arbeiten war zweck ha ft de- slimmt und schien für den Fleißigen Aufstieg und Erfolg zu gewährleisten. Die Einfügung in die Ge­meinschaften der Schule, der Lehre und der Be­triebe führte zum Bewußtsein der Verantwortung, der menschlichen und sozialen Verbundenheiten und eines sinnvollen und Zweckhaften Lebens. Auch der Krieg bis in die letzten Monate der Auflösung hielt die Menschen im Bewußtsein einer Kampfes- und Schicksalsgemeinschast zusammen, die die inneren Lebenskräfte im Grunde nicht schwächen konnte, sie eher stärken mußte. Sie brauchten nur nach der Heimkehr und nach den Erschütterungen des poli­tischen Umsturzes in alte oder neue Richtung ge­lenkt zu werden.

Bei Hunderttaufenden der jungen Menschen unsrer

Frankreich hofft noch immer aus Schuldenbereinigung.

Ministerpräsident paul-Boncour sucht erneut Fühlung mit Amerika.

Ein sensationeller Bolschasterbesuch.

Paris 24.Dez. (WTBj Ministerpräsiden!: Paul-Boncour hat in seiner Eigenschaft als Minister für Auswärtige Angelegenheiten dem deutschen Botschafter Köster, dem britischen Botschafter Lord Tyrrell und dem amerikani­schen Botschafter Edge den üblichen Besuch nach der Aebernahme seines Amtes abgestattet.

Es scheint, daß die amerikanische Presse dem Besuch eine besondere Bedeutung beimißt, wenn man den Reuyorker Korrespondenten desPetit Parifien" Glauben schenken darf. Dieser spricht von einem überraschenden Besuch des Mi­nisterpräsidenten bei Botschafter Edge, der in Aeuyork Sensation hervorgerusen habe. Man erblicke darin die Wiederauf- nahme von Verhandlungen über die Schulden. Allerdings verhehle man sich nicht, daß diese Verhandlungen angesichts der gegen­wärtigen Lage in Amerika nicht zum Ziele führen würden, denn die Schuldenfrage fei jetzt eine innerpolitische amerikanische Frage geworden. Es könne also solange keine ernstliche Verhandlung in der Schuldenfrage ge­führt werden, wie in den Vereinigten Staaten die beiden Präsidentenlager gegen­einander arbeiteten.

Auch die Pariser Ausgabe des Reuyork Herald spricht von einem Ueberraschungsbesuch, da Mi­nisterpräsident Paul-Boncour sich nicht vorher habe anmelden lassen. Die Unterredung habe Dreiviertelstunden gedauert und Parll-Don- cour habe dem Botschafter Edge die Versicherung abgegeben, daß die französische Regierung den lebhaften Wunsch habe, eine Formel zu finden, Die ihr erlaube, aufs neue vor dem Parlament das Schuldenproblem und damit auch das der Zahlung vom 15. Dezem­ber auf zu rollen. Auch Reuhork Herald ist skeptisch, ob die Fühlungnahme Erfolg haben wird.

Oie Propaganda ist schuld.

Herriot appelliert an die Amerikaner.

Paris, 24. Dez. (WTB.) Herriot wendet sich in einem Artikel wegen der Schuldenfrage an die amerikanische Öffentlichkeit. Er erklärt imPetit Parisien", man habe in Amerika An­recht daran getan, auf eine teuflische Pro­paganda gegen Frankreich zu hören, eine Propaganda, gegen die man von franzö­sischer Seite vielleicht nicht anzukämpfen gewußt habe, weil in Amerika nur wenige Franzosen wohnten. Dadurch sei granfreid) gekränkt und schwer verletzt worden, und dabei habe Frankreich nicht gezögert, auf einen Appell der Vereinigten Staaten hin seinem ehe­maligen Feind Deutschland zu hei- f e n. Frankreich habe Deutschland sogar private Kredite bewilligt. Frankreich habe nicht nur auf die amerikanischen Staatsmänner gehört, sondern auch auf die amerikanischen Sachverständigen wie Dawes, Voung und Parker Gilbert. Frankreich habe in Lausanne ein ungeheures

Opfer gebracht. Ohne Vorwürfe machen zu wollen, müsse er doch darauf Hinweisen, daß das Hoover-Moratorium, wenn nicht recht­lich, so doch mindestens tatsächlich, den Poung- plan zerstört habe. Als Frankreich aber selbst um eine Zahlungsfrist nachgesucht habe, habe man sie i h rn verweigert.

*

In einer Versammlung in Lyon sprach Herri oi vor seinen Wählern seinen Stolz darüber aus, i m Kampf um d i e Einhaltung der Ver­pflichtungen Frankreichs gefallen zu

sein. Er erklärte, es sei unmöglich, die guten Be­ziehungen zu Amerika, das 75 000 feiner Bürger auf französischen Schlachtfeldern verloren habe, mögen 480 Millionen zu gefährden, wenn diejenigen, die gegen die Zahlung stimmten, 3 00 Mi 11 io nen für Ungarn und 2 Milliarden für die B a n k u n t e r st Ü tz u n g bewilligten. Herriot zeigte fid) mögen der Folgen eines Bruches und einer endgültigen Zahlungsverweigerung besorgt und betonte, daß er den Kampf unermüdlich fort­setzen werde.

Das Loch im französischen Staatshaushalt.

Lheron fordert 5 Milliarden Schatzanweisungen.

Paris, 24. Dez. (TU.) Vor dem Finanzaus­schuß der Kammer vertrat der neue Finanzminister Charon die von der Regierung eingebrachte Vorlage für das provisorische Haushaltszwölftel. Zn der Begründung wies er besonders darauf hin, daß er nur e i n Haushaltezwölftel vorbringe, ob­gleich er nach der Lage der Dinge eigentlich zwei oder drei hätte verlangen können. In den letzten drei Jahren habe der Fehlbetrag die Hoho von 17 Milliarden Franken erreicht, die sich wie folgt zufammensetzen: Haushaltsjahr 1930-31 6,7 Milliarden, Haushaltsjahr 1931=32 5,6 Milliarden und in den neun Monaten dos ab­gekürzten Haushalts 1932 5 Milliarden. Dazu feien noch der über 10 Milliarden betragende Fehlbetrag der Eisenbahnen und neun Milliarden zu rechnen, die in Form von Anleihen feit dem Monat Mai begeben worden feien. In der Staats­kasse habe er nur 212 Millionen Franken vorgo- ifunben.

Das Vorhandensein sämtlicher Aktiva gestatte es ihm aber, den Erfordernissen des Staatsschatzes bis zum 31. Dezember gerecht zu werden., Um jedoch den Anforderungen des Januar gewachsen zu fern, schlage die Regierung die Ermächtigung zur Ausgabe von fünf Milliarden Schatzanweisungen vor. Für den Bedarf der Eisenbahnen werde ferner um die Ermächti gung zur Ausgabe von Obligationen in Höhe von zwei Milliarden nachgesucht, die auf die sechs Milliarden in Anrechnung gebrnd)t werden sollten, die im Laufe des Jahres 1933 auf- zunehmen wären. Finanzminister Chöron hat dabei daran erinnert, daß Poincar 6 während der großen Krise im Jahre 1926 auch fünf Milliarden angefordert hat. Die Zeit habe es nicht gestattet, in dem ersten Haushaltszwölftel bereits die von der Regierung geplanten Sparmaßnahmen zu berücksichtigen, doch werde das zweite Haus­haltszwölftel, das im Januar eingebracht werde, die wichtigsten der neuen Maß nähmen enthalten.

Ueber das Schicksal des ersten Haushaltezwölftcl besteht kein Zweifel mehr, da die Sozialisten beschlossen haben, dafür zu stimmen, ebenso roie für die 100 Millionen Schilling-Garantie, die bis zum 11. Januar von der Kammer genehmigt sein muß, damit die in Lausanne zugunsten Oesterreichs

verabredeten Anleihemaßnahmen verwirklicht wer­den können.

Ouotibien" will erfahren haben, daß E Heron die Sanierung der französischen Finanzen durch folgende vier Maßnahmen erzielen wolle:

1. die Auflegung einer auslösbaren A n - leihe;

2. die Einführung einer Bürgersteuer

3. Herabsetzung der Zahl der Divi­sionen von 20 auf 14, wodurch Einspa­rungen von 1,5 Milliarden Franks ermög­licht werden könnten, und

4. scharfe Bekämpfung der Steuer­hinterziehungen.

Oer letzte deutsche Geistliche aus Eupen ausgewiesen.

Lupen, 26. Dez. (TU.) Am Heiligabend wurde dem letzten deutschen Geistlichen in Lupen, dem Kaplan Gillis von der St. Rikolauskirche, auf Anweisung der belgischen Regierung der Aus­weisbefehl zuge stellt, wahrend der all- (eite beliebte Seelsorger in den Abendstunden Reichte hörte, erschienen beim Küster d i e aus- führenden Organe der belgischen Staatsgewalt und forderten ihn auf, den Kaplan aus dem Beichtstuhl vor die Kirchentür zu rufen. Sie übergaben bann dem Kaplan den Aus­weisungsbefehl, der eine Frist von nur 24 Stunden zubilligl und jede weitere got­tesdienstliche Handlung untersagt.

Gillis ist im neubelgischen Baeren geboren. Er­hielt sich in politischen Dingen außerordentlich zurück. Diese neue Herausforderung der deutschen Katholiken hat in den deutschen Gebieten eine un­erhörte (Empörung ausgelösl. (Eine Begrün­dung des Brüsseler Schrittes ließ sich bisher nicht in (Erfahrung bringen. Sie scheint in der neuen Politik des belgischen Kabinetts Broguevitle begtündet zu sein, das offenbar jeglichen Re- gionalisrnus auszurollen gedenkl.

Zeit sind alle diese Voraussetzungen n i ch t m e h r gegeben, unter denen mir ausgewachsen sind. Sie lernen zum großen Teil nicht arbeiten, weil für die der Lehre entwachseuen Jünglinge fid) keine Arbeit findet. Sie haben die Lust am Lernen ver­loren, weil bas Lernen ihnen zwecklos erscheint. Sie sind in keinen Gemeinschaften des Lernens und der Arbeit gebunden, in denen ihr Verantwortungs­bewußtsein geweckt und entwickelt wird. In einer Zeit, in der die schaffenden und sozialen Lebens- energien zur Entfaltung gebracht und gekräftigt wer­den müßten, müssen ungezählte Tausende ein beinahe vegetatives Leben führen, in dem sie natürlich allen zersetzenden Kräften widerstandslos ausgeliefert find.

Es war wirklich h o ch st e Z e i t, daß Maßnahmen eingeleitet wurden, die den hier liegenden Gefahren für unsere Zukunft entgegenzuwirken bestimmt find. Das Notwerk für die deutsche Jugend, zu dem der Reichspräsident und die Reichsregierung zum Weihnachtsfest aufgerufen haben, ist immerhin ein verheißungsvoller Auftakt für ein nationales Hilfswerk. Beschäftigung, Gemeinschaftssinn und ein bescheidenes warmes Mittagsmahl bas wäre, wenn es sich nach dem Weihnachtsaufruf für viele, viele taufend Jugendliche verwirklichen ließe, in der Not dieser Zeit ein Weihnachtsgeschenk, das die Na­tion im Grunde sich f e l b ft geben würde, weil es vorn Nachwuchs nicht nur dankbar empfunden werden muß, sondern weil es auch ganz großen erzieherischen Wert hat.

Der Reichskanzler von Schleicher hat zwar kürz­lich in einer Rundfunkrede gesagt, daß er all den schönen und großen Worten nicht traue, mit denen heute die jungen Menschen von den radikalen Politikern hüben und drüben umworben und um­schmeichelt werden, mit solchen Worten, die die Jugend in ihren eigenen Augen immer wieder als das Salz der Erde erscheinen lassen, wecke man nur allzu leicht einen Hochmut, eine Selbstgefäl­ligkeit und eine Aeberheblichkeit, die nicht in innerem Mert und lebendiger Kraft verwurzelt sind Aber für das Bemühen, die jungen Men­schen im Hinblick auf ihre schweren kommenden Aufgaben in einer ernsten Zeit hart und starr zu

machen, für das Bestreben, sie innerlich zu ver­binden mit den kleineren und größeren Gemein- | schäften des nationalen Lebens, werden sie uns dankbar sein, wenn sie einmal allein die Last und die Verantwortung zu übernehmen haben.

Einen Tag vor Weihnachten ist in Berlin der Car o-Petschek-Prozeß zuende gegan­gen. Geheimrat Caro wurde freigesvrochen, die Kosten des Prozesses, soweit sie nicht die Ge­hälter der Richter und der staatsanwaltlichen Beamten betreffen, fallen den Petscheks zur Last. Damit findet eineBlutrache" zwischen zwei Fa­milien, die gleichzeitig Wirtschaftsmächte sind, ihr Ende. Sachverständige schätzen die Kosten des Ge­samtprozesses auf 600 000 bis 1 Million Mark. Reporter, die viel Zeit haben, rechneten aus. daß an den 96 Verhandlungstagen des Prozesses 3 Millionen Worte gewechselt wurden, und daß allein die beteiligten Hauptanwälte 300 000 bis 400 000 Mark verdienen.

Das Objekt des Streites ist bekannt. E-s drehte sich darum, ob eine Mitgift inHöhe von vielen Hunderttausend Mark gezahlt worden war oder nicht. Um diele Frage aufzu- hellen und die schweren wechselseitigen Belei­digungen und Beschuldigungen zu klären, tour­ten die intimsten Familiengeheimnisse vor ter Öffentlichkeit aufgetischt. Ganze Bataillone be- zahlter Spione und Privatdetektive beschnüffelten jahrclang das Familienleben und suchten sich m den Bentz kompromittierender Briefe zu setzen. Das Milieu der oberen Zehntausend, oder viel- leicht der oberen Fünfhundert wurde weit und breit ausgemalt, wahrhaftig, dem darbenden deutschen Volk wurde ein erbauliches Schauspiel des Vorbildes von oben gegeben. Was sonst nur aus der drangvollen Enge großstädtischer Hinterhäuser deraus sich im Gekeife von Flur zu Flur einlädt, das vollzog sich diesmal gewissermaßen in Smoking und Frack auf der Bühne der Oefsentlichkeit. Wenn man die

I Frage stellt: W i e züchtet man Bolfche- wist en in Deutschland?, so hat dieser Prozeß

die Antwor tgegeben. Ein Blick in die lomrnu- nistische Presse bestätigt es .

Der Freispruch des Geheimrats Caro tonnte nach dem Vorgang des Prozesses und auf Grund des Beweisergebnisses nicht zweifelhaft fein. Richt jedoch um den juristischen Teil dieser ganzen An­gelegenheit geht es, sondern allein um die menschliche Seite, die bei solch exponierten Persönlichkeiten, wie sie die beiden Prozessor! - ner darstellen, gleichzeitig auch eine politische Seite ist. Kann es verantwortet werten, wenn in einer Zeit, die ohnehin voll antikapitalistischev Ressentiments steckt, zwei prominente Vertreter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung vor Ge­richt ihren häuslichen Stunk austragen? Darf sich der Staat dazu hergeben, auf seine, d. h. auf der Steuerzahler Ko­sten, diesem Familienkrach das amtliche Forum zu leihen? Seit wann ist die deutsche Strafjustiz ein Mittel zu Privatzwecken? Wer einmal den täglichen Arbeitsgang einer Staatsanwaltschaft miterlebt hat, bei der tagtäglich unzählige Straf­anzeigen von Persone neinlaufen, die ihre zivil- rechtlichen Ansprüche strafrechtlich durchzusehen versuchen, um dem Staat die Kosten aufzubür- den und sich selbst vor den Kosten zu drücken, wer diese infamen Versuche einer versuchten, völ­lig legalen Korrumpierung des Justizapparates beobachten könnte, ter muß heute mit allem Rach­druck fordern: Schluß'mit dieser Praxis, die den Staatsanwalt zum Schiedsrichter für Privatstreitigkeiten machen will. Im Falle Caro- Petschek haben sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Generalstaatsanwaltschaft die Anklage- erhebung abgelehnt. Erst der Strafsenat des Kammergerichtes hielt sie für erforderlich. Es muß leider festgestellt werden, daß die Justiz sich heute gelegentlich allzusehr an den Buch­staben des Gesetzes Hämmert .ohne diepsycho- iogischen Folgen eines solchen Prozesses zu überlegen. 3n dieser Rotzeit hat dasFiat justitia ..." eben nur dann noch einen Sinn, wenn Deutschland dabei nicht zugrunde geht.