Aus der Provinzialhauptstadt.
Silvesterbräuche.
CEieber sind wir in wenigen Tagen an der Grenze eines neuen Jahres angelangt. Der Schrankenwärter JanoS zwingt uns. seinem Doppelgesicht zu folgen: Rückwärts und vorwärts schauen die ewig gleichbleibenden Gesichter des alten Zeitgottes, den Menschenschicksale unberührt lassen. Rückwärts können auch wir sterbliche Menschen schauen, können in Gedanken noch einmal all die Zeiten durchleben und unser Handeln von der Warte des Gewesenen aus betrachten. Doch vorwärts werden wir nur schrittweise sehend, löst die Zukunft die Gegenwart minutenweise ab, um dann als Vergangenheit klar sichtbar vor uns zu sein. „Schau auf die Vergangenheit, und werde aus ihr weise für die Zukunft", das ist es, was uns der Doppelkopf des griechi- scheu Gottes sagen will.
Wenn am letzten Abend im Jahre die Mitternachtsstunde sich nähert, dann beginnen die Vorbereitungen für das Bleigiehen. Pantoffelwerfen, Spiegelfchouen, Wasserschöpfen und wie die Bräuche, die uns aus Urvätertagen vererbt wurden, alle heißen. Wieviel erhitzte Mädchenköpfe beugen sich über die Figuren, die sie im Becken fanden, in das sie das geschmolzene Blei fallen liehen, um aus dem krausen Gebilde etwas herauszulesen. Lind wer hätte es nicht schon einmal wissen mögen, ob er im nächsten Jahre im alten Heim bleibt, oder die Wohnung wechselt? Das Pantoffelwersen gibt die Antwort auf diese Frage: liegt der Pantoffel, der fitzend mit dem Fuß über Len Kopf geworfen werden must, mit der Spitze nach der Tür zu, dann ist es unbestritten, dast des Bleibens in den alten Räumen nicht mehr lange ist. Manch einer sitzt vor dem Spiegel um Mitternacht und schaut hinein, bis er ein ander Gesicht sieht, als das seine; am liebsten wird die Liebe darin gesucht, doch soll es auch vorgekommen sein, dast ein Totenkopf herausguckte, was den Tod des Wissensdurstigen bedeutete. Wo noch auf dem Hofe ein alter Röhrenbrunnen steht, da gehen wohl auch die Mägdlein und sehen, ob sie das Bild des Liebsten darin finden und ob es der ist, von dem sie träumen; während andere aus dem Brunnen Wasser schöpfen, das alle Krankheiten heilen soll.
Treiben bei all diesen Bräuchen die Phantasie und Leichtgläubigkeit manchmal auch ein wenig gar zu üppige Blüten, so ist doch alles im Rahmen von Familiensinn und Geselligkeitsfreude eingeordnet. Man braucht kein Verschwender und Leichtfust zu sein, um mit seinen Lieben beim Glockenklang der Mitternacht auf ein »frohes neues Jahr" anzustvßen. Es fühlt jeder dem anderen wesensverwandt das Leid und die Freude, die das vergangene Jahr ihnen gebracht hat; und gibt von Herzen dem Gedanken Raum: sich gegenseitig weiter gu stützen für die kommenden Jahre, die ihm vom Geschick beschieden sind. M. C.
Sparen auch im neuen Jahre!
Das Jahr 1932 geht zu End«. Jeder wirtschaftlich denkende Mensch wendet am Schluss« des Jahres seine Blicke rückwärts und legt vor sich selbst Rechenschaft ab, ob das Jahr als Erfolg für ihn zu buchen war, oder ob er wirtschaftlich stehengeblieben ist, wo er am Anfang des Jahres stand, oder ob er gar rückwärts gewirtschaftet hat. So lenken auch bi« Sparer am Jahresende ihre Blicke auf den Verlauf des verflossenen Jahres. Wenn auch manche von ihnen keine Reueinlagen machen konnten, so haben sie trotzdem nicht umsonst gewirtschaftet, denn die Zinsen werden ihrem Sparkapitäl am Jahresende zugcschrieben.
Diese Tatsache sollt« alt und jung eine Anregung sein, jeden entbohrlichen Pfennig nicht unnütz zu Hause liegen zu lassen, sondern ihn zur Sparkasse zu bringen. Wer darauf wartet, bis er große Beträge beisammen hat, wird es nie zu einem Sparbuch bringen. Demjenigen aber, der jeden entbehrlichen Pfennig zur Sparkasse bringt, wird der Erfolg beschieden sein. Der Sparer selbst hat vom Sparen nicht nur Ruhen, indem er Zinsen erhält, sondern die gesamte deutsche Wirtschaft würde belebt werden, wenn die über 1 Milliarde Geld, das noch ungenützt zu Hause liegt, bei den Ka'sen «ingezahlt würde. Mehrere M.llionen Arbeitslose würden Beschäftigung finden unb durch ihr« Kaufkraft den Geschäftsleuten und Handwerkern neuen Verdienst bringen.
Das Sparen ist wert, nicht nur des Sparers, sondern auch des ganzen deutschen Volkes wegen gefördert und gepflegt zu werden. Darum als Wunsch zum neuen Jahre: Wer Geld hat, das er nicht gleich benötigt, bringe es zur Kasse!
Daren für Mittwoch, 28. Dczemvcr.
1908: Großes Erdbeben in Unteritalien und Sizilien, Zerstörung der Städte Messina und Reggio; — 1923: der französische Ingenieur Alexander Griffel, Erbauer des Eiffelturms, in Paris gestorben.
** Ein unerhörter Rowdhstr ei ch hat dem Eisverein, wie man uns mitteilt, während der Weihnachtsseiertage empfindlichen Schaden zugefügt. Die Täter haben an dem erst kürzlich der Allgemeinheit übergebenen neuen Eishaus fünf Fensterscheiben eingeschlagen, die auf einem Porzellanfuß stehende Lampe am Eingang samt dem Fuß zertrümmert, vier hochkerzige Lampen auf der Eisbahn zerstört und die Eisbahn mit Erde und Asche bestreut. Es ist bedauerlich, daß eine der Allgemeinheit dienende Einrichtung in solcher Weis« durch die Zerstörungslust von Rüpeln beeinträchtigt wird. Hoffentlich gelingt es der Polizei, die Täter zu ermitteln, damit sie für ihre Schandtat die verdiente strenge Strafe erhalten.
'• Weihnachtsfeier im VfB. Der Verein für Bewegungsspiele hatte seine Mitglieder zu einer Weihnachtsfeier im engen Kreis« der Vereinsangehörigen in das Vereinsheim ern- geladen. Der Feier ging ein kurzes Gedenken an die Gefallenen des Weltkrieges im kleinen Chrenhain auf dem Waldsportplah voraus, das unter dem Glanze zweier mit brennenden Kerzen geschmückten Fichten stattfand und einen würdigen Verlauf nahm. Der 1. Vorsitzende, Herr Overbeck, hielt eine kurze Ansprache. Er gedacht« der Toten des Vereins, tarn sodann auf die Gegenwart und auf die jetzige Generation zu sprechen, um hierauf mit kurzen Worten über ten Sinn des Weihnachtsfestes seine Ansprache zu beschließen. Anschließend fand im DereinsHeim in freundschaftlicher Gemeinsamkeit di« Fei«r des Weihnachtsfestes statt. Bei gemeinsam gesungenen Liedern, bei Musik und mancherlei Unter
haltung vergingen bi« Stunden im Fluge. Ein« große Tombola ließ manchen mit billig gewonnenem Geschenk nach Haufe gehen. Im Laufe des Abends fand ein« Ehrung eines verdienten Mitgliedes statt, über die wir im Sportteil näher berichten. Zur allgemeinen Genugtuung konnte ferner mitgeteilt werden, daß zwei Mitglieder, die dem Verein längere Zeit fern sein muhten, wieder in den Witgliederkreis aufgenommen werden konnten.
Amtsgericht Gießen.
Aufsehen erregte am Rachmittag des 23. April ein Vorfall in der Reustadt, dem erst jetzt nach langwieriger Untersuchung ein gerichtliches Rach- spiel folgte. Dort hatte ein Wann in erregter Stimmung ein Ladengeschäft verlassen, als er von einem draußen wartenden Autofahrer fest- gehalten und erst wieder freigelassen wurde, als er Vorübergehende um Beistand anging. Er eilte dann nach der Stadt zu, verfolgt von zwei aus dem nämlichen Ladengeschäft gekommenen Männern, die ihn, nachdem sie ihn erreicht hatten, wider seinen Willen in die Mitte nahmeiu Sie sprachen und gestikulierten lebhaft auf ihn ein und suchten ihm fortgesetzt «in Schriftstück, das er bei sich trug, mit Gewalt zu entreißen, aber Der- gebens. Das Auto, das an dem Geschäft gehalten hatte, fuhr im gleichen Tempo nach. Als sie auf dem Kirchplatz angekommen waren und dort ein Polizeibeamter sichtbar wurde, sprangen beide sofort in das Auto und fuhren auf unb davon. Der Zurückgebliebene war ein Zollbeamter, der polizeiliche Hilfe suchte, und das Schriftstück war ein Wandergewerleschein. Elfterer hatte die beiden Männer überrascht, als sie in Gießen, ohne dazu legitimiert zu fein, ein umfangreiches Hausiergewerbe betrieben. Er traf sie in dem Ladengeschäft gerade an, als von ihnen den Laden- inhabern Stoffe, die sie in dem Auto mitgebracht hatten, zum Kauf angeboten wurden. Der Zollbeamte verlangte, nachdem er sich als solcher aus- gewiesen hatte, Vorlage des Wandcrgewerbe- scheins. Qtber nur einer hatte diesen Schein bei sich, und dieser war ungültig. Er erklärte daraufhin den Schein unb die angebotenen Stoffe für beschlagnahmt. Beide protestierten; der eine legte sich quer über seinen Warenkoffer und ließ niemanden heran; der andere suchte den Wandergewerbeschein mit Gewalt wieder an sich zu bringen. Schließlich blieb dem Zollbeamten nichts anderes übrig, als den Laden zu verlassen und sich nach polizeilicher Hilfe umzusehen. Draußen lief er zunächst dem dritten Komplizen in die Hände. Was weiter geschah, ist oben gesagt worden. Das Gericht erblickte in dem Verhalten der drei Angeklagten einen Widerstand gegen die Staatsgewalt in Sachen des 8 113 des StGB. Unter Annahme mildernder Umstände, di« vorwiegend darin gefunden wurden, daß sie sich plötzlich jeben Verdienstes beraubt saßen, unb darüber sich in maßloser Erregung befanden, erhielten sie j e 5 0 Mark Geldstrafe, die im Uneinbringlichkeitsfall mit je zehn Tagen Gefängnis zu verbüßen sind.
Tödlicher Unfall im Stahlwerk Röchling-Buderus.
WSR. W« tz l a r , 27. Dez. Am Heiligen Abend ereignete sich im Stahlwerk Röchling-Buderus ein schwerer Unglücksfall, der einer fünf- köpfigen Familie den Ernährer raubte. Bei Reparaturarbeiten an einem Martinsofen begaben sich einige Maurer in den Abzugskanal. Dabei brach ein 13 Zentner schwerer eiserner Schieber herunter und verletzte den 43 Jahre alten Maurer Konrad Hofmann aus Albshausen (Kreis Wetzlar) tödlich. Der Mann hinterläßt drei unmündige Kinder.
Unglücklicher Sturz.
WSN. Alzey, 27. Dez. Der 30 Jahre alte jung- verheiratete Pfandmeister Friedrich Haber hatte im Januar d. I. bei einem Landwirt in Ober- Flörsheim rückständige Steuern einzukassieren. Als ihn der Landwirt bedrohte, stürzte Haber die Treppe hinab und zog sich dabei einen Lungenriß zu, an dessen Folgen er jetzt in der Gießener Klinik gestorben ist.
Eingesandt.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Diesecker Stratzenbahnwünsche.
Wir Wiesecker freuen uns, daß die Erweiterung der Straßenbahn nach Wieseck so schnell nonftatten ging. Die Gießener Stadtverwaltung kann, nach der Besetzung der Wagen zu urteilen, mit der Wirtschaftlichkeit der neuen Linie zufrieden sein. Wie altem Reuen, so haften aber auch der Wiesecker Elektrischen noch mancherlei Mängel an, die sich sicherlich leicht beseitigen lassen werden. Die Bevölkerung von Wieseck ist mit der jetzigen Festigung der Haltestellen nicht zufrieden. Wie in Gießen, so sollte es auch in Wieseck sein, daß die Haltepunkte an den Straßenkreuzungen errichtet werden. Die erste Haltestelle ist nach diesem Gesichtspunkt festgelegt. Die nächste gehört demzufolge an die Ecke Graben- und Kornblumenstraße, wo vier Straßen Zusammentreffen, und wo vor allem den weit abgelegenen Einwohnern an der vorderen Marburgerstraße und dem neuen Viertel Gelegenheit zum Ein- und Aussteigen gegeben werden muß, sonst haben diese ja näher zum Friedhof. Weitere Haltestellen gehören an die Kreuzungen ber Ludwig- und Turnstraße. Bei Erfüllung dieser Wünsche wird der Abstand der Haltestellen nicht kleiner sein, als derjengie vom Markt zum Walltor in Gießen. — Obwohl man mit der Fahrpreisgestaltung im allgemeinen zufrieden ist, so ist es doch ein Widerspruch in sich selbst, daß die Kinderfahrkarte von Wieseck zum Marktplatz 15 Pfennig kostet, während die Erwachsenen nur 13 Pf. bezahlen. Entsprechend den Gießener Verhältnissen müßte die Kinder-Zehnerkarte für 75 Pf. zur Einführung gelangen. Die 10 Studenten von Wieseck warten auch auf die Einführung der Monatskarten. Mit der Erfüllung der berechtigten Wünsche soll nicht Sonderinteressen, sondern der Allgemeinheit gedient werden. Die Straßenbahn wird den Nutzen davon haben. rk., Wieseck.
Glatteisgefahr unb Stabfoerroalfung.
Wenn bei rasch wechselnder Wi'^runq und Temperatur Glatteis eintritt, bann ist das Passieren der Straßen und Gehsteig« stets eine Gefahr
für die Fußgänger. Dem Hebel kann notdürftig abgeholsen werden, wenn unmittelbar nach dem Eintritt des Glatteises Sand oder Asche gestreut wird. Die Hausbesitzer werden behördlich angehalten, bei Glatteis sofort zu streuen, andernfalls sie sich strafbar machen. Leider sieht sich aber die Stadtverwaltung nicht verpflichtet, ihrerseits auf den Straßen, Plätzen und Fahrbahnen das zu tun, was von den Hausbesitzern gefordert wird. Vielmehr wird, wenn am Abend Glatteis auftritt, am andern Morgen erst gegen 9 Uhr gestreut. Wer also zu früher Tageszeit seinem Berufe nachgehen muß (man denke auch einmal an Bäckerjungen und an den Milchmann!), be
findet sich in steter Gefahr, einen Unfall zu erleiden. Es wäre erfreulich, wenn die Stadtverwaltung bei künftigem Glatteis die in ihren Aufgabenbereich fallenden Straßen und Plätze, sowie Fahrbahnen früher als bisher mit ab- stumpfenden Mitteln bestreuen lassen würde. In diesem Zusammenhang sei auch daran erinnert, daß die Strahenverhältnisse am Wartweg noch sehr zu wünschen übrig lassen. H. H
Sprechstunden der Redaktion.
11 JO bi» 12J0 Uhr, 16 dis 17 Uhr. Samstag nachmittag geschlossen.
Geschichten aus alter Welt.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
Ein Drama im Flohzirkus.
g. Brüssel.
Die Juristen haben sich bislang viel zu wenig mit den verworrenen juristischen Verhältnissen im Flohzirkus befaßt. Es sieht ganz so aus, als ob dieser menschliche Erwerbszweig mit einem Sonder- gesetz bedacht werden müßte.
War da in einer belgischen Stadt ein Zirkusdirektor, dessen Personal aus einem jungen Mann bestand, der Manager, Dompteur usw. in einer Person war. Er sorgte für Unterbringung der Tierchen, ließ sie vor versammeltem Pubtekum ihr« Künste machen, kurz, er hatte sich ganz unb gar ihnen zu widmen. Der Direktor selbst saß an der Kasse und bch-ielt sich im übrigen noch eine Obliegenheit vor: er fütterte seine Stars. Dem Un- eing-eweihten sei gesagt, daß diese Fütterung auf besondere Art vor sich geht: die „Äünftter" werden auf den entblößten Arm des Nährvaters gefetzt, allroo sie sich nach Herzensluft oollsaugen dürfen. Es geschah nun, daß der Direktor eine Reise zu unternehmen hatte, währenddessen dem Manager und Dompteur die Geschäfte übertragen wurden. Es ging alles in Ordnung, und die Katastrophe trat erst ein, als die Fütterung der Tierchen beginnen sollte. Der junge Mann setzte sie pflichtgemäß auf seinen Avm, aber ails die Flöhe zu stechen begannen, machte er eine Reflexbewegung, die auch andere Menschen in ähnlichen Situationen zu machen pflegen. Und zwei Tote und drei Verwundete blieben auf ber Walstatt. Der Direktor entließ den Mörder fristlos, und dieser klagte auf Zah.ung des Gehalts. Und jetzt sollte bas Gericht entscheiden, ob Mord öder fahrlässige Tötung vorliege. Oder juristisch ausgedrückt: war der Kläger verpflichtet, die Tiere seines Direktors mit dem eigenen Blute zu nähren und hatte er infolgedessen stille- zuhalten, ober machte er nur von einem ererbten Menschenrecht Gebrauch, das schon bei Noah historisch nachgewiesen ist?
Das Gericht war außerstande, das Problem zu klären und hat frie Verhandlung bis zur Vernehmung von Sachverständigen ausgesetzt.
Der Tip für Columbus.
(v. Gss.) Madrid.
Bisher nahm man an, Columbus sei lediglich auf Grund eigenen Grübelns zu der Auffassung gekommen, es müsse sich jenseits des Ozeans Land befinden. Run weist aber der zur Zeit in Sevilla befindliche ehemalig« Direktor der portugiesischen Rationalbibliothek, Jaime Cortesao, nach, daß Columbus sein Wissen von anderer Seite bezogen habe. Auf Grund von Schriften, die man in To- cubo (Portugal) gefunden hat, steht demnach fest, daß' der Entdecker Amerikas von dem in Palos de la Frontera geborenen Spanier Pedro Vazquez über die tatsächliche Existenz eines anderen Festlandes jenseits des großen Wassers unterrichtet worden sei. Dieser Seemann stand lange Zeit in Diensten des portugiesischen Schiffseigners Diego de Teibe, mit dessen Caravelle er im Jahre 1452 eine Fahrt in die „Stockfischgewässer" unternahm, wobei er auf Grund der Strömungen und Winde das Vorhandensein von nahem Land feststellte, das er denn auch als erster betreten haben soll. Jedenfalls aber habe er über seine Entdeckung dem Columbus berichtet, der diese Erfahrungen sich bei seiner Amerikafahrt zunutze gemacht habe.
Kleiner Mann, was nun?
(r) Belgrad.
Armer Iwan Traikowitsch! Ein Biedermann, wie er im Buche steht, wohlhabend, kerngesund und sonniges Gemüt. Nur — ein wenig Nein geraten. Unb diese , Kleinigkeit" (im doppelten Sinne) macht ihn unglücklich, denn er bekommt keine Frau. Man höre unb staune: nicht einmal in der heutigen männerarmen Zeit!
Ein Meter zwanzig ist ja zugegebenerweise feine ansehnliche Größe für einen sozusagen ausgewachsenen Mann. Immerhin: Iwan ist „klein, aber oho" und verfügt über alle Tugenden, die einen Ehemann begehrenswert erscheinen lassen können. Das ist allgemein bekannt, denn der Heiratslustige ließ neulich in seinem Dörfchen folgendes austrommeln: ,Zch trinke nicht, ich spiele nicht Karten, ich bin häuslich, friedlich und lebenslustig und würde meine bessere Hälfte niemals verprügeln!"
Nichts zu machen; mit den vielen Körben, die Iwan im Lause der Zeit von den stolzen Dorf- schönen erhielt, könnte er einen schwungvollen Korbhandel beginnen. Die Mädels wol.en nun ein-, mal nicht, und der bedauernswürdige „kleine Mann" weiß nicht, was er nun beginnen soll ...
Lotterie der toten Pferde.
(k) Prag.
Rosinante war nicht mehr jung und nicht mehr schön, aber wenigstens noch am Leben, als sie ihr Herr zum Viehmarkt nach Trentschien führte. Infolge einer geschickten kleinen Einspritzung machte der Klepper jedoch einen geradezu jugend- frischen Eindruck und sollte runde 10 000 Kronen kosten. Vor dem Abschluß des Geschäftes geschah jedoch ein kleines Unglück: Rosinante war rücksichtslos genug, im ungünstigsten Augenblick das Zeitliche zu segnen. Ihr Herr war betrübt und nicht wenig erstaunt, daß ihm trotzdem ein Angebot gemacht wurde. Ein Biedermann erklärte sich bereit, ihm den toten Gaul für tausend Kronen abzukaufen.
Der neue Besitzer war beileibe kern Roß- schlächter. Dafür aber ein Schlaukopf. Er versammelte einige Interessenten um sich und verkündete: „Das prächtige Tier, meine Herren, das Sie soeben noch gesehen haben, gehört mir. Umständehalber bin rch gezwungen, die Stute weiterzugeben. Um meinen Verlust zu decken, schlage ich Ihnen eine kleine Pferdelotterie vor. Ein Los kostet nur 100 Kronen. Rie wiederkehrende Gelegenheit!"
Hundert Kronen für ein Pferd (rund 12 Mark) sind selbstverständlich ein Spottpreis. Und ein
Glücksspiel hat immer seine Reize. So kauften denn die Leute die Lose wie warme Brötchen: im Handumdrehen waren zehn verlauft.
Rach der feierlichen Verletzung begaben sich der Lotteriedireltor und der glückliche Preisträger in den Stall. Angesichts der toten Rosinante war der Gewinner gewillt, furchtbaren Krach zu schlagen.
„Immer mit der Ruhe", meinte der Lotterieeinnehmer. „Die Ratur ist stärker als wir. Rehmen Sie Dernui ft an, Mann; ich gebe Ihnen Ihre hundert Kronen wieder!"
Hundert Kronen sind immer noch sympathischer als ein „totes großes Los": der Mann ging seiner Wege. Der Erfinder der Pferdelotterie zog seine Bilanz (neunhundert Kronen Reingewinn) und fuhr zur nächsten Stadt, um die nächste tote Roö- nante aufzugabeln. Er bereiste in wenigen Jahren di« ganze Slowakei, bis ihm die Polizei endlich das Handwerk legte.
Der Kronprinz und die Photographen.
(K.B. —st.) Stockholm.
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sind meistens nicht besonders entzückt über die Prcsse- photographen. Eine Ausnahme hiervon bildet ber Kronprinz Gustav Adolf von Schweben, der schon oft für die Arbeit ber Pressephotographen freundliches Entgegenkommen und Verständnis gezeigt hat, diese Rücksichtnahme hat die Stockholmer Pressephotographen veranlaßt, dem schwedischen Kronprinzen ihren Dank auf irgendeine Art ab zustatten. In ihrem Klub wurde die Angelegenheit mehrmals erörtert und nun zum fünfzigsten Geburtstage des Kronprinzen diesem ein ebenso schönes wie originelles Geschenk gemacht. Nämlich ein feines, kostbar gebundenes Album mit ber kron- prinzlichen Chiffre in Gold. Das Album, zu dem jeder der Pressephotographen sein bestes Bild vom -schwedischen Kronprinzen beigetragen hat, beginnt mit dem Jahre 1905, als der Kronprinz von Schweden, damalig noch Prinz Gustav Adolf, die Prinzessin Margaret von Connaught heimführte unb endet mit einigen aktuellen Momentaufnahmen, die noch in diesem Herbst bei verschiedenen Gelegenheiten angefertigt worden find. Daß sich ber Kronprinz von Schweden über diese geschichtliche Bi'.der- beschreibung eines großen Teils seines Lebens sehr gefreut hat, bürste sicher sein.
Ein Paradies für Hausfrauen.
a. London.
Ein englischer Forscher ist kürzlich von einer langen Afrika-Expedition zurückgekehrt, unb er hat ein Paradies in der Gegend der Mondberge entdeckt. Denn hier ist, wenn man seinen Berichten glauben darf, die Gegend, wo man am billigsten auf der Erde leben kann. Und für welche Hausfrau würde das nicht bas Parpdies bedeuten!
Man höre und staune: ein fetter Hahn kostet 25 Pfennig, fünfzig Eier eine Mark. Eine Kuh Lann man für sechs Mark erstehen, einen großen Kord voll noch lebender Fische für eine Mark zwanzig. Allerdings gelten die Preise nur für den, der in europäischen Münzen zahlen kann, deren Wert die Eingeborenen einigermaßen zu überschätzen scheinen. Es gibt allerdings eine Valuta, die noch höher im Kurs steht, unb das sind — leere Konservenbüchsen. Für eine leere Blechbüchse waren die Eingeborenen zu jeder Arbeitsleistung bereit, sie waren noch begehrter als Geldmünzen.
Das Heinzelmännchen von Afrika.
(G. Z.) Windhuk.
Man muß einmal über ihn sprechen, den kleinen, glänzenden Heinzelmann Afrikas, der so selltzt- verständlich hierhergehört wie Sand, Dornen oder Löwen. Ich meine das „Benzintin". Wo mal Betriebsstoff für Autos drin war. Einige sagen b er Benzintin, es bleibt sich aber gleich, so oder so, sie brauchen ihn alle. Sie brauchen es alle, überall sieht man es zu hohen und niedrigen Zwecken verwandt, aber so vielseitig, daß man sich einfach fragt, was die Leute hier gemacht haben, als sie noch keine Tins hatten. Was es hier an Wasserbehältern, Misch-, Futter- unb Melkkübeln, Papierkörben, Hockern ober Toiletteneimern, Blumenkästen ober Kuchenformen gibt, ist genormt: es hat dieselbe Höhe, Breite und Länge, denn es ist alles einmal ein Tin gewesen.
Als mein Dampfer auf der Fahrt nach Südwest Walfischbucht ansteuerte, unb bie Passagiere an der Reeling stehend nach Land ausischauten, nahm plötzlich einer bas Glas von den Äugen und seufzte sichtlich erleichtert unb glücklich lächelnd: jetzt bin ich bald wieder zu Hause, ich habe schon «in Benzintin gesehen.
Jedem,, der Afrikas Boden betrat, ist bas Tin ein treuer Begleiter gewesen, vom ersten bis zum letzten Augenblick. Sei es im Haufe des Weißen ober im fernen Wilbresevvat, wo Elefant unb Nashorn noch heimisch sind. Ich traf dort auf eine Buich- mannsfamilie, die noch wie vor tausend Jahren mit Giftpfeilen ausgerüstet war. Aber ach, woraus saßen sie? Aus Benzintins natürlich.
In dem kleineren Bruder des großen Tins kann man den englischen Kastenkuchen backen, unb wer musikalisch ist, befestigt ein Holzbrettchen daran, spannt Drähe darüber, und fertig ist der Wimmerschinken. Wer Brot backen will, nimmt ein großes Tin, schneidet es der Länge nach durch und hat zwei großartige Brotformen. Entfernt man den oberen Deckel, so hat man einen Eimer, schneidet man es in ber Mitte durch, hat man zwei B.umeu- kübel. Nimmt man den Deckel fort und durchlocht die Seitenwände, ist's ein Ofen. Ein Fallnest für Hühner daraus zu machen, erfordert allerdings schon etwas mehr Geschicklichkeit. Gänzlich ausein- andergeschnitten unb plattgeklopft ist es ein Dach- schinbel. ben der Eingeborene lieber als seinen unzuverlässigen, trabltionellen Kuhmist verwenbet.
Was aus der Urform des Tins hervorgehen kann, läßt sich nur in dicken Büchern niederlegen. Für Afrika ist es es jedenfalls epochemachend gewesen unb unentbehrlich geworden.


