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27/12/1932 Erstes Blatt
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Silvesterbräuche.

CEieber sind wir in wenigen Tagen an der Grenze eines neuen Jahres angelangt. Der Schrankenwärter JanoS zwingt uns. seinem Dop­pelgesicht zu folgen: Rückwärts und vorwärts schauen die ewig gleichbleibenden Gesichter des alten Zeitgottes, den Menschenschicksale unbe­rührt lassen. Rückwärts können auch wir sterb­liche Menschen schauen, können in Gedanken noch einmal all die Zeiten durchleben und unser Han­deln von der Warte des Gewesenen aus betrach­ten. Doch vorwärts werden wir nur schrittweise sehend, löst die Zukunft die Gegenwart minuten­weise ab, um dann als Vergangenheit klar sicht­bar vor uns zu sein.Schau auf die Vergangen­heit, und werde aus ihr weise für die Zukunft", das ist es, was uns der Doppelkopf des griechi- scheu Gottes sagen will.

Wenn am letzten Abend im Jahre die Mitter­nachtsstunde sich nähert, dann beginnen die Vor­bereitungen für das Bleigiehen. Pantoffelwerfen, Spiegelfchouen, Wasserschöpfen und wie die Bräuche, die uns aus Urvätertagen vererbt wur­den, alle heißen. Wieviel erhitzte Mädchenköpfe beugen sich über die Figuren, die sie im Becken fanden, in das sie das geschmolzene Blei fallen liehen, um aus dem krausen Gebilde etwas her­auszulesen. Lind wer hätte es nicht schon einmal wissen mögen, ob er im nächsten Jahre im alten Heim bleibt, oder die Wohnung wechselt? Das Pantoffelwersen gibt die Antwort auf diese Frage: liegt der Pantoffel, der fitzend mit dem Fuß über Len Kopf geworfen werden must, mit der Spitze nach der Tür zu, dann ist es un­bestritten, dast des Bleibens in den alten Räumen nicht mehr lange ist. Manch einer sitzt vor dem Spiegel um Mitternacht und schaut hinein, bis er ein ander Gesicht sieht, als das seine; am liebsten wird die Liebe darin gesucht, doch soll es auch vorgekommen sein, dast ein Totenkopf herausguckte, was den Tod des Wissensdurstigen bedeutete. Wo noch auf dem Hofe ein alter Röhrenbrunnen steht, da gehen wohl auch die Mägdlein und sehen, ob sie das Bild des Liebsten darin finden und ob es der ist, von dem sie träumen; während andere aus dem Brunnen Wasser schöpfen, das alle Krankheiten heilen soll.

Treiben bei all diesen Bräuchen die Phantasie und Leichtgläubigkeit manchmal auch ein wenig gar zu üppige Blüten, so ist doch alles im Rahmen von Familiensinn und Geselligkeitsfreude eingeordnet. Man braucht kein Verschwender und Leichtfust zu sein, um mit seinen Lieben beim Glockenklang der Mitternacht auf ein »frohes neues Jahr" anzustvßen. Es fühlt jeder dem anderen wesensverwandt das Leid und die Freude, die das vergangene Jahr ihnen gebracht hat; und gibt von Herzen dem Gedanken Raum: sich gegenseitig weiter gu stützen für die kommen­den Jahre, die ihm vom Geschick beschieden sind. M. C.

Sparen auch im neuen Jahre!

Das Jahr 1932 geht zu End«. Jeder wirt­schaftlich denkende Mensch wendet am Schluss« des Jahres seine Blicke rückwärts und legt vor sich selbst Rechenschaft ab, ob das Jahr als Er­folg für ihn zu buchen war, oder ob er wirt­schaftlich stehengeblieben ist, wo er am Anfang des Jahres stand, oder ob er gar rückwärts ge­wirtschaftet hat. So lenken auch bi« Sparer am Jahresende ihre Blicke auf den Verlauf des verflossenen Jahres. Wenn auch manche von ihnen keine Reueinlagen machen konnten, so ha­ben sie trotzdem nicht umsonst gewirtschaftet, denn die Zinsen werden ihrem Sparkapitäl am Jahres­ende zugcschrieben.

Diese Tatsache sollt« alt und jung eine An­regung sein, jeden entbohrlichen Pfennig nicht unnütz zu Hause liegen zu lassen, sondern ihn zur Sparkasse zu bringen. Wer darauf wartet, bis er große Beträge beisammen hat, wird es nie zu einem Sparbuch bringen. Demjenigen aber, der jeden entbehrlichen Pfennig zur Sparkasse bringt, wird der Erfolg beschieden sein. Der Sparer selbst hat vom Sparen nicht nur Ruhen, indem er Zinsen erhält, sondern die gesamte deutsche Wirtschaft würde belebt werden, wenn die über 1 Milliarde Geld, das noch ungenützt zu Hause liegt, bei den Ka'sen «ingezahlt würde. Mehrere M.llionen Arbeitslose würden Beschäf­tigung finden unb durch ihr« Kaufkraft den Ge­schäftsleuten und Handwerkern neuen Verdienst bringen.

Das Sparen ist wert, nicht nur des Sparers, sondern auch des ganzen deutschen Volkes wegen gefördert und gepflegt zu werden. Darum als Wunsch zum neuen Jahre: Wer Geld hat, das er nicht gleich benötigt, bringe es zur Kasse!

Daren für Mittwoch, 28. Dczemvcr.

1908: Großes Erdbeben in Unteritalien und Si­zilien, Zerstörung der Städte Messina und Reggio; 1923: der französische Ingenieur Alexander Griffel, Erbauer des Eiffelturms, in Paris gestorben.

** Ein unerhörter Rowdhstr ei ch hat dem Eisverein, wie man uns mitteilt, während der Weihnachtsseiertage empfindlichen Schaden zugefügt. Die Täter haben an dem erst kürzlich der Allgemeinheit übergebenen neuen Eishaus fünf Fensterscheiben eingeschlagen, die auf einem Porzellanfuß stehende Lampe am Eingang samt dem Fuß zertrümmert, vier hochkerzige Lampen auf der Eisbahn zerstört und die Eisbahn mit Erde und Asche bestreut. Es ist bedauerlich, daß eine der Allgemeinheit dienende Einrichtung in solcher Weis« durch die Zerstörungslust von Rü­peln beeinträchtigt wird. Hoffentlich gelingt es der Polizei, die Täter zu ermitteln, damit sie für ihre Schandtat die verdiente strenge Strafe er­halten.

' Weihnachtsfeier im VfB. Der Ver­ein für Bewegungsspiele hatte seine Mitglieder zu einer Weihnachtsfeier im engen Kreis« der Vereinsangehörigen in das Vereinsheim ern- geladen. Der Feier ging ein kurzes Gedenken an die Gefallenen des Weltkrieges im kleinen Chrenhain auf dem Waldsportplah voraus, das unter dem Glanze zweier mit brennenden Ker­zen geschmückten Fichten stattfand und einen wür­digen Verlauf nahm. Der 1. Vorsitzende, Herr Overbeck, hielt eine kurze Ansprache. Er ge­dacht« der Toten des Vereins, tarn sodann auf die Gegenwart und auf die jetzige Generation zu sprechen, um hierauf mit kurzen Worten über ten Sinn des Weihnachtsfestes seine Ansprache zu beschließen. Anschließend fand im DereinsHeim in freundschaftlicher Gemeinsamkeit di« Fei«r des Weihnachtsfestes statt. Bei gemeinsam gesunge­nen Liedern, bei Musik und mancherlei Unter­

haltung vergingen bi« Stunden im Fluge. Ein« große Tombola ließ manchen mit billig gewon­nenem Geschenk nach Haufe gehen. Im Laufe des Abends fand ein« Ehrung eines verdienten Mit­gliedes statt, über die wir im Sportteil näher berichten. Zur allgemeinen Genugtuung konnte ferner mitgeteilt werden, daß zwei Mitglieder, die dem Verein längere Zeit fern sein muhten, wieder in den Witgliederkreis aufgenommen wer­den konnten.

Amtsgericht Gießen.

Aufsehen erregte am Rachmittag des 23. April ein Vorfall in der Reustadt, dem erst jetzt nach langwieriger Untersuchung ein gerichtliches Rach- spiel folgte. Dort hatte ein Wann in erregter Stimmung ein Ladengeschäft verlassen, als er von einem draußen wartenden Autofahrer fest- gehalten und erst wieder freigelassen wurde, als er Vorübergehende um Beistand anging. Er eilte dann nach der Stadt zu, verfolgt von zwei aus dem nämlichen Ladengeschäft gekommenen Män­nern, die ihn, nachdem sie ihn erreicht hatten, wider seinen Willen in die Mitte nahmeiu Sie sprachen und gestikulierten lebhaft auf ihn ein und suchten ihm fortgesetzt «in Schriftstück, das er bei sich trug, mit Gewalt zu entreißen, aber Der- gebens. Das Auto, das an dem Geschäft gehal­ten hatte, fuhr im gleichen Tempo nach. Als sie auf dem Kirchplatz angekommen waren und dort ein Polizeibeamter sichtbar wurde, sprangen beide sofort in das Auto und fuhren auf unb davon. Der Zurückgebliebene war ein Zollbeamter, der polizeiliche Hilfe suchte, und das Schriftstück war ein Wandergewerleschein. Elfterer hatte die bei­den Männer überrascht, als sie in Gießen, ohne dazu legitimiert zu fein, ein umfangreiches Hau­siergewerbe betrieben. Er traf sie in dem Laden­geschäft gerade an, als von ihnen den Laden- inhabern Stoffe, die sie in dem Auto mitgebracht hatten, zum Kauf angeboten wurden. Der Zoll­beamte verlangte, nachdem er sich als solcher aus- gewiesen hatte, Vorlage des Wandcrgewerbe- scheins. Qtber nur einer hatte diesen Schein bei sich, und dieser war ungültig. Er erklärte dar­aufhin den Schein unb die angebotenen Stoffe für beschlagnahmt. Beide protestierten; der eine legte sich quer über seinen Warenkoffer und ließ nie­manden heran; der andere suchte den Wander­gewerbeschein mit Gewalt wieder an sich zu brin­gen. Schließlich blieb dem Zollbeamten nichts an­deres übrig, als den Laden zu verlassen und sich nach polizeilicher Hilfe umzusehen. Draußen lief er zunächst dem dritten Komplizen in die Hände. Was weiter geschah, ist oben gesagt worden. Das Gericht erblickte in dem Verhalten der drei An­geklagten einen Widerstand gegen die Staats­gewalt in Sachen des 8 113 des StGB. Unter Annahme mildernder Umstände, di« vorwiegend darin gefunden wurden, daß sie sich plötzlich jeben Verdienstes beraubt saßen, unb darüber sich in maßloser Erregung befanden, erhielten sie j e 5 0 Mark Geldstrafe, die im Uneinbringlichkeits­fall mit je zehn Tagen Gefängnis zu verbüßen sind.

Tödlicher Unfall im Stahlwerk Röchling-Buderus.

WSR. W« tz l a r , 27. Dez. Am Heiligen Abend ereignete sich im Stahlwerk Röchling-Buderus ein schwerer Unglücksfall, der einer fünf- köpfigen Familie den Ernährer raubte. Bei Re­paraturarbeiten an einem Martinsofen begaben sich einige Maurer in den Abzugskanal. Dabei brach ein 13 Zentner schwerer eiserner Schieber herunter und verletzte den 43 Jahre alten Mau­rer Konrad Hofmann aus Albshausen (Kreis Wetzlar) tödlich. Der Mann hinterläßt drei unmündige Kinder.

Unglücklicher Sturz.

WSN. Alzey, 27. Dez. Der 30 Jahre alte jung- verheiratete Pfandmeister Friedrich Haber hatte im Januar d. I. bei einem Landwirt in Ober- Flörsheim rückständige Steuern einzu­kassieren. Als ihn der Landwirt bedrohte, stürzte Haber die Treppe hinab und zog sich dabei einen Lungenriß zu, an dessen Folgen er jetzt in der Gießener Klinik gestorben ist.

Eingesandt.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Diesecker Stratzenbahnwünsche.

Wir Wiesecker freuen uns, daß die Erweiterung der Straßenbahn nach Wieseck so schnell nonftatten ging. Die Gießener Stadtverwaltung kann, nach der Besetzung der Wagen zu urteilen, mit der Wirtschaftlichkeit der neuen Linie zufrieden sein. Wie altem Reuen, so haften aber auch der Wiesecker Elektrischen noch mancherlei Mängel an, die sich sicherlich leicht beseitigen lassen werden. Die Be­völkerung von Wieseck ist mit der jetzigen Fest­igung der Haltestellen nicht zufrieden. Wie in Gießen, so sollte es auch in Wieseck sein, daß die Haltepunkte an den Straßenkreuzungen errichtet werden. Die erste Haltestelle ist nach diesem Ge­sichtspunkt festgelegt. Die nächste gehört demzufolge an die Ecke Graben- und Kornblumenstraße, wo vier Straßen Zusammentreffen, und wo vor allem den weit abgelegenen Einwohnern an der vorderen Marburgerstraße und dem neuen Viertel Gelegen­heit zum Ein- und Aussteigen gegeben werden muß, sonst haben diese ja näher zum Friedhof. Weitere Haltestellen gehören an die Kreuzungen ber Ludwig- und Turnstraße. Bei Erfüllung dieser Wünsche wird der Abstand der Haltestellen nicht kleiner sein, als derjengie vom Markt zum Walltor in Gießen. Obwohl man mit der Fahrpreisgestal­tung im allgemeinen zufrieden ist, so ist es doch ein Widerspruch in sich selbst, daß die Kinderfahr­karte von Wieseck zum Marktplatz 15 Pfennig kostet, während die Erwachsenen nur 13 Pf. be­zahlen. Entsprechend den Gießener Verhältnissen müßte die Kinder-Zehnerkarte für 75 Pf. zur Einführung gelangen. Die 10 Studenten von Wie­seck warten auch auf die Einführung der Monatskar­ten. Mit der Erfüllung der berechtigten Wünsche soll nicht Sonderinteressen, sondern der Allgemein­heit gedient werden. Die Straßenbahn wird den Nutzen davon haben. rk., Wieseck.

Glatteisgefahr unb Stabfoerroalfung.

Wenn bei rasch wechselnder Wi'^runq und Temperatur Glatteis eintritt, bann ist das Passie­ren der Straßen und Gehsteig« stets eine Gefahr

für die Fußgänger. Dem Hebel kann notdürftig abgeholsen werden, wenn unmittelbar nach dem Eintritt des Glatteises Sand oder Asche gestreut wird. Die Hausbesitzer werden behördlich an­gehalten, bei Glatteis sofort zu streuen, andern­falls sie sich strafbar machen. Leider sieht sich aber die Stadtverwaltung nicht verpflichtet, ihrer­seits auf den Straßen, Plätzen und Fahrbahnen das zu tun, was von den Hausbesitzern gefordert wird. Vielmehr wird, wenn am Abend Glatteis auftritt, am andern Morgen erst gegen 9 Uhr gestreut. Wer also zu früher Tageszeit seinem Berufe nachgehen muß (man denke auch einmal an Bäckerjungen und an den Milchmann!), be­

findet sich in steter Gefahr, einen Unfall zu er­leiden. Es wäre erfreulich, wenn die Stadtver­waltung bei künftigem Glatteis die in ihren Aufgabenbereich fallenden Straßen und Plätze, sowie Fahrbahnen früher als bisher mit ab- stumpfenden Mitteln bestreuen lassen würde. In diesem Zusammenhang sei auch daran erinnert, daß die Strahenverhältnisse am Wartweg noch sehr zu wünschen übrig lassen. H. H

Sprechstunden der Redaktion.

11 JO bi» 12J0 Uhr, 16 dis 17 Uhr. Samstag nachmittag geschlossen.

Geschichten aus alter Welt.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Ein Drama im Flohzirkus.

g. Brüssel.

Die Juristen haben sich bislang viel zu wenig mit den verworrenen juristischen Verhältnissen im Flohzirkus befaßt. Es sieht ganz so aus, als ob dieser menschliche Erwerbszweig mit einem Sonder- gesetz bedacht werden müßte.

War da in einer belgischen Stadt ein Zirkus­direktor, dessen Personal aus einem jungen Mann bestand, der Manager, Dompteur usw. in einer Person war. Er sorgte für Unterbringung der Tier­chen, ließ sie vor versammeltem Pubtekum ihr« Künste machen, kurz, er hatte sich ganz unb gar ihnen zu widmen. Der Direktor selbst saß an der Kasse und bch-ielt sich im übrigen noch eine Ob­liegenheit vor: er fütterte seine Stars. Dem Un- eing-eweihten sei gesagt, daß diese Fütterung auf besondere Art vor sich geht: dieÄünftter" wer­den auf den entblößten Arm des Nährvaters ge­fetzt, allroo sie sich nach Herzensluft oollsaugen dür­fen. Es geschah nun, daß der Direktor eine Reise zu unternehmen hatte, währenddessen dem Mana­ger und Dompteur die Geschäfte übertragen wur­den. Es ging alles in Ordnung, und die Kata­strophe trat erst ein, als die Fütterung der Tierchen beginnen sollte. Der junge Mann setzte sie pflichtge­mäß auf seinen Avm, aber ails die Flöhe zu stechen begannen, machte er eine Reflexbewegung, die auch andere Menschen in ähnlichen Situationen zu machen pflegen. Und zwei Tote und drei Verwun­dete blieben auf ber Walstatt. Der Direktor entließ den Mörder fristlos, und dieser klagte auf Zah.ung des Gehalts. Und jetzt sollte bas Gericht entschei­den, ob Mord öder fahrlässige Tötung vorliege. Oder juristisch ausgedrückt: war der Kläger ver­pflichtet, die Tiere seines Direktors mit dem eigenen Blute zu nähren und hatte er infolgedessen stille- zuhalten, ober machte er nur von einem ererbten Menschenrecht Gebrauch, das schon bei Noah histo­risch nachgewiesen ist?

Das Gericht war außerstande, das Problem zu klären und hat frie Verhandlung bis zur Verneh­mung von Sachverständigen ausgesetzt.

Der Tip für Columbus.

(v. Gss.) Madrid.

Bisher nahm man an, Columbus sei lediglich auf Grund eigenen Grübelns zu der Auffassung gekommen, es müsse sich jenseits des Ozeans Land befinden. Run weist aber der zur Zeit in Sevilla befindliche ehemalig« Direktor der portugiesischen Rationalbibliothek, Jaime Cortesao, nach, daß Co­lumbus sein Wissen von anderer Seite bezogen habe. Auf Grund von Schriften, die man in To- cubo (Portugal) gefunden hat, steht demnach fest, daß' der Entdecker Amerikas von dem in Palos de la Frontera geborenen Spanier Pedro Vazquez über die tatsächliche Existenz eines anderen Fest­landes jenseits des großen Wassers unterrichtet worden sei. Dieser Seemann stand lange Zeit in Diensten des portugiesischen Schiffseigners Diego de Teibe, mit dessen Caravelle er im Jahre 1452 eine Fahrt in dieStockfischgewässer" unternahm, wobei er auf Grund der Strömungen und Winde das Vorhandensein von nahem Land feststellte, das er denn auch als erster betreten haben soll. Jeden­falls aber habe er über seine Entdeckung dem Columbus berichtet, der diese Erfahrungen sich bei seiner Amerikafahrt zunutze gemacht habe.

Kleiner Mann, was nun?

(r) Belgrad.

Armer Iwan Traikowitsch! Ein Biedermann, wie er im Buche steht, wohlhabend, kerngesund und son­niges Gemüt. Nur ein wenig Nein geraten. Unb diese , Kleinigkeit" (im doppelten Sinne) macht ihn unglücklich, denn er bekommt keine Frau. Man höre unb staune: nicht einmal in der heutigen männerarmen Zeit!

Ein Meter zwanzig ist ja zugegebenerweise feine ansehnliche Größe für einen sozusagen ausgewachse­nen Mann. Immerhin: Iwan istklein, aber oho" und verfügt über alle Tugenden, die einen Ehe­mann begehrenswert erscheinen lassen können. Das ist allgemein bekannt, denn der Heiratslustige ließ neulich in seinem Dörfchen folgendes austrommeln: ,Zch trinke nicht, ich spiele nicht Karten, ich bin häuslich, friedlich und lebenslustig und würde meine bessere Hälfte niemals verprügeln!"

Nichts zu machen; mit den vielen Körben, die Iwan im Lause der Zeit von den stolzen Dorf- schönen erhielt, könnte er einen schwungvollen Korbhandel beginnen. Die Mädels wol.en nun ein-, mal nicht, und der bedauernswürdigekleine Mann" weiß nicht, was er nun beginnen soll ...

Lotterie der toten Pferde.

(k) Prag.

Rosinante war nicht mehr jung und nicht mehr schön, aber wenigstens noch am Leben, als sie ihr Herr zum Viehmarkt nach Trentschien führte. Infolge einer geschickten kleinen Einspritzung machte der Klepper jedoch einen geradezu jugend- frischen Eindruck und sollte runde 10 000 Kronen kosten. Vor dem Abschluß des Geschäftes geschah jedoch ein kleines Unglück: Rosinante war rück­sichtslos genug, im ungünstigsten Augenblick das Zeitliche zu segnen. Ihr Herr war betrübt und nicht wenig erstaunt, daß ihm trotzdem ein An­gebot gemacht wurde. Ein Biedermann erklärte sich bereit, ihm den toten Gaul für tausend Kro­nen abzukaufen.

Der neue Besitzer war beileibe kern Roß- schlächter. Dafür aber ein Schlaukopf. Er versam­melte einige Interessenten um sich und verkün­dete:Das prächtige Tier, meine Herren, das Sie soeben noch gesehen haben, gehört mir. Um­ständehalber bin rch gezwungen, die Stute weiter­zugeben. Um meinen Verlust zu decken, schlage ich Ihnen eine kleine Pferdelotterie vor. Ein Los kostet nur 100 Kronen. Rie wiederkehrende Ge­legenheit!"

Hundert Kronen für ein Pferd (rund 12 Mark) sind selbstverständlich ein Spottpreis. Und ein

Glücksspiel hat immer seine Reize. So kauften denn die Leute die Lose wie warme Brötchen: im Handumdrehen waren zehn verlauft.

Rach der feierlichen Verletzung begaben sich der Lotteriedireltor und der glückliche Preisträger in den Stall. Angesichts der toten Rosinante war der Gewinner gewillt, furchtbaren Krach zu schlagen.

Immer mit der Ruhe", meinte der Lotterie­einnehmer.Die Ratur ist stärker als wir. Reh­men Sie Dernui ft an, Mann; ich gebe Ihnen Ihre hundert Kronen wieder!"

Hundert Kronen sind immer noch sympathischer als eintotes großes Los": der Mann ging seiner Wege. Der Erfinder der Pferdelotterie zog seine Bilanz (neunhundert Kronen Reingewinn) und fuhr zur nächsten Stadt, um die nächste tote Roö- nante aufzugabeln. Er bereiste in wenigen Jah­ren di« ganze Slowakei, bis ihm die Polizei end­lich das Handwerk legte.

Der Kronprinz und die Photographen.

(K.B.st.) Stockholm.

Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sind meistens nicht besonders entzückt über die Prcsse- photographen. Eine Ausnahme hiervon bildet ber Kronprinz Gustav Adolf von Schweben, der schon oft für die Arbeit ber Pressephotographen freund­liches Entgegenkommen und Verständnis gezeigt hat, diese Rücksichtnahme hat die Stockholmer Pressephotographen veranlaßt, dem schwedischen Kronprinzen ihren Dank auf irgendeine Art ab zu­statten. In ihrem Klub wurde die Angelegenheit mehrmals erörtert und nun zum fünfzigsten Ge­burtstage des Kronprinzen diesem ein ebenso schö­nes wie originelles Geschenk gemacht. Nämlich ein feines, kostbar gebundenes Album mit ber kron- prinzlichen Chiffre in Gold. Das Album, zu dem jeder der Pressephotographen sein bestes Bild vom -schwedischen Kronprinzen beigetragen hat, beginnt mit dem Jahre 1905, als der Kronprinz von Schwe­den, damalig noch Prinz Gustav Adolf, die Prin­zessin Margaret von Connaught heimführte unb endet mit einigen aktuellen Momentaufnahmen, die noch in diesem Herbst bei verschiedenen Gelegen­heiten angefertigt worden find. Daß sich ber Kron­prinz von Schweden über diese geschichtliche Bi'.der- beschreibung eines großen Teils seines Lebens sehr gefreut hat, bürste sicher sein.

Ein Paradies für Hausfrauen.

a. London.

Ein englischer Forscher ist kürzlich von einer langen Afrika-Expedition zurückgekehrt, unb er hat ein Paradies in der Gegend der Mondberge ent­deckt. Denn hier ist, wenn man seinen Berichten glauben darf, die Gegend, wo man am billigsten auf der Erde leben kann. Und für welche Haus­frau würde das nicht bas Parpdies bedeuten!

Man höre und staune: ein fetter Hahn kostet 25 Pfennig, fünfzig Eier eine Mark. Eine Kuh Lann man für sechs Mark erstehen, einen großen Kord voll noch lebender Fische für eine Mark zwanzig. Allerdings gelten die Preise nur für den, der in europäischen Münzen zahlen kann, deren Wert die Eingeborenen einigermaßen zu überschätzen scheinen. Es gibt allerdings eine Valuta, die noch höher im Kurs steht, unb das sind leere Konservenbüchsen. Für eine leere Blechbüchse waren die Eingeborenen zu jeder Arbeitsleistung bereit, sie waren noch be­gehrter als Geldmünzen.

Das Heinzelmännchen von Afrika.

(G. Z.) Windhuk.

Man muß einmal über ihn sprechen, den kleinen, glänzenden Heinzelmann Afrikas, der so selltzt- verständlich hierhergehört wie Sand, Dornen oder Löwen. Ich meine dasBenzintin". Wo mal Be­triebsstoff für Autos drin war. Einige sagen b er Benzintin, es bleibt sich aber gleich, so oder so, sie brauchen ihn alle. Sie brauchen es alle, überall sieht man es zu hohen und niedrigen Zwecken ver­wandt, aber so vielseitig, daß man sich einfach fragt, was die Leute hier gemacht haben, als sie noch keine Tins hatten. Was es hier an Wasserbe­hältern, Misch-, Futter- unb Melkkübeln, Papier­körben, Hockern ober Toiletteneimern, Blumenkästen ober Kuchenformen gibt, ist genormt: es hat die­selbe Höhe, Breite und Länge, denn es ist alles einmal ein Tin gewesen.

Als mein Dampfer auf der Fahrt nach Südwest Walfischbucht ansteuerte, unb bie Passagiere an der Reeling stehend nach Land ausischauten, nahm plötz­lich einer bas Glas von den Äugen und seufzte sichtlich erleichtert unb glücklich lächelnd: jetzt bin ich bald wieder zu Hause, ich habe schon «in Ben­zintin gesehen.

Jedem,, der Afrikas Boden betrat, ist bas Tin ein treuer Begleiter gewesen, vom ersten bis zum letz­ten Augenblick. Sei es im Haufe des Weißen ober im fernen Wilbresevvat, wo Elefant unb Nashorn noch heimisch sind. Ich traf dort auf eine Buich- mannsfamilie, die noch wie vor tausend Jahren mit Giftpfeilen ausgerüstet war. Aber ach, woraus saßen sie? Aus Benzintins natürlich.

In dem kleineren Bruder des großen Tins kann man den englischen Kastenkuchen backen, unb wer musikalisch ist, befestigt ein Holzbrettchen daran, spannt Drähe darüber, und fertig ist der Wimmer­schinken. Wer Brot backen will, nimmt ein großes Tin, schneidet es der Länge nach durch und hat zwei großartige Brotformen. Entfernt man den oberen Deckel, so hat man einen Eimer, schneidet man es in ber Mitte durch, hat man zwei B.umeu- kübel. Nimmt man den Deckel fort und durchlocht die Seitenwände, ist's ein Ofen. Ein Fallnest für Hühner daraus zu machen, erfordert allerdings schon etwas mehr Geschicklichkeit. Gänzlich ausein- andergeschnitten unb plattgeklopft ist es ein Dach- schinbel. ben der Eingeborene lieber als seinen un­zuverlässigen, trabltionellen Kuhmist verwenbet.

Was aus der Urform des Tins hervorgehen kann, läßt sich nur in dicken Büchern niederlegen. Für Afrika ist es es jedenfalls epochemachend ge­wesen unb unentbehrlich geworden.