Ausgabe 
27.9.1932 Frühausgabe
 
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sich im japanisch-chinesischen Konflikt feit einem Jahr als ergebnislos. Selbst die innere Finanz­lage des Völkerbundes ist bedroht. Die Jahresbei­träge der Staaten gehen nicht mehr ein. In allen Abordnungskreisen herrscht, wie selbst die hiesige französische Presse zugeben muß, eine unge> wöhnlich gedrückte pessimistischeStim- mung. Der Glaube an den Völkerbund ist fast überall geschwunden. Der Völkerbund wird heute nur noch von den unmittelbar an diesem Machtinstru­ment interessierten Großmächten, England und Frankreich, gehalten. Diese Vollversammlung des Völkerbundes kann zu einem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte dieser großen zur Aufrechterhaltung des Versailler Zustandes ge|d)ap fenen Organisation werden. Die Epoche der D o I 1 = kerbundsdämmerung hat, wenn nicht alle Anzeichen trügen, begonnen.

De Saleras Eröffnungsrede.

Der Völkerbund mutz jetzt seine Da eins-

bcrechli^unq Nachweisen "

Der irische Ministerpräsident de Valero hielt als amtierender Ratspräsident in der Eröffnungs­sitzung eine Rede, die entgegen der Tradition zwei­fellos nicht vom Völkerbundsfekretariat stammt, son- dern seine eigene Auffassung wiederglbt. De Valera führte u.a. aus: Die bisherigen Ergeb­nisse auf der Abrüstungskonferenz sind weit unter dem geblieben, was sämtliche Völker erwartet haben. Der Völkerbund muß jetzt seine Daseinsbe­rechtigung nachweisen. Hierbei wird sich entweder seine Schwäche zeigen, die z u m end­gültigen Zusammenbruch führt oder eine Stärke, die zu n e ue mG la u b e n an ihn führt. Von allen Seiten häufen sich Kritiken, Verdacht, Klagen. Die Menschen fangen an, ungeduldig zu werden und fragen sich, ob die bisherigen mage­ren Ergebnisse des Völkerbundes fein Bestehen recht- fertigen. Kleine Staaten sollen eine bedeu­tungslose Rolle im Völkerbund spielen. Sie zweifeln, ob sich die Entsendung von Abordnungen nach Gens überhaupt noch lohnt. Der Zweifel wird überall laut, ob nicht der Völkerbund auf wirtschaftlichem Gebiet lediglich die Interessen der Großmächte verfolgt und ob der Völkerbund noch die Macht hat, die Einhaltung des Völker- bllndsvertraaes zu erzwingen. Der Völkerbund steht heute als Angeklagter auf der Anklagebank der öffentlichen Meinung. Die einzige Rettung für den Völkerbund ist der Nachweis, daß jede Macht die übernommenen Verpflich­tungen einhalten muß. An Stelle des Wett­rüstens muß die Sicherheit der nationalen Rechte gesetzt werden. Ein Erfolg der Abrüstungs­konferenz ist entscheidend für den gesamten Völkerbund. Ebenso lebenswichtig ist die Durchfüh­rung der wirtschaftlichen Aufgaben. 25 Millionen Arbeitslose verlangen, daß die Mächte endlich handeln. Der Zusammenbruch der gesamten Wirtschaft erfordert sofortige Taten. De Valera schioß in irländischer Sprache mit den Worten: Möge Gott uns in den uns gestellten Aufgaben helfen und möge er uns vor der Schwachheit be­wahren!"

politis zum Präsidenten gewählt.

Die Vollversammlung des Völkerbundes wählte in geheimer Abstimmung Len Pariser griechischen Gesandten P o l i t i s zum Präsidenten. Die Mahl war seit längerer Zeit von dev leitenden Döl- kerbundskreiscn sorgfältig vorbereitet worden, da Politis als Vertrauensmann des Quai d'Orsay zu der engeren Gruppe der einfluß­reichen Persönlichkeiten im Völkerbundssekretariat gehört. Politis eröffnete die Verhandlungen mit einer längeren, phrasenreichen Rede, in der er Len Nachweis zu erbringen suchte, daß die in Völkerbundkreiscn um sich greifende Panikstim­mung und die Voraussage des Zusammenbruches des Völkerbundes keineswegs den Tatsachen ent­sprächen und der Völkerbund fester denn^ je dastehe. Seine Ausführungen fanden nur kühle Ausnahme. Es ist beabsichtigt, die General- aussprache, die meistens eine Woche dauert, auf zwei Tage abzukürzen. Cs kann ange­nommen werden, daß von deutscher Seite dieses Jahr keine große Rede gehalten wird, da für

die deutsche Regierung keinerlei Veranlassung vor­liegt, sich eingehend mit den gesamten Volker- bundaufgaben zu befassen.

Herriot in Genf.

Kurze Besprechung mit Sir John Simon.

Genf, 26. Sept. (TU.) Ministerpräsident f) er­riet traf Montag erst kur; vor 21 Uhr im Kraft­wagen in Begleitung seines Kabinettschefs in Genf ein. fj erriete Ankunft war in französischen Kreisen mit Ungeduld erwartet worden, da der englische Außenminister Simon um 21.40 Uhr den Jlad)t- ;ug benutzen muhte. Gleich nach seinem (Eintreffen traf Simon bei der französischen Abordnung ein. Die Unterredung konnte infolge der Kürze der Zeit nur 20 Minuten dauern. Eilig verließ Simon das Hotel, herriot, der Simon trotz strömenden Re­gens an seinen Magen begleitete, erklärte sodann der ihn umringenden Presse, er habe für seinen Genfer Aufenthalt nach keinenPlan.er wisse auch noch nicht, ob er nach seinen verschiedenen großen Reden noch mit einer Rede in die Hauptaussprache der Vollversammlung eingreifen werde. Auf die Frage eines Journalisten, ob er den deutschen Außenminister sehen werde, hob herriot nur beschwörend die Hände gen Himmel und wandte sich wortlos um und eilte davon.

Italien ist im Bilde.

Rom, 26. Sept. (TU.) Unter dem Titel Waffen und Reden" geht G a y d a im halbamtlichenGiornale d'I t a l i a' mit 6er Rede Herriots ins Gericht. Er führt aus, daß nach den Aeußerungen des französischen Unter­staatssekretärs Dernier am 24. September ge­legentlich einer Inspektionsreise die französi­schen Befestigungen gegen Italien an der Alpengrenze unangreifbar feien. Rach den Worten desselben Unterstaatssekretärs seien auch die Verteidigungslinien im französischen Rordosten gegen die deutsche Grenze in ihrem Aufbau beendet und von der Erde aus unangreifbar. Das letzte ungeheure Bauprogramm des französischen Lu f t- s a h r t m i n i st e r i u m s. das 1097 Lufthäfen und einen Aufwand von 4,3 Milliarden Franken vor­sehe, mache Frankreich auch in der Lust sowohl in der Verteidigung wie für den An­griff vollkommen überlegen. Gahda weist dann die Verschleierung des fran­zösischen Heereshaushalts nach und stellt fest, daß die tatsächlichen Ausgaben für das Jahr 1931 bis 1932 nicht 11,6, sondern 19 Mil­liarden betragen und somit nach Goldwert die Heeresausgaben von 1913 um 4 4,8 Prozent übertreffen. Don einer Abrüstung, wie sie Herriot in seiner Rede betone, sei also nichts §u bemerken. Die Ziffern stünden im Gegen­satz zu den Worten, die Tatsachen zu den Theo­rien. Solange man unter Abrüstung dasselbe wie Frankreich verstehe, müsse man daran denken, daß in Genf umsonst gearbeitet werde und daß der Völkerbund, der für eine solche Ar­beit seinen Ramen hergebe, in eine immer gesährlichere Unklarheit versinke.

Die Ausgestaltung der Gteuergutscheine.

Die Spitzenverbände der Wirtschaft äußern weitergestende Wünsche.

B e r l i n, 26. Sept. (TU.) Der Zentralverband des Deutschen Bank- und Bankiergewerbes, der Deutsche Industrie- und .Handelstag, die Hauptgemeinschaft des Deutschen E i n z e l h a n - dels, der Reichsausschuß der Deutschen Land­wirtschaft, der Reichsverband des Deutschen Groß- und Ueberseehandels und der Reichsoerband der Deutschen I n d u st r i e haben an die Regierung folgendes Brieftelegramm gerichtet: Zahlreiche Aeußerungen aus unseren Kreisen lassen zunehmende ernste Sorge erkennen, ob die beab­sichtigte Ausgestaltung der Steuer gut- scheine ausreichen wird, um den Erfolg der Regie-

rungsmaßnahmen in volkswirtschaftlicher und psycho­logischer Hinsicht zu sichern. Wir bitten daher m letzter Stunde eindringlich, entsprechende von uns wiederholt vorgetragene Punkte zu berücksichtigen:

1 Einbeziehung der Einkommens- und K ö r p e r s ch a f t s st e u e r in den Kreis der­jenigen Steuerarten, die mit den S t e u e r g u t ° scheinen bezahlt werden können, ist unbedingt erforderlich. Zweck der Steuergutscheine ist in erster Linie, der Wirtschaft neueMittelzurMehr- einstellung von Arbeitern zu verschaffen. Der Kreis der am Erwerb dieser Scheine Inter­essierten muß daher möglichst a b w e i ch e n von dem Kreis der Gutscheinberechtigten. Die bisherige Rege­lung schließt auch einen großen Teil derjenigen Steuerpflichtigen, die Scheine erhalten, von der Der-

Wendung derselben zu Steuerzwecken aus. Es ist daher zu befürchten, daß hieraus ein ständiger Drang nach Veräußerung der Scheine entsteht, dem kein genügender Kreis von Interessenten gegenübersteht.

2. In psychologischer Hinsicht ist der Erfolg der Maßnahmen nur gewährleistet, wenn der E r w e r b und Besitz der Steuergutfcheine keinen An- laßzuneuenSteuerlei st ungen gibt. Rein steuerrechtliche Beurteilung dieser Frage muß zuruck- treten hinter der überragenden volkswirt­schaftlichen Wichtigkeit der von der Regierung verfolgten Ziele. Verwickelte steuerrechtliche Rege­lungen würden die psychologischen Bedenken gegen hen Erwerb von Gutscheinen nicht ausräumen.

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In brr 1. Allgemeinen Sitzung der Gesell­schaft Deutscher Raturforscher und Aerzte in Mainz stand das ThemaDer Rhein" zur Erörterung. Professor Dr. A. Phi" lippson (Bonn) führste in seinem VortragDer Rhein als Raturerscheinung" u.a. aus. Der Rhein ist ein Fluß von ausgesprochener Eigen­art. Aus der Zusammensetzung des Rheinlaufs, quer zur Richtung der Geländezonen, ergibt sich die reizvolle Mannigfaltigkeit seiner Landschas- ten. Dor allem verursacht die Zusammensetzung des Rheins aus Alpen- und Mittelgebirgswas­sern eine relativ gleichmäßige Wasserführung. Diese Eigenschaften bedingen die hervorragende Eignung des Rheins als Wasserstraße. Das sind die Eigenschaften, die in ihrem Zusammenspiel den Rhein vor den anderen Flüssen Europas aus­zeichnen und die wesentlichen Grundlagen seiner geschichtlichen, politischen und wirtschaftlichen Be­deutung sind. Professor Dr. W a h l e (Heidelberg) betonte in seinem Vortrag:Die Bedeutung der Rheinlande für die Entwicklung unserer Kennt­nis vom fossilen Menschen und seiner Kultur" u.a.: Iahrzehnte hindurch nimmt die deutsche Altsteinzeit-Forschung neben der französischen einen sehr bescheidenen Platz ein; es fehlen uns die zahlreichen Höhlen und die überhängenden Felsendächer der französischen Kalklandschaften.

Heber die wirtschaftliche Bedeutung des Rheins sprach Professor Dr. Küste, Köln. Der Rhein, so führte er u. a. aus, hat mit der Form, die er seinem Boden gab, sowie mit den von ihm ausstrahlenden Quer- und Längskräften stärker als irgend ein an­derer Wasserlauf der Erde die kulturelle und wirk- schastliche Gestalt seiner Uferländer beeinflußt. Prof. Dr. A. Brasch, Berlin, sprach dann über die Er­zeugung und Anwendung schneller Korpuskular­strahlen (Atomzertrümmerung).

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Die in Wiesbaden ab gehaltene erste Sitzung der medizinischen Hauptgruppe der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Aerzte stand zum größten Teil im Zeichen Robert Kochs. Eingedenk der vor 50 Jahren erfolgten Bekanntgabe der Entdeckung des Tuberkelbazillus leitete der Vorsitzende Professor Dr. Gottschlich, Heidelberg, die Sitzung mit einer Würdigung Kochs ein. Eine Ehrung Kochs war auch der Vortrag von Ministerialdirigent Professor Dr. Müsfeme ier, Berlin über den Milzbrand.

Professor Dr. Gruber, Götti-ngen, sprach WerDas Wesen der Krankheit". Gr führte da­bei u. a. aus: Pathologie umfaßt eine Fülle von Lobenserscheinungen, welche gegenüber dem ge­wöhnlichen Durchschnitt als gestört gelten müssen. Alle Anregelmäßigkeiten der Gestalt und der Lei­stungen seines Lebewesens fallen in das Feld der Pathologie. Der Anfang der Krankheit kann in irgendwelchen von außen kommenden Einflüssen liegen. Das Ende der Krankheit kann in einer Wiederherstellung der durchschnittlichen Leistungs­fähigkeit bestehen. Im ungünstigen Falle kann es auch sein, daß dieser Ausgleich nicht einitritt, und dann muß das Loben erlöschen. Durch die gemeinsame Arbeit des Pathologen und des Klinikers wird es möglich, mit allen Methoden naturwissenschaftlicher Forschung dem Wesen der Krankheit nachzuspüren.

Professor Dr. Friedenthal (Berlin) be­handelte das ThemaDlondheit und Albinis­mus bei Mensch und Tier", wobei er u. a. aus­führte: Dlondheit und Albinismus bezeichnen ver­schiedene Grade der Pigmentschwäche bei Mensch und Tier. Es gibt dreierlei Pigmente, in Haut- und Sinnesorganen, in den Fettsubstanzen und im Blut mit ganz verschiedenen, aber annähernd gleich wichtigen Funktionen für Gesundheit und Lebenskraft von Mensch und Tier. Dlondheit be­deutet Fehlen der Rotkomponente und der Schwarzkomponente. Dlondheit bedeutet Schwäche der Hautpigmente und geht bei Mensch und Tier ganz allmählich in Albinismus über. Der Aeber- gang folgt bei Mensch und Tier den gleichen Erb- gesetzen.

Aus alter Welt.

21. Verbandslag

des Verbandes der Postbeamtinnen in Bremen.

In Bremen fand der 21. Verbandstag des Verbandes der deutschen Reichs- Post- und Telegraphenbeamtinnen statt, der 34 000 Mitglieder umfaßt. Im Mittel­punkt der Tagung stand ein Vortrag der l.Der- bandsvorsihenden Frau Else Kolshorn über Sie gegenwärtige Derufslage der weiblichen Be­amten der Deutschen Reichspost und ihres Laus- bahnnachwuchses. Die Berufslage dieser großen Beamtinnengruppe ist in Mitleidenschaft gezo­gen von der schweren deutschen Wirtschafts- und Finanzkrise. Diese Zusammenhänge, die die Red­nerin in großen Zügen darlegte, finden ihr Spie­gelbild in der Lage der Deutschen Reichspost, und hier vor allem in den Haupttätigkeitsgebieten des weiblichen Personals: dem Fernsprech-, Tele­graphen- und Postscheckdienst. Der Derkehrsrück- gang, das Defizit der Post, der Zwang zu Spar­maßnahmen, wirken sich in Einschränkungen im Dienst aus. Hinzu kommen die personalpolitischen Schwierigkeiten infolge fortschreitender Technisie­rung. Schwer betroffen ist das weibliche Personal auch durch die mehrfachen Gehaltskürzungen und die allgemeinen Einschränkungen als Folge der Rotverordnungen. Gegenüber der ost vertretenen Stimmung gegen die beamteten Frauen wurde be­tont: die Frau schafft in verantwortlicher De- amtentätigfeit und im schweren Betriebsdienst un­entbehrliche Werte für die Volksgesamtheit. Der Verband, der auf parteipolitisch neutraler Grund­lage arbeitet, erstrebt Erleichterungen der wirt­schaftlichen Lage seiner Mitglieder, vor allem Si­cherung des Arbeitsplatzes in den Tätigkeitsgebie­ten, in denen die Beamtinnen sich seit Iahrzehn- ten bewährt haben; Verteidigung dieser Arbeits­gebiete gegen die Bedrohung durch die Maschine und durch das Eindringen männlichen Personals aus anderen Betriebszweigen der Verwaltung. Für den Rachwuchs wünscht man beamtenrechtliche Sicherungen und Aebernahme ins Beamtenver­hältnis. Die st andespolitische Arbeit des Ver­bandes erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Bund deutscher Frauenvereine, der Reichspostarbeits­gemeinschaft und dem Deutschen Dearntenbund. Die Verbandsforderungen fanden eingehende Er­örterung in Fachbesprechungen unter der Leitung der 2. Verbandsvorsitzenden Frau Glse Fisch. Ihnen lag eine Fülle von Anträgen zugrunde.

fommertagen dunkelt. Von der Stadt her dämmerte die rosige Verzauberung elektrischer Reflexe. Fahl erlosch der Platz. Schwerfällig torkelten die letzten Ottos" in die Schuvpen, rechts ein Begleitmann, links ein zweiter.Bis ich rein kann, hält' ich längst noch eine Runde" stellte ich verdrießlich fest.

Also los, in Gottes Namen!" Die Runde war gerettet.Eine kleine Runde, Ehrenwort!"

Ehrenwort. .

Fröhlich schnurrte ich dahin, ahnte nicht, welchen Sturm eifersüchtiger Entrüstung meineSchiebung" auslöste, gondelte, jeden Zephirhauchverwindend" peinlich mit gebannten Augen Fallbenzinhahn, Tourenzähler, Frühzündung und Höhenmesser prü­fend, brettsteif zwischen Moor, Fasanerie, Gestüt und Schloßpark meinen vorgeschriebenen Zirkel ab.

Währenddessen hatte sich die Kleinigkeit begeben, daß Freund H., wütend, weil ihm abgeschlagen wor­den war, was mir durchging, großen Krach machte und nicht weniger, nicht mehr als auch noch einen Flug verlangte.

Sehr mit Recht von seinem Standpunkt aus.

Und der Starter mußte nachgeben.

Leider dachte ich im Traum nicht daran, daß da hinter mir, wie im Karussell, plötzlich einen drein- propellerte; einen Spiegel gab es für dergleichen gwecke noch nicht, und so üppig, sich etwa um 180 raö im Flugzeug umzudrehen, war man doch nicht! Zudem fühlte man sich ja allein auf weiter Flur! Schier eine ArtLustpionier", der etwas wie einen ersten Nachtflug inszenierte.

Es dunkelte allmählich, unter Brüdern.

H., der stets mit grüner Brille flog, muß er­schrocken sein. Muß die Lust verloren haben, seine Runde auszufliegen. Jedenfalls brach er sie ab. Aus I halber Strecke.

Damit tat er etwas, das den ganzen Flugplatz alarmierte: er kehrte um, bolzte auf mich los, als ich eben meine Runde schloß und zur Landung ansetzte.

Aus den Hallen stürmten die Leute und brüllten vor Schreck. Dem Starter blieb der Mund offen.

Nur wir beide ahnten nichts.

Seelenruhig stellte ich mein Gas ab, glitt von weither wohlberechnet und gezielt, auf das Landetuch zu in der einzig obligaten Richtung.

H., schon hastiger, da er in der dunklen Brille wirklich nicht viel sehen konnte, kam verkehrt, mir genau entgegen, wider jede Regelmit dem Winde". Ganz egal: er glaubte mich entweder längst gelandet oder dachte nicht an mich.

Sehen konnten wir uns im kritischen Moment nicht mehr, da im Gleiten das geneigte obere Tragdeck mir wie ihm die gerade Sicht verhängte,

Bordbuchblatt.

Don Richard Eurinaer GDS.

Der Verfasser, aktiver bayerischer Flieger- Hauptmann, schrieb das erste Buch über die Kriegsfliegerei:Fliegerschule 4".

Er war in dem Stadium, da der Fluglehrer vor jedem Start sich eigenäugig überzeugt, daß sein ge­schätzter Schüler nicht mit Spätzündung loswackelt, in dem Stadium, da die Luft noch so jungfräulich und der Knüppel, wunderlich beweglich nach minde­stens vier Himmelsrichtungen, keinAnhaltspunkt" für anlehnungsbedürftige Gemüter ist; da sich linke Hand und linker Ellbogen noch verdächtig zärtlich in Polsterwulst und Aluminiumverschalung der Ka­rosserie verkrampfen und das Auge schreckhaft starr visiert, ob die Nockenwelle wirklich bei erhobenem Schwanz jene ideale Parallele zum Startplatzniveau beschreibt, die verhütet, daß die Kistehinten ab­rutscht" oder vorn koppheister in den Dreck fährtz jenem paradiesisch lächerlichen Stadium, da jede Lan- düng eine Großtat scheint und der Himmel noch voll Sensationen hängt.

Und die Fliegerei selbst steckte noch in jenem Sta­dium: motorisierte Scheunentore, in denen, angeleimt mit obligatem Flatterschal, ein Zwischending von Schornsteinfeger und Feuerwehrmann, schwarz in Leder, liebte, kutschierten über Hausdächer und Tan- nenwi'pfel. Bei absoluter Windstille. Sobald das Schnupftuch auch nur fächelte, verrollte sich vom Landungstuch bis zum letzten Gitterschwanz die ganze Herrlichkeit in die Hangars und ins Bräustübl. Vier- zehn Tage setzte manchmal der Betrieb aus, während deren sich die Heldentaten im luftleeren Raum ge­steigerter Wunschwirklichkeiten austobten. Zudem war die Schulmaschine meist kaputt, und die paar Alleinflugmaschinen warenhavariert". Wer also, löblich eingeschnallt, in einer halbwegs flüggen Kiste saß, tat gut daran, nicht wieder auszusteigen, bis er seine Prüfungen abgeklappert oder die Geduld des Starters und der Konkurrenz ein für allemal er­schöpft hatte.

Ich hatte mir den Trick zurechtgelegt, nach der Landung nie bis an den Startplatz selbst zu rollen, sondern immer etwas ab vom Schuß den Mann heranzuwinken, der froh, daß nicht sonst etwas pas­siert fei, mir in Gottesnamen nochmals Starterlaub­nis gab; ehe die Eifersüchtigen Protest einlegen konnten. Derart brachte ich es manchmal zu ganz netten Serien.

Jenes Abends freilich winkte er energisch ab. Schluß! Eingerückt! Einmal muß Ende sein!

Es dunkelte schon sacht, soweit es an Schönwetter-

Jn dem AugenNick erst, da wir beide aus der Schrägen in die Waagerechteabfingen", starrten wir uns, der Vision, dem unmöglichen Phantom auf Steinwurfweite ins Gesicht. Paar Meter überm Boden. Ob wir dabei hundert Kilometer Fahrt hatten summiert oder fünfzig oder hun­dertfünfzig, spielte insofern keine Rolle, als sie jeden- falls genügte, uns zu tanzenden Atomen zu zer- mörfern. Auch für den absurden Fall, daß einer der Piloten oder beide so dicht überm Platz so nah ge­rammt, mit der schwerfälligen Kiste vielleicht doch noch versucht hätten, in wilder Kurve abzudrehen; wir wären immer ineinander hineingeknallt, und das bedeutet: Schluß.

Nun ist es falsch, zu sagen, daß wir auseinander losrasten; es war da nichts als die Vision, die sekundenlang überdeutliche katastrophale Vision: D a ! !" Wortlos, unbegreiflich, schicksalhaft, unper­sönlich, endgültig. Ich hab zwar weder damals noch in anderen Fällen dieser Art je meinLeben film- artig noch einmal abrollen" sehen, noch Leid, noch Angst, noch sonst etwas verspürt, was in Romanen Dorfommt. Und doch begriff etwas in mir, begriff, daß ich ... im Recht sei. Daß nichts zu tun sein, daß nichts nützen alles schaden werde. Die Möglich­keitendachte" ich nicht durch. Ich wußte nicht, daß, würde ich noch steiler, ich in den Boden bolzen und trotzdem damit rechnen mußte, daß auch der andere noch steiler würde und in mich zerschellen. Gab ich Gas, versuchte ihn zu übertreppen, konnte er in der Sekunde Gas geben, sich übertreppen, und wir knallten dann erst recht in Klump.

Eine Hemmung von grandiosen Graden komman­diertNichts tun!"

H. hat mir später eingestanden, daß es das hell­sichtige Entsetzen:Mensch, ich komm' verkehrt!" ge­wesen sei, was ihn mit einem Ruck in Steuer greifen und die Kiste in so wahnsinniger Treppe überziehen ließ, daß sie, während aufgebäumt die Flächen über mich hinwegkreischten, durchsackend sich schon zur Seite legte und in Dreck und Fetzen krachte. Um ein Haar strich sein Fahrgestell an meinem Aupufftopf vorbei. (Da hab' ich gemuckt, den Kopf geduckt, und jenen Schock ins Auge schlagen spüren, bei dem es platzt vor Konzentration. Der Fachmann kennt das, meine ich.) Ungerupft sonst, flutschte ich dicht unter ihm hindurch. Durch sein Verdienst. Durch seine Schuld und sein Verdienst; er hatte sich geopfert.

Als ich ihn fluchen hörte, sein Geschrei aus dem Geschimpf heraushörte, das in solchen Fällen immer­hin besagt, daß es nicht ganz schief gegangen ift (denn sonst wird es still!), war ich froh. Wollte nicht mitschimpfen, sondern mich bedanken und ihm gra­tulieren.

Doch er wollte mich nicht sehen.

Trotzdem er nicht, was ihm sehr nahestand damals, abgelöst, auch nicht bestraft wurde; trotzdem wir uns zu guter Stunde ausgesprochen haben: er mochte mich nicht sehn. Konnte mich nicht zu Gesicht kriegen, ohne schmerzlich und abwehrend zu grimaffieren.

Etwas von der Unlust jenes erstenLuftkampfes" blieb ihm, antipathisch, in den Nerven.

Hundert andere hat er nicht gescheut.

Oie Radfahrer im Paradies.

Rom ist auf dem besten Wege, über feine Rad­fahrer berühmt zu werden, denn die Herren vom Stahlroß leben dort im Paradies. Während die Polizei mit einer Unerbittlichkeit ohnegleichen gegen die Automobilisten vorgeht und nicht den kleinsten Verstoß gegen die Derkehrsordnung von dieser Seite aus duldet, während sogar ab und zu die Fußgänger wenigstens freundschaft­lich ermahnt werden, doch nicht immer unter der Verkehrsampel dfe Zeitung zu lesen oder ihr Schwätzchen in der Mitte der Straße zu ver­anstalten, sind die Radfahrer frei wie der Vogel in der Luft. Sie dürfen alles tun, was verboten ist, sie tun es unter den Augen der Polizei und lachen ihr ins Gesicht. Sie haben weder Glocke noch Licht, weder Bremse noch Rückstrahler, Tag für Tag schlagen die entrüsteten Zeitungen die Spalten übereinander. Cs nützt nichts. Die Sta­tistik stellt fest, daß 80 vom Hundert aller Un­fälle auf die Disziplinlosigkeit der Radfahrer zurückzuführen sind umsonst. Niemand kann sich erklären, warum hier, gerade hier nicht ein­geschritten wird.

Ictzt gehen die Zeitungen dazu über, die krassen Fälle unter Zeugenangaben zu veröffentlichen. Zum Beispiel am letzten Sonntag: Gin Radfahrer saust den Pincio herunter, schaut dabei nach rückwärts und rammt ein Reitpferd, worauf er von dem Reiter Schadenersatz heischt. Ein an­derer ciclista pfeift auf das HaUzeichen Ver­kehrsampel und kracht infolgedessen mit einem Kollegen zusammen, der das Haltzeichen genau so achtete. Drei andere vclocipeaastri fahren nebeneinander her und plauschen gemütlich, so daß alle drei auf einem Melonenkarren landen. Die Zeugen sind der Meinung, daß es sich hier um unbestreitbare Verstöße gegen die Verkehrs­ordnung gehandelt habe. Zeugen? Die Herren Radfahrer grinsen nur: Me ne frego! Ich pfeif draus! Das einzige Warnungszeichen, das sie geben...