Ausgabe 
27.7.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

«Sieben, den 27. 3uli 1932.

Naturschutz im Kreise Gießen.

Don Kulturinspekior Vogt, Gießen

Die Notwendigkeit des Naturschutzes ist in allen Kulturstaaten und in allen Beoölkerungsschichten heute anerkannt, und Naturschutzgebiete sind in allen Ländern der Welt, wo die Wirtschaft wertvolle Ge­biete bedroht, geschaffen worden. Ist doch unsere Kultur der allgemeine Feind, der gegen die Natur anstürnit und die vorhandenen Reste ihrer Un­berührtheit zu vernichten droht. Ausbreitung der Industrie, Verdichtung der Bevölkerung, Errichtung von Verkehrswegen, Meliorationstätigkeit, Feld­bereinigungswesen und anderes mehr sind Urheber der Naturzerstörung. Das Leitmotiv für alle diese Sünden an der Natur ist die Wirtschaft, der Kampf ums Dasein und andere berechtigte Bestrebungen Denen gegenüber muß sich der Naturschutz beschei­den, Einschränkungen zu verlangen, damit unsere Nachkommen nicht ihr Leben in einer mehr oder weniger verödeten und ihres Reichtums an Tier- und Pflanzenarten beraubten Umwelt verbringen müssen. Die Ehrfurcht vor der Natur muh den Men- schen wieder mehr anerzogen werden.Ehrfurcht vor dem Leben" Hal Albert Schweitzer als Lcitwort über seiner Kulturphilosophie stehen. Diese Ehrfurcht vor dem Leben fordert im Kampf gegen die Natur eine gewissenhafte Prüfung der Frage, ob die Ver­nichtung eines Tieres ober einer Pflanze notwendig ist oder nicht. Sinnloses Zerstören tierischen und pflanzlichen Lebens ist verwerflich. Neben der Er- Ziehung der Menschen zur Ehrfurcht vor dem Be- stehenden ist der gesetzliche Schutz für wissenschaftlich und heimatkundlich wertvolle Gebiete nicht zu ent- behren.

Das Hessische Naturschutzgesetz vom 14. Oktober 1931 sieht die Schaffung von Naturschutzgebieten zur Erhaltung der Flora und Fauna, oder der geologischen und landschaftlichen Eigenart und Schönheit einzelner Teile unseres Heimatlandes vor. Da die Erklärung dieser Landesteile zu Naturschutzgebieten Sache der Kreisämter ist, gilt es, in den einzelnen Kreisen die des Schutzes würdigen Naturvorkommen festzustellen und den Behörden entsprechende Vorschläge zu unter­breiten.

Dankenswerter Weise hat es die Ober» hessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Giehen übernommen, dem Kreisamt Giehen die Errichtung von fünf Na­turschutzgebieten im Kreis Gießen vorzuschlagen. Es ist beantragt, den Lollarer Kopf und den Hanget st ein, zwei bekannte geologisch und landschaftlich wertvolle Dasalthügel mit sonst nur in Mittelgebirgen anzutreffenden Pflanzen unter Schuh zu stellen und das Pflücken und Sammeln von Pflanzen innerhalb des geschützten (Sebiets zu verbieten. An dritter Stelle soll der seltenen Wasserpflanzen als Standort dienende, ober­halb Lollar gelegenetote" L a hnarmge­setzlichen Schuh erhalten. Ferner ist ein im Wald bei Londorf vorhandener, dicht von der präch­tigen, in unserem Gebiet in freien Gewässern sel­tenen weihen Seerose besiedelter Teich als Na- turschuhgebiet vorgeschlagen. Als letztes der vor­erst im Kreis Giehen zu schaffenden Naturschutz­gebiete ist der zwischen Birklar und Langs­dorf gelegene Lindenberg in Vorschlag ge­bracht worden. Sn ihm soll vor allen Dingen ein Standort der in der Wetterau auf trockenen Hügeln vorlommenden Küchenschelle, einer nach- eiszeitlich eingewanderten Steppenpflanze, ge­setzlichen Schutz geniehen.

Keine Straßenschmiererei!

Die Stadtverwaltung warnt wiederholt da­vor Strahen, Plätze und öffentliche Gebäude aus Anlah der am 31. Juli stattfindenden Reichs- tagswahl mit Aufschriften zu versehen. 3n jedem Falle der Zuwiderhandlung wird Straf- a n t r a g gestellt und darauf hingewirkt werden, dah strengste Bestrafung eintritt. Durch die Beseitigung der Aufschriften entstehen der Allgemeinheit Kosten, die unbedingt vermieden werden müssen. Die Stadtverwaltung wird neben

der Bestrafung auch die Einziehung der >n nr eJLc c nr kosten für die Entfernung der Aufschriften betreiben.

Taten für Mittwoch, 27 Juli.

1794: Sturz Robespierres; 1830: Beginn der Pariser Iulirevolutwn.

. " Fernsprechleitungen nicht ge­fährd en! Die Oberpostdirektion Darmstadt teilt mit' Es ist in den letzten Jahren bei Einzel- und Treibjagden häufiger vorgekommen, dah unsere an den Strahen verlaufenden Fernsprechluftkabel durch Schrotschüsse beschädigt worden sind. Die Ersatzpflichtigen sind zur Tragung der Instand- fehungskosten herangczogen worden. Auch kommt unter Umständen eine Verfolgung der Schützen auf Grund der §§ 317 und 318 des Reichsstraf- gesehbuches in Frage.

* Zwei Wahlversammlungen finde» heute abend hier statt. Die NSDAP, hält eine öffent­liche Wählerversammlung in der Turnhalle ab in der Alfred Rosenberg sprechen wird, die Deutsch- nationale Volkspartei hat zu einer öffentlichen Ver­sammlung in das Coss Leib aufgefordert, in der Studienrat Kauer (Wetzlar) und Landwirt Dr. Lahr (Ober-Hilbersheim) sprechen werden. Beide Versammlungen beginnen um 20.30 Uhr.

Fe st genommen Von der hiesigen Krimi­nalpolizei wurde gestern der 28jährige Steinhauer Wilhelm Brüning von Nieder-Ofleiden, der mutmahliche Haupträdelsfuhrer des Aeberfalls der Kommunisten auf die Nationalsozialisten bei Homberg, festgenommen. Brüning hielt sich bei der Familie eines Gesinnungsgenossen in Giehen aus. Seiner Verhaftung setzte er keinerlei Wider­stand entgegen, er sagte vielmehr, dah er auf seine Festnahme schon gewartet habe. Er wurde in das Landgerichtsgcsängnis eingeliefert.

** Preußisch-Süddeutsche Klassen- lotterte. Die Erneuerung der Lose zu der großen Haupt- und Schlußziehung hat planmäßig spätestens bis zum 1. August, 18 Uhr, bei Verlust des An­rechts in der zuständigen Lotterie-Einnahme zu ge­schehen. Die Beachtung dieser Frist wird besonders in der gegenwärtigen Serien- und Reisezeit drin­gend empfohlen.

* Die Maul- und Klauens euche in Oberhessen. In Groß-Karben (Kr. Fried­berg) ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. Der Ort und Bahnhof Groß-Karben wurden zum Sperrgebiet, die Gemarkung Groß-Karben und die Orte und Gemarkungen Burg-Gräsenrode und Klop- penheim zum Beobachtungsgebiet erklärt. Ferner ist auch in Wickstadt (Kreis Friedberg) die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. Das Hofgut Wickstadt wurde zum Sperrbezirk und die Gemarkung Wick­stadt zum Beobachtungsgebiet erklärt.

Oer Präsident des Deutschen Sängerbundes gestorben

Frankfurt a. M., 26. Juli. (WSN.) Das 11. Deutsche Sängerbundesfest, das einen so groß­artigen Verlauf nahm, hat einen überaus tragischen Abschluß genommen: Der Präsident des Deutschen Sängerbundes, Geheimrat Dr. Karl Hammer- schm i d t - München, der während des Frankfurter Festes in vielen packenden Reden die Ideale des Sängerbundes den Herzen der Zuhörer nahe zu bringen wußte, ist heute früh 5.30 Uhr im Alter von 70 Jahren einem Herzschlag erlegen. Gestern abend war Präsident Dr. Hammer- schmidt, der früher auch dem bayrischen Landtag angehörte, in fröhlicher Laune vom Sängerfest in Frankfurt nach München zurllckgekehrt. Die Bei­setzung Dr. Hammerschmidts erfolgt am Donnerstag im Münchener Ostfriedhof.

Die Goelhejahr-Medallle für zwei Längerführer.

Frankfurt a. M., 26. Juli. (WSN.) Geheimrat Dr. Karl Hammerschmidt (München), dem Vorsitzenden des Deutschen Sängerbundes, und Rechtsanwalt Dr. Karl Hermann (Frankfurt a. M.), dem Vorsitzenden des Festausschusses für das 11. Deutsche Sängerbundesfest, ist in dankbarer Anerkennung ihrer kulturellen Verdienste die Goethejahr-Medaille der Stadt Frankfurt überreicht worden.

Industrie- und Handelskammer Gießen.

Heber die jüngste Sitzung der Industrie- und Handelskammer Gießen für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach wird uns folgender Be­richt übermittelt:

Nach Begrüßung der Versammlung leitete der Vorsitzende, Herr Ludwig Kinn, die Sitzung u. a. mit folgenden Worten ein:Politik und Wirtschaft sind eng miteinander verbunden: darum können und dürfen die amtlich berufenen Vertre­tungen der Wirtschaft nicht achtlos an den po. litischen Vorgängen vorübergehen. Die außerge­wöhnlichen Zeitverhältnisse machen es notwendig, dah die Handelskammern die politischen Ereignisse ebenfalls in den Kreis ihrer Betrachtung ziehen.

3n einer Zett tiefster wirtschaftlicher Depression müssen sie von einer vernünftigen Staatsführung verlangen, daß diese an ihrem Teile alles zur Neubelebung der heule fast ertragslofen wirt, fchost lut und ihr vor allem die Freiheit wieder zurückgibt, die zur Gesundung so dringend notwendig ist.

Es ist keine Frage, dah bei weiterer Verkümme­rung der Wirtschaft einer der stärksten Träger der deutschen Steuerkraft aussällt, woraus schließlich auch das Ausland Vorteil ziehen würde. Eine Pfunde Wirtschaft kann und darf niemals an Hochsterträge gebunden werden: man muß ihr Ge- legenbett geben, darüber hinaus Kochital zu bil­den das, indem es immer wieder in die Wirt­schaft zurückfließt und Erträgnisse abwirft, auch be^uwtend auf den allgemeinen Wohlstand wirkt."

Nach Verlesung des Berichts über die Tätig­keit der Kammer im letzten Vierteljahr berichtete der Wirtschaftsprüfer, Herr Hermann WNl, über seine

Erfahrungen auf dem Gebiet des Vergleichs-

i und Konkursverfahrens

mit besonderem Hinweis auf die Bewertung der Vermögensmasse. Er zeigte, wie derartige Bi­lanzen aufzustellen sind und daß der Gesichts­punkt, ob das Unternehmen endgültig aufgelöst oder weitergeführt werden soll, für die Wahl oer Btlanzart bzw. für die Bewertung der ein- aclnen Aktivposten entscheidend ist. Dabei ist es völlig gleichgültig, welchen Wert eine Sache die Gemeinschuldner besitzt, in der Hand eines

anderen hat, welchen Derkaufswert sie besitzt, wenn er die Sache dauernd zum Geschäftsbetrieb bestimmt hat, oder welchen Gebrauchswert eine Sache hat, die zur Veräußerung erworben ist. Verändert der Gemeinschuldner die Bestimmung des Gegenstandes, ko ändert sich für ihn hierdurch die Wertgrundlage. Daraus ergibt sich, daß die Bilanzbewertung stark von dem Grad der Liqui­dität bzw. der Illiquidität des aufzulösenden Unternehmens abhängig ist. Durch Vorlegung verschiedener Bilanzaufstellungen wurden die Ausführungen praktisch ergänzt. -Der Vorsitzende sprach dem Referenten für seinen ausführlichen belehrenden und zeitgemäßen Vortrag den Dank der Versammlung aus.

Der stellvertretende Vorsitzende der Kammer, Dankdirellor Ludwig Grießbauer, erstattete einen ausführlichen Bericht über die am 10. Juni staitgehabte

Vertreterbesprechung der hessischen Jndustrie- und Handelskammern,

welche sich u. a. mit der allgemeinen Wirtschafts­lage, der Tarifpolitik der Reichsbahn und den Wirtschaftsbeziehungen zu Rußland befaßte. An das Referat schloß sich eine rege Aussprache an, insbesondere über die Wirtschaftsbeziehungen zu Rußland und die von dieser Seite geforderte un­endlich lange Kreditgewährung.

Der Kammersyndikus Dr. Zeidler berichtete über die Tätigkeit des hessischen Landesauftrags­amts. die Forderungen des Deutschen Industrie- und Handelstags zur Behebung der Wirtschafts­not und über das Derkehrsmonopol der Reichs­bahn, sämtlich Verhandlungsgegenstände der am 15. Juli stattgehabten Vertreterbesprechung der hessischen Industrie- und Handelskammern.

Der Verkehrs- und Verschönerungsverein Gie­ßen beabsichtigt, zusammenfallend mit dem größe­ren Verkehr nach Gießen bringenden Herbstpferde- mcvrkt und einer Schau- und Warenmesse in den ersten Oktobertagen dieses Jahres für die Dauer von etwa fünf Tagen in der Volkshalle eine den Interessen von Handel, Gewerbe und Landwirt­schaft dienende verkehröwerbende Veranstaltung durchzusühren. Die Kammer erbittet hierzu An­regungen und Vorschläge aus den von ihr ver­tretenen Kreisen.

Fortschritte in der Krebsbekämpfung

DonGeheimratprof.Or.Ferdinand Blumenthal,DirekiordesInftituts fürKrebsforschung,Äerlin

In letzter Zeit nimmt die Oesfentlichkeit regeres Interesse als bisher am Krebs und an seiner Be­kämpfung. Das ist bei der starken Zunahme der Krebserkrankungen in den letzten Jahrzehnten sehr erklärlich, und es ist sehr wichtig, da Die mög­lichst frühzeitige Erkennung der K r e b S s y m p t o m e für die Heilung von größ­ter Bedeutung ist. Jede siebente Frau, jeher zehnte Mann stirbt an Krebs: während im Jahre 1877 auf 1 Million Deutsche nur 470 Todesfälle an Krebs kamen, stieg diese Zahl bis auf 1220 im Jahre 1927. Die verschlechterten LebenSver- hältnisse können dafür nicht verantwortlich ge­macht werden: der Krebs verschont keinen Erd­teil und keine Devölkerungsschicht, wenn auch be­stimmte Lebensgewohnheiten ihm besonderen Vor­schub zu tun scheinen: z. B. befällt der Speise­röhrenkrebs viele Japaner, die ständig Sake (Reis- schnaps) trinken. Von größerer Bedeutung ist das Lebensalter: Krebs ist eine Krankheit des Alters, und wenn es der ärztlichen Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten gelungen ist, die durch­schnittliche Lebensdauer des Menschen beträcht­lich zu erhöhen, so wirkt sich das andererseits in den ungünstigen Krebssterblichkeitsziffern aus.

Die Zahl der Todesfälle ließe sich aber ganz erheblich senken, wenn die am Krebs Erkrankten den ersten Anzeichen mehr Beachtung schenkten, wenn sie zum Arzt mehr Ver­trauen und vor der Behandlung we­niger Furcht hätten. Gerade in den letzten Jahren sind in der Krebsbehandlung und -Hei­lung so erhebliche Fortschritte gemacht worden, daß wir wie bei den anderen «Erkrankungen, so auch beim Krebs eine Heilung erwarten können, wenn der Patient rechtzeitig zum Arzt geht und der richtigen Behandlung ^»geführt wird. Hier soll kurz gezeigt werden, mit welchen Me­thoden wir jetzt dem Krebs zu Leibe gehen können.

Ehedem konnte man den Krebs nur mit dem Messer entfernen. Wir kennen Krankheitsge­schichten auS den Zeiten um 1500 bis 2000 v. Ehr. und wissen von einer ägyptischen Salbe, einem Gemisch aus Arsenik und Essig, das die Krebs­geschwulst mir oberflächlich angreift und deshalb, obwohl es bis in neuere Zeit verwendet wurde, nicht als Heilmittel bezeichnet werden kann. Auf die Operation der Krebsgeschwulstmit dem Messer" können wir auch heute in vielen Fällen nicht verzichten: aber eine moderne Operation läßt sich hinsichtlich der Erfolgsaussichten kaum noch mit einer Operation des vorigen Jahrhun­derts vergleichen. Große Fortschritte brachte uns in den letzten Jahren die Diathermie: mit­tels besonders geformter Elektroden,elektrischer Messer", läßt sich durch Hochfrequenzströme ein chirurgischer Eingriff gerade bei der KrebSbehand- lung vielfach so sauber und so erfolgreich durch­führen, wie es mit Stahlklingen nicht möglich wäre.

Aber die Angst vor der Operation ist nun ein­mal sehr weit verbreitet, und deshalb müssen wir jede Möglichkeit zu entwickeln suchen, die eine Heilung des Krebses auf anderem Wege ver­spricht. Von den chemischen Mitteln und Impf­stoffen müssen wir zunächst noch absehen: bisper hat sich noch keine Salbe, fein «Serum als prak­tisch erfolgreich erwiesen. Don ganz großer Be­deutung sind aber die neueren Fortschritte auf dem Gebiete der Strahlenbehandlung.

In den ersten Jahren dieses Jahrhunderts hat man entdeckt, daß die vom Radium ausgehen­den Strahlen die Krebsgeschwulst zerstören: aber man konnte diese Entdeckung lange Zeit hindurch

nicht genügend ausnutzen, weil das in Kapseln aufgelegte oder in der Form von Radiumbromid eingefpritzte Radium neben der eigentlichen Ge­schwulst auch das gesunde Gewebe zerstörte. Erst in letzter Zeit ist es gelungen, das Radium s o genau z u dosieren, daß die davon aus­gehenden Strahlen nur das empfindlichere kranke Gewebe angreifen und daS widerstandsfähigere gesunde Gewebe verschonen. Damit ist der Weg zu einer ungefährlichen Radium be- Handlung frei; und damit können wir den Krebs auch an solchen Köperstellen bekämpfen, wo er chirurgisch schwer oder überhaupt nicht anzugreifen ist. Wir sind heute mit der Radium­behandlung so weit, daß wir z. D. beim Gebär­mutterkrebs in sehr vielen Fällen auf die opera­tive Entfernung der Geschwulst verzichten können.

Del Radiumbehandlung wird vielfach eine Radiumnadel (deren Hülle in der Hauptsache aus Gold oder Platin besteht) in die Geschwulst gesenkt und dort liegen gelassen, biS sie nach einigen Tagen ihre Wirksamkeit verloren hat, denn die zur Füllung benutzte Radiumemanation ist nur kurzlebig gegenüber dem Radium. Natür­lich ist die zur Behandlung erforderliche Menge Radiumemanation voxher genau berechnet und abgestimmt: sie ist ganz minimal aber doch im Durchschnitt viermillionenfach stärker als die Ra­diummengen, die in den laut angepriesenenRa- diuinpackungen",Radlumsalben'^ usw. der Kur­pfuscher enthalten sind-

Die gleiche Wirkung wie das Radium hat daS Mesothorium, das sich aus dem Thorium X entwickelt. Thorium wird aus afrikanischem Sand gewonnen und findet bei der Gasglühiicht-Fabri- kation Verwendung: die Abfallstssfe bei der Her­stellung von Gaslichtstrümpfen dienen wiederum zur Gewinnung des Mesothorium und sind des­halb ein gesuchter Marktartikel geworden. Tho­rium X hat gegenüber dem Radium eine sehr kurze Lebensdauer; während Radium erst in 2500 Jahren unwirksam geworden ist, hat sich Thorium X schon nach etwa vier Wochen erschöpft. Dennoch bietet Thorium X insofern einen Vorteil, als eS verhältnismäßig schnell zu haben ist, während die Verpackung und Versendung selbst kleinster Radiummengen stets mit großen Schwie­rigkeiten und Kosten verknüpft ist.

Den Zerfall der Krebsgeschwulst kann man schließlich auch durch Röntgenbestrah­lung erreichen. Zwar wird die Röntgenbestrah­lung meist bei Haut- und Gebärmutterkrebs an­gewandt, doch sind damit auch bei Magen- und Darmkrebs schon schöne Erfolge erzielt worden. Die Röntgentherapie hat während der letzten Jahre gleichfalls manche Verbesserung erfahren. Für die Krebsbehandlung sind nur harte Röntgenstrahlen zu verwenden, denn sie allein dringen in die Tiefe und zerstören daS Krebsgewebe, während weiche Röntgenstrahlen die Haut des Kranken verbrennen und reizen.

Gewiß sind die angeführten Fortschritte auf dem Gebiet der Krebsbekämpfung noch keine end­gültigen Resultate; im Gegenteil, es gilt heute mehr als je, Entdeckungsgabe und materielle Mittel einzusehen, um eine so gefährliche Volks­krankheit zurücizudämmen. Andererseits braucht heute niemand mehr zu verzagen, wenn der Arzt eine Krebserkrankung bei ihm sest- gestellt hat. Aber es kann nicht oft genug wieder­holt werden: frühzeitig zum Arzt niemals zum Kurpfuscher und Ver­trauen zur ärztlichen Behandlung!

Buntes Allerlei.

Sport im falschen Augenblick.

Bei der Landung des DampfersEuropa", mit dem die deutschen Olympia-Kämpfer nach Amerika kamen, spielte sich ein merkwürdiger Vorfall ab. Alle Passagiere nämlich waren ge­rade einer Zollvisitation unterzogen worden, die Pforten von Ellis Island öffneten sich bereits da kletterte, ganz sanft und vorsichtig, ein junger Mann unter dem «Segeltuchüberzug eines der Ret­tungsboote hervor, lugte rechts und links in die «Legend, um sich zu vergewissern, daß niemand ihn beachtete, und versuchte, sich aus dem Staube zu machen... Das Unglück wollte es allerdings, daß ihm in diesem Augenblick einige Zollbeamte in den Weg liefen, um ihn rauh, aber herzlich in Emp­fang zu nehmen und nach der nächsten Polizei­station abzutransportieren. Als die Häscher mit dem blinden Passagier aber gerade das Schiff verlassen hatten, geschah auf dem Pier etwas, das wohl niemand erwartet hatte...

Der junge Mann, der auf so billige Weise den Ozean überquert hatte, schien jedenfalls keines­wegs gesonnen, seine Sache verloren zu geben. Denn mit Dlitzeseile riß er sich los, trat den zwei Beamten, in deren Händen er gezappelt hatte, nicht weniger rauh und herzlich in die Seiten und er­griff das einzige Panier, das er unter diesen Um­ständen zu ergreifen in Der Lage war das Ha­senpanier. Ein Beamter flog über den Steg hinweg in die Fluten, ein anderer setzte sich still nieder, klappte zusammen wie ein Taschenmesser und be­gann der große, starke Mann wie ein Kind vor sich hin zu weinen. Aber der mutige junge Mann kam nicht weit. Knapp vor dem Ausgang des Zoll-Reviers wurde er wieder gefaßt. Dies­mal bugsierte ihn ein weitaus größeres Aufgebot an Polizisten zum nächsten Polizeigewahrsam. Dort gab er seinen Namen an, und die Absicht, bei den olympischen Kämpfen mitzuwirken. Wenn ihm auch seinesportliche Tüchtigkeit" von feiten der Polizei nicht abgesprochen werden konnte, sah man sich, zu seiner großen Entrüstung, wenig ge­neigt, ihn im Lande zu behalten. Denn Sport, im falschen Augenblick betrieben, legt sich manchmal nicht nur anderen Leuten aufs Gemüt, sondern einem selbst auch auf den guten Ruf...

Frauenfchönheii nach Gewicht.

Die schlanke Linie, die noch vor turpem das mit höchster Anstrengung verteidigte Schönheits­ideal unserer Damenwell war, wird heute nicht mehr in demselben Maß eingehalten wie früher, man trägt wieder Formen". Aber vorläufig nur in bescheidenem Umfang. Daß die Frauenschön­heit nach der Höhe des Gewichts auf der Waage gemessen wird, dürfte bei uns sobald wohl nicht sich einbürgern. Aber in anderen Teilen der Welt gilt «Schlankheit bei den Frauen für ein Unglück, und das ist nicht nur im Orient der Fall, sondern auch bei vielen primitiven Stämmen. ®in eng­

lischer Missionar, der küiHlich aus Westafrika zu­rückgekehrt ist, berichtet, daß dort die Herrschaft der fetten Schönen über die Männer noch unge­brochen waltet. Alm sich die Gunst ihres Gebie­ters au erhalten, essen die Frauen soviel wie mög­lich dickmachende Speisen und enthalten sich je­der unnötigen Bewegung. In Rigerien gibt eS einen Stamm, bet dem die Mädchen, bevor sie ver­heiratet werden, zunächst einmal in das sog. M a st b a u S kommen. Hier werden fie, ähnlich wie bei uns die Stopfgänse, in kurzen Zwischen­räumen mit allen erdenklichen Leckerbissen gefüt­tert, mit Eiern, Suppen usw., und wenn sie nach einigen Wochen dieses Paradies des Essens ver­lassen, dann müssen sie einen gehörigen Leibes­umfang aufweisen, wenn sie nunmehr in den Hafen der Ehe eingehen wollen. Häufig sind die jungen Mädchen so fett, daß sie sich kaum noch fortbetoe- gen können. Derjenige aber, der eine solche unför­mige Fleischmasseheimführt", ist darauf sehr stolz. Ist die dunkle Schöne erst einmal verhei­ratet und muß ihr gewöhnliches Leben wieder auf­nehmen, sowie sich den Hausarbeiten widmen, bann geht mit ihr nicht selten eine Wandlung vor wie mit dem Vollmond, wenn er wieder ins erste Viertel tritt. Dann verliert sie mit jedem Psund auch ein Stück von der Liebe ihres Mannes und muh die größten Anstrengungen machen, um sich wenigstens bei einem gewissen Leibesumfang zu erhallen. Das schlanke Mädchen wird von den Schwarzen überhaupt nicht beachtet und mit Ab­scheu zurückgewiesen. Der Fleischansah ist daher für sie Lebensfrage, und die Weiblichkeit widmet sich der Mästung ebenso eifrig wie bei uns die Damenwelt der Abmagerung, wenn sie chre Schönheitslinie" überschritten hat.

Eine Bneftauben-Katastrophe.

Nur 25 belgische und zwei französische Brieftau­ben sind von den 3000, die bei dem alljährlichen Brieftauben-Rennen oon Barcelona abgelaffcn mürben, nach der Heimat zurückgekehrt. Bald nach ihrem Abflug brachen furchtbare Stürme über den Pyrenäen und an der Rhone aus, die Bügel wur­den nach dem Meer abgetrieben und scheinen dort ertrunken zu fein. Es ist das zweite derartige lln- gluck, das über die Belgische Gesellschaft der Brief» tauben-Züchter hereinbricht. Im Jahre 1930 kehr­ten oon 5000 Tauben, die von Algier abflogen, nur 50 zurück. Der Gewinner des diesjährigen Rennens, ein gewisser Ban Eoillie aus Lierre, be­richtet, daß er die siegreiche Taube von seinem Be­ter geerbt habe, der kürzlich starb. Auf seinem To­tenbett nahm ihm der Baler das Versprechen ab, die Taube bei dem Rennen mitfliegen zu lassen. Der Sohn erfüllte den letzten Wunsch dxs Vaters, aber er mußte einen großen Teil seiner Besitztü­mer verkaufen, um die Kosten bestreiten zu können, die die Zulassung der Brieftauben zu dem Rennen verursacht.