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182. Jahrgang
Mittwoch, 27. Juli 1932
GießenerAilzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.Thyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschczn und für den Anzeigenteil Ma^ Filter, sämtlich in Gießen
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General von Schleicher vor dem Mikrophon.
Der Neichswehrminifler über die nationale und soziale Aufgabe der Reichswehr für Volk und Staat.
Berlin, 26. Juli. (WTB.) Der Reichswehr- Minister, General v. S ch l e i ch e r . hielt im Rundfunk eine Rede, die über alle deutschen Sender verbreitet wurde. Der Minister führte u. a. aus: meiner kurzen Erklärung an die Armee beim Antritt meines Amtes als Reichswehrminister habe ich zum Ausdruck gebracht, daß ich meine Kraft daran sehen werde, daß die Reichswehr in Zukunft ihre Dcrufsaufgabe, Deutschlands Grenzen zu schützen, und seine na* tionaleSicherheit z u gewährleisten, erfüllen kann. Bon einem Teil der Linken ist mir dieser Hinweis auf die Zukunft übel genommen worden. Cs wäre doch schon in den Dergaitgenen Zähren alles geschehen, um dieses Ziel zu erreichen. Das hat mich ehrlich erstaunt. Denn daß es in Deutschland nach all den traurigen und bitteren Erfahrungen der Rachkciegszeit noch Menschen gibt, die unsere kleine Wehrmacht allen Ernstes zum Schutz der Grenzen für ausreichend halten, hatte ich nicht für möglich gehalten. Es hat mir wieder gezeigt, wie gern und leicht der Deutsche sich Illusionen hingibt, zumal, wenn es ihm in seine Partei- richtumg Paßt.
Die Tatsache ist doch die, daß kein anderes europäisches Land in so geringem Maste die Sicherheit besitz», nach der, so paradox es klingt, gerade die stärkste Militärmacht der Mett unaufhörlich ruft. Diese Haltung unseres westlichen Nachbarn hat der Minister St re sc- mann, dem doch wirklich keine vor- eigenommenheit gegen das Land seines Verhandlungspartners Vriand nachsagen kann, seinerzeit im Reichstag mit „Heuchelei" bezeichnet, und ich glaube, dah es in Deutschland nur wenige Menschen geben wird, die dem nicht zustimmen.
Rur manchmal läht man auch in Frankreich die ^Katze cnr* m ©ad. So wnrn der Generalbericht- erstatter französischen Staatshaushaltes über eine B - tztigung der neuen französischen Befestigungen folgendes sagt: „Die hier von Frankreich vollbrachte Arbeit steht in der Geschichte der Böller ohne Beispiel da, sowohl wegen ihrer Großartigkeit, als wegen der technischen Schwierigkeiten, die zu überwinden waren. Wein zweiter Eindruck geht dahin, daß dieses Besestigungsneh überhaupt nicht durchstoßen werden kann. Die deutsche Armee, so mächtig, mutig und hartnäckig sie sein sollte (die ist leider nur mutig und hartnäckig, aber nicht mächtig), würde a n solchen Derlei d'igungsanlagen zer- s*Hellen. Unser Besestigungsneh gibt deshalb zweifellos eine völlige Sicherheit — ich wiederhole, „völlige Sicherheit" — gegen einen ähnlichen Einbruch, wie er im Jahre 1914 erfolgt ist."
Man vergleiche diesen Bericht mit dem Der- halten und Anträgen der französischen Delegation in Genf. Eine treffende Kennzeichnung dieses Verhaltens verbietet mir meine internationale Höflichkeit. Wohl aber fordern derartige Tatsachen immer auss neue den Vergleich mit der Sicherheit, oder besser gesagt, der völligen Unsicherheit Deutschlands heraus. Wie könnte Deutschland diese Sicherheit bekommen? Theoretisch auf zwei Wegen:
1. Indem die anderen Mächte sich auf unseren Rüstungsstand abrüsten, wozu sie rechtlich und moralisch v e r p f l i ch te t sind. Rach dem bisherigen Verlauf der Abrüstungskonferenz wird es in der Welt nicht mehr viel Menschen geben, die an ein solches Wunder glauben.
Wir können diese Sicherheit zweitens erreichen, indem wir unsere Wehrmacht so organisieren, d. h. umbauen, dah sie uns wenig st ens ein gewisses Mast von Sicherheit gibt, und ich möchte im Anschluh an die deutsche Schtuherklärung in Genf keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, daß wir diesen zweiten Weg gehen werden, wenn man uns auch in Zukunft volle Sicherheit und Gleichberechtigung weiter vorenthäll.
Ich weiß wohl, daß mir von ängstlichen Gemütern sofort unsere schlimme Finanzlage entgegengehalten wird. Aber ich kann diesen Kritikern sagen, daß eine moderne ihren Zweck wenigstens einigermaßen erfüllende Wehrmacht nicht teurer ist als die Wehrmacht des Versailler Diktates, das durch seine zum Teil direkt sinnlosen Bestimmungen uns gänzlich unnütze und unproduktive Mehrkosten auf - zwingt. Ich bin der Ansicht und mit mir, so hoffe ich, ieder vernünftige Mensch in Deutschland, daß gerade m unserer gespannten Finanzlage jeder furdieWehrmachtausgegebene Pfennig den Höch st en Nutzwert für die Landesverteidigung haben muß. In dieser Landesverteidigung liegt die hohe und ideale Aufgabe des Soldaten und gerade deshalb haben wir uns. seit dem Inkrafttreten des Vertrages von Versailles mit allen Kräften gegen die französische Auflassung gewehrt, die die Reichswehr zu einer Polizeitruppe machen wollte. Dem Soldaten ist es aufs höchste zuwider, wenn er in die Politik h i n e i n g e z o g e n wird. Ich möchte noch hinzu- fugen, daß mich in den letzten Wochen nichts so sehr
geärgert hat, wie die Behauptung, ich hätte die Reichswehr in den politischen Mci - nungsstreit eingespannt. Das ist der ungerechteste Vorwurf, der einen Mann treffen kann, der seit der Revolution, die die' Reichswehr politisch vollständig verseucht hatte, auf allen Wegen und mit allen Mitteln einen zähen und verbissenen Kampf um die Entpolitisierung der Wehrmacht gekämpft hat, und der in diesem Kampfe oft gerade die Kreise zum Gegner hatte, die heute mit großem Geschrei vor der Politisierung der Wehrmacht warnen, nachdem es ihnen zum Segen unseres Vaterlandes nicht gelungen ist, aus der Re.chc-wchr eine Parteigruppe zu machen. Das Schlagwort: „3umer um) Generäle" hätten die Regierung Brüning gestürzt, ist eine glatte Lüge.
Solange ich an dieser Stelle stehe, dessen können alle Parteien gewiß sein, werde ich cs niemals zulassen, daß die Wehrmacht ihre überpartci,- liche, nur dem volksganzen dienende Haltung ändern oder gar ausgeben wird. Und ein zweites kann ich versichern: Ich werde nicht dulden, dah die Wehrmacht die ihr im Staate zugewiesene Stellung mit irgendjemand teilt, und daß sich private Organisationen ihre gesetzlichen Funktionen anmaßen.
Ich begrüße daher besonders die Ausführungen des Führers der RSDAP. in Berchtesgaden vor seinen SA.-Führern, die sich durchaus mit meinen obigen Ausführungen über die Stellung der Wehrmacht im Staate decken. In diesem Zusammenhang einige Worte über die Verbände:
Ich müßte ein schlechter Wehrminister fein, wenn ich mich nicht über jeden jungen Deutschen freuen würde, der durch körperliche Hebungen, durch Ertragen von Strapazen und vor allen Dingen auch durch freiwillige Disziplin seinen Willen, seinen Mut, mit einem Wort feinen Charakter stählt. Nun weiß ich natürlich sehr genau, daß in den Verbänden auch mancherlei Dummheiten und Ucbertreibungen vorgekommen sind und noch Vorkommen. Das $u tadeln und Anstoß daran zu nehmen, haben aber diejenigen am wenigsten Berechtigung, die uns im Vertrag von Versailles die allgemeine Wehrpflicht genommen und durch die Reparattonen und andere wirtschaftliche Diktate die ungeheure Arbeitslosigkeit verschafft haben. Ohne Arbeitslosigkeit und mit einer allgemeinen Wehrpflicht hätten wir nicht diese Inflation der Verbände, deren vollständige Unbrauchbarkeit bei kriegerischen Derwicklungen jetzt sogar, natürlich außer in Frankreich, von führenden Persönlichkeiten der ehemaligen Feindbundmächte anerkannt wird.
So schreibt Lloyd George: „Man hört die französische Frage: Wie steht es um die rote und braune Armee Deutschlands? Man muß sie dem stehenden Heere zurechnen. Diese sogenannten Armeen haben nur wenig Gewehre, wenn überhaupt solche. Sie haben keine leichten Geschütze und keine schweren. Sie könnten einer bis an die Zähne bewaffneten französischen Division nicht einen einzigen Tag lang Widerstand leisten. Eine Armee ohne moderne Ausrüstung ist nichts Besseres als ein zusammengewürfelter Dolkshaufen." Das ist durchaus richtig. Betrübend und beschämend ist es nur, daß Frankreich seine Argumente zum größten Teil aus Deutschland selb st von den Kreisen bezieht, denen zur Bekämpfung ihrer politischen Gegner jedes Mittel, selbst das des Landesverrates, recht ist.
Ader auch die kreise durften sich über Auswüchse der verbände nicht beklagen, die nicht rechtzeitig dafür gesorgt Haden, daß der Staat sich um die körperliche und geistige Ertüchtigung der Iugend gekümmert hat, wie es in fast allen anderen Staaten in großzügigster Weise geschehen ist. Ich hoffe, dah die von der jetzigen Reichsregierung eingeleiteten Maßnahmen, zu denen ich auch den Arbeitsdienst rechne, dieses versäumte nachholen werden. Die für solche Zwecke aufgebrachten Mittel werden hundertfäl
tige Früchte tragen.
Das) ich als Wehrminister den Siedlungs- geda nken aus das wärmste begrüße, liegt aus der Hand. Für die Landesverteidigung ist es eine Lebensfrage, daß an der Ost grenze eine mitihremBodenverwurzelteDevöl- kerung steht, die, soweit es in derartigen Rot- zeiten überhaupt möglich, krisenfest ist und zahlreiche Menschen als selbständige Existenzen auf dem platten Lande festhält. Der Gedanke der Kameradschaft umschließt die nationale und die soziale Ausgabe der Wehrmacht. Die nationale Aufgabe: Das ist die alle Dolkskreise umfassende und einigende PflichtderLandesve rtei. digung. Die soziale Aufgabe: Das ist die Verbundenheit der Wehrmacht mit den Schicksalen aller Volksschichten. So wenig die Reichswehr eine Parteitruppe ist, so wenig ist sie die S ch u h m a ch t r r g e n d w e l - cherKlassenoderInterefsen, so wenig will sie überlebte Wirtschaftsformen oder unhalt. bare Besitzverhältnisse decken. Lind in diesem Sinne des sozialen Gedankens werde ich mein Amt als Reichsminister und insonderheit als Wehrminister führen, indem ich die Armee immer wieder daran erinnern werde, daß sie dazu beitragen soll, hier
Rot gerade in den ärmsten Bevölkerungsschichten zu lindern und Freund undHelferallerDevölkerungsschich. ten zu sein.
Zum Schluß lassen Sie inich noch einmal auf die sogenannte Militärdiktatur zurückkommen, von der Ihre Anhänger das große Wunder erhoffen, die für ihre Gegner aber der Inbegriff alles Scheußlichen bedeutet. Zunächst glaube ich, daß sich unter Militärdiktatur jeder etwas anderes vorftellt.
Wenn man darunter das versieht, was das Wort besagt, nämlich die diktatorische Regierung der Wehrmacht, so halte ich eine solche Regierungsform in Deutschland für völlig ausgeschlossen, weil die Wehrmacht nie etwas anderes tun wird als den Befehlen ihres Oberbefehlshabers, des durch eine überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes gewählten Reichspräsidenten v. Hindenburg zu folgen. Wenn man unter Militärdiktatur aber eine Re
gierung versieht, die sich nur auf die Bajonette der Reichswehr stützt, so kann ich dazu nur sagen, daß eine solche Regierung im luftleeren Raum s i ch schnell abnuhen und letzten Endes zum Mißerfolg führen muß. In Deutschland vielleicht mehr noch als in manchen anderen Ländern, muß die Regierung von einer breiten Volks st römung getragen sein.
Ich glaube sagen zu dürfen, daß ich in dieser Hin- sicht, gerade in den letzten Wochen, klarer gesehen habe und weniger militaristisch gewesen bin wie mancher Politiker, der sich oft und gern zur Demo- kratie bekennt, aber sofort zur Diktatur der Bajonette bereit ist, wenn seine persönliche Machtposition ober die seiner Partei es notwendig macht. Deshalb bin ich kein Freund der Militärdiktatur, aber ich wünsche Deutschland gerade in der jetzigen schweren Zeit eine Regierung, die die größten Soldatentugenden besitzt: Mut, Entschlußkraft und Verantwortungsfreudigkeit.
Das Gegelschulschiff -er Reichsmarine „Niobe" in -er Ostsee untergegangen.
Dom Gewittersturm zum Kentern gebracht.-40 Mann -er Bejahung gerettet. Keine Hoffnung mehr auf Bergung -er 69 Vermißten.
Oie erste Nachricht.
Im Gewittersturm bei Fehmarn uniergegangcn.
kiel, 26. Iuli. (WTB.) Die Nachrichtenstelle der Reichsmarine teilt mit: heute nachmittag 14.30 Uhr ist das Segelschulschiff „Niobe" der Reichsmarine in einer Gewitterbö bei Fehmarn-Belt-Feuerschiff gekentert. Die Boote des Feuerschiffs haben sich sofort an die Unfallstelle begeben. Auch der Dampfer „Therese Rust" meldet seine Ankunft an der Unfallstelle und ferner, dah er 40 (bereitete an Bord habe. Die Rettungsarbeiten der Reichsmarine sind im Gange. A n Bord befanden.sich etwa 10 0 Mann. Die „Niobe kenterte in einem schweren Gewitter infolge einer Bö, kurz nachdem Do I auf seiner Fahrt von Travemünde nach kiel dem Schiff begegnet war. Der Untergang vollzog sich sehr rasch in etwa 3 bis 4 Minuten.
Die Hilfsaktion.
Keine Hoffnung mehr auf Weitung der 69 Vermißten. .
Außer dem Kreuzer „Köln", an dessen Bord sich der Inspektor des Bildungswesens der Marine Konteradmiral Kolbe befindet, ist auch der K r e u- Zer „Königsberg" nach der Unfallstelle entsandt worden. Ferner sind vier Boote der 8-halbflottille und ein Flugzeug unterwegs. Der Kreuzer „k ö l n“ hat die von dem Dampfer »JEfjerefe Ruft“ geretteten Ueberleben- den des untergegangenen Schulschiffes „Niobe" an Bord gekommen. Außer dem Kommandanten ist ein weiterer Offizier, Oberleutnant zur See Lott, gerettet, 69 Schiffsangehörige werden vermißt. Die von der Seeflugstation Holtenau an die Unfallstelle der „Niobe" entsandten Flugzeuge, die von den Fliegern Osterkamp und hubrich geführt wurden, sind nach kiel
zurückgekehrt. Sie haben die Unfallstelle und ihre Umgebung bis zur dänischen Küste mehrere Stunden lang abgesuch1, ohne eine Spur der vermißten z u finden, von der „Niobe" selbst ist nichts mehr zu sehen. Da auch die von der Reichsmarine vorgenommene genaue Nachsuche ergebnislos geblieben ist. besteht keine Hoffnung mehr auf Rettung der 69 vermißten. Bisher sind auch keine Leichen geborgen worden. Es find 19 Kadetten gerettet
Der Kreuzer „Köln" meldet 69 vermißte. Ein schwacher Hoffnungsschimmer besteht noch in einem Gerücht, das auf Fehmarn umläuft, wonach b ä n i - s ch e Fischerboote einige der verunglückten gerettet und in Rödby auf Lolland gelanget haben sollen. Da aber nur ein Fischerboot im Hafen von Rödby aufgebracht werden konnte, ist wenig Hoffnung vorhanden, dah sich das Gerücht bestätigt. Nach Fliegermelduttgen zeigt das Wrack nur ein Oelflerf. Es ragt auch kein Mast aus dem Wasser. Ls muh leider damit gerechnet werden, dah die vermihten größtenteils sich im Augenblick des Unglücks im Schiffsinnern befanden und ertrunken sind. Unter den Geretteten befinden sich außer den namentlich bereits Genannten u. a. Oberboolsmannsmaat Kühn, Obermatrosengefreiter Gustav Jakob aus Steinach in Thüringen, Obermatrosengefreiter Loren; Twar- d o w s k i aus Klein-Kotterz in Schlesien, Matrosen- gefreiler Hermann Roß aus Duisburg, Fischer aus Kiel-Ellerbeck.
Noch keine Klarheit über die Ursache -es Unglücks.
D e r l i n, 26. Juli. (ERB.) In Fachkreisen be- schäftigt man sich lebhaft mit der Ursache des Unglückes, das das Schulschiff „Riobe" betroffen hat. Das Schiff diente der seemännischen Ausbildung der Kadetten und Unteroffiziere der Reichsmarine. Es ist gestern vonKielnachWarnemünde
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