Hessen und das Ltniformverbot
Aeußerungen des Staatspräsidenten Adelung.
Darmstadt. 25. Juni. (Lpd.) Nach einer Mitteilung der amtlichen Hessischen Pre^estelle äußerte sich Staatspräsident Dr. Adelung über die innerpolitische Krise u. a. folgendermasten.
„In Hessen besteht ein Hniformver- bot nicht mehr. Das Demonstrations- Verbot hat sich mit Rücksicht auf blutige Zu- sammenstöste während der Hessenwahl wieder notwendig gezeigt. Die Befürchtungen die auch die hessische Regierung an die Aufhebung des SA.- und Uniformverbots durch das Reicys- kabinett geknüpft hat. sind leider m Erfüllung gegangen. In der Zeit politischer Siedehitze mustte die Wiederzulassung der verbotenen Parberum- formen natürlich aufreizend wirken und die Zustände noch verschärfen. Ich habe den Eindrucks dast der Herr Reichsminister des 2nnernNch darüber selbst klar ist. welche gefährlichen Wege es darstellt, die Polizeigewalt der Lander cin- zuschränken. dast damit der Schuh von Leben und Gesrmdheit der Bürger beeinträchtigt wurde ich glaube aber, dast das Reichskabinett den Rationalsozialisten gegenüber Bi n du n g e nein- gegangen ist. denen es sich nicht zu entziehen vermag. Der Herr R e i ch s p r ä s i de nt v. Hindenburg hat die Aufhebung des Uniform- und SA.-Berbots an die Boraussetzung geknüpft. dast die Meinungskämpfe sich dann in ruhigeren Bahnen abspielen und Gewalttätigkeiten vermieden wurden Wenn sich feine Erwartungen nicht erfüllen sollten, so sei er entschlossen, gegen Ausschreitungen ieder Art vor - zugehen. Die Erwartungen des Herrn Reichs Präsidenten haben sich, wie vorauszusehen war. nicht erfüllt. Man darf nunmehr erwarten, dast der Herr Reichspräsident, der parteitwlittsch nach keiner Seite hin gebunden ist, die Gefahr erkennt und jetzt seine Mastnahmen trifft."
Oie NSDAP. an den hessischen Innenminister.
Darmstadt 23. Juni. (WTB.) Der Mhrer der hessischen Nationalsozialisten Gauleiter Lenz hat wegen des erneuten Demonstrationsverbotes in Hessen an den hessischen Innenminister s o = wie an den Reichspräsidenten Emga-
spreche durchaus demSinnder letzten Vgtvero r d u n g d e r R e i ch s r eg terung uni> t^r klar erkennbaren Tendenz der Reichspvli» tik die auf Wiederherstellung der poli- ; rSon Freiheit der Staatsbürger gerichtet se5 Die Nationalsozialisten forderten, dast auch die hessische Regierung den aus den Maßnahmen der Reichsregierung erkennbaren Willen der Reichsregierung re s P e k ti e re und ihn nicht durch Maßnahmen sabotiere, die die Ausübung der den Rationalsozialiften wiedergege- benen Staatsbürgerrechte unmöglich mache. Ler Reichspräsident wird um ein unverzügliches Einschreiten gegen die Beschränkung der politischen Freiheit der Rationalsozialisten und zur Verwirklichung der Absichten der Relchsregle- rung auch in Hessen gebeten.
Oer Stahlhelm zum Oemonstrations- verbot in Hessen.
Der Landesverband Groß-Hessen des „Der Stahlhelm, D. d. F" hat am 24. Juni nachstehendes Schreiben an das hessische M i n i st e r i um des Innern m Darmstadt gerichtet:
Auf die Zuschrift vom 17. 6. hat der Landesverband bisher keine Antwort erhalten. Inzwischen hat der Landesverband aus Pressenachrichten von dem neuen D e m o n st r a t i o n s o e r b o t der hessischen Regierung Stenntnis erhalten. Es ist sehr bedauerlich, daß bei dieser Verordnung dem parteipolitisch nicht gebundenen Stahlhelm, der sich ausschließlich der Ertüchtigung und Wehrsportausbildung der Jugend widmet, ni ch t R echnung getragen wurde. — Wenn auch in Kürze mit einer Reichsnotverordnung zu rechnen ist, die dem Stahlhelm die nötiae Bewegungsfreiheit geben wird, so richtet der Landesverband Groß- Hessen nochmals an die hessische Regierung die dringende Bitte den unterstellten Kreisämtern und Polizeidienststellen sofort Anweisung zu geben, daß Aufmärsche des Stahlhelm, verbunden mit Wehrsportübungen, keinerlei einschränken, den Bedingungen unterliegen. Der Landes- führer: gez. Weiße."
Deuffchnationale ReichsWemgung.
Berlin. 25. Juni. (ERD.) Als Auftakt zum Wahlkampf veranstaltete die Deutschnationale Volkspartei in Berlin eine Reichsführertagung, statt eines Parteitages, der in diesem Jahre ausfallen soll. Der stellvertretende Parteivorsrhende und Vorsitzende der deutschnationalen Landtags- sraktion Dr. v. Winterfeldt, betonte, dast unsere Rot nicht in erster Linie eine Folge der Weltkrise sei. sondern unserer falschen Innen- und Außenpolitik. Deshalb müsse man A b k e h r v o n der Verständigungspolitik m 11 Frankreich und vom Staatssozialismus verlangen. Wenn wir auch manchs gute Wort vom Reichskanzler in Lausanne gehört haben, so waren wir doch tatsächlich niemals voll befriedigt. Er hat zwar Rein gesagt und erklärt, dast Deutschland nicht zahlen könne, aber das Wort, auf das wir warteten, dast wir auch nicht verpflichtet sind, zu zahlen, ist noch nicht gesprochen worden. Wir hoffen, dast diese Regierung noch dazu kommt, außenpolitisch die alten Forderungen zu erfüllen, die wir Deutschnationale immer gestellt haben, den W i - derruf derKriegsschuldlüge und damit die Entziehung des Bodens für den Versailler Vertrag. Don der Abrüstungskonferenz fordern wir die Rückgabe unserer Wehrhoheit. Das neue Kabinett hat zweifellos guten Willen und Männer, die von uns kommen: aber es ist ohne uns gebildet worden und nicht ganz homogen zusammengesetzt, wir haben Zweifel, ob
es stark genug sein wird. Der Reichsinnenminister und der Reichsjustizminister haben verfassungsmäßige Bedenken gegen i> ie Einsetzung eines St a a t s k o mm i s s a r s inPreusten. Wie man noch verfassungsmäßige Bedenken haben kann, gegen Preußen einzuschrei- ten, wenn hier täglich auf den Straßen die Toten liegen und Ruhe und Ordnung nicht mehr gewährleistet sind, dafür haben wir kein Verständnis Der Redner schloß mit einem Bekenntnis zur Wiederherstellung der konstitu- tionalenMonarchie.
Die austenpolitischen Bemerkungen des Vorsitzenden vertiefte dann Frhr. v. Freytagh- Loringhoven in einem ausführlichen Referat über die Außenpolitik.
Einen weiteren Vortrag über die Aufgaben des Staates für die Volksbildung hielt Professor W u n d t (Tübingen). Richt durch Massenbetrieb, sondern nur durch FörderungderPersön- l i ch k e i t forme die Bildung gedeihen. Der Redner setzte sich für entschlossenen AbbaudesDe- rechtigungswesens ein. Schmutz und Schund und alle Erscheinungen des Kulturbolschewismus seien mit wirksamen Mitteln zu bekämpfen, die großen deutschen Bildungsgüter in Religion, Wissenschaft und Kunst zu erhalten.
Eine Rede Hugenbergs.
Der zweite Tag wurde eingeleitet mit einer 1 programmatischen Ansprache des Parteiführers
Dr.Hugenberg, der zu^chst der Erwartung Ausdruck gab, daß durch dle neue eg 1 e* rung im Reiche, die die Deutschnationalen begrüßten, für die sie aber ketne QRtt Verantwortung trügen^ em grundsätzlicher Wandel geschaffen würde. Er warne die Negierung jedoch davor, den richtigen Augenblick ju verpassen, und fordere von ihrs ch a r f e sDu E rgreifen gegen die Widerstände, die sich ihr entgegenstellten. Es bestehe sonst die Gefahr einer Staats- und Präsidentenkrise. Als das Ziel dieses Wahlkampfes bezeichnete Dr. Hugenberg die Schaffung einer nationalen Mehrheit, bei der aber mit allem Rachdruck dafür gesorgt werden müsse, dast die Deutschnationalen in dieser Mehrheit ein starker Faktor seien.
Dr. Hugenberg ging dann auf das Verhältnis der Deutschnationalen zu den Rationalsozialisten ein, die durch die gleiche Volksidee verbunden feien; dem Rationalsozialismus fehle allerdings eine klare Staatsidee; er habe noch nicht Stellung genommen zu dem Problem „Republik oder Monarchie", wahrend zu der Haren Staatsidee der Deutschnationalen das Bekenntnis zur monarchischen Staatsform gehöre. Wenn die Deutschnationalen kein starker Faktor würden, bestehe die Gefahr, daß Rationalsozialisten und Zentrum zusammengingen, und dast im Grunde das fortdauern würde, was bisher das deutsche Geistes- und Wirtschaftsleben zugrundegerichtet habe. Ebenso bestehe dann aber auch die andere Gefahr der Alleinherrschaft der Rationalsozialisten. Aufgabe der Deutschnationalen sei es, beide Gefahren zu verhindern. Gegen das Zentrum müsse der Kampf mit besonderer Ent- schiedenheit geführt werden, da ihm in ers.«r Linie die Verantwortung für die ganze Entwicklung zufiele.
Als zweiter Redner beschäftigte sich Oberfinanzrat Dr. Bang mit dem Problem der Sozialpolitik. Dr. Bang stellte an den Anfang seiner Ausführungen den Grundsatz: „Zurück vom Sozialismus zum sozialen Gedanken". Pfarrer Wilms sprach über das Thema „Die Kirche im Kampf um die Nation", der Reichsjugendführer Landrat a. D. von Bismarck über „Partei und Jugend", v. Rohr- Demmin über „Wirtschafts- und arbeitspolitische Fragen". Inflationistische Pläne lehnten die Deutsch-
nationalen ab. Nur eine gesunde Wirtschaftspolitik ohne Inflation und die Beseitigung jeglichen Sozialismus seien die Mittel, die Arbeitslosigkeit au überwinden. Die wesentliche Sofortmaßnahme sei die Drosselung der agrarischen Einfuhren, für die fast restlos in Deutschland Ersatz vorhanden sei. Wo die Einfuhvdrosselung durch Zölle zur Zeit nicht möglich ist, müsse auf dem Wege der Kontingentierung, Devisenbewirtschaftung und an- derer Maßnahmen für deutsche Waren wirksamer Schutz geschaffen werden. Vizepräsident Graes- Thüringen schloß die Tagung.
Oer $al( Bomhard.
Metz, 25. Juni. (TA.) Die Verhaftung und Verurteilung des früheren reichsländischen Ober- forstrates vonBomhardzu einem Monat Gefängnis wegen angeblich unerlaubter Einreise in Lothringen findet bei der einheimischen Bevölkerung schärfste Zurückweisung. Die „Lothringer Volkszeitung", das große Metzer katholische Blatt, macht darauf aufmerksam, daß Herr von Bomhard im-Januar 1919 ausgewiesen wurde, zu einer Zeit also, da Elsast- Lothringen völkerrechtlich noch gar nicht z u Frankreich gehörte. Da ihm jetzt vom zuständigen französischen Konsulat d er S-i ch t v e r - merk zur Einreise erteilt worden war, habe er feine Reise im guten Glauben angetreten. Da er auf Anraten seines Verteidigers Berufung eingelegt hat, müsse man hoffen, daß die höhere Instanz den Zwischenfall kurzerhand aus der Welt schaffe. Auch in durchaus französisch eingestellten Kreisen seien „ungemein harte Urteile" über die Tatsache gefällt worden, daß Freiherr von Bomhard bei seiner Vorführung vor Gericht durch Handschellen mit einem bekannten Sparkassenräuber zusammengefesselt war. Von solchen Methoden wende sich das Volk mit Achselzucken ab.
Protest der Kriegsbeschädigten.
Der Verband der Kb. und Kh. in der Krie- gerkameradschaft „Hassia", Darmstadt, bittet uns, nachstehendes bekannt zu geben: Wegcm Der in der Rotverordnung vom 14. Juni 1932 erneut vorgenommenen Kürzung der
Sprechstunde im Llrwaw.
Aus den Erlebnissen eines Missionsarztes. - Untersuchung ist wichtiger als Heilung. - Ein König, der nicht lesen kann.
Der Missionsarzt Dr. Müller gab im „Deutschen Aerztevereinsblatt" wertvolle Mittckrungen über seine Tätigkeit in Ostafrika. Dreimal die Woche war er in seiner Missionsniederlassung zu sprechen. Je nach der Jahreszeit und den Witterungsverhaltnissen kamen 30 bis 60 Kranke in die Sprechstunde. Der Sitte gemäß werden die schwarzen Patienten mit der landesüblichen Umständlichkeit begrüßt, lange geht das höfliche Fragen nach dem häuslichen und persönlichen Ergehen hin und her. Schließlich muß der Doktor fragen: „W oran st i r b st d u ?", dann erst wird das Leiden, von sehr drastischen Gebärden und Lauten begleitet, aufs umständlichste, aber recht anschaulich erzählt. Jede Bewegung des Arztes bei der Untersuchung wird interessiert verfolgt. Selbst bei einer Beinverletzung muß das Hörrohr in Aktion treten, wenn der Kranke befriedigt sein soll. Nur wenn die erste Untersuchung überaus eingehend ist ist das Vertrauen des Patienten gewonnen. Selbst der ungünstigste Enderfolg wird dann ruhig hingenommen. Den Arzt trifft ja keine Schuld mehr, er hat ja fo schön und gründlich untersucht. Die Eingeborenen sind heute schon so aufgeklärt, daß sie mikroskopische Untersuchungen von Blut und Harn für selbstverständlich halten.
Besonders häufig sind auch in Ostafrika, wie bei uns, einfache Erkältungskrankheiten, Bronchialkatarrhe, rheumatische Beschwerden. Viel geklagt wird über Magenstörungen, wohl infolge der Ernährungsweise der Eingeborenen. Malaria und Tuberkulose sieht man gleichfalls häufig. Von besonderer Wichtigkeit ist die Lepra. In Ostafrika kommen noch immer auf 1000 Kranke fünf Aussätzige. Furchtbar
ist für unsere Begriffe die Kindersterblichkeit. Die Hälfte aller Kinder sterben durchschnittlich bereits im ersten Lebensjahre. Falsche Ernährung und mangelnde Pflege zusammen mit Malaria dürften die Ursache sein. Ein besonders reiches Arbeitsfeld blüht dem Chirurgen. ..
Er hat vernachlässigte Leistenbrüche von marchen- haftem Umfang, alle Arten von Geschwülsten, frhr viel Knocheneiterungen und durch die bekannte Ele- santenkrankheit angeschwollene Körperteile zu be- handeln. Diese Krankheit beruht auf Anschwellungen der Lymphgefäße und vergrößert dadurch die befallenen Körperteile derartig, daß sie, natürlich etwas übertrieben bezeichnet, einen elefantenähnlichen Umfang annehmen.
Sehr häufig sind auch die mannigfachen Augen- erkrankungen. Im modernen Afrika braucht auch der schwarze Lehrer ober Schreiber im Alter von 40 bis 50 Jahren seine Lesebrille. Sogar ein schwarzer König kam eines'Tages mit der Bitte um eine solche zum Missionsarzt. Glücklicherweise konnte sein Sekretär dem Arzte noch rechtzeitig ins Ohr flüstern, er dürfe den Hohen Patienten aber nicht mit d e r Lesetafel prüfen, denn der König könne nicht lesen.
Man muß sich allerdings bei allen diesen Betrachtungen klarmachen, daß der Neger eine durch und durch religiöse Natur ist und daher nur im Priester- arzt sein Arztideal erblickt. So verbohrt er auch im einzelnen durch Geister- und Aberglauben sein mag, so genau weiß er von dem Unleugbaren Zusammenhang von Leib und Seele.
Korellenwetier.
Don Ernst Rader.
Am letzten Freitag traf ich meinen Freund Albert. „Was machst du immer?", fragte ich, „man sieht dich gar ja gar nicht mehr am Stammtisch!"
„Mir sind diese ewigen Saufereien zuwider", sagte er. „Man hat nichts davon, als am andern Tag einen blöden Kopf. Und außerdem fetzt man Fett an und verkalkt allmählich. Du dürftest auch etwas für deine Gesundheit tun, mein Lieber; du hast den Winter mindestens zwanzig Pfund zugenommen."
„Was tust du denn für deine Gesundheit?" fragte ich interessiert.
„Ich? Ich treibe Angelsport."
„Nanu? Da wird man ja noch dicker!"
„Ja, wie du das verstehst: am Ufer hocken, die Strippe ins Wasser hängen und den Wurm haben. Nein, mein Lieber: ich sagte Angelsport! Das ist was anberes. Ich habe ba braußen bei Hinterniederweilerbach einen Forellenbach gepachtet — weißt du was: komm morgen mit hinaus! Abfahrt ein Uhr dreißig. Für Verpflegung und Schlafgelegenheit ist gesorgt — es wird dir sehr gut tun, einmal anderthalb Tage im Freien zuzubringen."
Ich war sehr neugierig. Um ein Uhr zwanzig war ich auf dem Bahnhof, um ein Uhr achtundzwanzig erschien Freund Albert in voller Kriegsausrüstung und um ein Uhr dreißig fuhren wir los. Wir stiegen dreimal um, fuhren vier Stunden und während dieser vier Stunden hielt mir Albert einen sehr interessanten Vortrag über Sportfischerei im allgemeinen und Forellenfischerei im besonderen. Es war viel von künstlichen Fliegen die Rede, die fast jede Woche an- ders aussehen müssen, weil die Forelle sich genau nach dem Kalender richtet und am 14. Juli das Insekt, das sie am 13. noch mit Behagen gefressen hat, aufs tiefste verachtet. Es war von gesplißten Gerten die Rede und von Rollen und Seidenschnur und Seidenwurmdarm, und vor allem davon, daß man beim Forellenangeln ständig in Bewegung sein müsse was insbesondere der Gesundheit zuträglich sei Ich habe nicht alles behalten können, weil ein zu großes Gedränge in den Wagen war und die Säuglinge zu laut schrien, aber es war außerordentlich interessant und bildend.
Als wir endlich ausftiegen, hatten wir noch anderthalb Stunden zu gehen. Ich durfte Alberts Rucksack und Wasserstiefeln tragen, weil ich doch abmagern sollte. Rucksack, wenn er schwer bepackt ist und Wasserstiefeln find schweißtreibend. „Natur-
lief) geht es heute noch an den Bach", sagte Albert auf meine Frage. „Am Abend ist die beste Zeit auf Forellen. Gerade an solchen warmen Abenden wie heute habe ich meine besten Resultate erzielt!" Ich freute mich herzlich daraus, denn da war doch Aussicht, daß ich wenigstens die Wasserstiefel losbekam; die mußte Albert zum Angeln natürlich anziehen.
Kurz nach sechs Uhr trafen wir in Hinterniederweilerbach ein. Ein nettes Dorf, muß ich sagen, und ein nettes Wirtshaus. Besonders, wenn man anderthalb Stunden auf der staubigen Landstraße gegangen ist. „Du wirst müde sein", sagte Albert als wir im Wirtshaus gelandet waren. „Ich bin kein Unmensch. Rasten wir eine halbe Stunde. Die Forellen laufen mir nicht weg. Außerdem haben wir heute Vollmond, und bei Vollmond erziele ich immer meine besten Resultate."
Wir rasteten also „eine halbe Stunde". Wir saßen sehr hübsch auf einer überdachten Veranda, und der Wein, den der Wirt von Hinterniederweilbach ausschenkte, war ausgezeichnet. Und die Wurst delikat. Albert traf auch gleich einen Bekannten, einen Mann mit einem riesigen Vollbart, den er mir als den Herrn Oberförster vorftellte. Nach einer Viertelstunde waren wir bereits in der besten Unterhaltung, das beißt, wir spielten Skat: der Dberförfter, der Wirt, Albert und ich. Ich hatte zwar erst Bedenken wegen der Forellen, aber Albert meinte, am Abend sei es doch nichts rechtes, aber morgen in aller Frühe, da ginge es los. In der Frühe, da hätte er immer die besten Resultate gehabt.
Gegen ein Uhr gingen wir schlafen, weil der Oberförster nach Hause gehen mußte. Ich hatte ein kleines Mansardenzimmer, und unter dem Fenster ein großes Froschkonzert. Frösche sind ekelhaft, wenn sie quaken. Und sie quaken immer, denn seit der selige Aristophanes eine Komödie über sie geschrieben hat, sind sie riesig eingebildet und halten sich für die besten Sänger der Welt. Manche unter ihnen sogar für Tenöre. Aber schließlich kann man auch bei einem Froschkonzert einschlafen, und ich tat es.
Albert hatte mir als wir uns trennten, mitgeteilt, er würde beim ersten Morgengrauen an meiner Türe klopfen. Als ich erwachte, weil die Hühner einen furchtbaren Spektakel machten, war es neun Uhr. Ich war sehr ärgerlich. Run hatte ich richtig das Klopsen nicht gehört, und Albert erzielte seine besten Resultate ohne mich. Aber auch der verärgerte Mensch muß frühstücken, und als ich mich über die Butter und die Eier und den Schinken hermachte, erfuhr ich, daß Albert keineswegs beim ersten Morgengrauen zum Angeln aus
gezogen war, sondern noch ruhig und friedsam in den Federn liege. Hm zehn Hhr kam er denn auch. Etwas mißgelaunt, wie mir schien. Er sah zunächst einmal nach dem Wetter und nach der Wetterfahne auf dem benachbarten Kirchturm. „Richts versäumt!" sagte er bann. „Keine Wolke am Himmel, Ostwind — da beißt keine Forelle. Ra — mittags wenn es erst wieder ordentlich heiß ist, läßt sich das leicht einbringen, was in der Früh' versäumt wurde. Mittags, gerade bei der größten Hitze, habe ich immer meine besten Resultate erzielt."
Wir frühstückten also bis zum Mittagessen, wobei ich wieder eine Vorlesung über Forellenangeln erhielt, eine interessante Vorlesung, die der Wirt noch aus dem reichen Bom seiner Erfahrungen ergänzte. Als wir eben aufbrechen wollten, um an den Bach zu gehen, kam der Oberförster. Rach einer halben Stunde sahen wir wieder beim Skat. Albert verschob das Angeln auf den Rachmittag — vielleicht kam ein Gewitter, und beim aufziehenden Gewitter hatte er immer die besten Resultate erzielt. Hm sieben Hhr mußten wir aufbrechen zur Dahn. Der Wirt brachte gerade, als wir uns zusammenrichteten, in einem Korb ein hübsches Dutzend Forellen, die sein Junge für Albert gefangen hatte. Schöne Forellen. „Erzielst du deine besten Resultate immer um diese Zeit?" fragte ich Albert. Er sah mich wütend an; der Oberförster feixte, der Wirt lachte, während er die Forellen in den Rucksack Alberts packte. Ich durfte wieder Rucksack und Wasserstiefel anderthalb Stunden tragen, und wir waren rechtschaffen müde, als wir die vier Stunden stehend in den verschiedenen Zügen zugebracht Hattern die uns und eine Menschenmenge, die an die Völkerwanderung erinnerte, nach Hause beförderten. Ich fand, daß Albert recht hatte, und daß der Angelsport anstrengend sei.
Ob aber auch gesund?
Heute lief mir Albert in die Hände. Er sah nicht gut aus, hatte ein blaues Auge und einige merkwürdige Schrammen im Gesicht.
„Warst du auch mit in dem Komplott?", knurrte er mich an.
»In welchem Komplott?"
„Ra, stell' dich nur nicht so unschuldig! Du hast doch den Rucksack auf dem ganzen Rückweg getragen!“
„Allerdings. Aber — ich verstehe dich nicht! War etwas mit dem Rucksack?"
„Natürlich war etwas mit dem Rucksack! Die Halunken in Hinterniederweilerbach haben mir statt der Forellen grüne Heringe eingepackt. Ra — du kennst ja meine holde Gattin! Wie sie diese „Forellen" ausgepackt hat — ich danke! Dabei hat mir der Gauner, der Wirt, zehn Mark für seine stinkenden Heringe abgenommen! Hast du denn wirklich nichts gerochen?"
Rein. Ich hatte wahrhaftig nichts gerochen. Aber vom Angelsport habe ich trotzdem die Nase voll.
Ein einträgliches Röntgenbild.
In der Zeit der Hochkonjunktur für Schotten- Witze ist die Geschichte von dem Schotten allgemein bekannt, der immer eine Fliege bei sich hatte. Er geht in ein Restaurant, bestellt sich Bier, trinkt es leer bis zur Reige und läßt in den Rest die Fliege fallen. Dann ruft er entrüstet den Kellner, der, wenn er die Fliege im Bier sicht, sofort das Glas nimmt, um ein frisch gefülltes mit vielen Entschuldigungen zurückzubringen. Dieser Trick genügt eben nur einem Schotten. Die Amerikaner legen für solche Dinge einen ganz anderen Maßstab an. In Ghikago hatte ein Mann namens Bodin in einem Restaurant mit dem Essen eine Küchenschabe verschluckt. Er ging darauf sofort zum Arzt und lieh sich von feinem Magen eine Röntgenaufnahme machen, auf ber man ganz verschwommen die Hmrisse einer Schabe erkennen konnte. Jetzt beschloß Do- din, sich in allen Restaurants von Ehikago ein Vermögen zusammenzuessen. Täglich ging er in ein anderes Restaurant, um zu speisen. Rach Beendigung der Mahlzeit schlug er regelmäßig Lärm und behauptete, eine Küchenschabe verschluckt zu haben. Entrüstet wiesen die Gastwirte diese Behauptung zurück und der Gast stand auf vom Tisch und ging zum Richter, wo er auf Schadensersatz klagte und zum Beweis für seine Behauptung das Röntgenbild vorlegte. Die Wirte ließen es meist nicht auf ein Urteil ankommen, sondern zahlten freiwillig einen Betrag, damit die verschluckte Schabe auch verdaut werden könne. Als endlich ein Restaurateur eine genaue polizeiliche Untersuchung durchsetzte und der Trick aufgeklärt wurde, hatte Bodin schon rund tausend Dollar verdient. Sehen Sie. das ist ein Geschäft.
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