Ausgabe 
26.11.1932 Frühausgabe
 
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Aus der provinzialhaupistadt

schärfer herausgestellt werden. Die Teilnehmer der WeihnachtS-Ausstellung waren bisher zum weitaus größten Teil nur Maler. Es ist dieses Jahr zum erstenmal der Versuch gemacht worden, ein möglichst umfassendes Bild der gesamten künstlerischen Betätigung in Oberhessen zu geben. Aus diesem Grunde ist auch die Architektur mit hineingenommen worden, wenn auch nicht zu er­warten war, daß das Bildmaterial sehr reich­haltig sein würde. Es ist im letzten 3ahre wenig gebaut worden, und da wir zudem die in Gießen errichteten Gebäude als bekannt voraussetzen durften, sind nur einige Arbeiten aus anderen Städten eingereicht. Dieser bescheidene Anfang einer (Zahresschau sollte uns aber nicht hindern, das neue Thema sestzuhalten, wSnn zunächst auch mit etwas unzulänglichen Mitteln.

Dieser Gedanke hat gleichzeitig Veranlassung dazu gegeben, daß der Charakter des Ausstellens sich geändert hat. Es werden nicht mehr, wie bisher, die Künstler bzw. Künstlerinnen geschlossen gezeigt, sondern die Arbeiten sind zu bestimmten Gebieten zusammengelaht worden, z. B. Porträts, Landschaften, Städtebilder, Stilleben, Graphik usw. Wir glauben dadurch die Beurteilung der künst­lerischen Leistung fördern und damit auch leichter ein Urteil über das Gesamtniveau geben zu können.

3m Grunde soll aber darum der Gedanke der Künstlerhilfe bei dieser Ausstellung nicht zurück­treten, sondern er bedarf gerade in der heutigen Zeit ganz besonderer Betonung. Der Kunstverein bittet deshalb seine Mitglieder und Freunde, diese Ausstellung recht zahlreich zu besuchen, für sie zu werben und dabei den sozialen Gedanken dieser Veranstaltung nicht zu vergessen.

SchlachtsteuerinHeffenabl.Oezember.

Stadtrats-Sihung.

Der Gießener Stadtrat trat gestern nachmittag zu einer kurzen öffentlichen Sitzung im Stadthaus Bergstraße zusammen. Anwesend waren Oberbürgermeister Dr.Keller, die Bür­germeister Dr. S e i b und Dr. Hamm, Beigeord­neter Iustizrat Dr. Rosenberg und 30 Mit­glieder des Stadtrats.

Dor Eintritt in die Tagesordnung erhob Stadt- ratsmitglied Kästner (Komm.) Protest, weil der von ihm in der vorigen Sitzung eingereichte Winterhilfe-Antrag der Erwerbslosen nicht aus die Tagesordnung dieser Sitzung gesetzt worden sei. Oberbürgermeister Dr. Keller ant­wortete. daß der Wohlfahrtsausschuß diesen An­trag mittlerweile beraten und ihn zur weiteren Erledigung dem Finanzausschuß überwiesen habe; nunmehr müsse sich erst der Finanzausschuß da­mit beschäftigen. StadtratSmitgliedM a n n (SPD.) ersuchte, bei dieser Gelegenheit auch einen Win­terhilfe-Antrag der SPD. mit zu beraten.

Unter dem Vorsitz des ältesten Stadtratsmit­gliedes Reiber wurde sodann über die Rech­nung der Sta.dtkasse für das Rech­nungsjahr 1 929 und über die Riederschla- gung uneinbringlicher Ausstände dieses Rech­nungsjahres beraten. Die Rechnung für 1929, die in der Betriebsrechnung mit 6 034 617,50 Mark in Einnahme und mit 5 774 529,03 Mark in Aus­gabe, in der Dermögensrechnung mit 4 078 043,93 Mark in Einnahme und mit 3 889 197,74 Mark in Ausgabe abschließt, wurde gegen die Stimmen der beiden Kommunisten genehmigt, nachdem über Kreditüberschreitungen infolge von Bauten und Strahenarbeiten usw. kurz Aufschluß gegeben war und diese Ueberschreitungen Billigung gefunden hatten. Der Riederfchlagung uneinbringlicher Lmsstände wurde einstimmig zugestimmt.

Bürgermeister Dr. Hamm teilte in einer kur­zen Erklärung namens der Stadtverwaltung noch mit, 'daß die Behauptungen, die Keller in der neuen Schule in den Eichgärten ständen voll Wasser, vollkommen unwahr seien, die Keller sich vielmehr in durchaus trockenem Zustand bo> finden.

3m Anschluß an die öffentliche Sitzung fand noch eine kurze nichtöffenlliche Beratung statt.

Oberhessischer Kunstverein.

Dom Oberhessischen Kunstverein wird unS ge-

Das hessische Gesamtministerium hat durch Ver­ordnung vom 9. November, die heute im hessischen Regierungsblatt erscheint, mit Wirkung vom 1. Dezember ab eine Schlacht st euer und eine Ausgleichsabgabe für die Einfuhr von Fletsch verordnet. Die Schlacktsteuer wird von allen Schlachtungen von Rindvieh, Schweinen und Schafen, die Einfuhrabgabe vom Fleisch der genannten Tiere sowie von der Einfuhr von Fleisch- und Wurstwaren aller Art erhoben. Per­sönlich steuerpflichtig ist, wer die Schlachtungen auf seine Rechnung und Gefahr vornimmt, oder vor­nehmen läßt. Für die Einfuhrabgabe ist der Emp­fänger steuerpflichtig. Die Schlachtsteuer, deren Sätze im wesentlichen den bereits mitgeteilten ent- sprechen, bringt für Hausschlachtungen eine beson­dere Ermäßigung. Außerdem sind in der Verord­nung noch weitere besondere Ermäßigungen vor­gesehen. In der Verordnung wird ausdrücklich

schrieben:

Sonntagmorgen beginnt die letzte diesjährige Ausstellung des Kunstvereins. Diese Weihnachts­ausstellung hatte bisher den Untertitel: Künstler- Hilfe. Wenn wir sie jetzt3ahresschauOber- hessischer Kunst" genannt haben, so verliert sie damit nicht ihren Charakter als Künstler - , Hilfe, sondern es soll das eigentliche Thema I darauf hingewiesen, daß die Schlachtsteuer dem

9er Slraßenbahnverkehr Gießen-Wieseck

Am kommenden Dienstag wird der Straßen- bahnverkehr zwischen Dietzen und Wieseck planmäßig ausgenommen werden. Die Wagen verkehren nach dem in un­serem heutigen Anzeigenteil veröffentlichten Fahrplan zunächst bis zum Endpunkt der jetzt fertiggestellten Strecke unmittelbar vor Wieseck. Die Erweiterung des Derkehrs innerhalb von Wieseck wird sofort nach Fertigstellung der gegen­wärtig im Dau befindlichen Linie erfolgen.

Die Einwohnerschaft von Wieseck wird nun nach jahrelangen Bemühungen die Möglichkeit haben, in bequemer Weise mit der Straßenbahn nach Dietzen und von dort wieder nach ihrem Heimatorte zurückfahren zu können. Diese Der- kehrsverbesserung ist für die Bevölkerung von Wieseck ein besonders denkwürdiger Markstein in der Entwicklung i^res Ortes, denn es ist ernsthaft nicht zu b.streiten, daß das neue Ver­kehrsmittel auch auf u.e Entwicklung des Wie- secker Gemeinwesens einen weitreichenden pro­duktiven Einfluß haben wird. Die grundlegende Veränderung der Verkehrsverhältnisse von Wie­seck wird auch darin zum Ausdruck kommen, datz vom nächsten Dienstag ab nach 3nbetriebnahme der Straßenbahn

der verkehr der Kraftomnibusse der Reichsposl zwischen wieseck und Gießen eingestellt

wird. Rach einer Vereinbarung, die gestern beim Kreisamt in Verhandlungen unter der Leitung von Oberregierungsrat Ritzel zwischen Vertre­tern der Reichspost, der Reichsbahn und der

Gießener Slrahenbahnverwaltung abgeschlossen wurde, werden künftig die Kraftomnibusse der Reichspost nur noch im Pendelver­kehr zwischen Wieseck und Alten- D u s e ck Verwendung finden, für den Verkehr zwischen Wieseck und Dietzen aber nicht mehr in Betracht kommen. Auf Grund dieser Vereinbarung wird die Bevölkerung von Alten- Duseck vom Dienstag ab Llmsteige-Fahr- scheine lösen, die zur Fahrt nach Dietzen von Wieseck ab die Benutzung der Stra- tzenbahn und umgekehrt zur Fahrt von Wie­seck nach Alten-Buseck die 3nanspruchnahme des Kraftomnibusses gestatten. Die einzige Reuerung für die Alien-Busecker Verkehrsgäste wird also nur darin bestehen, daß sie in Wieseck vom Omnibus in die Straßenbahn bzw. von der Straßenbahn in den Omnibus umsteigen, ohne neue Fahrscheine lösen zu müssen. Die Verrech­nung des Fahrpreises werden die beiden be­triebsführenden Verwaltungen, Straßenbahn und Deichspost, untereinander vornehmen.

Der verkehr der Kraftomnibusse nach und von Alten-vuseck

wird vom Dienstag ab nach folgendem Fahr­plan durchgeführt: (w Werktags): Don Wie­seck nach Alten-Buseck: 6.05; 6.52; 11.30; 13.15; 18.00; 19.00 Ähr. Don Alten-Buseck nach Wieseck: 6.35; 7.10; 11.50; 13.40; 18.25; 19.25 Uhr. Die Kraftomnibusfahrten haben stets Anschluß an die Stratzenbahnwagen von bzw. nach Gießen.

Hessen-Kalender 1933.

3m Verlage des Hessischen Verkehrsverbandes in Darmstadt ist jetzt der Hessen - Kalender 1 9 3 3 erschienen. Die bisherigen Werbekalender dieser Art haben mit dem neuen Druckwerk eine eindrucksvolle Fortsetzung gefunden. Für das Hessenland, insbesondere auch für unsere Provinz Oberhessen, wird dieser Wandkalender beim reise­lustigen Publikum, aber auch bei den Hessen in allen Teilen des Reiches und darüber hinaus ein guter Fürsprecher und Werber sein.

3n dem neuen Kalender kommt unsere Provinz Oberhessen, dank guter Zusammenarbeit der ver­schiedensten Verkehrswerbestellen mit dem Hessi­schen Verkehrsverband, erfreulicherweise besser zur Geltung, als in dc früheren Kalenderwerken. Das Titelbild zeigt eine junge Däurin in ober- hessischer Tracht und gibt dadurch, nachdem bei den früheren Ausgaben Starkenburg und Rhein­hessen das »Gesicht" des Kalenders bestimmt hat­ten, das Charakteristikum der Provinz Oberhessen an bevorzugtester Stelle wieder. Auf den Abreiß- blättern findet man in guten Bildern die verschle­udert sten Gegenden der Provinz Oberhessen ver­zeichnet. Es sind hier zu vermerken: Bad Salz­hausen, Gießen, Dad-Rauheim. Vogelsberg Friedberg, Butzbach. Lahntal, Schlitz, Laubach, Lich, Bad Vilbel, Schiffenberg, Alsfeld, Grün- berg, Münzen berg, Ridda, Hüttenberger Braut­paar, Kloster Arnsburg, Wetterau, Schloß Bin­genheim und Winterbilder vom Vogelsberg. Zahl­reiche Plätze unserer Provinz sind mit mehreren Bildern vertreten. Daneben kommen aber auch die verschiedensten Gegenden Starkenburgs und Rheinhesserrs gebührend mit schönen Bildern zur Geltung. Allenthalben begegnet man bei der rei­chen 31luftration des Kalenders reizvollen Aus­schnitten aus der hessischen Heimat; Landschasts- , aufnahmen wechseln mit Bildern von historischen Bauten, Denkmälern, modernen Bauwerken, Stra- I

ßenbildern usw. ab. Während bei den früheren Hessen-Kalendern unter den Bildern historische Rotizen zu finden waren, die aber im allgemeinen wenig Anklang fanden, enthält der Hessen-Ka­lender 1933 insofern eine begrüßenswerte Steue­rung, als er bei jedem Dildschmuck einen kurzen orientierenden Text zu dem Bild oder Ort bringt Dadurch wird dem Wunsche des Publikums, an- Hand des Kalenders die wichtigsten Ausschlüsse zur Orientierung für Besuchsreisen zu erhalten, Rechnung getragen. Sicherlich werden die Freunde landschaftlicher und städtebaulicher Schönheiten, deren unsere Provinz Oberhessen wie auch das Hessenland eine große Zahl besitzt, diese lebendige Ausgestaltung des Kalenders begrüßen; ferner wird aber auch den Hessen in der Feme die Schön­heit ihrer Heimat nicht nur durch das Bild, son­dern auch durch das Wort wieder in Erinnerung gerufen.

Als ganzes gewertet verdient der neue Hessen- Kalender wegen seiner sorgsamen Materialzu­sammenstellung und feiker geschmackvollen und drucktechnisch hervorragei den Ausführung volle Anerkennung. Das gediegene Kalenderwerk ist nicht nur ein ausgezeichnetes Werbemittel für den Fremdenverkehr, sondern auch ein wertvolles Geschenk für den Weihnachtstisch. Der Preis von 1,50 Mark ist so niedrig bemessen, datz jedermann Käufer dieses Kalenders sein kann. Der Hessische Derkehrsverband hat sich mit der Herausgabe dieses neuen Hessen-Kalenders ein neues Ver­dienst um die Förderung der hessischen Derkehrs- interessen und um die Vertiefung der Heimat­liebe bei allen Hessen in der Fremde erworben, die Brühl sche Druckerei in Gießen, die den Ka­lender im Druck und in der Buchbinderei aufs sorgsamste hergestellt hat, ist dem Derkehrsver- band bei diesem Werk eine gute Helferin ge­wesen. (426)

Verbraucher nicht gesondert neben dem eigentlichen Verkaufspreis in Rechnung gestellt werden darf.

Vornottzcn.

Aus dem Etadttheater-Dureau wird uns geschrieben: Morgen, Sonntag. 11 Uhr, Feier des 3ubiläums der 25jährigen Spielzeit de- Stadttheaters. Große 3ubiläums-Fest-Vorstel­lung des gesamten Ensembles unter der Leitung des 3ntenZ>anten in Form eines szenischen Querschnittes der markantesten Szenen unserer bedeutendsten Ausführungen lDatterich, Der Hauptmann von Köpenick, Elisabeth von Eng­land, Ggmont, Wilhelm Teil); außerdem Or- chestervvrträge des Orchestervereins Gießen un­ter Leitung von Universitätsmusikdirektor Dr.Le­rn e s v a r y. Oberbürgermeister Dr. Keller und 3ntenbant Dr. Prafch werden in Ansprachen

auf die Dedeutung des Tages Hinweisen. Ende der Fest-Dorstellung nach 13 Uhr. Um 18.30 Uhr zum letztenmal und zu ermäßigten Operettenprei­sen: ,Äe Toni aus Wien", Operette von Etes- fan; Leitung: 3ntendant Moehl Bäulke. Fremdenvorstellung. Ende 21 Uhr. Um 22 Uhr mit vollständig neuem Programm unter der Lei­tung von Wolsgang Kühne zu ganz kleinen Preisen: »Rachtkabarett"; Ende 24 Uhr. Diens­tag, 29. Rovember. 20 Uhr: .Heber unsere Kraft". Ende 22.15 Uhr. Gewöhnliche Preise. Mittwoch, 30. Rovember, zum erstenmal Grill­parzers Lustspiel: .Weh dem, der lügt", als 8. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement. Frei­tag, 2. Dezember, 9. Vorstellung im Freitag- Abonnement Wiederholung unseres Operetten- schlagerS:Peppina". Spieldauer von 20 bis 22.30 Uhr. Operettenpreise.

Geschichten ans aller Welt.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Das Weinberg°Ge,pcn»l

(v. Gss.) Madrid.

Zn der Nähe des Dorfes Mercadillo, nahe bei Ronda, hat sich ein weißgekleidetes Gespenst in einem Weinberg eingenistet. Die einige hundert Köpfe zählende Einwohnerschaft lebte während der ersten Igge dieser Erscheinung in Furcht und Sorge, da die Kinder, deren Schulweg an jenem Weinberg vorbeiführt, erzählten, das Gespenst lauere ihnen auf dem Weg mit einem großen Messer bewaffnet auf und nehme ihnen das Frühstücksbrot weg. Als man aber sah, daß der Geist mit dieser Verhältnis- mäßig geringen Abgabe zufrieden war und sonst keinen Unfug trieb, gewöhnte man sich daran, und die ganz Schlauen meinten, man hätte durch das Gespenst eigentlich einen recht preiswerten Feld- Hüter bekommen. Diese freundliche Stimmung schlug nun in diesen Tagen plötzlich um, da das über­natürliche Wesen auf den Gedanken gekommen war, den Kindern auch das Nachmittagsbrot wegzuneh- men. Das war den guten Bauern Denn doch zu viel. Wenn wir auch das dulden, dann kommt er näch­stens und will noch ein richtiges Abendesten", so raunten sie einander zu und beschlossen, dem Ge­spenst den Krieg zu erklären. Trotz aller Schläue konnten sie es rfber bis heute noch nicht fangen: es ist spurlos verschwunden. Im Nachbardorf aber wundert man sich über das gute Aussehen und das verschmitzte Lächeln des Dorfdeppen.

Das Glöckchen des Eremiten.

(H.) Wien.

Die Wiener Polizei war fuchsteufelswild. Ta- fchendiebstähle und wieder Taschendiebstähle wurden gemeldet. In wenigen Tagen gab es über hundert Anzeigen, vierundzwanzig Stunden später waren es schon 230. Kein Zweifel, eine neue Bande muhte auf Wien losgelösten worden fein. Und wie die Kerle arbeiteten! Keiner der Bestohlenen hatte die blasseste Ahnung, wie ihm die Börse abhanden ge­kommen war. Kein Gedränge, keine Straßenbahn und dennoch plötzlich war sie weg. Wie durch Zauber fortgeblafen. Nur wenige Personen er­innerten sich an einen eleganten dunkelhaarigen Herrn, den die Polizei zu kennen glaubte. Kurz entschlossen nahm sie bei'Franz Klayn eine Haus­suchung vor. Er wohnte in der Brigittenau sehr zurückgezogen, ein freiwilliger Einsiedler in der Großstadt. Was die Beamten entdeckten, war eine Sensation und ließ ihre Herzen hüpfen. Sie tra­fen Klayn beim Unterricht, den er jungen streb­samen Schülern gab. Er war nämlichProfessor" geworden und hatte eineHochschule" eingerichtet. Eine einsame, sehr stille und einzigartige Hochschule. Für Taschendiebe nämlich. Mit der Würde des Mei­sters las er über die Theorie seines Gegenstandes. Er hatte aber auch ein Seminar fürpraktische Hebun­gen". An der Wand hing ein Rock mit zahllosen verborgenen Glöckchen. Glöckchen, die sofort mit sil­bernen Sümmchen läuteten, wenn der Rock auch nur leise, wie von einem Windhauch, bewegt wurde. Aus der tiefsten Tasche dieses Rockes mußten die Schüler die Brieftasche ziehen lernen. Das Training war mühevoll und nicht feiten außerordentlich schmerzhaft. Denn der Herr Professor verteilte un­barmherzige Kopfnüsse, sobald ein Glöckchen er­tönte. Er hatte natürlich Kurse für Anfänger und für Fortgeschrittene eingerichtet und ließ fid) Hono­rare zahlen, wie sie eben nur berühmte Speziali­sten verlangen dürfen. Anfänger begannen mit einem Glöckchen. Fortgeschrittene mußten schon bei zehn Schellen geräuschlos arbeiten. Es gab lange und bestürzte Gesichter, als der Meister so vom Katheder herab verhaftet wurde und die Schar seiner Schüler ihm in den grünen Wogen der Po­lizei folgen mußte.

DieFrau im Hermelin".

(avk.) Budapest.

Jean Gilbert hat einmal vor Jahren eine erfolg- reiche OperetteDie Frau im Hermelin" geschrie­ben. Nun tauchte in Budapest eine zweiteFrau im Hermelin" auf. Nicht auf der Operettenbühne, sondern in der Oper. Allerdings nicht an der Rampe, sondern im Zuschauerraum, bei einer Erst­aufführung von Richard Strauß. Aber einen ge­wissenErfolg" konnte auch die Epigonin verbu­chen ... Sie kam zu spät, die Frau Gräfin P. aus Rom. Und wurde genötigt, den ersten Akt der Oper stehend über sich ergehen zu lassen. Richtiger: Sie sollte es tun. War jedoch musikalisch genügend ge­bildet und wußte, daß der besagte erste Akt knappe fünfviertel Stunden dauert. Das ging zu weit. Man kann ooneiner temperamentvollen italienischen Gräfin nicht erwarten, daß sie fünfviertel Stunden lang auf ihren Sperrsitz wartet. Trotz aller Liebe zu Richard Strauß nicht. Und die Frau im Herme- (in in der Budapester Oper hat sich deshalb schlicht hingesetzt. Aus das Parkett des Zuschauerraums. Mit ihrem großen Abendkleid und dem noch größe­ren Hermennmantel. Eine Weile später legte sie sich auf den ausgebreiteten Hermelinmantel. Und erzielte einen nicht unansehnlichen Heiterkeitserfolg. Die Gefahr bestand, daß die auf Hermelin gebet­tete Gräfin bald mehr Zuschauer haben könnte als die Schauspieler auf der Bühne. Also wurde der Frau im Hermelin ungeachtet der einschlägigen Po- Isizeivorschrift doch ein Sessel gebracht. Die Premiere hatte übrigens trotz des seltsamen Hermelin-Zwi­schenspiels keinen Erfolg ...

Das Familicn-Alvum.

(rt) Berlin.

Herr Oskar P. hatte einen schweren Beruf: er war Erbonkel. Eigentlich besaß er alles, was sogar ein anspruchsvoller Mensch sich nur wünschen kann: eine Villa mit riesigen Gartenanlagen und einen idyllischen Teich darin, und auch eine Luxuslimou- sine. Aber außer diesen Dingen, um diese Dinge herum undvielleicht" nur wegen dieser Dinge hotte er (wie alle Erbonkels) einen unendlichen Schwarm

von liebevollen Verwandten. Sie erkundigten sich täglich, fast stündlich nach seinem Befinden, mal telefonisch, mal brieflich, und gar nicht selten ge­schah es, daß sienur so im Dorübergehen" bei ihm vorsprachen.

Erbonkel Oskar ging seinem 70. Geburtstag ent­gegen. Die lieben Verwandten zerbrochen sich den Kopf, um etwas Originelles und dabei nicht zu Teures zum Geschenk herauszufinden. Da eines Tages atmeten alle auf. Onkel Oskar hatte ge­ruht, feinenLieben" ein Briefchen zufliegen zu lassen, das seinen Wunsch zum 70. Geburtstag ent­hielt.Ich hoffe, daß es Euch nicht schwer fallen wird", schrieb er,mir recht vorteilhafte und tref­fend ähnliche Konterfeis von Euch allen zu über­reichen, vielleicht wenn ich einen speziellen Wunsch äußern darf eingereiht, hübsch nach dem Datum und der Generation, in ein nettes Album. Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich Darüber freuen mürber

Hurra! Onkel Oskar merkt endlich, was für liebe Menschen wir doch sind! dachte die Verwandtschaft und strahlte. Sein Familiensinn ist durch unser eif­riges Bemühen geweckt worden. Natürlich soll sein Wunsch in Erfüllung gehen!

Als der Tag gekommen war und Onkel Oskar früh morgens zu feinem Frühstückstisch ging, konnte er zunächst vor lauter Blumen das weiche Ei nicht finden, das sein täglicher Morgengruß war. Und bann kam ein Diener mit gemessenen Schrit­ten auf ihn zu unb überreichte ihm das Fomilien- album! Onkel Oskar blätterte unb nickte befriedigt. Jeder einzelne war zu erkennen, auf den ersten Blick. Er läutete seinem Portier unb setzte sich in Positur.Riemper', sagte er zu dem (Eingetretenen, schauen Sie sich die Personen, die in diesem Buch da abgebildet sind, ganz genau an. Prägen Sie sich die Fratzen gut ein, daß ße ja keine vergessen. Wenn Sie mir auch nur noch einen einzigen von diesen Menschen über die Schwelle meines Houses lassen, dann ist es um Sie geschehen! Verstanden?"

Klemper blinzelte verständnisvoll zu seinem Herrn hinüber und verschwand. Onkel Oskar lebte von diesem Tage an in ungestörter Ruhe und genoß seinen Lebensabend.

Wohingegen die Verwandten ...

Der kluge Esel.

(w.) Neuyork.

In Washington ist vor einiger Zeit einer der vielen amerikanischen Multimillionäre, ein Mann namens Gaetz, gestorben. Die Zeitungen beschäftig­ten sich in langen Artikeln mit feinem Tode. Nicht deshalb, weil er Millionär war denn das ift hier nichts Besonderes. Sondern der Art und Weise we­gen, wie er zu dem vielen Gelde kam.

Das ist tatsächlich eine sehr merkwürdige Ge­schichte, deren Held noch dazu ein Esel ift. Ein rich­tiger Esel, grau, mit struppigem Fell, genügsam unb störrisch wie alle anderen. Dieses Tier gehörte dem Mr. Gaetz, als er noch jung war, und dieser Besitz zeichnete ben jungen Abenteurer, der sonst nie einen Cent in ber Tasche hatte, vor seinen brei Kollegen aus, bie nicht einmal über einen Esel verfügten.

Die Vier mit bem Esel waren es fünf wan- berten, wie bas bamals so üblich war, über ben Kontinent unb warteten auf bas Glück, bas sie fin- ben wollten. Ihr Beginnen war freilich erfolglos, nicht aber bas bes Esels. Als sie nämlich eines Tages burch irgendeine traurige Gegend im Staate Idaho zogen, wurde bie ganze Geschichte bem Esel zu bunt, er weigerte sich, weiter zu trotten, unb als er bafür Hiebe bekam, schlug er, wie bas Esel tun, mit ben Hinterbeinen aus. Unb nun geschah etwas, bas sonst nur im Märchen vorkommt. Die Hufe bes Esels lösten einen Stein vom Boden, und darunter sand Gaetz ein glänzendes Etwas, das sich als reines Silber erwies

Die vier Genossen hielten den Fund geheim, er­warben auf bem Territorium das Schürfrecht für einen Pappenstiel unb waren, als sich auf bem Ge- länbe halb bie berühmten Minen von Jbaho er­hoben, Millionäre, benen bas Glück bis an ihr xebensenbe lachte.

Der Esel aber bekam einen herrlichen Stall unb herrliches Futter.

Fledermäuse auf hoher Lee.

(z.) R i o b e Janeiro.

Die Besatzung bes 10 000 - Tonnen - Dampfers Chantecler" einer argentinischen Frachtlinie machte kürzlich etwa 25 Seemeilen weit von ber brasilia­nischen Küste entfernt eine sehr seltsame Entdeckung, die sicherlich auch nicht ohne wissenschaftliches Inter­esse ist. An dieser also von ber Küste ziemlich weit entfernten Stelle bes Ozeans nämlich würbe bie Be­satzung von weitem schon auf einen bicht über ber Wasseroberfläche unruhig sich beroegenben buntlen Schwarm heftig flatternder kleinerVögel" auf­merksam, bie man so weit braußen sonst überhaupt nicht mehr antrifft, um beim Näherkommen zu il)rer sprachlosen Verwunberung feststellen zu müssen, daß diese vermeintlichen Vögel nichts anderes waren als sichtlich vor ber völligen (Ermattung stehenbe Fledermäuse. Beim Herankommen des Dampfers eilten diese beflügelten Nachttiere mit ihren letzten Flügelkräften herbei unb ließen sich in ihrer be­kannten hängenden Art auf ber Reeling nieber. Sie waren so apathisch, daß sie sich ohne weiteres von ben Matrosen bes Schiffes anfafsen unb greifen ließen.

Da bie Febermaus alles anbere als ein Meeres­tier ist unb auf bem Meere auch verhungern müßte, ba es hier keine Infekten gibt, von benen sie sich nährt, müssen biese Tiere burch irgenbeine höhere Gewalt so weit in ben Ozean hineingebracht worden [ein. Man vermutet, baß sie vielleicht durch einen Der letzten gewaltigen Nachtstürme an der brasilia­nischen Küste von Land abgetrieben worden sind. Da es sich um ganz gewöhnliche Fledermäuse han­delt, dürfte die andere Annahme, sie seien vielleicht einem nach Europa heimkehrenden Zoologen aus dem Gewahrsam ausgebrochen, abwegig sein.