Herren Krupp von Bohlen, Bosch (IG.) und von Siemens. Die Unterredung dauerte längere Zeit. Man kann wohl annehmen, daß sie sich um die wirtschaftlichen Maßnahmen drehte, die Sie Reichsregierung beabsichtigt.
„BersaffungsmäßigerAblauf"
Tie Lteilun nähme des Zentrums.
Berlin, 25. 2lug. (TU.) Unter Hinweis auf de Mittwoch-Besprechungen führender Zen- truinspersönlichkeiten in Stuttgart bemerkt die „Germania" in ihrer Freitag-Ausgabe u. a.: Alle Bemühungen der Zentrumspartei werden schon heute darauf -gerichtet sein, einen verfassungsmäßigen Ablauf der kommenden Dinge mit allen Mitteln sicherzustellen. Wenn die Reichsregierung das Festhalten ihrer Position und in Verbindung hiermit die sofortige W i e de r a ufl ö s u ng des Reichstages mit dem Hinweis darauf zu begründen sucht, daß der Reichstag keine arbeitsfähige Mehrheit aufweise, so ist das vorläufig doch wohl noch keine Tatsache, sondern nur eine subjektive Vermutung, die noch keineswegs bestätigt ist.
Lin wirklich arbeitsunfähiger Reichstag würde zweifellos ein negativer Faktor sein, der die kommende Entwicklung sehr ungünstig beein-
* flussen würde.
So wertvoll dieses Ar-gument für die Reichs- regierung zu sein scheint, mit dem sie sich Handlungsfreiheit für sehr ungewisse Unternehmungen zu gewinnen sucht, so wichtig sollte sss für den Reichstag sein, dies Argument zu widerlegen. — Das Blatt kündigt weiter an, die Zentrumspartei lege Wert darauf, daß die Reichstagstayung wegen des deutschen Katholikentages in Essen sofort unterbrochen wird. Der Reichstag würde dann etwa am Dienstag, 6. September, seine Beratungen fortsehen.
Dank an Trendelenburg.
Berlin, 25. Aug. (WTD.) Der Reichskanzler sprach dem scheidenden Staatssekretär Dr.Trendelenburg seinen und der Reichsregierung wärmsten Dank aus und sagte in diesem Schreiben u. a.:
„In den schweren wechselvollen Jahren, in denen sich die Rettung aus den Gefahren der Inflation, sowie der Wiederaufbau der auf das äußerste geschwächten Wirtschaft vollzog, waren Sie Ihren Ministern und den Kabinetten ein Berater und Helfer von hoher Sachlichkeit. Besonders auch in den langen Zeiträumen, in denen Sie mit der Führung des Reichswirtschaftsministeriums beauftragt waren, hat sich Ihre Einsicht und Voraussicht als politisch verantwortlicher Leiter des Ressorts bewährt. Wenn Sie die deutschen Interessen bei den internationalen Verhandlungen vertraten, haben Sie stets im Rahmen des Erreichbaren die besten Erfolge erzielt. Sie haben auch wirksamen Einfluß genommen auf die Meinungen und Anschauungen der weltwirtschaftlich interessierten und maßgebenden Kreise jenseits der Grenzen, bei denen Sie ein hohes Ansehen genießen, oo haben Sie, sehr verehrter Herr Staatssekretär, für das deutsche Volk und die deutsche Wirtschaft Verdienste erworben, die nicht vergessen werden. Der Dank und die hohe Anerkennung der Reichsregierung und weiter Wirt- schastskreise begleiten Sie bei Ihrem Scheiden aus dem Amt."
In dem Dankschreiben des R e i ch s w i r t - schaftsministers heißt es u. a.:
„Wenn das Reichswirtschaftsministerium die vielseitigen und schwierigen Aufgaben durchführen konnte, Die es zu erfüllen hatte, dann beruhte dies im besonderen Maße auf Ihrer verständnisvollen und weitsichtigen Führung. Geschlossenheit des Ressorts, reibungsloses Zusammenwirken aller, Verantwortungsfreudigkeit und Sachkunde jedes seiner Mitglieder, Hergabe aller Kräfte im Dienste der deutschen Wirtschaft waren die Ziele, die Sie verfolgten. Es wird besondere Sorge der Reichsregierung fein, Ihre
wertvolle Arbeitskraft dem Staatsdienst und der Wirtschaft auch künftig zu erhalten. Ich freue mich daher, Ihnen heute Ihre Ernennung zum Mitglied des Vorläufigen Reichswirtschaftsrats mitteilen zu können."
Oer neue Staatssekretär.
Geheimrat Schwarzkopf, Direktor des vorläufigen Reichswirtschaftsrats, wufde als Nachfolger des zurückgetretenen Dr. Trendelenburg zum Staatssekretär im Reichswirtschaftsministerium ernannt.
Klara Zetkin will den Reichstag eröffnen.
Berlin, 25. Aug. (TU.) Die kommunistische Reichstagsfraktion hat im Reichstagsbureau mitgeteilt, daß die kommunistische Abgeordnete Frau Klara Zetkin den Reichstag als Alterspräsidentin eröffnen werde.
Kommunistische Anträge.
Berlin, 25. Aug. (TU.) Die kommunistische Reichstagsfraktion hat im neuen Reichstag mehr als 50 Anträge eingebracht, und zwar einen Mißtrauensantrag gegen die Reichsregierund, zwei Mißtrauensanträge gegen den Reichsinnenmlnifter von G a y l und den Reichswehrminister von Schleicher, einen Antrag auf sofortige Zurückziehung des „mit Militärgewalt eingesetzten Reichskommissars für Preußen", einen Antrag auf Nichtdurchführung des neuen Tributoertrages von Lausanne und auf Einstellung der „verschleierten Reparationszahlungen in der Form für sogenannte private Auslanosanleihen", sowie auf Austritt aus dem Völkerbund, ferner eine Fülle von Wirtschafts- und sozialpolitischen Anträgen, die im wesentlichen auf Aufhebung sämtlicher Notverordnungen hinauslaufen. Ein kommunistischer Jnitiativgesetzentwurf fordert Festsetzung der Höchstarbeitszeit auf 7 Stunden täglich bzw. 40 Stunden wöchentlich. Schließlich wird Amnestie für alle proletarischen politischen Gefangenen gefordert.
Zusammenarbeit, aber keine parlamentarische Verantwortlichkeit.
Berlin, 25. Aug. (BDZ.) Ueber die Unterredung des kommissarischen preußischen Innenministers Dr. Bracht mit dem Landtagspräsidenten Kerrl erfährt das Rachrichtenbureau des BDZ. noch folgende Einzelheiten:
Dr. Bracht versicherte ausdrücklich, daß die Auffassung der Regierung von ihrer Richt- verantwortlichkeit gegenüber dem Landtag selbstverständlich nichts an der Tatsache ändere, daß die Regierung gewillt sei, mit dem Landtag in entgegenkommender Weise zusammenzuarbeiten. Aus der Ablehnung der parlamentarischen Verantwortlichkeit ergebe sich, daß
die Regierung selbst über die Form ihrer Zusammenarbeit mit dem Landtag zu entscheiden habe, also z. B. auch darüber, ob die Verhand
lungen zwischen Regierung und Parlament auf schriftlichem Wege vor sich gehen sollen oder ob Regierungsvertreter zur Austunftserteilung in den Landtagssihungen erscheinen.
Offen ist daher auch noch die Frage, ob Dr. Bracht persönlich im Landtag erscheinen und diesem Rede und Antwort stehen wird. Weiter wurde zwischen den beiden Herren auch die Einberufung des sog. Zarnow-Unter- suchungsausschusses nach Deuthen erörtert. Dr. Bracht dürfte dabei seine grundsätzlichen Bedenken gegen die Reise des Ausschusses zum Ausdruck gebracht haben, insbesondere aber seine Bedenken dagegen, daß der Untersuchungsausschuß jetzt schon in die Angelegenheit eingreifen will, während das Wiederaufnahmeverfahren noch in der Schwebe ist.
RSOAp. und Reichswehr.
Berlin 25. Aug. (CNB.) In einem Teil der Presse (nicht im „Gießener Anzeiger". D. Red.) ist behauptet worden, der oberste SA.-Führer, Hauptmann Röhm habe bei seinen Besprechungen im Reichswehrministerium die Forderung gestellt, daß die S A.- u n d S S.- F ü h r e r v o n d e n Reichs-
wehrsoldaten gegrüßt werden sollten. Wie wir hierzu aus Kreisen des Reichswehrmini- fte r i u m s erfahren, ist em solches Verlangen a« den Reichswehrminister von keiner Seite ge - [teilt worden.
Keine Verlängerung des Burgfriedens.
Berlin, 25. Aug. (TU.) Wie verlautet, wird nicht daran gedacht, die am 31. August ablaufende Verordnung über den Burgfrieden z u verlängern. Sollte sich später eine Wiederholung der Verordnung als notwendig erweisen, so kann immer wieder auf sie zurückgegriffen werden.
Verbot der „Roten Fahne".
Berlin, 25. Aug. (TU.) Der Polizeipräsident von Berlin hat die kommunistische „Rote Fahne" für die Zeit vom 25. August bis 2. September einschließlich verboten. Das Verbot erfolgte wegen einer Stellungnahme in Rr. 177 der „Roten Fahne" zu dem Urteil des Berliner Sr>ndergerichts im Prozeß gegen Schmidtke und Dickel, in der eine böswillige Verächtlichmachung von Organen des Staates, d. h. der Sondergerichte sowie der Reichsregierung selbst, erblickt wird.
Verschärfung in der ostasiaiischen Frage.
Japan erkennt den mandschurischen Staat an.
Tokio, 25. Aug. (WTD.) Außenminister Graf U s ch i d a sprach heute im Parlament über die Anerkennung des mandschurischen Staates uurch Japan. Er erklärte u. a., daß Japan bereits Vorkehrungen für einen derartigen Schritt treffe. Die Regierung sei, so fuhr der Minister zur Begründung fort, nicht nur davon überzeugt, daß Die Anerkennung das einzige Mittel sei, um den Frieden au garantieren, sondern sie empfinde es angesichts der r i e f i g e n Opfer die Japan in der Vergangenheit gebracht yabe, geradezu als eine dringende Rotwendigkeit,
das Rlandschureiproblem von Grund aus zu lösen und dadurch für alle Zeil die Ursachen eines japanisch-chinesischen Konfliktes zu beseitigen.
Einer in gewissen Kreisen propagierten Losung des Problems von nur vorübergehender Wirkung, einer Losung, die zudem China in irgendeiner Form souveräne Rechte über die Mandschurei einräume, könne das japanische Volk niemals zu stimmen. Alle Kenner der chaotischen Zustände in China mühten zugeben, daß eine Zuflucht zurD olkerbundssatzung, oder zu irgendeinem Organ des Völkerbundes, also eine Zuflucht zu allem, was die „Maschinerie des Friedens" genannt werden könne, in keiner Weise als Heilmittel angesprochen werden könne. Im übrigen sei die Errichtung des mandschurigen Staates auf eine separatistische Bewegung in China zurückzuführen. Separatistische Bewegungen seien aber durch den Reunmächte- pakt nicht verboten und daher konnten die Chinesen nicht daran gehindert werden, in irgend- Ceinem Teile ihres Landes aus eigenem freien Willen einen unabhängigen Staat zu errichten. Was die Verwendung einer Anzahl von 3a» Cpanern durch die mandschurische Regierung anlange, so müsse darauf hingewiesen werden, daß es dafür zahlreiche Präzedenzfälle gäbe; auch andere neugegründete Staaten, oder junge Regierungen hätten Ausländer in ihren Dienst gestellt. Eine Lösung des mandschurischen Problems könne für die japanische' Regierung nur dann als befriedigend bezeichnet werden, wenn ihre Forderungen auf Erfüllung der legitimen Bestrebungen des mandschurischen Volkes, ferner auf
angemessene Bürgschaften für die Rechte und Interessen Japans
und endlich auf eine Garantie des Friedens in Oftafien erfüllt würden. Eine derartige Losung
könne allerdings nur auf der Grundlage der augenblicklich bestehendenTatsachen erzielt werden.
Todesurteil gegen Sanjurjo.
Zu lebenslänglichem Kerker begnad«
Madrid, 25. Aug. (TU.) Nach Beendigung des Ministerrats um 12.45 Uhr gab Ministerpräsident Aza n a das Urteil gegen die Führer des
monarchistischen Putsches bekannt. General Sanjurjo wurde zum Tode verurteilt, der General Her ranz zu lebenslänglichem Kerker und Sanjurjos Adjutant Infante zu 12 Jahren Kerker. Sanjurjos Sohn wurde freigesprochen.
Die Regierung hat im Laufe des Tages nach eingehender Beratung den General Sanjurjo begnadigt. Die Todesstrafe wurde in lebenslängliche Kerker strafe umgewandelt.
Oer Zeuge.
Bon Paul ^imsty.
Es gibt wahre Begebenheiten, die wie Romane anmuten. —
An einem Septembermorgen des Jahres 1802 brach an einer eleganten Kutsche, als sie durch die irländische Stadt Tullamore fuhr, ein Rad. Der Insasse des Wagens, ein sehr stattlicher Herr in militärischer Uniform, schien über die daraus entstehende Verzögerung seiner Weiterfahrt sehr bestürzt zu sein.
„Der Teufel hole die schlechten Wege"/ sagte der Offizier, „ich wollte heute abend nach in Marlborough sein. Jetzt sind alle meine Pläne zunichte."
Er wandte sich an einen der Umstehenden: „Gibt es f lsier wenigstens eine anständige Herberge im
„Gewiß, Herr Oberst", sagte ein dicker, kleiner Mann mit jovialem Gesicht. „Wenn der gnädige Herr erlauben, werde ich ihn dort hinführen."
„Wie soll ich nur hier die Zeit totschlagen?" sagte er zu seinem Wirt. „Was gibt es in Ihrer Stadt zu sehen?"
Der Herbergswirt klopfte sich an die Stirn, als wenn eine großartige Idee seinem Hirn entsprungen wäre.
„Etwas wüßte ich, was den gnädigen Herrn interessieren würde. Wir haben jetzt Gerichtssitzungen, heute wird ein großer Verbrecher verurteilt —"
Er senkte ein wenig die Stimme und sagte mit leichtem Erschauern: „Einer von den Leuten des berühmten Kapitän Quillt)."
„Quiltg? Von welchem Regiment?"
„Regiment? Der Herr wallen sich wohl über mich luftig machen? Es ist doch unmöglich, daß der Herr noch nichts von Quiltn, diesem infamen Schurken, gehört hat, der schon so lange unser Land unsicher macht und nicht zu fassen ist."
„Ich kenne den Namen nicht einmal. Ich komme vom Kontinent."
„Aber jetzt haben wir einen seiner Komplicen, einen gewissen Kellis, und er wird für die anderen büßen. Würde es den Herrn interessieren, der Verurteilung beizuwohnen?"
„Ich bin nicht neugierig darauf, und so einen ganzen Tag lang still dazusitzen... Indessen ..." Der Oberst schien sich eines Besseren zu besinnen. „Wenn es hier aber keine andere Zerstreuung gibt, wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben.
*
Der Angeklagte Kellis leugnete hartnäckig seine Schuld. Immer wieder und wieder versicherte er, daß er an dem Tage, an dem das Verbrechen, dessen man ihn beschuldige, begangen wurde, — nicht in
Irland gewesen sei, sondern weit entfernt in Dover. Er beteuerte seine Unschuld in beredtesten Worten, er gab zu, daß der Schein gegen ihn sprach, behauptete aber, daß die Untersuchung, die mit seiner Festnahme endigte, parteiisch geführt worden fei. Indessen, die Geschworenen bejahten die Schuldfrage.
„Angeklagter, haben Sie noch etwas zu sagen?" fragte der Richter.
„Ich wiederhole, daß ich unschuldig bin", seufzte Kellis niedergeschlagen. Plötzlich hob er Den Kopf.
„O mein Gott", rief er plötzlich, „ist es möglich. Soll mir doch noch Gerechtigkeit widerfahren?"
„Was soll das heißen?" fagte der Richter erstaunt.
„Der Himmel sendet mir seine Hilfe", rief Kellis beglückt und zeigte auf den Oberst Kinderney, der erstaunt war, so plötzlich in die Verhandlung mit hineingezogen zu werden. „Dort", sagte Kellis, „ist ein Herr, der meine Anwesenheit in Dover an dem Tag, an dem das Verbrechen begangen worden ist, bestätigen kann ... würden Euer Gnaden hier erklären, daß ich es war, der sein Gepäck trug, als er aus einem Schiff ausstieg, das aus Frankreich kam?"
Oberst Kinderney blickte ihn erstaunt an.
„Ich kenne den Menschen nicht", sagte er unangenehm berührt.
„Dessen bin ich sicher", sagte der Richter höhnisch. „Was für eine Unverschämtheit von dem Angeklagten. Schweigen Sie!"
„Nur eine Frage", drängte Kellis, „ist es nicht fünf Wochen und drei Tage her, daß Sie, gnädiger Herr, nach Dover tarnen?"
„Allerdings bin ich vor mehreren Wochen dorthin gekommen, aber ich habe natürlich das Datum meiner Rückkehr nach England nicht genau im Kopfe."
„Erinnern Sie sich nicht, daß ein Mann Ihnen damals, als Sie ans Ufer fliegen, bei Ihrem Gepäck half?"
„Wie soll ich mich noch heule an meinen Gepäckträger erinnern."
„Sie erwiesen ihm damals die Ehre, gnädiger Herr, einige Worte mit ihm zu wechseln", fuhr Kellis in großer Aufregung fort. „Er erzählte Ihnen, daß er Seemann sei und an Bord eines Korsaren gegen Frankreich gekämpft habe ..."
„Ich habe dem sicherlich keine Wichtigkeit bei- gelegt", antwortete der Oberst ungehalten.
Kellis schien seine ganze Ueberredungskunst auf- bieten zu wollen, um bas Gedächtnis des Obersten aufzufrischen. Seine Augen glühten, als er ihm eindringlich^ sagte: „Ich zeigte dem Herrn damals eine große Rarbe am Schädel und hob dabei meine Perücke auf."
Der Angeklagte machte dieselbe Bewegung und entblößte die Narbe. Der Oberst stutzte. Sein bisher teilnahmsloses Gesicht belebte sicy.
„Es ist wahr", sagte er' „dessen erinnere ich mich." „O du mein Gott, Herr Oberst", rief Kellis erregt aus. „Helfen Sie mir!"
Helle Schweißtropfen standen auf seinem angstvollen Gesicht. „Wenn Euer Gnaden das genaue Dalum Ihrer Ankunft in Dover feslslellen könnte, hätte der Gerichtshof keinen Zweifel an meinen Worten mehr."
„Ich weiß es nicht mehr, aber es steht in meinem Tagebuch, das sich noch in meinem Koffer befindet."
Große Aufregung durchlief die Menge der Zuschauer. — Die Sitzung wurde unterbrochen, während man das Notizbuch herbeiholle. Der Tag der. Ankunft des Obersten in Dover deckle sich genau mit dem Tage des Verbrechens. Nach und nach kamen dem Oberst Kinderney auch die näheren Umstände ins Gedächtnis zurück, so daß er bestimmt behaupten konnte, daß der und kein anderer der Mann war, der. ihm in Dover fein Gepäck besorgt halle. Er legte einen Eid darauf ab. Die Geschworenen zogen sich von neuem zur Beratung zurück und kamen diesmal zu einem einstimmigen Freispruch. Kellis wurde in Freiheit gesetzt.
Die Postkutsche war am Abend wieder instand gesetzt, und der Oberst konnte Weiterreisen. Einige Meilen von Tullamore hielt der Wagen. Ein Mann erwartete ihn dort und stieg ein. Es war Kellis.
„Nun", sagte der .Oberst, „das hat ja geklappt. Wenn die Sache auch brenzlich stand, du warst nahe daran, Kopf und Kragen zu verlieren. Wie konntest du aber auch so dumm sein."
„Uebrlgens", fügte er lächelnd hin^u, „wir haben beide unsere Rollen famos durchgeführl."
„Kapitän, ich will es Ihnen ewig danken."
Ein schwerer Fall.
23on (Stefan Gzende
— Ditte, können Sie mir Mohnbrötchen zeigen? — sprach der elegante Herr zum Däcker.
— Jawohl — antwortete dieser und legte ihm einige Mohnbrötchen vor. Der feine Herr nahm umständlich sein Augenglas herunter, putzte es sorgfältig, setzte es dann wieder auf und sprach nach eingehendem Studium der Brötchen:
— Ja! — und nach einer kurzen Pause setzte er fort: — Konnten Sie mir ein Mohnbrötchen in Form eines B-Buchstaben backen?
Ter Bäcker konnte es. Rach langen Verhandlungen wurden sie sich über den Preis einig, und der Kunde wollte am nächsten Tag um neun ilf)r fünfundzwanzig Minuten wiederkommen.
Die Uhr zeigte 9.25 Uhr, als der Herr den Bäckerladen betrat. Der Däcker zeigte ihm das
Brötchen. Durch sein blitzblankes Augenglas aber bemerkte der Herr einen Fehler.
— Sie haben ein kleines b gemacht. Ich brauche ein großes B. — Der Bäcker bedauerte diesen Irrtum und versprach, zum nächsten Tag den Auftrag richtig auszuführen.
Der Herr studierte eine Weile sein Rotizbuch und stellte fest, daß er am nächsten Tag nur um 3.45 Uhr vorbeikommen könnte. Die Zeit war dem Bäcker recht.
Schlag 3/t4 Uhr des nächsten Tages erschien der Kunde und nahm das ihm vorgelegte Brötchen in peinlichen Augenschein.
— Ja, es wäre schon gut, aber es sei ein bißchen zu groß geraten. — Der Bäcker, die Langmut selbst, verlor viel Zeit, aber nicht seine Geduld. Er reichte seinem sonderbaren Kunden ein Stück Papier, damit er einen Plan entwerfe, aus dem der Bäcker dann Länge, Breite, Höhe und Dicke ersehen könne. Rach einer Viertelstunde war der Entwurf fertig. Sie vereinbarten den übernächsten Tag als Lieferzeit.
Ter Käufer kam pünktlich wie immer. Er betrachtete eingehend das hellbraun gebackene Brötchen.
— Ja, jetzt ist es in Ordnung.
— Darf ich es einpacken?
— Richt nötig! — Und er begann es zu essen.
Was ist eine Ohrfeige?
Jeder Schuljunge wird die Frage schnell beantworten können. Die Ohrfeige ist in der Ursache eine unvermutete Reaktion auf eine aus meist unerklärlichen Gründen plötzlich auftretende Erregung im Gehirn des Erziehers und in der Wirkung ein heftiger Schmerz auf der Wange mit. nachfolgender Anschwellung und im Auftreten von fünf roll ch gefärbten Fingerabdrücken. Als Erziehungsmaßnahme übrigens meistens ganz erfolglos und durch liebenswürdige Ermahnungen ersetzbar. Die Richter stehen auf dem Standpunkt, daß eine Ohrfeige eine durch nichts ersetzbare Erziehungsmaßnahme darstelle. Das Arbeitsgericht in Frankfurt am Main hat sich nämlich mit dem erzieherischen Wert einer Ohrfeige beschäftigt und folgende Definition gefunden: Die Ohrfeige ist seit Jahrhunderten eine volks- tü 's che Vergeltungsmaßnahme, die, gegeben zur rechten Ze t. am rechten Fleck, mit rechtem Maß, zum rechten Zweck in ihrer erzieherischen Wir-- kung unerreicht ist und weder durch mildweis« Mahnungen noch durch drakonisch strenge Ehrenstrafen im Einzelfalle ersetzbar ist.


