Ausgabe 
26.7.1932 Erstes Blatt
 
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gut und zuverlässig.'

erlebt.

13. Kapitel.

konnten.

(Fortsetzung fotflf.)

Dr-T,äÄa.'.ech Dralsdie Volkspartei, Ortsgr. GieDen ok 1 .TnW 1099! 5497 D 1'0

ab 1. Juli 1932

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Lil flieht zum zweiten Male?

Die Zeit schritt weiter. Für sie gibt es keine Pausen, kein Ausruhen. Sn endloser Kette reihen sich die Tage aneinander und runden srch zu Wochen und Monaten. Ein halbes Sahr war vergangen, seit Lil an jenem Maientage mit dem Wanderzirkus Frankfurt verlassen, und sie war

Er lächelte selbstbewußt in kleiner törichter Eitelkeit. .

Sa, ich stelle was vor, und daß ich sie zur Frau Direktor machen kann, ist für sie auch nicht zu unterschätzen."

Stampferl hatte das Gespräch bi« hierher belauscht, jetzt aber kümmerte er sich nicht weiter um die Familienberatung, sondern eilte zu Lil, die sich im Stall befand. Er war Lil mit Leib und Seele ergeben, und was er eben erlauscht, schien ihm eine grobe Beleidigung des feinen Mädel- chens. die nach seiner Ansicht nicht in das Milieu

des Zirkus Gerhard Paßte. Er hatte schon darüber nachgedacht.

Ein paar Minuten später berichtete er Lil,

Gießen (Goethestraße 42), den 24. Juli 1932.

Die Beerdigung findet Mittwoch, den 27. Juli, nachmittags 3Vz Uhr, von der Kapelle des Neuen Friedhofes aus statt

Von Beileidsbesuchen bitten wir absehen zu wollen.

fragend an, meinte: mir deine Idee, das

auch haben wollen, Häuser führt sie alle.

Also Ihre Beeren presse wird von J. B. Häuser sein.

J. B. HAU SER, GIESSEN

AM OSWALDSGARTEN

In tiefem Schmerz:

Familie Heinrich Schneider.

Setta sah die Schwester Was mich betrifft, gefällt Mittel, Lil feftzuhalten, ist o_. ..

Die jüngere Tochter nickte auch.

'Wach', was du willst, Vater, die Hauptsache ist, daß sie bei uns bleibt für immer. Seit sie bei uns ist, brauchen wir nicht mehr über schlechte Einnahmen zu klagen. Bist ja «in hübscher Wann, Vater, und gefällst ihr wahrscheinlich."

Heute nachm. 6 Uhr trifft eine Sendung Seefische ein:

Kabeljau

o. K.. . .Md. 274

Schellfische

o. K... .Md. 48

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er gehört.

Damit Sie auf die Ehre, die Shnen grobe Sohann antun will, vorbereitet sind",

Mertaz

Morgen abend bei A. Merlau. (5502D

Es hat dem Herrn über Leben und Tod gefallen, unseren geliebten Sohn und Bruder

Walter Schneider, Ingenieur

nach schwerer, geduldig ertragener Krankheit in die Ewigkeit abzurufen.

Ich habe mir überlegt, Mädels", sagte eines Tages Sohann Gerhard zu seinen Töchtern,ich sollte Lil heiraten, dann haben wir sie doch fest. Sch glaube, wenn sie noch ein Sahr oder zwei Sahre bei uns ist, können - - .

und mehr Reklame machen. Sie bringt was em, sie bringt uns nach oben."

9115 MW Ml.

Original-Roman von Anny von panhuys. Copyright by Verlag A. Bechthold, Braunschweig.

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Am besten ist's, du löschst die Erinnerung an sie aus, so gut du kannst, sie ist es nicht wert, Werner, daß man zu viel an sie denkt. Sch finde ihr Tun skandalös. Wenn sich das herumspricht m Frankfurt, was Meta gesehen hat und was sich leicht so ergänzen läßt, daß sie als Clown mit dem Zirkus mitgezogen, dann müssen wir uns für sie schämen. Wer zu mir von Lil anfangt, dem antworte ich kurz, das Thema interessiere mich gar nicht, da Lil Körner für mich nicht mehr existiere." Shre Stimme wurde dringend.Und für dich darf sie auch nicht mehr existieren, .Werner, für dich auch nicht mehr."'

Er nickte:Vein, für mich auch nicht mehr Er sann, wie hatte Lil den Schritt hm können? Das war ja, als wäre sie in «inen Abgrund ge­sprungen, in eine Tiefe, aus der sie wohl nicht hochkam. Lil, die verwöhnte schöne Lil, als Clown bei einem ganz kleinen Wanderzirkus durch freien Willen? Und hätte seine Frau werden können, hätte als Varonin Sturm eine gute Rolle tn der besten Gesellschaft Frankfurts spielen können.

Sie nannte seine Liebe klein, doch wie wenig aalt er ihr. daß sie von ihm fortlief ohne eigent­lichen Grund. Sie muhte von dex Ratur das Verlangen nach Abenteuern mitbekommen haben, sonst säße sie ihm jetzt hier gegenüber, und sie sprächen von ihrer gemeinsamen Zukunft.

Er fogte leise:Sch will denken. Lil wäre ge­storben. Der Gedanke ist mir lieber als die Wahrheit." r r ,

Fern auf dunkler Landstraße fuhren emme Zirkuswagen, langsam nur kamen die Pferde voran. Sn einem davon lag auf niedrigem harten Bett, das zarte Gesicht auf grobem KMen- bezug. Lil Körner, durchgerüttelt und durchgeschut- telt, Körper und Geist müde zum Sterben. Und doch war sie noch gar nicht aufgetreten.

Langsam zogen die Wagen durch die Rächt, entfernten sich weiter und weiter von der großen Stadt, in der Lil so viel Glück und so viel Leid

la, du konnte Onkel Mollig wohl behaupten. Hatte er doch erst vergangenes Jahr seiner Frau eine Spindelpresse geschenkt und auch seiner Schwägerin Luise die andere Presse zum Anschrauben. Von beiden hörte er stets das gleiche Lob. Sie arbeiteten vorzüglich und waren ein paar tüchtige Helfer für die Küche geworden. Vielleicht war auch das sehr wichtig, daß beide Pressen von Häuser, Am OswaTdsgarten, waren. ..

Die Zelt der Beerenfrüchte steht nun vor der Tür und auch Sie brauchen eine tüchtige Beerenpresse, um die schönen Früchte weiterzuverarbeiten. Denken Sie an Onkel Mollig und an seinen guten Kauf, wenn Sie sich eine Spindelpresse zulegen wollen. Kommen Sie auch zu uns und suchen Sie sich eine dieser Pressen bei uns aus. Was Sie für Systeme

einen Geldschein zugesteckt und gesagt:Schabe, Melchior, daß ich nichts für dich tun kann, weil du nicht zu den Artisten gehörst, für die ich ar­beite?" Und dann haben wir uns die Hände ge­schüttelt und als gute Freunde wieder mal für lange Zeit getrennt. Zu dem gehe ich mit Ihnen, Lil, der tut was für Sie, denn Sie gehören zu der Sorte von Künstlern, für die Ernst Daumer arbeitet." , , _ ,

Sie sah ihn an.Stampferl, das ist doch nur ein Scherz, und mit Scherzen ist mir nicht ge­holfen."

Er strich wieder mit scheuen Fingern über chre Hand.

Lil, Sie müssen mehr Selbstbewuhtsein haben. Daß ein Mädel wie Sie in so einen Beruf rein­gekommen ist, verblüfft ja, aber es mußte wohl so sein, denn Sie haben das Zeug dazu. Sowas ist Vorherbestimmung. So wie eine andere zur großen Schauspielerin, Malerin oder Schriftftel- terin bestimmt ist, so sind Sie zum Spaßmacher bestimmt. Sie werden einer der berühmtesten Clowns, die es je gegeben, und dagegen sollten Sie sich nicht wehren. Vorwärts! Los und rauf in die Höhe, wo Sie hingehören. Glauben Sie mir, es ist 'ne S'":nde und Schande, wenn sich jemand wie Sie i^ch länger beim Zirkus Ger­hard herumdrückte. Das halbe Iahr war gut für Sie. Auftrittssicherheit haben Sie sich angeeignet, vor dem Publikum haben Sie keine Dange mehr."

Lil nahm die Hand des alten Stampferl, hielt sie fest. . , .

Wenn Ihr Vorhaben glückt, dann käme ich ja heraus aus der Umgebung hier. Der Wohnwagen des Direktors ist mir zum Gefängnis geworden, ich wußte nur bisher nicht. W ich mich hier her­ausretten konnte."

Sie flüsterten noch eine Weile miteinander, dann reichten sie sich die Hand mit festem Druck.

Schon am nächsten Vormittag strich Johann Gerhard lächelnd um Lil herum. Sie zitterte heimlich, denn nun war der unangenehme Augen­blick sicher nahe, wo der Direktor ihr den Her- ratsantrag machen würde.

Sie empfand schrecklichen Widerwillen gegen den plumpen Menschen, der sich heute allzu jugendlich herausstasfiert hatte. Der Rock war so eng, daß man deutlich die Fettpolster seines Körpers sah, und einen Schlips trug er, der schreiend gelb und grüne Karos zeigte. Dazu funkelte «in daumennagelgroher Simili in dem Schlips und seine Hände waren mit Ringen aus falschem Gold überladen. Wie ein Iahrmarksaus- rufer übelster Sorte sah er aus. Lil hatte mit Stampfer! einen Plan festgelegt, nach dem sie handeln sollt«, wenn Johann Gerhard seme Wer­bung vvrbrächt«, ehe sie den Zirkus verlassen

1. Büfetts, Kredenzen, Chaiselongues, So­fas, Trumeauspieael, Kommoden, Di­wans, Pianinos, Schreibtische, Schreib­maschinen, Nähmaschinen, Registrierkas­sen, Kassenschränke, Zimmerteppiche, 1 Rauchtisch, Ladentheken, Warenschränke, 1 Zeichentisch, Grammophone, 2 Elektro­motors, Sessel, Vertikos, 1 Küchentisch, Drogenschränke, Kleiderschränke, Radio- apparate, 1 Photographion, 1 Schreib­lek retär, Werfpuppen und Halsketten, Messer, Scheren, Hosenträger, 1 Regu­lator, Weine und Schnäpse, Pfeifen (Mutzen), Zigarettenspitzen, Parfüms, Seife, 1 Partie Zigarren, 200 Mistbeet- fenster.

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sagt« er.

Lil erschrak sehr. Es war ihr in letzter Zeit schon mehrmals aufgefallen, daß sie der Direktor oft so sonderbar anschaute, daß er mehr auf sein Aeußeres gab. wenn er sich vor ihr zeigte. Etn starkes Unbehagen hatte sie bei ihren Beob­achtungen gequält. Jetzt sah sie klar. Sie hatte sich bisher wenig Wohl gefühlt in der Existenz, die sie in Augenblicken wilden Trotzes gewählt. Die Menschen, mit denen sie seit einem halben Iahre zusammenlebte, hatten einen sehr engen Interessenkreis, ihr Horizont war klein, trotzdem man durch die Welt zog, freier war als die meisten. Gut aber verstand sie sich mit Welchwr Stampferl. Der Alte hatte Gefühl im Leibe und war nicht dumm. Er hatte von je viel gelesen, jedes Fetzchen bedrucktes Papier schien ihm wich­tig. und er wußte manches, wovon die anderen beim Zirkus Gerhard kein« blasse Ahnung hatten.

Oft schon hatte Lil überlegt, wie sie am besten aus diesem Leben wieder herauskäme, aber von ihrem geringen Verdienst hatte sie bisher nichts ersparen können und wo sollte sie ohne Geld hin. In einen anderen Wanderzirkus? Dann konnte sie auch hierbleiben. Wer weiß, tote es wo anders war.

Sie sah Melchior Stampferl jetzt mit entsetzten Augen an. .

3a, lieber guter Stampferl, toas soll ich denn tun. den gräßllchen Menschen kann ich doch nicht heiraten, mir graut ja vor ihm."

Der Alte strich in scheuer Zärtlichkeit nnt zwei Fingern über ihre eine Hand.

Ich weiß, was wir tun. Ich habe sechztg Mar^ damit kommen wir nach Berlin und können auch noch ein paar Tage dort leben. Wir machen uns heimlich davon."

Lils Augen in dem sehr schmal gewordenen Gesicht wurden noch größer.

llnb was weiter, was sollen wir in Derltn anfangen?"

Der Zirkus Gerhard befand sich jetzt tn enter kleinen Stadt unweit von Dresden.

Was wir dann anfangen?" lächelt« der Alt«, v. das ist «in« ganz einfache Geschichte. Ich kenne in Berlin einen Agenten, durch den ich allerdings noch nie ein Engagement bekommen habe, weil er sich nur für erstklassige Künstler bemüht. Wir haben einen gemeinsamen Geburts­ort. ein kleines bayerisches Dorf. Oft, wenn ich in die Räh« Berlins kam, habe ich ihn besucht. Dann haben wir von unserer gemeinsamen Iu- gend gesprochen, er hat mir stets einen Kognak eingeschenkt, mir ein paar Zigarren gegeben,

Nationalsozialistische Versammlung

Mittwoch, den 27. Juli 1932, abends 8^30 Uhr, in der Turnhalle. Redner:

Alfred Rosenberg -

Haupt-Schriftleiter desVölk. Beobachters

Thema: Gebt Hitler die Macht

Unkostenbeitrag 40 Pf., Mitglieder 20 Pf., Erwerbslose frei.

NSDAP./Ortsgruppe Giefaen

Am Dienstag, dem 26. Juli 1932, abends 8Yz Uhr, im Hotel-Rest. »Hindenburg«

Erweiterte

NilgliMnnilng

Wir laden alle Mitglieder und Freunde herzl. ein

inzwischen im Wohnwagen des Direktors über viele Landstraßen aefahren, hatte an vielen Orten Rast gemacht und sich abends in der Manege als Clown gezeigt. Sie hatte eine Rümmer zusam- mengestellt, in der sie mit Melchior Stampferl auftrat, die ausgezeichnet war. Das Publikum bog sich vor Lachen, wenn der winzige Clown mit dem Alten seine tollen Scherze trieb. Die traten zusammen unter dem RamenDipp und Depp" auf. Dipp, das war Lil. Außer in dieser Rümmer, die ziemlich lang war, mußte Lil eigentlich während der ganzen Vorstellung Mit­arbeiten. Ob die Direktorstöchter ritten, ob oben am Trapez jemand herum turnte, immer mußten die beiden Clowns die jeweilige Rümmer mit ihrem Unsinn ausfüllen, besonders Lil. Wohin der kleine Zirkus kam, war derClown Dipp sofort der Liebling des Publikums. Aber nur we- nige Menschen erfuhren, daß Dipp eine Frau war. Man hielt ihn für einen sehr kleinen jun­gen Mann. Der Direktor zahlte nur eine un­bedeutende Gage und war froh, daß sich so etwas wie Lil Körner zu ihm verlaufen hatte. Gluck war das für ihn, großes Glück. Und das Glück mußte man festhalten. Er fürchtete, es könne ihm eines Tages so plötzlich, wie es gekommen, wieder davonlaufen. Er sprach darüber mit seinen Töchtern, die voll und ganz begriffen, die guten Geschäfte, die der Zirkus Gerhard jetzt machte, kämen nur auf das Konto Lils, von deren Fa­milienverhältnissen sie wenig wußten.

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Bekanntmachung.

Bei der heute erfolgten Wahl des Ge- amtoorstandes der Israelitischen . Reli­gionsgemeinde Gießen wurden

1. Rechtsanwalt Eugen Rochenberger,

2. Kaufmann Sally Meyerfeld,

3. Fabrikant Moritz Sternberg.

4. Kaufmann Adolf Baer auf die Dauer von sechs Jahren, und

5. Fabrikant Julius Rosenbaum.

6. Fabrikant Ist Berliner,

7. Frau Dr. Leopold Katz auf die Dauer von drei Jahren zum Vor­standsmitglied der Israelitischen Religions­gemeinde Gießen gewählt. 5489D

Einwendungen gegen die Wahl sind in der Zeit vom 27. bis 29. Juli 1932 bei dem unterzeichneten Wahlleiter schriftlich einzu- reichen und zu begründen. Das Recht der Einwendungen steht nur denjenigen Ge­meindemitgliedern zu, die in der Wähler­liste ausgenommen waren.

Während der vorgenannten Zeit kann die Wahlniederschrift nebst den Anlagen bei dem unterzeichneten Wahlleiter Bahnhofstraße 761 in den Stunden von 8 bis 13 Uhr und 15 bis 18 Uhr von den Interessenten eingesehen werden.

Gießen, den 25. Juli 1932.

Der Wahlleiter: Rothenberger, Rechtsanwall.

Mittwoch, den 27. 3uli 1932, nachm». tags 2 Uhr, versteigere ich dahier. Neuen­weg 28,Zum Löwen", zwangsweise