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25.11.1932 Erstes Blatt
 
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□tun sah er in einer kleinen behaglichen Zwei­zimmerwohnung drauhen in einem Vorort der Hauptstadt, und Erika hatte durch Moeller eine Stellung in der Landschaftsbank bekommen.

Dos Leben ging seinen Gang, aber für den alten Schmitt war es schwer und stockend. Sr konnte die Trennung vom Bremerwerk nicht ver­winden. Die Untätigkeit fraß an ihm ebensosehr wie der Gram. Er alterte sichtlich in diesen Wochen.

Endlich fand sich, durch die Bemühungen Moel­lers, eine kleine Anstellung als Bote in der Bank und Erika atmete auf. *2lun hatte der Vater doch wieder eine Beschäftigung, lief nicht mehr wie ein gefangenes Tier durch die Wohnung.

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HM. 69

cUt fyihMstung infäie ' 4(ag UÄdbitten anckm.

Mädchenlaunen, verehrte Schwiegermutter", tröstete Ivarsen lächelnd.Wenn Hiltrud erst meine liebe kleine Frau ist werden ihr derartige Marotten schon vergehen. Aur ein paar Monate Geduld, dann soll auf Bremerwerk ein anderes L«ben herrschen. Auch äußerlich wird alles viel, viel glänzender werden als zu den Lebzeiten >)hres Gatten. Meine neuen Geschäftsverbindun­gen werden einen Aufschwung bringen, von dem sich das Bremerwerk nichts hat träumen lassen."

Frau Melanie sah bewundernd ihren schönen Schwiegersohn an. und es war ihm nach solchen Gesprächen leicht, die törichte Frau xu allen schäftsanordnungen und Unterschriften zu kommen, die er nur wollte.

Weihnachten war vorübergegangen. Der Schmitt hatte vom Bremerwerk Abschied genom­men. Alle Beamten hatten ihn auf den Bahnhof begleitet, wie um gegen die Werkleitung zu demonstrieren.

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Es war ein Dorfrühlingstag im März. Die «Ire fitcHe Sonne warf einen hellen Strahl in das Arbeitszimmer des Direktors Schallert. Erika saß mit ihrem Slenoarammblock an dem kleinen Tisch neben dem großen Schreibtisch und schrieb schnell die Worte, die der Direktor ihr frittierte:

Herrn Gerjstam. Aor frist Motorenwerke, Drontheim, zur Zeit Hotel (Kontinental Be­zugnehmend auf unsere Unterredung vom 3.11. teilen wir Ihnen ergebenst folgendes mit: Aach Prüfung durch unseren Sachverständigen halten wir Ihre Erfindung sür aussichtsreich. Wir haben

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©ie selbst hatte sich rasch in ihren neuen Wir­kungskreis gefunden. Aach einer kurzen Probe hatte einer der Direktoren sie inS Privatsekre- toriat genommen.

Erika trug eine heitere und zufriedene Miene zur, Schau. Aber in Wahrheit sah es anders in ihr aus. Die Trennung vom Bremerwerk war auch ihr bitter schwer geworden. Es war die Jugend, die sie dort zurückgelassen hatte. Dort kannte sie jeden Baum, jeden Strauch, den Fluß jedes Haus, und alles war verknüpft mit der Erinnerung an den Geliebten. Jetzt erst war sie in Wahrheit von ihm getrennt.

Das brausende Getriebe der Stadt imponierte ihr, aber es war ihr sremd. Die Aacht, die keine Aacht war in der Grelle der Reklamefchilder, war ihr unheimlich. Airaends konnte der Blick frei herausgehen, in die Weite der Landschaft und des Horizonts.

An Kurt schrieb sie gleichmütig und stellte ihm eine Uebersiedlung in die Stadt als eine wirt­schaftliche AotwendiFeit dar. Auf feine verzwei­felten Briefe, sie bei den nächsten Ferien nicht mehr in der Heimat zu finden, tröstete sie ihn. Tie Hauptstadt wäre ja nicht außer der Welt, und er könnte genau fo gut einmal zu ihr her- ü Herkommen.

Dabei wußte sie ganz genau, daß mit ihrer Trennung vorn Bremerwerk alles anders sein muhte: die Familie würde schon dafür sorgen, daß er nicht zuviel Zeit hatte, sich noch um die Tochter eines entlassenen Materialverwalters zu küm­mern. Außerdem würde Kurt ja genug mit seinen neuen Versuchen zu tun haben. Er wollte ja seine neue Erfindung zu den Frühjahrsrennen auspro- bi^ren und hoffte auf einen großen Erfolg der auf Dremerwerk erbauten Jacht.

Erika hatte immer gewartet, daß er ihr etwas über den geheimnisvollen Diebstahl feiner Kon­struktionszeichnung schreiben würde Aber dieser Tiebstahl schien ihn ja nicht weiter aufzuregen, es war ja nur eine Zeichnungspause, deren er, wie immer, mehrere besah.

Sie selbst mochte nicht davon anfangen, dann hätte Kurt doch etwas von dem Zusammenhang zwischen dem Diebstahl und ihrer -Uebersiedlung erfahren...

lallten sich ein Beispiel nehmen an der Tapferkeit der kleinen Erika. Schämen Sie sich, so zu verzagen. Es leben doch auch anderswo Leute nicht nur auf dem Dremerwerk. Lassen Ze mich nur machen. Erika findet eine Stellung, ich habe es Ihnen ja schon gesagt ich habe da jemanden, der wird sie mit Kußhand nehmen." Oh, Herr Moeller!" Erika flog Moeller ein­fach um den Hals und schlang ihre Arme wie ein Kmd um ihn. Dann aber wurde sie glühend rot Verzeihen Sie", sagte sie leise,ich vergesse immer noch, dah ich ja kein Kind mehr bin."

Moeller schmunzelte:

Aa, bei mir darfst du es ruhig mal vergessen, meine kleine Dirn. Aa, Pass' mal auf, wenn ihr in einer hübschen kleinen Vorortwohnung sitzen werdet, und die Erika erst wohlbestallte Sekretärin ist, werden Sie das wieder ganz anders ansehen, mein guter Schmitt. Und nun muh ich gehen! Kopf hoch, Schmitt! Alles kommt wieder ins Lot. Erika, du kommst morgen früh in meine Wohnung. 2ch will jetzt mal ein Gespräch mit meinem alten Freunde in der Lgndschaftsbank führen."

Er erhob sich und schüttelte dem alten Schmitt herzlich die Hand. Dieser sah mit einem halb hoffnungslosen, halb erwartungsvollen Blick zu ihm aus.Wenn es wahr würde, Herr In­genieur, und wenn man noch einmal Arbeit fände... Aber seine Ehre findet man doch nicht mehr wieder."

-Das steht in Gottes Hand, lieber Schmitt. Ihre Ehre vor Gott hängt doch nicht von dieser Stel­lung hier auf Bremerwerk ab. Denken Sie ein­mal darüber nach."

»Wie soll ich Ihnen danken, Herr Moeller?!" sagte Erika leise, wie sie den Gast zur Tür hin- aus begleitete.

.Danken? Aber Kind, sind wir nicht alle vom Dremerwerk miteinander verbunden? Und noch mehr, seit der Herr tot ist? Jetzt heißt es für uns: Einer für alle, alle für einen! Das soll auch dein Wahlspruch werden, Kind!"

(Siner für alle, alle für einen!" wiederholte Erika erschauernd, und vor ihr stand das Bild des Geliebten, der einst der Herr hier auf Dremer­werk werden sollte und dem sie alle das Werk hier erhalten wollten, das Werk der Vaterhände , einmal, in naher Zukunft, auch sein Werk.

Zwanzigstes KapiteL

Die nächsten Wochen nach dem rätselhaften Ein- bruch in die Versuchswerkstatt hatte Axel Ivarsen

immer mehr in Privatgeschäften in der nahen Hauptstadt zu tun. Bald war es ein Geschäfts­freund, der durchkam und mit dem er etwas zu bereden hatte, bald waren es neue Geschäftsver­bindungen, die er für Dremerwerk anknüpfen wollte. Ommer hatte er einen Grund, sich vom Bremers chloß zu entfernen.

Frau Melanie war über die Fahrten des Schwiegersohnes nicht gerade erfreut Sie war an seine amüsante und heitere Unterhaltung gewöhnt, so daß sie ihn schmerzlich vermißte. Es war ja jetzt so langweilig auf Bremerschloh, seit­dem, der Trauer wegen, die Geselligkeit sich auf wenige Freunde beschränkte. Frau Melanie hätte, ganz gegen ihre sonstige Aeigung zur Etikette, die Trauerzeit ganz gern ein wenig verkürzt aber Hiltrud lehnte sich mit einer unbegreif­lichen Energie gegen alle gesellschaftlichen Ver­anstaltungen auf.

Kannst du das begreifen, lieber Axel?" fragte Frau Melanie ein wenig ungeduldig.Hiltrud ist vollkommen verändert. Sie ist so ernst gewor­den. Ich kenne mein eigenes Kind nicht mehr."

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uns demzufolge entschlossen. Ihnen zur Weiter­führung Ihrer Versuche und zur Patentanmel- düng ein Darlehen von 100 000 Mark zu geben. Wegen der weiteren ^Beteiligungen an Ihrer Fabrik behalten wir uns eine Rücksprache vor sowie unser Sachverständiger von der Besichtigung Ihrer norwegischen Fabriken zurückgekehrt fein wird. In ausgezeichneter Hochachtung Deutsche Landesbank, gez.:..."

So" sagte Direktor G.Schreiben Sie den Brief schnell ab drei Ausfertigungen. Und dann bringen Sie bitte den Brief selbst in» Hotel Continental. Es ist mir sicherer als durch einen ter Dotenjungen. Aehmen Sie einen Wca n: der Herr reift gleich ab."

Erika hatte das Stenogramm ganz mechanisch ausgenommen. Als sie nun aber die Buchstaben schwarz und deutlich in dem auf die Maschine übertragenen Text sah, stutzte sie. Ein eigentum- n,ch«s Zusammentreffen, daß bte Landschaftsbank hier mitten in Deutschland eine GeschäftSverbin- öurtg zu einer norwegischen Schiffsmotorenfabrik hatte.

6ie schrieb weiter, aber waS ihr sonst nie passierte, sie verschrieb sich einmal, zweimal. End- llch war sie fertig und ging schnell in daS Chef- zimmer.

Direktor G. las den Dries flüchtig durch.

Gut! sagte er und unterschrieb: dann schon Unetzr seinen Akten zugewandt:Also bitte gleich erledigen!

Eine halbe Stunde später stieg Erika vor dem Continental-Hotel aus.Zu Herrn Direktor Gerj- a1? sragtesie den Portier^ der hinter der Hotelschranke hantierte. .Ich habe einen Dries abzugeben."

,J?n Fefern Moment erhob sich ein Herr, der in &er Aähe in einem Klubsessel gesessen und mit einem anderen Herrn gesprochen, der dem Sin- gang den Rücken zuwandte.

Das ist Herr Direktor Gerjstam". sagte bet sortier. -Herr Direktor, eine Dame von bet Landschaft bank.

ORit einem höflichen Gruß übergab Erika ihren 5crr .Ee kurz und ging mit dem

-Briefe schnell auf den Herrn zu, mit dem er soeben zusammengesessen. Unwillkürlich warf Erika beim Herausgehen einen Dlick aus diesen Herrn da stutzte sie, sah schärfer hin.

Ein jäher Herzschlag ließ ihr Dlut aufjagen. Diese Stimme kannte sie doch, diesen Kopf! Und nun wandte er auch das Profil zur Seite: eS war der Schwiegersohn der Kommerzienrätin es war Ivarsen.

Einen Augenblick stand Erika wie gelähmt da, bte Knie zitterten ihr, und ein grauenhafter ©d>re(f machte sie unfähig, zu denken. Dann aber ebbte die jähe Welle ab, und eine eisig kalte Klar­heit ließ sie sich zusammenrafsen.

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