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Roman von Gert Rothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale) 22. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Ich konnte doch nicht anders, Heinz! Ich konnte dich doch nicht an das Leben verlieren", schluchzte sie.
Aber der Mann blieb stumm.
Inzwischen war das Krankenauto eingetroffen, und Altendorf wurde vorsichtig hineingehoben.
„In die Klinik von Professor von Röym, Dis- marckstrahe fünf! Ich komme für alles auf. Erste Klasse! Der Verletzte ist mein Schwager!" sagte Lohgarten und bekannte sich damit zum ersten Male zu dem rätselhaften schönen Menschen.
Er muhte hier noch verschiedenes ordnen, muhte Herrn Wiedener anrufen. Ilse wurde inzwischen mit dem Wagen weggefahren, der schon so manches unruhige, leidenschaftliche, stillstehende Herz gefahren hatte.
Nach einiger Zeit war der Platz vor der Fabrik leer. Nur am Tor lehnte noch eine schmale, schlanke Gestalt.
Lohgarten sah sie, trat hinzu. Seine Stimme klang rauh, als er fragte:
„Traute, haben Sie sich in diesem Drama Vorwürfe zu machen?"
„Nein! Ich schwöre es Ihnen."
Da beugte sich der Mann und küßte die kleinen zitternden Hände.
„Traute! Liebe kleine Traute!"
In diesem Augenblick kam ein alter, gebückter Mann heran.
Vater Dolscher!
Der gekommen war, um nach Traute zu suchen, die heute so ungebührlich lange ausgeblieben war.
Nauh klang Die Stimme des alten Mannes:
„Herr Lohgarten, ich werde die Traute doch lieber mit nach Hause nehmen. Es — ist — hier gefährlicher loben für sie."
„Dolscher, ich werde Ihnen morgen alles erklären. Ieht kann ich es nicht. Aber es ist gut, dah Sie gekommen sind. Traute wird Ihnen alles erklären, was sich hier zugetragen hat. Ich bin froh, dah ich sie jetzt unter gutem Schuh weih: ich hätte sie nicht begleiten können, da noch viel Schweres zu erledigen ist", sagte Lohgarten.
Dolscher fand kein Wort. Was hätte er denn auch sagen sollen nach diesen ernsten, ruhigen Worten des Chefs?
Er zog die Mütze, nahm Trautes Hand.
„Aus Wiedersehen, Herr Lohgarten! Komm, Traute!"
□do»ch einmal tauchte der Dlick der Hellen, scharfen Männeraugen in die Augen Trautes: ein stummes Grüßen, dann ging Traute am Arm ihres Vaters davon.
Lohgarten blickte ihr nach und fühlte es schon jetzt, daß aus all dem Furchtbaren und Grauenvollen dieses Abends nun doch noch ein reines, wahres Glück für ihn erblühen würde.
Dann ging er schnell hinauf.
Cr rief Herrn Wiedener an, aber der war nicht daheim, und der Diener sagte, daß der gnädige Herr sich mit dem gnädigen Fräulein habe im Hotel Prinz Christian zum Abendessen treffen wollen.
„Es ist gut — danke!"
lohgarten überlegte.
' lse war also allein in der Stadt gewesen.
War sie mit der Absicht, sich mit Altendorf zu treffen, in die Stadt gefahren? Oder war alles nur ein fürchterlicher Zufall für fie? Denn aus den wirren Reden Hilrnas wußte er doch, daß fie Traute Dolscher niederfchießen wollte und auch glaubte, es getan zu haben?
Er besann sich plötzlich. Wo war denn nur Paul Vetters, sein Geschäftsfreund, hin? War der einfach fortgefahren?
Ta erklang hinter ihm eine Stimme:
„Lohgarten, ich bin noch hier. Vielleicht brauchen Sie mich in all dem Schweren, das so plötzlich gekommen ist? Mein Wagen steht noch unten. Vielleicht kann mein Chauffeur uns noch da- und dorthin fahren? Sie werden sicherlich noch Verschiedenes erledigen müssen, und ich stehe Ihnen gern zur Verfügung."
Lohgarten drückte ihm dankbar die Hand.
„Was für ein lieber Kerl Sie sind, Detters. Ich bin froh, Sie zu haben. Es ist allerdings schwer, wenn n;an ganz allein ist. ünt) — ich muß den alten Wiedener finden: er ist nicht daheim auf seinem Gut, er ist in die Stadt gefahren, wo er sich mit seiner einzigen Tochter treffen wollte. Wenn er wüßte, daß sie inzwischen - — es ist furchtbar. llnt> meine Schwester! Meine arme, unglückliche Stiefschwester! Ich kann es noch immer nicht fassen, daß sie diese Tat begangen hat. Sie war immer so still und fügsam diesem Manne gegenüber, der ihr das Grausamste angetan hat, was ein Mann seiner Frau antun kann. Und immer war sie wieder machtlos, wenn er wieder zu ihr kam mit seinem liebenswürdigen Lächeln, mit dem er alle Welt sich zu Füßen zwang. Ich werde zuerst zu meiner Stiefmutter fahren, die mit in der Villa am Pfeilsring gewohnt hat und die ich jetzt dort wohl auch bestimmt an treffen werde. Also zunächst dorthin und dann zum Hotel Prinz Christian, wo Herr Wiedener seine Tochter erwartet."
Die beiden Herren gingen hinunter, wo der Chauffeur die Tür des Wagens aufrih.
Und Lohgarten war in der Tat froh, jetzt diesen warmherzigen, guten Menschen, diesen Paul Vetters, neben sich zu haben.
„Du siehst so furchtbar emft aus, Fritz. Ist etwas Schlimmes passiert? Und schon, daß du hierherkommst, deinen Fuß überhaupt jetzt über diese Schwelle setzt, ist ein Zeichen, daß dich etwas Desonderes herführt."
„Wo ist Hilma, Mama?" fragte er.
„Hilma? Sie wird schlafen. Wenigstens ist in ihren Zimmern alles ruhig. Aber Liesbeth sagte mir, dah der gnädige Herr abgereift fei. Sie hat mit einer Droschke und den Koffern zum Dahnhof fahren müssen, während mein Schwiegersohn zu Fuß nach dem Industrieviertel zu gegangen ist."
„Mama, Hilma ist nicht daheim!"
„Nicht? Mein Gott, wie siehst du denn aus? Was ist geschehen?"
Da legte er den Arm um sie, führte sie zum Sofa und setzte sich dicht neben fie. Und nun erzählte er ihr alles, was sich am heutigen Abend vor dem Tor seiner Fabrik zugetragen. Still und starr saß die Frau dann neben ihm. Und er schwieg auch.
Nach einer Weile fragte die Mutter:
«Und wo ist Hilma?"
„Im Gefängnis. Die Gerechtigkeit geht ihren Lauf. Doch man wird fie wahrscheinlich schon morgen wieder in Freiheit sehen müssen. Zumindest wird man sie in eine Krankenabteilung
überführen muffen; Haft kommt bei ihrem Zustand nicht mehr in Frage."
„Und Heinz?"
„Schwerverletzt! Ich lieh ihn zu Professor von Röhm bringen. Wenn er noch gerettet werden kann, wird er dort gerettet werden. Doch es ist wohl keine Hoffnung. Ilse Wiedener aber ist tot. Ich will jetzt zu ihrem Vater."
Frau Lohgarten legte den Kopf an die Brust des Sohnes. Sie weinte nicht! Aber unendliches Leid ftanö in ihrem Gesicht. Und er strich ganz sacht und zärtlich über den grauen Scheitel.
Nach einer Weile fragte die Mutter:
„Wirst du bann zu Heinz Altendorf gehen? Ich möchte dich begleiten. Ich — wollte noch ein paar Worte mit Heinz sprechen, wenn es möglich wäre."
„Gut, Mama, mache dich fertig und erwarte mich dann hier. Ich werde dich hier abholen und ich denke, dah es nicht allzu spät werden wird."
Sie begleitete ihn bis zum Tor, wo das Auto hielt. Noch ein paar liebe Worte, und er schritt zum Wagern Er sah noch, wie die Mutter tiefgebeugt zum Hause zurückschritt. Als er den Speisesaal des Hotels Prinz Christian betrat, wurde er fröhlich angerufen.
„Hallo — ein netter Zufall, lieber Lohgarten. Ich war schon ganz wütend: erwarte meine Tochter und sie kommt nicht. Sie war mit einer Freundin zur Modenschau gegangen am Nachmittag. und nun wollten wir hier zusammen essen. Na, Sie leisten mir doch ein bißchen Gesellschaft?"
Sibel schob Herr Wiedener seinen Arm in den Lohgartens. Der sagte schwer:
„Herr Wiedener, wir werden nicht gemütlich beisammen fein können — ich bringe eine traurige Nachricht."
„Traurige Nachricht? Wie das? Ist — etwas mit meiner Tochter passiert? Reden Sie doch, lieber Lohgarten!"
Da sagte ihm Cobgarten, was geschehen war. Schweratmend saß der alte Herr im Stuhl. Kreidebleich war das Gesicht. Die Dacken hingen schlaff herunter.
„Ich habe es ja gewußt, daß etwas kommt. Die ganzen Tage vorher hab' ich das Gräßliche in allen Gliedern gefühlt. Mein Gott, mir wird schlecht."
Der Kellner brachte ein Glas frisches Wasser. Lohgarten mühte sich um den alten Mann.
Freunde von Herrn Wiedener waren hier. Sie kamen jetzt und hörten voll Schrecken, was sich ereignet hatte. Fritz Lohgarten bat die Herrschaften, sich Herrn Wiedeners anzunehmen, da er selbst noch etwas sehr Wichtiges vor habe.
Sie versprachen es' und brachten Wiedener nach Hause.
Fritz Lohgarten aber fuhr mit feinem Freund Detters, der geduldig im Wagen gewartet hatte, zu der Villa am Pseilsring zurück, um die Mutter abzuholen.
Dreizehntes Kapitel.
Heinz Altendorf öffnete die Augen. Er erkannte zuerst Fritz Lohgarten, dann feine Schwiegermutter.
„Wo — ist — Hilma?"
„Sie ist zu krank, um kommen zu können."
„Was ist mit mir?"
Der Arzt, der am Kopfende des Dettes stand, trat vor und sagte lächelnd:
„Herr Altendorf, bitte ganz ruhig liegenbleiben. Sie wurden niebergeschossen, und mit Ihnen Fräulein Ilse □Siebener/'
„Ilse □Siebener? Was geht — mich — diese
Dame — an? Ich habe nur Traute Dolscher ge* liebt, niemand sonst. Aber — sie — wollte von mir nichts wissen — sie — liebt wahrscheinlich Fritz — Lohgarten. Er und immer wieder cr! Er sollte sterben. Ich wollte zu ihm, wollte ihn niederschießen wie einen tollen Hund. Statt dessen hat es mich selbst getroffen. Wer — hat — das getan?“
«Das weiß man noch nicht." Der Arzt sagte es ganz ruhig.
„Ich könnte ja sagen: Fritz Lohgarten war es! Aber cr hat es nicht getan. Doktor, machen Eie mir nichts vor: ich muh sterben. Das Herz rebelliert! Gut so, aus also! Und der QKorDer hat gut getroffen. Soll er gesegnet fein; wenn Traute mich nicht lieben kann, hat das Leben keinen Wert mehr — für mich.
Fritz Lohgarten, komm zu mir — fo — ganz — dicht. Sieh, wir find Drüder. Dein — mein Vater liebte die Artistin Rose de Iuan, und dann sagte cr — ihr. daß eine Heirat mit einer fahrenden Artistin für ihn niemals in Frage käme. Da — nahm meine Mutter — den häßlichen, buckligen Großindustriellen Max Lerhofs zum Manne, um sich zu rächen. Ich war ihr Werkzeug, ich, der als Sohn Lerhoffs galt Ich habe dich gehaßt um meiner Mutter willen. Und ich habe dich ruinieren helfen. Die Zeit war meine treue Helferin, diese schwere wirtschaftliche Krise!
Ich nahm Hilma zur Frau, um den Ruin der Lohgartens noch intensiver betreiben zu können, und diese Frau war mir gleichgültig, manchmal sogar widerwärtig. Ich habe meine Kunst vernachlässigt um meiner Rache willen; ich wollte dich völlig vernichten
Da habe ich Traute Dolscher lennengelemt Aur um ihretwillen fand ich mich zu meiner Kunst zurück. Aber es war alles umsonst. Dieses schöne, reine Geschöpf wies jede Annäherung weit von sich. Sie sagte mir, sie liebe einen andern Mann. Genaue Erkundigungen taten mir kund — dah Traute niemand kannte, daß sie gar keinen Verkehr hatte und dah es sich höchstens um dich handeln konnte» wenn sie behauptete, einen andern zu lieben.
Und da schwoll mein Haß ins Unermeßliche. Ich wollte dich nunmehr gänzlich vernichten. Es war ja nun alles gleich. Wenn sie mich faßten, dann war es gut, und wenn ich entkam — dann war es auch gut. Es — ist anders gekommen. Nun geht — es zu Ende. Um Verzeihung bitteit werde ich — dich nicht. Du könntest es \a auch nicht. Ich — meine, mir verzeihen Du lebst! Einer von uns muhte zugrunde gehen Ich habe das schwarze Los gezogen Gut so."
Fritz Lohgarten hielt erschüttert die heihen Hände des Todwunden
„Das also war es? Druder, ich verzeihe dir! Es fällt ein häßliches Licht auf die Vergangenheit, doch wir sind alle nicht ohne Fehl. Vergib auch du und vergiß nicht, daß ich an dieser Vergangenheit schuldlos war."
Heinz Altendorf richtete sich auf.
„Ich — danke — dir. Ich — hätte so gern — noch einmal — die kleine Traute gesehen Sie war die erste Frau, die mir nicht verfiel, und — sie — war doch noch — so — jung! So — köstlich jung!"
Ein Dlutstrom quoll aus dem Munde des Verletzten
„Ich — das Leben war — sehr schön Doch — nun hatte es keinen — Wert — mehr für — mich."
(Schluß folgt.)
GL ben (Lfebigstrabe 83). den 25. Oktober 1932.
Die Einäscherung fand aufWunsch des Entschlafenen in derStille statt.
751) i
In tiefer Trauer: Minna Belitz, geb. Schmidt Fritz Belitz, Malermeister Gustav Adolf Belitz, Kaufmann.
Am Freitag, 21. d. M., früh morgens entschlief plötzlich und unerwartet infolge Herzlähmung mein lieber Gatte, unser guter Vater Gustav Belitz, Malermeister kurz vor Vollendung seines 65. Lebensjahres.
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