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25.10.1932 Erstes Blatt
 
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Nr. 251 Zweites Blatt

Gletzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag. 25. Oktober 1932

Wollen die Völker

Äon Viscount Philip Snowden,

Der Gedanke der Weltabrüstung hat sich in letzte«. Zeit f a st zu einer Farce entwickelt, die für den europäischen Frieden das Schlimmste befürch­ten läßt. Es besteht offenkundig die Absicht bei den noch in Genf versammelten Völkern, lediglich einige unverbindliche Erklärungen abzugeben, die kein Volk festlegen, und die Last und Bedrohung der Rüstun­gen nicht wesentlich vermindern. Dabei bedeutet selbst eine Reduktion der zahlenmäßigen Kriegs­rüstungen noch nicht einmal unter allen Umständen eine Reduktion der verschiedenen Militärbudgets Der Londoner Flottenpakt, der gewiß erheb­liche Summen an dem zukünftigen Flottenbaupro­gramm einsparte, zwang sogar für die nächsten vier Äahre zu einer Erhöhung des Marinebudaets Aber das wesentlichste Ziel der Abrüstung ist es auch nicht, Ersparnisse in den Staatshaushalten zu machen, sondern den Krieg überhaupt als politisches Mittel auszuschließen. Und von diesem Gesichtswinkel aus ist man bisher über­haupt niemals an das Problem heran­gegangen. Im Gegenteil bildete die Aufrechter­haltung kriegsmäßig ausgerüsteter S>eere eine still­schweigende Voraussetzung ihrer Verhandlungen. Und diese eine Voraussetzung hat noch zwei andere Voraussetzungen im Gefolge, nämlich erstens, daß die nationale Sicherheit die Aufrechterhal­tung von Kriegsrüstungen erfordert, und zweitens, daß die Möglichkeit kriegerischer Ver­wicklungen immer gegeben ist. Diese Tat­sachen stehen hinter allen Vorschlägen auf Rüstungs- emschränkung und den Vorschlägen auf Abschaffung oder Einschränkung gewisser Methoden der Krieg­führung.

Man begnügt sich also mit dem Versuch, den Krieg human" zu gestalten. Schon einmal, auf der Haager Friedenskonferenz, wurde dieser Versuch gemacht, aber im Weltkrieg hat sich gezeigt, wie recht der britische Admiral Fisher hatte,'als er diesen Bestrebungen antwortete:Ihr unterhaltet euch darüber, wie man den Krieg human gestaltet; ih'' könntet genau so gut versuchen, die Hölle zum Christentum zu bekehrenI" Man will die Zahl und das Kaliber der schweren Artillerie be­grenzen, Luftangriffe auf Zivilbevölkerung verbie­ten, eine Maximalgröße für Tanks festsetzen und den chemischen Krieg unterbinden. Aber ist es für den Soldaten wirklich ein so großer Unterschied, ob er von einer achtzölligen ode? einer fünfzehnzölligen ©rennte in Stücke gerissen wird? Ist es für eine Trupps wirklich ein (o großer Unterschied, ob sie von einem Zwänzig-Tonnen-Tank oder von einem Ungeheuer von 25 Tonnen zu blutigem Brei zer­malmt wird? Wenn man den Völkern überhaupt gestattet, sich so weit zu rüsten, daß ihnen die Kriegführung ermöglicht wird, so werden sie im Ernstfälle sich nicht durch papierne Beschlüsse von dem vollen Gebrauch ihrer Machtmittel ab- halten lassen. Denn schließlich ist es ja der Sinn

einen neuen Krieg?

ehemaligem brifiicben Schatzkanzler.

des Krieges, so viele Feinde wie irgend möglich zu .töten, und der letzte Krieg hat gezeigt, daß nie- m a I s ein Volk vor der Anwendung von Macht­mitteln zurückschrecken wird, die es für wirkungs­voll hält.

Im Lichte dieser Tatsachen bedeuten die Ver­handlungen über Rüstungsbegrenzung nur ein frevelhaftes Spiel mit d e rn Problem des drohenden Krieges. Auf solchem Wege kann die Kriegsgefahr nicht aus der Welt geschafft werden. Ja man kann, wenn man in Genf nicht in einem anderen Geiste die Verhandlungen fortsetzt, es keinem Staate verübeln, unter diesen Umständen Maßnahmen zum Schutze seiner Bürger zu treffen. Dabei haben sich die Staaten, die in Genf vertreten sind, moralisch und durch ausdrückliche Erklärungen verpflichtet, durch Abrüs ung den Krieg aus der Welt zu schaffen. Die Millionen Soldaten der Entente, die auf den Schlachtfeldern des Welt­krieges gefallen sind, fochten in dem festen Glauben, durch ihr Leid und ihr Blut den Kriegen ein für allemal ein Ende zu machen. Das hatten ihnen ihre Führer versprochen.

Aber 14 Jahre nach dem Ende dieses Krieges treffen die in Genf versammelten Völker noch immer keinerlei Sin ft alten, i h r ge­gebenes Wort einzulösen und die neue Generation vor ähnlichen Schrecken zu bewahren. Sie verschwenden ihre Zeit damit, festzulegen, daß die Soldaten des künftigen Krieges nur durch kleinkalibrige Geschosse getötet werden dürfen. Die unglückliche Rote, die Sir John Si­mon an Deutschland richtete, betont zwar mit Nachdruck, die Verpflichtungen, die Deutschland aus dem Vertrage von Versailles erwachsen, aber sie will üb er sehen, daß die Alliierten in Versailles ebenfalls d i e Notwendig­keit ihrer eigenen Abrüstung aner­kannt haben.

Es scheint, daß weder die feierlichen Versprechun­gen im Vertrage noch die spezielleren Verpflich­tungen des Kellogg-Paktes die kriegerische Menta­lität der Staatsmänner irgendwie geändert haben. Denn wenn die Bedingungen des Kellogg-Paktes in der Tat als bindend betrachtet werden würden, so würden alle Argumente für die Aufrechterhal­tung der Rüstungen hinfällig werden. Was nottut, das sind nicht Verhandlungen über Rüstungs­beschränkung undHumanisierung" des Krieges, sondern ein entschlossener Wille zur A b r ü st u n g. Die Völker würden es enthusiastisch begrüßen, wenn der Weg zu ehrlicher Entwaffnung beschritten werden würde. Gewiß kann das kein Volk für sich allein, und es ist ungerecht, in der Rüstungsfrage mit zweierlei Maß za messen. Gewiß muß auch jedes Volk die Möglichkeit behal­ten, die Ruhe im Innern aufrechtzuerhalten und sich gegen Ueberfätte zu wehren. Ader zwischen den für

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Blick auf die Kundgebung der Deutschen Kolonialgesellschaft im Reichstag anläßlich ihres 50jährigen Bestehens. Auf dem Präsidentenstuhl Exzellenz Schnee, der letzte Gouverneur von Deutsch-Ostafrika.

diese Zwecke notwendigen Waffen und der Aufrecht­erhaltung einer vollständigen Kriegsrüstung liegt eine Welt. Und man kann als Minimum verlangen, daß alle Völker ihre Rüstungen auf den Stand, der Deutschland beim Friedensschluß auf erlegt wurde, herabsetzen. Alles was darüber hinausgeht, muß bei den minder bewaff­neten Ländern ein Gefühl der Unsicherheit Hervor­rufen und notwendig das Verlangen nach einer Sicherheit gewährleistenden Rüstung wachrufen.

Gelingt eine Rüstungsbeschränkung auf diesen Stand nicht, so.sehe ich trübe in die Zukunft. Dann deuten alle Zeichen auf d i e Möglichkeit einer ernften Störung des europäi­schen Friedens. Die Verantwortung für dieses Unglück wird auf die Staatsmänner der schwer- gerüfteten Großmächte fallen. Nur durch ein Ver­lassen des bisherigen Weges und eine Rüstungs­beschränkung in dem obengenannten Umfange kann

dieses Unglück abgewandt werden. Frieden und Ab« rüftung liegen in der Hand der Völker. Noch ertönt ihr Wunsch nach Frieden nicht laut genug. D ie Zeit drängt jedoch. Die Stimme der Vernunft verlangt die Abschaffung der Kriegs­waffen. Gewiß, der Weg zu dem Ziele ist schwer, aber es ist d er einzig mögliche!

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