Ausgabe 
25.6.1932 Frühausgabe
 
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Aus -er Provinzialhaupiffadt.

<» i <? ß i e, ben 25. 3uni 1932.

Bevölkerung und Einheitspreis-Geschäfte.

Der Landesverband des hessischen Ginzel- Handels bittet uns um die Aufnahme fol­gender Zeilen. <$>. Red.

Deutschland wird zur Zeit systematisch mit einem Filialnetz in- und ausländischer TinheitSprciS- geschäste überzogen. Diese Geschäfte nehmen die gangbarsten Artikel auS dem Gesamtbedarf her­aus. überlassen den anderen Ladenbesihern die weniger leicht abzusehenden Qualitätswaren, die naturgemäß mit größeren Unkosten belastet sind. Sie erwecken durch dieses Geschäftsgebaren bei der unersahreren Kundschaft den Eindruck besonderer Billigkeit, während die übrige Geschäftswelt hier­durch als teuer, unmodern und rückständig er­scheint. Manche Artikel, und zwar diejenigen, mit deren Normalpreisen die kaufende Bevölkerung vertraut ist, erhalten einen bescheidenen Ausschlag, andere Artikel dafür einen um so höheren. Der bescheik»ene Nutzen bei einem Artikel wird durch einen um so höheren bei anderen hereinaeholt! Durch diese Methoden erwächst der ganzen Volks- wirtschaft ein ungeheurer Schaden. Nicht hur. daß der Konsum immer mehr aus den Verbrauch bil­liger Massenfabrikate hingedrängt wird, deren Verschleiß sehr rasch vor sich geht und baldigen Ersah nötig macht, sondern auch der Staat, der Arbeiter, der Handwerker und die übrige Kauf­mannschaft sind auf die Dauer die Leidtragenden. Die großen Aufträge der EinkaufSgesellschalten der Einheitspreisgeschäfte können von den Fabri­kanten nur crusgesührt werden bei intensivster Ra­tionalisierung der Betriebe, also durch Ersparung menschlicher Arbeitskraft und äußerstes Herab- drücken der Löhne. Auf der anderen Seite bleiben die lohnenden Aufträge der vielen kleineren Ge­schäftsleute aus. Es kann kein Gewinn mehr er­zielt werden, die Arbeiter werden in ihrem Ver­dienst geschmälert, die ortsansässigen Gewerbe­treibenden können nicht mehr in dem bisherigen Umfang Steuern ausbringen, immer mehr Existen­zen werden vernichtet.

Die ungeheuer große Wirtschaftsnot unserer Tage zwingt daher jeden einsichtigen Käufer da­zu, sich auf das wirkliche und wahre Interesse unserer ganzen deutschen Volksgemeinschaft au be­sinnen und dort zu laufen, wo er nicht nur billig, sondern auch Qualitätswaren kauft, deren Herstel­lung und Absatz auf die ganze Wirtschaft be­fruchtend wirkt.

Die Stunde ist ernst! Möge jeder sich überlegen, was er tut. Es geht um Euch alle!

Etatberatung im Gießener Stadtrat.

Am nächsten Mittwoch, 16.30 Uhr beginnend, findet im Sitzungssaal des Stadthauses, Berg­straße, eine öffentliche Stadtrats- Sihung statt. Hauptpunkt der Tagesordnung ist die Beratung des städtischen Vor­anschlages für das Rechnungsjahr 1932. Fer­ner wird sich der Stadtrat u. a. mit der Er­richtung von Klein st- Wohnungen beiderseits der Krofdorfer Straße zu beschästigen haben.

Wahllokale auf Bahnhöfen.

Amtlich wird mitgeteilt: Bei der Reichstags­mahl werden für den Jnlandreiseoerkehr über weite Strecken und für die am Wahltage nach dem Aus­land fahrenden, oder vom Ausland zurückkehrenden Jnlandsdcutschen auf wichtigen Bahnhöfen Wahlinöglichkeiten geschaffen werden. Es handelt sich dabei um besondere Einrichtungen für solche Reisende, die vor Antritt oder nach Beendi­gung der Reise innerhalb der allgemeinen Abstim­mungszeit (8 bis 17 Uhr) von den gewöhnlichen Abstimmungsmöglichkeiten keinen Gebrauch machen können. Gleichzeitig wird damit dem am Wahltage in den Fernzügen diensttuenden Beamten der Reichs­bahn und der Reichspost, sowie den Angestellten der Mitropa und der Internationalen Schlaf, und Speisewagengesellschaft Gelegenheit zur Ausübung ihres Stimmrechts eröffnet. Die Bahnstationen und die näheren Bestimmungen über die Stimmabgabe im Reiseverkehr, besonders die für die einzelnen Bahnstationen in Betracht kommenden Abstim­mungszeiten, werden noch bekanntgegeben werden.

Rückkchr unseresDatai Iton s vom Truppenübungsplatz. Unser Bataillon wird am kommenden Montag, 27. Juni, vom Truppenübungsplatz Ohrdruf kommend, um 1 4. 5 3 11 ß r auf dem Bahnhof Gießen cintreffcn. Nach der Ausladung wird das Bataillon in ge­schloffener Formation nach den Kasernen mar­schieren. Bei dem guten Verhältnis zwischen un­serer Garnison und der Bürgerschaft wird den Soldaten zweifellos wieder ein herzlicher Emp­fang bereitet werden.

* Don der Technischen Hochschule Darmstadt. Zum Rektor der Technischen Hoch­schule Darmstadt für die Zeit vom 1. September 1932 bis 31. August 1933 ist der ordentliche Prc- fessor Dipl.-Ing. Dr. T h u m gewählt und vom ®i» samtministerium bestätigt worden. Professor Dr. Ernst Berl ist eingeladen worden, in London urö in Oesterreich, sowie an der Preußischen Geolog - schen Landesanstalt in Berlin Dorträge über d e Arbeiten zu halten, welche von ihm und seinen Mitarbeitern in dem von ihm geleiteten Chemisck- Technischen Institut der Technischen Hochschule Sarmftabt ausgeführt worden sind.

" Die Museen und der Heidenturm sind am Sonntag zwischen 11 und 13 Uhr bei gewöhnlichen Preisen geöffnet.

"Zwei entlaufene Gießener Schü­ler aufgegriffen. Gestern mittag konnten in Frankfurt a. M. zwei entlaufene Schüler im Alter von 16 und 12 Jahren durch die Polizei aufgegriffen werden. Sie kamen aus Gießen und hatten ihr Elternhaus ohne Erlaubnis mit Fahr­rädern verlassen. Die beiden Schüler wurden zu­nächst der Jugendbleibe zugeführt.

* Der diesjährige Gleibergtag, das bekannte Sommerfest des Gleibergoereins, findet am Sontag, 3. Juli, nachmittags auf der Burg Gleiberg statt. Es wird ganz auf die heutige Zeit abgestimmt sein und den Charakter eines Dolks- und Heimatfestes im wahren Sinne des Wortes tragen. Die Musik wird von der Krofdorfer Ka- pelle ausgeführt. Während im vorigen Jahre die Damenabteilung des Turnvereins Krofdorf mit­wirkte, haben in diesem Jahre die Mädchengruppe des Dolksbildungsausschusses, sowie der Mandoli­nenklub in Wißmar und der Gesangverein in Dor­lar ihre Mitwirkung zugcsagt. Außerdem steht noch die Mirtwirkung der Damenabteilung eines ande­ren Turnvereins in Aussicht. Zum ersten Male werden auf dem Fest die Heimatlieder des Olei-

L-erg Derein» erklingen, die gedruckt sind und zur Verteilung gelangen. Außer der üblichen Schieß­bude und Wurfbude werden auch der (Fierlauf und das Kasperltheater, sowie der Klcticrbaum nitch fehlen, so daß jung und alt in ländlich-sitt­licher Weife Genuß finden kann. Der Reinertrag der Veranstaltung dient der Unterhaltung der Bury, so daß der Deranstaltung bester Erfolg zu wünschen ist.

Zuteilung von Bauspargeldern. Die Oefsentliche Bausparkasse für Hessen (Abteilung der Landeskommunalbank-Glrozentrale für Helsen) in Darmstadt nahm m Anwesenheit einer Anzahl von Bausparern ihre 5. Baugeldzuteilung vor. Ausgelost und zugeteilt wurden diesmal 147 000 Mark an 35 Bausparer, so daß nunmehr nach un­gefähr 2j^hrigem Bestehen der Bausparkasse im Ianzen 435 000 Mark an 89 Bausparcr ausgelost inb. Die nächste Baugeldzuteilung findet voraus- ichtlich Anfang November statt mit Stichtag 31. Oktober 1932. Zuteilungsberechtigt sind alle Bausparer, deren Dertrag spätestens am 1. August 1932 (bei Tarif 18 am 1. Juli 1932) beginnt und mit Einzahlungen nicht im Rückstand find.

Schöffengericht Gießen.

* Gießen, 24. Juni. Am 26. Februar gegen 7 11 hr waren ein junger Landwirt und sein Knecht auf der Straße KloppenheimOkarben mit je einem Pferdefuhrwerk hintereinander: sie gingen jeder neben den Pferden. Ein Lastkraft­wagen mit Anhänger überholte von hinten zuerst den Knecht mit feinem Fuhrwerk. Sofort hiernach bog der Fahrer scharf rechts ein, so daß der Knecht zur Seite springen mußte, um nicht an­gefahren au werden. Er sah dann, daß der Auto­führer bei dem etwa 50 Meter vor ihm befind­lichen Landwirt es genau so machte und daß dessen Pferde plötzlich stehen blieben. Er lief bin; sein Dienstherr lag einige Meter vor den Pferden tot auf der Landstraße. Der Kraftfahrer, der inzwischen unerkannt weitergefahren war, hatte ihn offenbar mit dem Anhänger zu - fammengerlffen. Er wurde ermittelt und heute nach eingehender Beweisaufnahme zu drei Monaten Gefängnis wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

Kleine Strafkammer Gießen.

Dießen, 24. Juni. Wegen Körper­verletzung, Sachbeschädigung und v e r- b ole ne r Waffenführung waren nach einem Zusammenstoß mit politischem Hintergrund Angehörige verschiedener Parteien vom Schncll- richter in Dießen zu Freiheitsstrafen verurteilt worden. .Zwei von ihnen, die wegen Körper­verletzung mit gefährlichem Werkzeug zwei und drei Wochen ''Gefängnis erhalten hallen, ver­folgten dagegen Berufung. Auch heute wurde in umfangreicher Beweisaufnahme festgestellt, daß der eine, nachdem er mit einem Misthaken ein Wahlplakat von einem Baum heruntergerissen hatte, mit diesem Haken einem Gegner auf den Kopf schlug, während der andere mit einem Gummischlauch, den er einem Gegner aus der Tasche gezogen hatte, einen andern Angehörigen der feindlichen Partei verprügelte. Die Beru­fung des ersten wurde zurückgewiesen, die Strafe des zweiten auf zwei Wochen Gefängnis ermäßigt.

Bei einem Dratis-Kakao-Ausschank zu De- klcrmezwecken hatte der Vertreter einer Kakao­firma angeordnet, daß der in eine verschlossene Milchkanne gefüllte Kakao vor Beginn des Aus­schanks auf dem Herd erh'ht wurde. Beim Ocff» nen wurden durch die herausspritzende heiße Flüssigkeit einige Frauen nicht unerheblich ver­letzt. Gegen das Urteil des Amtsgerichts, durch das er wegen fahrlässiger Körperver­letzung zu 30 Mark Geldstrafe verurteilt wor­den war, verfolgte der Angeklagte Berufung. Er wollte sich darauf hinaußreden, nicht er sei ver­antwortlich, sondern das Küchen Person al, das ihm (aus Gefälligkeit) geholfen habe. Die Straf­kammer konnte diesen Einwand nicht gelten las­sen: da indessen die Fahrlässigkeit gering erschien, wurde die Geldstrafe auf 2 0 Mark ermäßigt.

Freigesprochen trotz erheblichem Ver­dacht wurde eine Rentenempfängerin, die wegen Rückfalldieb st ahls zu drei Monaten Ge­fängnis verurteilt worden war. Sie sollte ihrer Z-mmervermieterin zweimal Geldbeträge entwen­det haben. Heute, wie vor dem Einzelrichter, be­stritt sie mit einem großen Wortaufwand jede Schuld. Da die, wenn auch entfernte. Möglichkeit besteht, daß das Geld von einer andern Person entwendet worden ist, wurde das erste Urteil aufgehoben.

GroßesJugendgericht Gießen

* Gießen, 24. Juni. Zum ersten Male feit dem Inkrafttreten des Jugendgerichtsgesehes (l.Juli 1923) trat gestern das Große Jugend­gericht der Provinz Oberhessen unter dem Vorsitz des Jugendrichters, Amtsgerichtsrats Gros, zu­sammen, um gegen den nunmehr 17jährigen R. Sch. aus Lauterbach zu verhandeln, dem das Verbrechen des M e in e i d s zur Last gelegt wurde. Die Staatsanwaltschaft vertrat Staats­anwalt Schneider, die Verteidigung führte Rechtsanwalt Zimmer. Das Große Jugend­gericht ist zuständig für Straffachen gegen Ju­gendlichen, die bei Erwachsenen zur Zuständig­keit des Schwurgerichts oder des Reichsgerichts gehören.

Der Angeklagte war bisher Mitglied der Kom­munistischen Partei. Rach einem im Oktober 1931 von den Nationalsozialisten abgehaltenenDeut­schen Abend" begab er sich in der gleichen Nacht u. a. mit seinem Bruder und dem Onsgruppen- führer der Lauterbacher Kommunisten, dem Ar­beiter O., auf die Straße, um auf dem Pflaster mit Pinsel und Farbe Aufschriften zum Zwecke der Gegenpropaganda anzubringen. Hierbei wurde er ertappt, während die anderen entflohen, denen er beim Schmieren behilflich gewesen war. Er benannte alsbald vor der Gendarmerie die Mitschuldigen, die daraus einen Strafbefehl we­gen groben Unfugs erhielten. Mit Ausnahme des genannten Ortsgrupvenführers ließen die Beteiligten die Strafbefehle rechtskräftig werden. Ersterer jedoch erhob Einspruch. Der als Zeuge vernommene jugendliche R. Sch. beschwor darauf vor dem Amts^richt Lauterbach, obwohl er noch wiederholt zuvor dem chn vernehmenden Gen­darmeriebeamten den wahren Sachverhalt ge­schildert hatte, .daß er die Leute, die beim Schmieren bei ihm gewesen seien, nicht kenne, daß er nicht wisse, wer beim .Malen" zugegen gewesen sei, daß er auch nicht wisse, ob O. dabei gewesen sei, und es sei auch von keiner Seite

Das große Sterben in der Welt des Zirkus.

OasEnde einer romantischenKunft.- Millionenverluste für die deutsche Wirtschaft.

33on Dr. A. 6. STober.

Dr. A. H Kober ist lange Jahre mit den Riesenzirkussen barrasani und Earl Hagen- deck um die West gereist und ist einer der besten Kenner des modernen Wanderzirkusies. In diesen Tagen gibt e a r r a f a n t bekannt, daß er seinen Betrieb auflösen wird: diese Nachricht kommt von Holland. Dort hot Sarrasani. nachdem er in Norddeuiichland kein Geschäft gemacht hatte, [ein Glück versucht. Vergeblich: auch in Holland, überall heute, sind schlechte Zelten für den Zirkus! Man kann in Neapel mit einem Zirkus Pleite machen, wie kürzlich der bekannte »Löwen-Kapitän" Alfred Schneider, man kann es in Frankreich, wie neulich der deutsche Zirkus Barum, in Skan­dinavien, sogar in den gelobten USA.: in ollen Ländern der Erde brechen Zirkusie zusammen. Wo liegen die Gründe für dieses Massensterben? Rann dem Zirkus überhaupt noch geholfen wer­den, und mit welchen Mitteln? Das sind Fragen, die heute nicht nur die Zirkus-Direktoren, die Tau­sende von Artisten, denen der Zirkus als Arbeits­stätte nie durch das Dariets ersetzt werden wird, bewegen, sondern auch die Millionen von Men­schen, die sich am bunten Zauber des Manderzir- kus erfreut haben und nicht zuletzt auch die zahllosen Fabrikanten, Lieferanten, Behörden, die am gutgehenden Zirkus immer gut verdient haben! Zunächst einmal möchte ich aus langjähriger Erfahrung in verschiedenen Ländern und Erd­teilen feststellen, daß e l n Grund, der vielfach für das Sterben der Zirkusse angeführt wird, nicht richtig ist, die Annahme nämlich: der Zirkus habe sich überlebt Das stimmt ganz gewiß nicht! Wer, wie ich, erlebt hat: wie Tausende schaulustiger Menschen stundenlang vor einem Zirkuszelt stehen, mit fiebernden Wangen auf die herausklingende Musik lauschen, mit heißen Blicken jedem nachsehen, der sich noch ein Billett leisten kann und hinter der Gardine verschwindet, wer das erlebt hat in Deutschland, Frankreich, Schweden, Amerika der weiß:

die alle Freude am romantischen Zirkuszauber lebt noch immer!

Es ist also zuerst einmal di« allgemeine schlechte Wirtschaftslage, die sich auch auf den ZirkuS ausw.rlt! Ein großer Wanderzirkus konnte früher für ©ametag«Sonntag mit einer Einnahme von 33 000 Mark rechnen, und das mußte er denn seine Lagerspesen beliefen sich au, mindestens 6 000 Mark! Heute haben sich die Spesen beträchtlich vermehrt, imb zwar aus folgenden Gründen. Die Zirkusse ha­ben heute eine ganz andere Konkurrenz von VarietSS, Kino-Vari«t6s, Revuen, sie wur­den gezwungen, die Scharen ihrer Artisten und Tiere zu vergrößern, mehr auf die Ausstattung zu geben, kur;: das Programm wurde viel teurer!

Damit verteuerte sich auch gleich der Trans­port eines solchen WanderunternehmenS: und was .Transport" beim Zirkus bedeutet, begreift der Laie nur schwer: ich habe oft erlebt, daß unser Zirkus, wenn er in einer neuen Gastspiol- Vtadt ankam, 2040 000 Mark Transportkosten auckgegeben hatte, ehe die erst« Mark in di« Kasse gekommen war. Und das war innerhalb Deutschlands! Wie solche Reiserech- nungen aussehen, wenn es sich um Expeditionen nach dem Auslande oder gar nach Uebcrfce han­delt, kann man sich danach ausmalen. 6 a r r a » sanis Transport nach Südamerika kostet« 20 000 englische Pfund gleich 400 000 Gvlb- mark!

Gestiegen sind heute auch alle Platzgelber, Spesen für Licht. Was'er, Kraft: daS Anschlägen von Plakaten, b'e Ausstellung von Plakattafeln wird von vielen Städten als Gelegenheit zu einer bequemen und hohen Einnahme ausgenuht. Alle­in allem:

Mil 10 000 Mark Tagesspesen muß ein großer Wanderzirkus heute rechnen!

Und da er leider ebenso sicher rechnen kann, daß er 10 000 Mark heute nirgends und nie a-18 täg­liche Durchschnittseinnahme bekommt, ist die Ver­lustrechnung ganz klar!

Alle diese Schwierigkeiten gelten in ganz beson­derem Ausmaße für den deutschen Wander­zirkus! Ich habe mein Buch: ..Rund um die Ma­nege" demjenigen Manne gewidmet, der im deut­schen Reichstag die erste Rede dafür halten würde, daß man amtlicherseits dem Zirkus, als einem Volkskildungs- und Volksunierha't'mgS.Institut ähnliche Förderung angedeihen lasse, wie dem Theater ... Leider hat sich der Tlann, der diese Rede hielt, bis heute nicht gefunben! Aber inzwischen sind etwa 40 deutsche Zirkusse eingegangen, 40 Drotstätten für Taufende von Artisten, Angestellte, Arbeiter, 40 Derdienst- ftätten für zahllose Fabrikanten und Lieferanten, 40 Cteuerquellen für Reich und Gemeinden! Zu­sammengebrochen sind alte Zirkusse, wie Dlumen- selds. deren Geschäft über hundert Jahre alt war, Eorty-Althoff, der mehr als siebzig Jahre er­folgreich gearbeitet hatte, Mittelgeschäfte, wie Zirkus Lorch und Zirkus Dirkeneder: Unterneß-

auf ihn eingewirkt worden, was er jetzt sagen solle. Bei dem Hauptwachtmeister habe er eine falsche Aussage gemacht, weil er sich eingeschüch- tert gefühlt habe und er allein gewesen sei." Aus Grund dieser Aussage wurde O., der die Unwahrheit derselben kannte und in dessen Gegenwart sie vor Gericht gemacht wurde, frei» gesprochen.

Der Angeklagte ist nunmehr in vollem Um­fange geftänbig, daß alles» waS er vor dem Amtsgericht Lauterbach auf seinen Eid genom­men hat, unwahr ist. In glaubhafter Weise schilderte er und sein Bruder, in welcher Weise, zum Teil bureb Drohungen, vor der Eidesleistung auf ihn eingewirkt worden ist. Die der Anstiftung -um Meineid Verdächtigen haben deshalb schon längere Zeit in Untersuchungshaft gesessen.

Die Verhandlung, in der die damals amtieren­den Gerichtspersonen, sowie eine ganze Anzahl weiterer Personen vernommen wurde, endete mit der Freisprechung des Angeklagten. Das Gericht nahm an, daß eine strafbare Hand­lung trotz erwiesenen und in vollem Umfange vorliegenden Geständnisses des Angeklagten nicht vorhanden ist, weil der Jugendliche durch Dro­hungen älterer Parteigenossen, die mit einer gegenwärtigen, auf andere Weise nicht abwendbaren Gefahr für seinen Leib ober sein Leben verbunden waren, zu dem Meineide ge­

nötigt worden ist. Die Kosten des Verfahren- wurden der Staatskasse auferlegt.

Es ist anzunehmen, baß nunmehr zunächst baS Strafverfahren gegen O., zu dessen Gunsten sich der Angeklagte R. Sch. der vorsätzlichen Ver­letzung der Eidespflicht schuldig gemacht hat, im Wiederaufnahmeverfahren wieder ins Rollen kommt.

öer Chefarzt des Nauheimer Konihkyftifls.

* Bad-Nauheim, 24. Juni. Zum Ehef» arzt des Konitzkystists wurde durch die von dem Stadtrat dafür besonders bestellte Kom­mission Professor Dr. L u e g - Berlin gewählt. Er wird neben der von ihm hauptamtlich zu versehen­den Chesarztstelle des Konitzkystists nebenamtlich die Leitung der Untersuchungsabteilung des kerckhoff- Herzforschungs-Jnftituts als Vorstand dieser Abtei­lung übernehmen.

Dr. L u e g ist am 21. Juli 1893 zu Unna i. W. geboren. Er studierte an den Universitäten Münster, Heidelberg und Berlin und legte im März 1920 llt Berlin das medizinische Staatsexamen ab. Bis Ende 1922 war er als Assistent an der 1. Medizinischen Klinik Berlin tätig. In den Jahren 1923 und 1924

mungen fleißiger Artisten, die sich mit zäheste* Energie ßerauTgcarbcüel hatten, zusammen ge­brochen sind Zirkus Schneider, der mit feinen 100 Löwen einzigartig auf der Welt war, Zirkus Ba­rum, Zirkus Amarant, Geschäfte von imposantem Umfange, mit vielen Artisten und Tieren, gang zu schweigen von den vielen kleinen Familien- Zirkussen, die massenhast, irgendwo, gleichsam unter Ausschluß der Ocfientlidtkil, verendet sind!

Leider muß der Kenner der Verhältnisse fest stel­len: Es brauchte nicht so schlimm zu kommen!

Es ist an den deutschen Zirkussen gesündigt wor­den! Während jede Kommune sich eine Ehre daraus machte, ihrem Theater durch Zuschüsse zu Helsen, preßte man aus dem Zirkus an Ab­gaben und Steuern heraus, was überhaupt nut

herauszupressen war.

Ich selbst habe erlebt: baß in einer großen norb- deutschen Stadt die Spielerlaubnis für einen Wanderzirkus davon abhängig gemacht werden sollte, daß dieser Zirkus soundsoviel tausend Mark an daS Stadttheater zahlen sollte!

Keine Behörde, keine Bank, kein Mensch Hal einem Wanderzirkus Kredit gegeben! Bon dem fianjen Dollarsegen, bet seinerzeit auf Deutsch- and herniederging, von all den Anleihen ist nichts beim Zirkus hängen geblieben... älnb ich kann mit gutem Gewissen sagen mancher von diesen Zir- kusleuten, von diesen alten, einfachen Sanbftraßcn- Häuptlingen, bei denen Wort noch Wort, und Ehre noch Ehre gilt, hätte besser und gewissenhaf­ter mit einem Darlehen gewirtschaftet, als man­cher .Generaldirektor"!

Man hat also die deutschen Wanderzirkusse nicht gefördert... Man hat sie auch nicht ein­mal geschont! Keinerlei Erleichterungen sind ihnen gewährt worden, rücksichtslos hat man von ihnen die LustbarkeitSsteuer die berüchtigte Eftrabestrasung des ganzen deutschen Vergnü- gungSgewerbesl «innetricben.

Früher konnte ein Wanderzirkus leicht über bl« Grenzen wandern, sich ein Arbeitsfeld suchen. Diese goldenen Zeiten der Freizü­gigkeit sind vorbeil Gewiß: man kann mit einem ZirkuS nach Wien gehen, - wenn man nämlich für die Kassen deS Wiener Steuergewal­tigen, des StadtrateS Breitner, arbeiten will, der die LustbarkeitSsteuer bis au 25 Prozent von der Bruttoeinnahme erhebt! Ebenso ergeht eS dem Wanderzirkus in der Tschechoslowakei und in Po­len. Andere Staaten wieder lassen fremde Zir­kusse nur unter sehr erschwerenden und teuren Be­dingungen zu.

Ein ganz großes älnglüd für die Wanderzir­kusse bedeutet aber heute die Isolierung Rußlands, wo eS nur noch StaatSzirkusfs gibt Rußland war vor dem Kriege das denk­bar beste Arbeitsfeld für Zirkus- unterneßmer toie für Artisten, und daS Auge jedes ZirkuSmenschen leuchtet, wenn er von feinen russischen Gastspielen berichtet. Heute: vor­bei, aus! Rußland hat sich den StaatS- z i r k u s geschaffen und hat damit als erster Staat die national-pädagogische Wichtigkeit des Zirkus- seS anerkannt und ausgenützt: aber der Wander­zirkus als internationale Arbeitsmöglichkeit hat damit einen neuen furchtbaren Schlag bekommen.

Der deutsche Zirkus, dem das Ausland verschlossen ist, befindet sich in derselben Lage wie eine In­dustrie, der die Exportmöglichkeit benommen ist. In solchen Fällen pflegt man Staatshilfe einzusctzen. Beim Zirkus denkt man natürlich nicht daran ...

Was ist schon ein Zirkus? Nun, ich will es hier noch einmal sagen: ein Unternehmen von hoher volkswirtschaftlicher und von hoher nationalpada- gogischer Bedeutung! Wenn ich nur die zehn größ­ten deutschen Wanderzirkusse nehme Sarrasani, Krone, Carl Hagenbeck, Straßburger, Barum, Jakob Busch, Schneider, Eorty-Althosf, Amarant, Blumen- seid, bann haben sie zusammen einen Tagesetat von 60 000 Marsi d. h..

Innerhalb ihrer 8 Monate Spielzeit einen Aus- gabenelal von etwa 14% Millionen Mark!

Darin stecken noch nicht die Anschaffungen, deren Wert jährlich ebenfalls in die Millionen geht, und dazu kommen dann noch alle die kleinen Zirkusse, deren Ausgaben sich auch summieren und noch einige Millionen ergeben! Und diese Millionen das ift Geld, das im wahrsten Sinne des Wortes ins Rol­len gebracht wird, das wirklich umläuft, zwischen Artisten und Ctadtleuten, zwischen Direktoren und Lieferanten, zwischen Stadt und Land!

Aber nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kul­turell kann der Wanderzirkus fehr bedeutsam sein! Rußland hat erkannt, daß im Zirkus viele psychologische, zoologische, ethnologische, technische Lehrmöglichkeiten stecken, daß man dem politischen Clown eine wichtige Rolle geben kann. In Deutsch­land ist man mit seinen amtlichen Erkenntnissen noch nicht soweit gekommen.

So wird nun also das große Massensterben der deutschen Zirkusse weilerwüten und mit ihnen gehen dahin: wirtschaftliche Werte, erzieherische Werte und ein Stück von jener Romantik, die wir alle einst geliebt haben und heute noch lieben!