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Nr. 96 Zweites Blatt

Wietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag, 25. April 1952

Abberufung des Alsfelder Kreisdirektors?

Oie Regierung gegen den Kreisdirektor, weil dessen Söhne her SA. angchörten

Aus der Provinzialhauptstadt

, Gießen. den 25. April 193"

Sein oder Nichtsein?

Am Donnerstagabend beschloß Prof. *5 neffer seinen Vortragszyklus, den er Ver­anlassung der Mittclstandsvcreinigung . ,cn gt - halten hatte, mit der Behandlung . ? Themas Deutschlands Außenpolitik und dos Verhältnis zu Europa". Die Außen­politik. so führte er u. o aus. sei in Deutsch­land fast stets vernachlässigt worden. Heber- raschend sei für den größten Teil unseres Volkes der Weltkrieg gekommen, weil man den Vor- aängeG im Ausland nie genügend Aufmerksam­keit geschenkt habe Aach dem Kriege sei dos Verhältnis nicht besser geworden Eine Ent­täuschung nach der anderen sei die Folge ge­wesen. Aus den Ereignissen bei anderen Völkern habe man nicht gelernt. Die psychologische Ein- stellung zur Außenpolitik gehe dem deutschen Volke völlig ab. So nur konnte es sein, daß z. B. der Plan der Zollunion mit einer kläg­lichen Niederlage endete, weil man es nicht ver­standen habe, sich vorher die Sympathie einer Großmacht zu sichern Politische Bildung tue not. Das Volk vom Schlagwort zu befreien, sei die große Aufgabe. Es gelte endlich, grund­sätzliche Erwägungen'darüber anzustellen, welche allgemeine Richtung ii» der deutschen Außen­politik eingeschlagen werden solle. Das Einzelne werde sich dann der großen Linie unterzuordnen haben. Eine ziellose Außenpolitik laviere ein Volk in den Abgrund Die ziellose Politik Wilhelms II. sei ein Verhängnis gewesen Aach dem Kriege und dem Sturze der Monarchie sei es aber leider nicht anders geworden Der Redner betonte, daß sich eine neue deutsche Außenpolitik aus dem Verständnis der Ver­gangenheit und der Gegenwart, aus einer Aus­wertung geschichtlicher Bedingtheiten der deut­schen Politik entwickeln müsse. So gab dann der Vortragende einen weitgreifenden Heberblick über die Geschichte Deutschlands, ging vom Vkittel- olter und dem Kampf zwilchen Papst und Kaiser­tum aus. erinnerte an die Zeit des. Dreißig­jährigen Krieges und seine Folgen, kam in großer Linie auf die Niederlage Preußens durch Napoleon zu sprechen und schilderte die Ge­schichte des aufstrebenden Staates nach den Be­freiungskriegen und die dadurch gegen Deutlch- lanö eingetretene Feindschaft in Europa Kurz streifte er die Ereignisse der Jahre 1848 rmd 1866 und befahlt? sich dann eingehend mit der Politik und der Staatskunst Bismarcks. Jnsbcsoirderc unterzog er die bismarcksche Dünd- nispolitik einer eingehenden Betrachtung, er­läuterte die Vorgänge, die zum Kriege 1870 71 führten, behandelte die Politik Bismarcks nach diesem Kriege und ließ dabei die Größe des Staatsmannes Bismarck erkennen, dessen Erbe die folgenden Diplomaten schlecht verwaltet hät­ten. Hier wies der 'Redner besonders auf das Wirken Bülows hin, charakterisiert^ dessen Poli­tik als bald freundlich, bald feindlich, bald nach links, bald nach rechts lavieren, während er die großen Linien aus dem Auge verlor und große Gelegenheiten, das Reich zu festigen und zu sichern, versäumte. Schließlich zog der Vortra­gende noch die Hrsachen des Weltkrieges in den Kreis seiner Betrachtungen, die er hauptsächlich in der Rachegelüsten Frankreichs und in dem Verfall der angelsächsischen Politik sah. Das toirt- schaftliche und politische Erstarken Deutschlands habe Englands Haß wachgerufen, und Haßgefühle lösten den Krieg aus. England mußte aber eine Enttäuschung erleben, denn der Friede nach dem Weltkrieg sei zu einer nationalen französischen Angelegenheit geworden. 3n der Auswertung der geschichtlichen Erkenntnisse auf die Gegenwart betonte der Vortragende, daß uns vom Westen kein Heil kommen könne. ..Los vom Westen" sei die Parole.Schluß mit Dersöhnungs- und Er­füllungspolitik" sei die Forderung unserer Tage. Jetzt sei die Zeit. Deutschlands außenpolitischen Kurs zu ändern. Nur eine autarke Politik könne der deutschen Freiheit dienen. Die Politik müsse nach dem Osten weisen. Zwar werde man sich

DieHess. Landeszeitung" verbreitete am Frei­tag eine Meldung aus Alsfeld. nach der der Krecsdirektor des Kreil?s Alsfeld. Dr. Stammler, seines Dienstes entho­ben worden ki. Das Regierungsorgan. die ..Darmft. Zeitung" bemerkte dazu, diele Meldung entspreche nicht den Tatsachen. Durck Erkundigun­gen erfuhren wir. daß dem Kreisdircktor Dr Stammler von dem Vertreter des Innen­ministers eröffnet worden ist, er -Stammler) werde von der Leitung des Kreises Alsfeld abberufen und in einer an­deren Stellung a l s Beamter weiter verwendet werden. Allerdings soll dabei die Versetzung in eine andere Krcisdircklor- stelle nicht in Betracht kommen Wie man von anderer Seite hört, sollen bei dem Vorgehen der Negierung gegen Kreisdirektor Dr. Stammler politische Gründe mitsprechen, die man darin er­blickt. daß die Söhne des Kreisdirektors Mitglieder der SA. gewesen feien. Die Maßnahme der Regierung hat im Kreise Als­seld auhevordentliches Aussehen und stärk st es Besremden ausgelöst.

Oie Kreisbevölkerung tritt für den Kreisdirektor ein.

>4 A l s s e l d. 25. April. Am gestrigen Sonntag­nachmittag fand in der großen städtischen Fest­halle am Lindenplah. die bereits vor Beginn der Kundgebung bis auf den letzten Platz gefüllt war. eine eindrucksvolle Kundgebung für den Alsfelder Kreisdirektor Dr. Stammler statt als Protest gegen die von der Hessischen Regierung in Aussicht genommene Maßregelung von Dr. Stammler. Die Kundgebung war von der Bürgermeistervereini­gung des Kreises Alsfeld und von den wirt­schaftlichen Verbänden der Stadt Alsseld. dem Kaufmännischen Verein, der Einzelhandelsver­einigung, dem Ortsgewerbeverein und dem Ver­kehrs- u. Verschönerungsverein einberufen worden.

Namens der Dürgermeistervereinigung des Kreises Alsfeld sprach Bürgermeister Oekonomie- rat Morell. Angenrod, der auch die Dersamm- lung leitete. Er betonte die großen Verdienste von Kreisdirektor Dr. Stammler, die dieser sich während seiner 15jährigen Tätigkeit als Leiter des Kreises Alsfeld auf allen Gebieten der Fürsorge erworben habe. Die gegen ihn beab­sichtigte Maßregelung müsse als ein H n - recht empfunden werden, zumal gegen Kreis- r bireftor Dr. Stammler f e l b ft nicht das geringste vorliege, für die politische Ge­sinnung und Betätigung seiner Söhne könne man ihn nicht verantwortlich machen. Der ganze Kreis Alsseld empfinde es als eine Krän­kung. daß man einem hochverdienten Beamten das Vertrauen für fein ferneres Verbleiben im Amt entziehen wolle.

Namens der Kreisstadt Alsfeld wandte sich Bürgermeister Dr. V ö l s i n g gegen die von der Regierung beabsichtigte Maßregelung. Es sei geradezu eine Tragik, daß man einen

gegen den Boschewisrnus wehren und als dessen Vorstufe den Sozialismus bekämpfen müssen. Rußlands Staats- und Wirtschaftsform sei aber für die Außenpolitik gleichgültig. Die wirtschaft­liche Kraft eines Nachbarstaates wirke sich nie schädigend, sondern immer belebend aus. Untere Zukunft liege nicht auf dem Wasser, sondern auf dem Lande im erwachenden und erstarkenden Osten. Deutschland. Rußland und China müßten sich zusammenschließen gegen das Angelsachsen- tum. Die leitende Idee unserer Außenpolitik müsse sein im bismarckschen Sinne nach dem Osten zu streben, um so unserem Lande zu Kraft und zur Freiheit zu helfen. Mit einem Goethewort fand der mit lebhaftem Beifall auf­genommene Vortrag seinen Abschluß.

Beamten, der sich während seiner ganzen Amts­zeit strengster Hnpartcilichkeit bc- flcifjifit und sich von jeder P a r t p o l i t i k und politischer Betätigung f c r n ge­halten habe, nunmehr aus politischen Gründen maßregeln wolle. Gegen dieses Unrecht prote­stiere die Kreisbcvölkcrung.

Für den Kaufmännischen Verein Alsseld sprach Kommerzienrat R am speck, für die Einzel- handelsvereinigung Kaufmann Julius W a l d e ck und für den Ortsgewerbeverein Glasermeister Ernst Lcnth. die sich alle gleichfalls mit allem Nachdruck gegen die beabsichtigte Maßregelung des Kreisdirektors Dr. Stammler wandten. Namens deS KrcisauSlchusseS Alsfeld sprach Kreisausschußmitglied und Lan!Hpgsabgeordncter Lehrer K l o st c r m a n n. der in längeren lern- peramentvollen Ausführungen darauf hinwies, daß man den Beamten ihre verfassungs­mäßigen Rechte nehme und sie als Bürger zweiter Klasse behandele, wobei er insbesondere das Vorgehen der Hessischen Regierung gegen den Kreis Alsfeld anläßlich der letzten Vorkommnisse bei der Auslösung der SA - Formationen einer scharfen Kritik unterzog

Die Versammlung nahm alSdann die nach­folgende Entschließung an

Die heute in Alsfeld versammelten Mitglieder der Bürgermeisteroereinigung, die Angehörigen der roirlid)aftlidxn Verbände, sowie Tausende von Be­wohnern des Kreises Alsfeld haben mit großem Befremden davon Kenntnis genommen, daß die Absicht erwogen wird, den Herrn Kreisdirektor Dr. Stammler dem Kreise Alsfeld zu nehmen und in eine andere Dienststelle zu versetzen. Herr Dr. Stammler hot sein Amt als Kreisdircktor in den langen und wirklich unruhigen Jahren seines Hier­sein in derart vorbildlicher, und durch­aus unparteiischer Weise ausgefüllt, daß die Kreisbewohner es als einen schweren Ner l u st für den Kreis betrachten würden, wenn man ihnen jetzt in einer ausgesprochenen wirtschaft­lichen Krifenzeit den Herrn entziehen würde, der die Derhältnisfe des Kreises kennt wie kein anderer. Die Bevölkerung könnte es nicht verstehen, und es würde eine überaus ft ar Fe Mißstimmung und Unruhe in allen Kreisen heroorgemfen werden.

Die Versammelten richten deshalb an das Gesamt- Ministerium die Bitte, von einer Versetzung des Herrn Dr Stammler unter allen Um­ständen .abzu sehen, und erklären sich bereit, durch eine Abordnung weniger Herren nähere Auf- tlärungen zu geben."

Als Mitglieder der zu dem Gesamtmiaisterium zu entsendenden Abordnung wurden die Herren Bürgermeister Oefonomierat Korell. Angenrod: Bürgermeister Dr. Völfing, Als­feld, Direktor Vogel eh. Alsseld, und Kom­merzienrat R a m s p e ck, Alsfeld, bestimmt.

Die in vollster Ruhe und Ordnung verlaufene Kundgebung, an der wohl 4000 bis 5000 Men- schen teilnabmen. wurde mit dem Gesang des Deutschlandliedes geschlossen.

An die Vorträge schloß sich eine A ge an, zu der sich nur Studienrat Dr ank (NSDAP.) und Herr North (Christs ozialer Dolksdienst) gemeldet 'hatten, die den bekannten Standpunkt ihrer Parteien barlegten. In seinem Schlußwort befaßte sich Prof. Dr. Horneffer mit den Ausführungen der Diskussionsredner, cha­rakterisierte den Nationalsozialismus aus seiner wissenschaftlichen Einstellung heraus und lehnte dann (bezugnehmend auf die Ausführungen des jUDciten Ausspracheredners) die Verquickung der Religion mit der Politik ab.

Der Versammlungsleiter, Architekt Nico­laus, beschloß mit Worten deS Dankes an den Redner und die Zuhörer die anregend verlaufene Versammlung.

Bornotjzcn.

T a g e s k a I e N d c r für Montag: .Einhorn-Saal" 11 bi» 19 Hhr, Hcißschc Hygiene- Ausstellung. Lichtspielhaus. Bahnhofstraße: .Tic andere Seite". Dicfecker Lichtspiele, 20.30 Hhr, .Tie Mutter der Kompanie".

Aus dem Stadtthcaterbureau wird uns gefdnicber Heute. 19.30 Hhr. ge­schlossene Vorstellung des deutschen Märchens von Carl Zuckmever .Ter Hauptmann von Köpe­nick" unter der Spielleitung de» Intendanten Tr. Roll Prasch. Titelrolle Peter Fallott Ende 23 30 Hhr Dienstag, 26 April, als 28 Vorstellung im Dicnstagabonncmcnt Gastspiel des hessischen LandestheaterS mit der Oper .Mignon" von Ambroisc^ Thomas. Die musikalische Leitung hat Erwin Palm, Spielleitung Hamz Arnold Vor­zugs- und Rundfunkgutscheine haben Gültigkeit. Opemprcifc. Beginn 19.30 Hhr, Ende 22.15 Hhr. Vortrag von Professor Dr. Haas. Am morgigen Dienstag, 20 Hhr, pünktlich spricht im Rahmen der Hessischen Hygieiie-Ausstellung Pros. Dr. Haas im großen Hörsaal der Hniocr- fität über das Thema: .Wie können wir die Tu­berkulose sicher verhüten und heilen". Der Vor­trag wird durch Lichtbilder ergänzt: er ist icdcrmann zu empfehlen, da bedauerlicherweise die Tuberkulose heute noch Mne der schlimmsten Volks- kranshciten ist. Jedes Alter ist von dieser Krank­heit bedroht, so daß cs unsere Psli'cht ist, uns Kenntnisse über die Verhütung und Heilung die­ser Krankheit zu verschossen. (Siehe heutige An­zeige.)

* Don der Landesuniversität. Don der Pressestelle der Hniversität Gießen wird mit- geteilt: Die Professoren Dr. Rosenberg. Dr. Schumann und Dr. D o t h e, die Rufe an aus­wärtige Hniversiläten erhalten haben, lesen im Svmmcrsemester 1932 die von ihnen angefünbig- ten Dorlesungen an unserer Landesuniversitat.

" Freihändigfahren der Rad­fahrer in den Straßen ist verboten! Vom Polizciamt Gießen wird mitgeteilt: In letzter Zeit wurde mehrmals die Beobachtung gemacht, daß Radfahrer beim Bergabsahrcn und auch dort, wo lebhafter Verkehr herrscht, oder der Heberblick über die Fahrbahn behindert ist, oder die Sicherheit des Fahrens durch die Be­schaffenheit des Weges beeinträchtigt wird, beide Hände gleichzeitig von der Lenkstange tocq- nchmen Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß nach § .22 her Allgemeinen Straßenverkehrs­ordnung vom 21. Oktober 1921 das Freihändig- sahren in den oben angeführten Fällen strafbar ist. Die Radfahrer müssen sich darüber klar fein, daß sic durch diesen Leichtsinn nicht nur sich, sondern auch andere Wegebenuhcr in Gefahr bringen. Die Polizeibeamten sind angewiesen, streng ayf die Befolgung dieser Bestimmung der Allgemeinen Straßenverkehrsordnung zu achten und int Nichtbefolgungsfalle einzuschreiten. .

Großfeuer in Kleeberg.

<> Kleeberg, 25. April. In der Nach! zum Sonntag gegen 3 Uhr brach in unfewm Dorfe auf N ' noch ungeklärte Weise ein wroßseucr o , dem zwei neue Scheunen die Sdjeunt ii Karl Weber (GastwirtschaftZum Adler")

d die des Landwirts Slarl Jung zum Opfer :ielen. Beide Gebäude wurden bis auf die .Grundmauern ein Raub der Flammen. In der Scheune des Karl Jung verbrannten alle darin untergebrachten landwirtschaftlichen Geräte. Die angebauten Ställe wurden ebenfalls von den Flammen vernichtet. Das Vieh konnte nur zum Teil gerettet werden: drei Schafe und 21 Hühner verbrannten, ein Schwein mußte notge- schlachtet werden. Die Bekämpfung des Feuers wurde sofort nach bet Alarmierung energisch in An­griff genommen. Die Pflichlfeuerwehr van Kleeberg ging zunächst dem Feuer zuleihe, die Pstichtscuer- wehr von Weiperfelden griff mit ein, die freiwil­ligen Feuerwehren von Brandvberndorf und Espa beteiligten sich ebenfalls an den Löscharbeiten. Trotz aller Anstrengungen gelang es jedoch nicht, die mit allerlei Ernteoorraten angefüllten Scheunen zu ret­ten. Der Schaden erscheint beträchtlich, ist aber, wie man hört, durch die Versicherung gedeckt.

Oberhessischer Kunstverein.

Ferdinand Steiniger und Kran; Huth.

Der größere Teil, der am Sonntag eröffne­ten neuen Ausstellung des O b e rhe s s i s ch e n K u n st v e r e i n s ist dem Werk von Ferdinand Steiniger, Dresden, eingeräumt, der hier aus Anlaß seines 50. Geburtstages eine Sammlung von Radierungen und Aquarellen vorwiegend aus'Obcrhessen, wo er jahrelang gearbeitet hat vorführt Die Kollektion gibt einen aufschluß­reichen Heberblick über Stil und künstlerische Wesensart Steinigers. der durch mancherlei Be­ziehungen mit unserer Landschaft verbunden ist. (Einige biographische Bemerkungen zum Ver­ständnis der neuen Ausstellung haben wir bereits im lokalen Teil am Samstag veröffentlicht.)

Die graphischen Blätter, welche den breitesten Raum beanspruchen, auch künstlerisch den reifsten und jedensalls bestimmenden Eindruck hinter­lassen. behandeln neben mancherlei Landschasts- ausschnitten und Architekturmotiven von denen viele dem einheimischen Beschauer sehr vertraut fein werden einige figürliche Themen. Da sind vor allem etliche Porträtköpfc zu nennen, die mit ihrer exakten, sicher beherrschten Technik und einem scharf eindringendcn Blick für die lebendige Individualität eines menschlichen Ge­sichts in Stil und handwerklicher Haltung etwa an die Arbeiten von Stausser-Bern erinnern. Ein in Ausdruck und Auffassung interessantes und unkonventionelles Blatt ist ferner in dieser Gruppe der liegende Christus die einzige Vollfigur der Sammlung

Die übrigen Radierungen, unterschiedlich zwar in Format und Materialbehandlung, geben ins­gesamt Naturausschnitte, großenteils nach hei­matlichen Motiven, wobei mit Vorliebe ein alter Baum, eine Baumgruppe oder em mächtiger Gesteinsblock als beherrschendes Bildelement ins Zentrum des Blattes gestellt wurde Aber auch liebevoll ausführlich und malerisch komponiertes altes Bailwerk. meist aus der engeren Heimat, bat Steiniger wiedergegeben, so die Marburger Elisabethkirche. Arnsburg. Limburg, Runkel an der Lahn und aus Gießen das Alte Schloß.

Stille, freundliche, besonnte Landschaftsaqua­relle aus dem Hessischen und eine Vitrine voll

Exlibris und kleinen Glückwunsch-Karten runden das Bild dieser Gesamtschau angenehm ab.

Als eine Huldigung des Kunstvereins an den Genius Goethes im Jubiläumsjahr darf die Vor­führung einer Aquarell-Serie von Franz Huth, Weimar, gelten, die den Besucher empfängt. Huth ist von manchen früheren Ausstellungen im Kunstverein bereits bekannt: was er hier zeigt, sind liebenswürdige Impressionen, von freund­lichen Lichtem erhellte Interieurs aus einigen der berühmtesten Goethe-Stätten in Deutschland. So zum Beispiel das Giebelzimmer, das Treppen­haus und dasGuckfenster'^ im Frankfurter Ge­burtshaus am Hirschgraben: Arbeitszimmer und Sterbezimmer in Weimar, die beide in ihrer schmucklosen und sachlichen Einfachheit ein un­vergeßliches Bild aus dem Lebensbereich des großen Menschen vermitteln: dann das Dichter­zimmer in Tiefurt, das Gartenhäuschen und die so vornehmen wie schlichten Räume aus dem Wittumspalais in Weimar.

So wird diese Folge von Aquarellen den Freunden des Dichters und den Liebhabern der Malerei gleichermaßen willkommen und anregend sein. -y-

Farn.

Don Peter Bauer.

Die Farne wohnen in Wäldern voll Schatten- kühle und Feuchtigkeit oder an Dachufern. die dichtes Buschwerk überdunkelt. Hnter weit­gespannten Laubschirmen fühlen sie sich wohl. Das spärliche Licht, das durch das Blättergefüge rieselt, ist ihnen zum Leben genug. Sie neiden nicht den Großen die Sonnenseite des Daseins, sondern sind glücklich in ihrer Niedrigkeit und Erdnähe. Ihre zierlich gefieberten, wie Palrn- wedel geformten Blätter stehen in prächtigen, breit ausladenden Sträußen beisammen. Die Heidel­beerenleser schätzen diele herrlichen Wedel sehr Sie legen damit ihre Körbe aus. so daß rings um_ die schwarzblauen Deerenhaufen bas frische Grün wie eine reichgezackte Spitzengarnitur prangt unb bie köstliche Waldfpenbe noch verlockender macht.

Farne gehören wie Algen. Moose unb Pilze Su den Sonderlingen im großen Werden und Ver­

gehen der Natur, die keine Samen reifen unb i barum keine Blüten nötig haben, keine farben­prunkenden, duft- und nektarersüllten Gehäuse, die 1 sich zu ihren Staubblättern unb Stempeln bie be- stäubungsvermi ttelnden Insekten herbei locken. Es sind vielmehr Sporenpflanzen, denen eine leichte Windbrise genügt, die reifen Sporen zu verbrei­ten. Beim Farn bilden sich nämlich an den Dlatt- unterfeiten älterer Pflanzen winzige Sporen­kapseln, die in Häufchen beisammensitzen und im Spätsommer aufspringen, um den feinen Sporen­staub fallen zu lassen. Aus ihm entwickeln sich kleine Keimschläuche, die sich blattartig auswach­sen unb wie zarte grüne Pfennige auf dem feuch­ten Waldboden aufliegen. Diese Pfennige, die von ihrer Hnterfeite aus dünne Wurzelhaare in die Erbe senken, sind bie Werkstätten, aus denen neues Famleben Gestalt gewinnt. Zunächst bil­den sich märmliche und weibliche Organe, Schwär­mer unb Eizellen, bie nach Vereinigung drängen unb schließlich miteinander verschmelzen. Aus dem neuen Gebilbe formt sich nach einiger Zeit ein junges Farnkraut. 01(16 niemals entsteht aus dem Farn ein neuer Farn, sonbern es findet Generationswechsel 'statt, indem auf die unge­schlechtliche sporentragende Form der Farnpslanze die geschlechtlich^ des Dorkeims folgt unb erst auf diesen wieder das Farnkraut.

Natürlich hat diese merkwürdige und von an­dern Gewächsen abweichende Entwicklung des Farns schon früh die Phantasie schlichter Natur- kinder erregt. Da man ihn weder blühen noch Samen reifen sah. muhte er ein'Gcheimnis haben. Otto Braunfels, der Verfasser des ersten gedruckten .Kräuterbuches" in deutscher Sprache, das 1534 erschien, sagt von dem Farn: .Hie muß ich mit dem Dergiliv sagen hic nihil nisi carmina desunt: hie mangelt mir nicht dann bah ich nit auch zaubern unb Teufel beschwören kann. Ich weih cs wohl, bah viele ein Aug auf dickes Kraut geworfen unb verzollen, ich werde etwas davon sagen wollen. Kein Kraut ist ba mehr Hexen­werk unb Teufelsgespenst mit getrieben wird. Ich muh hier mit Gewalt mich bereden lassen, wie dieses Kraut einen Samen trage, welchen es an S. Johannisnacht wirft, so doch Dioscorides Pli­nius und alle die davon getrieben keines Samens gedenken. Hnd biefer Same wirb auch nit jeber- mann zu theil. sonbern man muß zuvor das Kraut bekchwörcn und den Teufel darüber anrufen und alsdann jo jchwchet es wie ein Gunnnucopftei»

welche gleich auf Stund hart werden unb zu einem schwarzen Samen, ber mir auch von etlichen ist gesagt worben." Trotz alledem hält Braunfels nichts von ber Teufclsbeschwörung, sonbern nennt sielauter Gaukelwerk', selbst auf die Ge­fahr hin, bah ihmdie Farenbeschwörer vielleicht zürnen".

Der Glaube, daß geheimnisvolle Kräfte am Werk seien, hat sich jedoch noch in örtlichen Sa­gen erhalten. Die Niederösterreicher wissen, daß irn Gölsental einst zwei Männer in einem Farn­gebiet spazieren gingen. Plötzlich sah ber eine den andern nicht mehr, obschon er ihn noch reden hörte. Erst als ber Hnsichtbargewordene seine Echuhe auszog, unb der Farnsame, der ihm hin- eingeweht war, herausfiel, wurde er von seinem Weggenossen wieder gesehen. Auch die Fähig­keit, Schlösser zu sprengen, schrieb man dem Farn Au und suchte ihn als .Epringwurzel" um 12 Hhr in ber Johannisnacht. Dabei ist es. wie bie Sage erzählt, einem Mann im Harze übel ergangen. Er hatte sich ein Schloß an das Bein gebunden und stolperte im Dunkel zwischen den Farnkräu­tern herum, die er blühen sah. PlöhliH stellte ihm em großer Kerl, der aus den Wurzeln empor- schoß, das Bein unb zerrte den Heberraschten in den Farnen hin und her, bis es zwölf Hhr schlug. Dann verschwand er. Der Springwurzel- sucher aber lag eine Stunde besinnungslos. Dann eilte er heim und wenn das Schloß an seinem "Dein klapperte, wähnte er den großen Teufel hinter sich, und verdoppelte seine Geschwindigkeit. Atemlos stürzte er in die Stube, brachte kein Wort heraus und war an den Körperteilen, wo ihn der Kerl gepackt hatte, schwarz. Am nächsten Morgen konnte er stotternd sein Erlebnis erzählen und war am Mittag tot.

Solche Geschichten haben wohl dem Wurmfarn, dem häufigsten unter den Waldfamen, den Na- men Teufelsfeder eingebracht, wie man ihn in Oesterreich noch nennen hört. An eine schlanke, breitfabniqe Feder erinnern ja die Blätter, bie so leicht im Winde spielen unb denen wohl alle Farne ihren Namen verdanken. Tenn Farn ist daS englische fern, daS Flügel, Feder bedeutet

Nur seinen sarnartigen Blattern verdankt der Rainfarn seinen Namen, ber wie die Schafgarbe überall an Wegrändern anzutreffen ist und in gelben Dolden blüht, also nicht zu den Farmen gehört.