Ausgabe 
24.12.1932 Frühausgabe
 
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Dem Wunsch des Pap st es entsprechend haben d'.e Regierungen von Bolivien und Paraguay über Weihnachten in einen 2 4- stündigen Waffen st illstand Angewilligt. Der Papst hat den beiden Regierungen seinen lebhaften Wunsch aussprechen laii-en, das; auf den kurzen Waffenstillstand rasch eine dauer­hafte Befriedung folgen werde.

Der Senat der Freien Stadt Hamburg hat für das Jahr 1933 Bürgermeister Dr. Karl Pe­tersen zum Ersten Bürgermeister und Bürger­meister Rudolf Roß zum zweiten Bürgermeister gewählt. Aus dieser Wiede.v ahl geht hervor, daß 6ei' Senat sich entschlossen hat, an der in den letzten Jahren üblichen zweijährigen Periode für den Wechsel in den Bürger, meisterämtern festzuhalten.

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Die belgische Kammer hat der neuen Regierung mit 100 gegen 80 Stimmen das Vertrauen ausgesprochen.

beschafft werden können. Bei Neueinslcllungen dürfen nur inländische Erwerbslose berücksichtigt werden, die durch die Arbeits­ämter vermittel« werden, vornehmlich sollen l a n g f r i st i g erwerbslose Familien- ernähret, vor alem Kinderreiche be- rüiffibttgi werden Dir bei den Lrbeilen bc- fchdUigtcn Arbeitnehmer s:ud ja den gelten­den Tarifsätzen zu entlohnen. Um mög­lichst vielen Deutschen Arbeit schassen zu können, soll die Arbeitszeit 40 Stunden wöchentlich nicht überschreiten.

Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist nicht nur ein wirtschaftspolitisches, sondern ebenso ein staatspolitikches und soziales Problem. Sie bietet vielleicht die zur Zeit noch einzig vorhandene Möglichkeit zur Milderung der ungeheueren so­zialen Spannungen, und sie kann wohl allein nur noch die Grundlage schaffen, von der aus man das von dem Herrn Reichspräsiden­ten t>. Hindenburg erstrebte Ziel erreicht: Sicherung des sozialen Friedens und Schaffung einer deutschen Dolksgemeinschaft.

de ns bedeute. Wenn ein vollkommener Zer­fall Süks'awiens ve h itet werden solle, müsse eine bundesstaatliche Verwaltung m,t Provinzautonomie eingeführt werden.

Kleine politische Nachrichten.

In einer Sitzung der nationalsozialistischen Fraktion des hessischen Landtags, in der sich der bisher.ge Fraklions- und Gauführer Lenz von seinen 1 ruberen Mitarbeitern verabschiedete, wurde der Abgeordnete Rechtsanwalt 2 u n g ° Worms von Gauführer Sprenger zum Fraktions­führer ernannt.

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Der Bayerische Rundfunk überträgt am heutigen Samstag, 24. Dezember, in der Zeit von 12.15 Hhr bis 12.43 Uhr die An­sprache des Papstes. Unmittelbar im An­schluß an die in italienischer Sprache erfolgende Ansprache wird eine deutsche Tlebcrsehung ge­geben werden.

Oer Umfang der Winterhilfe.

Berlin, 23. Dez. (ERV.) Heber den Hm- fang der diesjährigen Winterhilfe-Aktion erfah­ren wir von unterrichteter Seite, daß in diesem Iahre sieben Millionen Personen von der Winterhilfe betreut werden. 3m vergangenen Jahre belief sich die Zahl der Betreuten auf 4,5 Millionen. Während im vorigen Jahre für die Fleischverbilligungsmaßnahmen 17 Millionen und für Kohlenverbilligung 6,5 Millionen ein­gesetzt waren, ist in diesem Jahre diese Summe, wie gemeldet, mit 35Millionenin Ansatz ge­bracht worden.

Kommunistische Revolten im Wuppertal

Wuppertal, 23. Dez. (WTD.) Kommu­nistische Ausschreitungen, die sich bis in die Rächt und in den frühen Morgen des Freitag fortsetz- ten, hatten zu Zusammenstößen mit der Polizei an verschiedenen Stellen der Stadt ge­führt. In Wuppertal-Elberfeld gingen Teilneh­mer eines Demonstrationszuges gegen zwei Po­lizeibeamte vor und entrissen ihnen die Gummiknüppel undTschakos. Die bei­den Beamten wurden schwer verletzt. Ein größerer Demonstrationszug wurde an anderer Stelle der Stadt aufgelöst. 3n einigen Straßen wurden d i e Laternen durch Stein­würfe zertrümmert, in anderen das Straßenpflaster nach Einbruch der Dunkelheit a u f g e r i s s e n. Bei vorangegangenen Hnruhen auf dem Marktplatz wurden drei Personen durch Schüsse verletzt. Die Hnruhestifter benutzten mehrfach auch die Gelegenheit, Läden, deren Scheiben sie einwarfen, auszuplün­dern. Rach dem amtlichen Bericht der Polizei sind die Ausschreitungen auf Anweisung der KPD. erfolgt.

Nie südslawische Gtaatsknsis.

Eine ausländische Intervention empfohlen.

London, 23. Dez. (TH.) Mehrere führende englische Persönlichkeiten, die von einer Reise nach Südslawien zurückgekehrt sind, emp­fehlen, daß die englische Regierung zusammen mit den Regierungen Frankreichs, der Tschecho­slowakei und Runläniens auf eine grund­legende Aenderung der südslawi­schen Verfassung drangen und bis zu deren Durchführung der Belgrader Regierung keine weiteren F i n a n z e r i e i ch t e r u n g e n ge^ toäfjrcn soll. Zu den Hnterzeichnern der Erklä­rung gehören u. a. Lord Cushendon, Lord Roel- Buxton, Mister Fisher und Prof. Gilbert Mur­ray. Angesichts der beinahe einstimmigen Oppo­sition der südslawischen West Pro­vinzen gegen die Belgrader Dikta- tur, so heißt es in der Erklärung, sei eine 2age entstanden, die eine dauernde Versuchung für die einen südslawischen Einheitsstaat feind­lich gegenüberstehenden Rachbarregierun- ge n darstelle und die eine ständige Ge - fährdung d es europäischen Frie-

Weihnachlsbeschemng der Blindenhunde.

Paul Eipper berichtet von einem $eft edler Menschlichkeit.

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9lie habe ich eine so erschütternde Weihnachts­feier erlebt: mehrere hundert blinde, in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen lebende Berliner, Männer und Frauen, konnten gestern Weih­nachtsgeschenke für ihre Helfer und Beschützer, die Führerhunde, in Emp­fang nehmen. Bedürftige Menschen, die sich mit Stöcken vorwärts tasteten, den Ehristbaum nicht sahen, der für sie geschmückt worden war, kamen mit leeren Rucksäcken und zogen reich beladen wie­der fort. Heiteres Lächeln mar auf ihren Gesichtern, weil sie mit diesen Geschenken ihre tierischen Freunde beschenken konnten

Zuweilen wurde der Chorgejang, die Streich­musik der Weihnachtslieder übertönt vom hundert­fachen Gebell der Hunde, die dicht bei Fuß neben ihren Herren Schlange standen vor den Gaben­tischen. Es waren hauptsächlich deutsche Schäfer­hunde, große und kleine, schöne und (nach mensch­lichen Begriffen) häßliche, dicke und magere, schwarze, braune, gelbe, graue; auch ein Albino mit roten Augen; ferner Bastarde, die Pudel-, Spitz- oder Schnauzerabstammung verrieten. Aber keiner machte einen scheuen, verprügelten Eindruck, nur sah mancher recht hungrig aus. Ein wenig nervös waren die Tiere, weil sie die ungewohnte Menge ihresgleichen rochen und sich wohl um den

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ihnen anvertrauten Menschen sorgten. Denn ge­heimnisvoll steht im Gesicht eines jeden Blinden­hundes stärkstes Verantwortungsbewußtsein.

Daß jeder von diesem mehr als 200 Hunden gestern eine Besserung seines Loses erfuhr, jeder weihnachtlich beschenkt wurde, ist ein Ehrenzeichen und verdient öffentliche Belobi­gung. Lob gebührt dem Pächter des Re­staurants, der seinen großen Saal nicht nur kostenlos zur Verfügung stellte, sondern zu die­sem Zweck festlich ausgeschmückt hat. Lob sei d e n Damen und Herren des Roten Kreu­zes, die bei dieser Bescherung praktische Helfer waren. Sie tragen das gleiche Abzeichen des roten Kreuzes im weißen Feld, das auch die Blmdenfüh. Hunde tragen. Ein Zeichen der Chari­tas bei Mensch und Tier, ein Ehrenmal zum Wohl der leidenden Menschheit. Lob sei jenem Berliner Schlächtermeister, der in Zweipfund-Paketen drei Zentner Pferdefleisch stif­tete für d;e Hunde. Lob auch jenem anderen Schlächter, der den Aermsten dieser blinden Men­schen je ein Pfund bestes Ochsenfleisch als eigenen Festbraten gab, und gelobt sei der private Wohl­täter, der 150 Paar Würstchen an die Hunde verteilte. Es d ferner von tierfreundlichen Menschen 800 Pfund Reis, 900 Pfund Hunde­

kuchen gespendet wordey, viele Halsbänder, eine Menge warmer Decken, gestickte und gehäkelte, Steppdecken, Fell- und Plüschdecken, WoÄachs, Gummidecken mit Filzeii^age.

Lob sei vor allen dem Deutschen Tier­schuhverein, der das Protektorat dieser be­sonders mildtätigen Weihnachtsfeier übernom­men hatte. Die beiden Vorsitzenden, Exzellenz Kuhlwein von Rathenow und Hans von Skopnik, leiteten persönlich die Gabenverteilung. Doch be- sonderes Lob sei dem vor 15 Jahren erblindeten Kapellmeister Anton Goeggel aus Württemberg, der durch seine Vitalität und sei­nen Gemeinschaftssinn ein großer Wohltäter der Blinden Berlins und ihrer Hunde geworden ist. Er hat als Vertreter des Deutschen Tierschutz- Vereins feit Wochen in allen tierfreundlichen Häusern unserer Stadt für diese Feier g« sam- melt, so den größten Teil der Ratural- und Realspenden zusammengebracht und auch recht nennennswerte Geldbeträge. Sein Gedanke w a r e s ein besonders schöner Gedanke, für eine erhebliche Summe dieser Geldspenden m der Blindenanstalt Kokosmatten zu kau» en, Kokosmatten, die von blinden Men­schen hergestellt wurden'für die Füchr- Hu nde anderer Blinder. So ist die es Geld doppelt wohltätig wirksam gewor­den.

Aus aller Welt.

Verhaftung der Direktoren der Zigarettenfabrik Bergmann.

Die Staatsanwaltschaft Dresden gibt bekannt: Auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft Dresden wurden am Morgen des 22. Dezember der General­direktor Bergmann und fein Bruder, Direktor Beig- mann, von der Haus Bergmann AG. in Dresden megen dringenden Verdachts umfangreicher Zu- widechandlungen gegen die Devisenvor­schriften verhaftet und sind inzwischen gegen Stellung einer hohen Sicherheit von der weiteren Untersuchungshaft verschont worden Uöie wir dazu weiter erfahren, beziffert sich die Kautionssumme auf 1 Million Mark.

Anschlag auf das Wiener Postsparkasfenamt.

^nuptschalterraum des Postsparkaissenamtes in Wien ist ein Rauchgasanschlag verübt wor° den. Entgegen der ursprüngl chen Vermutung, daß der Anschlag das Werk politischer Fanatiker 'ein konnte, ist durch die polizeilichen Ermittlungen fest- gestellt worden, daß man es dabei mit einem groh- angelegten Raubversuch zu tun hat. Die aus­gebrannten Rauchbomben sind bereits von zwei Sachverständigen untersucht worden. Es sind zwei- Blechbehälter von 18 cm Höhe, die offenbar mit Chemikalien gefüllt waren. Die Art und Weise, wie die Chemikalien entzündet wurden, ist noch nicht ermittelt. Sofort, als die Alarmanlage in Tätigkeit trat, haben sich sämtliche Ausgänge des Gebäudes automatisch geschlossen. Wie berietet, ist jedoch ein junger Mann, der sich in der Schalter­halle befand, durch ein Fenster geflüchtet. Der Flüchtling wurde angehalten, ist aber wieder frei­gelassen worden, da er seine Schuldlosigkeit nach­weisen konnte.

Getreidespeicher-Brand in Chlkago.

In Chikago wurde ein fünfstöckiger Getreide­speicher mit 1 350 000 Bushels Weizen Inhalt durch mehrere Staubexplosionen zerstört. Das Ge­bäude brannte völlig nieder. Der Schaden wird auf eine Million Dollar geschätzt. 35 Löschzüge waren an der Brandstelle tätig. Die Wehren mußten sich ledoch darauf beschränken, eine Ausbreitung des Feuers x\i verhüten. Zwei Personen wurden ge­tötet, sechs wurden schwer verletzt.

Großfeuer in einer japanischen Stabt fordert zahlreiche Todesopfer.

In der Stadt Fukugawa in der japanischen Provinz Suo brach ein Großfeuer aus bei dem, soweit bisher festgestellt, 16 Personen öe r - brannten, lieber 30 Personen werden noch ver­mißt. Bier weitere Personen haben schwere Verletzungen daoongetragen. Die Rettungs­arbeiten waren in dem engen Häusergewirr sehr schwierig. Eine große Anzahl von Häusern wurde vernichtet.

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Die Mutter hatte eine wundertätige Art, mit ^"em Geschenk unbewußter Sehnsucht oorzug'reifen, io daß icdes Kind sich für das auserwählt beglückte yu t Hatte es sich nach dem ersten Ueberschwang mit leinen eigenen Schätzen vertraut gemacht, führte 15 DJe G 'chwister herbei ober ließ sich selber ftau- nenb non Tisch zu Tische laben Für die Gaben der alteren hatten die jüngeren meist etwas wie W «rüder, bie Mwrne mcir f,e st'r ein graues schufternes -.ng wer "inten im Wcihnachtslicht! Und konnten ''"Wern sich w.rklich freuen über die Hand- omten sie noch lo selbstgewebt sein, die die 3 neruDfi" das beißt aus dem eigenen

Heiliger Abend aui demLande.

Don Helene Voigi-Oiederichs

Aus dem BucheAuf Marien hoff" von Helene Voigt-Diederichs, erschienen im Verlag Eugen Diederichs in Jena.

Mit der ersten Dämmerung rotteten die Kinder sich w der Wohnstube zusammen, und die Großen schmückten den Tisch für die Eltern. Dem Vater konnte man ehrfürchtig etwas zeichnen; aber die Mutter durfte beprickelt, benäht, bestrickt, behäkelt und beslochten werden; alles, was Hände zu schaffen und Herzen zu fühlen vermochten, fand sichere Wege zu ihr.

Schließlich, nachdem sich endgültig herausgestellt hatte, daß der Tag des Wartens niemals ein Ende nahm, tat sich doch die Tür zum Saale auf. 93ater und Mutter erschienen, feierlich glänzten ihr Gesicht und ihre Stimme:Kinder, nun dürst ihr herein- kommen!"

Eine kurze Weile stand alles um den Baum, voll wunschloser Sammlung, dunkel umbranbet vom Wunder der Weihnachtsstube. Die Flämmchen auf den Zweigen sangen mit hörbarem Engelslaut. Und dann begannen mit verschämtem Staunen die Blicke seitwärts zu flirren. Rechtzeitig brach die Mutter den Bann, führte jedes Kind an seinen Platz, zuerst die Kleinsten, denen aus Stühlen und Tischbrettern ein dreikäsehoher Stand geschaffen war. Auch der Vater beugte sich herzu, ließ das Pferdchen rollen, pruste das Taschenmesser, stellte den botanischen Namen der Blume fest auf dem handgemalten -teüer, den Tante Hulda gespendet, ober blätterte in einem Buch. Denn Bücher fehlten auf keinem J-iid), von solchen mit unzerreißbaren Bildern über bie Balladen von Mondkarlchen und dem Fünkchen, das ipazierenging, bis zu Lederstrumpf und Herz­blättchens Zeitvertreib und schließlich gar Schillers Werken.

Leinenschrank entroenbet hatte für den Hamster­löst en der Heranwachsenden Töchter?

Abgesehen von diesen, allerdings mehr für eine schwingende Zukunft als für die Notdurft der Ge­genwart berechneten Dingen schenkte die Mutter kaum je ausdrücklich nützliche Sachen zu Festtagen. Diese waren dazu da, Schmuck und Wärme ins Le­ben zu tragen. Was an AUtagskram gebraucht mürbe, bekam man zu anbern stunden. Freilich, bie Mutter grübelte nicht lange an solchen Fragen, sondern handelte hier wie überall aus sicherem Trieb und Hellen, schnellen Gedanken. Wenn der Vater einmal, angesichts der geringen Fuderzahl auf der Ernteliste meinte, in diesem Jahr dürften bestimmt keine Süßigkeiten zu Weihnachten gekauft werden, so wußte die Mutter es doch einzurichten, daß wenigstens keiner auf seinem mit Kuchen und Nüssen gefüllten Freßteller den kleinen runden Marzipan vermißte; mit seinem aufgepreßten Füll­ern voller Blumen gehörte er nun einmal in den lebendigen Ring leise waltender Ueberlieferung

®o wenig wie der bescheidene Marzipan durften die Weihnachtsgedichte fehlen. Nachdem der erste Freudensturm ruhigere Wellen schlug und Vater und Mutter ein wenig unter den Lichtern rasteten, kam ein Kind nach dem andern geschlichen, stellte sich auf und sagte fein Verslein her. Leicht geschah es, wenn es auch noch so gut auswendig gelernt hatte, daß der festliche Augenblick seinen sinn ver­wirrte, so daß es ins Stottern geriet. Leise half die Mutter nach; im Lauf der vielen Christabende vererbten sich die Verse und saßen ihr selber von Jahr zu Jahr sicherer im Gehör.

War das letzte Kind mit einem Kuß entlassen und glühenden Gesichtes doppelt selig an seinen, Tisch zurückgekehrt, sagte die Mutter wohl:Theodor, was meinst du. jetzt können vielleicht die Leute hereinkommen?"

Bald klopfte es. an der Tür, eine festliche Schar quoll herein. Alle waren sie da, die Pferdeknechte, der Kuhhirt und der Schweinejunge, mit wasser­glatten Scheiteln, die Gesichter rot gespannt vom Waschen und Bartabnehmen; einige Messerschram­men steigerten den sauberen Anblick In frischen Hemdsärmeln kamen sie, die Sonntagsmütze unter den Arm geklemmt, lautlos auf dicken, blauen rocken; Holzschuhe und Pantoffeln blieben draußen im Küchengang stehen. Ihnen folgten, verlegen staunend, die sechs, sieben weißbeschürzten Mädchen. Freundlich machte die Mutter Mut zum Näher­treten. indem sie vorn runden Mitteltisch jedem aus dem Kreis der Gaben die feine herausnahm. Weste und Tabakpäckchen für die Männer, buntstreifigen Beibermanh zum Rock und dunklen Iackeusamt "für

bie Mädchen Zuletzt wurde jedem aus die gefüllten Hande ein Kuchenteller gesetzt, auch ein reichlicher Mel korb nicht vergessen. Zum Schlüsse stellte die Mutter sich^neben den Vater, legte auch wohl ihren Arm in den seinen; Dank und Handschlag wurden lächelnd entgegengenommen. Dies war einer von den Augenblicken der Würde, wo die Eltern, gleich­sam eine freundliche Macht verkörpernd, für Sekun­den zu einem einzigen Wesen zusammengeschweißt waren. Unverlöschlich zeichnete sich das Bild der Mutter als das einer beglückten Schenkerin in die Herzen der Kinder; dies mochte eine der Stunden fein, wo sie voller Güte, Weisheit und Ueberschau am strahlendsten sie selber war

Weihnachtsmann im Knege.

Von Hans Reimann.

Ich war noch sehr jung, als ich an der Existenz des Weihnacht-mannes zu zweifeln begann. Mein Vater als Kohlenhändler hatte am Heiligen Abend alle Hände voll zu tun, und darum fand bei Rei­manns die Bescherung am ersten Feiertag statt, wenn die Eltern ausgesch'afen hatten. Es brannte feine Kerze, es wurde nicht musiziert und nicht ge­lungen, und die Geschenke bestanden zum größten Teil aus praktischen Dingen. Alles, was am Christ­baum hing, war sorgfältig gezählt, und meine Mut­ter hatte zu Neujahr, wenn der Baum geleert wurde, eine genaue Kontrolle, wieviel Schokoladen­herzen und Spekulatiusse heimlich von Hans her- untergenascht waren. Ich erinnere mich, schon als fünfjähriges Kind darüber nachgsdacht zu haben, wie der Weihnachtsmann bas Kunststück fertig- brmgt, an einem einzigen Abend nicht nur sämtliche Simber rn unserem Hanse, sondern auch in der gan­zen Lu dwigst raße und in der Eisenbahnstraße und in der Marienstcaße und in der Hedwigstraße und anderen Straßen gleichzeitig zu bescheren. Sobald ich |pater von den vielen, vielen Städten Deutichlands erfuhr erkundigte ich mich bei einer Xante, ob es eine Million Weihnachtsmänner gibt ober bloß hunderttausend, und als die Tante er- widerte, daß der Weihnachtsmann nur ein einziges Mal vorhanden fei, war der Fall für mich erledigt, unö ich verwies den Weihnachtsmann in das Ge­biet der Fabel.

27 Jahre alt mußte ich werden, um ben Glau­ben an den Weihnachtsmann zu rückzu gewinn en. Man schrieb 1916. Meine Mumtionskolonne hatte Winterquartier bezogen In einem elenden Kaff Ostgaliziens, elf Kilometer hinter Chodorow, dem Sitze unseres Armee-Oberkommandos. Ein leises

Grauen vor dem Heiligen Wend hatte mich be­icht.chen, und so stiefelte ich mutterseelenallein in deu abgestorbenen, melancholisch schweigenden Wald. Es war am frühen Nachmittag des 24. Dezember. Eingemummt in meinen.Schafpelz, den dicken Spa- .zierstock in der Hand und der mild schimmernden oanne halber ohne Kopfbedeckung: so wanderte ich querwaldein in Richtung Chodorow, wo ich in zwei -stunden anzulangen, einen Tee zu trinken und im Bahnhof ein paar neue Zeitungen zu kaufen ge­dachte. Aber ich verirrte mich, kam zum zwanzigsten Male an demselben Fuchsbau vorüber, lief rascher und rascher, die Dämmerung brach herein, die Sonne sank, es wunde grimmig kalt, es dunkelte es wurde schwarze Nacht. 'Beit und breit keine' menschliche Ansiedlung. Irgendwo Chodorow irgendwo unser Quartier. Südlich? Westlich? Aufs Geratewohl stürmte ich durch den Wald und über Wiesen, über Hügel und durch ausgetrocknete Bäche. Weil mir schließlich das Jagen und Hasten sinnlos erschien, warf ich mich unter eine mächtge Buche und verschnaufte. Und zündete mirxeine Zigarre an.

Ich mochte fünf Minuten verschnauft und ge­raucht haben, da stand der Weihnachtsmann vor mir. Wie im Märchen. Ein alter Herr mit weißem Bart, mit Pelzmütze bis über bie Ohren, im alt­modischen Mantel und in hohen Stiefeln.

Und er fragte mich freundlich, was ich hier treibe. Wahrheitsgemäß antwortete ich, daß ich in Chodo­row Zeitungen zu kaufen gedenke, doch vom Wege abgeirrt fei. Der Weihnachtsmann sagte lächelnd, daß er mich nach Chodorow führen wurde. Ich er- fyob mid) "nd schritt eifrig neben dem stumm dahin- apfenden Alten her. Und kaum war eine Viertel- ftunbe verstrichen, so hörte ich die Geräusche des Bahnhofs von Chodorow.

Ich dankte dem Weihnachtsmann für feine gütige n?1- un& sprang auf die Chaussee

ar-ff Vahnhof gab es ßefefutter in Hülle und Usiue. Ich gab ein paar Mark für Zeitungen und o t aus, trank einen heißenTei mit Zu beiß' und marschierte alsdann auf der Land­straße gemütlich heim.

In meinem Quartier brannte die Azetylenlaterne. JRem Bursche hatte ein Bäumchen geschmückt und Iplelte Ziehharmonika. Gemeinsam lasen wir was ich mitgebracht hatte. Mitten im Lesen staunte Gras, chen, mein Bur che, und schob mir eine Illustrierte herüber:Der sieht genau aus wie der Weihnachts­mann!" '

Und er war es auch.

Es war derselbe Weihnachtsmann, der mich nach Chodorow geleitet hatte: Graf Bothmer, der Chef der Sübarmee.

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