Ausgabe 
24.10.1932 Erstes Blatt
 
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Aus aller Wett.

Vom Deutschen Sludenienwerk.

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Satz geprägt daß die Grenzstadt Turin sich vor nem neuen Kriege fürchte?

Liberts" sagt, die ganzen Schwierigkeiten italienisch-französischen Verhältnisses lägen in

3n einer der letzten Nächte, suchten Ein­brecher das .Fridolins Münster" in Säckingen in Baden heim und stahlen u. a. das Meßgewand des Heiligen Fridolin, ein kunstvoll verziertes und mit Edelsteinen besetztes Messer, ein Agnesenkreuz, ein Hylarius- sichen und eine

auf Frankreich äußer st unangenehm wirken müßten. Weshalb habe Mussolini

Vorstellung von einer angeblich diplomati­schen Diktatur, die der Quai d'Orsay auf die Staaten Mitteleuropas ausüb«, indem er sich auf die militärische Vorherrschaft Frankreichs stütze. Und doch wisse man ebensogut in Rom wie in Berlin, daß die französischen Rüstungen defensiv und nicht offensiv seien.Journal" meint, es sei zu befürchten, daß Mussolini mit Befriedigung die deutschen Rüstungen sehe, weil er glaube, daß Italien daraus Vorteile ziehen könne. Mussolini unterstütze offen den deutschen Versuch der Er­hebung, und durch diese Haltung arbeite er nicht für den Frieden, der durch das deutsche militärische Programm bedroht sei.

Hungermärsche in England.

London, 24. Oft. (MTB. Funkspruch.) Die Blätter berichten regelmäßig über Wände- rungender.Hundertdemon st ranke n". die ausverfchicdenen Teilen Englands n a chL on- don unterwegs sind. Es handelt sich um Gruppen von Arbeitslosen, die aus Lancafhire, Borkshire, Sudwales, Kent usw. kommen, um in London auf ihre Notlage hinzuweif en. Aus Lancashire ist jetzt eine Gruppe von 38 Frauen unterwegs. 3n jeder Stadt, die die Demonstran­ten passieren, wird von den Behörden und von Privatpersonen für ihre Verpflegung und älnter- ku-nfi gesorgt.

Politiker könnten nicht angeben, auf welcher Seite schließlich das Schwergewicht der italienischen Politik liegen werde. Mussolinis Rede könne im wesentlichen als Zu­stimmung zu dem Plane Macdonalds gewertet werden, der auf ein Konzert der Groß­mächte abziele. Da aber dieser Plan wahrschein­lich nicht realisierbar sei, so müsse auch die Entwicklung der italienischen Politik als nicht eindeutig feststellbar gelten.

Ami du P e u p l e" schreibt, Mussolini habe u. a. erklärt, daß Turin, das so nahe der Grenze liege, sich nicht vor einem Kriege fürchte. Frankreich, das niemanden bedrohe, habe das Recht, feiner Ueberraschung über eine derartige Aeußerung Ausdruck zu geben. Auch dieV o - l o n 16" fragt, warum auf mäßige und klug« Aus­führungen Aeußerungen hätten folgen müssen, die

werbsschaffenden Studentenbetriebe wurde aus der großstädtischen Arbeit heraus ein lehrreicher Berliner Bericht gegeben. Blondere Teilnahme galt den Besprechungen über die aka­demische Mitarbeit an den Wirtschaftskör- pern. Die Wirtschafts- und Fürsorgearbeit soll unter verantwortlicher Einfchaltung ' studentischer Kräfte gemeinsam mit den Dozenten weiter verfolgt werden. Mit der Erörterung der akademischen Be­rufsnot, des Werksjahresplanes und des Problems einer reinen Volksauslese wurde begonnen.

Deutsches Theater in Metz.

Die letzte größere Stadt in Elsatz-Lothringen, die sich seit dem Kriege zäh gegen ein deutsches Theater sperrte, hat jetzt ihren Widerstand gegen die For­derungen ihrer deutschsprachigen Burger aufgeben müssen. Ende November wird im Metzer Stadt­theater SchillersDon Carlos" aufgeführt wer­den. Es handelt sich um ein Gastspiel des Stadt­theaters Freiburg im Breisgau, das seit Jahren in elsässischen Städten regelmäßig Gastspiele gibt. Bei den jüngsten Ersatzwahlen zum französischen Senat hatten alle Kandidaten, unter ihnen auch der Metzer Bürgermeister V a u t r i n, mit Rücksicht auf die Wähler in Ost-Lochringen Zusagen hinsichtlich der Gleichberechtigung der deutschen Sprache machen müssen. So konnte man sich auch nicht länger dar­auf versteifen, in der zur Hälfte deutschsprachigen Hauptstadt des lothringischen Departements nur französisches Theater zuzulassen. Es verlautet, daß das Freiburger Stadttheater in diesem Winter zu­nächst noch drei weitere Gastspiel« in Metz geben wird.

Tränengasbomben im Elberfelder Sladtlhealer.

Dieser Tag« wurden im Elberfelder Stadt- lheater, kurz vor Beginn der Vorstellung der OperSalome" von Richard Strauß, in der die Spanierin Iovita F u« n t as als Gast die Titel­rolle fingen, sollte, Tränengasbomben ge- worfen. Zuschauerraum und Bühne waren bald mit derartig großen Mengen von Tränengas erfüllt, daß das Publikum fluchtartig das Theater verließ. Erst nach «instündigsr Arbeit der Feuer- wehr gelang es, den Theatevraum von den Gasen zu reinigen. Die Vorstellung konnte dann be­ginnen und störungslos zu Ende geführt werden. Ein junger Mann, der verdächtig war, eine Tränengasbombe geworfen zu haben, wurde f c ft- genommen. Man glaubt, daß der Anschlag als Protest gegen das Auftreten der auslän. bischen Künstlerin gedacht war.

Zweiter Einbruch inFridolins Münster".

Paris, 24. OH. (WTB.) Die Morgenpresse befaßt sich eingehend mit der Turiner Rede Mussolinis, deren Bedeutung sie abzuschwächen versucht.Echo de Paris" spricht die Ver­mutung aus, daß sich die italienische Regierung hinsichtlich der relativen Herabsetzung der fran­zösischen Militärstreitkräfte und der Aktion zu­gunsten Rußlands sowie der ääeberwachung Süd- slawiens mit Berlin im Einvernehmen befinde. Das faschistische Regime dürfe aber nicht vergessen, daß auf Grund der Friedensverträge 200 000 Deutsche und 460 000 Südslawen zu Italien gekommen seien. Man müsse daran erinnern, daß eine zu enge Verbindung mit denen, Die sich gegen die Verträge auflehnten, gefähr­lich sei. Italien sei deshalb auch gezwungen, seiner Politik von Zeit zu Zeit eine andere Aich- - vul JIlllutluB.Ai

tung zu geben und auch die sachverständigen^ B^me Äaffctt^X än ^tem

Er führte u. a. aus, daß nicht der parlamentarische Kuhhandel oder Notverordnungen der Papen-Re- gierung eine Aenderung in Deutschland herbeifüh- ren würden, sondern nur d i e sozial« und nationale Revolution der NSDA P. In Baden seien 15 000 SA -Männer die besten Ga­ranten für diese kommende Revolution. Er wünsche sich, daß noch mehr S A.- L e u t e in die Ge­fängnisse fliegen, daß neue Verbote kämen, damit die NSDAP, endlich Schluß machen könne mit der ewigen Legalität. Die Politik mit dem Gewehr fei allerdings eine furcht­bare Sache; wenn aber die Stunde gekommen sei, wo der illegale Weg zur nationalen Notwendigkeit werden müsse, werde die SA. in Deutschland den Sieg erringen. Die SA.-Männer seien nicht nur Soldaten, sondern auch glühende und begeisterte Revolu­tionäre. Eine zweite Provokation der Papen- Regierung lasse sich die NSDAP, nickt mehr ge­fallen. Die Papen-Regierung sei nur eine vorüber­gehende Episode: das Schicksal Deutschlands werde in Zukunft durch die Faust der SA. ent­schieden.

Reichskanzler-Rede im Rundfunk

Reichskanzler von Papen spricht heule mittag auf dem Märkischen Handwerker - Obermeistertog in Berlin über wirtschaftspolitische Maß­nahmen der Reichsregierung. Die Rede wird in ihren wichtigsten Teilen heute ab 19 Uhr j auf Schallplatten im Rundfunk übertragen.

Der neue Kurs in Wien.

Bundeskanzler Dollfuß über die Bezießungeu zum Reich.

Salzburg, 23. Oft. (WTB.) In der General- Versammlung des Katholischen Bauernbundes er» klärte Bundeskanzler Dr. Dollfuß u. a.: Ich glaube an Oesterreich und halte Defter r eitp für lebensfähig. Wenn wir nicht einander gegenseitig verhetzen, sondern uns bewußt sind, daß wir nur a l s Ganzes bestehenkönnen und Zusammenhalten müssen, dann werden wir bestehen und diese schwere und ernst« Zeit überdauern. Auch vom nationalen Standpunkt aus braucht man uns Kindern eines jahrhundertealten Bauernstammes nichts zu erzählen. Wir (eben in einem Land, dessen Herrscher sechs Jahrhunderte hindurch die alte deut­sche Kaiserkrone getragen haben in einem Land, das sein Deutschtum jahrhundertelang gegen Türken und andere asiatische Völker verteidigt und erhalten hat. Wir waren, sind und bleiben Deutsche: wir wollen nicht aus Mitleid von unserem großen Bru­dervolk aufgenommen werden, sondern wir wol­len vorerst unser Haus [ e l b ft b e ft e H n, um dereinst als freier, s e l b ft ä n b i g e r deutscher Staat frei und unabhängig aus eigener, innerster Ueberzeugung über unser weiteres Sdjirffal zu entscheiden.

pariser Echo der Muffolini-Rede.

Tagung der Reichsgemeinschast deutscher Föderalisten.

Aschaffenburg, 23. Oft. (WSR.) Die Reichsgemeinschaft deutscher Föderalisten tagte in Aschaffenburg. Professor Dr. Schmitt- m a nn. Köln, referierte überDas Reich als Ausgabe": Professor Dr. Henle, Rostock, über Bayerns Vorschläge zur Reichsreform" und Hauptschriftleiter Dr. D o s ch m a n n, Aschaffen­burg, überGrundsätzliche Gedanken zur Neu­gliederung". Die Referate wurden von der gut besuchten Versammlung mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Eine Entschließung wurde einstimmig angenommen, in der es u. a. heißt: Die, Reichsgemeinschaft deutscher Föderalisten begrüßt die Absicht der Reichsregierung, den unhaltbaren Dualismus Reich-Preußen auf verfassungsmäßigem Wege zu beheben. Von einer wie immer gearteten Verbindung Preußens mit dem Reich vermag sich die Reichsgemeinschaft weder eine Wiederkehr des inneren Verfassungsfriedens noch eine Stärkung der Selbstverwaltung des preußischen Gebiets zu versprechen. Die echte föderative Lösung (hege­moniefreier Länderstaat durchAufgliederung Preußens) geht nicht negativ auf Zerschla­gung Preußens, sondern positiv auf den Neubau des Reiches. Nur von ein^r solchen Lösung des Dualismus ist innerer Frieden und gestärkte Selbstverwaltung zu erwarten, zudem die Weg­bereitung für den Anschluß von Oesterreich. Eine Aufhebung des § 18 der Reichsverfassung würde die Verewigung der Berliner zentralistischen und ' Vernichtung der großdeutschen Zukunft bedeuten." j

Folgendes Telegramm wurde an Reichs­kanzler v. Papen und an den Reichsinnen­minister gesandt:Die Versammlung der Reichs- | gemeinschaft deutscher Föderalisten, zahlreich be­sucht aus Bayern und allen Teilen des Reiches, fordert auf Grund des Artikels 18 der Reichs­verfassung freie Bahn für eine Auf­gliederung Preußens in zweckent- sprechendeVerwaltungsländer, damit endlich unter äleberwindung des Dualismus Preußen-Reich das deutsche Deutschland werde."

Zur Eröffnung der diesjährigen Wirtfchafts- tagung des Deutschen Studentenwerks und aller deutschen Hochschul - Wirtschaftskörper waren i n 3 e n a über 200 Dpzenten und Studenten aus dem ganzen Reich versammelt. Der Vorsitzende Prof. Dr. Tellmann konnte Vertreter des Reiches und der Länder und eine Reihe Rektoren, unter ihnen neuen Rektor der Universität Berlin, Professor Kohlrausch begrüßen. Er verband damit besonderen Dank an das Reich für das in Etatsmitteln zum Ausdruck gebrachte Verständ­nis der akademischen Not. In den Beratungen wurde die schwierige Frage der Studenten­heime und »f p e i f u n g e n, trie einen Monats­umsatz von 600 000 Mark haben und täglich 3 0 0 0 0 Essen an Studenten ausgeben, be­sprochen. lieber die Werksarbeit und er»

doch glaubt man, daß es sich um die gleichen Diebe handelt, die, wie gemeldet, vor wenigen Tagen das Zittauer Stadtmuseum plünderten. Die Einbrecher haben sich nach den bisherigen Ermitt­lungen in der Kirche einschließen lassen, die Tür zur Sakristei aufgebohrt, um zu dem Reliquien­schrein zu gelangen, und das Glasfenster des Schreines zertrümmert. Nach der Tat haben sie die Kirchentür von innen geöffnet und konnten unerkannt entkommen.

Raubmord bei 5L Aoold.

In der einsam gelegenen Bohrmühle bei St. Avold (Lothringen) wurden dieser Tag« die beiden einzigen Bewohner, das in den 60er Jahren stehende Ehepaar Meyer, Opfer eines Raubmordes. Der Mann atmete, als man ihn auffand, noch schwach. Die Frau war tot. Sie scheint vor Schreck einen Herzschlag erlegen zu fein. Der Mann wies schwere Verletzungen auf. Da er starb, ehe er vernommen werden konnte, sind die näheren Umstände einstweilen in Dunkel gehüllt.

Lastkraftwagen vom Güterzug ersaht.

Wie aus Bad Kreuznach gemeldet wird, fuhr bei dem Bahnübergang Kloningermühle bei Langenlonsheim ein Lastkraftwagen, dessen Füh­rer die Warnungsglocke der Lokomotive über­hört hatte, gegen einen Güterzug. Der Kraftwagen geriet unter die Lolomötive und wurde vollständig zertrümmert. Die beiden Insassen des Wagens, ein gewisser Wilhelm Simon und Karl Saintdenis, beide aus Mainz, wurden schwer verletzt aus den Trümmern geborgen und ins Kreuznacher Kran­kenhaus gebracht. Die Entfernung der Trümmer des Kraftwagens dauerte mehrere Stunden, wäh­rend der Personenverkehr durch älmsteigen auf­recht erhalten wurde.

Loopings mit einem Segelflugzeug.

3n der Krim fand ein allrussischer Wettbewerb derSegelflugzeuge statt, bei dem von einigen Fliegern bemerkenswerte Ergebnisse erzielt wurden. So blieb der Segel­flieger Golowin ununterbrochen 14 Stunden und 50 Minuten in der Lust. Dem Flieger Slepantschenko gelang eine außerordentlich bemerkenswerte Leistung. Er führte mit seinem Segelflugzeug 29 Loopings aus.

Wettervoraussage

Anhaltender Dorüberzug von Druckstörungen gibt der Witterung Deutschlands das Gepräge. So brachte der legte Wirbel in der vergangenen Nacht unter stürmischer Luftbewegung erneute Nieder­schläge, welche in den heutigen Vormittagsstunden noch anhielten. Weitere Störungsgebiete sind im Westen zu erkennen, so daß dadurch teils wärmere, ^ls f^lere ozeanische Luft zum Vorschub gelangt. Die Westwetterlage charakterisiert sich weiterhin in Unbeständigkeit und Schauern. Dabei führt zwischen­zeitliches Aufreißen der Wolkendecke zu kurzen Auf- klarungspertoden. Entsprechend der Luftzufuhr er- folgen auch leichte Temperaturschwankungen, im Durchschnitt bleibt es aber mild.

Aussichten für Dienstag: Unter auf- frischenden westlichen Winden wechselnd bewölkt mit Aufklaren, Regenschauer.

Aussichten für Mittwoch: Leichte Beste- rung, aber keineswegs beständig.

Lufttemperaturen am 23. Oktober: mittags 11,4 Grad Celsius, abends 9,6 Grad: am 24. Dfober: morgens 11,8 Grad. Maximum 13,5 Grad, Mini­mum 6,5 Grad.Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 23. Oktober: abends 10,2 Grad: am 24. Oktober: morgens 9,7 Grad Celsius. Niederschläge 4,1 mm. Sonnenscheindauer X Stunde.

Aus der Provinzialhaupistadt

Herr Doktor,

ich muß die Operation noch aufschieben, Ende der Woche heiratet meine Tochter, und da muß ich doch dabei sein.

Gut, Herr Müller, dann sagen Sie mir nur rechtzeitig Bescheid, sobald Sie bereit sind.

Selbstverständlich, Herr Doktor, aber können Sie mir inzwischen nicht noch etwas geben, was die Schmerzen und den Juckreiz lindert? Diese elenden Hämorrhoiden quälen mich so arg, daß ich es kaum aushalten kann

Kaufen Sie sich einmal in der Apotheke Posterisan, Salbe und Zäpfchen, gebrauchen Sie diese inzwischen regelmäßig, morgens und

abends, es wird Ihnen sicher gut tun.

(8 Tage später:)

Mein lieber Herr Doktor? Wie soll ich Ihnen nur danken? Das Posterisan ist ja großartig. Von Schmerzen und Jucken spüre ich nichts mehr, die Operation ist gar nicht mehr nötig.

Die Tube Salbe kostet in jeder Apotheke

Gießen, den 24.Oktober 1932.

Ideale.

Wenn sich jemand in den verflossenen Jahren zu irgendwelchen Idealen bekannte, dann hatte man in dergroßen Welt" für ihn nur ein mehr oder weniger gezeigtes Minderwertigkeitsgefühl übrig. Das war ein Stehengebliebener, kein fort­schrittlicher, aufgeklärter, neuzeitlicher, sondern bestenfalls ein altmodischer Mensch mit überholten Anschauungen, den man belächeln, aber nicht für voll zu nehmen glaubte. Ideale waren Tlrgrvß- vatertrödel, mit dem man seinen Körper und Geist um seinenatürlichen" Rechte beschwindelte. Man war doch ein vernunftgeblähtes Wesen und kein Sklave einer ledernen Vergangenheit, an der man srch unbeteiligt und der man sich nicht verpflichtet fühlte. Verpflichtung und Gefühl hätten den hem­mungslosen Daseinsgenuh in Sinnenfreudigkeit beschwert.Nach uns die Sintflut!"

Aber es ist zum Glück nicht soweit gekommen, daß alle Dämme überspült wurden. Nachdem so ziemlich alles in den Fugen krachte, was das innere Gefüge eines Menschen gegen unterhöh­lende Einwirkungen von außen feit, fast am Nande eines Kraters, in dem eine chaotische, unterschiedslose, entwurzelte und gehalt- und ziellose Masse, ein abgeschmackter Menschenbrei gebrodelt hätte, kommt es zu einer Umkehr, zu einem Ab wenden und einem, sagen wir ruhig: Rückschritt von diesem Fortschritt, der doch nur in einer immer dürrer werdenden Wüste ge­predigt wurde. Denn Fortschritte nur mit dem Hirn müssen sich weiter und weiter von einem in der Vergangenheit erprobten Fundament ent­fernen und so automatisch einen luftleeren Raum zwischen sich entstehen lassen, in dem alles Leben in einem höheren Sinne erstickt. In der Angst vor einem seelischen Tod war jeder kurpfuscherische Strohhalm ein Wrack, auf dem. man sich weiter­treiben ließ. Dieses Festland, ob man es wahr haben will oder nicht, sind die Ideale.

Denn Ideale, die diefen Namen ohne Cin- schränkunigen und Verbrämungen verdienen, sind keine ideenverrannten Wolkenkuckucksheimereien, auch keine altjüngferlichen Reifröcke, mit denen man durch traumselige Gefilde trudelt oder als Moralpu-ter einherstolziert,fein selbst und der Wett vergessend". Ideale sollen nicht Selbst­zweck, sondern Mittel zu dem Zweck sein, jeden seinem Endzweck näherzubringen. Ideale können nie vollkommen erreicht werden. Man kann ihnen nur so nahekommen, wie es m der Kraft des einzelnen steht. Denn das ist ihr Wesen, daß sie dort droben unveränderlich hangen", unerreich­bar und doch ewiger Ansporn. Ideale sollen und wollenStecken und ©tab" fein, die Elms­feuer reineren Menschentums, veredelte Lebens­auffassungen, die über die Widerstände des All- zumenschlichen, über den Niederdruck der Ma­terie erheben, der wir zwar tributpflichtig sind, aber nicht hörig sein sollten.

Ideale sind keine Modeartikel, mit denen sich Saisongeschäfte machen lassen, kein Schaum, mit bem man sich und andere einseift. Ideale sind die guten Kameraden, mit denen sich bei Regen, Sturm und Sonnenschein wandern läßt. Sie sol­len führen und nicht verführen. Sie wollen in Öen Menschen den göttlichen Funken nicht er­löschen lassen. Kig.

Lieber 200 Anträge

zu WohnungSinstandsehungen.

Wie wir auf Anfrage beim städtischen Hvch- bauamt erfahren, find aus den Kreisen des Gie- hener Hausbesitzes über 200 Anträge auf Ge­währung der Reichsbeihilfe aus dem 50-Mil- llonen-Fonds des Reiches für Jnstandseßungs- unö Ilmbauarbeiten an Wohnungen eingereicht worden. Die Geldsumme der rund 200 Anträge beziffert sich auf etwa 80 000 Mark und würde da die Aeichsbeihilfe 20 Prozent der Dansumme crusmacht ein Gesamtkapital für die Justand- setzungsarbeiten von rund 400 000 Mark bedeu- teau. Leider werden aber nicht alle Anträge berücksichtigt werden können, da aus dem Reichs- fonds vorläufig nur ein Betrag von 30 000 Mark

-^bnungs.nstcmdsetzungen auf Gießen ent­fallt. Diese Summe bedeutet unter Zugrunde-

düng eines Gesamtkapitals von 150 000 Mark, d. h. also, daß von den Antragstellern eine Summe von 120 000 Mark für die Instand setzungs- arbeiten selbst aufgebracht wird. Da diese Ar­beiten -um größten Teil sofort ausgenommen werden sollen, bringen sie für den Gießener Arbeitsmarkt im Hinblick auf den Winter eine sehr begrüßenswerte Entlastung, zugleich bedeu­ten sie auch eine willkommene Befruchtung be$* heimischen Wirtschaftslebens. Für Wohnungs- uimbauten ist ein bestimmter Betrag für Gießen nicht vorgesehen, da über alle derartigen An­träge das Ministerium selbst entscheidet.

Notstandsarbeiterstreik beendet.

Der Pflasterer - und Maurer st reit auf den Prooinzialstraßen-Baustrecken Heldenber­gen Kaichen und Selters D r t e n b e rg ist, wie wir zuverlässig hören, beendet. Dem Vernehmen nach haben die Bauunternehmer gewisse Zugeständnisse an die streikenden Arbeiter gemacht.

Bornotizen.

Tageskalender für Montag. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Ich will nicht wissen, wer du bist" sowie ein Beiprogramm auf der Bühne.

** DerAusbau der Pestalozzischule i n d e n E i ch g ä r t «n ist seit einigen Wocken rege im Gange. Leider kann aus finanziellen Gründen der ganze Schulhausbau nicht sofort fertiggestellt werden, man mußte sich vielmehr darauf beschrän- ken, nur den westlichen Flügel zu vollenden, da er gleichzeitig die Möglichkeit gibt, einen abgeschlosse­nen Schulbetrieb ungehindert durchführen zu kön­nen. Der Tellausbau umfaßt acht Klassen mit den erforderlichen Nebenräumen und machte einen Ka­pitalaufwand von rund 50 000 Mark erforderlich, die von der Verwaltung m vollem Umfange zur Ver­fügung gestellt werden konnten. Die Fertigstellung der neuen Schulräume wird im Lauf« dieses Win­ters erfolgen, so daß sie mit dem Beginn des kom­menden Schuljahres in Benutzung genommen wer­den können. Hinsichtlich der Grünfläche, die von der Schule her die Verbindung bis zur Wieseck ermög­licht, ist zu erwarten, daß die Anlage bis zum näch- ften Frühjahr im freiwilligen Arbeitsdienst durch- geführt sein wird.

"DieVolkshoch schule macht darauf auf­merksam, daß der Arbeitsplan für das Winter­halbjahr^ erschienen ist und kostenlos abgegeben wird. (Siehe heutige Anzeige.)