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24.9.1932 Frühausgabe
 
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Der Charlottenburger Kommuniftenprozeß.

Berlin, 23. Sept. (TU.) 3m SonbergerichtS- Prozeh gegen die Charlottenburger neun Kom­munisten, Die des Ueberfalles auf das national­sozialistische Verkehrslckal in der Röntgenstrabe bezichtigt werden, kam es am Freitag zu einer eigenartigen Zeugenvernehmung. Der 70jäh- riße Steinmetzmeister Franz Engelhardt hatte bei feiner polizeilichen Vernehmung die neun Kom­munisten als die Sätet bezeichnet. Als Zeuge vor dem Sondergericht erklärte er aber nun, daß er seine belastenden Aussagen nicht mehr auf­rechterhalten könne. Auf die Frage des Vorsitzenden, warum er denn dann bei der poli­zeilichen Vernehmung mit solcher Destimmtheit die Kommunisten als die Tater bezichtigt habe, er­widerte der Zeuge: Die Polizei hat mich reingelegt. Sie hat mir erzählt, es seien keine Kommunisten, sondern Aationalso- z i a l i st e n. Da habe ich sie belastet. Frau En­gelhard, die Frau des Zeugen, bezeichnete auf die Frage, ob sie einen der Schützen wiedererkenne, den Zeugen Dobilscheck, nachdem dieser sich auf Veranlassung des Vorsitzenden seine Drille wieder aufgesetzt hatte, mit Sicherheit a l s einen der Schützen. Der Sohn des Ehe­paares Engelhard bestätigte die Angaben seiner Eltern. Er hatte bei der Polizei angegeben, daß er den Angeklagten S t e r d t erkannt habe, ver­besserte sich aber heute dahingehend, dah Sterdt einen Doppelgänger haben müsse, da er den Schützen, mit dem er Sterdt verwechselt habe, noch später vor dem Lokal gesehen habe. Mit De­stimmtheit habe er drei Schützen, darunter auch Dobilscheck, erkannt.

Oer Beleidigungsprozeß gegen den Angriff".

Berlin, 23. Sept. (XU.) 3n dem Prozeh gegen dieAngriff"-Redakteure Dr. Lippert und Krause wegen Beleidigung des ehemaligen Polizeivizepräsidenten Dr. Weih bekundete Kri­minalkommissar F u t h , dah er eines Tages zu dem Polizeivizepräsidenten Dr. Weih gerufen worden sei. Dr. Weih habe ihm mitgeteilt, dah die nationalsozialistische Fraktion des Preuhi- schen Landtages ehrenrührige Dehauptungen über seine Frau aufgestellt hätte. Der Zeuge sei dann von Dr. Weih angewiesen worden, einen Journalisten ausfindig zu machen, der diese beleidigenden Aeuherungen wiederhole, so dah man ihn belangen könne. Der Jour­nalist solle dafür eine Vergütung von 800 Mark erhalten. Dr. Weih habe aber nach einigen Tagen erklärt, die Bemühungen seien nicht mehr nötig, die Angelegenheit sei bereits erledigt worden. Ein aus dem Untersuchungs­gefängnis vorgeführter russischer Atzt, der frü­her behauptet hatte, zusammen mit Dr. Weih und dem Staatssekretär Weihmann in Spielklubs gespielt zu haben, konnte diese Dehauptung nicht aufrechterhalten, sondern erklärte, dah er nur verschiedentlich Dr. Weih habe spielen sehen. Das Gericht setzte dann die weitere Verhandlung bis zum 4. Oktober auS.

Oer Reichskanzler in Ostpreußen.

Berlin, 23. Sept. (TU.) Reichskanzler von Popen hat sich am Freitag nach O st. preußen begeben, um sich von dem N o t st a n d des Regierung sbezirks Gumbinnen durch eigenen Augenschein an Ort und Stelle zu überzeugen.

Aus aller Welt.

Hauptversammlung des Verbandes der Aerzte Deutschlands.

Die TagungdesVerbandes derAerzte Deutschlands in Hannover bot dem ersten Vorsitzenden der beiden ärztlichen Spitzenverbände, Geheimrat Stander Gelegenheit, die Presse über die Ziele der deutschen Aerzteschast zu unterrichten. Die deutschen Aerzte hätten sich ihre Organisation, die rund 42 000 Aerzte umfasse, in vorbildlicher Opferwilligkeit geschaffen. Die Organisation glaube den Beweis erbracht zu haben, daß sie fähig sei, durch die nach langen Beratungen zum Abschluß gebrachte Neuregelung des kassenärzi- lich en Dienstes in der Krankenversicherung, die einen Lösungsoersuch darstelle zur unentbehrlichen Zusammenarbeit zwischen Aerzten und Kranken­kassen und dem Staate, zugleich eine Lösung der Arbeitslosenfrage in den eigenen Reihen. Die Neu­ordnung habe einigen Tausenden von Jungärzten die Möglichkeit der Existenzgründung gegeben. Sie sichere zudem den Weiterbestand der Krankenver­sicherung in ihrer für unser Volk unentbehrlichen Gestalt. Der Redner wies weiter auf die gewaltige Minderung des ärztlichen Gesamtein­kommens hin. Erhebliche Teile der deutschen Aerzte verdienten nicht mehr das Existenzminimum. Deshalb fordere der ärztliche Stand mit besonde­rem Nachdruck auch die freie Arztwahl bei den leider immer größer werdenden Massen der Wohl­fahrtserwerbslosen. Besonders sorgenvoll stehe die Aerzteschast der Tatsache der Ueberfüllung des ärztlichen Standes gegenüber. Die Ge­samtzahl der auf deutschen Hochschulen zur Zeit studierenden Mediziner habe sich auf rund 25 000 erhöht. Die Einführung eines Werkjahres für die akademische Jugend sei unter diesem Gesichtspunkt zu begrüßen.

21. Verbandstag des Reichsverbandes der Post- und Telegraphenbeamten.

Der 21. Verbandstag des Reichsver­bandes Deutscher Po st- und Telegra- phen-Beamten hielt in Berlin seine letzte Vollsitzung ab. Zu dem Abschnitt Besoldungsrecht und Beamtenrecht wird in den angenommenen Ent­schließungen heroorgehoben, daß die infolge der Notverordnungsmaßnahmen eingetretenen Einkom­menkürzungen die Bezieher geringerer Einkommen besonders schwer belasten. Weiter wird die schärfste Bekämpfung der auf Ueberführung der Reichspost in eine nach privatwirtschaftlichen Grundsätzen ge­leiteten Gesellschaftsform gerichteten Bestrebungen gefordert. In der Herabsetzung des Ruhegeldhöchst- atzes von 80 auf 75 o. H. durch Notverordnung ehen die angenommenen Anträge die Verletzung eines verfassungsmäßig geschützten Bestandteiles des Beamtenrechts, wogegen die Gerichte anzurufen feien. Bel der Berwaltungsreform müsse eine Be­rücksichtigung der sozialen Interessen des Personals verlangt werden. In sozialpolitischer Hinsicht for­dern angenommene Anträge u. a., daß unbedingt noch eine in einem Verhältnis zur Höhe der Ge- Haltskürzungen stehende weitere Senkung der Mie­ten erfolgt und ausreichende Mittel für die ord­nungsmäßige Instandhaltung der hygienischen Ein­richtungen bei den Postämtern bereitgestellt werden. Zur Personalpolitik wurden Anträge angenommen, die verlangen, daß schnellstens weitere Maßnahmen getroffen werden, diedie Beamten gegen die in letzter Zeit häufig auftretenden Ueberfälle, wobei nicht selten das Leben der Beamten stark gefährdet ist, besser schützen". In einer Entschließung über das Perhältnis des Reichsverbandes zu feiner Spitzenorganifation, dem Deutschen Beamtenbund, wird mit Bedauern feftgefteUt, daß dieser z. B. zur Reichspräsidentenwahl und zu anderen staatspoliti­schen Ereignissen von großer Bedeutung mit dem

Hinweis auf die parteipolitische Neutralität keine Stellung genommen habe. Der künftige Aufbau des Deutschen Beamtenbundes müsse so gestaltet werden, daß der soziale Geist, der in dem Bund herrschen solle, überall zum Ausdruck komme.

Relchsgerichlspräfident a. D. Freih. v. Seckendorfs f.

In Bad Liebenstein in Thüringen verstarb der feit 1920 im Ruhestand befindliche frühere Reichs- gerichtspräfident, Wirklicher Geheimrat Dr. Rudolf Freiherr von Seckendorfs im 88. Lebensjahre. Freiherr von Seckendorfs, eir^gebürtiger Kölner, war im Jahre 1872 zum Staatsprokurator in den Reichs­landen Elsaß-Lothringen ernannt worden. 1879 wurde er in das Reichsjustizamt berufen und trat im Jahre 1899 als Unterstaatssekretär in das preußische Staatsministerium ein. Seit 1905 gehörte Ir dem Reichsgericht an.

Schweres Gewitter in der Südeifel. vier Menschen vom vlih getötet.

Dieser Tage ging, wie ein Funkspruch aus Trier meldet, ein schweres Gewitter über der Südeifel und der Umgebung von Wittlich nieder. Mehrere Personen, die auf einem Kartoffelacker in der Rähe von Hupperath gearbeitet hatten, suchten unter einer Buche Schuh. Ein Blitz schlug in den Daum ein und tötete vier Perso­nen: ein Kind erlitt schwere Verlegun­gen und wurde gelähmt. Durch den wolken­bruchartigen Regen wurden in kürzester Zeit Wiesen, Aecker und Wege überflutet. Zahl­reiche Delephonleitungen wurden zerstört, so dah der Telephonverkehr bis in die Abendstunden un­terbrochen'war. Die Himmeroder Straße in der Bähe von Wittlich bot zeitweise das Bild eines reißenden Gebirgsbaches. Die Obsternte ist zum Teil vernichtet.

Bei der pahrevision verhaftet.

Bei der Pahrevision im Expreßzug Moskau- Berlin stieß die Kriminalpolizei der Pahüber- wachungssteUe des Tilsiter Bahnhofs auf einen Mann, der offenbar mit einem falschen Paß reiste. Es handelt sich um einen langgesuch­te n Kapitalverbrecher, und zwar um den 18jährigen Kommunisten Kuhnert, der am 17. Februar d. 3. gemeinsam mit anderen Jungkommunisten ein nationalsozialisti­sches Derkehrslokal in Röntgental b e i Berlin überfallen hat, in dein sich aber keine Rationalsozialiften befanden. Kuhnert wird beschuldigt, bei diesem Ueberfall einen so­zialdemokratischen Arbeitererschossen und zwei weitere Personen schwer verletzt zu haben. Rach der Tat ist er gemeinsam mit eini­gen anderen Teilnehmern des Ueberfalls nach Rußland geflohen. Was ihn jetzt bewo­gen hat, mit einem falschen Paß nach Deutsch­land zurückzukehren, steht noch nicht fest. 3n seinem eleganten Lederkoffer fand man ein Tagebuch, das der Polizei nähere Auskunft über sein Treiben geben dürfte. Gefesselt und stark bewacht wurde er dem Tilsiter Gerichts­gefängnis zugeführt, von wo aus er von Ber­liner Kriminalbeamten abgeholt und nach dem Moabiter Untersuchungsgefängnis übergeführt wurde.

Havarie des EisbrechersSibirjakow".

Der russische EisbrecherSibirjakow", der sich auf der Route ArchangelskWladiwostok befindet (200 km von der Bering-Straße) ist durch gewaltige P o - lareisschollen aufgehalten. Die Schrauben- welle zersprang und die Schraube nebst Schaufeln versanken. Die Expeditionsleiter hoffen, daß der Eisbrecher treibend an lockeres Eis in der Bering-Straße gelangen wird. Der Eisbrecher ist mit einem russischen Dampfer in Verbindung getreten,

In Danzig wurde der verstorbene Völkerbunds- fommiffar Graf Oraoina zu seiner vorläufigen Ruhestätte in der St. Adasberts-Kapelle gebracht. Schupobeamte fraßen den Sarg, vor dem der Bischof von Danzig-Oliva, Graf O'Rourke, schreitet.

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der sich in der Nähe des Kaps Deschnew befindet, den Eisbrecher ins Schlepptau nehmen und ihn nach Laupentlus oder in die Vorsehungsbai bringen wird.

Kunst und Wissenschaft.

Die Physiker- und Mathematiker-Tagung in Bad-Nauheim.

Am Dritten Derhandlungstag wurden die Vor­träge zum zweiten HauptthemaGasentladun- g e n" erledigt. Eine erste Gruppe von Vorträgen war dem Zündprozeh der Gasentladung gewidmet. Es kamen die großen Fortschritte auf diesem Ge­biet in den letzten Jahren zur Sprache. In einer zweiten Gruppe von Vorträgen wurden die Eie« mentarprozesse des Elektronenstoßes besprochen. Da­bei kam die schöne Abgeschlossenheit dieses seit Jahren bearbeiteten Gebiets zum Ausdruck. Eine dritte Gruppe von Vorträgen befaßte sich mit der Energie­bilanz der Gasentladungen und ihrer einzelnen Teile. In einem zusammenfassenden Vortrag wurde der heutige Stand unserer Kenntnisse auf diesem Gebiet dar gestellt. Auch hier konnte ein beträchtlicher Fortschritt in der Forschung feftgefteUt werden. Mehrere Vorträge befaßten sich mit den Eigenschaf­ten der technischen Enttadungsgefäße. Eine weitere Gruppe von Vorträgen war der Farbenstrahlung gewidmet, welche teils rein physikalisch von Inter­esse ist, teils eine wichtige technische Anwendung des Kathodenstrahloszillographen gefunden hat, teils für Nordlichtversuche im Laboratorium von Wichtigkeit ist. Den Schluß bildete ein Vortrag über die Wir­kungsweise elektrischer Staubfilter,

Zertrümmerte Welt.

Won Georg Mühlen-Schulte.

Der Privatgelehrte Ewald Lichtstecker war ein weltfremder Mensch. So weltfremd war er, daß er nicht einen Hanomag von einem Superhet unter­scheiden konnte, nicht Maurice Chevalier von Felix Bressart, nicht Lilian Harven von Mussolini. Er hätte gut getan, in Greifswald zu bleiben, aber er kam nach Berlin und mietete sich ein Zimmer im Dritten Stock.

Sein Arbeitstisch war ganz Dicht an Das Fenster gerückt: viele Bücher lagen Darauf, unD auf dem Fensterbrett stand ein Globus. Der Globus hatte ungefähr die Größe eines Edamers. Als der Gelehrte einmal mit einem Buch dagegen stieß, fiel der Globus um, rollte über Das Zinkblech Der Fensternische unD verschwand.

Ewald Lichtstecker saß eine Weile starr Da. Schließ­lich erhob er sich. Er schob Den Tisch vorn Fenster weg unD streckte Den Kopf hinaus. Unter ihm war ein schmaler Balkon mit einer Steinbrüstung, unD unter Dem Balkon tobte Die Straße. Weit beugte sich Der Professor vor: er sah Den Wirbel Der Menschen unD Der Wagen, unD mitten Drin, am StraßenranD, sah er seinen zertrümmerten Globus.

Er ging hinunter. In seinen grünen Schlafrock gehüllt unD mit tarierten Filzschuhen an Den Füßen, trat er auf die Straße. Zwei Stücke von seinem Globus fand er, Die hob er auf unD hielt sie anein- ander. Einen guten Teil Der Welt rekonstruierte er so, aber ganz kriegte er sie nicht zusammen. Es fehlten Siam, Die Mongolei und Das Chinesische Reich, Der halbe Indische Ozean war weg, unD von Den Inseln zwischen Asien unD Australien war nichts vorhanden außer Neu-Guinea.

Lichtstecker schob Die Bruchstücke Des Globus in Die Tasche. Er machte Das Kreuz krumm unD bewegte sich, scharf auf Dem Pflaster umherfpähenD, am Rande des Bürgersteigs.

Suchen Sie was?" fragte ein schlecht rasierter Mann, Der stehengeblieben war unD Dem Gelehrten neugierig zusah.

Ja, ich suche China unD Den JnDischen Ozean." EntschulDigen Sie, was ist los?"

China muß hier irgenDwo in Der Nähe liegen", mutmaßte, aanz in feine Sache vertieft, Der Gelehrte.

Nochmal, was muß hier liegen?" erfunDigte sich Der anDere.

China, werter Herr, China unD Der JnDische Ozean."

Der Mann, Der sich zu Lichtstecker hinuntergebeugt hatte, richtete sich mit einem Ruck auf.

»Hören Sie mal zu", sagte er pikiert. ,Hch bin jetzt ZweiundDreißig Jahre in Berlin. Außer meiner Mutter hat mir noch niemanb auf Den Arm genom­men. Das können Sie sich mal merken, Sie komischer -eisig!"

Der schlechtrasierte Mann entfernte sich mit ener­gischen Schritten unD ließ EwalD Lichtstecker zurück.

Der ftanD mit gekrümmtem Kreuz am Strafjenborb. In seinen sanften Kinberaugen war eine Frage an Den schlechtrasierten Mann, Den noch niemand auf Den Arm genommen hatte. Dann streifte ihn rück­wärts Der Kotflügel eines Autos unD warf ihn auf Das Pflaster.

Das Auto hielt sofort, und Der Chauffeur kam heraus.

Sagen Sie mal, Mann, finD Sie mondsüchtig?" fragte er Den Herrn im Schlafrock.Sie können doch hier nicht mitten auf Der Straße Tillergirl machen, Sie können Doch hier nicht parken mit Ihrer Eis­bein-Limousine, nicht wahr. Sie stören ja Den ganzen Verkehr."

Zwanzig Leute ftanDen um Den Gelehrten herum. Er faß auf .Dem Asphalt unD ließ Die verständnislosen Pupillen im Kreise herumgehen. Aber dann fühlte er etwas zwischen feinen Fingern. Er blickte danach, und ein froher Schimmer huschte über fein fahles Gesicht.

Birma und ein Segment von Hindustan", sagte er glücklich und schob seinen Fund in die Tasche.

Der Chauffeur guckte sich ein wenig unsicher nach Den versammelten Zuschauern um.

Was meinen Sie?" fragte er danach und bückte sich nach Ewald Lichtstecker.

Birma und ein Segment von Hindustan", ant­wortete der Gelehrte.

Schön, wenn Sie schimpfen wollen, dann schimpfen Sie eben! Ich kann vloß sagen, mir trifft feine Schuld. Die Herrschaften sind Zeugen. Ich bin vorschriftsmäßig gefahren, und wenn Sie hier mitten auf dem Damm Weekendbewegungen machen, Dann muffen Sie eben die Folgen tragen. Von wegen Bimbam und Hintenrumfahren! Sie werden mir nicht über Derkehrsordnung aufklären, Herr, Sie nicht!"

Der Zufchauerkreis wurde von einem starken Arm durchbrochen. Ein Polizist erschien auf der Szene.

Was ist passiert?" fragte er.

Ewald Lichtstecker hatte sich erhoben. Ein wenig Leid in Den mageren Zügen, stand er da rieb sich mit Der Linken die Hüfte und betastete' mit Den AitternDen Fingern Der Rechten einen Dreiangel in feinem grünen Schlafrock.

Es ist nichts passiert, Herr Wachtmeister. Mir fehlt ein Stück von Asien unD Der größte Teil Des Jnbischen Ozeans, Das ist alles."

So, Das ist alles?"

3a."

Er ist plemplem, Herr Wachtmeister", bemerkte triumphierenD Der Chauffeur,bei Dem zwitschern se Da oben. Bitte schön, ich komme hier mit meinem Wagen lang, ich halte mir vorschriftsmäßig rechts. Da steht er in fein grünes NachthemD auf dem Damm und markiert Wald- und Wiesengürtel. Das ist kein Zustand..."

Halten Sie den Mund!" verwies Der Polizist Den SdümpfenDen.

Dann wandte er sich an Lichtstecker.

Sie kommen mit zur Wache."

Der Gelehrte ging mit zur Wache. Im Schlafrock

und in Filzschuhen schritt er neben dem Sipo her. In seinen Augen war Angst, und um feinen Mund lag bittere Klage. Er wurde gleich wieder entlassen. Müde und traurig machte er den Weg zurück. Er kam vor seine Haustür, und er sah einen Straßen­kehrer am Werk.

Entschuldigen Sie, lieber Mann, haben Sie viel- leicht zufällig Den Indischen Ozean gesehen?" fragte er.

Ob ich was gesehen habe?"

Den Indischen Ozean. Oder wenigstens ein Stück davon."

Der Straßenkehrer unterbrach feine Arbeit. Er verschränkte die Arme über dem Besen und sah Ewald Lichtstecker von Der Seite an.

Nee", sagte er,Den JnDischen Ozean habe ich nicht gefehn. Aber ich kenne Den Wannsee unD Den Müggelsee, und Sonntags fahre ich immer mit Mut­tern und mit Die Jähren nach Der Waltersdorfer Schleuse raus. Js ooch sehr schön un nid) so weit, wissen se."

Das meine ich ja nicht", seufzte der Professor.

Er hatte Die Hand in Der Tasche feines grünen Schlafrocks, und er fühlte Die Bruchstücke Des Globus. Es war ein schöner Globus gewesen, unD EwalD Lichtstecker hatte sich an ihn gewöhnt. Wenn man sämtliche Stücke beisammen hätte, könnte man sie leimen, unD alles wäre beim alten, sagte sich der Gelehrte. Seine Blicke irrten schon wieder auf dem Asphalt herum, und langsam krümmte sich fein Rücken.

Da kam Der schlechtrasierte Mann zum zweitenmal vorbei.

Da sind Sie ja wieder", sagte er und blieb stehen. Wie ist das, suchen Sie immer noch China und Den Indischen Ozean?"

Birma und ein Stück von Hindustan sind da", antwortete versonnen Der Gelehrte.Aber China fehlt, unD Die Philippinen vermisse ich auch noch."

So na, ich will Ihnen mal was sagen, ich habe jetzt Jyre Geschichten satt", meinte Der schlechtrasierte Mann.

Hierbei stieß er Lichtstecker ins Kreuz. Der fiel Der Länge nach auf Den Damm. Ein Auto bremste scharf vor ihm. Dann war wieder eine Menge Menschen um ihn herum, und Dann kam ein Sipo.

Es war ein anderer Sipo, Denn Der Mann, Der Zuerst eingeschritten war, hatte sich inzwischen ab- lösen lassen.

Was geht hier vor?" fragte Der Sipo.

Eine Jungfrau mit einem großen Hutkarton am Arm anwortete:

Der arme Mann sucht nach einer Frau namens Philippine."

Das ist Unsinn", protestierte Lichtstecker. Die Phi­lippinen sind eine Inselgruppe im Malaiischen 2lr» djipej; sie müssen hier irgendwo In Der Nähe liegen."

»Na, kommen Sie mal mit!" sagte Der Wachtmann unD faßte Den Gelehrten sanft unterm Arm. UbenDs gegen sieben Uhr mürbe Lichtstecker aus Der Polizeiwache entlassen.

Es ist alles in Ordnung, und Sie können gehen", bedeutete ih mder Reviervorsteher,aber ich möchte Ihnen empfehlen, Die Suche nach Ihrem Globus aufzugeben. Wir finD hier auch bloß Menschen, und wenn uns einer Dreimal in so einer Sache kommt, Dann kriegen wir nervöse Zuckungen."

Lichtstecker begab sich nach Hause. Er sah schlecht aus, und er schlich an Den HauswänDen entlang. Nicht ein einziges Mal ließ er Den Blick auf Den Damm schweifen. Er erreichte feine Wohnstätte; müDe schleppte er sich Die Treppe hinauf. Als er auf Dem Absatz Des zweiten Stockwerks ein wenig verschnaufte, öffnete sich eine Tür. Eine ansehnliche Frau in einem himmelblauen HausgewanD trat heraus.

Sind Sie vielleicht Herr Lichtstecker?" fragte sie.

Allerdings, Der bin ich."

Sehr angenehm! Mein Name ist Buchholz. Witwe Buchholz. Heute mittag ist etwas aus Ihrem Fenster gefallen, wissen Sie das?"

Ja, es'war mein Globus."

Aha! Er ist zuerst auf meine Balkonbrüstung aufgefdjlagen, und Stücke davon sind in mein Zirn- mer gesprungen. Beinahe hätte ich was ins Auge gekriegt."

Ewald Lichtstecker stand starr, ein wenig vornüber­geneigt. Tief tauchte sein leuchtender Blick in Den Der Witwe,

War es vielleicht Borneo oder Celebes?" fragte er gespannt.

Was, bitte?"Ich meine, war es vielleicht Borneo oder Celebes, was Sie ins Auge gekriegt haben?"Das kann ich nicht sagen, aber wenn Sie ein bißchen nähertreten wollen, dann können wir ja mal nachsehen."

Der Gelehrte trat näher, und er gelangte an Das Ziel seiner Wünsche. Seite an Seite mit Der ansehn­lichen Witwe, suchte er nach Den fehlenDen Stücken Der Weltkugel. Er fanD Borneo unter Dem Kleiber- schrank unD Celebes in Der Waschkanne. Der JnDische Ozean lag unter einem Sessel die Philippinen be­fanden sich in einem leeren Blumentopf auf dem Balkon, und ganz zuletzt holte die Witwe tief­errötend zwischen den Kissen ihres Bettes China und ein Stück von Sibirien hervor.

Ms sich in diesem Studium der Dinge ergab, daß Der Globus komplett war, faßte Der Professor Die beiDen HänDe Der ansehnlichen Witwe und sagte:

Frau Buchholz ..."

Mehr sagte er nicht, Denn er war zu gerührt Dazu. Aber zwei Jahre später, als er schon lange mit Der ansehnlichen Witwe verheiratet war, bemerkte er einmal in einem Kreis von Geologen:

Meine Herren, man soll keine übertriebene Mei- nung von Der Wichtigkeit unseres Erdkörpers haben. Ich für meine Person erkläre: Der Malaiische Ar­chipel kann mir gestohlen werben, unD wenn vor zwei Jahren China zum Deibel gegangen wäre, Dann wäre mir heute ein EnDe wohler."

' Keiner Der AnwesenDen verstand Den Sinn dieser