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24/08/1932 Frühausgabe
 
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Die innerpolitische Llmgruppierung.

Reichsregierung und Reichstagsauslösung.

C'ine vorsichtige Erklärung.

Berlin, 23. Qlug. (ERD.) Zu der in den letzten Tagen viel erörterten Frage, ob die Deichsregierung zur Auflösung des Reichstags entschlossen sei, wenn sie keine Mehrheitsmöglichkeit im Deichstag er­kenne, hören wir von unterrichteter Seite, das) Beschlüsse der Reichsrcgierung nur nach Zusammentritt des Deichstags ge­faßt werden können. Eventualbeschlüsse darüber hinaus liegen noch nicht vor. Daher ist die Auf­fassung, als sei die Deichsregierung von vorn­herein zur Auflösung des Deichstags ent­schlossen, unzutreffend.

Krupp von Bohlen besucht -en Reichskanzler.

Rücktritt Trendelenburas?

Berlin, 23. Qlug. (ERD.) Wie wir erfahren, war für heute abend ein Besuch des Vorsitzen­den des Reichsverbandes der deutschen Industrie Dr. Krupp v. Dohlen beim Reichs­kanzler vorgesehen. Diese Besprechung ist aber verschoben worden und wird erst an einem der nächsten Tage stattfinden. Die Besprechun­gen gelten offenbar Wirtschaftspolitik scheu Maßnahmen, die die Deichsregierung plant.

3n diesem Zusammenhangs wurde übrigens in einem Berliner Abendblatt das Gerücht verbrei»

Staatssekretär Dr. Trendelenburg.

Let, daß der Staatssekretär des Reichswirtschafts­ministeriums Dr. Trendelenburg zurück­treten werde. An amtlichen Stellen ist eine Auskunft hierüber nicht zu erlangen. Cs ist aber Wohl mit dem Rücktritt Dr. Trendelenburgs zu rechnen.

Bayern und die Reichsreform

Ministerpräsident Held bei der Rcichsreg'erung.

München, 23. Qlug. (Sil.) Der bayerische Mi­nisterpräsident Dr. Held hatte am Dienstag wichtige Besprechungen in Berlin. Die bayerische amtliche Pressestelle teilt hierzu mit:

Ministerpräsident Dr. Held hatte heute in Berlin eine Aussprache mit Mitgliedern des Deichskabinetts über die Stellung» nahmeDayerns zur Frage der Reichsre­form. Die Olussprache war veranlaßt durch die Rede des Reichsinnenministers auf der Verfas- fungsfeier am 11. August 1932, in der die Reichs­regierung ihren Entschluß ankündigte, alsbald eine Derfassungs- und Reichsreform in Angriff zu nehmen. Die Forderungen Bayerns entsprechen den schon früher gestellten und öffent­lich erörterten Anträgen. Sie verlangen vor allem,

daß eine Reuordnung der verfassungsrechtlichen Verhältnisse nur auf dem unbestrittenen Boden

des Rechts angebahnt roirb.

DieBayerische Staut.zeituag enthält einen Bericht aus Berlin mit Einzelheiten der Unterre­dungen. Danach hat der Ministerpräsident Dr. Held vormittags eine eingehende Olussprachemit dem Reichskanzler von Papen und anschließend eine zweite älnterredung mit dem Reichsinnen- mtnister Freiherrn von G a y l gehabt. Die An­schauungen der bayerischen Regierung seien in einer vertraulichen Denkschrift zufammengesaßt, die der bayerische Ministerpräsident bei den Unter» redungen dem Reichskanzler und dem Reichs­innenminister überreicht habe und die auch den Regierungen der anderen süddeutschen Länder, so­wie der sächsischen Regierung von München aus unmittelbar zugestellt worden sei.

Die Besprechungen des bayerischen Ministerprä­sidenten haben sich nach derBayerischen Staats­zeitung" auch auf die Pläne erstreckt, mit denen die Reichsregierung dem bevor st ehenden Zusammentritt des Reichstages ent­gegensieht. Der bayerische Ministerpräsident habe keinen Zweifel daran gelassen, daß die bayerische Regierung sich auch in diesem Zusammenhang nicht in der Lage sehen werde, irgendeiner Maßnahme, die mit der Verfassung nicht im Einklang stehen sollte, ihre positive Zu. stimmung zu geben.

Klara Zetkin will kommen?

Berlin, 23. Slug. (CNB.) Wie die kommu­nistische Abendpresse melbeL habe sich K l a r a Z e t - k i n trotz ihres leibenden Zustandes entschlossen, am Antikriegskongreß in Amsterdam, der am 27. und 28. August stattfindet, teilzunehmen. Alle Borberei- tungen zu ihrer Abreise aus Moskau wurden ge­troffen. Von Amsterdam wird Klara Zetkin nach Berlin reisen, um den Reichstag eröffnen zu können. Dieser Entschluß stehe endgültig f e st.

Beschwerde der SPD.

über Beamtenabsehungen.

Berlin, 23. Qlug. (ERB.) Der sozial­demokratische Parteivorstand hatte, wie derAbend" meldet, durch Schreiben vom 17. August beim Reichskanzler v. Papen und dem mit der Vertretung der Geschäfte in Preu­ßen beauftragten Oberbürgermeister Dr. Bracht gegen die gehäuften Maßregelungen so­zialdemokratischer Beamter Be­schwerde erhoben, lieber diese Beschwerde kam es heute in der Reichskanzlei zu einer Aus­sprache, an der auf sozialdemokratischer Seite die Reichstagsabgeordneten Wels und Stamp­fer, auf feiten der Regierung Herr v. Papen, Dr. Bracht und Staatssekretär Planck teil­nahmen.

Die sozialdemokratischen Vertreter erklärten, daß die fortgesetzten Amtsenthebungen und Zurdispositionstellungen von Sozialdemokraten einer 3nfamierung der Sozialdemokratischen Partei gleichkämen und mit dem Geist der Verfassung in keiner Weise zu vereinbaren seien. Auch bestritten sie der kom­missarischen Preuhenregierung die staatsrechtliche Legitimation zu einem derartigen Vorgehen. Die Vertreter der Sozialdemokratie brachten sodann auch die Sprache auf das Zuchthausurteil von Drieg, das nur dadurch zustande kommen konnte, daß die Angeklagten widerrechtlich ihrem ordent­lichen Richter entzogen wurden.

Zum Schluß der Aussprache erklärten die so­zialdemokratischen Vertreter, die ihnen auf ihre Vorstellungen gewordenen Aufklärungen von fei­ten der Reichs- und der preußischen Regierung seien nicht geeignet, auf sie beruhigend zu wirken.

Beschlüsse

der preußischen Nationalsozialisten.

Berlin, 23. Qlug. (DDZ.)z Hebet die heute begonnene Tagung des nationalsozialisti­schen Fraktionsvorstandes im Preußi- schen Landtag wird dem Rachrichtenbureau des DDZ. berichtet, daß der Fraktionsvorstand sich ausführlich mit der politischen Lage beschäftigte. Die preußische Landtagsfraktion der RSDÄP. denke nicht daran, die politischen Maßnahmen des stellvertretenden Reichskom­missars Dr.Dracht ruhig hinzunehmen,

besonders wende sie sich gegen dieProvokation der preußischen Bevölkerung durch die Severing- Leydensche Berwaltungsreform", die sich Dr. Dracht zu eigen gemacht habe. Auch zu den Hr- teilssprüchen von Drieg und Deuthen habe der Fraktionsvorstand Stellung genommen. Er be­schloß, dahin zu wirken, daß beide Prozesse dem 3u st ^Untersuchungsausschuß des Preußischen Landtages überwiesen werden. Ein­mütig habe der Fraktionsvorstand die Meinung geäußert, daß sich in der p r e u ß i s ch e n 3 u st i z auch unter den Herren Dr. Bracht und von Papen gegenüber früher nichts geändert habe.

Der Vorsitzende des 3ustizuntersuchungsaus- schusses des Preußischen Landtages, Qlbg. Dr. Freister (RS.), der an der Sitzung des nationalsozialistischen Fraktionsvorstandes teil­nahm, begab sich unmittelbar nach Abschluß dieser Verhandlungen nach Deuthen. Dr. Freister will dort prüfen, welche Maßnahmen im Landtag zum Deuthener Urteil getroffen werden könnten,

und wie der von ihm geleitete Ausschuß die Möglichkeit habe, das Urteil und seine Begrün­dung an Ort und Stelle nachzuprüfen.

Oie OAVp. lehnt ab.

Berlin, 23. Qlug. (VDZ.) Es ist in der Oeffentlichkeit viel beachtet worden, daß bei den verschiedenen Rachrichten und Gerüchten über Koalitionsbesprechungen in Preußen zwischen Rationalsozialisten und Zentrum nie­mals von einer Anteilnahme der Deutsch- nationalen die Rede war. 3n Kreisen der DRVP. wird dem Rachrichtenbureau des VDZ. hierzu erklärt, daß die DRVP. einer parla­mentarischen Regelung der Reubildung der preußischen Regierung ablehnend gegen- überstehe, und daß sie sich an einer parla­mentarisch gebildeten Regierung voraussichtlich auch nicht beteiligen werde. Die DRVP. sei der Meinung, daß in Preußen, wie im Deich vom Parlament unabhängige Regierungen amtieren müßten.

Aus aller Well.

Kesselexplosion in Mannheim. Zwei lote.

Bei der Abnahme eines von der Firma Kilthau reparierten Kessels flog auf dem Gelände der Mann­heimer Margarinewerke Estol der frisch aufge« schweifte Deckel des Kessels in die Luft. Ein Vor­arbeiter und ein Lehrling der Firma Kilthau wur­den tödlich verletzt. Die Detonation war in weitem Umkreise zu hören.

Großfeuer in Oberfranken.

In Neufang (Oberfranken) vernichtete ein Grob­feuer drei Wohnhäuser und acht Scheunen mit der ganzen Ernte und den landwirtschaftlichen Ma­schinen.

Personenzug Liegnih Sagan beschossen.

Auf den Personenzug 226 LiegnitzSagan mür­ben in einer der letzten Nächte zwischen den Sta­tionen Rückenwaldau und Armadebrunn mehrere Schüsse abgegeben. Personen sind nicht verletzt worden.

3m Gewittersturm gekentert. Drei Tote.

In einem plötzlich aufkommenden Gewitter- st u r m kenterte auf dem Czoos-See bei Sensburg (Ostpreußen) ein mit einem Segel versehenes Flach­boot. Bon den vier Insassen konnte sich nur einer retten. Die übrigen drei ertranken.

Grohfener in Südtirol.

3n einem Gasthaus in 3nnichen in Südtirol, am Ausgang des Mextentales, brach ein G r o h- f euer aus, das auf drei benachbarte Gasthöfe und das alte historische Pfarrhaus Übergriff. Die drei Gasthöfe konnten gerettet werden. Die Pfarrkirche jedoch und das Haus, in dem der Brand ausbrach, sind ein Opfer der Flam­men geworden.

Drei Tote bei einem Flugzeugunglück in Frankreich.

3n der Rähe von Ranch überschlug sich bei der Landung ein Verkehrsflugzeug und ging in Trümmer. Die drei 3nfassen, der Führer und zwei Passagiere, wurden als Leichen ge­borgen.

Französisches Schiff im Kanal gekentert. 3 Tote.

Ein kleines französisches Schiff ist während eines Sturmes im Kanal untergegangen. Drei Personen, darunter der Kapitän, ertran­ken. Eine Segeljacht konnte später zwei Mann der Besatzung auffischen, die völlig erschöpft waren. Bei ihrer Ankunft in Ramble berichteten die Heberlebenben, daß das Schiff von einer plötzlichen Böe erfaßt worden und ge­kentert sei.

Zwei Flieger unb zwei Kinder bei einem Flugzeugabsturz getötet.

Unweit von Perugia stürzte ein italienisches QUilitärflugaeug aus 400 Meter Höhe unweit des Flugplatzes auf ein Bauernhaus ab. Die beiden 3nfaffen fanden dabei den Tod. Zwei Kinder, die sich in dem Hause befanden, fielen dem Brande zum Opfer, der darauf ent­stand. Die Mutter und eine Schwester kamen mit Brandwunden davon.

Absturz eines spanischen Militärflugzeuges.

Ein Militärflugzeug des spanischen Militärflug­platzes Cartagena ist bei San Clemente auf der Strecke nach Alicante abgestürzt. Der Pilot war auf der Stelle tot. Der Begleiter wurde in hoff­nungslosem Zustande ins Krankenhaus ein« geliefert.

Zwei polnische Flugzeuge abgesiürzt. Zwei Tote.

Während der Beisetzung eines vor einigen Tagen verunglückten polnischen Fliegerleutnants stürz­ten zwei über dem Posener Friedhof kreisende Flugzeuge ab. Die Aparate, zwei neue schwere Eindecker, wurden zerstört. Von den Piloten, zwei polnischen Offizieren, war der eine auf der Stelle t o t, der andere oerstarb auf dem Transport zum Festungslazarett.

Folgenschwere Brandstiftung au» Rache.

Aus Moskau wird über Kowno gemeldet: Ein aus einer Kollektivwirtschaft bei Ufa ausgeschlos­sener Dauer steckte aus Rache die Wirtschafts­gebäude der Kollektivwirtschaft in Brand. Durch den Wind wurde das Feuer auf das Dorf übertragen. 42 Bauernhäuser ver­brannten. Vier weitere Kollektivwirtschaften wurden ebenfalls durch das Feuer zerstört. Der Brandstifter und seine Frau sind verhaftet. Sie werden von dem Kollegium der 0GPH. abgeurteilt werden.

Erdbeben im Kaukasus. Zahlreiche Todesopfer.

Wie aus Rachitschewan im Kaukasus gemeldet wird, ist dort ein außerordentlich starkes Erd­beben festgestellt worden, das auch im Kreis Ordubad verspürt wurde. 3m Bezirk Rachit­schewan wurden zahlreiche Häuser zer­stört. Die Zahl der Todesopfer wird vor­läufig auf 24 geschäht. 3m Bezirk Karaklissa sind ebenfalls starke Erdstöße verspürt worden, die einige Häuser zum Einsturz brachten.

Rordlandexpedition entdeckt unbekannte Inseln.

Die Funkstation des EisbrechersRussanoff" meldet, daß die sowjetrussische Rord- landexpedition in der Gegend 75 Grad 48 Minuten nördlicher Breite und 81 Grad 20 Minu­ten östlicher Länge bisher unbekannte 3 n - seIn entdeckt habe. Die 3nfeln sollen 90 Meter hohe felsige Steilufer besitzen.

Das dritte Opfer der Langener Bohnenvergistung.

WSN. Langen, 23. Aug. Wir berichteten vor einigen Tagen von der Erkrankung der Familie Fritsch in Offenthal bei Langen nach dem Genuß von eingemachten Bohnen. Der Mann unb bie 18jährige Tochter waren gleich barauf unter Vergiftungserscheinungen im Krankenhaus gestorben. Gestern ist nun auch bie Mutter, Frau Fritsch, b e r Vergiftung erlegen.

Verantwortlich für Politik: 3.23.: Ernst Dlumschein.

Jedermann.

13on Hans Niebau

Febermann unb Mücke finb an ber Nordsee. Es ist schwül. Dunkle Wolken steigen auf.Ein Gewit­ter", sagt Mücke.

Unmöglich", schüttelt Febermann ben Kopf,Ge­witter gibt es an ber Norbsee nur bei Flut. Jetzt ist aber Ebbe."

3n ber bunklen Wolkenwanb zuckt ein Blitz.

Na?" lächelt Mücke.

Vollkommen ausgeschlossen", sagt Febermann, bas war Wetterleuchten. Gewitter bei Ebbe gibt es nicht."

Ein Donner rollt.

Schießübungen ber Marine", murmelt Feber- mann.

Zwei Minuten vergehen Die ersten Tropfen fal­len, bann: ein grelles Aufleuchten, ein türrenber, schmetternber Krach: ber Blitz ist in ben Leuchtturm geschlagen.

Mücke unb Febermann finb zu Boben gestürzt. Um Gottes Willen!" flüstert Febermann, als er wieber sprechen kann:Bombenattentat auf den Leuchttu r ml"

Febermann kommt zu Mucke.Was hast bu benn da für ein merkwürdiges Buch?" fragt er.

Das ist ein griechisch-beutscyes Wörterbuch", sagt Mücke.

Donnerwetter", schüttelt Febermann ben Kopf, wer hätte gebacht, baß schon bie alten Griechen Deutsch getrieben haben!"

*

Febermann ist magenkrank.

Eine Woche lang jeben Tag Milchreis essen", sagt ber Arzt,bas wirkt wie ein Wunber."

Febermann ißt acht Tage lang jeben Tag Milch­reis. Aber ber Magen wirb nicht besser.

Merkwürbig", schüttelt ber Arzt ben Kopf, haben Sie sonst unvernünftig gelebt? Schnaps ge­trunken, viel geraucht?"

Nein", sagt Febermann.

Unb wie?" fragt ber Arzt weiter,unb wie haben Sie ben Milchreis gegessen? Doch nicht etwa mit Zimt unb Zucker?

O nein", sagt Febermann,mit Thüringer Bratwurst unb Speckklößen."

*

Febermann hat einen Neubau besichtigt. Als er

wieber zurück kommt, trägt er einen Derbanb um ben Kopf.

Um Gottes Willen", sagt Mücke,bist bu wiedör auf ben Leitern herumgeklettert?"

Nur auf einer", flüsterte Febermann,aber bie war schon fünf Minuten vorher weggezogen."

Febermann steht am Ufer. Ein Segelboot führt vorbei. Auf bem Deck bes Segelbootes steht ein Mädchen. Das Mädchen hat einen Segelanzug an unb trägt eine lange blaue Hose.

Ahoi!" ruft Febermann,Sie möchten wohl gern ein Mann sein, wie?"

Ahoi!" ruft bas Mäbchen zurück,furchtbar gern. Sie wohl auch, was?"

Tragödie dreier Vorläufer von Pitcard

Die Erforschung der hohen Luftschichten, die man jetzt als Stratosphäre bezeichnet, ist schon früher mit unzulänglichen Mitteln versucht wor­den, bevor P i c c a r d seine Methode entwickelte, die sich jetzt wieder bewährt hat. An einen tragischen Versuch dieser Art, der am 15. April 1875 gewagt wurde, erinnert ein französisches Blatt An diesem Tage stiegen der Heraus­geber der französischen ZeitschriftLa Nature, Gaston Tissandier, der Ingenieur Croce Spinelli und der bekannte Luftschiffer Theo­dore S i v e l in der Gondel des BallonsZenith" von den Pariser Gaswerten in die Höhe. 25 Minuten nach 12 Uhr wurden die Seile ge­löst. Obwohl alle drei erfahrene Luftschiffer waren und ihr Ballon mit den besten damals erreichbaren Vorrichtungen, auch einer Sauer- stoffhufuhr, ausgestattet war, bot die offene Gon­del doch keinen Schuh gegen die Sauerstoffarmut und Kälte der hohen Luftschichten. Hm 1 Hhr hatte der Ballon eine Höhe von 5000 Meter erreicht. Ballast wurde abgeworfen und der Zenith" stieg immer höher. Die Atmungs­beschwerden wurden immer stärker, obwohl man sie durch Einatmen von Sauerstoff zu bekämpfen suchte. 20 Minuten nach 1 Hhr war eine Höhe von 7000 Meter erreicht und die Temperatur auf 10 Grad unter Rull gefallen. Sivel und Spi­nelli litten stark unter Schwindel und auch Tissan- dier konnte sich nur mit Mühe auf den Füßen halten. Mehr Ballast wurde abgeworfen und der Ballon stieg mit großer Schnelligkeit werter. Tissandier konnte noch den Rekord von 8000

Meter ablesen, dann verlor er das Bewußt­sein. 10 Minuten nach 2 Hhr erwachte er und be­merkte, daß der Ballon mit reißender Ge­schwindigkeit fiel. Er schnitt einen weiteren Sandsack ab und stellte fest, daß die Temperatur 8 Grad Kälte zeigte. Seine beiden Gefährten lagen bewußtlos auf dem Boden der Gondel, und bei dem Versuch, ihnen zu helfen, verlor er wieder das Bewußtsein. Er wurde von Spi­nelli geweckt, der rief:Wirf mehr Ballast aus!" Der erleichterte Ballon stieg wieder empor. Tissandier brach zusammen und wußte von nichts, bis 15 Minuten nach 3 Hhr, als et bemerkte, daß der Ballon schnell zur Erde sank und die Gon­del heftig hin und hergeschleudert wurde. Er richtete sich aus die Knie empor und machte verzweifelte Versuche, seine Begleiter zu er­wecken. Hnterdessen fiel der Ballon weiter, Tissandier löste noch einen weiteren Sandsack und warf mit letzter Kraft den Anker aus. Die Gondel berührte den Boden, sprang noch ein paarmal empor und blieb auf einem Acker­feld liegen. Es war genau 4 Hhr. Die Fahrt hatte 3 Stunden und 35 Minuten gedauert. Spinelli und Sivel waren tot, Tissandier hatte fast den Verstand verloren. Heute find diese wagemutigen Vorläufer Piccards vergessen.

Oer Diamant im Glasauge.

Schmugglerbanden sind heute an der belgischen Grenze eifriger als je am Werk. Tag und Rächt wird Contrebande zwischen Belgien, Deutschland, Frankreich und Holland hin- und hergeschoben. 3n der Rähe von Aachen fand erst jüngst eine regelrechte Schlacht statt zwischen den Grenzbeam. ten und einer 300köpfigen Schmugglerbande. Bel­gien hat daher, wie aus Brüssel berichtet wird, seine Grenzposten um neue Fahrrad-Patrouillen verstärkt und auch die deutschen Grenzbeamten ha­ben ihre Vorsichtsmaßregeln verdoppelt. Aber das Hebel wächst weiter, denn die Schmuggler er­finden einen neuen Kunstgriff nach dem andern, um die Aufmerksamkeit der Zollbeamten irrezu- führen. Tabak, Zigarren und Zigaretten z. D. sind in Belgien bedeutend billiger als in Deutsch­land oder Frankreich, und werfen einen glänzen­den Profit ab, wenn es gelingt, sie herüber zu schmuggeln. Einem flinken Auto gelingt es ge­legentlich, mit einer Ladung an den Posten vor. beizuflitzen. Eine Zeitlang wurden die Beamten

betrogen, indem die Sitze der Autos mit Tabak gepolstert waren. Als dann der Trick schon allzu­sehr bekannt war, wurden die Gummireifen mit Tabak gefüllt Kürzlich wurde ein Zolloffizier mitten in der Rächt vom Hufschlag eines vorbei- galoppierenden Pferdes geweckt und machte dem Hauptquartier Meldung. Man brachte in Erfah­rung, daß die Schmuggler, Pferden, die sie mit Schmuggelware beladen hatten, einen heftigen Schlag versetzten und sie so, unberitten, über die Grenze jagten, während sie jenseits von den Spießgesellen abgefangen wurden. Schmuck und 3uwelen gehören auch zu dem illegitimen ^Ex­port" Belgiens. Eine elegante Dame passierte die belgische Grenze so oft, daß sie schließlich auffiel. 3hr Paß war jedoch absolut in Ordnung, so oft man sie auch durchsuchte, es konnte nichts bei ihr gefunden werden. Eines Tages bekam die Behörde einen anonymen Brief, worin auf das Glasauge der eleganten Dame aufmerksam gemacht wurde. Hnd es stellte sich heraus, daß dieses Glasauge nichts anderes war als ein äußerst sinnreich aus­geführter Behälter für Diamanten, die über die Grenze geschafft werden sollten. Heute werden so­gar Kinder dazu angeleitet, mit Schmuggelware über die Grenze zu kriechen. 3n den ersten drei Monaten dieses 3ahres haben die deutschen Zoll­amten den Schmugglern zwei Millionen Zigaretten abgenvmmen, über 40 Tonnen Kaffee. 35 Tonnen Getreide und 30 Donnen Mehl. Rach Belgien wer­den Drogen geschmuggelt, vor allem Kokain unb Morphium, außerdem Liköre und Branntwein. Dieser wird größtenteils von harmlos aussehenden Motorbooten oder Fischerbarken in einer Kette von Behältern hereingeschmuggelt, die etwa ein Meter unter der Meeresoberfläche mitgeschleppt werden. Drogen werden auf 1000 verschiedenen Wegen eingeschmuggelt. Sv wurde ein alter bel­gischer Dauer, der täglich seinen Sselskarren mit Gemüsen nach einem deutschen Dorfe führte, in dem dortigen Wirtshaus von einem ganz frem­den Manne mit einem Trunk bewirtet. Wenn er barm in fein eigenes Dors zurückgekehrt war, lub ihn wieder regelmäßig eine andere Gesellschaft zu einem Gläschen ein. Qliemand war verblüffter als er, als ihm schließlich von der Polizei die Mit­teilung gemacht wurde, daß auf seinem Karren die beliebten Chemikalien, bie über die Grenze geschmuggelt werden sollten, jeweils versteckt, bzw. aus ihm herausgeholt wurden, während er sein Gläschen trank.