Ausgabe 
24.8.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt

Vtehen, den 24. August 1932.

AZo liegen die Toten von Anloy?

In gar mancher hessischen Familie werden am 22. August die Gedanken sich der Erinnerung an ein liebes Familienglied zugewendet haben, das einst vor Anwy sein Leben yingab für das Vaterland. Sicherlich würde sich mit dieser Erinnerung auch gern eine Vorstellung von der Ruhestätte des Toten verbinden, zu der man in Gedanken wallfahren konnte. Eine Fahrt von Mitgliedern des Vereins der Offiziere des ehemaligen Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm Rr. 116 zu den Kampfplätzen des Regiments im Frühjahr 1931 hat leider ergeben, daß das Auffinden der Ruhestätten auch ordnungs­mäßig bestoilcter Kameraden, an deren Beerdigung die Fahrtteilnehmer zum Teil teilgenommen hatten, nicht leicht ist. Das hängt vor allem damit zu- jammen, daß die vielen meist zufällig an Ort und Stelle entstandenen Einzeltzraber ausgegeben werden mußten und daß Umbetlungen auf große Sammelfriedhöse erfolgten, auf denen heute oft viele Tausende deutscher Soldaten den letzten Schlaf tun. Auch mancher stimmungsvolle und im Kriege mit kameradschaftlicher Liebe gepflegte Re- gimentsfrledhof ist so verschwunden.

Rach der Schlacht bei Anloy ließ das Regiment, als es dem Feind folgte, die 7. Kompanie zurück, der die traurige Ausgabe zusiel, die Toten des Re­giments würdig zu bestatten; die Grabstätten aber lagen auch hier vielfach als Einzelgräber zerstreut, und schon $ur Zeit als Anloy noch im deutschen Etappengebiet lag, schritt man zu einer Zusammen­legung der Grabstätten. So entstanden bei A n l o y zwei Friedhöfe, auf denen vor allem An- gehörige unseres alten Regiments ruhen. Es handelt sich dabei um planmäßig angelegte Friedhöfe, an deren Einweihung im Krieg einst eine Abordnung des Regiments teilnahm. Der eine Friedhof, Heide­friedhof genannt, ist größer. Er führt offiziell die Bezeichnung: Friedhof Anloy-Bruy6res gemischter Militärfriedhof. Hier ruhen 6 4 2 deutsche Sol­daten, davon etwa 300 vom Regiment 116. Der kleinere Friedhof ist der Walofriedhof. Hier sind 111 Deutsche zur letzten Ruhe gebettet, in der Mehrzahl vom I. Bataillon 116.

Bei der Hauptversammlung des Offizieroereins am 20. August konnte der Sachbearbeiter für die Frage der Regimentsgräber. Herr Oberleutnant a.D. Dr. Luley (Darmstadt), früher Adjutant des II./116, die Mitteilung machen, daß er nunmehr ein Verzeichnis aller auf den Fried­höfen von Anloy bestatteten Regi- mentsangehürigen besitze und auch genaue­ren Aufschluß über die Lage der Einzelgräber geben könne. Allerdings könne von einem Teil der Bestatteten nur angegeben werden, in welcher Grä- bergruppe er liege, ohne daß das Einzelgrab ein­deutig benannt werden könne. Bei der Mehrzahl ist aber auch dieses der Fall. In den Kreisen des Offiziervereins wird (Aon seit Jahren die Frage er­wogen, in welcher Weise man diesen Friedhöfen eine würdige Ausgestaltung und Pflege könnte zuteil werden lassen. Seither stellten sich dem noch Hinder­nisse entgegen, die darin beruhten, daß noch nicht klar war, ob die belgische Regierung auch hier zu Zusammenlegungen schreiten will. Diese Frage scheint vor einer Klärung im Sinne der Erhaltung der Friedhöfe zu stehen. Sollte ihr Schicksal dem­nächst endgültig feststehen, so wird weiteres über das Geplante bekannt werden. Das Material, das der Ofsizierverein heute bereits besitzt, will er gern den Angehörigen der Gefallenen von Anion zugänglich machen, wenn Interesse dafür vorhanden ist. In diesem Falle bittet er, Anfragen unter An­gabe des Vor- und Zunamens, sowie des Dienst­grades und der Kompanie an den Offizieroerein, z. H. des Herrn Studienrats H ö l z e l. Gießen, Ost­anlage 29. zu richten, die nach Möglichkeit gern be­antwortet werden.

Achtet auf beringte Rebhühner!

Der Preußische Landesjagdverband hat im Vorjahr wie auch in diesem Jahre eine große Anzahl von Reb­hühnern mit Ringen der Vogelwarte Rossitten in allen Teilen Deutschlands zeichnen lassen. Es wird damit eine Klärung der vielumstrittenen Frage angestrebt, ob das Rebhuhn bodenständig ist oder ob es zu ausgedehnten Wanderung en neigt. Eine Lösung dieser Frage birgt großes biologisches, wie auch praktisches jagdwirtschaftlichrs Interesse. , ,, .

Die Eröffnung der Hühnerjagd steht vor der Tur. Es ergeht daher seitens der Geschäftsstelle des Preu­ßischen Landesjagdverbandes an alle Jäger die drin- genbe Bitte, aufberingteHühnerzuachten und damit an der Lösung jener Fragen mitzu- arbeiten. Sollte ein so gezeichnetes Huhn, das einen Aluminiumring mit dem AufdruckRossitten" und einer Nummer am Ständer trägt, zum Abschuß kommen, so wäre der Hubertus Gießen (--rtu- bienrat Hölzel, Ostanlage 29) zur Weiterleitung der Melbung bereit. Der Meldung ber Nummer an ihn wäre nur beizufügen, ob es sich um Hohn oder Henne hanbelte. Diese Unterscheidung ist allerdings nicht immer leicht. Man achte auf die Deckfedern der Flügel, die beim Hahn rostrote Tupfen aufweisen, so daß er viel bunter erscheint als die Henne (der Brustfleck sSchildl ist kein Geschlechtsmerkmal!). Im Zweiselsfall würde der genannte Verein auch gern die Geschlechtsbestimmung durchführen, um ber Sache zu bienen.

** Ernennung an ber Landesuniver- fität. Don der Pressestelle ber Universität Gießen wirb mitgeteilt: Der persönliche Drbinarius an ber Universität Greifswald Dr. jur. Erich Bley ist an Stelle des nach Leipzig gehenden o. Professors Dr. Rsjenberg zum ordentlichen Professor für Bür­gerliches und Zivilprozeßrecht ernannt worden.

** Sitzung des Provinzialausschus- s e s. Am Samstag, 27. August, 8.30 Uhr beginnend, findet im Sitzungssaale des Regierungsgebäudes zu Gießen eine öffentliche Sitzung des Provinzialaus' fdjuffes der Provinz Oberhessen statt mit folgender Tagesordnung: 1. Klage des Molkereibesitzers Au­gust Dörr in Freienseen gegen den Bescheid ber Bürgermeisterei Gießen vom 17. Juni 1932 we­gen Versagung ber Erlaubnis zum Betrieb eines Unternehmens zur Abgabe von Milch. 2. Gesuch bes Heinrich Berg in Wisselsheim um Erlaubnis zum Betrieb einer Schankwirtschaft; hier: Klage bes Gastwirtevereins ber Wetterau gegen den Bescheid des Kreisamts Friedberg vom 8. Juni 1932. 3. Älaae des Kulturinspektors Christoph B e r n e t in Fried­berg gegen die Stadt Friedberg wegen Heran­ziehung zu den Kosten ber Herstellung ber Dieffen- vachstraße.

** Straßensperre bei ber Herbst - Re - gatta. Das Polizeiamt teilt mit: Anläßlich der am 28. August stattfindenden XII. Herbst-Regatta des

Große Strafkammer Gießen.

Gießen, 24. August. Vor der Großen Straf­kammer fand gestern ein umfangreicher Prozeß statt, der den ganzen Tag in Anspruch nahm. Angeklagt mären dreizehn Leute aus Nieder-Florstadt und den Nachbarorten, davon neun wegen Landfriedens­bruchs, zwei wegen Körperverletzung mit gefähr­lichem Werkzeug und zwei wegen verbotenen Auf- zuas.

Der Anklage liegt kurz folgender Tatbestand zu­grunde: Im Frühjahr dieses Jahres waren Abtei­lungen der Nationalsozialisten in Nieder-Florstadt, angeblich in geschlossenen Formationen, einmar­schiert, um einem dort stattfindenden Werbevortrag beizuwohnen. Da der Vortrag ausfiel, marschierten sie wieder ab und zwar auf Weisung der Gendar­merie in geschlossenem Zug, um Gewalttätigkeiten ber Bevölkerung zu oerhinbern, bie sich angesammelt hatte unb eine drohende Haltung annahm. Einer ber Angeklagten hatte nach ber Bekunbung einer Reihe von Zeugen schon den ganzen Nachmittag aufreizende Reden geführt. Hinter den abmarschie­renden Nationalsozialisten marschierte eine mehr- hundertköpfige Menge, die die Internationale fang und johlende Rufe ausstieß. Zum eigentlichen Tu­mult kam es aber erst, als der durch seine auf­reizenden Reden bereits in Wirksamkeit getretene Angeklagte mit einem am Schluß bes Zuges sein Motorrab brüdenben Nationalsozialisten zusammen- stieß unb zu Fall kam. Dies war ber willkommene Anlaß für bie umstehenbe Menge, über ben Na- tionalsozialisten herzufallen unb ihn zu prügeln. Es folgte herauf, nach ber Bekundung mehrerer Zeu- f en, aus der Menge ein Bombardement mit Pflaster- teinen, durch das eine Anzahl der Nationalsozia­listen Kopfwunden davontrug einem von ihnen soll dadurch der Arm ausgerentt worden sein. Zwei von den Angeklagten Haden ebenfalls nach Zeugen- bchinbungen eine Mistgabel in die Abziehenden geworfen; nur dem Zufall, daß diese auf einen Warnungsruf auseinanderstoben, soll es zu Der­banten gewesen fein, daß dadurch keine schweren Verletzungen entstanden. Die Nationalsozialisten sollen danach auf ein Kommando ihres Führers zum Teil zum Gegenangriff geschritten sein. Dabei soll sich einer von ihnen eines Messers bedient und damit gestochen haben; er bestreitet dies, ein Ver­letzter hat sich auch nicht gefunden. Ein anderer soll mit feinem Koppel auf einen zur Seite stehenden Unbeteiligten eingeschlagen haben. Der Gendarmerie gelang es, die Streitenden zu trennen, so daß noch schwerere Folgen vermieden wurden. Die ganzen Ausschreitungen, die durch das Verhalten des durch das Motorrad angeblich Angefahrenen ausgelöst wurden, nahmen nur verhältnismäßig kurze Zeit in Anspruch; nach der Bekundung eines der Gen­darmeriebeamten sind sie nicht zu trennen, sie spiel­ten sich vielmehrkaufend ab".

Die Angeklagten bestritten zumeist ihre Schuld. Es wurden über dreißig Zeugen vernommen. Die Plädoyers des Staatsanwalts und der Verteidiger fanden in den Abendstunden statt. Beratung unb Urteilsoertünbung erfolgen heute, Mittwoch, vormittag

Lahn-Regatta-Derbanbes ist die Bootshausstraße von dem Bootshaus ber Gießener Rubergesellschasi bis an ben Durchgang nach ber Eberstraße (Bahn­überführung) am 28. August von 14 bis 19 Uhr für den Durchgangsverkehr polizeilich gesperrt.

** Beim Rangieren schwer verun­glückt. Gestern gegen 10 llf>r verunglückte auf dem Bahnhof Ober-Widdersheim bei Ridda der Reservezugführer Friedrich Lang vom Bahnhof Gießen, wohnhaft in Droßen-Linden. Der bedauernswerte Mann hatte einen Güterzug von Gießen nach Ridda zu begleiten. Beim Ran­gieren auf dem Bahnhof Ober-Widdersheim tarn der Beamte unter eine Rangierabteilung, wobei ihm die Räder eines Wagens über das linke Bein gingen und schwer verletzten. Rach erster ärzt­licher Hilfeleistung durch den Bahnarzt Dr. K och (Ridda) wurde der Verunglückte von dem Arzt mit dem Auto nach Gießen in die Chirurgische Klinik verbracht. Das Dein mußte amputiert werden.

4 0. JahreSfest des Evangelischen Arbeiter-Vereins, Gießen. Man berich­tet uns: Aus Anlaß des 40jährigen Bestehens des Evangelischen Arbeiter-Vereins, Gießen, fand am Samstagabend im Der ei ns lokal ein Degrü- ßungs- und Ehrenabend statt. Zunächst sprach der Vorsitzende Degrühungsworte, verbunden mit einem Rückblick auf die Tätigkeit des Vereins in den 40 Jahren feines Bestehens. Ramens des Verbandes Mittelrheinischer Evangelischer Ar­beiter-Vereine sprach dessen Vorsitzender, Pfarrer Heß (Darmstadt). Auch die Vertreter der Dru- dervereine von Butzbach, Darmstadt, Frankfurt a. M.-West, Hanau, Kreuznach, Oberursel und Offenbach übermittelten Glückwünsche, teilweise unter Lieberrcichung von Geschenken. Ramens des Oberhessischen Vereins für Innere Mission sprach Kaufmann Emil Horst. Eine Reihe be­währter Mitglieder des Vereins wurde durch Auszeichnungen geehrt. Es erhielten die silberne Radel die Herren: Prof. Dr. H e u f e r, H. Kirch- ne r, K. Weller, I. R i t f e r t, M. Zschunke, K. Müller, 6. Äauff mann, I. Loh, H. Heß, A.G ö b e l, K. G r aul ich, A. O hr und H. Schnabel, außerdem die Leiterin des Frauenchors Frau Minna Schäfer. Adam Büttner wurde zum Ehrenmitglied ernannt. Am Sonntagvormittag fand in der Stadtkirche ein eindrucksvoller Festgottesdienst statt, bei dem Pfarrer Heß (Darmstadt) die Festpredigt hielt. Der Gottesdienst wurde durch Mitwirkung der Gesangsabteilung des Vereins verschönt. Am Rachmittag fand eine Rachversammlung statt, in welcher Derbandssekretär Läufer (Darmstadt) die Festansprache hielt. Auch hier trug die ®e- sangsabteilung des Vereins durch Lieder und sonstige Darbietungen wesentlich zur Verschöne­rung der Veranstaltung bei.

* Ende der Hundstage: Am 23. August haben dieHundstage" ihr Ende erreicht. In diesem Jahre haben sie wenigstens in ihrer zweiten Hälfte ihrem Ramen Ehre gemacht. Rach den starken Regenfällen um Juli-Ende und in der ersten Augustwoche heiterte sich der Himmel auf, wolkenlose Bläue strahlte und unter einer wirklichenHundskaghihe" führte der Dauer das letzte Getreide ein. Ein alter Spruch lautet: Hundstag im Sonnenschein, führt Korn und Haber ein; Hundshih und Eommerregen ist ein rechter Brotsegen". Rach altem Volksglauben soll der 23. August die Witterung im Herbst Voraus­sagen. Der Morgen fort dabei das erste, der Mittag das zweite und der Abend das dritte Drittel der kommenden Jahreszeit darstellen.

Eine sensationelle Verhaftung.

Der Einsiedler als Haupt einer weitverzweigten Falschmünzer bände.

WSR. Dillenburg, 23. Aug. Eine auf­sehenerregende Verhaftung wurde am Dienstag durch die Landjägerei durchgeführt. Unter dem dringenden Verdacht, bereits seit längerer Zeit in umfangreichem Maße Falschmünzereien betrie­ben zu haben, wurde der in Westdeutschland weit bekannte Einsiedler R e i n e ck, der in einer schachtartigen Behausung in der Rähe der kleinen Gemeinde Seelbach im Streife Siegen wohnte, dem Llntersuchungsrichter zugesührt. Tie Landjägerei konnte in der Wohnung des Sin» siedlerS umfangreiches Material vorfinden, das zur Herstellung der Falschstücke benutzt worden ist. Insbesondere soll sich der Einsiedler mit der Herstellung von Fünf- und Zwei-

Markstücken befaßt haben. Es besteht der dringende Verdacht, daß Helfershelfer vorhanden sind. Der Einsiedler Reineck war eine besonderS bei AuSslüglem bekannte Persönlichkeit, die ost seine Einsiedelei besuchten, deren geheim- niSvolleS Innere aber von Frem­den nie betreten werden durste. R. lebte angeblich von dem Verkauf von Ansichtskar­ten und den kleinen Gaben, die man ihm für sein Musizieren schenkte. Run stellt es sich her­aus, daß man es scheinbar mit dem Haupt einer weitverzwe igten Falschmün­ze rban de zu tun hat. Reineck trat sogar kürz­lich vor die breite Oefsentlichkeit, in dem er im Westdeutschen Rundfunk auf von ihm selbst verfer­tigten Musikinstrumenten gespielt hat. Seine Dar­bietungen im Rundfunk wurden damals viel be­achtet und als künstler isch hochstehend bezeichnet.

5ilme, die die OeffenlWeil nichl W scheu bekommt Oie Polizei hat ihre eigene Filmproduktion.

Kon Max Lenz.

Buntes Allerlei

wäre es ganz dut, wenn davon auch nichtpreußische, aber doch dcusiche Polizeien profitieren würben.

Das Produktionsprogramm umfaßt Kultur- unb Aufklärungsfilme, solche über Hy­giene, Technik unb ähnliches mehr. Selbst- verstänblich unter befonberer Berücksichtigung poli­zeilicher Interessen. Für Innenaufnahmen steht sogar ein eigenes Atelier zur Verfügung. Allerdings ist es sehr klein, doch genügt es allen Anforderungen. Man sieht dann, wie sich die Polizei bei Absperr- maßnahmen zu verhalieir wie sie bei Demonstra­tionen vorzugehen hat. Man erhält bei der Durch­sicht bes Verleihkataloas einen oollftänbigen lieber- blick über bie Vielseitigkeit ber Polizei, beren ge­samten Aufbau man sich im Film vorsühren lasse,» könnte ... wenn es nicht für Zivilisten ver­boten wäre.

Man hat sich im übrigen nicht auf Ausnahmen aus Preußen beschränkt. Während einer Studienreise hat Hauptmann Sahl Polizeifilme im Ausland ge­dreht außerdem hat man durch Austausch mit frem- ben (Staaten wertvolles Material erwerben können. Der Polizei-Interessent kann sich also nun auch Filme über die amerikanische und zahlreiche euro­päische Polizei zeigen lassen. Besonders berücksichtigt wurden bei den Aufnahmen solche über ben Ver­kehr, unb es ist sicher sehr lehrreich, Vergleiche über bie Arbeitsweise ber Berliner mit ber Neuyorker, Pariser unb fionboner Polizei anzustellen.

Die Filme haben verschiedenen Umfang. Die einen finb abenbfüllenbe Werke von über breitaufenb Tleter Länge, andere ganz kurz etwa 125 Meter. Für jede Gattung gibt es welche: für ben Arzt, ben Ingenieur, ebenso für ben Schupo unb Kriminalisten. Die Streisen werben streng vor ber Öffentlichkeit oer- schlossen gehalten. Sie finbPolizeigeheimnis". Und bas ist ganz gut so.

Die Polizei als Filmunternehmer? Ja, es stimmt. Davon weiß allerbings im allgemeinen ber Steuer­zahler nichts, obwohl dies Unternehmen schließlich aus seinen Mitteln bestritten wird. Er erfahrt auch nur ganz zufällig etwas davon; zu sehen bekommt er nie einen dieser Filme. Die Polizei hat im I n ftitut für Technik unb Verkehr ein Zen- tralbilb- unb Filmarchiv geschaffen, bas, laut An­ordnung des Ministeriums, ausnahmslos für den Polizeidienst bestimmt ist. Es werden lediglich Ausnahmen für Polizeizwccke gemacht kein Bild, fein Streifen wird einem Zivilisten gezeigt.

Eine Industrie für sich, aber sehr wertvoll. Die Aufnahmen werden mit einfachsten Mitteln gemacht. Unb dann natürlich nur stumm. Für den Unterricht genügt die Anschaulichkeit, der Ton spielt ja dabei eine unwesentliche Rolle. Der im Technischen voll­kommen ausgebildete Polizeihauptmann Sahl, Fachmann für diese Dinge, nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland anerkannt, dreht, unter­stützt von ein paar Schupoleuten, selbst. Er ist fein eigener Regisseur und sogar sein eigener Verfasser, falls nicht die Wirklichkeit ihm den Stoff liefert. Gestellte Bilder werden ebenso verwendet wie tat­sächliche Ereignisse: Demonftra.ionen, Rettungsmaß- nahmen, Derfassungsfeiern usw. Diese Aufnahmen werden durch andere, von der Industrie gekaufte,

"Le/ Verleih erfolgt ohne jebe Gebühr; welch ein Ideal! Aber die Filme erhalten aus- schließlich Polizeidienststellen und -schulen, und dann auch nur innerhalb Preußens, lieber dieGrenze" dürfen sie allein in Ausnahmefällen gehen. Bedin­gung ist dann, daß das Urheberrecht nicht verletzt wird. Das ist vielleicht bedauerlich, denn da dies Institut das einzige seiner Art in Deutschland ist,

Oie Jahreszeit der Einbrüche.

Der Hochsommer ist die Saison der Einbrecher aller Art, denen die warme Witterung der Rächte und das Leerstehen vieler Wohnungen wahrend der Reisezeit besonders verführerisch erscheint. Lieber die Metboden der modernen Ein­brecher und die beste Art, sich dagegen zu schützen, machte ein englischer Fachmann einige Mitteilungen. Die modernen Einbruchsmethoden sind sehr verschiedenartig, bald außerordentlich raffiniert, bald ganz einfach. Aber im großen ganzen kann man doch sagen, daß die einfachsten Formen, wie Eindrücken von Fenstern und Auf­brechen von Türen, am häufigsten sind. Starke Schlösser und feste Riegel sind noch immer die beste Schutzmahregel. Richt daß sie qjten mo­dernen Einbruchswerkzeugen Widerstand leiste­ten, aber ein Einbruch in eine gut geschützte Woh­nung erfordert mehr Mühe und schließt mehr Gefahren in sich ein. Der Einbrecher aber ist meistens ebenso bequem wie ängstlich und be­vorzugt dieleichten Sachen". Man nehme zwei Häuser, von denen das eine wohlverwahrt und gut verschlossen ist, während das andere leichteren Zugang ermöglicht, und man kann sicher sein, daß der Einbrecher das letztere wählen wird, auch wenn er genau weiß, daß in dem schlecht verwahrten Haus viel weniger ^u holen ist als in dem gut geschützten. Der Einbrecher scheut eben das Risiko und begnügt sich bei ge­ringerer Gefahr mit kleinerem Gewinst. Der Meister" in diesem Fach arbeitet ganz lautlos; er benutzt keine Feuerwaffen, denn er weih, daß der geringste Lärm die Polizei auf seine Spur bringen kann. Viele Einbrecher lassen ihreVi­sitenkarten" in irgendeiner Form zurück. Der er­fahrene Detektiv wird daher aus irgendeiner Kleinigkeit nicht selten den Schluß ziehen können, welcherschwere Junge" hier seinen Besuch ab­gestattet hat. Man erzählt von einem authenti­schen Fall, bei dem ein Einbrecher, bevor er die Wohnung mit seinem Raube verlieh, die schla- sende Herrin des Hauses küßte. Der Ehemann schlief im Zimmer nebenan, und die Dame glaubte, der Einbrecher sei ihr Gatte, der ihr Gute Rächt sage. Sie sah ihren Irrtum erst am andern Mor­gen ein, als sich die deutlichen Spuren eines nächtlichen Besuches geigten, und schloß nun aus dem rauhen Kinn, das der vermeintliche Gatte tn der verflossenen Rächt gehabt hatte, daß sich der Einbrecher bei ihr auf diese Weise verab­schiedet hatte.

Zwei Minuten sind relativ.

Ein Trost in unseren heißen Tagen: während der Olympiade in Los Angeles war es mindestens so heiß wie in Deutschlanb. Lind die Athleten mußten in dieser Temperatur obendrein noch Höchstleistungen vollbringen!

Wen wundert es also, daß während derSiede­punkte" des Kampfes der Wagen und Gesänge sich Kämpfer und Publikum in einem Zustand sanfter Auflösung befanden? Den Kämpfern half nichts fie muhten sich produzieren. Aber was taten die Zuschauer? Sie verliehen, zwischen zwei Weltrekorden, eilig die Tribüne, um sich eine Eis­waffel zu kaufen.

Dies tat auch, an einem der Hertzesten Tage, ein braver amerikanischer Bürger. Außerhalb der Manege hatte er ein kleines Schild entdeckt: Eis-Stand zwei Minuten von hier." Gierig

hatte er sich darauf in die angezeigte Richtung begeben.

Er wanderte und wanderte das berühmte marathonische Vorbild für die olympischen Spiele war nichts gegen diesen ungeheuren Fußmarsch. Zwei Minuten? Aber er muhte doch gleich da sein! Lind immer aufgelöster schritt er dahin.

Als er schließlich eine halbe Stunde mochte wohl vergangen sein den Stand erreichte, machte er. erstaunt und erzürnt, dem EiSver- käufer seinen Standpunkt klar. Das sei ein Dolks- betrug gröbster Sorte, dieses Schild mit den zwei Minuten! Wer in aller Welt diesen Schwin­del in die Welt gesetzt, diese Tafel mit der blöd­sinnigen Aufschrift aufgepflanzt hätte?

Der Verkäufer fah ihn an und, merkwürdig, aus seiner Miene sprach nicht Reue, nur höchster Stolz.Diese Tafel" sagte er schließlich mit Würde hat Mister 6art eigenhändig dort aufge- pflanzt."

Wozu eigentlich nur zu bemerken wäre, daß Mister Carr (Amerika) das Rennen über 400 Meter auf der diesjährigen Olympiade getoonnen hat...

Oer tapfere Kiebitz.

Eine fesselnde Beobachtung aus dem Dogel- leben erzählt H. Dongardten in der Illustrierten Wochenschrift über die Fortschritte in Wissen­schaft und TechnikDie Llmschau": Linker den Kiebitzen in einem Moor erregte ein Hähnchen wegen seines außergewöhnlichen Temperaments Aufmerksamkeit. Es setzte sich energisch zur Wehr, wenn der Beobachter dem Gelege näher kam und lockte auch seine Kameraden herbei, die ihm in der Gefahr zu Hilfe eilten. Eines Morgens sah er, wie ein Rabe von dem tapferen Kiebitz angegriffen wurde, als dieser es auf das Gelege abgesehen hatte. Der Kiebitz schoß wie ein Pfeil empor und ebenso schnell in die Tiefe und ver­setzte dem Raben einen Schnabelhieb auf den Schädel, daß die Federn stoben. Als der Räuber sich blitzschnell herumwarf, erhielt er einen zweiten Hieb; er vermochte den geschickten Winkelzügen des Kiebitzes nicht zu folgen. Der Vogel schlug auch Alarm, und im Ru war ein Schwarm Kameraden zur Stelle, die sich mit aufgeregtem Kampfgeschrei von oben, unten, rechts und links auf den Räuber stürzten, so daß dieser schließlich die Flucht ergriff. Selbst ein Sperber und ein Wanderfalke, eine Elster und ein Eichelhäher, die dem Moor gelegentlich einen Besuch ab­statteten, konnten den Angriffen der Kiebitze nicht widerstehen. Mit den Erfolgen wuchs auch augen­scheinlich der Mut des Kiebitz-HähnchenS, und als erst die Jungen ausgeschlüpft toaren, griff er mit Todesverachtung jedes Lebewesen an, das dem Familienidyll näher kam, wobei ihn die Kame­raden niemals im Sttch lieben. Schließlich ping feine Verwegenheit so weit, daß et sogar einen Habicht zu verscheuchen suchte, der seine Kreise über dem Moor zog. Da aber auch der Habicht ein ausgezeichneter Flieger ist, kam der Äiebifc bald in Bedrängnis. Er bediente sich zunächst noch der bewährten Finten mit Erfolg und gab sein RotsignalLhäit Ehäitl". um die Kameraden herbeizurufen, aber diesmal war feine Hoffnung auf Hilfe vergebens, die Kameraden hakten unter Binsen und Riedgräsern versteckt beobachtet, ge­gen welchen gefährlichen Räuber sie zu Hilfs kommen sollten, und blieben zurück. So endete diesmal der Kampf damit, daß der tollfüljne Kiebitz dem mächtigen Habicht erlag.