ar. 198 Erstes Blatt
182. Zahrgang
Mittwoch, 24. August (932
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Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Chesredakteur
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Berantworilich für Politik Dr Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Lrnst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
Die Beuihener Todesurteile
unserem Vaterland
ist bereit, der Wirt- gesunden Zweck ihre stellen.
Das Urteil von Beuthen ist hart. Die fünf Todes urteile bringen jedem Staatsbürger eindrucksvoll zum Bewußtsein, wie schwer das Gesetz ist, das zur Befriedung des politischen Lebens für Deutschland erlassen wurde, nach Ansicht aller Parteien erlassen werden mußte. Bei Erlaß des Gesetzes fand es allgemeine Billigung, denn jeder war sich darüber klar, daß die blutigen Formen des politischen Meinungskampfes nur mit der gleichen Rücksichtslosigkeit bekämpft werden konnten, mit der sie geführt wurden. Der Wortlaut des Gesetzes ist klar; nach ihm konnten die Richter von Beuthen nicht anders urteilen.
Das Gesetz sollte eine abschreckende Wirkung haben, sollte, wie jedes Gesetz, nicht Rache, sondern Erziehung sein. Aus diesem Grunde hat sich der Gesetzgeber in bezug auf die Vollstreckung nicht festgelegt. Der Gedanke, daß fünf Todesurteile vollstreckt werden könnten, erschüttert, denn man müßte sehr weit in der Justizgeschichte Deutschlands zurück- gehen, wenn man einen ähnlichen Fall einer Massen- exekution finden wollte. Die Regierung steht vor der schwerwiegenden Frage, ob dieses Urteil vollstreckt werden, oder ob sie von ihrem Recht Gebrauch machen soll, Gnade sürRecht ergehen zu lassen. Die Entscheidung wird nicht heute oder morgen fallen, denn den Verurteilten bleibt noch ein Rechtsmittel. Sie können das Wiederaufnahmeverfahren beantragen. Wird einem Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens stattgegeben, dann muß der Prozeß vor einem ordentlichen Gericht, nicht mehr vor dem Sondergericht, verhandelt werden. Bei der Schwere des Urteils muß man erwarten, daß dem Antrag aus Wiederaufnahme des Verfahrens ohne weiteres stattgegeben wird.
Sowohl bei der Entscheidung über die Begnadigung, wie über das Wiederaufnahmeverfahren ist auf das sorgfältigste zu prüfen, ob den Tätern im Augenblick der Tat das Sondergefetz mit seinen scharfen Strafbestimmungen bekannt gewesen ist. E-s darf dabei auch nicht übersehen werden, daß der Schonplatz der Tat, das oberschle-
Mit der Kampferspritze der offenen, verschleierten oder dosierten Inflation mir als Reichsbankpräsident Volkstum- l i ch k e i t zu erringen, die sicher rasch einer ewigen Verfluchung Platz machen würde, muß ich vor meinem Gewissen und vor meinem Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber ~f ablehnen. Die Reichsbank schäft für jeden wirtschaftlich Kreditkraft zur Verfügung zu
Reichsbankpräsident Luther über Krise und Währung
Eine Rede auf dem Deutschen Genvffenschaststag.
Rücktritt Trendelenburgs genehmigt.
Berlin, 24. Aug. (ERB.) Wie wir aus gut unterrichteter Quelle Horen, wird noch heute das Abschiedsgesuch des Staatssekretärs Dr. Trendelenburg im Reichswirtschaf tsininifte- riurn genehmigt werden. Morgen wird sein Abschied sowie die Ernennung seines Nachfolgers erfolgen. .
Hierzu hören wir weiter von privater Seite, daß Geheimrat Schwarzkopf, der bisherige Direktor der Landeskreditkasse in Kassel, zum Nachfolger Dr. Irenbelenburgs ausersehen ist.
Hitlers letzte Anweisungen an Kerrl.
München, 24. Aug. (CAB. Funkspruch.) Wie der „Bayerische Kurier" aus politischen Berliner Kreisen hört, soll gestern ein Sonderbeauftragter Hitlers in Berlin eingetroffen fein, der dem nationalsozialistischen Landtagspräsidenten Kerrl die letzten Entscheidungen und Anweisungen des Braunen Hauses für die preußischen Koalitionsverhandlungen zu übermitteln habe. Man nehme nun an, daß Die Besprechungen zwischen Zentrum und Aa- tionalsozialisten Ende der Woche weitergeführt werden.
Abg. Stöhr Reichstagspräsident?
Berlin, 24. Aug. (CAB.) Wie die „Deutsche Zeitung" erfahren haben will, soll von der nationalsozialistischen Aeichstagssraktion als Präsident des neuen Reichstages der Abgeordnete der AEDAP. Franz Stöhr vorgeschlagen werden. Stöhr ist am 18. Rovember 1879 geboren, war lange Zeit im Deutschnatio- nalen Handlungsgehilsenverband tätig uizd hatte im bisherigen Reichstag einige Monate lang daS Amt des Ersten Dizepräsidenten des Reichstages j inne.
sische Grenzgebiet, noch immer ein Gefahrenherd ersten Ranges ist, daß vor allem in der dortigen deutschen Bevölkerung die Erinnerung an die furchtbaren Greueltaten der polnischen Insurgenten nachzittert. Der Tote von Poternpa war polnischer Insurgent, der sich, über die deutsche Grenze verschlagen wie so viele seinesgleichen, als Kommunist getarnt hatte, um in dieser Verwandlung den Kampf gegen das Deutschtum in Oberschlesien fortzusetzen. Hätte nicht ein Sondergericht, sondern das ordentlich« Gericht die Ermordung des Kommunisten Pietr- zuch abgeurteilt, so wären sehr wahrscheinlich den Tätern mildernde Umftänbe aus der politischen und geistigen Verfassung des Grenzgebietes heraus zugebilligt worden. Die Rot- verorduung gegen den politischen Schrecken läßt mildernde llmftänbe nicht zu.
Darum ist es wünschenswert, die Ereignisse von Poternpa in einem Wiederaufnahmeprozeß noch einmal gründlich zu würdigen und dabei die für die Angeklagten sprechenden Milderungsgründe in gebührender Weife zu berücksichtigen.
Aeue Beweisanträge.
München, 24. Aug. (CAB. Funkspruch.) Rechtsanwalt Dr. ßütgebrune, der Verteidiger der Deuthener Verurteilten, erklärte heute dem Breslauer Vertreter des „Völkischen Beobachter", ihm seien neue Beweismittel beigebracht worden, die es notwendig erscheinen ließen, den Potempaprozeß im ordentlichen Gerichtsverfahren n a ch z u p r ü s e n. Es fei ihm gelungen, festzustellen. daß der getötete P i e t r z u ch am Abend des 9. August zwischen 10 und 11 älhr einen SA. - Mann namens Sowka mit 12 anderen Kommunisten übers allen habe. Ein Begleiter des Ueberfallenen sei zum Gastwirt L a ch m a n n geeilt, bet dem das SA.'Schuhkommando lag, und habe um Hilfe gebeten.
Den Stillstand des Wirtschaftslebens als solchen kann abec nicht die Rotenbank überwinden, sondern nur der Wille der Teilnehmer des Wirtschaftslebens, nicht mehr stillzustehen.
Gegenüber der Forderung, das Gold als Währungsgrundlage aufzugeben, ist zu sagen daß man einen anderen internationalen Wertmesser als Gold bisher nicht gefunden hat. Die falsche Goldverteilung auf der Erde hebt seine Eigenschaft als Wertmesser nicht auf.
Auf die aktuellen Probleme der Z i n s h o h e ging Dr Luther nicht in vollem Umfange ein. Er behielt
ratungen teilgenommen, und da ist es nun wertvoll, aus Ioftres Munde zu hören, daß einmal einstimmig beschlossen wurde, im Falle einer Aeutralitätsverletzung Belgiens durch Deutschland sofort durch das neutrale Luxemburg hindurch vorzu stoßen; zum anderen erfahren wir, daß Joffrö im Kriegsrat vom 21. Februar 1912 einen Plan zum Einmarsch in Belgien entwickelte. Er stellt ausdrücklich fest, ..daß wir" — also die Franzosen — „ein entscheidendes Interesse haben, unsere Heere in -Belgien e i n m a r s ch i er« n zu lassen, nicht nur für den Fall, daß die Deutschen, wie es wahrscheinlich ist, dieses selbst verletzt haben würden". Aus rein militärischen Erwägungen heraus kam also Ioffre zu denselben Ueberlegungen, di« auch im deutschen Generalstab eine RlKle spielten. ilnö da wagt man noch immer, uns den Druck) des Völkerrechts vorzuwerfen und die Kriegsschuldlüge aufrechtzuerhalten, obwohl auch die französische« Spitzen einen Einmarsch in Belgien als Vorbeugungsmittel für erforderlich hielten.
renö des Krieges mehr als schlecht war. Ieder wollte tommandieren und befehlen, niemand sich ein- oder unterordnen, auch dann noch nicht, a-s der Oberbefehl in die Hände des Marschalls Foch gelegt worden war. Das Gegeneinanderarbeiten war aber nicht nur bei den Militärs, sondern auch bei den Politikern zu finden, es hat zu mehr als einer Panne geführt, hat aber offenbar auch bei allen Beteiligten den lebhaften Wunsch zu Tage gefördert, möglichst umfassende und ins Einzelne gehende Lebensermnerungen niederzuschreiben und zumeist auch noch bei Leb- «eiten zu veröffentlichen. Denn soweit hatten sich wohl alle durchschaut, daß demjenigen die Schuld für jeden Fehlariff in der Politik oder Kriegs führung aufgebürdet werden wurde, der sich nicht rechtzeitig durch seine Memoiren dagegen sicherte Dieses gegenseitige Mißtrauen bis über das Grab hinaus hat unserer Kriegsschuldforschung ausgezeichnetes Material zur Klar- stellung der Schuld am Ausbruch des Weltkrieges geliefert. . .
Seit einiger Zeit werden nun Auszuge aus den Memoiren des Marschalls Ioffre in einer französischen Zeitung veröffentlicht, die ebenfalls
sich seine ausführliche Stellungnahme vielmehr für eine demnächst an anderer Stelle zu haltende Ansprache vor, mit Rücksicht auf die Erörterungen, die zur Zeit noch zwischen der Reichsregierung und der R e i ch s b a n k schweben.
was den Diskontsatz anbetrifft, sagte Dr. Luther, so ist die Reichsbank zur weiteren Senkung schon seit längerer Zeit bereit.
Wenn diese Diskontsenkung bisher nicht erfolgt ist, so liegt das lediglich an der Vorschrift des Bank- g e s e tz e s, die bei Unterbreitung der 40prozentigen Deckungsgrenze einen Diskontsatz von weniger als 5 Prozent für unzulässig erklärt. Wunsch und Bemühungen der Reichsbank gehen dahin, daß die g e - setzlichen Hindernisse, die die Freiheit der Diskontpolitik der Reichsbank einengen, sobald als möglich beseitigt werden.
Zum Abschluß seiner Darlegungen behandelte der Reichsbankpräsident noch kurz die D r ß a n i | a - tion des Bankwesens. Obwohl die schwere Wirtschaftskrise die Notwendigkeit herbeigeführt habe, in großem Umfange den Kredit des Reiches und Barmittel und Kredit der Reichsbank innerhalb des Bankwesens einzusetzen, so tonne doch eine
Verstaatlichung des Bankwesens nicht die Lösung bedeuten.
Für die Zukunft komme es darauf an, durch feste und durchgreifende Reformmaßnahmen am S tg a t - 1 i ch e n alles, was Staat und öffentliche Aufgabenerfüllung fei, gesund und kräftig zu machen. Das private Wirtschaftsleven aber könne nur in der Luft de Freiheit und der 6 c l b ft d e r • antmortung der einzelnen gedeihen. Das Durcheinander von Staat und Wirtschaft habe nur Umwege gebracht. Um des Wohles der Gesamtheit w n müßten ein starker Staat und eine freie Wirtscyaft die Leitsterne sein.
Landnöten.
In Preußen haben dieser Tage erneut zahlreiche höhere Staatsbeamte — über 60 Landräte — ihre bisherigen Posten verlassen müssen. Dieser Dcamtenschub ist in der Tat geeignet, nicht unerhebliches Aufsehen zu erregen. Bei den Personalveränderungen unmittelbar nach dem 20. Iuli war es eigentlich für jeden klar, daß die neuen Machthaber nicht sämtliche Beamten des bisherigen Systems übernehmen konnten. Damals hielten sich die Veränderungen auch in einem verhältnismäßig bescheidenem Rahmen. Inzwischen wurden aber neue Anstrengungen gemacht, um die Aationalsozialisten in die Reichsregierung hineinzubringen und in Preußen eine Regierungsgemeinschast herzustellen. In jedem Falle lag also eigentlich Veranlassung genug vor, zunächst den weiteren Gang der Verhandlungen abzuwarten. Daß aber ganz ohne Rücksicht auf diese Bestrebungen daran gegangen wurde, zahllose Landratsämter mit Gefolgsleuten P a p e n s, mindestens aber mit Männern, denen Papen vertraut, zu besehen, läßt doch den Schluß zu, daß sich die Reichsregierung außerordentlich stark fühlt und vorläufig mit einer Teilnahme der Nationalsozialisten an den Regierungsgeschäften weder in Preußen, noch im Reich rechnet. Es ließe sich aber auch daraus der Schluß ziehen, daß auf dem Gebiete der Personalpolitik schon jetzt mindestens in Preußen vollendete Tatsachen geschaffen werden. Wie wenig erbaut die Aatio- nalsozialisten von den Umgruppierungen fein werden, dürfte sich bald Herausstellen. Daß aber der Reichskommissar unbeirrt an der Beseitigung der nach links hin gebundenen politischen Beamten arbeitet, ist zu begrüßen. Wir wünschen aber auch, daß er ebenso unbeirrt an den Wiederaufbau Preußens auch auf anderen Gebieten herangeht.
In welchem Zustand sich die deutschen D e r - teidigungsanlagen befinden, ist zur Genüge bekannt. Jeder Deutsche weiß auch, daß auf Befehl der Siegerstaaten eine Festung nach der anderen in die Luft gesprengt werden mußte und daß nicht einmal die ältesten und unmodernsten Anlagen von der Zerstörungswut namentlich der Franzosen verschont „ geblieben sind. Wir haben ein Stück Beton nach dem änderen abgetragen, wir haben uns darin fügen müssen, daß uns auf Grund der militärischen Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages noch extra eine entmilitarisierte Zone zu beiden Seiten des Rheins geschaffen wurde. Einige Werke im Innern des Reiches durften wir weiter unterhalten. Aber auch erst nach kräftiger Abrüstung der Forts. In Königsberg wurden nur 38 eingebaute Geschütze (darunter 16 Flaks) mit beschränkter Munitionsausstattung belassen. Zugeftanden wurde uns die Errichtung oon Befestigungswerken igi Osten auf der Linie Königsberg—Sensburg—Marienburg, die uns unter dem Namen „Heilsberger Dreieck" bekannt find.
Wie anders sieht es mit dem Vefestigungsring. mit den Stärken der Landheere, den Luft- und Seeslotten unserer Aachbarn aus! An erster Stelle ist Frankreich zu nennen, das den Schwerpunkt seiner Festungen an der Grenze von Basel bis Metz liegen hat. Die ganze Front gegen Deutschland ist ein einziger Festungsgürtel. Selbst das kleine Belgien ist durch den Vertrag von 1920 mit Frankreich verpflichtet. Festungen, besonders in der Aahe der deutschen Grenze, zu bauen. Mit diesem Aufbau wurde bereits 1929 bei Lüttich, Antwerpen und an der Südostfront von Aamur begonnen. Die vollständige Herstellung dieser waffenstarrenden Städte dürfte wohl im Iahre 1934 erfolgt fein. Italien hat ebenfalls besonders an den Grenzen sog. Sperrforts errichtet, von denen zwölf alteren Formats und 29 neueren Stils das Land Mussolinis verteidigen sollen. Außer den stark bestückten Marinefestungen sind noch weitere Bau werke als Land- und Seeschuh vorgesehen. Au der anderen Seite Deutschlands steht das aufjer» ordentlich stark geschützte Polen, das nach Westen zu sechzehn modern ausgerüstete Festungswerke besitzt. Wir haben hier ein für uns sehr interessantes Experiment: die ehemals deutschen Festungen im Korridor, die für uns heute noch modern fein würden, sind von den Polen geschleift und an ihre Stelle von französischen Genieofft- zieren mustergültige, auf den letzten Kriegserfahrungen basierende Wassenarsenale errichtet worden. Die Tschechoslowakei hat allerdings nur wenige stark veraltete Forts zur Verfügung, doch ist auch hier mit französischen Geldmitteln nachgeholfen worden, um den Sicherheitsgürtel gegen. Deutschland zu vervollständigen.
Allein ein kurzer lleberdlick über die Wehret a t s der einzelnen Staaten gibt uns ein Bild, wie die Machtverhältnisse in Europa liegen und wieviel die einzelnen Staaten für ihre Sicherheit aufbringen. Deutschland zahlt im Durchschnitt 690 Millionen Mark, denen Belgien mit 1363 Millionen Franken. Frankreich mit 19 750 Millionen Franken. Italien mit 5552 Millionen Lire, Polen mit 1062 Millionen Zloty und die Tschechoslowakei mit 1715 Millionen Kronen gegenüDcrfteqen. Die Abrüstungskonferenz ist durch die gute französische Arbeit wieder einmal vertagt worden. Wahrscheinlich wird sie schon in Kürze ganz das Zeitliche segnen. Ein Grund mehr für uns, nun endlich einmal den Ententemächten klarzumachen, daß wir aus Sicherheitsgründen uns zuminde t Landesbefestigungen zulegen müssen, wie sie in Anbetracht der von Waffen starrenden Grenzen der Nachbarn unumgänglich sind.
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Wir wissen längst, daß das Zusammenwirken der führenden Kreise im gegnerischen Lager wäh-
Dortmund. 24. Aug. (WTB. Funkspruch.) Die Verhandlungen des hier abgehallenen 6 8. Deutschen Genossenschaftstages sanden ihren Abschluß mit einer Ansprache des Reichsbankpräsidenten Dr. Luther, der u. a. ausführte: Wenn man auch noch nicht sagen kann, daß die Wirtschaftskrise ihren Drehpunkt bereits durchschritten hat. so ist doch die elementare Kraft des Schrumpfungsvorganges der Wirtschaft nicht mehr fo groß, daß man nicht alles daransehen mühte, den Wirtschaftenden wieder Mut zu machen, und daß man nicht
mit wohlüberlegten und entschiedenen Maßnahmen der Staatsgewalt und der Reichsbank nunmehr versuchen dürste und mühte, den natürlichen Genesungsprozeh zu unterstützen.
Angesichts des Gedankens, nur ganz Reues vermöchte Abhilfe von den vielen Hebeln der Zeit verschaffen, könnte bei manchen der Eindruck ent- tehen, als ob eine Verteidigung des Grundsatzes der Privatwirtschaft und der Aufrechterhaltung weltwirtschaftlicher Verbindungen, wie auch eine Verteidigung der Goldwährung Passivität sei, ist zu betonen, daß noch allen bisherigen Erfahrungen der Menschheit nur durch Einsetzung des privat- geschäftlichenErfolg strebens, aber auch der privatgeschäftlichen eigenenVer- antwortung jener höchste Ruherfvlg aus der Menschenarbeit herausgeholt werden kann, der herausgeholt werden muß, soll Deutschland einer neuen Blüte entgegengeführt werden. Möglich ist es und nützlich, den deutschen Menschen in tunlichst großem Umfange auf die Erzeugnisse des deutschen Bodens zu Der- weisen. Es gibt aber Grenzen, die von den Fanatikern autarkischen Planens über» ehen werden.
Die absolute Autarkie würde mit Rat und Tod sehr vieler Deutscher überbezahlt werden.
Die Landwirtschaft kann nur dann die Preise erzielen, die zu ihrer Erhaltung notwendig sind, wenn die Kaufkraft der Bevölkerung eine starke Ergänzung durch Beschäftigung im Dienste der Ausfuhr erfährt. Die vielen, die so bedingungslos heute für eine am Schreibtisch erdachte Planwirtschaft eintreten, machen sich kaum klar, daß auf dem Wege bis zur Erreichung der planwirtschaftlichen Ziele eine Elends st raße liegen muß, der Millionen von Deutschen zum Opfer fallen.
Auch die Währung ist kein Versuchsfeld, keine Stelle, an der, ohne die Erfahrungen der Ver- gangenheit zu benutzen, herumgebastelt werden darf. In allen Krisenzeiten sind Pläne aufgetaucht, durch Währungsexperimente den Druck der Krise künstlich aufzuheben. Nie ist durch ein Experimentieren mit der Währung dieser Krisendruck dauernd gemildert worden, wohl aber werden
Krisen durch Währungsexperimente ,u Katastrophen.
ungewöhnlich interessant sind und vor allem ein b^eichnendes Licht auf das Problem Belgien werfen, das nicht nur für uns. sondern auch für Frankreichs Aufmarschpläne eine besondere Rolle spielte. Ioffre äußerte sich sehr eingehend übet eine Reihe wichtiger Despre- chungen, die sich um die militärische Bedeutung Belgiens im Falle eines Krieges zwischen Deutschland und Frankreich drehten. Daß sich die französische Heeresleitung überhaupt auf alle Eventualitäten vorbereitete, nachdem sie von dem Intrigenspiel der französischen und russischen Politiker genügend Kenntnis erhalten hatte, kann ihr niemand übel nehmen. Marschall I o f s r e wäre ein schlechter Patriot gewesen, hätte er nicht immer wieder die Landkarte zur Hand genommen und besorgt auf das sogenannte. Luxemburger Loch" und das dem nordfranzosischen Gebiet vorgelagerte Belgien geschaut. Was uns aber interessiert und was erneut die Luge von der deutschen K r i e g s s ch u l d zum französischen Zweckmärchen stempelt, sind die Feststellungen Ioffrös über Kriegsratsitzungen unter Beteiligung der höchsten politischen Beamten im Staate. Selbst P o i n c a r e halle an diesen De-


