Ausgabe 
24.6.1932 Erstes Blatt
 
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Schwere Zusammenstöße im Wnflrierevier.

Mehrere Todesopfer und Schwerverletzte.

Die Nationalsozialisten hatten für Donnerstag­abend im LokalBeraschänke" in Dortmund- Dorstfeld eine Versammlung einberufen. Schon vor der Versammlung hatten sich größere Ko­lonnen von Kommunisten eingefunden, die den anrückenden Nationalsozialisten auflauerten. Kurz vor 20 Uhr zog ein geschlossener Zug von et­wa 80 Mann Nationalsozialisten zum Lokal. In der Hellwinaer Straße kam es dann zu einem schwe­ren Z u s a m m e n st o ß. Die nachdrängenden Kommunisten bewarfen die Nationalsozialisten mit Steinen. Es fielen etwa 30 Schüsse. Hierbei wurde der 26jährige Nationalsozialist Heinrich Habenich durch einen Kopfschuß und mehrere Brustschüsse auf der Stelle getötet. Fünf weitere Natio­nalsozialisten erlitten erhebliche Verletzun­gen. Nur mit Mühe gelang es den drei begleiten­den Polizeibeamten, mit »orqehaltenen Revolvern die nachdrängenden Kommunisten in Schach zu hal­ten.

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In Duisburg-Hamborn kam es, und zwar in dem Stadteil Marrloh, mehrfach zu Zusammenrottungen, die sich bis gegen 22 Uhr fort setzten. Als «ine Gruppe Nationalsozialisten in Uniform ihr Vereins heim am Hindenburgplah aufsuchte, wurden sie von politischen Geg - nernverfolgt. Es kam zu einem heftigen Zu­sammenstoß, in dessen Verlauf auch eine Anzahl Schüsse fielen. Gin Kommunist wurde getötet. Vach den bisherigen Feststellungen soll der Ge­tötete irrtümlich von einem eigenen Par­teigenossen erschossen worden sein. Die

Polizei muhte mehrmals Schreckschüsse abgeben. Bei einem anderen Zusammenstoß wurde ein Nationalsozialist durch vier Messer- stiche schwer verletzt, so daß er ins Kran­kenhaus gebracht werden mußte. In beiden Fäl­len sollen die Täter verhaftet worden sein. Die Zusammenrottungen wiederholten sich mehr­fach, so daß die Polizei sich immer wieder genö­tigt sah, von der Schußwaffe und dem Gummi­knüppel Gebrauch zu machen. Insgesamt wurden etwa 60 Personen festgenommen.

Oie Nationalsozialisten fordern Ausnahmezustand.

München. 24.3uni. (OB. Funkspruch.) Die Nationalsozialistische Korrespondenz beschäftigt sich in einem Artikel, der die AufschriftSturm­zeichen" trägt, mit den Vorgängen in Berlin und meint, ba es der Polizei 24 Stunden lang nicht gelungen fei, die Ruhe wieder- herzu st eilen, wäre es höchste Zeit zum Durchgreifen. 3m weiteren 3nhalt des Ar­tikels wird dann das Seibftfchuhrecht für Nationalfoziaiisten, ferner die rascheste Verhängung des A u s n a h m e ; u st a n d e s im ge­samten deutschen Staatsgebiet sowie rücksichtslos durchgeführtes Verbot der KPD. und ihrer Desorganisationen, endlich die Absetzung aller Parteibeamten bei der Polizei, insbe­sondere in Preußen, gefordert.

keine deutsche Regierung könne fick auf künftige politische Zahlungen einlassen. Sie haben aber an- gedeutet, daß Frankreich für die Ausfälle, die es durch Annullierung der Reparationen erleide, kom­merzielle Vorteile haben könne.

Oberforstmeister von Bomhard zu einem Monat Gefängnis verurteilt.

Neustadt a. d. H., 24. Iuni. (END. Funk- spruch.) Nach einer Mitteilung des bayrischen Staatsministeriums ist Oberforstmeister von Dom- Hard von der Metzer Strafkammer zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden. Strafaufschub wurde nicht gewährt. Domharö befindet sich im Metzer Gefängnis. Wie erinnerlich, war Bomhard wegen verbotener Rück- kehr nach Lothringen und anderer ähnlicher Delikte verhaftet worden. Die Reichsregierung setzt ihre Bemühungen, Herrn von Bomhard trotz seiner Verurteilung frei zu bekommen, fort.

Da» Springslutunalück an der mexikanischen Küste.

Nach weiteren Meldungen aus Mexiko hat Die Springflut im Badeort Euyutlan weit grö­ßeren Schaden angerichtet, als man bisher an­genommen hat. Die Flut brach 800 Meter in das Land ein und zerstörte den größten Teil der Stadt. Das Militär, das zur Hilfeleistung ein­gesetzt wurde, hat bis jetzt 65 Leichen ge­borgen. Riesenmengen verwesender Fische wurden an Land geworfen.

Wettervoraussage.

Obwohl die Druckoerteilung nur wenig Aenderung zeigt, lassen die Strömungsoerhältnisse der Luft einen Wechsel erkennen, und zwar fließt statt der seit­herigen nordöstlichen Luft jetzt maritime aus Westen kommend zu. Sie wird uns Bewölkung bringen und außerdem zu vereinzelten Niederschlägen führen. Da­bei macht die Erwärmung vorerst keine weiteren Fortschritte.

AussichtenfürSamstag: Wechselnd wol- kig mit kurzer Aufheiterung, Temperaturen wenig verändert, vereinzelt Riederschläge.

Lufttemperaturen am 23. Iuni: mittags 18,1 Grad Celsius, abends 14,5 Grad; am 24. Iuni: morgen^ 12,9 Grad. Maximum 20,2 Grad; Mini­mum 11,6 Grad. Niederschläge 0,9 Millimeter. Sonnenscheindauer 3 Stunden.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 24. Iuni 1932.

Jtn Schatten der Linde.

Wenn wir im Schatten alter Bäume Rast halten, dann ist gut ruhen, wenn das Blattwerk, von leisem Winde bewegt, raunt und rauscht. Der Wandel der Zeiten ist es, von dem die alten Bäume dem Nach­wuchs ringsum erzählen; und vieles ist dabei, von dem sie einst in ihrer Kindheit hörten.

Lassen wir uns von Merlin, der die Sprache der Tiere und Bäume verstand, zu einer alten Linde führen. Unter den weitausladenden dichten Aesten ist von der heißen Mitagssonne nichts mehr zu merken. Wie Traum liegt es in dem Wipfel, der Duft der Lindenblüte umwebt den ganzen Baum, und wie ein leises Schlummerlied tönt das feine Gesumme der Bienen, die fleißig den Honig aus den Blüten holen. Ein glitzernder, flimmernder Schleier liegt über der Landschaft und macht das Auge müde, eine Art leichter Betäubung macht sich geltend aus Wirklichkeit wird Traum und alte Zeiten werden wach...

Ein Kreis ernster Männer umschließt eine Gruppe anderer: der Richter, ein Angeklagter und der Kläger. Verrat an dem heiligen Gesetz der Sippe ist es, den man dem Beklagten zur Last legt, und das Todesurteil ist ihm gewiß. Hart schlagen die Schwerter an die Schilde, und «in Beifallsgemur­mel geht durch die Reihen der Krieger. Unter einer Linde wurden die Gerichtssitzungen abgehalten, und Femlinde heißt danach der Baum.

Schwatzend fitzen die Dorfältesten auf der Bank, die rings um di« Dorflinde geht, die ihren Platz auf dem Anger, der großen Spielwiese, hat. Und jubelnd und jauchzend singt im Tanz die Jugend, schwingt der Bursch sein Mädel. Des Lebens Freu­den, des Lebens Sorgen, sie wurden von den Dörflern zur alten Linde getragen.

Längst ist der Mittag vorüber, di« lastende Son­nenglut gewichen, und dankbar schaut das wache Auge zur Baumkrone der alten, lieben Linde. Die blütenübersäte Krone hält sie den Menschenkindern hin:Nehmt, in meinen Blättern und Blüten liegt Heilkraft. Siehst du das fieberkranke Kind, ein Tee meiner Blüten nimmt das Fieber". An kalten Winterabenden ist ein Glas Lindenblütentee mit Nurn ein gesundes, wirkendes Bluterwärmungs­

nritiet; doch schätzt ihn als tägliches Getränk so eigentlich nur der deutsche Landbewohner. In Frankreich ist es dagegen allgemein Sitte, daß selbst in den besten Hotels neben dem üblichen schwarzen Tee Lindenblütentee für den Gast zu haben ist.

Linden der Großstädter kennt kaum ihr Blatt­werk, weiß sie kaum von einem andern Baum zu unterscheiden... Lebendig lebt die Linde aber im Herzen aller durch unendlich viele Lieder, aus denen sehnsüchtig weich Heimweh klingt nach freiem Anger, nach Jugendlust und nach friedlichem Schat­ten am Tag. Wer aber in der Kleinstadt und auf dem Lande lebt und noch vertraut ist mit Baum und Strauch, der wird der Linde die Liebe und Achtung geben, die sie verdient. M. Gr.

Oer Holunder blüht!

Nun steht er in der ganzen Fülle seiner Pracht da, der Holunderstrauch. Es ist ein Bild von eigen­artiger Schönheit, wenn er um die Höhe des Jahres seine herrlichen, weißen Asterdolden in die Luft reckt, die duftspendend eine große Zahl kleiner und kleinster Kerbtiere anlocken. Wie schön hebt sich da das zartgefiederte dunkle Laub dazu ab. Zu jeder Zeit des Jahres, besonders aber in den Tagen feiner Hochzeit kann es der starke Holunderstrauch, auch Holder und fälschlich Fliederbusch genannt, mit den ausländischen Ziersträuchern und Blumen auf­nehmen. Leider wird aber bei uns allzusehr das Fremdländische bevorzugt, wenngleich gerade viele dieser Schmuckpflanzen eines besonderen Schutzes gegen die Winterkälte benötigen. Als Deckpflanzung geaen die Sicht von der Straße her ift er ganz besonders geeignet, und ich war hocherfreut, feine vorzügliche Dienstleistung bei Bekannten bewundern zu können.

Trotzdem wird der Holunderstrauch vielfach ver­kannt und als Untraut vernichtet. Und doch verdeckt er verfallene Mauern und vernachlässigte Gebäude­teile, schafft reizende Bilder an Wald- und Bach­rändern, belebt Feldraine und Schutthaufen und gibt größeren Hecken eine ganz besondere Note. Gerade deshalb sollte er an solchen Stellen noch mehr Verbreitung finden. Kein Platz gebührt ihm in Haus- und Gemüsegärten, da er infolge feiner unverwüstlichen Wachstumsfreudigkeit alle benach­barten Sträucher unterdrückt.

Wenngleich der Allerweltsstrauch so wenig gewür­digt wird, so kann er doch der Menschheit von Nutzen fein, da er Wildstrauch und Heilpflanze zu­gleich ist.

Kenner sammeln seine duftigen Blüten und be­reiten daraus einen Tee (ein Teelöffel auf zwei Tassen), der blutreinigend, beruhigend, schweißtrei­bend und gelinde abführend wirkt. Holunderblütentee ist auch ein vorzügliches Mittel gegen Erkältungs­krankheiten und wird mit Erfolg bei Husten, Heiser­keit und Luftröhrenkatarrh angewandt. Daß die Blüten nur bei trockenem Wetter gesammelt werden dürfen, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung. Beim Trocknen vermeide man die Einwirkung von direkten Sonnenstrahlen, weil dadurch ein Teil der flüchtigen, heilkräftigen Bestandteile verlorengeht.

Ein Umschlag von frischgepflückten Blättern lindert starke Kopfschmerzen. Unsere Altvorderen rieben all­jährlich ihre Obstholzmöbel mit dem Blättersaft des Holders ein zum Schutze gegen Holzwürmer. Me­tallgeschirre setzen bei gleicher Behandlung weder Rost noch Grünspan an.

Auch in der Poesie wird des Holunderstrauchs ge­dacht. Wenn jetzt in den warmen Sommerabenden die Dorfjugend hinaus zum Anger oder Hag zieht, so klingt oft in die stille Nacht das zum Volkslied gewordene:

Am Holderstrauch, am Holderstrauch, der blüht so schön im Mai, da fang ein kleines Vögelein ein Lied von Lieb und Treu.

Beim Holderstrauch, beim Holderstrauch, wir saßen Hand in Hand, wir waren in der Maienzeit die Glücklichsten im Land.

Beim Holderstrauch, beim Holderstrauch, da muß geschieden sein, komm bald zurück, komm- bald zurück, Herzallerliebster mein.

Beim Holderstrauch, beim Holderstrauch, da weint ein Mägdlein sehr, der Vogel schweigt, der Holderstrauch, der blüht schon lang nicht mehr.

Aosm in der Apotheke und Küche.

Die Rose, die Königin der Blumen, ist so recht eigentlich her Schuck des Juni, und wieder erfreuen wir uns dankbar dieses Wunders der Natur. Aber im Lauf der Jahrtausende der Rosenverehrung hat man sich nicht nur mit der ästhetischen Freude be­gnügt, sondern sie auch praktisch verwertet, und zwar mußte sie sowohl zu Heilzwecken als auch in der Küche sich mißbrauchen lassen. Die alten Romer, die einen Massenkult mit Rosen trieben, benutzten nicht nur eine Art Rosenöl, sondern kochten auch den ausgepreßten Saft der Blumenblätter zuStofen- Honigs ein, und die Damen verwandten die getrock­neten und pulverisierten Blätter als kosmetisches Mittel beim Waschen und Pudern. Seneca sagt von den Feinschmeckern seiner Zeit:Der Glanz ihrer Küchenkünste hing von der Zufuhr an Rosen ab." Rosen wurden bei den meisten Gerichten als Ge­würz verwendet, man Rosenpudding und trank Rosenwein; ja, Heliogabal, ein wahrer Tollhäusler des Rosengenusses, ließ ganze Fischteiche mit dem von ihm durch einen Zusatz von Pinienzapfen ver­besserten Rosenwein füllen und diesen, nachdem er darin gebadet hatte, an das Volk verschenken. Die Rosen wurden zu mystischen Zaubermitteln, mit denen man alle möglichen Gebrechen heilte, bald durch Eingeben ober durch Auflegen. Das echte Rosenöl ist erst in Persien entdeckt worden. Man stellte dort nämlich die mit Wasser durchtränkten Rosen in flachen Gefäßen recht kühl auf und dann sonderte sich auf der Oberfläche des Wassers das Del in kleinen Tröpfchen ab, die man bann herunter- schöpfte. Dieses Rosenöl erscheint neben dem Rosen­wasser in Persien seit bem 17. Jahrhunbert. Dem Rosenwasser schrieb man eine besonders reinigende, ja heiligende Kraft zu. Als der Kalif Omar Jerusa- lern eroberte, ließ er den ganzen Felsen, auf dem der Tempel Salomos gestanden hatte, erst mit Rosenwasser abwaschen, bevor er dort Allah eine Moschee errichtete. Das Christentum, das in der Rose das Symbol der Gottesmutter erblickte, schrieb ihr ebenfalls ganz besondere Kräfte zu, neben heil- samen auch verderbliche. So erzählte man, daß unreine Geschöpfe von dem Geruch der Rose getötet würden. Auch in der Astrologie spielte sie eine große Rolle, da ihr dieselben Kräfte wie dem Pla­neten Mars zugeschrieben wurden. In der astrolo­gischen Temperamentenlehre galt die Rose als kalt. Die Medizin, die auf diesen phantastischen An- schauungen beruhte, schrieb ihr eine ähnliche küh. lenbe und lindernde Eigenschaft zu, wie es schon die antike Heilwissenschaft getan hatte.Blumen, die

eine brennende Farbe haben, wie die Rose, sind Heilmittel gegen Entzündungen", schreibt Parazel- sus.Solche, welche die Farbe des vom Wein er­hitzten Gesichtes haben, wie die Rose, heben die Trunkenheit auf." Im 17. Jahrhundert werden nicht weniger als 33 zum großen Teil lebensgefährliche Krankheiten aufgezählt, gegen die die Heckenrose helfen sollte. Sie wurden damals in den Apotheken soviel verwendet, daß Rosenberg in seinerRhodo- logia" sagen konnte:Fast jedes dritte Heilmittel bcheht aus Rosen ober ist boch mit Rosen vermischt." ,'Man heilt soviele Krankheiten mit Rosen,meint Pomet in seiner berühmten .Histoire bes Drogues', "daß ohne sie bie Medizin nicht so weit wäre wie sie ist." Einige der kostbarsten Heilmittel der Zeit wurden aus Rosen bereitet, so basarcanum re- giunT, das Königin Elisabeth dem Kaiser Rudolf II schenkte oder dastrinkbare Gold des Rodericus a Fonseca. Wie in der Medizin herrschte die Rose in der Küche. Die Rosenpuddinge und Rosenkonfi- türen bes Altertums ließen die Küche der Re­naissance nicht schlafen, und hauptsächlich wurde bie Blume als Gewürz benutzt, so zu vielen Backwerken. Die Kochbücher bes 18. Jahrhunderts führen noch eine Unmenge von Rezepten mit Rosenblättern und Rosenwasser an."

Oaö Ende derSiadtnarren" in Sowjet-Rußland.

Die Sowjetregierung hat in ihrem Bestreben das russische Leben vollends neu zu gestalten und' jede Tradition, die im Volksaberglauben wurzelt, aus­zurotten, mit einer für die westeuropäischen Begriffe recht eigenartig anmutenber Sitte grünblich aufge­räumt. An berFront der Bekämpfung von Vor­urteilen" ist eineenergische Offensive gegen patri­archalische Sitten der Urväterzeit in der Provinz" angekündigt. Insbesondere ist der Kampf der betr. Behörden gegen eine Sitte oder, richtiger gesagt, Unsitte gerichtet, die nur durch die in sich wider­spruchsvolle Psyche des Russen, wie sie in den Werken eines Tolstoi und Dostojewsky der ganzen Welt nahegerückt ist, erklärlich ist, nämlich gegen die sog.Stadtnarren". Bis heute ist derStadt- narr" eine Art geheiligten Symbols fast jeder mittel- großen russischen Prooinzstabt. Es sind dies harm­lose Irrsinnige, bie statt im Jrrenhause gepflegt zu werden, ihre Freiheit genießen, weil ein alter Aber­glaube aus der Zeit bes Zaren Iwan des Schreck­lichen, der sich mit Vorliebe mit Starren und Irren, in denen er prophetische Gaben zu finden glaubte, umgab, lautet, baß der Irre der Stadt Glück bringt

und sie vor jedem Unheil schützt. Auch der letzte Zar, der einen vollendeten Typ des traditionellen Russen darstellte, teilte diesen Aberglauben der uner­hörte Aufstieg des schlauen Bauern Rasputin erklärt sich gleichfalls aus bem Glauben anSBunbertäter" unbheilige Starren" uhb ließ sich, ber sonst strengsten Bewachung zum Trotz, bei bem Besuch von Provinzstäbten von benirrsinnigen Stabt- Patronen" begrüßen. Diese Irren belustigen auch heute noch die Stadteinwohner durch groteske Auf­tritte und Streiche, von denen die Chronik einzelner Städte manche amüsante Episode zu berichten weiß.

Als Arthur N i k i s ch , ber in Rußland mit einer Begeisterung ohnegleichen empfangen worden ist, einmal in ber Stabt Charkow, bem Industriezen­trum der Ukraine, gastierte, wurde er auf dem Bahn- Hof von einem Mann in einer seltsamen Aufmachung begrüßt. Der Fremde trug ein Lohengrin-Kostüm und eine Bojaren-Mütze dazu. Der berühmte Meister verstand natürlich nichts von dem auch in russischer Sprache reichlich seltsamen Wort­schwall des Mannes, über den er sich bei seinem Impresario erkundigte.Das war Wassjka unser otabtnarr", ertlärte ber Impresario,er ist bem Opernwahnsinn verfallen. Er ging sooft in bie Oper unb begeisterte sich so stark an ber Welt bes Scheins, baß er irrsinnig würbe. Er hat sich mehrere alte Kostüme aus ber Operngarberobe erbettelt unb mischt fie bann nach Belieben! Er ist auch zugleich ber Schutzpatron unserer Stabt!"

In Kiew galt bis zuletzt als Stabtnarr ein Literat, ber nad)Dielen Mißerfolgen mit feinen Romanen ben Berftanb verloren hatte. Er pflegte täglich in berRebaftion ber fuhrenben Zeitung zu erscheinen, Stoße mit unleserlichen Buchstaben bebedten Pa- Piers 3u übergeben unb verabfchiebete sich mit ben stereotypen Worten:Mein Honorar hole ich mir morgen ab!" In lichten Augenblicken lieferte aber ber Irrsinnige außerorbentlich geistreiche Leitartikel bie bann auch gebracht würben.

In Poltawa war lahrelang er ist erst vor kurzem gestorben ein Irrer Stabtpatron bem man einen gewissen Witz nicht absprechcn kann Er inlenerte in zahlreichen Blättern bes Bezirks- »wegen Einsenbung von Rückporto verrate ich ein probates System, ohne Feber unb Tinte zu schrei- den Den Neugierigen, bie ben Witz noch nicht kannten unb an Petja Kosoy so nannte man ben 3 rr finnig en schrieben, gab er schriftlich folgenben Slot:Schreibe mit bem Bleistift!" Für ben Erlös der Briefmarken, die Petja in größeren Werten als für das Rückporto eigentlich nötig war, wohl- weislich verlangte, kaufte er sich ... Spazierstöcke, um dann mit einem Wald von Spazierstöcken und

Zwei Stunden Backkunst.

Daß Vorträge kuchenwirtschastlicher Art trotz ber bisherigen Belehrungsveranstaltungen auf diesem Gebiete immer noch das starke Interesse unserer Hausfrauen finden, ließ der Vortrags­abend über Torten- und Kuchenbäckerei, der auf Veranlassung der Hlektro-Gerneinschast Gießen gestern im Saale des Cafä Leib stattfand, erken­nen. Der Saal war von Hausfrauen aus allen Schichten der Bürgerschaft vollbesetzt, die mit großer Aufmerksamkeit den Darlegungen der Vor­tragenden und den Hantierungen bei der Zube­reitung von Torten und Kuchen folgten.

Zu Beginn des Abends betonte Herr Inge­nieur M a x e i n, in einer kurzen Ansprache, daß die Ansicht, das Kochen und Backen mit Elektrizität sei zu teuer, längst über­holt sei. Seit der Einführung verbilligter Stromtarife sei die Wirtschaftlichkeit des elektri­schen Kochens und Backens durchaus gewähr­leistet, besonders auch in finanzieller Hinsicht durch die überaus bescheidenen Geldaufwendungen für den Strom. Bei dem Kochen mit Elektrizität erfahre das Kochgut aber auch eine Erhöhung feines Wertes, ferner sei die Mühewaltung der Hausfrauen bei der Verwendung von Elektri­zität in der Küche wesentlich geringer, als bei den anderen Kochverfahren. Das Kochen mit Elektrizität habe jedenfalls bisher^ie besten Erfahrungen für die Hausfrauen gezeitigt.

Hierauf machte Frl. K r e i n e r - Frankfurt a. M. von der Firma Dr. Oetker in fesselndem Vortrage mit allen Einzelheiten der Sorten* und Kuchenbäckerei unter Verwendung von Dr. Oetkers Backpulver bekannt. Angefangen von den ersten Erfordernissen dieser Bäckerei bei der Zu­sammenstellung des Backmaterials, über dessen Mischung und Behandlung als Teig bis zur Zu- fammenfügung der einzelnen Teile zur Torte bzw. zum Kuchen gab die Vortragende ihren aufmerk­samen Hörerinnen wertvolle Fingerzeige für die Praxis. AlL besonders beachtenswert war dabei die Ermahnung der Rednerin anzusehen, bei der Torten- und Kuchenbäckerei unter Verwendung von Dr. Oetkers Backpulver sich hinsichtlich der Bemessung der einzelnen Zutaten genauestens an die Vorschriften der Oetker-Rezepte zu halten, da diese sorgfältig geprüft und in ihrer prakti­schen Brauchbarkeit erprobt seien, eine Abwei­chung von den empfohlenen Mischungen aber die Herstellung eines guten Gebäcks vereitele. Die Red- nerin zeigte bann bei ber Durchführung praktischer Backproben, wie man in netter Zusammenstellung unb in geschmackvoller Weise Torten unb Kuchen im elektrisch geheizten Badaßparat anfertigt, fie er­läuterte habet bie Hanbbabung unb bie Vorteile bes elektrischen Koch- unb Backapparats ber verschiebe- nen Systeme unb betonte bcsonbers bie Wirtschaft­lichkeit biefer Apparate, bie z. B. beim Torten- unb Kuckenbacken barin bestehe, baß man zum Backen einer Torte gut eine Stunbe Backzeit benötige, aber nur Dreioiertelstunbe ben Apparat mit Strom hei­zen müsse, während in ber restl. Backzeit ber Strom abgeschaltet fein könne unb baburch bie außerorbent» ließe Billigkeit bes Badens mit Elektrizität erzielt werbe.

Neben ben interessanten praktischen Vorführun­gen wurden im Verlaufe des Abends noch einige Filme gezeigt, deren erster in aufschlußreicher Weise ben Weg bes Kaffees von ber Probuktion in Süb» amerifa bis zum Verbraucher in Europa schilberte unb bie verschiebenen Behanblungen unb Zwischen­stationen des Probukts im Bilbe veranschaulichte. Der Film stammte von ber Firma Kaffee Hag, bie im Rahmen biefer Bilbberichterstattung auch einen Einblick in ihre Betriebe ermöglichte. Zwei weitere Filme von ber Firma Dr. Oetker beban- belten bie Torten- unb Kuchenbäckerei unter Ver­wendung von Oetkers Backpulver.

Den Abschluß des interessanten und lehrreichen Abends bildete eine Verlosung, bei der Packungen von Kaffee Hag, ferner Torten, Puddings usw. von einer Anzahl Besucher durch die Gunst des Loses gewonnen wurden. Die Firma Grüne­wald von hier hatte ein Quantum Kaffee Hag zur Verfügung gestellt, an dem sich die Besucher am Schlüsse des Abends noch stärken konnten. Sämtliche Darbietungen wurden verdientermaßen mit lebhaftem Beifall ausgenommen.

Heute abend findet im Caf6 Leib eine

einem Blumenkranz auf dem Kopf, in den Straßen der Stabt, wo ihn Passanten ehrerbietig grüßten, spazieren zu gehen. In Orel pflegte Der Stabt­narr bei feierlichen Gelegenheiten Denkmalsein­weihungen, Paraben usw. in phantastischer Uni­form hinter bem Gouverneur herzustolzieren unb durch feine unerwarteten Extempore bie Anwesenben zu belustigen.

Man fragt sich, wovon lebten biese Leute, bie frei herumliefen, statt unter Aufsicht gestellt zu werben? Reiche Gaben von Kaufleuten unb Honoratioren ber Stabt flössen ben Irren zu, bie sich über Mangel an Nahrung unb Verpflegung wahrhaftig nicht beklagen bürsten; benn Wohltätigkeit im größten Maßstabe gehörte seit jeher zu ben Tugenben bes rätselhaften russischen Charakters. Die Sowjetregierung hat nun befohlen, alle Stabtirren, insofern es solche noch gibt, unverzüglich in Irrenhäusern einzusperren.

Oas umgestoßene Tintenfaß.

Ein umgestoßenes Tintenfaß führte zum Zu­sammenbruch der Ingenieurfirma Cobbett & Co. in London. Diese erhielt den Zuschlag zum Dau der Brücke über die Kaura in Rußland, wobei von der russischen Regierung sowohl für den Be­ginn wie für das Ende der Arbeiten bestimmte Termine vorgeschrieben waren. Cobbett & Co. brauchten allein sechs Monate, um die erforder­lichen Vorbereitungen zu treffen. Gewaltige Men­gen Material mußten beschaft und an Ort und Stelle gebracht, Maschinen gebaut und Arbeiter gedungen werden usw. Als endlich alles soweit fertig war, gingen die beiden Inhaber noch ein­mal alles gemeinsam durch. Man hatte die wich­tigsten Zeichnungen und Pläne auf einem großen Tisch ausgebreitet; plötzlich stieß Iacob Cobbett eine große Tintenflasche um, der schwarze Strom ergoß sich über den Tisch und gerade über die wichtigsten Zeichnungen, die völlig unbrauchbar wurden. Zu einer Neuanfertigung blieb keine Zeit mehr, auch war es unmöglich, den Dau ohne die Zeichnungen zu beginnen. Ein von der russischen Regierung erbotener Aufschub wurde nicht ge­währt; diese zog vielmehr den ^Bauauftrag zu­rück und vergab die Arbeiten an eine amerika­nische Firma, die von dem Mißgeschick der Eng­länder gehört hatte, ihre schon vorbereiteten Pläne unverzüglich vorlegte und sich obendrein verpflich­tete, den Dau zu derselben Zeit zu beenden. Di- Firma Cobbett & Co. konnte ihren für den Da« eingegangenen Verpflichtungen nicht nachkommen und mußte ihre Zahlungen einstellen