Ausgabe 
24.6.1932 Erstes Blatt
 
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Hr. 146 Erster Via«

182. Jahrgang

Freitag, 2^. Juni s<).32

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Dmrf »nd Ptrlag: vrW'schr UniBerfr^Bnd). und Stemöraderti B. rangt In Sletztn. S^riftlelhing und 6ef* *äfts*t8e: SdjefWrate 7.

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LhesredaKteur

Dr. Fnedr Milh. Gange. Berantwvrllich für Politik Dr Fr. Wilh. Gange, für Feuilleton Dr H.Tdyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den

Landnöten.

Wenn eS in einem entlegenen Orte Spaniens zu politischen Zusammenstößen kommt und ein paar blutige Köpfe gibt, berichtet die Weltpresse von diesem Ereignis und beschwört den Schatten des Bolschewismus herauf. Wenn an der serbisch- bulgarischen Grenze ein Dandensührer oder Ko- mitadschi erschossen wird, so beschäftigt diese Bluttat den Völkerbund. Das) aber kein Tag in Deutschland vergeht, an dein nicht zugleich an mehreren Stellen des Reiches politische Gegner mit Dolch, Schlagring und Pistole übereinander hersallen, an dem nicht die Zeitungen der radi­kalen Gruppen sich allmorgendlich ihre Toten und Schwerverletzten vorzäylen, darüber scheint sich die Welt bereits getröstet zu haben. Es besteht die Gefahr, das) sich auch das deutsche Volk über den Zustand des latenten Bürgerkriegs himvegseht, weil er zur täglichen Hebung geworden ist, und sich mit Verhältnissen absindet, die man srüher in Deutschlandbalkanisch" nannte, und die der Balkan heute zweifellos versucht ist,deutsch" zu nennen. FörmlicheVerlustlisten "werden von den gegnerischen Gruppen veröffentlicht. Mit Entsetzen vernimmt man, daß auf nationalsozialistischer Seite bereits mehr als 300 Opfer des politischen Kleinkriegs gefallen sind. Rach tausenden geht die Zahl der Schwerverletzten, die für ihr ganzes Le­ben allerschwersten Schaden davongetragen haben. Wohl gemerkt, diese Blutliste erstreckt sich ledig­lich auf den Zeitraum der letzten Jahre, und es steht nach den Vorkommnissen der vergangenen Wochen und Tage zu befürchten, daß der ankla­gende Zug der Opfer eher zu- als abnimmt.

Der anklagende Zug der Opfer! Denn die vielen hundert Toten und die vielen tausend Schwerver­letzten, die alltäglich mit ihrem Blute das graue Pilaster färben, sind trotz ihrer Parteieinstellung in erster Linie Deutsche. Sie sind Söhne deut­scher Väter und deutscher Mütter, sie sind Opsei der gleichen großen deutschen Rot, sie sind Er­schlagene auf dem sinnlosen Schlachtfeld des deut­schen Bruderkriegs. Hnd jeder Zunge, der mit durchschossener Stirne am frühen Morgen seinen Eltern ins Haus gebracht wird, und jeder Fami­lienvater, den der Messerstich eines fanatischen Gegners seiner Frau und seinen Kindern raubt, klagt aus gebrochenen Augen die Schuldigen der Druderkämpfe an.

Der Schuldigen sind viele! Da ist zuerst einmal d i e außenpolitische Unfreiheit und Hnterbrüdung. Sinnlose Tribute haben den deutschen Volkslörper ausgesoqen. Alle politischen Gegensätze wurden durch den Druck von außen ver­schärft und vertieft. Jahrelang wurden die wesent­lichsten Hoheitsrechte des Staates von den über­mütigen Siegern mit Füßen getreten. Während in allen Staaten ringsum der fübne Tatendrang der äugend in die geregelte Dahn der allgemeinen Wehrpflicht gelenkt wird, sind auf deutschem Bo­den private Armeen entstanden, die nur allzu leicht geneigt sind, den Feind im eigenen Volksgenossen zu erblicken. Während die Opser mörderischer Der- träge wahllos sinken, feilscht ein Kreis von Staats­männern. denen der Mut zur Wahrheit und zur wirklichen Liquidierung des Krieges fehlt, um neue Tribute die in raffiniertester Weise aus Deutschland herausgepreßt werden sollen, wenn es dem deutschen Volke dank seiner eigenen Tüch­tigkeit und Arbeitskraft erst einmal wieder besser geht. Wie wäre es. Herr Reichskanzler v. Papen, wenn Sie jenen Oe gen in Lausanne, die immer noch nicht begriffen haben, was die Stunde er­fordert, die Liste des durch das Verbrechen der ungerechten Verträge aufgezwungenen Bürger- krie-is unterbreiten würden?

Aber die Schuld trifft nicht minder alle die­jenigen, die aus ihren sicheren Schreibstuben her­aus die Massen gegeneinander hetzen. Besonders die kommunistische Presse hat in der letzten Zeit Ungeheuerliches an Verhetzung geleistet. So schreibt z. B. im letzten Heft desKampsbundes gegen den Faschismus" einroter Sportler": ,3c- der Straßenzug muß zu einer Barrikade gegen den Faschismus gemacht werden, jede Straße muß über eine Staffel verfügen, die, wenn einst der Tag kommt, mit der Knarre in der Hand für jeden ermordeten Arbeiter zehn Razis an die Wand stellt." 11 nb eine andere kommunistische Zeitung stellt sachlich festKommen Heberfälle in einem Orte vor, so muß stets die örtliche Abrechnung dafür erfolgen, pnb zwar mit denselben Waffen, nur müssen diese als Vergeltung rücksichtsloser an­gewandt werden." Das Ergebnis liegt vor. Allein in den letzten drei Tagen sind sechs Opfer dieser Hetze ins Grab gesunken.

Herr v. V ay l hat sich auf der Konferenz der Innen in ini st er n.cht hundertprozentig durchge etzt. Er hat b.e Ratschläge guter Freunde, die von ihm verlangten, daß er mit der Faust auf den Tisch schlagen sollte, absichtlich überhört, und dafür in der wohltemperierten Tonart ge­sprochen. die er selbst aus eigener Erfahrung als langjähriges Mitglied des Reichsrats kennt. Praktisch ist er damit auch sehr viel weiter ?, c t o ni m e n. we l dadurch wenigstens die psycho- ' ogischen Voraussetzungen für die Möglichkeit einer Verständigung geschaffen wurden Hnd wenn er auch in der Form verbindlich war. dann ist er in der Sache deswegen doch nicht weniger entschieden gewesen. Er hat keinen Zweifel dar­über gelassen, daß die Reichsregierung ihre Autorität unter allen Hmftänbcn gegen par­teipolitisch angesetzte Offensiven der Länder zu sichern wissen werde.

Das ist bei den meisten Regierungen nicht ebne Eindruck geblieben. Es ist immerhin be­merkenswert. daß die preußische Regierung sich von jeder Fronde vorsichtig zurückhält; aus

Die erste Besprechung zwischen Papen und Herrioi.

Lau sänne. 24. 3uni. (GJIB. Junksproch) Die für heute geplanten Besprechungen zwischen der deutschen und der französischen Delegation be­gannen, wie vorgesehen, um 10 Uhr, wo sich der Reichskanzler von Papen zum französischen 2Hi- nislerpräsidenten begab. Rach etwa einer halben Stunde wurden zu der Besprechung der beiden Re­gierungschefs mehrere Herren der deutschen und der französischen Delegation hinzugezogen, darunter von deutscher Seite u. a. Beichsaußenminisler v. 71 cu­rat f), Reichsfinanzminister Graf Schwerin v. Krosigk, Reichswirtschaftsminister Warm- b o l ö und Staatssekretär v. Bülow.

Die Sitzung der deutschen und der sranzösischen Delegation hat bis kurz vor 13 Ahr angedauert. Bei ihrem Abschluß wurde folgende» Eommuniqs ausgegeben:

Die deutsche und die französische Delegation haben heute morgen eine erste Arbeitssitzung abge­holten. Graf Schwerin von Krosigk hat eine eingehende Darlegung der finanziellen und wirtschaftlichen Lage Deutschlands gegeben." (Eine Zweite Sitzung wird heute nachmittag stattfinden.

Tauziehen.

Gedrückte Stimmung am Genfer Lee.

Lausanne, 23. Juni.

Da sitzt man nun im schönen Süden, aber ein düsterer Himmel und spätherbstliche Kühle ver­derben einem die Freude. Mit dunklen Wolken bleibt auch der Himmel der Konferenz bedeckt. Die Situation dieses politischen Kampfes wird immer mehr einem Tauziehen ähnlich, bei dem die Geg­ner sich mit den Absätzen in die Erde gebohrt haben und bei dem kein sichtbarer Ruck nach der einen oder anderen Seite sichtbar wird. Eine miß­mutige Stimmung und das Gefühl einer gewissen Hoffnungslosigkeit drückt auf alle Gemüter. Mit dem bösesten Gesicht läuft Herriot herum. Als er am Donnerstagmittag dasDeaurivage" nach seinen fortgesetzten Hnterhaltungen mit Macdo- nald verließ, war er ersichtlich in schiech- test er Laune, und knurrend gab er die Aus­kunft, daß sich an der Lage noch nichts Wesent­liches geändert habe.

Man mußte den Franzosen am Abend vorher gesehen haben, wie er schweigend und vor sich hin- brütend in der Bierstube desHotels des Pal- miers" saß. Herr Herriot möchte den Konferenzen das Bild eines Staatsmannes erhalten, der sich abends in einer bescheidenen Bierkneipe aus- spannt. Er hat sich das Lokal ausgesucht, in dem die deutschen Studenten ihre Stammtische haben. Aber so witzig und unterhaltsam der französische Staatsmann sonst abends sein kann, so schweig­sam und grübelnd erschien er am gestrigen Abend. Er ist sich natürlich klar darüber, daß der Miß­erfolg in Genf und Lausanne restlos auf fein Konto geschrieben würde, wenn er sich nicht aus seinem Dau herauswagt. Aber nachdem die mehr­fachen und stundenlangen Unterhaltungen, in de­nen Macdonald all seine Beredsamkeit aufgeboten haben mag, bisher die Dinge nicht sichtbar weiter getrieben haben, wagt kein Mensch mehr auf eine erlösende Initiative des Franzosen zu hoffen. Hnd nur sie könnte noch aus der Sackgasse herausfüh­ren. Es hat wenig Sinn, die vielfachen Einzel­verhandlungen der Ressortminister und die Be­sprechungen der Sachverständigen im einzelnen zu erwähnen. Die Bemühungen der Detailfanatiker sind solange sinnlos, wie ihnen nicht von den lei­tenden Staatsmännern bindende Richtlinien ge­wiesen werden. Dis dahin gilt das Wort, das von dem englischen Außenminister Simon kol­

portiert wird:Die Sachverständigen wissen täg­lich mehr und mehr, oder immer weniger und weniger."

Ein gewisses Sonderinteresse kann der Besuch der belgischen Delegation bei den deut­schen Vertretern beanspruchen Man hat sich im größeren Kreis über Projekte unterhalten, die eine Ankurbelung der deutschen Wirtschaft durch eine kompliziert angelegte Anleihe ins Auge fassen. Die Pläne haben wenig Aussicht auf Verwirk­lichung. Aber es erschien offenkundig, daß die Bel­gier den Deutschen gegenüber nicht mehr als bedingungslose Vasallen Frankreichs auftreten wollen.Man sucht eine Brücke"! An diese» Wort des deutschen Reichskanzlers klammern sich die Optimisten. Sie setzen ihre Hoffnung viel­leicht auch noch auf einen englischen Plan, in dem zwar eine deutsche Schlußzahlung nicht ganz ausgeschlossen wird, der aber andererseits auch nichts von einer festen Verpflichtung Deutschlands für die Zukunft wissen will, die man nach der wirt­schaftlichen Seite gar nicht im voraus beurteilen kann. Die Franzosen halten aber nach wie vor daran fest, daß Deutschland nach einer Zahlung»- pause, in der die Sachlieferungen nach dem Poung- plan fortgeführt werden sollen, und über deren Ende ein besonderer Ausschuß zu entscheiden hätte, eine Abschlußzahlung von etwa sechs Mil- liarben in bestimmten Annuitäten auf sich nehmen müsse. Man braucht es nicht besonders zu betonen, daß an dieser Forderung die Konferenz scheitern müßte. Es wird davon gesprochen, daß Herr fjer- riot sich in Paris neue Handlungsfreiheit holen möchte. Aber kann man noch hoffen, daß Herriot aus der mehr als aufgeregten Stimmung feiner Hauptstadt den Willen zum großen Verzicht mit- bringen wird? Man sucht jedenfalls schon nach einer Entschließungsformel, mit der man den Miß­erfolg der Konferenz bei einem baldigen Abschluß bemänteln konnte. Die Franzosen möchten in eine solche Entschließung gern den Plan eines neuen Ausschusses zur Feststellung der deut­schen Zahlungsfähigkeit hineinarbeiten. Sie sollen

Derlin, 23. Iuni. (ERD.) Im Sportpalast sand eine außerordentlich stark besuchte Kundge­bung des Gaues Groß-Berlin der RSDAP. statt, bei der zum erstenmal wieder die SA.- und die SS.-Formationen in Uniformen und mit ihren Fahnen und Standarten aufmarschierten. Dr. Goebbels erklärte, das Kabinett Papen sei nicht von den Rationalsoziali­sten berufen worden. Alles, was dieses Ka­binett tue, geschehe auf seine eigene Verantwor­tung. Die Rationalsozialisten nähmen sich als Opposition das Recht, die Politik dieses Kabinetts nach sachlichen deutschen Gesichtspunkten zu werten. Man dürfe von den Rationalsozialisten doch wirk­lich nicht glauben, daß sie je ein Kabinett blanko tolerierten. Oder halte man sie für solche Schwäch­linge, daß sie nicht in der Lage seien, ein Sa- binett mit ihren eigenen Leuten zu besehen. Rationalsozialistische Politik könne einzig und allein vonRationalsozialisten be­trieb e n'werden und nicht von Männern, die mit dem Rationalsozialismus sympathisieren oder ihm nahestehen. Sie müßten schon in der Wolle gefärbt sein.

Mit besonderer Schärfe wandte sich der Redner dann gegen die Vorgänge in Süddeutschland Ein nationalsozialistisches Kabmett hätte nicht 14 Tage gebraucht, um diese süddeutsche marxistisch- separatistische Kanaille zu zerbrechen. Man hätte

sich keinen Illusionen hingeben. Auch bas kommt für uns absolut nicht in Frage.

Um überhaupt etwas zustanbe.zubringen, bemüht sich ÜRacbonalfc geradezu fieberhaft, unab­hängig von der Regelung des Iribulproblems we­nigstens gemeinsame Richtlinien für den euro­päischen Wiederaufbau und die han­delspolitische Zusammenarbeit der Staaten zu schaffen. Er dürste sich selbst Darüber klar sein, daß man einen Hausbau nicht am Dachsirst beginnen kann.

London ist hoffnungsvoll.

Hcrriot mutz ctwas biclcn.

London, 24. Juni. (WTB. Funkspruch.) Die Nachricht von der Zusammenkunft zwischen dem deutschen Reichskanzler und dem französischen Mi­nisterpräsidenten Herriot wird von der Presse als ein günstiges Zeichen betrachtet. News Ebro- nicke sagt, der Beschluß würde nicht gefaßt worden sein, wenn Herriot nach wie vor nichts anderes anzubieten hätte als einen Plan für die sck/tiehliche Wiederaufnahme der deutschen Reparationszah­lungen nach einer der wirtjck^iftlichen Erholung gewidmeten Zwischenpause. Herriot dürfte beein­flußt morden fein, von dem Nachdruck, mit dem die britische Auffasiung vertreten wurde. Times meldet, es gibt keine Meinungsverschiedenheit zwi­schen Herriot und Macdonald darüber, daß Deutsch­land jetzt oder während der Periode der wirtschaft- liehen Erholung keine Zahlungen leisten kann. Die Franzosen geben auch offenbar zu, daß eine endgültige Regelung, eine Beendigung der Un­gewißheit und die Sicherheit gegen eine 'Störung der gewöhnlichen kommerziellen Beziehungen durch etwaige künftige Zahlungen wünschenswert ist. Unter einer endgültige Regelung verstehen die Eng­länder, die Italiener und felbftverftänbha) die Deut­schen eine Annullierung, während die Fran­zofen noch an eineabschließende" Zah­lung ober an irgendwelche Vorkehrungen für eite solche Zahlung denken. Die Deutschen erklärten.

fünf Minuten Bedenkzeit gegeben und dann nur entweder ein glattes 3a oder ein glattes Rein entgegengenommen. Sonst hätte man einfach zu in Ausnahmezustand gegriffen. Diesem Pack müsse die Faust unter die Rase gesetzt werden. Wir lassen es uns heute nicht mehr gefallen, daß eine rote Minderheit bas nationale Deutschland von der Straße vertreibt. Wenn man keine Ge­währ für die Sicherheit der Straße bieten kann, bann geben wir das Kommando: Straße frei!

In den vergangenen Wochen habe das Kabinett im Volk schon viel Vertrauen und -war durch eigene Schuld verloren. Daß jetzt in den Straßen Berlins Barrikaden gebaut würden, sei die Schuld der Zauderpolitik der Reichsregierung. Eine nationale Regierung von der Prägung der RSDAP. hätte nicht die Drüningschen Rotver­ordnungen unverändert ausgenommen, sondern sie sozial gestaltet und nicht gefordert, daß die Aerm- sten noch mehr von ihrem kargen Unterhalt abge­ben müssen. Sie hätte die Opfer gerecht verteilt und am stärksten belastet die Danken uiü) Börsen, sie hätte am stärksten die übermäßigen Gewinne besteuert und die roten Bonzen davongejagt. Da- Volk würde selbst freiwillig noch opfern, wenn es das gute Ziel dieses Opfer- vor sich sehe, und wenn eine Regierung ihr mit gutem Beispiel vor­angehe.

DerAaiionaWalisimlS und das Kabinettpapen. ör. Goebbels spricht im Berliner Sportpalast.

dem sehr durchsichtigen Grunde wahrscheinlich, um ihre ohnehin schon schwache Position als geichäftsführendes Kabinett nicht noch weiter zu untergraben und dem Reich von dieser Seite her keine Gelegenheit zur Einsetzung eines Rcichs- kommissars zu geben. Für die Wirkung aber sind die Gründe belanglos. Iedenfalls waren Bayern und Baden bei ihren Protesten gegen die Eigenmächtigkeit der Reichsregierung allein, sie fanden nirgends Hnterstützung Alle anderen Länder werden dem Kabinett Papen in dieser Frage keine Schwierigkeiten machen, weder soweit die Aushebung des Hniformverbots, noch soweit die Lockerung des Demonstrations- Verbots in Frage kommt. Preußen hat bereits sogar für Anfang Iuli entsprechende Maßregeln ange'ünbigt.

Die Frage liegt nun also so, ob Bayern und Baden zum Rückzug blasen oder das Reich zu einer neuen Rotverordnung zwingen wollen. Dar­über erwartet Herr von Gayl bis zum Samstag Bescheid. Aber Bayern hat sich wohl schon so fest gefahren, daß es einen Rückweg nicht mehr findet. Herr Held würde sich vermutlich in München unmöglich machen, wenn er nachgäbe. Er legt deshalb seine Taktik offenbar darauf an, daß er sich vom Reich vergewaltigen lassen will, er provoziert a[fo_ die neue Rot­verordnung. um sich ihr dann fügen zu müssen. Er hätte das Hilfsmittel, den Staatsgerichtshof mobil zu machen, aber damit ist keine aufschie­bende Wirkung bedingt, Bayern müßte sich trotz­dem sofort den Berliner Anweisungen fügen und könnte höchstens noch die Verantwortlichkeit ab­wälzen. Eine nicht gerade erhebende Taktik. Aber das Entscheidende bleibt doch, daß hier zum

erstenmal die Reichsregierung aus ihremWil- len bestand und, was sich nicht biegen wollte, gebrochen hat.

Die Deutsche Lufthansa hielt ihre Ge­neralversammlung ab, um den Geschäftsbericht für 1931 zu genehmigen. Die Lufthansa verfügt zur Zeit über 141 Flugzeuge von neuzeitlichem Typ. Davon sind 43 Fahrzeuge Großflugzeuge mit mehr als einem Motor. Reu in den Dienst gestellt wurden 19 Fluglage und 75 Motore. Das neueste Großflugzeug der Lufthansa, die Junkers O. 38 ist vor einigen Tagen abgenom­men worden und wird heute in Berlin eintreffen. 3m Dau befinden sich mehrere fünf- bis sechs­sitzige Flugzeug« mit einer Fluggeschwindigkeit von 270 Kilometern pro Stunde und mehrere Flugzeuge mit 15 Eitzen und einer Geschwindig­keit von 230 Stundenkilometern.

Am 15. August wird der Zeppelindienst nach Südamerika wieder ausgenommen,und zwar stehen bisher fünf Fahrten in Abständen von 14 Tagen fest. In diesem Iahre sollen die ersten durchgehenden Versuchst lüge mit Flug­booten nach Südamerika unternommen werden. Der Start erfolgt von der west afrikani­schen Küste aus, bei Bathurst, dem äußer­sten Punkt Westafrikas. Auf halber Strecke wird im Atlantischen C»can ein-6000-Tonnen- Dampfer stationiert. Der Dampfer er­hält eine Funkpcilstation, eine Katapultanlage und eine besondere Landevorrichtung. Die Flugzeuge sollen hier niedergehen und sich mit neuem Be­triebsstoff versorgen. Hm den Start der schweren Maschinen in Bathurst zu erleichtern, wird auch dort eine Katapultanlage errichtet

Rach Osten wird man noch im Lause dieses Iahres in fünf Tagen von Berlin nach Schanghai fliegen können Die fünftägige Flugzeit soll später auf drei Tage gekürzt wer­den. Per Achse braucht man für die Strecke 17 Reisetage Die Deutsche Lufthansa wird die Strecke von Peking bzw Schanghai über Zentral­china nach Lunchow bis Hrumschi sortsetzen. Da­durch ist die Flugverbindung von Berlin nach Schanghai hergestellt. Bisher konnten Flugreisen nach Ostalien nur mit dem russischen Dienst bis Semipalatinsk ausgeführt werden. Die Reise mußte von dort bis Lunchow mit der Dahn erfolgen.

Troy der Wirtschaftskrisis hat der Luftverkehr im Iahre 1931 weiter zugenommen Der Per- sonenfluaverkehr ist um 7 9 Prozent gestiegen. Im Iahre 1930 wurden 53 498, im Iahre 1931 82 989 Flugpassagiere befördert An Rund- und Sonderflügen haben sich 20 908 Personen be­teiligt Die Zahl der durchflogenen Kilometer ist dagegen von 9 446 958 auf 8 984 251 Kilometer zurückgegangen. Auch der Poftflugverkehr hat sich verringert, dagegen ist der Gepäck- und Fracht­verkehr gestiegen.

In Verhandlungen der Postverwaltungen Eu­ropas wird der Ausbau eines allgemeinen euro- väifchcn LuftfahrtsnetzcS erstrebt. Da Deutsch­land infolge seiner zentralen Lage hierbei eine besonders wichtige Rolle zufällt, wird dem Aus­bau der Rachtstrecken großes Interesse zuge­wendet. Am 1. Iuli wird die Rachtstrecka KölnFrankfurtMünchen in Betrieb genommen, die Rachtstrecke BerlinHalleLeipzig wird über Rürnberg nach München fortgeführt.