HandelskaimnersordekUMU an die Reichsbahn.
Oie hessischen Industrie' und Handelskammern zu Verkehrssragen.
In ihrer letzten Vertreterbesprechung beschäftigten sich die hessischen Industrie- und Han- del,kümmern u. a. auch mit den Monopol» bestrebunaen der deutschen Reichsbahn. Im Einblick auf die schwerwiegenden Bedenken, die der Durchführung eines Monopols für das gesamte Wirtschaftsleben entgegenstehen, sprach sich die Dersamlung
einmütig gegen die TNonopolbcsirebungen der Reichsbahn
au,. — Zur Frage der G e st a l t u n g der Per - s o n e n t a r i s e der Reichsbahn fahle die Versammlung folgende Entschließung:
„Bereits im Dezember 1931 hat der Hessische Industrie- und Handeiskammertag in Gemcinfcyaft mit dem Hessischen Berkehrsoerband in einer Denkschrift eine angemesiene Herabsetzung der Personentarifsätze entsprechend der Senfunfl de, Preisspiegels und daneben weitere Maßnahmen zum Zwecke einer Belebung des Personen- Verkehrs angeregt. Von diesen Vorschlägen ist bis jetzt lediglich dem Vorschlag auf eine Senkung der überhöhten Schnell- und Eilzugvzuschläge entspro- chen^worden. Dagegen hat die Reichsbahn leider die Senkung der Personentariflätze abgelehnt und lediglich eine Ausdehnung der Gültigkeitsdauer der Sonntagsrückfahrkarten für die Festzeiten, sowie für die Zeit vom 1. Juni bis 15. Oktober 1932 die Sommerurlaubskarte eingeführt. Leider sind die
Bedingungen, zu denen die Sommerurlaubskarten ausgegeben werden, derart einschränkend, daß
die dringend wünschenswerte Belebung des Somerreiseoerkehr» nicht annähernd In dem Maße eintretrn kann, wie die» bei einer zweckmäßigeren Regelung möglich gewesen wäre.
Dach Ansicht der heflischen Industrie- und Handelskammern entsprechen diese aus Zeit gewährten Teilermüßigungen nicht den unabweisbaren Bedürfnissen unserer Wirtschaft. Die Kammern nertteten deshalb den Standpunkt, daß die volkswirtschaftlich überaus wichtige Frage einer ^itgemäßen Gestaltung der Personentarife in einer Weise gelob werden muß, die der Gesamtheit der Verkchrsinter- essenten Rechnung trügt und damit einen gerechten Ausgleich widerstreitender Interessen verschiedener Ä reife der DerkehrSinteressenten bringt. Ctne solche Lösung setzt die Herabsetzung der allgemeinen Personentarissähe alS erste und wichtigste Maßnahme voraus. SS wird dabei der Erwartung Ausdruck gegeben, daß von der Reichsbahn den beteiligten Stellen im Lande, die über vielfältige Erfahrungen auS der genauen Kenntnis der jeweiligen verschieden gearteten örtlichen Verhältnisse heraus verfügen, mehr alS bisher Gelegenheit gegeben werden möge, bei geplanten wichtigen Aenderungen rechtzeitig eine gutachtliche Aeußerung abzugeben."
Wiederholung der DortragSveranstaltung flat* die unseren Hausfrauen, soweit sie gestern am Besuche verhindert waren, zur Beteiligung angelegentlich empfohlen sei.
Trockener Hochsommer 1932
Wie Professor Dr. Franz D a u r von der Staatlichen Forschung-steile für langfristige WitterungS- vorhersage Frankfurt a. M. in einem Aussatz in der .Umschau" mitteilt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit in diesem Jahr im größten Teil Deutschlands ein trockener Hochsommer zu erwarten. Die voraussichtliche Trockenheit des Hochsommer- steht danach mit der Steigerung der Solarkonstante (b. h. der Bestrahlung der Erde durch die Sonne) und diese wiederum mit der Stellung des diesjährigen Sommer- innerhalb de- Sonnens lecken,hkluS in Zusammenhang Einen Anhalt bezüglich der Ausdehnung des Gebiets, in welchem der Hochsommer 1932 wahrscheinlich trocken sein wird, können wir dadurch gewinnen, daß wir die Luftdruck- und Riederfchlagsverteilung der in Deutschland trockenen Hochsommer 1876, 1887, 1899, 1911 und 1921 betrachten, die eine ganz ähnliche Stellung innerhalb de- Sonnenflecken,ykluS hatten, wie der diesjährige Sommer. Da- für die Trockenheit in Frage kommende Gebiet umfaßt Deutschland westlich der Weichsel, die Tschechoslowakei, Oesterreich, den größten Teil der ungarischen Tiefebene. Belgien. Holland, England, Dänemark und den südlich des 60. Breitenkreises gelegenen Teil von Skandinavien. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß die Trockenheit nicht auch noch darüber hinausgreisen könnte. ES läßt sich nur eben bei dem Stand unsere- heutigen Wissen- im voraus auch keine Bermutung darüber aussprechen, ob das im kommenden Hochsommer über Mitteleuropa zu ertoar- tende Hochdruckgebiet sich mehr nach Westen, oder mehr nach Osten erstrecken, und wie groß seine Ausdehnung nach Süden sein wird. Aber das kann als wahrscheinlich bezeichnet werden, daß auch im kommenden Hochsommer wiederum, wie in den Jahren 1876, 1887, 1899. 1911 und 1921, im nord- westlichen Norwegen ein Gebiet sein wird, das cine übernormale Niederschlagsmenge aufweisen wird. Denn gerade dann, wenn die erwartete 'Verlagerung des subtropischen Hochdruckgürtels nach Mitteleuropa eintritt, werden infolge deS dadurch bedingten verstärkten polwärtS gerichteten Druckgefälles über dem nördlichsten Europa an der norwegischen Nordwestküste vorwiegend westliche (ozeanische) Lustströmungen herrschen, deren Ausgleiten am norwegischen Gebirge an dessen Luvseite ergiebige Negenfälte bringen muß.
Evangelische Oiaspora-Arbeit in Hessen
Die theologische Fachschaft der Lan- desuniversität hatte für Dienstag zu einem Vortragsabend eingeladen. Nach Begrühungsworten des Vorsitzenden der Fachschaft, stuck, theol. Jakob, hielt Pfarrer Becker einen interessanten Vortrag über „Dtasporaarbeit in Hessen und der Gustao-Adolf-Verei n".
Der Redner unterscheidet ihrer Entstehung nach vier Arten von Diaspora: 1. die Ueberrestdiaspora (z. B. in Tirol), 2. die Uebertrittsdiaspora (wie in Steiermark). 3. die Siedelungsdiospora (wie in Siebenbürgen und dem Baltenland) und 4. die Wände- rungsdiaspora (z. B. in der Dobrudscha und in Süd- amerifa). Die Wanderungsdiaspora tritt als Außen- und Innenwanderungsdtaspora auf. zu der man auch die hessische Diaspora zu zahlen habe. Die bis An- fang vorigen Jahrhunderts rein evangelische Land- grafschaft Hessen erhielt in den beiden ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts einen bedeutenden Gebietszuwachs, der der konfessionellen Einheit ein Ende machte. 141 Gemeinden mit katholischer Bevölkerung waren dem neuen Großherzogtum zugefallen. In all diesen Orten waren bis dahin nur wenige Evangelische gewesen, noch im Jahre 1825 wohnten außer in Mainz in 121 der neuen hessischen Orte nur 2381 Evangelische unter 100 279 Kalho- liken, und weitere 20 Orte hatten überhaupt noch
keinen evangelischen Einwohner. Dies wurde in den folgenden Jahrzehnten anders. Die immer stärkere Anteilnahme Deutschlands am Welthandel brachte eine Verschiebung der Bevölkerung nach den Verkehrszentren und damit eine Durcheinandermischung der Konfessionen. Evangelische durchsetzten katholische Gebiete, und Katholiken fluteten in evangelische Gegenden. Die Zahl der Evangelischen in den angeführten Orten war nach und nach bis auf 46 000 im Jahre 1925 gestiegen In diesem Jahre hotten der Volkszählung nach 845 Orte eine evangelische Mehrheit bei insgesamt 817 000 Evangelischen und 139 000 Katholiken. 142 Orte hatten eine katholische Mehrheit bei im ganzen 276 000 Katholiken und 68 250 Evangelischen. Nur noch ein Ort in Hessen war 1925 ohne einen evangelischen Einwohner, dagegen 113 Orte ohne Katholiken, davon in Oberhessen allein 98. Den höchsten Prozentsatz an evangelischen Bewohnern hat der Kreis Schotten mit 98 v. H. (Büdingen mit 94, Lauterbach mit 93, Gießen 90 v H ), den niedrigsten in Oberhessen der Kreis Friedberg mit 74 o. H., der 7 Orte mit katholischer Mehrheit auhuweifen hat. Den niedrigsten Prozentsatz in Hessen findet man im Kreis Mainz-Land mit nur 19 v. H. In den neu gewachsenen evangelischen Gemeinden zeigte sich bald Not. Zumeist waren es zu- gezogene Arbeiter, Beamte und Gewerbetreibende, Die in die katholischen Gemeinden eingezogen waren und dort Anstoß zu einem Zusammenschluß der Evangelischen gaben. Die inneren Schwierigkeiten einer solchen Diasporagemeinde sind groß, und die Arbeit, diese Schwierigkeiten zu beheben, nicht leicht. Die Steuerkraft dieser Gemeinden bleibt weit unter dem Durchschnitt der alten Gemeinden zurück, allerdings ist die Opferbereitschaft größer als dort, so daß der Seelsorger mit Freude an seine Arbeit gehen kann. Reges Leben zeigt sich in den kirchlichen Vereinen Die praktische Arbeit muß sich namentlich auch auf Kinder, und Krankenpflege erstrecken. Spe- iielle Seelsorge, das Sichbemühen um den einzelnen, nd in der Diaspora unbedingte Voraussetzung für as Gelingen der Arbeit. Der Hessische Hauptoerein der Gustav-Adolf-Stiftung ist treu der Losung. „Lasset uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen" seit 'einer Gründung
im Jahre 1842 nicht müde geworden, den In der Diaspora lebenden Glaubensgenossen beizustehen. Seine erste Arbeiten In Hessen waren die Schaffung eines Bethauses in Bingen im Jahre 1843 und die Erbauung einer Kirche in Seligenstadt im Jahre 1847. Ungezählte weitere Liebeswerke erstanden in der Folgezeit, und heute kann der deutsche Hauptverein sich freuen, rund 3000 Kirchen-, 1000 Schulhaus- und 1000 Pfarrhausbauten ermöglicht zu haben.
Zur Ergänzung des Vortrages zeigte der Redner gute Lichtbilder aus dem Wirken des Hefsifchen und Deutschen Gustav-Adolf-Vereins, aus denen zu ersehen war, daß die Arbeit reiche Früchte getragen hat. Der Vorsitzende der theologischen Fachschaft sprach unter dem Beifall der Zuhörer dem Redner den Dank der Versammlung aus.
Hreilichispiele „(Söh von Eertidyrngen* in Wetzlar.
Die (3 o e t he feiern in der ehemals Freien Reichs- und Goethestadt Wetzlar werden durch die Veranstaltung der F r e i l f ch t s p i e l e „Götz von Berlichingen" am 2. und 3. Juli auf dem malerischen Kornmarkte fortgesetzt. Kein Platz in Wetzlar ist — so schreibt man uns — für diese Ausführungen besser geeignet, als der Kornmarkt, diese historische Stelle, an der einst Goethe gewohnt und sicher nicht geahnt hat, daß eines seiner Jugendwerke an der Stelle seiner Entstehung zur Aufführung gelangt. Den Ritter Götz von Berlichingen spielt Karl Hans Schaesfler vom Nationaltheater in Mannheim, ein Künstler von Format. Hugo F i r m b a ch vom Frankfurter Künstlertheater spielt den Adelbert von Weislingen. Hans von Selbitz und und der Bauernführer Metzler werden durch Karl Burg vom Stadttheater in Koblenz bärge- stellt. R. Lauer vom Frankfurter Künstlertheater spielt den Bruder Martin und Mar Stumpf. In den Hauptrollen der Frauen sind Liefe! Schott vom Schauspielhaus Frankfurt und Liefet Becker vom Frankfurter Künstlertheater beschäftigt. Die übrigen Rollen sind durch einheimische Kräfte aus den Turn-, Sport. un6 Gesangvereinen besetzt. Ins
gesamt wirken bei der Aufführung mehr als bum den Personen zu Fuß und zu Pferde mit Nähere» im heutigen Anzeigenteil.
Bornotizen.
— Togeskalender für Freitag: Ober» Hess. Kunstverein. Turmhaus am Brandplatz, 15 bl» 17 Uhr, Ausstellung. — Elektrogemeinschaft Gießen, 20 Uhr, Cais Leib, Dr. Oetker-BackoortrokU — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: .Hasenklein kann nichts Dafür!*; 22.45 Uhr. ..Eros in Ketten*.
•• Anlage nverbesserung am Lüth e r b e r g Nachdem man im vergangenen Jahr» »wischen Dem Alten Friedhof und dem Lulherbera die bi-berigen Schrebergärten durch Ecnsäen und Llmpslan^ungen gärtnerisch angelegt hat. ist man jetzt bannt beschäftigt, durch Anlage von Wegen, Weiteren Bepflanzungen und durch Ausstellung einer Anzahl Ruhebänke weitere Verbesserungen und Verschönerungen durchzusühren. Vom Alten Friedhof her werden zwei Hauptwege angelegt, so daß nach SertigfteUung dieser Arbeiten das neue Stück Anlage, das mit Gebüsch und Bäumen umsäumt ist. einen parkähnlichen Eindruck machen wird. 3n Verbindung mit den bereit- an der Licher Strafte entlang führenden Anlagen, dem Alten 'Friedhof und dem Lutherberg wird der neu geschaffene Teil als eine wesentliche Vergrößerung und Verschönerung unserer städtischen Anlagen und damit des gesamten Stadtbildes anAusppechen sein.
*• Da - Fabrikgrundstück von Hey- ligenstaedt verkauft. Gestern sand am Amtsgericht der amtlich festgesetzte Zwang-ver- steigerung-termin über da« Besitztum der Firma Heyligenstaedt & So. statt. 3n dem gut besuchten Termin erwarb der erste Hypotheken- gläubiger, Fabrikant Rinn (Heuchelheim), zur Sicherung seines Hypothekenanspruchs das gesamte AnWesen, und zwar das Wohnhaus Am Riegelpfad 106 und die Fabrikanlagen. 3n welcher Weise der zur Zeit nur noch verkürzt arbeitende Betrieb weitcrgeführt wirb, steht bis jetzt noch nicht fest.
•• Aus der Strafen ft alt entwichen. Der oft vorbestrafte 31jährige Schiffer Johann Emil Heß aus Worms, der in der Zellenstrafanstaft In Butzbach eine längere Strafe verbüßt, ist dort am vergangenen Sonntag entwichen. Heß wurden vom Anstallsarzt Sonnen- und Luftbäder verordnet, wobei er eine günstige Gelegenheit benutzte, um zu verschwinden. Er konnte bis jetzt noch nicht wieder fest- genommen werden. Heß ist der Hauptangeklaale in einem Totschlaflsprozeß, der vom 4. bis 9. Juli ror dem Mainzer Schwurgericht verhandelt werden soll. Falls bis dahin Heß nicht wieder festgenommen ist, muß der Prozeß vertagt werden.
•• Der Bezirkslehrerverein Gießen- G an b stattete am Mitttoochnachmittag der Zigarrenfabrik Rinn St Eloos in Heuchelheim einen Besuch ab. Unter sachkundiger Führung wurden die gesamten Fabrikanlagen besichtigt, von der Tabaklagerung, der Verarbeitung der verschiedenen Tabakartcn, der fabrikmäßigen Herstellung der Kistchen bis zur Versandfertigkeit der Fertigwaren Die Erläuterungen de« Führers ließen die Besucher einen fesselnden Einblick in die große Bedeutung gewinnen, die die Tabak- Derarbeitung in unserem Vaterland und in unserer engeren Heimat einnimmt.
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