Ausgabe 
24.6.1932 Frühausgabe
 
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auch für Ääfe gelten, frei ,u kommen. Don heute auf morgen kann die- nicht geschehen. In der Zwischenzeit muh alle« daran gesetzt werden, den DeweiS zu erbringen, daß wir un« auch aus diesem Gebiete in der Hauptsache selbst ver- sorgen können. Die -Verhältnisse auch in der übrigen Dcredelungewirtschast, insbesondere im Gemüse-, Obst- und Weinbau, sind eben­falls durch ihre 2ll>hängigkeit vom Weltmarkt be­dingt. Sine wirksame Hilfe kann der Deredelungs- wirtschast nur dadurch werden, dah grunbsötz- lich andere Wege in der Wirtschaftspolitik eingeschlagen werden.

Da* landwirtschaftliche Kreditgenofsenschaft*- wesen sieht aus ein Jahr scharfer Anspannung zurück. Die vankenkrise ist von den Genossen- schastskasscn gut überwunden worden. Die Reichsregierung weih, dah seitdem ein wach- scnder Finanzierungsbedars an die Spar, und Darlehenskassen herangetreten ist. Sic weih, dah die Befriedigung dieses Jinan- zlerungsbedarfes den Kassen zur Zeit besondere Sorge bereitet. Die Reichsregierung hat sich entschlossen, an der Gesunderhaltung und Liqui­der,erhallung der Genossenschaften tatkräftig mitzuwirken.

Ehaos in Chile

Kampf aller gegen alle. Kricgsrccht e.cgcn Kommunisten.

Reuyork, 23. Juni. (TU.) Chile wird, wie die Presse meldet, durch Devolution und Gegen­revolution in ein vollständige- ThaoS gestürzt. 3n den beiden gröhten Städten deS Landes, Santiago und Valparaiso, ver­suchte eine kommunistische Volksmenge die militärischen Arsenale anzugreifen. Gen­darmerie- und Truppenteile hatten gröhte Mühe, den Angriff zurückzuschlagen. Sie gaben mehrere Salven auf die Volksmenge ab, wobei e i n Dutzend Menschen getötet wurden. Die gegenrevolutionäre Regierung hat den Kommu­nismus als außerhalb des Gesetzes stehend er­klärt und seine Unterdrückung mit den schärfsten Mitteln angeordnet. Zu diesem Zweck ist das Krieg-recht und der ver­schärfe Belagerungszustand über da» ganze Land verhängt worden, d. h. in den Lan­desteilen, wo die gegenrevolutionäre Regierung die Autorität besitzt Als Antwort darauf haben zahlreiche Gewerkschaften den Generalstreik ausgerufen, der aber noch nicht allgemein durch» geführt wird. Es ist vollkommen unübersicht­lich, welche der zahlreichen sich befehdenden Politiker und politischen Dichtungen im Augen­blick die Oberhand haben,- da täglich neue Politiker in daS allgemeine Durcheinander eingreifen.

In C a l a o, dem Hasen des benachbarten Peru, sind zwei englische Kreuzer eingetroffen, die dort weitere Anweisungen, nach chilenischen Häfen auszulaufen, erwarten.

Aus der provinzialbauptstavt

G i e h e n, den 24. Juni 1932.

Oer kleine Fuhrmann.

Wenn ich Maler wäre, hätte ich das reizende Dild festgeh.ilten: Aus einem hoch beladenen Heu­wagen faß ein KnirpS von etwa sechs Jahren, sorglich behütet von der erwachsenen Schwester, hielt die Zügel in der einen Hand und in der an­dern die Peitsche. Der Dauer ging neben dem Wagen her. Das sieht man auf dem Lande fast täglich, nicht aber die glänzenden, siegessicheren Augen deS Kleinen, der zum erstenmal von der Höhe des Heuwagens herab das Pferd lenken dursle. Freilich war es ein altes treue- Tier, das keine Sprünge mehr machte. Aber der Junge war doch der Fuhrmann, in seiner Hand lagen die Zügel. Das Pserd mußte gehen. wie er wollte. Einmal sagte er, wenn Fuhrwerke kamen, hott!, ein andermal har! DaS Pserd gehorchte und ging willig seinen Weg. Mit der Peitsche allerdings konnte der Kleine noch nicht so- recht ar­beiten. Sie war ihm zu schwer. Ab und zu ver­suchte er zu knallen, brachte aber nur einen sum­menden Ton hervor.So ein bißchen hat es doch gcfnallt ? meinte er. Lächelnd bestätigte die Schwester seine etwas großzügige Behauptung.

Wie oft mag er den Vater gequält haben, di­es ihm endlich erlaubt wurde, allein zu fahren. Auf dem leeren Wagen durste er ja schon immer sitzen, auch manchmal das Pferd lenken, aber auf einem Heuwagen, das war doch etwas andere-. Was werden nun seine Kameraden sagen, wenn er ins Dorf einfährt? Stolz blickt er um sich. Jetzt kommt die Brücke, dann die paar Linden­bäume von dem Duft, den sie ausstromen, merkt er nichts vor Aufregung nun kommen die ersten Häuser. Ein Äpfelbaum, der weit ausho- lend seine Aeste über die Straße breitet, hätte den kleinen Fuhrmann beinahe festgehalten, und in die Hohe gezogen, aber die Schwester duckt sich und drückt den Jungen ins dufrende Heu. Jetzt sind sie im Dorfe.

Leider sind die Straßen fast menschenleer. Die Leute, auch die Kinder, bringen das Heu ein. Aber einige Kameraden spielen beim Backhaus. Eie haben ißn bemerkt und rufen ihm zu. Er nickt nur mit dem Kopfe und fährt stolz vorbei. Die andern spielen ruhig weiter.

Dun biegen sie in den Hof ein. Sorgsam hilft der Vater lenken, damit kein Eckpfosten mitgenom­men wird. Dann kommt die Fahrt über den ge­pflasterten Hof. Die Mutter erscheint und lacht ihrem Jüngsten zu, dann ein lautes Hüh!. Der Wagen steht Eine Leiter wird geholt. Schwester und Bruder steigen herab. So, nun ist es geschafft. Der Vater sagt einige anerkennende Worte zu sei­nem Jungen, und er freut sich. Dann trottelt er ab.

In keinen Beruf wachsen die Kinder so schnell und sicher hinein wie beim Landwirt. Da gibt es täglich eine Arbeit, an der auch schon die Klein­sten helfen können. Manchmal tun sie es nicht gern, aber3ung gewohnt, alt getan! heißt ein gutes deutsches Sprichwort. Da sind Düben zu putzen, Kartoffeln zu holen, im Stalle wird Stroh aus­gebreitet, die Tiere müssen ihr Futter haben usw. Richts aber macht den Buben mehr Freude, als das Fuhrwerk. Da kommen sie gelaufen, helfen beim Einspannen und sind froh, wenn sie auf dem Wagen neben dem Vater sitzen dürfen. Es ist doch auch etwas Herrliches, mit der Peitsche zu fnallen, die Pferde einen leichten Trab laufen zu lassen und so hinauszufahren in die grüne Welt! Be­sonders zur Zeit der Heuernte. Auch hier tonnen die Kinder helfen, denn es ist keine schwere Arbeit. Das Wenden des Heues, das .Sauberrechen", all das wird von den Landkindern ausgeführt. DaS

Laden eine« Wagen- freilich ist etwa« schwieriger und keine Kinderarbeit.

Dann aber die Heimfahrt! Es gibt für unsere Binder nicht- Schönere-, al- hoch oben auf dem Leiterwagen zu sitzen und von da die Welt zu beschauen. Wie wohlig liegt es sich im duftenden Heu!

Darme Luft und Sonnenschein, o wie ich mich freu!

Sagt, wo kann e- schöner sein, schöner als im Heu? (Trojan.)

S.

Dom Regen in die Traufe.

wegen Hausfriedensbruch* Im Arbeitsamt ooc Gericht.

Der Angeklagte, ein erwerbsloser Arbeiter aus einem Nachbarort, hat gegen einen ihm in höhe oon 30 Mark zugegangenen Strafbefehl rrchtzeitig Einspruch erhoben. Dor der Verhandlung vor dem Amtsgericht Gießen, die infolgedessen einsehen mußte, erteilte der Vorsitzende die übliche Be­lehrung über die Folgen eine# derartigen ®in- Iprud)«, u. a. dahin, daß je nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme auch auf eine härtere Strafe als diejenige, die im Strafbefehl au-gesprochen fei, erkannt werden könne. Der Angeklagte hielt jedoch seinen Einspruch aufrecht und beharrte auf mündlicher Verhandlung

®« drehte sich wiederum um einen in den Däurnen des Arbeitsamtes begangenen Hausfriedensbruch, während dessen ein -Beamter de- Arbeitsamtes tätlich beleidigt wor- den ist. Der Angeklagte war aus dem Amt er­schienen und hatte um eine Auskunst gebeten, aber an einer für diese unzuständigen Stelle. Er wurde belehrt, wohin er sich zu wenden habe, ihm auch die Sprechstunde für derartige Aus- funft mitgeteilt. Doch gab er sich hiermit nicht zufrieden und blieb in dem Zimmer trotz mehr­facher Aufforderung, es zu verlassen. Er ging auch nicht, al- der Abteilungsleiter erschien und die Aufforderung des öfteren wiederholte, aber vergeblich. Dieser verlangte schließlich zwecks Fest- stellung der Personalien seine Kontrollkarte, deren Dorzcigen der Angeklagte verweigerte. Die Fol­gen eine- längeren Verbleiben- wohl fürchtend, suchte er sich jetzt aus dem Zimmer zu entfernen. Um sein Weggehen zunächst zu verhindern, wandte sich der Beamte ebenfalls zur Tür, wurde aber von dem Angeklagten in diesem Augenblick von hinten gepackt und weggerissen Damit waren die Tatbestände des Hausfriedensbruches und der tätlichen Beleidigung erfüllt, und der Angeklagte erhielt statt der im Strafbefehl ausge­sprochenen Geld st ra fr von 30 Mark auf Grund der Beweisaufnahme, die erst die strafschärfenden Momente hervortreten ließ, eine Gesamtgefängnis strafe von einer W oche. Aehnliche Vorgänge häufen sich auf dem Arbeitsamt: nachhaltiger Schuh muß deshalb den dortigen Q&eamten gewährt werden.

Kürzung der Denken aus der 3 n validenverficherung. Dom 1. 3uli ab werden die 3nvalidenrenten (3. K, A) um 6 Mk., die Witwenrenten (W, WK) um 5 Mk., die Waifenrenken um 4 Mk. für jede Waise gekürzt. Teilrenten werden nicht gekürzt. Die Renten- empfangsscheine sind auf die gekürzten Beträge auszustellen.

Schlechte Wiegegeschäfte. Die bei­den städtischen Waagen haben im abqelaufenen Rechnungsjahr 1931 i*p ganzen 9650 Wiegungen vorgenommen, gegen 11 899 Wiegungen im Vor­jahr. Die Einnahme hierfür beträgt 16 000 (17 800) Mark, mithin ist ein Au-fall von 1800 Mark gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. 3m einzelnen ist da- Ergebnis der Wiegungen folgen­des: Für die Waage Westanlage mit 7100 (8675) Wiegungen, Einnahme 11 800 (8675) Mark, für die Waage Frankfurter Straße 2550 (3224) Wie­gungen, Einnahme 4200 (5000) Mark. Der Rück- Öber Freauenz der beiden Waagen und der gang der Einnahmen aus Wiegegebühren er­klärt sich auS der ungünstigen Gisernte im letzten Winter und durch die bedeutend zurückgegangenen Kohlenverwiegungen.

E i n Einbruch wurde gestern um die Mit­tagszeit in einem Burcauraum in der Goethestraße verübt. Der Täter drang dabei vermutlich mittels Nachschlüssels in das Bureau ein, öffnete gewaltsam eine Schreibtischschublade und entwendete daraus 110 Mark Bargeld und für 4 Mars Briefmarken. Die polizeilichen Ermittlungen find im Gange.

** DerTechnische Verein Gießen, der Angehörige aller technischen Berufe umfaßt, fei­erte wie man unS heute berichtet am vorigen Samstag im Saale des Cafe Leib, sein 35. Stif­tung-fest. 3n seiner Ansprache konnte der erste Vorsitzende u. a. auch eine Abordnung des Tech­nikervereins Marburg und den Vorstand, sowie eine Anzahl Mitglieder des ReichSverbande- Deutscher Baumeister, Ortsgruppe Gießen, begrü­ßen. Der Verein hat sich seit seiner Gründung gut fortentwickelt und auch durch den Krieg keine Ein­buße erlitten. Vier Mitbegründer, die Herren Di­rektor Thome, Bauoberinfpektor D i e o l a u s , Bauoberinspektor Roß und Architekt Doll, wurden zu Ehrenmitgliedern ernannt und ihnen, sowie dem Ehrenvorsitzenden, Herrn Architekt D r e i t h e r . Diplome überreicht. Ilm die Ausge­staltung des Abends machte sich der bekannte Hei­matdichter Gg. Heß, der dem Verein als Mit­glied angehört, besonders verdient. Seine mund­artlichen Vorträge fanben allgemeinen Beitall. Frl. Wohlfahrt brachte einen von Herrn Heß verfaßten Prolog und einige Lieder wirkungsvoll zu Gehör. Ebenso fand ein von ihr und Herrn Luft vorgetragenes Duett viel Anklang. Die ge­sanglichen Darbietungen von Frl. Keitzer trugen wesentlich zur künstlerischen Ausgestattung des Abends bei. Für gute Musik sorgte die Kapelle Topp.

' Geburtstagsfeier der Fünfund- siebzigjährigen. Am Mittwoch begingen die im Jahre 1857 geborenen Altcrskamcraden im Schützenhaus eine gemeinschaftliche Feier des 75. Ge­burtstages. Der Vorsitzende der Vereinigung, V. Kon der, begrüßte die Alterskameradcn und deren Angehörige und gedachte der feit der vorigen ge­meinsamen Geburtstagsfeier verstorbenen Käme- roden. Die Begrüßungsansprache klang in dem ge- meinsamen Gesang des Deutschlandliedes aus. Nach einer wetteren kurzen Ansprache des Alterskame­raden I. Pf e f f e r brachte ein Mitglied der Vereini­gung und Enkelkinder verschiedene Dortrage zu Ge­hör. Ferner unterhielt eine kleine Musikkapelle die Besucher in bester Weise. Nach einem gemeinsamen Abendessen folgten einige Stunden frohgestimmter Geselligkeit, an deren Schlüsse der älteste Alterskame­rad I. Geck die in allen Teilen wohlgelungene Feier in einer Ansprache lobte und den Veranstaltern der Feier Dank sagte. Die nächste gemeinsame Feier soll die Alterskameraden im 80. Lebensjahre wieder ver­einigen.

Geschichten aus aller Welt.

Dar- Vorgefühl.

(x) Nam.

Gibt es eine Ahnung de* Unabwendbaren ein Vorgefühl, da* den Menschen warnt? Ohne Kom­mentar je, hier der Bericht wiedergegeben, den der Habeni|d)e Geistliche Mons. Bredoli in einer romi- |d)en Zeitung veröffentlicht. Er behandelt ein Er­lebnis etwa eine halbe Stund» vor dem katastropha­len Deckeneinsturz im Vatikan, dem nickst nur wert­volle Bücher, und Handschriftenschatze, sondern auch mehrfre Menschenleben zum Opfer fielen.

3d) traf vor der eaauür*, so erzählt Monsignore Bredoli,zwei alte Freunde und geistliche Kollegen, mit denen ich nur einige wenige Worte wechselte. Der eine, von ihnen suchte uns zu bereden, mit ihm in den Saal zu treten, wo er uns eine prachtvolle, bisher kaum bekannte Inkunabel zeigen wolle. Ich persönlich lehnte sofort mit dem Hinweis darauf ab, daß ich eine dringende amtliche Pflicht zu erfüllen habe, und der andere antwortete wortwörtlich:

Ein andermal gern, teurer Professor, aber heute fühle ich mich gar nicht wobl. Ich habe einen ent- schlichen Druck an den Schläfen und das Gefühl als würde jeden Augenblick die Decke auf meinen stopf stürzen

_ Wir verabschiedeten uns demnach. Eine halbe Stunde später war der Profesior oon der herab- stürzenden Decke erschlagen.

Probealarm.

(vg) Madrid.

Die Dank von Spanien hat in San Sebastian eine recht stattliche Filiale. Der Kundenbesuch in den Mittagsstunden ist meistens sehr lebhaft. Um diese Zeit nun ist eS passiert Mitten hinein in den Wortschwall der Geschäftsleute dröhnte ein Schuß. Die Wirkung war märchenhaft: Wer konnte, verkroch sich unter die Tische und Bänke, die anderen standen entgeistert mit hochgeho- benen Händen und warteten auf die Däuber, die,Geld oder Leben" brüllend, sofort er­scheinen mußten. Die Räuber kamen aber nicht, statt dessen erschien ein kleiner Beamter, der um Entschuldigung bat, weil ihm beim Weg­legen der Pistole ein Schuß losgegangen war. Daraufhin soll man die von den Herzen fallen­den Steine zu Dutzenden gezählt haben.

Tic Romantik der Wüste.

B. Q. Jerusalem.

Seit einiger Zeit häufen sich auf den breiten, glänzend angelegten Autostraßen, die 3erufalcm mit den anderen Städten Palästinas verbinden und die täglich von Hunderten von Auto» be­fahren werden, die Ueberfälle durch bewaffnete Gruppen. 3mmer wieder taucht plötzlich ein Stein- toali quer über der Straße auf, Autos müssen anhalten, ein paar beduinisch gekleidete mit Ge­wehren bewaffnete Männer erheben sich, und den Reisenden bleibt nichts anderes übrig, alS Geld, Uhren und oft auch Kleidungsstücke abzuliefern. Wer nicht- abzuliefern hat, bekommt in verein­fachtem Verfahren Prügel.

Allen diesen Ueberfällen, ich glaube, eS gab in den letzten zwei Monaten deren sünszehn oder zwanzig, seht ein Voriall in der allerletzten Zeit die Krone auf. Um halb fünf Uhr nachmittag» wurden auf der allen Touristen bekannten 3e< richostraßc, unmittelbar vor der Wüstenpolizei­station, von vier Räubern nicht weniger alS drei­zehn Autos angehalten. Das Erträgnis diese- Uebersalles war für die Räuber eine ganze An­zahl von Uhren, anderen Wertgegenständen und Kleidungsstücken, sowie 327 Pfund in bor Diese peinliche Geschichte, der in der Kriminalhistorie aller Länder ein gewisser Ehrenplatz einzuräumen ist, trägt eine besondere Rote, weil es sich nicht um Eingeborene, sondern in der Mehrzahl um Engländer und englische Damen handelte, die die Romantik der Wüste in höchst unerfreulicher Weise kennen gelernt haben. In Palästina nimmt man nun an, daß dieser Umstand die Regierung ver­anlassen wird, alles daran zu sehen, die Ordnung wieder herzustellen, die Palästina zu einem be­liebten Touristenzitzh gemacht hat. Tatsächlich ging sofort die gesamte verfügbare Polizeimannschaft in die Wüste, während die transjordanischen Grenzreiter die 3ort)anfurtcn besetzten. ES ist nicht anzunehmen, daß hinter diesen Vorfällen poli­tische Hintergründe zu suchen sind. 3a, daS Ge­rücht spricht sogar ausdrücklich davon, daß eS sich um eine glänzend organisierte Raubgesellschaft handle, die, was die Führung betrifft, nicht ein­heitlich arabisch ist. Ein Australier, sagt man, soll in der Leitung sitzen, die sogar ihre eigene Spio­nage» und Spionageabwehrabteilung besitzen soll.

Jedenfalls ist die oon Romandichtern noch im­mer gesuchte Romantik der Wüste ein zveischnel- diges Schwert, wenn man weder Dichter noch Ro­manleser ist. sondern em Bürger Palästina*, der zufällig in einer anderen Stadt ein Geschäft zu erledigen hat.

Rapoleon» Ämml zieht um.

Pari«.

Der Staub eine« 3abrbunbert» lastet auf seinem Rücken. Es steht steif und stumm und starrt fried­lich her sich hin. Die Genügsamkeit der Kamele, die immerhin schon sprichwörtlich ist, erlebt hter die größte Blüte. dieses Kamel frißt nichts und trinkt nichts und war doch einmal das be­rühmteste Kamel nicht nur Frankreich, sondern auch eine» großen Teiles dieser übrigen euro­päischen Welt. Denn es ist da» Kamel NapoleonS. Mit diesem Kamel unternahm der kleine Bona­parte seinen ägyptischen Feldzug. Dieses Kamel brachte er auch mit nach Europa und ließ es vortrefflich pflegen und hegen - bi» es eine» Tages dennoch in einer Menagerie den Weg aller Kamele und überhaupt alles Irdischen ging, ne­benbei bemerkt ist dieses Kam«! ein Dromedar. Sin cnmelus dromedanus aus Arabien Sv steht we- nigften» in dem Katalog des Raturhistorischen Museum» in Paris unter Rr. 534 zu lesen. Richt mehr lange, denn das Kamel zieht um. Man hatte es damals, al# es in der Menagerie starb, schon ausstopsen lassen und mit Mottenpulver gegen die gefräßigen Tierchen geschützt, so daß jetzt noch einige fellbezogene Ueberrcftc vorbanden find, die nunmehr nach der 3nfel Ais wandern. Auf dieser 3nfcl, nicht weit entfernt von jenem Platz, wo Bonaparte einst lebte, bat ein Baron Gourgaud ein naturhistorische- Museum besonderer Art ge­gründet und sich als naturhistorische- Erinne­rungsstück an Rapoleon dieses Kamel auserbelen. da» ihm auch zugesprochen worden ist. 3m Ka­talog deS alten Museum- aber streicht man die folgende Eintragung:

camelus dromedarius (Arabien) au« Aegypten lebend durch Bonaparte nach Europa gebracht nach dem Feldzug. Es wurde dem Museum durch den Kaiser geschenkt. Es starb in einer Me­nagerie."

Rapoleon hat längst seinen letzten Schritt ge­tan. Sein Kamel aber wandert noch immer um­her - wenn auch nur von einem Museum zum andern.

Dienst am Aunbcn!

(R) Amsterdam.

Dienst am Kunden" ist in der heutigen Zeit der allgemeinen Wirtschaftskrise oberstes Gesetz. Dienst am Kunden ist es. wenn der Gastwirt, der Casehouder (holländisch) und wie er sonst heißen mag, dafür sorgt, daß dem Gast ein gut tem­periertes Glas Bier oder ein anständiger Korn, Aquavit, Genever oder so vorgesetzt wird. 3n einem weit umfassenderen Sinne aber legte diese zeitgemäße Losung ein Gastwirt in Rotterdam au«, der dieser Tage den Besuch eine« Mannes au« der Provinz erhielt. Der Mann, der wohl gute Geschäfte in der Stadt gemacht hatte, schwankte zu vorgerückter Zeit und in gehobener Stimmung in da« Lokal de« betreffenden Gast­wirte«. An Redseligkeit fehlte es dem späten Gast nicht, und bald wußten alle Anwesenden, daß der Mann eine größere Summe Geldes bei sich trug. Der Wirt, der anscheinend schon öfter erlebt hatte, daß bezechte Provinzler von freund­lichen .Hilfsbeflissenen" ausgeplündert worden waren, wollte seinen Kunden gern vor einem ähnlichen Schicksal bewahren. Rach einigem Ucber- legen wandte er sich an da- nächste Polizeirevier, das er um Entsendung eine» Beamten bat. Unter dessen Aussicht nahm der Wirt dem Manne au« der Prodis, der sich nur wenig sträubte, das Geld ab, und zwar einen Betrag von 1300 Gulden oder etwa 2250 Reichsmark Da« Geld wurde genau gezählt, nachgezählt und noch ein­mal gezählt, die Hummern der Geldscheine aus­geschrieben und die Banknoten in einen Brief­umschlag getan, der daraus ordnungshalber ver­siegelt wurde, woraus ihn der Wirt in Ge­wahrsam hielt. Ob der Mann aus der Provinz zunächst über den Verlust seine« GeldeS sehr er­schrocken war oder sich auch mir überhaupt Ge­danken darüber machte, vermeldet der Chronist nicht: wohl aber weiß er zu berichten, daß der Mann sich wie ein Kind freute, al« der Wirt ihm nach auSgeschlafenem Rausch den versiegelten Briefumschlag mit dem Geld übergab.

Auch ein Dienst am Kundenl

Großes Jugendgericht Gießen

3n der gestrigen Sitzung de« Großen 3u - gendgerichiSGießen wurde ein jugendlicher Arbeiter aus Lauterbach, der unter der schweren Anklage des Meineides stand und sowohl ge­ständig, als auch überführt war, frei- gesprochen, da das Gericht annahm, daß der junge Mensch unter dem Druck und Zwang seiner kommunistischen Par- teig nossen gehandelt habe. Wir werden über den Fall noch naher berichten.

Erweitertes Vezirlsschöffengericht Gießen.

* Gießen, 22. 3uni. Ein etwa dreißigjähriger Schäfer in deshe im ergab sich in den letzten Monaten immer mehr dem Alkohol. Al« die Ermahnungen seiner Braut, einer Hausange­stellten, nicht» fruchteten, erklärte das Mädchen an einem gemeinsam verbrachten Svnntagnach- mittag die Verlobung für ausgelöst. Cs kam dann zu Auseinandersetzungen, bei denen er das Mäd­chen bedrohte. Als dieses sich losriß, lief er ihm nach und versetzte ihm mit seinem Taschenmeller drei Stiche in den Rücken, die glücklicher­weise keine inneren Organe verletzten. Rach drei Wochen Krankenhaus waren die Wunden ohne schlimme Folgen geheilt. Schon einige Wochen vorher hatte der Messerstecher, ebenfalls im Zu­stand der Betrunkenheit, in einem WirtShau» den hessischen 3nnenminister und den Gendar­meriewachtmeister. der ihn zur Ruhe mahnte, be- schimpst. Degen Körperverletzung mit ge­fährlichem Werkzeug und öffentlicher Be­leidigung wurde der Angellagte heute zu einer Gefamtgefängnisstrafe von zehnMonaten verurteilt. Das Messer wurde eingezogen.

Ein angetrunkener Kraftwagenllihrer fuhr auf der Landstraße am Eingang von Gießen (beim

Schützenhau») in der Abenddämmerung nach dem Ueberholen eine» Auto» auf der linken Straßen­seite weiter und überrannte zwei entgegenkom­mende Radfahrer, von denen Der eine leicht, der andere schwer verletzt wurde. Der Angellagte er­hielt eine Gefängnis st rase von vier Monaten wegen fahrlässiger Kör­perverletzung. Der mitangenagte Autoin­haber wurde freigesprochen, weil seine Behaup­tung, er habe von dem angetrunkenen Zustand des Lenker» nicht» gewußt, nicht widerlegt werden konnte.

Gcinaefandf.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Ein Birte vom walltor an die Stadtverwaltung.

Ein Desahrenpunkt für Rad- und Motorrad­fahrer ist die Ecke Walltvrftraße und Brandgasse. Fast täglich kann man beobach­ten, wie dort beim Ueberqueren der Straßenbahn* schienen Stürze vorkommen E« ist tatsächlich zu verwundern, daß noch eine kschweren Unglück-sätte zu verzeichnen sind. Gestern beobachtete ich, wie ein mit Milchflaschen beladener Radfahrer auf den Schienen auSrutschte, wobei selbstverständlich die Flaschen in Trümmer gingen. Der Fahrer ist glücklicherweise mit den Schrecken davongekommen. 3ch habe aber auch schon beobachtet, daß eine Dame bei einem solchen Sturz an derselben Stelle mit einer Hand in eine Fensterscheibe fiel. Da» Uebel scheint an der Beschaffenheit der Straße zu liegen. Es wäre gut. wenn sich die maßgeben» den Stellen einmal hierfür interessieren würden und eventuell eine Warnungstafel an dieser Ge- sahrenecke anbringen ließen, zum Besten der All­gemeinheit. Ein Anwohner der Walltorstraße.

Sprechstunden der Redaktion.

1130 bi* 12.30 Uhr, 16 bis 17 Uhr. Samstag nachmittag geschlossen.