Ausgabe 
23.12.1932 Frühausgabe
 
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schon i m Januar Kredite gegeben werden können, und daß also auch im glei­chen Monat schon die Aufträge her- auskommen können. Bei diesen Aufträgen werden solche Gebiete bevorzugt, auf denen schnell gearbeitet werden kann. Deshalb ge­hören dazu die Hausreparaturen. Die 50 Millionen, die das Reich hierfür bereits zur Verfügung gestellt hotte, sind be­reits voll in Anspruch genommen worden. Des­halb wird morgen oder in den nächsten Tagen zunächst der gleiche Betrag noch ein- m a 1 zur Beifügung gestellt werden. Der Werl dieser Aktion liegt vor allem darin, daß sie das fünffache der Arbeit schafft, wie für 50 Mil­lionen möglich ist, da ja die Hausbesitzer selb st Bierfünftel der gesamten Aufwendungen zu tragen haben. Dr. (Be­tete rechnet damit, dah die Bemühungen gerade auf diesem Gebiet auch während der Jroff- periode gewisse Arbeitsmöglichkeiten schafft. Weiler werden in erster Linie solche Arbeiten gefördert werden, die aus Mangel an Mitteln im laufenden Etat zurückgestelll werden müssen. Dazu gehören vor allem St"rahen - und Brückenbauten, hier gibt es nach Ansicht des Reichskommissars eine ganze Menge not­wendiger Arbeiten, und zwar wird dabei mehr aufzuwenden sein als für die hausreparaluren.

Dem Deichskommissar kommt es darauf an, Fehlinvestitionen zu vermeiden. Deshalb sollen m den nächsten Tagen Richtlinien herauskommen. In der Öffentlichkeit dürfe unter keinen Ilm­sländen der Eindruck entstehen, als wenn die Durchführung des öffentlichen Arbeitsbeschaf- fungsprogramms sich irgendwie gegen die private Wirtschaft richte. Im Gegenteil komme sie ihr ja gerade zugute. Denn die Aufträge würden doch an die private Un­ternehmerschaft gegeben. Die Zahl der Einstellungen aus Grund des Arbeitsbe- fchaffungsprog?amms sei selbstverständlich von der Inanspruchnahme der Kredite durch die öffent­liche Hand abhängig. Ein äleberblick lasse sich erst frühestens anfangs nächsten Monats geben, wenn wenigstens ein Teil der Anträge schon vorliege. Die Bedingungen für die einzelnen Kre­dite mütßen natürlich besonders günstig sein, um eine neue Verschuldung der einzelnen öffentlichen Körperschaften zu vermeiden. Deshalb würden sie sehr erheblich unter den normalen Kreditbedingungen liegen.. Weiter werden sich die Bedingungen für die Kredite danach richten müssen, welcher Art die öffentlichen Arbeiten sind, für die sie in An­spruch genommen werden. So könnten beispiels­weise für Etrahenarbeiten, die keine Rente er­warten lasse, da man doch schließlich nicht wieder Schlagbäume einführen könne, nicht die gleichen Bedingungen gestellt werden wie für Arbeiten für werbende Unternehmungen, die eine Rente ab­werfen werden und eine Verzinsung der Kredite tragen können.

Dr. Sereke erläuterte zum Schluß dann noch die Form, in der das Recht der Kreditbewilli­gung an lokale Kreditausschüsse dele­giert werden solle. Dies könne naturgemäß nur innerhalb ganz scharf gehaltener Richtlinien ge­schehen, um zu vermeiden, daß die Zentrale durch zahllose kleinere Fälle lahmgelegt wird. Dadurch würde die wesentlichste Vorbedingung, die, wie er nur immer wieder betonen könne, die Schnelligkeit sei, stark in Frage ge­stellt werden. Selbstverständlich behalte sich die zentrale Stelle das Recht vor, alle Anträge nachzuprüfen.

Das Urteil im Helserieck-Prozeh.

Berlin, 22. Dez. (CNB.) Nach mehr als zwei­monatiger Verhandlung wurde im Jelseneck-Prozeß deute das Urteil verkündet. Die kommunistischen j Angeklagten Becker und Schön wurden wegen I

D!iebstahls zu je 6 Monaten Gefäng­nis verurteilt, die durch die Untersuchungs­haft verbüßt sind. Gegen alle übrigen Ange­klagten wurde auf Grund der Amnestie das Verfahren eingestellt. Im Anschluß an eine nationalfoziallsttsch e Versammlung kam es in der Nacht zum 19. Januar d. I. in der Kolonie Felsen­eck im Worden Berlins zu einer blutigen Schlacht zwischen politischen Gegnern, bei der ein Nationalsozialist und ein Kommunist den Tod fanden. Angeklagt waren wegen dieses Er­eignisses sechs Nation,llsoziallsten und 22 Kommu­nisten. Die erste Verhandlung fand ihr Ende, als sich der Vorsitzende des Gerichts und ein Beisitzer als befangen erklärten. Die zweite Verhand­lung, die heute zum Urteil führte, begann am 17. Oktober.

Finanzausschuß des Hessischen Landtags.

Darmstadt, 22. Dez. Der Finanzausschuß des Hessischen Landtags stimmte einem nationalsozia­listischen Antrag zu, daß den Kindern von an­erkannten Kriegsbeschädigten und Krieger Hinterbliebenen ein besonderer S ch u lg e l d e r l a ß gewährt werden kann. Da­bei soll der bisherige Ausbi.dungsgang verbessert werden dürfen, wenn bisher wegen des ,yu hohen Schulgeldes einem Kinde nicht die Ausbildung ge­geben werden konnte, die seinen Fähigkeiten ent- spricht. Eine Anrechnung des Schulgelderlasses auf ein Einkommen der Eltern soll nicht erfolgen.

Eine lebhafte Aussprache entwickelte sich über den nationalsozialistischen Antrag auf Maßnahmen zur Verhinderung des Doppelverdie­ner-Unwesens. Die Regierung stimmte der Tendenz des Antrages zu, hjsher wird schon u. a. ein 20projentiger Sonderabzug neben den nor­malen Abzügen am Gehalt der betreffenden Be­amten und Staatsangestellten vorgenommen. Der Antrag wurde einstimmig angenommen.

Der Antrag der gleichen Fraktion, die staat­lichen und kommunalen Lieferungs­und Arbei^sauftröge der hessischen Wirt- : schuft zu reservieren, wurde durch die Regierungs­antwort für erledigt erklärt. Die Regierung wies darauf hin, daß es unmöglich sei, die Aufträge lediglich an hessische Wirtschastskreise zu vergeben, weil sonst mit entsprechenden Gegenmaßnah­men der Nachbarländer gerechnet werden müsse.

Einem sozialdemokratischen Antrag, daß die Reichs bei Hilfe schon für Wohnunas- reparaturen im Kostenbetrag von 150 Mark angegeben werden sollen, wurde einstimmig zuge­stimmt.

Die Klage der deutschen Oomgemeinde in Reval abgewiesen.

Reval, 22. Dez. (TU.) Der estländische Staats­gerichtshof hat die gegen die entschädigungs­lose Enteignung des Nevaler Domes gerich­tete Klage der deutschen Gemeinde z u r ü ck ge­wiesen. Der Beschluß der zweiten Gerichtsinstanz, des Appelationshoses, über die Rechtmäßigkeit der Nutzungsrechte der deutschen Domgemeinde an den Immobilien und Kapitalien des Revaler Doms wurde zur erneuten Beschlußfassung an den Appela- tionshof zurückgeleitet. Hiermit ist der Kamps der deutschen Domgemeinde in Reval um ihren Besitz bekanntlich wurde der Revaler Dom im Jahre 1926 entschädigungslos fortgenommen in allen Instanzen verloren. Man befürchtet, daß auch die vom Appellationshof zugebilligten Nut­zungsrechte verlorengehen können.

Kleine politische Rachrichten.

Der Reichskommisfar für Arbeitsbeschaffung, Dr.

Gereke, spricht am heutigen Freitag von 19.30 Uhr bis 20 Uhr überDie vordringlichsten Auf- (laben der Arbeitsbeschaffung" über alle beut = ch e n Sender. Von 20 Uhr bis 20.15 Uhr Pricht Walter Jost, Hauptmann im Reichswehr­ministerium, über die deutsche Wehrmacht im Jahre 1932.

Gesandter v. Keller ist zum ständigen Kommissar des Reiches beim Völker­bund ernannt worden. In bi es er Eigenschaft wird Keller auch Mitglied der deutschen Delegation bei der Abrüstungskonferenz fein.

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Der Ältestenrat des Hessischen Landtags tritt am 5. Januar zusammen. Es ist damit zu rech­nen, daß die Plenarberatungen frühestens in der zweiten Ianuarhälfte beginnen werden.

In Fortsetzung der Personellen Veränderungen in dem Parteistab der hessischen RSDAP. ist der seitherige Kreisleiter Heß. Darmstadt, durch den Landtagsabgeordneten Zürtz, Darmstadt, er­setzt worden.

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In Wiesbaden hat auf Grund des Arteils des Staatsgerichtshofs, das die preußische

Sparnotverordnung vom 12. Dezember 1931 für ungültig erklärte, der besoldete Ma­gistrat mit einigen Stimmen Mehrheit beschlos­sen, ab 1. Dezember die Magistratsgehäl- ter in der früheren Höhe vor Inkraft­treten der Sparnotverordnung wieder zur Aus­zahlung anzuweisen.

Am Weihnachtsabend wird die vatikanische Radiostation die Rede des Papstes an die Kardinäle und an die römischen Prälaten über­tragen. Die Uebertragung beginnt um 24 Uhr MEZ. und erfolgt auf Welle 1984.

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Der neugewählte chilenische Kongreß hat Arthuro Alessandri zum verfassungsmäßigen Präsidenten ernannt. Alessandri, der bisher geschäftsführender Präsident war, übernimmt nun» mehr die Macht als verfassungsmäßiger Präsident.

Aus Mer

Welt.

Grohfeuer im Weißenfelser Schloß.

,3m WeißenfeFer Schloß brach ein Groh­feuer aus, als dessen Ursache wahrscheinlich Kurzschluß in .der im Schloßturm untergebrachten Funkstation der Polizei anzusehen ist. Außer der Weißenfelser Feuerwehr eilten auch noch die Feuerwehren aus Hallch Leuna und anderen um­liegenden Orten herbei. Der Schlohturm brannte vollständig nieder. Rach vier­einhalbstündiger Arbeit gelang es, denBrand auf seinen Herb zu beschränken. Der Sachschaden ist sehr groß. Zu dem Schloßbrand werden noch folgende Einzelheiten bekannt: Das We'chenfe ser Schloß, die sogenannte Augustusburg, wurde in den Jahren zwischen 1664 und 1690 als Residenz der Herzöge von Sachsen-Weißenfels, einer 1746 ausgestorvenen Rebenlinie des Kurhauses Sach­sen, errichtet. Sechs Motorspritzen schickten aus neun Schlauchleitungen 4t» Stunden lang ungeheuere Wasfermassen in das Gebäude. In­folgedessen ist der Wasserschaden außerordentlich hoch. Die schwere Kupferluppel stürzte glücklicher­weise in den Hof und nicht auf die benachbarten Seitenflügel, so daß es gelang, diese zu retten. Der Mitteltrakt selbst ist vollständig verbrannt.

Kaffeeschmuggel in Hamburg.

Der Hamburger Zollfahndungsstelle ist die Auf. deckung einer umfangreichen Zollhinter­ziehung gelungen. Unter Kohlenladungen Der* steckt sind seit August d. I. etwa 170 Sack Roh» faffee aus dem Freihafen gefdjmug» gelt worden. Der dem Fiskus dadurch hinterzogene Zoll beträgt mindestens 18 000 Mark. Als Täter kommen zwei Kaufleute in Betracht, gegen die, ebenso wie zwei weitere Mittäter. Haftbefehl erlassen worden ist.

Nachspiel ;um JaU hinhe-Bindernagel.

Bor zwei Monaten hat, wie erinnerlich, der Bankier Hintze feine Frau, die Berliner Sängerin Gertrud Binder nagel von der Städtchen Oper, niedergeschossen. An den Folgen der Ver­letzung ist Frau Bindernagel gestorben. Jetzt hat der in Untersuchungshaft befindliche Gattenmörder durch seinen Verteidiger den Erbanspruch an der Hinterlassenschaft der von ihm getöteten Sänge­rin angemelöet. Er habe, wie der Verteidiger in der Begründung ausführt, feine Frau nicht toten, son­dern ihr nur einen Denkzettel geben wollen. Das ihm zufallende Erbteil will er benutzen, um sich nach Wiedererlangung der Freiheit eine Existenz aufzu­bauen. Wenn das Gericht zu der Erkenntnis kommt, daß Hintze n cht die Tötungsabficht gehabt hat, dann ist er an sich erbberechtigt, es bliebe nur die Mög­lichkeit, daß der Vormund des Kindes gegen den Gattenmörder die Erbunwü^digkeitsklage erhebt. Das Zio'genicht kann dann aber unter Un ständen unabtjdng g von der Entscheidung des Strafgerichts zu dem Ergebnis kommen, kaß es Hintze zu glau­ben fei, er habe feine Frau nicht töten wollen. Dann erhält Hintze das Erbrecht, eventuell sogar

die väterllche Gewalt über das Kind und das Ver­fügungsrecht über die 6500 Mark, die auf das Kind aus einer Wohltätigkeitsveranstaltung der Berliner Städtischen Oper entfallen.

Panik im Zoppoter Spielklub.

Als an einem der letzten Abende der Spiel­leiter an einem Roulette-Tisch im Zoppoter Spiel- fafino die drei letzten Spiele ansagte, da um 11 Ahr abend das Roulettespiel geschlossen wird, erfolgten unter dem Roulette-Tllch plötzlich meh­rere Explosionen. Ratürlich löste der An­schlag unter den anwesenden Spielern und Klub­angestellten eine große Panik aus, die jedoch bald wieder beseitigt werden konnte. Eine Unter­suchung des aufregenden Vorfalls ergab, daß jemand einen raketenartigen Feuerwerkskörver unter den Spieltisch geworden und zur Explosion gebracht haben muß. Irgendein Schaden ist nicht entstanden. Wer den Feuerwerkskörper gewor-en hat, ließ sich nicht fest stellen. Ganz ohne Zweifel wollte die betreffende Person eine Panik ^rvor- rufen. Entweder handelte sie aus Aerger gegen den Spielklub, oder es handelt sich sogar um einen Dieb, der die Absicht hatte, während der Panik recht viel Bargeld und Spielmarken vom Tisch zu raffen. Trotz der großen Verwirrung ist es dem Unbekannten jedoch nicht gelungen, irgend etwas zu stehlen.

3n Moskau blüht der Flieder.

In Moskau und fast in der gesamten Sowjet­union wird eine für die jetzige Jahreszeit un­gewöhnliche Erscheinung wahrgenommen. Wäh­rend sonst überall in Rußland schon Mitte De­zember strenge Fröste herrschen, wird jetzt aus allen Gebieten eine Temperatur gemeldet, Sie jtoifchen vier und ach t Grad über Rull schwankt. Trotz der gelegentlichen Racht- fröste sprießen in Moskau die Knospen an den Fliederbüschen und den Kirschbäumen. 2luch aus Leningrad wird berichtet, daß der Finnische Meerbusen vollkommen e'.ssrei ist. Die Schiffahrt ist in vollem Gange.

Die Deinprelse steigen.

In Bad Kreuznach fand die erste große W e i n - Versteigerung des Verbandes der Ratur- weinverstcigerer (Raheweinbaugebiet), an der sich u. a. die staatliche Provinzial-Weinbaulehranstalt Dad Kreuznach mit 40 Rummern 1930er und 1931er Raturweine beteiligte, reges Interesse in Fachkreisen. Die Preise zeigten eine starke T e n - denz nach oben. Teilweise wurden seit Jah­ren wieder Rekordpreise erzielt. Ter Durch­schnittspreis pro Stück (1200 Liter) belief sich auf zirka 900 Mk. Die Spitzenweine fanden Liebhaber­preise. Insgesamt wurden 36150 Mk. erlöst. Tie Winzer begrüßen lebhaft die günstige Konjunktur auf dem Weinmartt.

ich

Oer Donnerer privat.

Eine heilere Weihnachisgeschichie von Martha von Zobeltih.

Der ganze Konzertsaal ist ausverkauft, und ich denke schon, ich fall um mein Weihnachtsoratorium kommen, das mir das liebste von Bach ist, da höre ich, die Orchestermitglieder erhalten jeder eine Frei­karte, wenn auch nur auf dem Podium hinter Chor und Instrumenten. Ich wende mich an den Saal- d-ener. Der streicht sich den Wachtmeisterschnurrbcrrt und meint, über diese Freikarten hätten sie sicher­lich schon al'.e verfügt. Bloß vielleicht der Paukenist, der sei ein Einzelgänger, kenne auch niemand in der Stadt vielleicht der Paukenist. Die Adresse könne er mir geben.

2ch habe in meinem Leben mancherlei Berufs- Menschen kennengelernt: Tierbändigerinnen und Olympiasieger, Stummelsammler und Fallschirm- abspringerinnen, aber noch nie hatte ich Gelegen­heit, einem Paukerl'sten menschlich nahezu treten. Ein Musiker, der Herr ist über zwei gewaltige Kessel pauken, über denen er brütet, wie ein Ur­

tier über Rieseneiern, und deren Flächen er bald grabe, bald übers Kreuz mit zwei gepolsterten Reibkeulen anrührt. Hat er den Donner entfesselt, wirft er sich hastig drüber hin, als wolle er die Schallwellen wieder einfangen. Oder er greift neben sich, und die Becken rufen gell. Sein Hoheitsgebiet reicht sogar bis zur Triangel, triumphierend hebt er sie hoch: prnterling die Triangel. Im Requiem von Berlioz werden acht Paukenisten ver.angt, aber in diesem Orchester gab es nur den einen unb für das Weihnachtsoratorium reicht es ja auch, ?,^,n IF..nur stößig ist. Es gibt ja auch mannig- sache Klöppel, aus Leder und aus Schwamm, so daß die Paukenmilde tief und voll wie der Ge­sang der Nachtigall" klingen können und nicht nur mie derDonnerhall" in der Haydnschen Sym- phome, die nach dem Paukenschlag genannt wird.

achtzehnten Jahrhundert durften die fürst- lichen Hvspauker ganze Konzerte geben Gott erpalte die Trommelfelle der Zuhörer. Später ver- jtand man unter diesem Titel ganz etwas anderes, Prttiz-n "icht übermäßig begabter

Jedenfalls muß ein Paukenist ein Mann von Xaftgefuljl sein, und deshalb schien es mir unde- denEh$, ihn auszusuchen. Auch war ich begierig, rote ein Paukenist wohl seine kurzen bürgerlichen & Durfte er sicher nicht ha-

peun. Man stelle sich vor: hundertzwei und vierzig lautlos aezahlte Takte - und plötzlich Pumm, daß der Kalk von den Wänden riefelt. Das ließe sich fein Nebenmann gefallen.

(£r wohnte als siebenter Untermieter der Witwe

Loratscheck in einem hohen und häßlichen Haus. Meine Hoffnung auf das Billett sank, als ich unter dem mir genannten Namen die Bezeichnung Mas­seur las, denn demnach war er doch nicht al- ein, sondern lebte mit einem Verwandten gleichen Na­mens zusammen, der dem menschenwalkenden Ge­werbe oblag.

Trotzdem klingelte ich. Die Witwe Loratscheck öffnete, und ich betonte, daß ich zum Musiker wollte, und nicht etwa zum Masseur.

Das müssen Sie mit ihm ausmachen! Geh'n Sie man rein dritte Tür Hinterm großen Schrank ..."

Ich ging rein. Da saß der Mann, dessen Betäti­gung mir in Chopins Trauermarsch Tränen ent­lockt hatte, an einem kleinen, runden Tisch, auf dem ein kleiner, runder Weihnachtsbaum stand, wie denn überhaupt alles im Zimmer mehr aufs Zierliche ging mit Ausnahme seiner selbst, und lauschte hingegeben einer kleinen, runden Spiel­uhr', die so leise zirpte, daß ich sie jenseits des gro­ßen Schrankes nicht einmal gehört hatte. Der große Donnerer lebte sich künstlerisch aus in der Spiel uhr, die er sich selbst zu Weihnachten geschenkt hatte.

Ich bekam mein Billett. Geld wollte er keines nehmen, er hätte ja doch niemand. Die Witwe Loratscheck sei unmusikalisch.

Und Ihr Bruder?"

Wieso denn Bruder, Fräulein?"

Der Masseur ..."

»Das bin ich doch selbst, Fräulein." Er reckte sich zu seiner ganzen Höhe auf und überragte nun den Tannenbaum und mich beträchtlich.Was soll ich den ganzen Tag über machen? Die paar Pro­ben füllen nicht. Und die Musikerhonorare, ach je! Ich massiere rhythmisch, das fleckt großartig meine eigene Idee!" schloß er wohlgefällig.Wenn Sie mal wollen?"

Ich dankte und fragte, ob er nicht sonst einen Keinen Weihnachtswunsch ...

Er sann nach.Vielleicht ein wollenes Hals-* tüchlein", er sagteTüchlein", trotz seines Stier- nackenswenn ich aus dem Konzert komme, bin ich immer so geschwitzt von der musikalischen Erregung. Ja, die Musik!" und er zog seine Spiel­uhr auf und zirpte:O Iannenbaum<

Der Paukenist-Masseur erhielt sein Tüchlein, und ich ging ins Konzert.

Als Oie vollen Chöre von dem dumpfen Rollen der Pause unterstrichen wurden, suchten meine Augen meinen musikerfüllten Freund. Ich konnte ihn nicht sehen, die Kontrabässe standen zwischen mir und ihm.

Jauchzet, frohlocket!" langen die Chöre.Laßt uns den Namen des Herrschers verehren!"

Ja, der Paukenist mußte fleißig sein. I

Oie wahre Eva.

Wo findet man heute eine Frau, die aussieht, wie Eva ausgesehen haben muß, die Eva des Pa­radieses eine Frau von reicher und ebenmäßiger Fülle, stark und geschmeidig zugleich, efrn Kind der Natur, genährt im Schoße der Natur?" Diese Frage hat der, berühmte englische Maler Frank Brang« wyn aufgeworfen, denn er braucht so eine Frau. Er hat den Auftrag erhallen, Wandgemälde für das größte Gebäude der Welt, für die Radio-Zity in Neuyork zu entwerfen, und er will hier in gro­ßen Gemälden voll Farbe und Leben den Weg der Menschheit und besonders die Entwicklung der ame­rikanischen Kultur darftellen.Wenn ich nur das vollkommene Modell f.nden könnte, um das zu ge­stalten, was in meiner Phantasie lebt, dann könnte ich ein Meisterwerk hervorbringen", erklärte Brang- wyn.Aber es gibt heutzutage keine weiblichen Modelle von dem Typ, den ich brauche. Was nützen mir diese schmalhüftigen Gewächse der modernen Welt? Ich brauche Frauen, wahre Vertreterinnen ihres, Geschlechtes, so wie es Eva gewesen sein muß." Brangwyn hat, nachdem er in den Groß­städten auf den Modell-Mär.ten die Verkörperung seines Ideals nicht finden konnte, sich unter Ofen Frauen der Landbevölkerung umgofehen, und hier blüht noch eher die reife Weiblichkeit, die ihm das wahre Frauenwesen darstellt. Aber diese Land- frauen sind zum Modellstehen nicht geeignet, denn fie haben es nicht gelernt. Brangwyn will es da- ber so machen, wie es schon Raffael gemacht hat: er w.ll aus einer großen Anzahl von Modellen die- Innigen Züge herausnehmen, die nach seiner Mei­nung dem Aeußeren der wahren Eva am meisten entsprechen und bann eine Idealfigur aus vielen Pizzen gestalten. Der Ruf des bekannten Künst­lers nach einer modernen Eva hat aber in England ein vielstimmiges Echo gefunden. Seine Klage, daß die Modelle von heute das nicht mehr seien, was sie vor 50 Jahren waren, wird von vielen Malern betätigt. Manche von ihnen geben dem Film die Hauptschuld an derVerelendung der weiblichen Gestalt." So erklärt z. B. der Maler Nesinson:Die Hauptursache des ganzen Unglücks ist das Kino. Diese Frauen von Hollywood sind nichts als hohle Schatten, ^ie haben sich abgemagert, weil man auf der Leinwand nur Zwerge und Schemen braucht, um der entstellenden Vergrößerung durch die Ka­mera vorzubeugen. Die Frauen der Welt haben sich nach diesen Idolen von Hollywood gerichtet, und damit ist diese schreckliche Manie der Abmage­rung eingeriffen, die noch heute andauert." Doch gibt es auch ritterliche 'Verteidiger der modernen Frau, die in ihrer schlanken und eleganten Figur ein höheres Schönheitsideal erblicken als in Der reifen Ueppigkeit, die einst Rubens gestaltet.Eine

realistische Eva", sagt der berühmte Photograph Bertram Park, ein befoniberer Kenner ber heutigen Frauenschünheit/dürste einem Gorilla mehr ähneln als einer schönen Frau von heute. Suchen wir uns aus den ältesten Kunstwerken, die uns erhalten sind, ein Bild von dem weiblichen Schönheitsideal des Urmenschen zu machen, so stoßen wir auf eine un­förmig dicke Masse, auf ein kleines Wesen, dessen mächtig ausladende Formen die Linien des Frauen­körpers vollkommen verwischen." Im übrigen wird betont, daß bas Uebermaß der schlanken Linie heute bereits aufgegeben ist und daß man zu ber Ver­ehrung eckt weiblicher Formen zurück'ehrt. Ein Zeichen dafür ist, daß die Direktoren der großen Theater-Revuen, die immer eine feine Witterung für die gerade moderne Frauenschonheit besitzen, in Paris und London große stattliche Gestalten bevorzugen. In Paris haben- die beiden Tänzerin­nen Moiig und Vanna Macbeth, dieüberlebens­groß" find, einen starken Erfolg gehabt, und der Londoner Revue-Direktor Cochran hat in seiner neuen Revue eine Gruppe von acht Damen ein­geführt, die alle über 1,70 Meter groß sind und durchaus die Formen aufweisen, die in früheren Zeiten ber männliche Geschmack von bem schönen Geschlecht forberte. Danach bars man also hoffen, baß Brangwyn doch noch bie wahre Eva findet, die er so schmerzlich vermißt.

Eine Sammlung

von 515000 Angerabvrücken.

Aach zwei Jahren eifrigsten Sammelns glaubt man jetzt, in der Sammlung von 515 000 Finger­abdrücken, welche die Londoner Polizeizentrale Scotland Bard aufweist, eine Bibliothek von fast unbedingter Vollständigkeit zu besitzen. Eine all­mähliche Zunah:ne ihres Besitzstandes wird so­lange erfolgen, bis alle Gewohnheitsverbrecher hier mit ihren Abdrücken festgehalten sind. Dann 5? f1111- "ach nötig fein, die neu überführten

Sträflinge zu registrieren. Dagegen wird man die Fingerabdrücke von solchen Verbrechern, die in- zwischen gestorben oder in ein Alter getreten find, aas sie zu weiteren Missetaten unfähig macht, aus dm: Sammlung entfernen. In wenigen Jahren wird man den voraussichtlich höchsten Stand ber Bitliothek erreicht haben. Im letzten Jahre war die Identifizierung durch Fingerabdrücke mit 18 116 Fällen zahlreicher als je zuvor. Im Jahre 1902, dem ersten, da das gegenwärtige Abdruck- shstem eingeführt war, zählte man 1722, im Jab» 1901, dem letzten, in dem nach Bertillons Me­thode vorgegangen würbe, nur 503 erfolgreiche Fälle.