Nr. 302 Kvühaussabe
182. Zahrgang
Zreitag, 23. Dezember 1932
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Frankreichs Weihnachtskrisis
Wie wird paul-Boncour aus der Finanzkalamiiat herauskommen?
Von unserem Zr.-Berichterstatter.
Paris, De.zember 1932.
Während es bei uns zu Hause bereits fo anheimelnd weihnachtet, denkt der Deutsche, der diese Vorweihnachtstage in Paris verbringen muß, mit Wehmut an die Heimat, wo dieser Weihnachts- friede doch wenigstens bis zu einem gewissen Giade sich in der Politik bemerkbar zu machen pflegt. Das ist hier eigentlich immer anders, und ganz besonders in diesem Jahre, daß ja noch schnell der französischen Republik eine Krise beschert hat. die von außerordentlicher Schwere ist. Bislang hatte man ja immer damit gerechnet, daß der Sturz Her- riots erst im Januar erfolgen würde. Ganz Schlaue wußten 7>gar das genaue Datum, den 20. Januar näml.ch, weil bis zu diesem Tage der neue Haushalt vorge.'cgt sein muß. Der neue Haushalt, der unbarmherzig die schlechte Finanzlage Frankreichs enthüllen würde, und der nach Ansicht aller einsichtigen Politiker Gehalts- und Pensionstürzun- gen we.tere Einschränkungen der militärischen Ausgaben und sonst ger sachlicher Ausgaben m t sich gebracht haben würde — kurz lauter Dinge, um deretwillen Parteien nun einmal Regierungen zu stürzen pflegen. Da Herriot. nicht gewillt war, sich dem sozialistischen Diktat zu fügen, das jede Gehalts- und Pensionskürzung unterfagte, war klar, daß er fallen würde; hatte sozusagen nur „S ch o n f r i ft" bis zum I a.n u a r. Eine Schonfl st übrigens, die von seinen Gegnern um so lieber gewährt wurde, als man hoffte, daß es sich in der Januarkrise, in der es ja um Bargeld und nicht um außenpolitische Phvasendrusch handeln würde, ganz erledigen würde ... %
An diese .Lage muß man anknüpfen, wenn man die Aktionen Paul-Boncwrrs verstehen will, nachdem Herriot so ganz wider Erwarten schon vor dem Januar ausgeschieden ist. Paul-Boncour ist nicht etw.a beliebter als Herriot — im Gegenteil, es gibt wohl kaum jemanden, der gleichzeitig auf der Rechten und auf der Linken eine gleiche Anzahl von persönlichen Feinden hat — aber er ist sehr viel klüger. Er hat daher auch sofort den Braten gerochen, als die Reihe an ihn kam, die Regierung zu bilden: Er wußte, daß ihm dieser Auftrag von seinen zahlreichen Gegnern nur gegönnt wurde, damit er sich ebenso wie Herriot „erledige", und daß nur seine wenigen Freunde, zu denen allerdings auch der Staatspräsident Lebrun gehört, von chm ernstlich eine Lösung der Krise erwarteten. Denn nur sehr wenige waren sich im Augenblick der Betrauuna Boncours klar, daß dieser Außenpolitiker par excellence, dieser Advokat des internationalen Rechts auch einer der gewiegtesten Kenner der innerpolilischen Fragen feines Landes ist, in der er ja seit über dreißig Jahren eine Rolle spielt. Gewiß hat der Staatspräsident in dem Augenblick, in dem er Boncour betraute, auch daran gedacht, daß Boncour von allen Persönlichkeiten mit die geeignete st e sein würde, um die Ab- rüstungsfrage im Sinne Frankreichs zu vertreten und gegenüber Amerika einen gewandten Advokaten der verfahrenen Sache Frankreichs zu machen; entscheidend aber war, daß Boncour eine Lösung der innerpolitischen Fragen mit sich brachte, die ihm zunächst einmal eine Kammermehrheit sichert.
Denn Boncour brachte eines mit, was seinerzeit auch bei ter Betrauung Herriots als ausschlaggebend empfunden wurde: die Unterstützung derfranzöfischenSozialisten. Das braucht aber jeder, der mit der gegenwärtigen Kammermehrheit regieren will. Die Kammer hat eben eine Links- mehrheir aus Sozialisten und Radikalsozialisten, die nur deshalb so schlecht funktioniert, weil es bisher nicht miigl ch war, das alte Kartell der Linken wieder herzustellen, da diese beiden Parteien in der Frage der Abrüstung und in der Frage der Bud- getgestaltung sich so grundsätzlich unterscheidm. Solange die jetzige Kammer besteht, wird daher jeder Ministerpräsident, der eine einwandfreie Kammer- mehrhcit haben will, die Sozialisten gewinnen müssen. Denn die Rechte wird sich erst dann wieder mit den Radikalsozialisten verbünden, wenn diese praktisch erledigt sind.
Das Kunststück, die Sozialisten zu gewinnen, bestand also darin, ihren Forderungen weitgehend entgegen zu kommen und doch die Forderungen abzu- lehnen, die von den anderen Parteien abgelehnt würden. Das hat Boncour sehr schnell begriffen: Die Ablehnung der Kürzung aller Bezüge konnte er zugestehen, wenn er dafür die Unterstützung der Partei auf außenpolitischem Gebiete erhielt, während er die Kürzung des Militärhaushalts ab lehnen mußte, um die anderen Parteien zu gewinnen. Er hat daher fein Programm geschickt den Erfordernissen dieser Lage angepaßt, hat auf die Bezahlung an Amerika verzichtet, hat versprochen, die Ab- rüstungspolidik der Sozialisten fortzusetzen (so, wie er sie versteht, natürlich) kurz, hat in aller Geschick- lich eit ein Kompromiß zureclftgeschnitten, das jedem etwas zu geben scheint. Denn genau wie er den Sozialisten die Beibehaltung der bisherigen Be- ziige versprach, hat er das gleiche auch den anderen Parteien versprochen, so daß nur die Frage bleibt, wer denn nur das alles bezahlen soll. Aber auch hier hat Boncour Rat gewußt. Statt die Ausgaben zu kürzen, hat er die Ausgaben erhöht — und infolgedessen vorgeschlagen, daß auch die Steuern erhöht werden sollen. Da hat man also das Opferlamm gefunden: der französische Staatsbürger soll das Opfer bringen, um Boncours Kabinett am Leben zu erhalten.
Jedoch würde auch diese Abmachung, die natürlich
Vertrauensvotum für das Kabinett paul-Boncour.
Oie Regierungserklärung wird von der Kammer mit 379 gegen 166 Stimmen bei 61 Enthaltungen gebilligt.
Paris, 22. Dez. (TU.) Kammer und Senat traten am Donnerstag zusammen, um die Regierungserklärung entgegenzunehmen, die in der Kammer vom Ministerpräsidenten Paul-Bo n- c o u r und im Senat vom Justizminister G a r - deh verlesen wurde. Die Kammer wies das übliche Bild eines großen Tages auf. Als Paul- Boncour kurz vor 15 Uhr erschien, wurde er von der großen Mehrheit der Abgeordneten mit Beifall begrüßt, desgleichen der neue Finanzminister Cheron. Die übrigen Mitglieder der neuen Regierung wurden nicht besonders geehrt.
Paul-Boncour
verlas gleich zu Beginn der Sitzung seine Erklärung, in der er eingangs feststente, daß die Regierungskrise unter besonders heiklen Umständen ausgebroefjen sei. Weder das Ansehen des Regierungschefs, noch die von ihm vertretene Politik sei dadurch berührt worden. Die Zusammensetzung des neuen Kabinetts zeige, daß sie die Politik der vorhergehenden bewußt fortsetzen werde. Eine der wesentlichsten Aufgaben der neuen Regierung fei die Wiederherstellung der S t a a t s a u t o r i t ä t, da man zur Durchführung kühner Reformen zuerst das notwendige Instrument brauche, d. h. einen modernen Staat, in dem die Autorität unumstritten fein werde. Die Regierung müsse sofort einige Hindernisse beseitigen, und zwar zunächst die Finanzen gesunden, den Fehlbetrag ausgleichen und das Gleichgewicht des Haushaltsplanes wiederherstellen. Die Regierung beabsichtige energische Beschränkung der Ausgaben, zu deren Verwirklichung sie auf die Mitarbeit der zuständigen Kammerausschüsse und der Beamten und der Kriegsteilnehmer zurück- greisen werde. Gleichzeitig sei die Neuregelung des öffentlichen Dienstes und die Abschaffung unnötiger Einrichtungen notwendig. Da aber sofortige Maßnahmen erforderlich seien, schlägt die Regierung für den Augenblick ein provisorisches Haushaltszwölftel vor. Im Januar werde ein zweites Zwölftel eingebracht werden, in dem bereits em Teil der neuen Sparmaßnahmen enthalten fein werde.
Die zweite wichtige Aufgabe fei die allgemeine Regelung der Kriegsschuldenfrage. Die Regierung verspreche, dieser Ausgabe alle Kraft zu widmen. Sie sei der Ansicht, daß die augenblickliche verwickelte politische Lage in den Bereinigten Staaten eine ä u ß e r st . vorsichtige V e r h a n d l u n g s f ü h r u n g erforderlich mache. Die Richtung dieser Verhandlung sei durch den Kammerbeschluß vom 12. Dezember gegeben. Inzwischen sei glücklicherweise während der Krise durch den bisherigen Ministerpräsidenten die Fühlungnahme mit Washington aufrechterhalten worden. Die neue Regierung erkenne an, daß in Washington ernste Anstrengungen gemacht worden seien, um die Schwierigkeiten zu beseitigen. Die französische Regierung sei außerordentlich glücklich, jede Möglichkeit einer Annäherung zu ergreifen und werde die Verhandlungen mit der festen Absicht führen, eine Gesamtlösung vorzubereiten, um der Unordnung ein Ende zu bereiten, wie sie die Last der zwischen st aatlichen Schulden für die wirtschaftliche Wiederherstellung darstellt.
Gleichzeitig werde die Regierung im Einvernehmen mit den Staaten, an die Frankreich durch ein gemeinschaftliches Streben gebunden fei, und ohne Hintergedanken gegen einen Dritten, gestützt auf die wirksame Freundschaft Englands und in dem Wunsche, jede Schwierigkeit zu beseitigen, die mit den Ländern bestehen könnten, mit denen Frankreich eine alte Kultur und nahe Erinnerung verbünden, sich bemühen, andere internationale Verhandlungen zu einem guten Abschluß zu bringen. Auch sie drängten, von ihnen hänge zum größten Teil die Lösung der Krise ab, die die tiefere Arsache der budgetären Schwierigkeiten Frankreichs sei. Diese Krise sei nämlich nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch psychologischer Art, geboren aus der internationalen Beunruhigung und den
Mißverständnissen und Rivalitäten unter den Völkern.
Die vorangegangene Regierung habe sich erfolgreich bemüht, die Abrüstungskonferenz aus der Unsicherheit und Langsamkeit, in der sie zu versacken drohten, zu befreien. Die Regierung werde dieses Werk fortfetzen. Es sei ein konstruktiver Plan eingebracht worden, der in präzisen Formeln die notwendige Verbindung zwischen der Abrüstung und der Sicherheit hergestellt habe und der sich nicht einer dieser Formeln bediene, um die ctaSere auszu- schalten oder aufzuschieben. Die Regierung werde den Plan verteidigen.
Ein wichtiges Ergebnis fei erreicht: Auf die Abrüstungskonferenz fei ein großes Land
Die Regierungserklärung, die Paul-Boncour mit absichtlichem Pathos langsam, jeden Satz unterstreichend, verlas, wurde mit einer g?wissen Zurückhaltung auf genommen. Da sie in der Hauptsache der äußersten Linken gerecht zu werden suchte, fand sie an den maßgebenden Stellen deren Beifall. Aber ausgefallen ist, daß selbst die Stellen, die den nationalen Interessen aller Parteien Rechnung tragen, von den rechtsstehenden Fraktionen und auch von den Gruppen des rechten Flügels der Mitte äußerst kühl aufgeuemmen wurden. Die Ausführungen Paul- Boncours über die Abrüstungskonferenz und über die Gleichberechtigung waren sehr vorsich- t i g gehalten. Seine Erklärung, die Regierung werde darüber Wachen, daß kein Mißbrauch mit dem Zugeständnis der Gleichberechtigung getrieben werde, sandBeifall. Bemerkenswert war in der Regierungserklärung, daß die Sicherheit nicht etwa vor der Abrüstung kommt, sondern daß beide gleichgestellt werden, die eine nicht gegen die andere ausgespielt werden kann.
Oie Oebaiie,
die sich an Paul-Boncours Rede anschloß, wurde durch die Interpellation des Kommunisten D o - r i o t eröffnet, der einen allgemeinen Rückblick über die Ministerkrise gab, an der Regierung und an ihrem Programm Kritik übte und außerdem die Streichung sämtlicher Kriegsschulden forderte. Der Radikalsozialift Hulin foderte die Regie- rung auf, die Politik zu betreiben, die die augenblickliche Mehrheit versprochen habe: Laienschule, finanzielle Gesundung, Beseitigung der Ungerechtigkeiten des Steuerwesens und Organisierung des Friedens. Unter großem Beifall der Linken zollte er Herriot besondere Anerkennung dafür, daß er Frankreich aus der Vereinsamung herausgeführt habe. Der Regierung Paul-Boncour falle die Aufgabe zu, das Werk Herriots fortzusetzen. Der Vorsitzende des Heeresausschusses, Oberst
Berlin, 22. Dez. (ERB. Funkspruch.) Dor Vertretern der Presse äußerte sich Reichskommissar Dr. Gereke über die bisherigen Arbeiten des Reichskommissars für die Arbeitsbeschaffung. Er unterstrich noch einmal, daß nicht eine große Behörde auf gezogen werden solle, sondern daß es vielmehr darauf ankomme, allen einzelnen Arbeitsmöglichkeiten nachzuspüren und ein zusätzliches Programm für ö f - sentliche Arbeitsbeschaffung mit aller Beschleunigung durchzuführen. Dieses Programm soll eine Ergänzung der von der Reichsregierung schon in Angriff genommenen Maßnahmen fein. Genaue Zahlen über die Mittel, die für diese Aufgaben zur Verfügung stehen, taffen sich im Augenblick noch nicht nennen. Rach den bisherigen Verhandlungen mit der Reichsbank ist aber sicher, daß dem öffentlichen Arbeitsbeschaffungsprogramm die Kreditausweitung zur Ver- . fügung stehen wird, die Reichsbankpräsident Dr. Luther in seiner Münchener Rede a u f 2,7 M i l - I liarden beziffert hat. Für das Sofortpro- | gramm ist mit 500 Millionen zu rechnen. I
zurück gekehrt, dessen Anwesenheit notwendig sei, um der abzuschließenden Konvention und den Garantie- und Kontrollmahnah- men, die deren Folge sein mühten, ihre volle Wirksamkeit zu verleihen. Die Regierung werde darauf achten, daß man aus der loyalen Anerkennung einer Gleichberechtigung und der Gleichheit der P(lid)fen und in einer positiven Organisation der internationalen oder wenigstens europäischen Sicherheit nicht Konsequenzen ziehe, die auf eine mit dem Zweck der Konferenz sowie mit den Friedensverträgen unvereinbare Ausrüstung abzielen würde.
Fabry, wies daraus hin. daß gegenwärtig in Frankreich und in Deutschland Kriegsmini- st er an der Spitze der Regierungen ständen. Während Schleicher die Reichswehr stark mache, gewähre Paul-Boncour auf Kosten des französischen Heeres die Gleichberechtigung. Heute fordere die Reichswehr Tanks und eine Äeuord- nung ihres Aufbaus. Morgen werde sie die Be- feftigung der entmilitarisierten Zone verlangen, um dann Gebietsforderungen zu erheben. Die moralische Abrüstung und die Schaffung einer internationalen Streitmacht seien vor allem anzustrebLn. In Gens müßten die Verfehlungen Deutschlands gegen die Abrüstungsbestimmungen bekanntgegeben werden.
Ministervräsident Paul-Boncour antwortete, Fabry habe die Einsetzung des interalliierten Kontrollausschu^es zur Feststellung der Verletzungen des Versailler Vertrages durch Deutschland gefordert. Die Tatsache aber, daß auch die anderen Regierungen das Ausleben dieses Ausschußes nicht wollten, beweise, daß eine einseitige Kontrolle gegenwärtig nicht durchführbar sei. Mit um so größerer Genugtuung begrüße er den französischen Ab- rüstungs- und Sicherheitsplan, der die einzig mögliche Kontrolle, die internationale Kontrolle, vorsehe. — Der Sozialistenführer Leon Blum äußerte sich sehr günstig über die Regierungserklärung. Hulin (Rad.-Soz.) brachte folgende Vertrauensentschließung ein: Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung und vertraut, daß sie die Friedenspolitik, die Politik der wirtschaftlichen und finanziellen Gesundung, des Schutzes der Landwirtschaft, des sozialen Fortschritts und der durch die allgemeinen Wahlen geforderten Laienschule betreiben werde. — Die Entschließung wurde mit 379 Stimmen gegen 166 bei 61 Enthaltungen angenommen.
In der Durchführung der Aufgaben des Kommissariats soll vor allem der Grundsatz der Dezentralisation maßgebend sein. Es kommt im wesentlichen daraus an, Kredite unter besonders günstigen Bedingungen den Trägern der öffentlichen Arbeit zu geben. Das sind also die Gemeinden, Gemeindeverbände, Genossenschaften usw. Sie müssen Anträge stellen, die von dem Kreditausschuß bearbeitet werden. Für die Auszahlung der Beträge kommt in erster Linie die Deutsche Gesellschaft für öffentliche Arbeiten und die Rentenbank-Kreditanstalt in Frage. Beide Institute haben auf diesem Gebiete bereits große Erfahrungen.
Dr. Gereke betonie, daß er nicht die Absicht habe, bewährte Methoden durch neue zu ersehen, sondern daß es ihm vor allen Dingen daraus ankomme, die ganzen Bemühungen um die Arbeitsbeschaffung zu beschleunigen. Deshalb soll auch der Instanzenzug für die Kreditgewährung nach Möglichkeit verkürzt werden. Der Reichskommifsar hofft, daß
KWeAusnaftne drrRegieniWerklMW.
Gerekes Ucheiisbeschaffungsproßramm.
in sich schließt, daß das ganze Budget neu aufgeste111 werden müsse, noch nicht genügen, Boncour zunächst wenigstens eine Mehrheit zu sichern, wenn dieser schlaue Fuchs nicht noch anderen Rat gewußt hätte. Nachdem er sich nämlich nach den Sozialisten auch die Radikalsozialisten und weitere Gruppen der Luken auf Grund des geschilderten Budgetkompromisses gesichert hatte, hat er sich nun etwa keineswegs daran gefetzt, feine Versprechungen sofort zu verwirklichen. Er mühte nicht Boncour heißen, wenn er nicht gleich einen Dreh gesunden harte, um die Entscheidung hinauszuschie- d e n. lind der Dreh ist sehr einfach: Er bringt das versprochene Budget vorläufig nicht ein, und begnügt sich, mit der Einbringung eines Budgetzwölf - t e ( 5. Das .ist bekanntlich die geniale Erfindung Poincarös, der in Krisenzeiten innerpolilischen Entscheidungen dadurch ausw.ch, daß er immer
nur für einen Monat die Gelder bewilligen li§ß. Dann konnte man den Entscheidungen aus; weichen, oder es merkte niemand, was los war. Daß Boncour sich Poincares Vertrauensmann Cheron als Finanzminister verschrieben hat, ist also nur bezeichnend für seine Absichten. Das wird natürlich nicht hindern, daß er in Kürze trotzdem neues Geld für die Staatskasse braucht, die gänzlich geleert ist. Aber pumpen tut die französische Kammer gern. Die Schwierigkeit wäre also zu überwinden.
Man muß also wohl damit rechnen, daß Boncour zunächst einmal die Schwierigkeiten überwinden wird, über die Herriot im Januar gestürzt wäre. Aber er bedient sich dazu einer Methode, die schon einmal Frankreich unter der Herrschaft der Linken finanziell an den Rand des Abgrundes gebracht hat. Denn sie führt dazu, daß immer wieder Gelder bewilligt werden, die nicht
durch solide Steuern gedeckt sind, und die schließlich nur durch Inflation beschafft werden können. Das scheint auch seine Ansicht zu sein, ba er woh! glaubt, mit den Gold-Milliarden der Bank öouv Frankreich im Hintergründe zunächst einmal sich den Luxus einer Vermehrung des Notenumlaufs gestatten zu können. Wobei er vielfach sogar die Vorstellung, hat, daß Frankreich von seinem Goldc etwa d e r l'i e r c n müßte, um gegenüber Amerika ebenso hilfsbedürftig zu erscheinen,^wie etwa England. Man täusche sich also nicht: oo verhaßt persönlich Boncour ist — er richtet sich mit seiner Bud- getpol'üik auf eine Politik auf lange Sicht ein. Dieser Gegner Deutsch'ands kann uns also u. U. noch sehr viel zu schaffen machen. Wie geschickt er ist, das zeigen doch gerade diese ersten Akte seiner Regierung ...


