Ausgabe 
23.11.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt

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Aber ein wenig unheimlich ist es doch unter den Stadtbahnbögen. Denn alle zwei Minuten bullert ein Zug zu unseren Häupten vorbei, die Decke wackelt, und eine Sekunde lang zittert der ganze große Raum wie Gelatine. (Der Berliner sagtrote Sülze".) Ob da nicht doch eines Tages uns etwas auf den Stopf fällt? Steine Angst: die Stadt Ber­lin hat vorgesorgt. Sie hat einen regelrechten Wachtdienst eingerichtet, der ununterbrochen zwi­schen diesen Katakomben hin und her pendelt. Jeder Riß, jede Senkung, jede kleinste Unregelmäßigkeit wird sorgsam registriert. Damit hofft man, ein Maximum an Sicherheit zu gewährleisten, nicht nur für die Stadtbahn selbst, sondern auch für die Leute in den Caoernen unter dem Stadtbahnbogen.

Auch Marburg verspürt das Erdbeben.

WSR. Marburg, 22. Rov. Auch hier machte sich das in der Rächt zum Montag in vielen Ortschaften Westdeutschlands verspürte Erdbeben durch Erschütterung von Häusern oder Möbel­stücken mehr oder weniger bemerkbar. Die Seis­mographen des Physikalischen Instituts der hie­sigen Universität verzeichneten eine Dodenbe- wegung von etwa 250stel Millimeter.

Silberne Hochzeit. Das Fest der sil­bernen Hochzeit ,eiern am Mittlvoa), 23. Rov., Oberpostsekretär Ludwig Keller und Frau Anna., geborene Heil, wohnhaft in Gießen, W.l- helmstraße 47.

* Auf gehobene Straßensperre, mitgeteilt vom Oberhessischen Automobil-Club (S. 03. (A. v. D., Gießen): Die Sperre der Orts­durchfahrt Herbstein im Zuge der Straße LauterbachSelters ist aufgehoben.

Nachdenkliches Berlin

Unpolitischer Brief aus der Reichshauptstadt.

50Jahre Gießener Eisverein

Von Landgerichisdirektor i. 5t Echudt.

Winterhilfe.

W.) Aach einer Mttei« Liga der freien find von Mitte bep« i. 3. insgesamt über 29,4 it tunt) 3000 'Sag. . Brennstoffe und den verfLiedenen Se. ie Winterhilfe von der :dert worden. Und Mr ttoffeln und zusammen Obst, Gemüse, Brot« usw. und ferner 00000 iketts und rund 55 000 )t|an die mit der5urch« e trauten Organisalionen nterhilse gelangt.

üöemimmt

*r.

Wie, 6er Jtottfaufät isopWe ^afultäl der h vvrher'M aenmärhyn Masb« Minister Professor Dr. i Warmbold einn ,1 anzubieten. Da Beaus- enwärtig in Berlin mit die näheren Einzelheilen tzustehen, daß er fim politischen Leben um sich wieder feiner Tätigkeit zu widmen.

dem Auge nicht ohne weiteres sichtbaren Körperteile reinigen soll, erscheint nur zu selbstverständlich. Leider kommt es immer noch gelegentlich einmal vor, daß eine Patientin z. B. wegen eines Fuh- leidens den Arzt auffuchl und diesem, wenn er sich neben dem kranken auch den gesunden Fuß ent­blößen lassen will, entgegnet:Darauf bin ich aber nicht vorbereitet". Schließlich und endlich sollte nie­mand den Merkspruch desReichsausschusses für hygienische Dolksbelehrung" vergessen, der da lautet: Der beste Arzt heißt Sauberkeit und wohnt vom Wasser gar nicht weit". DKGS.

Vornotizcn.

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute, 20 Uhr, Wieder­holung des Schwanles ..Der Raub der Sa- binerinnen" von Echönthan unter der Spiel­leitung von Karl CB o l d. 7. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement. Ende: 22.33 Ahr. Ge­wöhnliche Preise. Als 8. Vorstellung im Freitag-Abonnement am Freitag. 25. Rovernber, Wiederholung des anläßlich des ICO. Geburts­tages von Vjörnson in den Spielplan aufgenom­neuen LustspielsAeber unsere Straft. Spiel- Peilung: Wolfgang Kühne. Gewöhnliche Preise. Spieldauer von 23 bis 22.15 Ahr. Anter dem Zeichen des 25. Bühnenjubiläums steht der Sonn­tag, 27. Rovernber, als offizieller Festtag. 11 Ahr Jubiläums-Festvorstellung unter Mit­wirkung des Orchestervereins Gießen mit einem szenischen Querschnitt durch unsere wichtigsten Aufführungen. Ansprachen: Oberbürgermeister Dr. Keller und Intendant Dr. P rasch. 18.30 Ahr zum letztenmal die erfolgreiche Ope­rettenneuheit ..Die Toni aus Wien" in der be­kannten Besetzung der Erstaufführung. Ermäßigte Operettenpreise. Schülerkarten haben Gültigkeit. Ende 21 Ahr. Als Abschluß des Festtages mit vollständig neuem ProgrammRacht-Kabarett" unter der künstlerischen Leitung und Ansage von Wolfgang Kühne. Ganz kleine Preise! Ende 24 Ahr.

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die Zollpolitik und die u?-.Das Heilmittel liege '?'eL Die handelslchran« ingt werden. Die Welt, unter allen Umständen e Zvllerhohung soffen.

Man lag in Gießen dem schönen und gesunden Sport des Schlittschuhlaufens von jeder mit Eifer ob und nutzte dazu jede sich bietende Gelegen­heit aus. 01 ad) außergewöhnlich kalten Wintern Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts folgten mildere Winter, in denen die Lahn nicht zufror und es an Ge­legenheit zum Schlittschuhlaufen fehlte. Deshalb und weil das Lausen auf der Lahn nicht un­gefährlich, die Bahn auf der Lahn auch nicht leicht zu erreichen war, wurde im Winter 1 8 8 2 8 3 derG ießener E i s v e r e i n" ge­gründet. w

Im Januar 1883 trat der Vorstand des Der- eins (Professor Dr. Fromme, Gendarmerie- major Beck und Rentner Philipp Lenz) mit der Ditte an die Stadtverwaltung heran, dem Ver­ein das Wiesengelände auf dem lin­ken Wieseckuser von der Ziegelhütte bis zum Steg am Philosophenwald für die Herrich­tung einer Eisbahn zu überlassen. Arn 9. Fe­bruar 1883 antwortete die Bürgermeisterei, daß die Stadtverordnetenversammlung dem Gesuch stattgegeben und beschlossen habe, von der Er­hebung eines Entgelts abzu^hen.

Damit war die Herstellung der Eisbahn ermög­licht, und die nötigen Arbeiten wurden alsbald in Angriff genommen.

3n späteren Jahren mußte der Verein für die Aeberlassung der Wiesen 300 Wark, späterhin ermäßigt auf 200 Mark, entrichten, und heute gibt er als Entgelt eine größere Zahl von Frei­karten an die Stadt für unbemittelte Schüler.

Der Eisverein hat in den ersten Jahren seines Bestehens neben der Herrichtung und Ante^ Haltung der Eisbahn an der Moltkestraße auch noch den Schlittschuhbetrieb auf der Bahn in d.e Hand genommen. Es liegt mir eine Eingabe des Vorstandes an das Grohh. Polizeiamt vor vom 30. 10. 86, in derum die Erteilung der Konzession (!) für An- und Abschnallen der Schlittschuhe und.das Kehren der Eisbahn auf der Lahn vor der. Wehr unterhalb der Bade­anstalten bis zum Felsen" nachgesucht wird. Die Konzession" wurde gegen Stellung einer Kau­tion erteilt.

Mit der Gründung des 03ereins war erreicht, daß auch in weniger kalten Wintern nach nur einigen Frosttagen den Schlittschuhläufern eine gute, leicht zu erreichende Eisbahn zur Verfü­gung stand. Die Einrichtung einer besonderen Kunstlaufabteilung hatte zur Folge, daß die Gießener Schlittschuhläufer es auch im Kunstlauf bald zu recht ansehnlichen Leistungen brachten. Der Vorstand ließ, um zu immer eifrigerem Training anzuregen, bisweilen auch bekannte auswärtige Kunstläufer, so u. a. den damaligen Bürgermeister Brink von Offenbach, nach Gie­ßen kommen. Diese Anregungen fielen bei unserer Jugend auf fruchtbarem Boden. Besonders eifrig äbte in jenen Jahren eine den älteren Lesern wohl noch bekannte Gruppe von Gymnasiasten. Die Madels standen an Eifer und Leistungen den Jungens nicht nach. Für Unterhaltung auf der Eisbahn wurde durch Veranstaltung von Konzer­ten, Tänzen, Eisfesten u. ä. m. gesorgt.

Der Gießener Eisverein darf demnach als c ch t e r Dolkssportoerein mit Genugtuung aus die ersten 50 Jahre seines Bestehens '.'-nd _bas in dieser Zeit Geleistete zurückschauen. Sein Streben ging nicht in erster Linie danach, einzelne sportliche Spitzenleistungen zu erzielen, sondern dem Eis spart in unserer Stadt eine rn.»glichst große An­hängerschaft in allen Volkskreisen zu gewinnen, um so vor allem unsere Jugend für diesen schönen und so gesunden Sport zu begeistern.

Bedauerlicherweise ist neuerdings die Zahl der Mitglieder auch in vielem Verein erheblich zurück gegangen. Es darf deshalb hier auch die Mahnung an unsere Mitbürger gerichtet werden, doch w i c der recht zahlreich dem Verein beizu­treten und ihm die Irene zu wahren und so mitzuhelfen bei der Erreichung der wirklich gemeinnützigen Ziele des Vereins.

Der schmucke und praktische Neubau des Sport Houses und die Hinzunahme weiterer Sportarten mögen einem weiteren Aufschwung d e s Eissports im Eisoerein neuen Anstoß ver­leihen, damit auch dieser Verein in den Stand ge­setzt wird, an seinem Teil an der Ertüchti­gung der Jugend mitzuarbeiten und die alte ren Eissportler frisch und jung zu erholten.

Deshalb wünschen wir dem Gießener Eisverein ein kräftiges Blühen und Gedeihen in den nächsten 50 Jahren.

Gießen, den 23. Rovernber 1932.

Gesundheit, Master und Seife.

Wie oft waschen Sie sich Ihre Hände? Mit dem Verlangen nach gewissenhafter Beantwortung dieser Frage könnte man woHl so manchen in Verlegenheit bringen. Schade, daß es darüber noch keine Sta­tistik gibt! In ihr würde zweifellos der Arzt am besten wegkommen, denn niemand weiß so gut wie er, welche ungeheure Bedeutung der Sauberkeit für die Erhaltung unserer Gesundheit zulommt.

Alle Dinge, mit denen wir im Laufe des Tages oder der Nacht in Berührung kommen, sollten sauber sein: Tische und Stühle,- und Trinkgeräte, Nahrungsmittel und Geldscheine, Federhalter, Blei­stifte usw. Da sie es nickt sind und auch kaum fein können, ist es unsere Pflicht, vor allem an uns selbst für Sauberkeit zu sorgen. Das gilt in erster Linie für unsere Hände, die mit allen diesen Gegen­ständen fortwährend in Berührung kommen.

Zum Händewaschen gehören Wasser, Bürste und Seife. Die Beschaffenheit der Seife ist nicht ganz gleichgültig. Wer zu trockener, spröder Haut neigt, der wird zweckmäßig eine fetthaltige evtl, eine über­fette Seife benutzen: umgekehrt sind bei fettiger Haut fettarme Seifen empfehlenswert. Auch die Frage, ob man zum Waschen warmes oder kaltes Wasser verwenden soll, läßt sich nicht allgemein­gültig beantworten, sondern richtet sich vielfach nach der Hautbeschaffenheit. Wenngleich warmes Wasser auch beim Wafchprozeß gründlicher reinigt als kaltes, so führt doch die ständige Benutzung warmen Waschwassers leicht zu einer Verweichlichung der Haut und leistet so, z. B. im Winter, der Entstehung aufgesprungener Hände Vorschub. Im allgemeinen wird man daher zum üblichen Händewaschen am besten stubenwarmes oder kaltes, wenn möglich fließendes Wasser benutzen.

Sehr wichtig ist es, sich nach dem Waschen in einem grobleinenen, oder noch besser in einem Frottierhandtuch sorgfältig die Hände abzutrocknen und im Winter möglichst nicht gleich nach dem Händewaschen auf die Straße zu gehen. Selbstver­ständlich muß das zum Abtrocknen benutzte Hand- tuch trocken und sauber fein. Auf den letzteren Punkt sei mit besonderem Nachdruck hingewiesen, denn mit einem schmutzigen, oder von mehreren Personen benutzten Handtuch bringt man auf die eben gereinigte Hand prompt wieder Unreinlich­keiten, wenn nicht gar Krankheitserreger. Aus die­sem Grunde sind die sog.Rollhandtücher" oder das ewige Handtuch" zu verwerfen. Viel zu wenig irnb viel zu unzweckmäßig wird in Lokalen, Thea­tern, Konzertsälen, aber auch in Kaufhäusern und dergleichen für die Möglichkeit eines hvgienisch ein­wandfreien und vor allem kostenlosen Hände­waschens gesorgt. Gerade in der heutigen Zeit ist es nicht gleichgültig, ob man neben der Gebühr für die Benutzung der Toilette pro Person noch extra 10 oder 20 Pf. für die selbstverständliche, nachfolgende Reinigung der Hände mit Wasser und Seife und den Gebrauch eines Handtuchs bezahlen muß!

Daß man fick zu Hause natürlich nicht mit dem Waschen von Gesicht und Händen begnügen darf und wenn möglich durch häufiges Baden, min­destens aber durch tägliches Waschen auch der.

4631 Menschen.

Ich weiß nicht, welche kleine Stadt es in Deutsch­land gibt, die genau 4631 Einwohner zählt. Gs gibt bestimmt zahllose Städtchen in diesem handlichen Format. Diese 4631 Menschen sind bestimmt irgend­wo eifrig tätig, beschäftigt wie die Bienen, einge­spannt in den kleinen Mechanismus ihres Lebens, ihres Zusammenlebens, ihrer Stadt. Aber um diese 4631 Menschen handelt es sich nicht. Wir sprechen von Berlin. Und in Berlin, in einer Statistik, die von der Stadt Berlin herausgegeben wurde, kommt diese Zahl 4631 an einer merkwürdigen, grausigen Stelle vor. Im Jahre 1931 sind 4631 Menschen aller Altersstufen spurlos in Berlin unterge- taucht, ohne daß es möglich war, einen einzigen von ihnen jemals wieder aufzufinden.

Verschwunden sind sie, verschollen so nennt sie das Gesetz. Und, damit man sich eine ge­naue Vorstellung von diesem unfaßbaren Begriff macht, lehrt es uns, daß es außerallgemeiner Verschollenheit" drei Arten von Verschwundenen gibt. Es gibt Verschwundene, die aus einem Kriege nicht wiedergekehrt sind. Es gibt Vermißte, die zu­sammen mit ihrem Schiff niemals wieder in ihrem Heimathafen oder in einem anderen Hafen der Welt eingelaufen sind. Und es gibt nach jeder großen Naturkatastrophe, nach jedem großen Urv glücksfall Menschen, die nie wieder aufgefunden werden können. Das sind die sozusagen gesetzlich festgestellten Arten des Verschwindens.

Jede Großstadt aber, und namentlich Berlin, kennt daneben noch eine vierte Art von Verschollen- heit, die sich um so schwerer einreihen läßt, als sie oernunftmäßig einfach nicht zu erklären ist. Man könnte dieses Verschwinden von Menschen mit dem allgemeinen WortG r o ß st a d t v e r s ch o 11 e n - he i t" bezeichnen. Ein alter Mann geht aus seiner Wohnung, eines Morgens, für fünf Minuten, er will nur etwas eintaufen, er kommt nie wieder. Ein Mann in einem städtischen Asyl hat einen Streit mit einem anderen Mann, tags darauf hat ihn gleichsam der Erdboden verschluckt. Ein kleiner Junge oder ein kleines Mädchen kommt von der Schule nicht wieder, vielleicht haben sie etwas aus- gefressen, vielleicht haben unbekannte Leute sie an­gesprochen, vielleicht hat bloß eine plötzliche An­wandlung sie gepackt, eine Anwandlung von Aben­teurerlust, von Romantik, von Jndianerspiel. Viel­leicht haben sie sich auch bloß verlaufen. Sie werden nie wieder gesehen.

Im Berliner Polizeipräsidium gibt es eine um­fangreiche Vermißtenzentrale. An den Wänden, auf den Regalen stehen dickleibige Bände Kartotheken über Kartotheken, mit tausend und einem Namen. Jeden Tag sitzen in dem Warte­zimmer dieser Zentrale Menschen, verstörte Eltern, Angehörige, Flurnachbarn, Zimmerwirte. Die Be­amten geben sich sehr ausführlich mit ihnen ab. Sie tun, was ein Mensch nur irgend tun kann. Ihre Nachforschungen dehnen sich über Wochen, Monate, oft über Jahre aus. Ader nur ein ge­wisser Prozentsatz dieser Verschwundenen läßt sich, lebend oder tot, ermitteln. Fast jede Woche muß man Namen aus diesen Registern streichen.

Im Jahre 1931 wurden 165 Knaben und 87 Mädchen unter 14 Jahren, 1065 männliche und 899 weibliche Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren und rund 2000 Erwachsene vermißt. 4631 Menschen im ganzen in einer Viermillionenstadt. Das Wortspur 1 o s" ist in ihrem Fall keine Phrase. Nicht ein Fetzen Papier, nicht ein Stückchen Stoff, nichts, rein nichts ist von ihnen übriggeblieben. Und die Zahl der Toten, die sich in dieser gleichen Zeitspanne nicht identifizieren ließen, deckt sich nicht mit dieser Zahl. Aber es ist noch nicht einmal ge­sagt, daß diese 4631 Menschen heute nicht mehr leben. Das Netz der Landstraßen in Deutschland ist groß, unendlich größer, unendlich verzweigter selbst als bas Gewirr der Berliner Straßen. Und die vielen hunderttausend Häuser in Berlin und den anderen Großstädten decken zahllose Geheim­nisse, über die man vielleicht nie etwas erfahren wird. Und wenn man talsachlich das Schlimmste annimmt: keine Statistik, nicht einmal die sorg­fältigste Nachforschung gibt Auskunft über die wirkliche Zahl von Selbstmorden, von Verbrechen, die sich jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr in einem Kulturland wie Deutschland dunkel und ver­borgen abspielen...

Nachruf auf einen Omnibus.

Am 1. Dezember d. I. wird eine Omnibuslinie in der großen Stadt Berlin weniger laufen. Ein Omnibus, der den Nordwesten der Stadt bisher mit den südwestlichen Vororten verband. Das ist an sich weder ein Wunder noch ein Fall, der nur einmal in der Geschichte des Berliner Verkehrs zu verzeichnen wäre. Zahllose Straßenbahnlinien, an­dere Verkehrsmittel und Tausende von Angestellten der Berliner Derkehrsgesellschaft sind im Laufe der letzten Jahre der Krise im allgemeinen und der Sparpolitik der Stadt Berlin im Besonderen zum Opfer gefallen. Wenn man sich aber trotzdem ver­anlaßt sieht, einer simplen, schäbigen Omnibuslinie nachzutrauern, so muß das seinen besonderen Grund haben.

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Dieser besondere Grund liegt darin, daß jede Linie des Berliner Autobusverkehrs ihre eigene Geschichte, ihr eigenes Merkmal, ihren eigenen Charakter hat. Der Autobus Nummer 2 zum Bei­spiel, der stolz auf seinen sechs Rädern den Kur- fürftenbamm entlangrollt, hat sich jahrelang bes SpitznamensR u ss e n s ch a u k e l" erfreut. Die ser Name batiert noch von der Zeit her, in ber Hunberttausenbe von Russen sich in Berlin ansässig gemacht hatten, einerseits, um von dem günstigen Klima der Berliner Inflation zu profitieren, ander­seits, um manchen Unbequemlichkeiten ihres ehe­maligen Vaterlandes aus dem Wege zu gehen. Von morgens bis abends horte man in seinem Innern seltsame, gurgelnde, östliche Laute. Man sah sich verpflichtet, ihm deswegen sein besonderes Etikett aufzukleben.

Der Autobus Nummer 10 aber, dessen Ende in der Blüte seiner Jahre wir nun zu beklagen haben, war die Linie, die traditionellerweise vorwiegend von Juristen benutzt wurde. Er war nämlich das einzige Verkehrsmittel, bas all die Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig mit ber Justiz zu tun hatten, aus bem Berliner Westen nach Moabit transportierte. Da aber ber Transport ber Leute, deren Kontakt mit der Gerichtsbehörde nicht aus freien Stücken erfolgt, ein wenig anders sich abzu- spielen pflegt, konnte man vorwiegend Richter und Rechtsanwälte auf seinen Polstern erblicken. Von morgens bis abends sah man ihn gefüllt mit ernsten Männern, die Aktentasche unter dem Arm, mit nachdenklichen Leuten, denen man nicht unter allen Umständen gern vor Gericht begegnen möchte. Wer etwas auf Dem Kerbholz hatte, wer in der nächsten Zeit etwa einen kleinen Prozeß erwartete, konnte sich während ber Fahrt ein wenig an biese Atmosphäre gewöhnen.

Nun ist aber biese neutrale Brücke zwischen der würdigen Gerichtsbarkeit und uns Leuten, die wir noch im Privatleben stehen, abgebrochen, rettungs­los, für immer. Und uns wird feine andere Mög­lichkeit bleiben, als demnächst ahnungslos und un­vorbereitet das düstere Haus in Moabit zu betre­ten und obendrein noch zu Fuß, aus dem schon mancher unverhofft nicht mehr zurückgekehrt ist . . .

Unferm Gtadibahnbogen.

Was ist bas für ein Ding? Wörtlich genommen, nennt man so den großen massiven Pfeiler aus Eisen und Beton, auf bem das Geleise der Ber liner Stadtbahn ruht. In diesem Wort aber ist noch ein anderer Sinn verborgen, ein typisch ber­linischer Sinn, der vor Jahr und Tag schon den Anlaß zu einem der amüsantesten lokalpatriotischen Couplets der Nachkriegszeit, gegeben hat. Unterm Stadtbahnbogen das ist nicht nur eine Oertlich- feit, sondern beinahe eine Gemütsverfassung. Was ist das also?

So entroldclte sich ber Schlittschuhspork hier in ungeahnter Weise. Dem verein gehörten wohl die meisten Familien, deren Angehörige liefen, als Mitglieder an. 3m 3ahre 1913 zählte der verein 793 Mitglieder, und zeitweise stieg deren Zahl auf über 1000.

Diese günstige Eitwicklung bes Vereins war nicht zum wenigsten ber umsichtigen Leitung zu Der­banfen. Es will mir als eine Ehrenpflicht erschei­nen, ber verdienstvollen früheren Vorsitzenden zu gedenken. Erster Vorsitzender war der heute noch dem Vorstand angehörende Geheimrat Dr.Fromme. Ihm folgten: Professor N o a ck (Gymnasium), Jean Kirch, Professor Bartholome, Landgerichts- räte Wiener und Hirsch. Ein ganz besonderes Verdienst um den Verein haben sich durch Jahr­zehnte in rastloser Arbeit von früh bis spät die Eiswarte Geheimerat Laspeyres und Rektor Schmidt erworben. Letzterer gehört dem Vor­stände jetzt 25 Jahre an. Es muß neben diesen Vorstandsmitgliedern aber auch verdienter Hilfs­kräfte und bes alten Stammes von Arbeitern gedacht werden, die häufig bei stärkstem Frost und oft während der Nachtstunden die Bahn Herrichten mußten. Erster Eismeister war der den älteren SBercinsmitgliebern noch bekannte Diener Sand- meister. Ihm folgte während mehr als 31 Jahre ber unvergeßlicheLoews r".

Vorsichtiges Finanzgebahren ber -Leitung bes Vereins machte es möglich, die Beiträge stets äußerst niedrig zu halten und im Lauf der Jahre ein ganz hübsches Vermögen anzusammeln, so daß im Jahre 1913 ber Beschluß gefaßt werben konnte, ein Sporthaus zu bauen. Der Plan konnte aber nicht sofort ausgeführt werden, und so wurde das Vermögen ein Opfer der Inflation.

Der Kuriosität wegen sei mitgetcilt, bah im Winter 1923 24 der Milgliedsbeilrag auf 30 000 000 Mk und der Preis einer Beifarfe auf das eineinhalbfache des jeweiligen Fern­briefportos festgefeht war.

Auch diese Schwierigkeiten konnten, ebenso wie diejenigen der Kriegsjahre, glücklich überwunden, und es konnte auch erneut ein kleines Vermögen angetammelt werden, so daß man in der Haupt­versammlung vom 24. Oktober 1928 erstmals wie­der dem Gedanken nähertreten konnte, ein neues Sporthaus zu errichten. Das alte Haus hatte inzwischen abgerissen werden müssen.

Der Sportbetrieb auf ber Eisbahn hatte in ben letzten Jahren burch Hinzunahme bes Eis- Hockeys unb Eisschießens eine beträchtliche Erweiterung erfahren. Der Verein trat dem Deut- scheu Eislaufverband bzw. bem Südwestbeutschen Verbanb als Mitglieb bei.

Dank ber Bemühungen des derzeitigen, sportlich sehr interessierten unb tätigen Vorsitzenden, Land- gerichtsrat Dr. üßobaege der von tüchtigen eportinarten bestens unterstützt wird hat der sportliche Betrieb auf ber Eisbahn in den letzten beiden Jahren einen merklichen Aufschwung ge­nommen. Es ist ein besonderer Sportausschuß

bestellt worben, unb es war ber Eishockeymann- chaft und den Eisschützen des Vereins auch schon mjglid), sich mehrfach an Wettkämpfen erfolgreich zu beteiligen. Die Eisschützen konnten im vergange­nen Winter auf der neuen Brunhildis-Eisbahn auf dem Feldberg die Südweftdeutsche Eisschießmeister­schaft erringen (Moar: Schonebohm, Mohr K l a r l unb Mueller-Leutert).

Seit 1930 hat ber Verein als Herbstvorbereitung für ben Eislauf ein Rollschuhtroining in ber Dolkshalle eingerichtet.

Um im Winter möglichst rasch eine Eisbahn zur Verfügung zu haben, ist eine sog. Spritzbahn in Angriff genommen Zur Fertigstellung fehlen aber bis Mittel. Welcher Sportfreund macht eine Stiftung?

3n der vorstandssihung vom 26. Mai 1932 wurde die Errichtung des dringend notwendi­gen Sporthauses beschlossen. Dieses ist nach Plänen des dem Vorstand angehörenden Slabt- baurals Graoert in einfachster, aber Zweck­entsprechender Form fertiggestcllt und wird am kommenden Donnerstag in Verbindung mit einer schlichten Feier des 50jährigen vestchens des Vereins eingeweiht. Das Haus, aus Mit­teln des Vereins erbaut, steht auf städtischem Gelände und ist nach Vertrag und Recht Eigen­tum der Stadt geworden.

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Gewissenhafte Leute haben sich einmal die Mühe \ gemacht, diese Riesenbögen, deren jeder in der Her fteUung an die 150 000 Mark gekostet hat 30 Arbeiter müssen 25 000 Stunden an ihm arbeiten, i ihn herzustellen ober zu erneuern zu zäh- ..... Dabei kam heraus, baß bie Berliner Stadt­bahn 597 solcher Bögen besitzt. Da aber unter die­sen Bögen sich ein beträchtlicher Raum befindet, ben gescheite Leute ausnutzen wollten, ist im Lauf ber Zeit ein ganzes System von Katakom­ben unter der Stadtbahn entstanden, v^n kleinen dumpfen Bauten, Kellern und Lagerhäusern, dis man nun für teures Geld an Geschäfte und Groß­betriebe vermietet. Und siehe da: diese Räume unter dem Stadtbahnbvgen erfreuen sich seit Jahr unb Tag schon ber größten Beliebtheit bei ben Berliner Geschäftsleuten.

Das hat seinen Grund einmal darin, daß die Lagerräume geschützt unb kühl sind, weswegen man dort Lebensrnittel, vor allem Bier, Wein, Selter­wasser, Salz unb Schokolade besonders vorteilhaft unterbringen kann. Während der Inflation hat sich dort eine große Menge jener dunklen Schieb e r - Geschäfte abgespielt, von denen man so viel horte, aber we.ig sah. Markthallen, Zigarettenfabriken, Schlosserwerkstätten Haden sich im Schutz dieser großen Hallen aufgetan. Ja, unter einem Stadt, bahnbogen befindet sich noch eine der altertümlich­sten Kerzengießereien Berlins, in ber nach jahr­hundertealten Rezepten Wachs- unb Talglichter für die Weihnachtszeit unter Hochdruck hergestellt