Oer Anschlag auf -en Zug Herriots.
Das 50 km vor Nantes durch Dynamit zerstörte Eisenbahngleis, das der Zug Herriots passieren sollte. Die Zerstörung des Gleises war jedoch durch rote Signallampen angezeigt, so daß der Zug zum Stehen gebracht werden konnte.
Die deutsche Gleichberechtigungsforderung in Genf.
Fühlungnahme Minister von Neuraths mit England, Amerika und Italien. - Die französische Haltung noch immer ungeklärt.
Genf, 22. Nov. (WTB.) Der englische Außenminister Sir John Simon machte heute nachmittag dem deutschen Außenminister F r e i - Herrn von Neurath einen Besuch. Sn einer etwa einstündigen Unterhaltung setzten die beiden Außenminister die Besprechung der Fragen, die bereits am Montag erörtert worden sind, fort.
Don zuständiger deutscher Stelle wird zu der Unterredung ausdrücklich festgestellt, daß hierbei die deutsche G l e i ch b e r e ch t i g u n g s - sorderung klar und eindeutig gestellt und daß selbstverständlich der deutsche Vertreter in keinem Punkte von dieser Forderung abgewichen sei. Der Eindruck, daß die englische Haltung gewisse Möglichkeiten für eine Anerkennung der deutschen Forderung nach Gleichberechtigung bietet, besteht auch nach der heutigen Unterredung weiter, wenn auch in Einzelheiten die englische und die deutsche Auffassung noch auseinandergehen. Auch auf Seiten der Bereinigten Staaten von Amerika und Italiens bestehen keine besonderen Schwierigkeiten. Das Hauvthcmmnis liegt in der durch- ausnoch ungeklärtenHaltungFrank- reichs, dessen eindeutige Antwort auf die deutsche Forderung noch aussteht. Freiherr von Neurath hatte keine Besprechungen mit französischen Vertretern. Morgen wird Freiherr von Neurath Gelegenheit haben, dem italienischen Delegierten A l o i s i und dem Präsidenten der Abrüstungskonferenz, Henderson, den deutschen Standpunkt nochmals darzulegen. Ob und
wann direkte Besprechungen zwischen den Vertretern Deutschlands und Frankreichs in Genf stattfinden werden, ist noch nicht zu übersehen. Die Voraussetzungen für eine Fünfmächte- Zusammenkunft werden insbesondere auf deutscher Seite als noch nicht genügend geklärt angesehen, da die Stellungnahme der französischen Regierung aussteht.
Außer der Unterredung zwischen Sir Sohn Simon und Herrn v. Neurath fanden weitere Zusammenkünfte statt. Sowohl der englische Außenminister wie auch der amerikanische Delegierte Normann Davis hatten Unterredungen mit dem französischen Kriegsminister Paul - Boncour. Aus englischen Kreisen verlautet, daß es sich jetzt darum handele, eine Formulierung für die Anerkennung der deutschen Forderung nach Gleichberechtigung zu finden, die auch von Frankreich als Grundlage für weitere Besprechungen angenommen werde. Sir Sohn Simon hatte hierüber auch Besprechungen mit dem amerikanischen Delegierten N. Davis und dem italienischen Delegierten Alois i. Wie es heißt, dürften dieser Forinulierung gewisse Punkte der Rede Simons im Büro der Abrüstungskonferenz zugrundegelegt werden. Die Hauptschwierigkeit soll aber darin bestehen, daß F r a n k r e i ch e i n e eigene Auffassung über die Frage hat, in welcher Form der deutschen Gleichberechtigungsforderung Genüge getan werden könne, und daß auch diese französische Meinung in dem französischen Sicherheits- und Abrüst ungsplai^ sehr verklausuliert und an Bedingungen geknüpft in Erscheinung tritt.
Eine Anerkennung der Grundsätze der Simonrede, auf die es hier hauptsächlich ankommt, hat Frankreich bisher nicht ausgesprochen.
Die französische Auffassung.
23qn gut unterrichteter französischer Seite wird mitgeteilt, Frankreich habe seinen großen Plan, in dem die Gleichberechtigungsfrage behandelt werde, bereits sämtlichen Möchten vorgelegt Es sei daher jetzt an Deutschland zu sagen, ob es diesen Plan annehmen wolle oder nicht. Die Haltung der französischen Regierung gegenüber der deutschen Gleichberechtigungsforderung sei keineswegs negativ, jedoch könne diese Frage unmöglich durch ein einfaches Za oder Nein entschieden werden. Die französische Regierung sei zu Verhandlungen zwischen den hauptinteressierten Mächten bereit und würde auch an einer Konferenz der vier oder fünf Groß machte teilnehmen. Er st nach eingehender
Prüfung des englischen und franzg. fischen Planes durch die hauptinteressierten Mächte könne geklärt werden, ob eine Einigung -n der Gleichberechtigungsfrage möglich sei oder nicht. Eine Behandlung des französischen Planes im Hauptausschuß der Abrüstungskonferenz habe keinen Zweck, solange nicht eine Einigung zwischen den Großmächten erzielt sei.
Herriots 2Reife nach Genf verschoben.
Paris, 22. Noo. (TU.) Die Reise Herriots nach Genf, die ursprünglich auf den 23. November festgesetzt war, ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Herriot hält seine Anwesenbeit in Genf im Augenblick für unnötig, da die Arbeiten der Abrüstungskonferenz kaum vor dem 2 8. November beginnen würden. Auch die 23er» Hinderung Macdonalds, sich nach Genf zu begeben, soll bei dem Entschluß Herriots eine gewisse Rolle gespielt haben. '
Oie Arbeitslosigkeit in England.
Die Kernfrage der britischen Innenpolitik steht im Mittelpunkt der Thronrede und der Aussprache im Parlament.
Lo ndon, 22. Noo. (WTB. Funkspruch.) Der König eröffnete heute, die Parlamentssession mit einer Thronrede, in der er betonte, daß die Beziehungen zu den auswärtigen Mächten weiterhin freundlich seien. Für eine weitere verfassungsmäßige Entwickelung in Indien werde die Regierung dem Parlament Vorschläge unterbreiten. Der König sprach die bestimmte Hoffnung aus, daß die bevorstehende Weltwirtschaftskonferenz in der Lage sein werde, Uebereinstimmung über die Maßnahmen zur Beseitigung der Ursachen zu erzielen, die die wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten der Welt herbeigeführt haben. Die britische Regierung werde fortfahren, in voller Zu- sammenarbeit mir den anderen Staaten auf der Genfer Abrüstungskonferenz eine internationale Konvention zu schaffen, die die Grundlage für einen dauernden Frieden bilden könne. In der Thronrede wird weiter auf die Notwendigkeit hin- gcwiesen, die öffentlichen Ausgaben sorgfältig zu überwachen und betont, daß die Regierung alles in ihrer Macht stehende tun werde, um die Erholung der Wirtschaft zu fördern. Die Thronrede beschäftigte sich dann ausführlich mit der A r - beitsliosigkeit, die zweifellos das schwierigste soziale Problem Englands darstelle. Jede Maßnahme für die Arbeitslosen dürfe nicht nur in einer materiellen Unterstützung bestehen, sondern müsse dazu angetan sein, die Moral und die Fähigkeiten der Arbeitslosen zu erhalten, die Arbeit wieder aufzunehmen, wenn^sich die Gelegenheit biete. Die Regierung werde Maßnahmen beantragen, die sich in umfassender Weise mit der Arbeitslosenversicherung beschäftigen.
Die Unterhausdebatte über die Thronrede wurde durch den konservativen Abgeordneten Roy B i r d eingeleitet. Er betonte zunächst Englands Friedenswillen und seine Entschlossenheit, die Abrüstungskonferenz erfolgreich zu gestalten. Alle Länder, so sagte er, müßten auf gleicher Grundlage zusammenarbeiten Er hoffe, daß die Politik der Regierung dazu führen werde, Deutschland zur erneuten Teilnahme an der Konferenz zu bewegen. — Der Führer der Arbeiteropposition, George Lansbury, meinte, die Thronrede lasse die Erkenntnis des Ernstes des Arbeitslosenproblems vermissen. Er richtete an die Regierung auch die Frage, weshalb die Thronrede keinen -Vorschlag zu Der- Handlungen mit dem irischen Volk über den gegenwärtigen Wirtschaftskrieg enthielte. Die Beteiligung Englands an der Weltwirtschaftskonferenz nannte er zwecklos, solange die Regierung keine Aenderung ihrer Zollpolitik vornehme. Lansbury fragte, ob es wahr fei, daß die Regierung auf der Konferenz eine Anzahl Zollerhöhungen oorzufchla- gen beabsichtige
Premierminister Macdonald führte in einer scharfen Erwiderung auf die Erklärungen Lans-
burys u. a. aus, selbst im Falle einer Besserung der Konjunktur würde die Zahl der Arbeitslosen in England gewaltig sein. Es handele sich nicht um ein vorübergehendes Problicm. Die Regierung werde ihre Vorschläge ohne Verzögerung ausarbeiten. In eingehender Zusammenarbeit mit allen VerwaltUligsstellen und nichtamtliche Körperschaften werde versucht, eine st ä n d i g e Lösung der Arbeitslosenfrage auszuarbeiten. Hauptsache dabei sei die Wiederbelebung der Landwirtschaft. 21 Iles irgendwie brauchbare Land müsse ausgenutzt werden, um einen viel größeren Hundertsatz des englischen Volkes in direkte Berührung mit dem Lande zu bringen, als bisher.
Der Liberale Sir Herbert Samuel sprach sich abfällig und skeptisch über die Zollpolitik und die Lttawaer Abmachungen aus. Das Heilmittel liege auf zwischenstaatlichem Gebiet. Die Handelsschranken müssen schleunigt beseitigt werden. Die Weltwirtschaftskonferenz müsse unter allen Umständen Entschließungen gegen jede Zollerhöhung fassen.
Beginn der Winterhilfe.
B e r l i n, 22. Nov. (WTB.) Nach einer Mittet- lung der Deutschen Liga der freien Wohlfahrtspflege sind von Mitte September bis Ende Oktober d. S. insgesamt über 29,4 Millionen Kilogramm oder r u n b 3000 Wag. gons Lebensrnittel, Brennstoffe und Kleidungsstücke auf den verschiedenen Gebieten des Reiches für die Winterhilfe von der Reichsbahn frachtfrei befördert worden. Lind zwar sind 400 000 Zentner Kartoffeln und zusammen 43 000 Zentner Fleisch, Obst, Gemüse, Brotgetreide, Mischsendungen usw. und ferner 90 000 Zentner Kohlen und Briketts und rund 55 000 Zentner Brennholz und Torf an die mit der Durchführung der Winterhilfe betrauten Organisationen zur Verteilung für die Winterhilfe gelangt.
Minister Warmbold übernimmt eine Professur.
Berlin, 22. Nov. (TU.) Wie der „Volksdeutsche Dienst erfährt, hat die philosophische Fakultät der Universität Halle nach vorheriger Fühlungnahme beschlossen, den gegenwärtigen geschäfts- führenden Reichswirtschaftsminister Professor Dr. phil. Dr. h. c. Hermann Warmbold einen Lehrstuhl an der Universität anzubieten. Da Beauftragte der Universität gegenwärtig in Berlin mit Professor Warmbold über die näheren Einzelheiten verhandeln, scheine es festzustehen, daß er s i ch endgültig aus dem politischen Leben zurückziehen wolle, um sich wieder seiner früheren wissenschaftlichen Tätigkeit zu widmen.
Theater in Deutschland.
23tm Df. Karl Vietor, o. ö. profefjor der Deutschen Philologie an der (lniversi di Gießen.
Der folgende Aufsatz wurde der aus Anlaß des Stadttheaterjubiläums in den nächsten Tagen erscheinenden Festschrift entnommen.
In so gedrückter Zeit stellt sich die Frage von selbst, ob wir unsere vielen Theater noch hallen können Ja, es ist wahr, kein anderes Land hat eine solche Menge von Theatern, wie Deutschland. Und es ist weiter wahr, daß in keinem andern Land so gut gespielt wird, auch auf kleineren und kleinen Bühnen. Das ist eine der augenfälligsten und be= wundertsten Kulturleistungen, die Deusschland heute auszuweisen hat. Erstaunlicher Gedanke, daß man eine lange Reise durch Deutschland machen könnte zu keinem andern Zweck, als jeden Abend in einer andern Stadt ins Theater zu gehen In welchem Land gibt es das noch? Ich traf neulich einen amerikanischen Professor, der reift seit langem jeden Sommer durch Deutschland nach diesem Programm: beginnt am Abend der Landung mit dem Bremer Theater, dann geht es weiter über Hannover, Braunschweia, Kassel usw Wenn er nach einigen Wochen in Wien angekommen ist, hat er eine Kunst, reise gemacht, die so nur in Deutschland zu machen ist. In den Vereinigten Staaten, wo es z B nur zwei Opernhäuser von europäischem Rang gibt, hätte er mehrere Spielzeiten gebraucht, so viele Stücke und so gute Ausführungen zu sehen
Es ist in Deutschland und nur in Deutschland selbstverständlich, daß jede Stadt von einiger Größe sich ein ständiaes Theater hält Und wenn es in jedem andern Land erlaubt wäre,'da von Luxus zu reden: bei uns nicht Selbst in der gedrückten Gegenwart nicht. Das ist nicht meine, nicht eine Meinung nur: das deutsche Theaterpublikum in feiner Gesamtheit hat so entschieden. Städtische Büh- nen gerieten in Schwierigkeiten: die Bürgerschaft antwortete darauf, indem sie sich in Besuchergemein- den organisierte Der Staat mußte sich aus den alten Residenztheatern zurückziehen: die Städte selbst, so schlecht es ihnen geht, sprangen in die Bresche Sie erhielten die Theater für eine Bürgerschaft, die sich einzurichten gelernt hat und auf vieles 3u verzichtens Aber nicht auf diese Abende im Theater — diese Stunden, wenn durch die Zaube rei der Kunst unser armer, enger Lebensraum sich 3ur Unendlichkeit großer Leidenschaften, großer Schicksale, machtvoller Tröstungen weitet wo die Wichtigsten Anliegen unsrer fragwürdigen Existenz m dieser Zeit näher an unfern Geist und an'unser Herz herangetragen werden, als es die diskutierende
Stimme des Zeitungsschreibers ober die überredenden Worte des Versammlungsredners vermögen', und wo endlich der heute fremdeste, der seltenste Ton, der Ton des Lachens, der Freude feine Zufluchtsstätte hat.
Die große Theaterliebe, die heute ohne Vergleich dastehende Theaterkultur der Deutschen ist so alt, wie unsre bürgerliche Kultur Lessing, unser erster bürgerlicher Dramatiker von dichterischen Gnaden, ist auch der erste Prophet der modernen deutschen Bühne. Indem er ihrer Entwicklung die hohe Idee des Nationaltheaters als Ziel weist, gibt er ihr zu Beginn schon die Würde einer besonderen Sendung — diese große Idee, die älter ist als die Idee der politischen Einheit Deutschlands Ja, wahrhaft nationalbilbeni) hat das deutsche Theater in den beiden letzten Jahrhunderten gewirkt, ist Schule Kanzel, Schauplatz aller großen entscheidenden Kräfte und Strebungen gewesen, die aus den Deutschen ein einheitliches Volk gemacht haben
Und heute? Ich denke, in unsrer kritischen, krisenhaften Lage hat das Theater eine sehr hohe Bedeu- tung Dies zerrissene, hadernde Volk, hat es überhaupt noch eine andere Statte der gemeinsamen überbrückenden, brüderlichen Gefühle, einen andern Jiaum der ausgleichenden, einenden Erlebnisse, als bas Theater? Es ist die am meisten öffentliche, die am meisten gesellschaftliche Einrichtung des Kunst lebens, und eben darum hat es niemals eine wichtigere. ich mochte sagen: eine unmittelbarer praktische Sendung gehabt als heute Denn die größte Not der Geaenwart ist es, keine gesunde, gleichgewichtige Gesellschaftsordnung zu haben. Von der Zeitlage her bekommt so das deutsche Theater eine neue, einzigartige Bedeutung
9n solcher Läge ist es mit ein paar ganz großen Bühnen und artistischen Spitzenleistungen nicht getan. Daß wir in Deutschland so viele kleinere Bühnen haben, macht die nationale Sendung, die das Theater heute wieder in hohem Maße hat, erst möglich. Jede Stabt verwaltet ba an ihrem Teil ein großes Kulturgut, bas allen, bas ber völkischen Gesamtheit gehört — kostbar unb bem Herzen ber Deutschen nah seit Iahrhunberten, aber heute unschätzbar unb ein Instrument unseres Willens nach Erneuerung.
Dem GießenerTheater, bas nun ein Vier- teljahrhunbert bas allgemeine Gut ber Nation in unserer Stabt verwaltet, bars man bei Gelegenheit des Jubiläums bestätigen, daß es diese große Aufgabe. welche die deutsche Provinzbühne in ber Ge- genroart hat, klug versteht und mit unermüdlicher Straft immer wieder zu erfüllen weiß Es ist uns. ans Herz gewachsen, unser Theater, in diesen letz ten Jahren Unb es hat uns Einbruck gemacht, baß diese Jahre der allgemeinen Krise unb Lähmung für die Gießener Bühne Jahre der höchsten An-
ftrengung, der besten Leistungen waren. Solche Bewährung macht sie uns unentbehrlich auch für die Zeit der Gesundung, der Erneuerung, die ihr und uns bald aufgehen möge
Ein Sliegeröroma im Polarkreis.
Cinzelheitem über ein Flugunglück im Polarkreis, das eine russische Maschine ereilte, werden jetzt bekannt, nachdem einer der drei Ueberleben- den, der Mechaniker V. S. Ts^echin, nach Moskau zurückgekehrt ist. Tschechin gehörte zu der Besatzung des Flugzeuges „Komseverput 3", das sechs Wochen vor dem Unglück über das Gebiet des Karischen Meeres flog, um hier das Treibeis feft- zustellen. Dann kam die Nachricht, daß die Schiffe der russischen Expedition, zu der das Flugzeug gehörte, den Hafen Igarka verlassen hätten, und das Flugzeug erhielt den Befehl, einen letzten Erkundungsflug über Nowaja Semlja und dem Franz-Josef-Land auszuführen. Fünf Stunden lang kreuzte die Maschine über dem ruhigen Meer und wandte sich dann nordwärts nach 211a- tochkin Schar, der engen Straße, die die Inseln von 21owaja Semlja voneinander trennt. Als das Flugzeug mit seiner Bemannung von sechs Leuten an der Küste von Nowaja Semlja entlang flog, brach ein furchtbares Unwetter los. „Wir flogen gerade über Matochkin Schar, das zwischen Gletschern und mit ewigem Schnee bedeckten Gebirgen liegt“, erzählt Tschechin, „als wir in ein Luftloch gerieten und aus einer Höhe von etwa 60 Meter 30 Meter abstürzten. Der Führer brachte die Maschine ins Gleichgewicht, und wir stiegen wieder höher, aber ein einsehender Sturm drückte uns wieder herunter, und nachdem wir dann wieder aufgestiegen waren, kam die Katastrophe, und aus einer Höhe von etwa 50 Meter fielen wir direkt ins Meer. Es war ein schwerer Auf- fdjlag, rings um uns spritzte das eisige Wasser hoch in die Luft. Die Gewalt des Sturzes brach das Vorderteil des Flugzeuges ab, in dem sich i>er Führer, der Rundfunkmann und ein Mecha- nifer befanden. Dieser Teil sank wie ein Stein und wir haben unsere drei Kameraden niemals wiedergesehen. Die Wogen des eisigen Wassers scylugen über uns zusammen. Mit letzter Anstrengung klammerten wir uns an den Teil der Maschine, der auf dem Wasser schwamm. Unsere einzige Rettung bestand darin, die drahtlose Station an der Tulen-Ducht zu erreichen. Der Sturm lieh nicht nach. Wir waren nah bis auf die Knochen und von den grimmigen Polarwinden umtobt. Die Küste war noch mehr als 1V3 Kilometer entfernt. Wir pumpten ein kleines Gummiboot auf. das wir an Bord hatten, und schwammen mit feiner Hilfe zur Küste. Ich hatte keine
Schuhe mehr an, und wir muhten uns den Weg über Gletscher und durch schneebedeckte Täler bahnen. So wankten wir 15 Kilometer weit durch das unbekannte Land, jeden Augenblick in Gefahr, in eine Gletscherspalte zu stürzen, die unter dem Schnee verborgen war. Meine Deine waren gefühllos wie Holz. Die Polarnacht brach herein, und mit der Dunkelheit schwand die Hoffnung auf Rettung. Keine Worte können unsere Freude beschreiben, als plötzlich die Lichter der drahtlosen Station in Sicht tarnen und damit die Rettung." Die Ueberlebenden wurden dann von dem Eisbrecher „Lenin" mitgenommen.
Das musikalische Wunderkind.
Der jugendliche Geiger Yehudi Menuhin hat bei seinen letzten Konzerten in Berlin wieder große Triumphe geerntet, denn es grenzt ans Wunderbare, wie dieser Knabe die klassischen Mei- sterwerke zu erleben und zu Gehör zu bringen weiß. Seine Entwicklung wird von seinen Eltern auf das Sorgfältigste überwacht, und wenn sich auch das Wesen des Genies nie erklären läßt, so erhält man doch immerhin einige Aufschlüsse über seine Aus- bildung durch einen Brief, den sein Vater geschrieben hat und der in einem Londoner Blatt oeroffenb licht wird Der Vater hebt hervor, daß sich die musikalischen Fortschritte seines Sohnes im Laufe des letzten Jahres verzehnfacht hätten, und zwar nicht nur durch fein eifriges Studium, sondern auch durch feinen Verkehr mit berühmten Musikern Besonders viel hat er in den sechs Tagen gelernt, die Tvscanini, dem großen Dirigenten, bei der Rückkehr aus Amerika auf einem Dampfer verbrachte Der Knabe beherrscht jetzt 48 Konzerte, alle öonaten von Bach, alle von Beethoven, Mozart, «chubert, Schumann, Brahms und vielen anderen.
Ziel ist, die ganze Kammermusik, soweit sie für Violine geschrieben ist, durchzustudieren, freilich eine Aufgabe, die fast ein deben in Anspruch nimmt Aber die Musik beschäftigt ihn nicht den sonzen Tag, sondern, wenn er nicht auf Tourne, «st, ind vier Stunden regelmäßig dem Unterricht gewidmet, den er von Lehrern der Sorbonne erhält. Drei stunden wird geübt und 12 Stunden geschla- en Pehudi muh um 20.30 Uhr ins Bett und dann schlaft er bis um 49 Uhr am andern Morgen: manchmal wird es allerdings später mit dem Schlafengehen, aber daß er nachts lange aufbleibt, kommt sehr selten vor Für sein Alter ist er ein ungewöhnlich guter Schachspieler. Die Entdeckung feines musikalischen Genies wurde nach dem Bericht seines Vaters zufällig gemacht, und die Hauptaufgabe der Eltern, die beide von Beruf Lehrer sind, bestehl darin, die natürliche Entwicklung des Knaben möglichst zu unterstützen.


