gesch offen worden sei. Wenige Augenblicke nach den Schüssen habe sie den Aufschrei eines Getroffenen gehört. Aus der Gruppe der kommunistischen Angeklagten erkennt die Zeugin den Hauotangeklagten Calm wieder. Auch die Angeklagten Schall und Sterdt erkennt die Zeugin mit Bestimmtheit wieder. Auf die anderen weiß sie sich nicht mehr mit Sicherheit zu besinnen.
Ein Zeuge, der die Tat vom Balkon seiner im vierten Stock gelegenen Wohnung mit angesehen hatte, hatte auf dem Fahrdamm einen Schützen beobachtet, der, mit dem Gesicht dem Sturmlokal abgewandt, wild um sich geschossen hätte. In diesem Schützen glaubte der Zeuge nach Kleidung usw. den Angeklagten Schall wieder zu erkennen. Einen Radfahrer, der kurz vor den Schüssen durch die Straße gefahren sei, glaubte der Zeuge in dem Angeklagten Sterdt zu erkennen. Eine andere Zeugin hatte mit dem getöteten SA.-
„Gretchen, geh hinaus!".
Zum 125. Todestage
des Malers Theodor Hosemann.
„Gretchen, gehhinaus! Das Bild ist von Hosemann!" Diese Worte, die eine um die Unschuld ihrer Tochter besorgte Mutter dem lieblichen Kinde bei Betrachtung eines neuen Gemäldes zuruft, sind ein alter Witz aus den „Fliegenden"; sie haben den Barnen des „unaussprechlichen" Meisters lebendig gehalten, als man ihn sonst fast völlig vergessen hatte. Heute ist Hosemann als tüchtiger Maler und vor allem als unendlich fruchtbarer, geistreicher Zeichner anerkannt, der uns die gemütliche Welt des Berliner Biedermeiers in zahllosen Blättern und Bildern erhalten hat.
Wie sein größerer Bachfahr und Geistesverwandter Adolf Menzel hat sich auch Hosemann aus größter Armut und dem gewöhnlichen Hand- werksbetrieb zum echten Künstlertum emporgerungen. Als Sohn eines süddeutschen Kriegs-Beteranen und einer märkischen Dürgertochter vereinigte er in sich brandenburgischen Wirklichkeitssinn mit süddeutschem Humor. Hatte er schon als Kind jede freie Minute und jedes leere Stückchen Papier benutzt, um zu zeichnen, so mußte er als löjähriger bereits in Düsseldorf, wo die Familie wohnte, in einer lithographischen Anstalt den Hinterhalt für die Seinen mitverdienen.
Mit einem Teilhaber dieser Firma siedelte er als 20jähriger nach Berlin über und blieb der preußischen Hauptstadt dann durch ein halbes Jahrhundert bis zum Lebensende treu. Lange Zeit hatte er es schwer, sich durchzubringen. Er mußte Illustrationen für Iugendschriften. das Stück zu 10 bis 20 Mk., liefern, und auch für seine entzückenden Festkarten bekam er nicht mehr. Die Oelbilder und Aquarelle, die er in seinen Mußestunden malte, fanden nur wenige Liebhaber, und so verdiente er sich schließlich sein Brot hauptsächlich durch Zeichenstunden in den adligen Kreisen Berlins, bis er als Professor der Zeichenklasse der Akademie ein sorgenloses und behagliches Alter genießen durfte.
3m ewigen Kampf ums tägliche Brot hat der Künstler wohl an die 6000 graphischen Blätter geschaffen, hauptsächlich Lithographien, daneben an 500 Oelgemälde, noch eine größere Zahl von Aquarellen and eine unendliche Menge von Hand- zeichnungen, die die Sicherheit seiner Beobach- timg, die Feinheit seines Strichs und Geschmacks vrelleicht am besten zeigen. Für die Kultur
Mann Gatschke einige Tage vor der Tat gesprochen. Es sei in den Straßen offenes Geheimnis gewesen, daß Gatfchke verfolgt wurde. Er selbst habe das gewußt und häufig davon gesprochen.
Gründung nationalsozialistischer Zugendbetriebszellen.
München, 22. Sept. (END.) Zur besonderen Erfassung der Jungarbeiterschaft in den Betrieben werden laut einer in der Nationalsozialistischen Korrespondenz abgedruckten Verordnung ab sofort „Nationalsozialistische Jugendbetriebs- zellen" ins Leben gerufen. Diese bilden eine selbständige Organisation mit einer eigenen Hauptleitung und unterstehen dem Reichsjugendführer Baldur v. S ch i r a ch. Dieser ernannte zum verantwortlichen Hauptleiter den Abteilungsleiter in der Reichsjugendführung Heinz Otto.
geschichte Berlins hat er einen außerordentlich reichen Anschauungsstoff geschaffen. Er hat eigentlich erst für die bildende Kunst den „richtigen Berliner" in seiner urwüchsigen Lebenskraft und seinem schlagkräftigen Witz entdeckt. Was er auf der Straße sah, das hielt er im Bilde fest: Schusterjungen und Droschkenkutscher, Gemüseweiber und Dienstmädchen, Handwerker und Soldaten, Fuhrleute und Leierkastenmänner, daneben auch die feinere Welt der eleganten Herren und Damen, vor allem aber das romantische Geschlecht der Landstreicher und Pennbrüder.
3n der Schilderung dieses „vierten Standes" erhebt er sich über den idyllischen Spaß ins Groteske, ja Pathetische, und diese Begabung für das Dämonische und Phantastische, der er wohl seine künstlerisch stärksten Wirkungen verdankt, entfaltet sich auch in den besten Illustrationswerken, die ihm gelungen, so in den Dildeim zu den Dichtungen E. T. A. Hoffmanns, zu Chamis- s.os „Peter Schlemihl", Immermanns „Tulifäntchen" il a. Steht er hier ebenbürtig neben den besten deutschen Illustratoren, so ist er als der eigentliche Schöpfer der deutschen Iugend- Illustrationen zu betrachten, der der Iugendschrift eine künstlerische Ausgestaltung verlieh. Theodor Hosemann, der Maler Alt-Berlins, war ein lebens- und schaffensfroher Mensch, der in bescheidener Stille neben der vielen Drotarbeit auch noch seine Kunst ausreifen lassen konnte, und so wird das Beste, das er geschaffen hat, weiter fortleben.
Orakel.
Don Dera Craener.
Robert bringt sie zur Bahn.
„Du übernachtest also in Innsbruck", sagte er, „und fährst am nächsten Morgen über den Brenner/' „Ja", sagt Helen und ist schon halb entschlossen, in München zu übernachten. Denn in München ist Peter.
Er hat sich zwar in der letzten Zeit nicht so recht um sie gekümmert, von ihrem Geburtstag hat er keine Notiz genommen, und auf das versprochene Buch über den Bamberger Dom wartet sie heute noch.
Aber Peter hat ein Auto, immer Zeit und eine hervorragende Kenntnis sämtlicher Schwabinger Lokale und Ateliers. Außerdem hat sie ihn einmal geliebt.
„Also 14 Uhr 15 Innsbruck!" ruft Robert, und Helen findet ihn plötzlich sehr komisch, wie er da aufgeregt neben dem Zug herläuft.
sei nur durch klare Aufhebung des Beschlusses aus der Welt zu schaffen.
Abg. K u b e (Natsoz.) erklärt, daß Dr. Bracht, vor den sich die Deutschnationalen stellten, beim Abbau der Parteibuchbeamten keineswegs grundsätzlich vorgegangen sei. Er verweist auf die Beibehaltung des sozialdemokratischen Oberpräsidenten Noske in Hannover, des sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Zörgiebel in Dortmund und andere Fälle. Sollte Dr. Bracht glauben, Folgerungen aus dem heutigen Abstimmungsergebnis ziehen zu müssen, so werden wir auch das mit Humor zu ertragen wissen.
Abg. Steuer ^(DN.) erklärt, unmittelbar nach der Wahl des neuen Landtages, als das große Rät- felraten begann, wen die Nationalsozialisten a l s Kandidaten für dieMinisterpräfiden- tenwahl Herausstellen würden, hat mir ein sehr maßgebendes Mitglied dieser Partei gesagt: „Wir haben nicht die Absicht, einen Parteimann heraus- zustellen, sondern einen sehr hervorragen- den Oberbürgermeister einer west - lichen Großstad t." (Lebhaftes Hört! Hört! bei den DN. — Zuruf bei den NS.: Der war schlecht orientiert!) Dieser schlecht informierte Mann war Ihr (zu den NS.) eigener Fraktionsführer. (Heiterkeit.)
Die Abstimmung.
Es beginnen jetzt die Abstimmungen.
Zunächst wird der deutschnationale Antrag, der die AufhebungdesLandtagsbeschlus- s e s vom 30. August über die Gehorsamspflicht der Beamten gegenüber der kommissarischen Etaatsregierung als gesetzwidrig fordert, mit 208 gegen 35 Stimmen bet 45 Stimmenthaltungen ab* gelehnt. Für den Antrag stimmten außer den Deutschnationalen nur die Deutsche Dolkspartei sowie kleinere Gruppen, während das Zentrum sich der Stimme enthält und die Sozialdemokraten sich an der Abstimmung nicht beteiligen. Gegen den Antrag stimmen Rationalsozialisten und Kommunisten.
Für dennationalsozialistischen Antrag, wonach der Landtag beschließt: „Soweit die Reichsverfassung und die Verfassung des Landes Preußen von der am Buder befindlichen Regierung gemäß dem von ihr beschworenen Eid beachtet und durchgeführt wird, ist es Pflicht der Beamten und Staatsangestellten Preußens, die Verfassung ebenfalls zu achten und zu schützen", stimmen nur die Nationalsozialisten, gegen ihn u. a. die Kommunisten, die Deutschnationalen und die Deutsche Dolkspartei, während vom Zentrum Enthaltungskarten abgegeben werden und sich die Sozialdemokraten wiederum an der Abstimmung nicht beteiligen. Der nationalsozialistische Antrag wird mit 156 gegen 86 Stimmen bei 45 Enthaltungen angenommen.
Vor dem Antrag der Zentrumsfraktion wird der zweite Teil in folgender Fassung angenommen: „Der Landtag spricht den Beamten Dank und Anerkennung aus, gleichzeitig gibt er der Erwartung Ausdruck, daß die preußischen 'Beamten auch fernerhin ihre dienstlichen Obliegenheiten getreu der bewährten Derusstradition des preußischen 'Beamtentums zum besten von Staat und Volk unparteiisch und gewissenhaft erfüllen werden." Für den Antrag stimmen Rational- sozialisten, Zentrum und Deutsche Volkspartei.
Kunst und Wissenschaft.
Die Bad'Nauheimer Tagung der deutschen Physiker und Mathematiker.
Am zweiten Tage des Kongresses wurde die erste Hälfte der außerhalb der drei Hauptthemen der Tagung stehenden Vortragsthemen erledigt. In vier Vorträgen wurde der nichtelektrische Effekt behandelt, insbesondere der äußere selektive Photoeffekt. Das bedeutendste Ergebnis auf diesem Gebiet ist wohl die Feststellung eines Pa- rallelismus zwischen dem selektiven äußeren Photoeffekt und einer selektiven optischen Absorbtion. Ferner kam eine Reihe ftektrosko- pischer Untersuchungen im sichtbaren, im infraroten und ultravioletten Gebiet zur Sprache sowie Reuerungen auf dem Gebiete der spektroskopischen Technik. Auch Fragen der Spektralanalyse wurden erörtert. In mehreren Vortra-
Liebevolle Fürsorge ist gut — aber auch davon muß man sich manchmal erholen.
„Ferien vom Du", hat Peter immer gesagt.
Sie wird ihn vom Bahnhof aus anrufen. 10 013. Oder war's 015? Hat sie das schon vergessen? Helen wird nachdenklich. Vielleicht ist es besser, nicht zu telephonieren, sondern gleich hinzugehen?
Gedankenvoll starrt sie aus dem Fenster. Da ist auf jedem dritten Feld ein rotes Reklame-Photo- Mädchen, mit wehendem Schal, das den Reisenden verführerisch anlächelt.
„Wenn die nächste Reklame wieder Photo ist, bleibe ich in München", denkt Helen. Doch zunächst kommt eine große Strecke märkischen Kiefernwaldes und dann auf einer Wiese ein großes gelbes Schild — Schuhcreme! Gar nicht zu übersehen ober wegzuleugnen.
Aber Peter hat so einen herrlichen Apparat mit sämtlichen Sophie-Tucker-Platten.
Und Jack Smith.
Robert kann Smith nicht leiden. Die letzte Platte, die er ihr geschenkt hat, war das Preislied aus den „Meistersingern". Wie er ja überhaupt ein ernster junger Mann ist.
Und deshalb wäre es gut, wieder einmal eine kurze Szene Peter einzuschieben. 10 013 war es! Und wenn der dicke Herr in der Ecke vor Leipzig noch ein drittes Frühstück einnimmt, dann ruft sie eben doch an. Sie werden an den Starnberger See fahren — ober nach Mittenwald. Vor zwei Jahren waren sie auch in Mittenwald gewesen. Da hat Peter diese rührend schmale Madonna gekauft mit dem ungewöhnlich pausbäckigen Kind.
Er hat eine ganze Sammlung solcher Pausbacken und herrlicher kleiner italienischer Putten. Auf den Bücherborden treiben sie sich herum und an den unmöglichsten Stellen seiner bunten und amüsanten Wohnung.
Helen lächelt still vor sich hin.
Aber plötzlich schreckt sie hoch. Sollte das schon Leipzig sein? Richtig! Und der Dicke in der Ecke ist einfach eingeschlafen, ohne vorher noch einmal nach seinem Proviantkoffer gegriffen zu haben. Aber das gilt nicht! Sie bleibt in München. Oder soll sie vielleicht um 2 Uhr in Innsbruck ankommen? Wogegen es natürlich auch möglich ist, daß sie Peter gar nicht antrifft. Draußen raffelt ein Güterzug vorbei. 30 Wagen, 32, 38, immer mehr. Reichsbahndirektion Mainz, Kassel, Stuttgart — „wenn ber letzte Wagen Ulm ist, telegraphiere ich von Hof aus", denkt Helen.
Es ist aber ein amerikanischer Petroleumtank.
llnb wenn Peter grabe anderweitig beschäftigt fein sollte? Denn da ist ja noch Manja, die tragisch Beschattete, mit dem Drang zu seelischen Bekennt-
gen wurden neuere Ergebnisse auf dem Gebiete der Röntgen-Spektrvskopie mit geteilt Eine Sitzung fand gemeinsam mit der Heinrich- Hertz-Gesellschaft zur Forderung des Funkwesens statt. Sie hatte das Thema „Elektrophysisches der hohen Atmosphäre". In zwei Vorträgen wurde berichtet über die Zusammensetzung und physikalische Konstitution der hohen und höchsten Atmosphäre, ferner über die durch die elektrischen Eigenschaften der Heavisideschicht hervorgerufenen Phänomene der Ausbreitung drahtloser Wellen und des sogenannten Weltraumechos. In dem Vortrag, den der berühmte Äordlichtforscher C. 6 törmer (Oslo) hielt, kamen die wichtigsten Ergebnisse der modernen Rordlichtforschung zur Sprache. An Hand einer Reihe wundervoller Aufnahmen wurden verschiedene Arten von Rorö- lichtern gezeigt. Im Anschluß an die Vorträge wurde dann der dritte Teil des von E. D r ü ch e (Berlin) mit Llnterstühung von Professor C. S törmer hergestellten Lehrfilms „Das Rord- licht "erstmalig vorgeführt.
Max Sleoogfs Beisetzung.
In Neukastel (Pfalz) wurde ber verstorbene große deutsche Maler Max S l e v o g t auf bem Fami- liensriebhof in der Nähe seines Besitztums beige- setzt. Die Trauergemeinde war nicht groß. Ohne Gepränge trugen die bekanntesten Pfälzer Maler ben toten Künstler zu Grabe. Regierungspräsident Dr. Osthelder war als Vertreter der bayerischen Staatsregierung anwesend, von ber Preußischen Akademie ber Künste Prof. Ammersdorfer, Direktor Hartlaub von der Städtischen Kunsthalle Mannheim und Pfarrer Ferkel von ber Friedenskirche in Ludwigshafen, die Slevogts letztes großes Werk birgt. Schlicht und einfach war die Beisetzung. Pfarrer Wambsgans (Neuhofen), ein Jugendfreund des Toten, sprach einen warmen Nachruf.
Aus öfter Wett.
Arbeitslosenunruhen in Liverpool.
In Liverpool kam es in den letzten Tagen zu schweren Zusammenstößen zwischen Arbeitslosen und der Polizei. Die Arbeitslosen veranstalteten vor dem Rathaus eine Massenkundgebung für eine Erhöhung der Unter- stühungssähe. Auf dem Rückmarsch riß plötzlich eine Frau einem Schuhmann den Helm vom Kopf. Das war das Zeichen für einen allgemeinen Angriff auf bie Polizisten, die von der Menge mit einem Hagel von Steinen. Flaschen und anderen Wurfgeschossen bombardiert wurden. Die Polizei ging mehrere Male mit dem Gummiknüppel gegen die Menge vor. Als die Arbeitslosen ihre Angriffe fortsehten, wurde berittene Polizei eingesetzt, die die Menge auseinandertrieb und viele Verhaftungen vomahm. Im ganzen wurden 30 Personen verletzt. Später kam es verschiedentlich zu neuen Zusammenrottungen, wobei die Arbeitslosen mehrere Geschäfte plünderten und Schaufenster einwarfen.
Spinale Kinderlähmung in Cottbus. — Sämtliche Schulen geschlossen.
Wegen mehrerer ernstlicher Erkrankungen an spinaler Kinderlähmung wurden dieser Tage sämtliche Cottbuser Schulen geschlossen, nachdem man es bisher mit der Schließung einzelner Klassen hatte bewenden lassen. Die Schließung der Schulen war seit Tagen von der Elternschaft gefordert worden.
Polnischer Soldat als Spion erschossen.
In der Warschauer Zitadelle wurde dieser Tage ein 22jähriger Soldat des polnischen Funkcn- telegraphenregiments erschossen, nachdem er in einem zweitägigen Standgerichtsverfahren wegen Spionage zum Tode verurteilt worden war. Das .Urteil wurde sofort nach der Urteilsverkündung vollstreckt.
Gronau nach China gestartet.
Wie ein Funkspruch aus Tokio meldet, ist der deutsche Flieger Wolfgang v. Gronau von Kagoshima (Kyushu) nach Schanghai gestartet.
Nissen und den Nöten ihrer Hemmungen und Gefühle. Helen hat sie schon einmal dort getroffen — sie hat keine Lust, ihr wieder zu begegnen.
„Platz nehmen zum zweiten Mittagessen!" ruft der Kellner, und damit entscheidet sich Helen endgültig.
„Gibt es wieder Omelette auf Herzogin-Art, bleibe ich in München ..
Es gibt Forelle.
Aber nach Innsbruck kommt sie erst vier Tage später.
Oer Aal im Lolal.
Für den, dem es schmeckt, ist der Dal geräuchert oder gekocht mit Petersilienkartoffeln und holländischer Soße angerichtet, ein vortreffliches Gericht. Besonders an Sommertagen. Sitzt das Tier aber noch lebendig in seiner glitschigen Haut, dann erfreut es sich nicht so allgemeiner Wertschätzung, und es ist bestimmt anzunehmen, daß alle jungen Damen auf frei umheüriechende Aale in der gleichen schreckhaften Weise reagieren, wie auf Mäuse. Das hätte der Koch eines Pariser Restaurants alles bedenken sollen, als er lebende Aale in Empfang nahm, um sie für die Gäste zuzubereiten. In einem unbewachten Augenblick entwischte ihm nämlich eins dieser schlüpfrigen Gesellen und war verschwunden. Im Speisesaal des Restaurants herrschte lebhafter Betrieb. Alle Tische waren beseht, die Kapelle spielte, Kellner flitzten hin und her. Da plötzlich schrie eine Dame hell auf: „Hilf e, eine Schlange!" — Gäste und Kellner sprangen hinzu und was entdeckte man? Der aus der Küche _ entflohene Aal hatte sich sachte in den Speisesaal, wo er ja auch hingehörte, geschlichen und an den schlanken Waden oder zumindest an den Seidenstrümpfen jener Dame Gefallen gefunden. Auf den Schreckensruf der Dame hin brach unter den Gästen eine Panik aus. Alles stürmte nach den Ausgängen, Tische und Stühle wurden rücksichtslos beiseite gestoßen, Gläser und Eßgeschirr fielen auf die Erde, zerklirrten oder wurden zertreten. Der Inhaber des Restaurants alarmierte die Polizei. Als das Polizeikommando am Schauplatz erschien, hatten die Gäste das Lokal längst geräumt und einen Trümmerhaufen zurückgelassen. Der Restaurateur bezifferte den Materialschaden auf über 1000 Franks. Größer ist der Schaden, den die Kellner feststellten, als sie abrechneten. Sehr viele, wenn nicht die meisten Gäste hatten die Panik benutzt, um zu verschwinden, ohne die Rechnung beglichen zu haben.
Oer preußische Landtag lenkt ein.
Ein neuer Beschluß zur Gehorsamspflicht der Beamten gegenüber dem Reichskommissar.
Berlin, 22.Sept. (DdZ.) Auch zur heutigen Plenarsitzung des Landtages sind Regie- rungsdertreter nicht erschienen. Das Haus berät über die Anträge der Rationalsozialisten, Deutschnationalen und des Zentrums zu dem Land- tagsbeschluh gegen die Gehorsamspflicht der Beamten
Abg. Steuer (dn.) begründet den Antragseiner (Jratiion, wonach der Landtag seinen Beschluß vom 30. August d. I- gegen die Gehorsamspflicht der Beamten als gesetzwidrig erklären und aufheben soll. Auf der äußersten Rechten herrscht lebhafte Llnruhe. Ein Teil der Rationalsozialisten verläßt unter anhaltenden lärmenden Kundgebungen den Sitzungssaal, wobei die Kommunisten gleichfalls sich an der Unruhe beteiligen. Da die wiederholten Mahnungen des Präsidenten Kerrl, den Redner ruhig anzu- hören, kein Ergebnis haben, verläßt der Präsident seinen Platz, womit die Sitzung für hirje Zeit unterbrochen ist. Rach wenigen Minuten wird die Sitzung durch den Präsidenten wieder eröffnet. Abermals erhält Abg. Steuer (bn.) das Wort. Wiederum entstehen sofort bei den Rationalsozialisten und Kommunisten lärmende Kundgebungen, die Präsident Kerrl nicht beschwichtigen kann. Abgeordneter Steuer spricht erregt auf den Präsidenten ein, der m i t den Achseln zuckt. Der Präsident ersucht immer wieder um Ruhe, die auch solange ein* tritt, wie der Abg. Steuer seine Ausführungen nicht beginnt Sobald er aber auch nur „Meine Damen und Herren" sagt, setzten die anhaltenden lärmenden Kundgebungen bei den Rationalsozialisten wiederum ein. Präsident Kerrl verläßt wiederum seinen Platz, womit die Sitzung zum zweiten Male unterbrochen ist.
Rach kurzer Pause wird die Sitzung wieder eröffnet. Die Rationalsozialisten verlassen jetzt bis auf einige Horchposten den Saal. Abg. Steuer (Sn.) erklärt: Rur blinder Parteifanatismus könne die Rationalsozialisten veranlassen, jetzt die Deutschnationalen anzugreifen und zu vergessen, daß noch im letzten Landtag die Deutschnationalen es gewesen seien, die sich schützend vor die vom Kabinett Braun Verfolgten und Unterdrückten stellten. Der Abgeordnete Kube habe damals der deutschnationalen Fraktion ein Denkschreiben übersandt, worin er sich für die Ritterlichkeit bedankt habe, mit der die Deutschnationalen der schwachen Gruppe der Rationalsozialisten geholfen hätten. Abg. Kube habe in jenem Schreiben der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß der Augenblick kommen möge, in dem er diese Ritterlichkeit zurückerstatten könne. (Große Heiterkeit links und Zurufe: Ieht haben Sie den Dank vom Hause Habsburg!) Das jetzige Verhalten der Rationalsozialisten würde ihre Wähler stutzig machen. Die Rationalsozialisten speku
lierten auf das kurze Gedächtnis der Zeitungsleser mit ihren neuen schärfsten Angriffen gegen die Reichsregierung von Popen. Tatsächlich sei es erst wenige Wochen her, daß die Rationalsozialisten das Kabinett von Papen begrüßt hätten. Während die Rationalsozialisten damals noch das Zentrum auf das heftigste angriffen, hätten sie bald darauf Koalitionsbesprechungen mit demselben Zentrum begonnen. (Hört! Hört! bei den Deutschnationalen.) Die Deutschnationalen wollten den nationalen Staat und wendeten sich gegen den Parteifanatismus, gleichgültig, von welcher Seite er könne. (Händeklatschen bei den Deutsch- nationalen.)
Abg. Dr. Nicolai (Natsoz.) begründet den Antrag seiner Fraktion. Die Nationalsozialisten wollten mit ihrem Antrag zum Ausdruck bringen, daß die Beamten in erster Linie Gesetz und Verfassung zu achten hätten. Wenn die Regierung Papen sich an dieses Prinzip halte, könne es nicht zu einem Konflikt zwl,chen ihr und den Beamten kommen. Die Nationalsozialisten hätten keinen Rückzug gemacht, sie versuchten nur die Fassung des Beschlusses, die zu Zweifeln hätte Anlaß geben können, durch eine Formulierung zu ersetzen, die keine Zweifel mehr zulasse. (Lachen links.)
Abg. Bugdahn (Soz.) empfiehlt den Antrag seiner Fraktion, wonach der Landtag das Verhalten des Landtagspräsidenten Kerrl mißbilligen solle, weil dieser nicht berechtigt sei, im Namen des Landtages ohne besonderen Auftrag politische Verhandlungen zu führen. Die Nationalsozialisten beschwerten sich jetzt über den Reichskommissar. Dabei habe Herr Kube am Tage der Einsetzung des Kommissars in Hamburg davon gesprochen, daß jetzt eine neue Epoche in Preußen beginne, er habe sogar gesagt: Jetzt kommen wir. Gekommen sei jedoch der Besuch Kerrls beim Reichspräsidenten, um Verwahrung gegen den Reichskommissar einzulegen.
Abg B o r ck (DN.) betont, auch wir sind der Tieinung, daß der Landtagspräsident im Namen des Landtages politische Verhandlungen nicht führen kann. Er hat nicht das Recht, irgendwie politische Meinungsäußerungen des Landtages verlauten zu lassen. Die Pflicht des Präsidenten tft es dagegen, nicht nur zu repräsentieren, sondern auch Ruhe und Ordnung im Hause aufrechtzuerhalten. Wir bedauern außerordentlich, daß der Vorsitzende des marxistenfreien Präsidiums in diesem Hause e s nicht fertiggebracht hat, einem nationalen Redner Rübe zu verschaffen. (Zustimmung bei den DN.) Wir sehen darin eine grobe Pflichtverletzung des Präsidenten und stimmen deshalb dem Miß- billigungsantrag zu.
Abg. N u s ch k e (Stp.) ist der Ansicht, daß Präsident Kerrl seine Präsidentenbefugnisse erheblich überschritten habe. Was den Beamtenbeschluß vom 30. August angehe, so handle es sich dabei um ein sehr betrübliches Kapitel. Diese Angelegenheit
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