Ausgabe 
23.7.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 23.3uli 1932.

Don der Landesuniversität. Die Pressestelle der Universität Gießen teilt mit: Der Ordinarius an der Universität Greifswald Dr. E. Dley hat den an ihn ergangenen Ruf als Rachfolger des nach Leipzig gehenden Prof. Dr. Rosenberg angenommen. Dem Assistenz­arzt an der Medizinischen Universitäts-Klinik Dr. R e n 6 du Mesnil de Rochement wurde bei der Medizinischen Fakultät unserer Landesuniversität die venia legendi für das Fach der Inneren Medizin und Strahlenheilkunde in Innerer Medizin erteilt.

* Der Derwaltungsausschutz beim ArbeitsamtGiehen. Der Hess. Minister des Innern (Arbeit und Wirtschaft) hat nach der Ver­ordnung zur Vereinfachung und Verbilligung der Arbeitslosenversicherung u. a. auch den Derwal- tungsausschuß beim Arbeitsamt Gießen umge­bildet und folgende Herren zu Vertretern bzw. Stellvertretern bestellt: Vertreter: Bürgermeister Dr. S e i b, Gießen: Beigeordneter Kling, Dad- Rauheim: Regierungsrat Grein, Gießen (Kreis­amt): Regierungsrat Dr. Loh, Büdingen (Kreis­amt): Bürgermeister Dr. V ö l s i n g , Alsfeld: De- gierungsrat Ranz, Lauterbach (Kreisamt). Stell­vertreter: Bürgermeister Dr. Seyd, Friedberg: Bürgermeister Walz, Lauterbach: Regierungsrat

Schwan. Schotten (Kreisamt): Regierungsrat Dr. Mever, Friedberg (Kreisamt): Bürgermeister Goy, Heldenbergen: Bürgermeister Fendt, Hungen.

** Keine SA. -Kundgebung am nach, sten Sonntag. Bon der Kreisleitung der NSDAP, hören wir: Infolge des Demonstrations- Verbots der Reichsregierung findet die für nächsten Sonntag vorgesehene SA.-Kundgebung der Stan- barte 116 in Gießen nicht statt. Aus dem gleichen Grunde fällt auch die geplante Versammlung in der Volkshalle aus.

" Museen und Heidenturm sind cvm Sonntag zwischen 11 und 13 Uhr bei gewöhn­lichen Eintrittspreisen geöffnet.

** Einziehung der hessischen Nota» r i a t s k o st e n. Der hessische Notar-Verein teilt uns mit: Nach der neu erlassenen Hessischen Notariats, vollzugsordnung vom 20. Juni 1932 müssen die des. siechen Notarsgebühren, die als gemeinschaftliche Ge- bühren des Staates und des Notars erhoben werden und die zum größten Teil zur Zeit bis zum Höchstsatz von 80 Prozent dem Staate zustehen, samt den Auslagen beschleunigt eingezogen werden. Jeder Notar muß, falls die Kosten nicht alsbald nach Rechnungserteilung bezahlt werden, Mahnung mit Frist von höchstens einer Woche ergehen lassen. Er» folgt in dieser Frist die Zahlung nicht, so ist er ver­pflichtet, die Kosten vollstreckbar festzusetzen und sie beizutreiben. In Ausnahmefällen darf er dann noch eine gewisse Stundung eintreten lassen.

Gcingerfestun- deutschesVolksium.

Bekenntnis zum Einheitsgedanken. Oeutschstämmige Verbundenheit über Ländergrenzen und Meere hinweg.

WSD. Frankfurt a. M., 22. Iuli. Nachdem gestern abend die Berliner Sänger eingetroffen Wauen, folgten im Laufe des Freitagvormittag Sänger-Sonderzüge aus Kiel, Basel, Wien, Kas­sel, Saarbrücken, Offenburg, Hannover, Bremen, Essen, Cottbus, Stuttgart, Düsseldorf, Tübingen, Friedrichshafen, Zweibrücken, München und Rürnberg. Damit dürften die in Frankfurt er­warteten 40 000 Sänger so ziemlich zur Stelle sein. Der heutige Tag wurde mit einer ein­drucksvollen

Feier in der paulskirche eingeleitet. Die Feier galt dem deutschen Einigungsgedanken. Die Festrede hielt der Borsihende des Festausschusses.

Rechtsanwall Dr. Hermann (Frankfurt a. 211.), der die Geschichte jener Zeit umriß, in deren Mittelpunkt die Paulskirche stand. Linker Rutz- anwendung auf die heutige Zeit betonte der Redner, daß die Einheit auch heute nicht be­stehe, solange man widernatürlich unfern Volks­körper in zwei Teile zerrissen und lebenswichtige Teile aus ihm herausgeschnitten habe, solange man unsere Brüder an der Saar vom Mutter­lande fernhalte und die Vereinigung mit den österreichischen Stammesbrüdern gegen die Stimme der Vernunft und des Blutes hindern wolle.

Solange noch diese Wunden bluteten und unser Volk mit der Kriegsschuldlüge behaftet sei, könnten wir keinen wahren Frieden anerkennen. Wie in der Zeit des Werdens unserer nationalen Einheit, so gehöre auch heute und immerdar in selbstloser und selbstverständlicher Pflichterfül­lung das Herz und das Lied des deutschen Sän­gers dem deutschen Vaterlande und der deutschen Volksgemeinschaft.

Der Obmann des Oesterreichisch-Deutschen Dolks- bundes Wien,

Generaldirektor Dr. Hermann Reubacher legte ein begeistertes Bekenntnis für den A n s ch l u ß g e d a n k e n ab. Er erklärte u. a.: Während ich hier aus tiefstem deutschen Herzen für Großdeutschland spreche, soll Deutschöster» reich in einem Augenblick drängender Wirtschaftsnot neuerlich die Bekräftigung einer verhaßten außen­politischen Bindung gegen Großdeutschland abge­zwungen werden. Vergessen wir in dieser Not des Tages nicht, daß die Geschichte die größeren Zeit- räume der Erfüllung über Freud und Leid, Un« gemach und Widerspruch vieler Tage spannt, ver- gessen wir das größte Ziel nicht und nicht die ernste Pflicht, für das größte Ziel täglich einzutreten. Lassen sie mich in dieser ernsten Stunde im Namen der alten Ostmark des heiligen römischen Reiches deutscher Nation sagen:

wir werden niemals ermüden, wir werden uns niemals ergeben, wir werden niemals daran zweifeln, daß wir mit euch Großdeutschland und

ein besseres Europa erkämpfen werden, in dem das deutsche Volk zum Wohle der Mensch­heit frei und stark seiner geschichtlichen Sendung leben kann.

Die Feier war umrahmt von drei Werken, die in der Paulskirche ihre Uraufführung erlebten:Aus dem deutschen Parnaß" (Goethe) von Bodo Wolf, Greven der Menschheit" (Goethe) von Wilhelm Rinkens undMahnung" (Willi Vesper) von Otto Jochum.

In der dichtbesetzten Frankfurter Festhalle fand eine denkwürdige

Volksdeutsche Weihestunde statt. Nach der Begrüßungsansprache des stellv. Vor­sitzenden des Deutschen Äingerbundes, Rektor B r a u n e r - Berlin, dessen Gruß namentlich den aus dem Auslande erschienenen deutschen Sanges- brüdern und den Rednern des Tages galt, sprach

Reichsinnenminister Freiherr von Gayl.

Er überbrachte die Grüße des Herrn Reichspräsi­denten für die in Frankfurt a. M. versammelten Sänger, namentlich für die aus dem Auslande her­beigeeilten Deutschen, die damit ihre unverbrüch­liche Anhänglichkeit an die alte Heimat unter Be­weis stellen wollten. Der Minister betonte weiter, daß er auch der Ueberbringer einer guten Botschaft sei, da er nämlich die Mitteilung machen könne, daß mit Rücksicht auf die hohe kulturelle Dedeu- tu na des deutschen Liedes und den friedlichen und künstlerischen Charakter des 11. Deutschen Sänger­festes ab Sonntag, den 24. Juli die Notverordnung, betreffend

das Demonstrationsoerbot insoweit aufgehoben werde, als es sich um Umzüge künstlerischen und ähnlichen Charakters handelt.

Danach beständen also keine Hindernisse mehr für die Durchführung des großen Sängerfestzuges am Sonntagnachmittag. (Diese Mitteilung löste großen Beifall bei den Zehntausenden, die die weite Halle füllten, aus.) Die Reichsregierung lehne es ab, in

dieser Notzeit Feste zu feiern. Wenn sie an der Tagung des Sängerbundes dennoch teilnehme, so geschehe es deshalb, weil es sich hier nicht um eine eigentliche Feier, sondern um eine Veranstal« tung von volkspolitischem Wert han­dele. Die deutschen Volksgenossen, die aus allen Teilen der Welt nach Frankfurt gekommen seien, sollten in dem Bewußtsein gestärkt werden, daß sie zu uns gehörten, was auch immer kommen möge.

Für das Deutschtum in Liebersee hielt bann

Dr. Gotthard F. Seyffarth (Brooklyn)

eine Ansprache, in der er hervorhob: Wenn wir auch unter verschiedenen Regierungen leben und wenngleich unser tägliches Leben als Resultat der fremdländischen Llmgebungen und der Le­bensgebräuche dieser Rationalitäten auch in vielen Beziehungen grundverschieden ist, so macht sich dennoch ein Gefühl überall gleich bemerkbar:

Die Liebe zu der Heimat unserer Väter und zum deutschen Volke!

Lind was ist es, was diesem Gefühle Vorschub leistet, unzerstörbar in unseren Herzen aufbaut und erhält? Cs ist das einfache und doch un­vergleichlich herrliche deutsche ßieö. Wo immer sich einige Deutsche oder selbst deren Kinder zu­sammenfinden, da singen sie die alten trauten Weisen. Wir Sänger haben immer in erster Linie gestanden, wenn es galt, die Ehre des deutschen Ramens zu schützen. Die deutsch- amerikanischen Gesangvereine haben unter der Kriegshetze mit am schwersten ge­litten, weil ihre Wesensart offenes und lautes Bekennen zur deutschen Muttersprache und zum deutschen Lied bedingen muß. Wenn uns auch Länder und Meere trennen und wir politisch anderen Ländern in Treue untertan sind, so

besteht für uns immer noch die Stammesver- wandtfchaft und die enge Verbundenheit des

Wesens, des Gemüts und des Geistes.

Deshalb begrüßen wir euch, liebe Volks­genossen, an dieser Stätte, wo der größte Deutsche, Goethe, das Licht der Welt erblickte, mit dem stolzen Bekenntnis: Auch wir sind deutschen Blutes!

Für die deutschen Volksgruppen in Europa außerhalb der deutschen Grenzen ergriff darauf

Landrat a. D. Raumann (Posen)

das Wort. Er führte u. a. aus: Wir sind ge­kommen, um Seite an Seite mit unseren staat­lich geeinten Brüdern aus dem Reiche und aus Oesterreich, und mit denen von Liebersee im Zeichen des deutschen Liedes Zeugnis abzulegen für die Einheit unseres Volkes. Die Mehrheit unseres Volkes steht vielleicht erst am Anfänge der dämmernden Erkenntnis, was es für uns bedeutet, allen Grenzen zum Trotz ein Volk zu sein:

Volk als eine Einheit, die mehr ist und mehr fein will, als der bloße Sammelname einer bestimmten Gattung des Menschengeschlechts.

Richt mehr gestoßen und getreten taumeln wir in Gruppen und Grüppchen vorwärts, sondern wir schreiten in geschlossenen Reihern frei, er­hobenen Hauptes, den Blick aufs höchste Ziel gerichtet.

Für bas Volk ber deutschen Staaten sprach zum Schluß

Reichsminister a. D. Dr. Geßler.

Er führte u. a. aus: Wir sind in den letzten Jahren auf dem Wege zu einem deutschen Volks- b e w n ß t s e i n ein gutes Stück weitergekommen. Wenn jemand vor dem Kriege in die Fremde ging, bann wurde er von der Heimat häufig als eine Art verlorener Sohn angesehen. Jeder Ausländsdeutsche aber, der heute in die Heimat kommt, wird bald erkennen, daß hierin eine große Wandlung ein­getreten ist.

Der Deutsche aus dem Auslande wird heute durchweg als Volksgenosse angesehen. Immer selbstverständlicher wird die Pflicht empfunden, sich um das Auslandsdeutschtum zu kümmern und dort helfend einzuspringen, wo die Rot und die Gefahr der Entnationalisierung beson­ders groß sind.

Schon der Weltkrieg hat diesen Gesinnungswandel eingeleitet. Wir Deutsche aus dem Reiche und aus Oesterreich, aus den Grenzgebieten des deutschen Volksbodens, aus den rings in Europa umbrande­ten Inseln deutscher Sprache und deutscher Lebens­gesittung bekennen uns in dieser Stunde mit voller Entschlossenheit zu unserem Schicksal und unserer Aufgabe. Wir erheben unsere Hande und geloben: in deutscher Not und Werkgemeinschast drinnen und draußen wollen wir den Sinn der Geschichte, die große Aufgabe der Gegenwart, erfüllen als treue Diener am Werke der deutschen Zu­kunft.

Die Feier war umrahmt von gesanglichen und musikalischen Vorträgen.

Sensationen -er Hnndsiage.

Aus den Kinderjahren des Kinos. ^Deutsches Kettner-Oerby 1932'

Berlin, fcm Iuli.

Als sie noch Vollbärte trugen...

Der alte Mar Liebermann hat bas einmal gesagt:Gleich wo bie Begabung aufhört, geht ber Stil los." Aber wir wollen vorläufig noch nicht von ber Kunst, sondern vom Wetter spre­chen. Llnb ba gibt es tatsächlich eine Parallele für biesen schönen Ausspruch, eine Parallele in ber Tat: wo bie Kunst aufhört, ba fängt (An­fang Iuni ober Iuli) bie Hitze an, und wo bie Hitze losgeht, ba passieren am Raube bes Ber­liner Kunstbetriebes allerlei merkwürdige Reben­erscheinungen, die, bei 36,9 im Schatten, dem Mitbürger durchaus der Beachtung wert scheinen.

Filmpremiören gibt es zu dieser Iahres- zeit bekanntlich kaum noch. Dafür treibt eine absonderliche Art von Filmwissenschaft im Hinter­zimmer einer Dchnell-Imbißstube des Berliner Westen schillernde Blüten. Da hat man, an Hand von vergilbten Photos aus den ehrwür­digsten Filmarchiven eine kleine Ausstellung zu­rechtgezimmert, die fünfzehn Minuten rund um die gesamte Entwicklung des Filmes in den letzten zwanzig Jahren führt, wobei sie beson­ders bei den etwas ausgelatschten, darum aber nicht minder rüHrenden Kinderschuhen des FilmS liebevoll verweilt.

Mein ©ott, wenn wir dies alles doch noch einmal mit wachem Bewußtsein erleben könnten! Diese Zeit, als Kino noch nicht Kino war, son­dern Kintopp, in einer Iahrmartsbude abgerollt, oder in einem kleinen Raum, zu dem man sich 'ben Eintritt in Form eines Groschens teuer er­kämpft zu haben glaubte. Mit Kunst hatte dies alles damals noch nichts zu tun, die offiziellen Propheten dieses weihevollen Wortes wanden sich mit Schaudern, wenn sie das WortFilm" hörten. Die Mentoren ber b am als aufkommenben Bewegung waren meist gerabewegs aus ben Rummelplätzen herausgewachsen, sie nannten sich nicht mehr Panoptikumsbesiher, sie führten nicht mehroriginal lebenswahre Photo­graphien", bie sich erstaunlicherweise von selbst bewegten, vor, sondern sie nannten sich stolz und selbstbewußtFilmdirektoren", saßen bereits auf echten Klubsesseln und sogen an dicken Zigarren. Aber schön war sie doch, diese Zeit ...

Wen es damals nicht alles schon gab! AstaNiel- s e n als Backfisch, Harry Liedtke als ach so grünen Jüngling, Curt Bois im Wickelkissen, Emil 3 a n n i n g s als jugendlichen Höhlenmen­schen, Ernst Lubitsch als ängstlichen Stift in einem Konfektionsgeschäft. Der junge Mann in der Toga, mit dem rosa Stirnbändchen und der Leidens­miene er sieht wahrhaftig aus wie ein Damen­imitator in Zivil ist jahrelang ein Publikums- liebling gewesen, heute ein älterer Herr und Bon­vivant. In irgendeiner Ecke taucht, mit Pech und Schwefeldampf, Fritz Kortner auf, alsSata- nas". Er trägt eine tolle Perücke, die wohl ägyp­tisch sein soll, und ein herausforderndes Wesen zur Schau. Und was er spricht, ist Geißel, und was er schreibt, ist Blut. Passen Sie mal auf! Gleich wird er, aus purem Spaßvergnügen, den nubischen Skla­ven, rechts in der Ecke auf diesem bacchantischen Familienphoto, enthaupten lassen. Schon zuckt der kleine Finger seiner linken Hand. Gleich wirb er mit demselben winken! Unter diesen Umständen kann man es durchaus verstehen, daß in dieser Aus­stellung Regenschirme und Stöcke an der Garderobe abgegeben werden müssen.

Was aber denken Sie wohl, wer diesem finsteren Helden gegenüber hängt? Ein Weltmann, ein Globe- trotter wie noch nie, seine Brust bedeckt ein b l o n- der Rauschebart, seinen sehnigen Leib ein langer Paletot mit Samtkragen, seinen Kopf ein rundes Hütchen. Man sieht es ihm an, daß er ge­rade eben mit kühnem Sprung vom Führersitz sei­nes Automobiles das im Hintergrund, wie eine Schiffsschaukel anzusehen, zittert und bebt her- abgefprungen ist, um irgendeinem Schurken an irgendeine Gurgel zu fassen. Sag, wer mag das Männlein sein? Nun, niemand anderes als Hans Albers, der von der Pike auf den Werdegang des deutschen Filmes verfolgt hat. Damals hatte er gerade klein angefangen, nämlich mit einem Voll­

bart. Heute jedoch, wo er groß als Liebling der hal­ben Well dasteht, trägt er sich zwar nicht minder wild, aber zum Tröste doch glattrasiert.

Und bann bekommen wir noch, für weniges Geld, ein paar Gratiszugaben: die KurzfilmeMutter, dein Kind ruft",23 o n Stufe z u Stufe Glück und Ende einer Probiermamsell" und wenn es hoch kommt, als schaurigstes Erlebnis, den Film von den Augen der Mumie Ma...

Kellner rennen um die Wette.

Im Osten Berlins gibt es noch ein altes Theater, das zu den lebendigsten und hübschesten Einrichtun- gen der Stadt gehört. Dort residiert seit vielen Jah­ren Familie Rose, Urahne, Großmutter, Mut­ter und Kind, und spielt Theater. Manchmal machen sie sogar mit dem Theaterspielen ernst, und bann kommen gute, saubere, den besten Berliner Bühnen ebenbürtige Ausführungen etwa eines Dramas von Gerhart Hauptmann heraus. Jedoch im Som­mer zieht sich die Familie auf die Linie des geringsten Widerstandes, in Form von Operetten, zurück. Und sind gar die Hundstage hereingebrochen, bann findet das Theater wegen günstiger Witterung nicht im Saale, sondern im (Sorten statt.

Dieser Rose-Garten ist ein bezaubernder Aufent­haltsort. Unter dicken alten Bäumen sitzt man, schlürft seine Weiße mit Himbeer, zuweilen schreien Kinder, zuweilen irren Mütter, zuweilen fragt eine kleine, piepsige Stimme gedankenvoll in eine Stille hinein:Mutti! Was macht denn der Mann da oben?" Und der Mann da oben, der nicht nur ein Mann, sondern auch ein Komiker ist, verbeugt sich gerade und beginnt ein neues Couplet mit vierund- dreißig Strophen in der Art des verstorbenen Otto R e u 11 e r, bloß ins Berlinerische übersetzt, vorzu­tragen. Nach jeder Strophe, jeder Pointe, macht er eine kleine Pause. Die Leute unten sollen Zeit haben, zu lachen. Und der Jubel unten will kein Ende nehmen.

Neulich hat die Familie Rose zu einem richtig­gehenden Gartenfest eingeladen. Da gab es einen feierlichen Mahn aus dem Berliner Westen, der eine Rede an dasVolk" hielt. Und dann folgte fo etwas wie eine richtige Bühnenschau. Aber damit gab sich die rührige Familie keineswegs zufrieden. Der Höhe­punkt der Veranstaltung war dasdeutsche Kellner-Derby 1 9 3 2". Was in aller Welt ist das? Mehrere Herren, erhitzt, im Frack, eine große Nummer auf dem Rücken, traten zum Start an. Jeder hielt in feiner Hand ein bis zum Rand gefülltes Tablett mit Tellern, Schüsseln, Gläsern, Flaschen. Dann hieß es: Achtung, bann hieß es fer­tig, bann hieß es: los. Und diese Herren, obwohl es doch ganz gewiß ohnedies schon recht heiß war, stürzten auf einen erschreckenden Böllerschuß hin auf und davon. Dreimal um das nächste Karree, wie von der Tarantel gestochen, geht die Fahrt. Der große, dürre Ober hat gerade den kleinen dicken überholt. Seine Augen glänzen, Schweiß perlt auf seiner Stirne, mit seinen fliegenden Frackschößen sieht er aus wie ein Komet auf Reisen. Halsbrecherisch fegt er um alle Ecken. Die Gläser auf dem Tablett schau­keln bedenklich. Er wird das Rennen machen, ganz gewiß. Denn dem Kleinen ist scheinbar inzwischen die Puste ausgegangen, und das Publikum nimmt schon fühlbar Anteil und Partei für den Spindel- Dürren. Dreimal hoch ein rauschender Tusch ... der Ober aus dem kleinen Familienrestaurant, das kein Mensch kennt, ist tatsächlich als erster durchs Ziel gegangen.

Rachyer gibt es die Preise. Eine Plakette ist dabei, e'n Zwanzig-Mark-Schein, ein Gutschein für ein Souper zu zwei Personen bei Kempinski. Dieses Souper hat der Oberkellner eines kleinen vegetarischen Restaurants gewonnen. Man glaubt es gar nicht, wenn man ihn sieht, daß er über­haupt imstande wäre, um die Wette zu rennen. Am nächsten Samstag aber wird er seinen Frack ausziehen, er wird in seinem besten dunklen Anzug mit seiner Frau oder seiner Braut in dem großen Restaurant sitzen und vielleicht ab und zu mißtrauisch nach den Bewegungen des Kellners sehen, der ihn bedient. Dieser Dilet­tant! Wie kann er das nur so machen? Wo man doch den Fisch rechtsherum reicht! Aber hoffent­lich wird er trotzdem seine Freude daran haben.

Buntes Allerlei.

Oer spanische Goldmacher.

In Spanien hat die Rachricht ungeheures Aus­sehen erregt, daß es dem Chemiker German Botella aus Alicante gelungen sei, Gold aus Quecksilber zu gewinnen. Das spa­nische Finanzministerium beauftragte eine Sach­verständigenkommission mit der Rachprüfung der Experimente Botellas. Es verlautet, daß die Versuche überraschend gut geglückt seien. Lim die Möglichkeit auszuschalten, daß man wieder auf einen Goldmacherschwindel hereinfällt, war Botella bei den Rachprüfungen nicht zugegen, auch seine Apparate und sein Material wurden nicht benutzt. Man fertigte neue Apparate an. Es soll gelungen sein, aus Quecksilber reines Gold zu gewinnen, und zwar rund 50 Prozent des Quecksilbergewichts. Daß es möglich ist, auf chemischem Wege Gold zu gewinnen, ist der Wissenschaft längst bekannt. Don der Gold­gewinnung auf künstlichem Wege mußte aber Abstand genommen werden, weil das künstlich gewonnene Gold sich viel teurer stellen würde als natürliches Gold. Botella behauptet aber, daß das von ihm gewonnene Gold nur den fünften Teil des jetzigen Weltmarktpreises kosten würde. Solange das offizielle Gutachten der Sachver­ständigenkommission noch aussteht, wird das Ver­fahren Botellas vielfach sehr skeptisch beurteilt. Hält das Verfahren jeder Rachprüfung stand, dann würde Spanien mit einem Schlage das reichste Land der Erde sein, denn es verfügt über die reichsten Quecksilbergruben der Welt.

Das Raketenschiff.

Um bie Experimente mit ben Raketenwagen ist es ziemlich still geworden. Dafür hören wir jetzt von einem Raketenschiff. Auf der Weser werden Ver­suche mit einem Schiff unternommen, bas eine ganz neuartige Antriebsmethode zeigt. Das vor dem Schiff liegende Wasser wird aufgesaugt und hinten mit großer Wucht abgestoßen. An den Seitenflächen des Schisssrumpfes find Kanäle eingeschnitten, bie große Wassermengen aufnehmen können. Das an- gesaugte Wasser wird am Heck durch drei Dusen mit großer Kraft ausgestoßen. Durch den Rückstoß wird das Schiff vorwärts getrieben, wie beim Raketen­wagen. Auch der Tintenfisch bewegt sich auf diese Weise vorwärts. Das Schiff soll eine sehr hohe Fahr­geschwindigkeit entwickeln.

Eine Kreilust-Bibliothek.

Eine sehr glückliche Reu-Einrichtung ist in einem schattigen Winkel des herrlichen Parks der Villa Borghese zu Rom geschaffen wordön. Hier hat man nämlich unter den Bäumen einen Holzpavillon errichtet, in dem sich etwa 1000 Bücher befinden. Diese sind sorgfältig ausge­wählt, um allen Wünschen der Besucher des Parks Rechnung zu tragen. Ieder kann hier sich ein Werk entleihen und es in den Garten mitnehmen, um es behaglich auf einer der be­quemen Bänke zu lesen. Die Verwaltung hat diese Freiluft-Dücherei eröffnet, um den Ein­wohnern Roms Gelegenheit zu bieten, den Aufenthalt im Freien möglichst nutzbringend zu verwenden. Andere solcher Freiluft-Büchereien sollen folgen.

(Sfraffammer Gießen.

* Gießen, 22. Juli. Ein auswärtiger Maurer war von dem Amtsgericht Gießen wegen versuch­ten Betrugs zu einer erheblichen Geldstrafe ver­urteilt worben, weil er eine Bescheinigung seines Arbeitgebers (seines Schwiegervaters) mit falschen Angaben über Arbeitszeit und Lohn zwecks Erlan­gung der Arbeitslosenunterstützung einüereicht hatte. Aus demselben Grunde waren zwei Bergleute von dem Amtsgericht Gießen bestraft worden. Sülle Ur­teile wurden b e ft ä t i g t.

Ein Kaufmann war von dem Amtsgericht Fried­berg wegen Unterschlagung zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt worden, weil er einen ihm zur Einlösung eines Wechsels übergebenen Geldbetrag für sich verbraucht habe. Heute wurde er dem An­trag der Staatsanwaltschaft entsprechend freige- sprachen, da sich neuerdings erhebliche Zweifel an feiner Schuld ergeben hatten.

Sin Kutscher von Bad-Nauheim war von einem Polizeibeamten angezeigt worden und hatte diesem in der Verhandlung, während das Gericht sich zur Beratung zurückgezogen hatte, Meineid vorveworfen. Wegen Beleidigung hatte er drei Monate Gefängnis erhallen. Seine Berufung war ohne Erfolg.

Bei der vorjährigen Kirchweih in Ockstadt war es nachts zu einem Streit zwischen jungen Leuten gekommen, bet dem einer von ihnen durch Messer­stiche verletzt wurde. Das aufbrei Wochen Ge­fängnis lautende Urteil wurde bestätigt.