W M Mel.
Original «Vornan von Anny von panhuys.
Copyright by Verlag A. Bechthold, Braunschweig.
15. Fortic. d. Nachdruck oerdotenl
Wie so ganz anders hätte er alles aufgesastt, wenn ihm seine Mutter auch einen anderen Brfefsah Lils wiederholt hätte. Wenn sic ihm gesagt, dast der Sah: Werners Liebe ist zu klein, sie kann mich nicht zurückhalten! den Nachsatz hinter sich hergezogen: Schade! Ich habe Werner lieber als alles sonst auf der Welt! — Hätte er von diesem Nachsatz auch nur die leiseste Ahnung gehabt, er hätte noch in dieser Stunde das Haus verlassen, um Lil zu suchen und sie sich wieder- zuholen. Denn so sehr es ihm wehgetan, so sehr es im Augenblick sein Herz verhärtet, weil Lil seine Liebe „klein" genannt, so stark fühlte er jetzt wieder, er liebte sie, liebte sie mit tiefer Inbrunst.
Er liebkoste das Bild, murmelte: Lil, meine süste geliebte Lil, warum hast du mir das angetan?
Leise kam der Frühlingswind durch das ein wenig offene Fenster, strich wie eine kaum wahrnehmbare und doch sanft beruhigende Hand über die Schläfen und Stirn des Mannes, dem ein schöner Lebenstraum zerronnen war. Derselbe linde Frühlingswind aber drängte sich auch, weit brausten an den Grenzen der Stadt, durch das ein wenig offenstehende Fensterlein eines Zirkus- Wagens, darin auf schmalem Lager die noch vor kurzem so verwöhnte, jetzt bettelarme Lil ruhte, und sich mühte, den Schlaf zu finden. Sie wollte so gern wenigstens für ein paar Stunden vergessen, dast sie für immer den Mann aufgegeben, nach dem ihr Herz so verlangend schrie.
Sie atmete bedrängt. Angst vor dem Abenteuer, in das sie sich gestürzt und Sehnsucht nach Werner quälten sie. Mit der Weichen linden Mailuft drang Stallgeruch in den kleinen Wohnwagen. Lil dachte an die Pferde und Hunde, die man ihr vor ein paar Stunden gezeigt, sie dachte auch an den Clown Melchior Stampfer! und an den Direktor. Ebenso an den Seiltänzer mit den frechen Augen, der sie von weitem betrachtet und an die verschminkten Direktors- töchber.
Sie sog mit gierigen Lungen die Luft ein, die durch das Fensterchen kam und prestte die Hand auf das Herz, das so unruhig schlug. Tränen brannten in ihren Augen, Tränen, die sich aus der Tiefe ihres Herzens gelöst und nun einen Ausweg suchten. Sie schluchzte leise auf. Werner!
hätte sie schreien mögen. Werner.' So laut, dast er es hätte hören müssen über den ganzen langen Weg, durch den sie von ihm getrennt war.
Sie preßte ihr Gesicht fest in die Kissen und spürte dabei unangenehm den groben Stoff der Kissenbezüge. Es überkam sie das Verlangen, leise aufzustehen, zurückzulaufen nach der Linden- straste und um Wiederaufnahme zu bitten. Ganz bescheiden darum zu bitten. Dann sah sie Werner wieder und dann nahm er sie vielleicht wieder an sein Herz.
Schon hob sich ihr einer Fust, schon hob sich ihr Körper, da stand mit einem Male Werners Mutter vor ihren geistigen Augen, abweisend und hart. Mit einem wehen Seufzer liest sich Lil wieder in die Kissen fallen. Der Brief fiel ihr ein, den sie zurückgelassen, damit hatte sie den Schlüssel zur Tür der Versöhnung ein für allemal selbst weggeworfen. Es gab kein Zurück mehr.
Derselbe Frühlingswind liebkoste die beiden Menschen, und doch besäst er nicht einmal die Kraft, sie voneinander zu grühcn. Sic waren sich nahe und waren sich doch so fern, als lägen Länder zwischen ihnen, weite Länder.
Hell und klar glitzerten dieselben Sterne auf das kleine Haus in der Lindenstraüc nieder, die auch auf den Wohnwagen der Zirkusleute herabschauten, darin ein blondes Mädelchen sich in den Schlaf geweint. Aber kein Stern war hell genug, um den zwei Menschen einen Weg zu beleuchten, auf dem sie sich entgegengehen und wiederfinden konnten. Kein Stern war hell genug.
12. Kapitel.
Langsam zogen die Wagen durch die Nacht!
Die Gräfin Celia Kurzmann fast vor dem dreiteiligen Frisierspiegel und lieh sich von ihrer Zofe Meta das Haar ondulieren. Celia Kurzmann Cwar heute erst spät aufgestanden, was sehr häufig bei ihr vorkam. Sie gähnte ab und zu, nörgelte: „Sie wissen aber auch gar nichts Neues, Meta, als gute Zofe müstten sie ständig einen Sack von interessanten und pikanten Neuigkeiten bereithalten. Schliestlich will man doch unterhalten sein, wenn man stillsitzen must."
Meta lächelte: „Frau Gräfin sind sensationslüstern. Das Wort habe ich von Fräulein Lil Körner gehört."
Sie wustte. wenn sie den Namen Lils nannte, hatte die lebhafte Gräfin ein Thema, das ihr gefiel. Dann fragte sie dies und fragte das. Lil Körner war anscheinend in den gräflichen Augen eine sehr interessante Person.
Sie hatte sich nicht getäuscht: die junge Gräsin, die feit zwei Jahren schon Witwe war und doch erst fünfundzwanzig Jahre zählte, schnappte auf
den hingehaltenen Köder an. Sie fragte: „War sie denn als Clown in der Wohltätigkeitsvorstellung wirklich so heiworragend, wie man mir erzählt«? Ich kann mir nämlich gar nicht vorstellen, dast eine Dame der Gesellschaft dergleichen fertigbringt." — Meta prüfte die Brennschere, ob sie Heist genug wäre und drückte dann damit in die Haarsträhne eine tiefe weiche Welle.
Meta gab Antwort: „Für meinen Geschmack war sie als Clown grästlich! Frau Gräfin müssen sich das vorstellen. So 'n Dreikäsehoch, der schielt und Grimassen schneidet, dabei Nad schlägt, dast man die Drehkrankheit davon »kriegen kann." Sie zuckte die Achseln. „Aber es ist Geschmacksache. In der Wohltätigkeitsvorstellung war man ganz aus dem Häuschen wegen ihr."
Es klopfte und das Mädchen meldete: „Frau von Welp!" Die Gemeldete folgte dem Mädchen schon auf dem Fuste.
Sie schlug die Hände zusammen.
„Aber, Celia, noch bei der Toilette und es ist zwölf Uhr! Jede Minute kann es schlagen!"
Sie blickte nach der Stuhuhr auf der geschweiften Komode, die ihr auch den Gefallen tat, jetzt zwölfmal ihr dünnes Stimmchen zu erheben.
Celia Kurzmann lachte.
„Tantchen, hier brausten bei uns ist es so totenstill, dast ich leider zu oft verschlafe und ich tue es sogar gern, seit ich schon mehrmals gelesen, guter Schlaf wäre ein Schönheitsmittel. Aber nun mach es dir bequem und, nicht wahr, du istt bei mir? Es gibt heute lauter gute Sachen."
Frau von Welp hatte schon den Hut abgelegt, Meta half ihr noch aus dem dünnen Seidenmantel, ehe sie weiterondulierte.
Celia fragte nun: „Bringst du keine Neuigkeiten mit, Tantchen? Bei euch in Frankfurt passiert doch mehr als bei uns hier brausten in Nödelheim."
Die Gefragte rieb sich vergnügt die Hände.
„Hm dir eine Neuigkeit mitzuteilen, bin ich doch gerade schon am Vormittag gekommen." Es störte sie nicht, dast die Zofe dabei war, sie berichtete mit glitzernden Fischaugen: „Lil Körner hat heimlich das Haus der Baronin Sturm verlassen und kein Mensch weist, wo sie hin ist! Seit gestern nachmittag ist sie fort mit ihren Koffern. Als die Baronin nicht zu Hause war und der Doktor auch nicht, hat sie sich auf und davon gemacht. Das Mädchen hat sie vorher weggeschickt mit einem Auftrag. In dem Brief, den sie hinterlassen hat, steht, man solle sich nicht um sie kümmern, sie hätte schon ein Unterkommen, das ihr zusagt. Die arme Baronin Sturm tut mir leid, die macht sich nun allerlei Sorgen, wo Lil Körner sein könnte. Vielleicht tut sie auch
nur so. denn sie hat mir selbst gesagt, sie bereue all ihre Güte gegen die Nichte."
Celia machte jetzt ein munteres Gesicht.
„Das ist ja eine fabelhaft interessante Geschichte! Diese Lil Körner scheint wirklich ein tolles Geschöpf zu sein. Erst stellt sie sich als Clown zur Schau, dann boxt sie die Zofe und jetzt kneift sie aus. Und so 'was wollte der Doktor heiraten, von dem du mir schon so viel erzählt und auf den du mich neugierig gemacht hast, Tante?" Sie sah Meta im Spiegel an. „Eilen Sie sich doch ein bistchen." Sie wanbte sich über die Schulter zurück an Frau von Welp. „Erzähle weiter, Tantchen, was du über die Sache sonst noch weistt. Der Flucht Lil Körners must doch irgendein Familienkrcüh oder so 'was vorangegangen sein?"
Frau von Welp war ziemlich gut unterrichtet. Heute vormittag, gleich nach dem Frühstück, nachdem Werner fortgegangen, um Patienten zu besuchen, war die Baronin zu ihrer Vertrauten geeilt, und hatte ihr von dem Geschehenen Mitteilung gemacht. Natürlich in der Form, die sie für richtig hielt. Ohne sich selbst auch nut im geringsten anzuklagen. Sie war in der Tragödie der weiße Unschuldsengel unu Lil die schlechte, kohlschwarze Teufelin.
Frau von Welp erzählte und berichtete auch, dast Lil Körner sich gestern morgen schon einmal für längere Zeit von Hause entfernt hätte und am Frühstückstifch gefehlt habe. Erst eine halbe Stunde nach neun wäre sie zu rück gekommen. Anscheinend habe sie sich bei diesem frühen Mor- genausgang das Unterkommen gesucht, das sie ohne nähere Angabe in ihrem zurückgelassenen Brief erwähnte.
Metas Hand begann ungeschickt zu werden, sie versengte ein paar Haarspitzen der Gräfin, die ärgerlich ausrief: „Passen Sie doch lieber auf Ihre Arbeit auf, statt so genau auf jedes Wort zu achten, das meine Tante sagt!"
Meta murmelte: „Verzeihung, Frau Gräfin, aber was die gnädige Frau eben erzählte, hat mich besonders interessiert, weil ich glaube zu wissen, wohin Fräulein Körner gegangen ist gestern früh, ich meine, wo sie sich jetzt aufhalt."
Der Kopf der Gräfin fuhr herum.
„Woher wollen Sie denn bas wissen?"
„Durch Zufall habe ich das erfahren, Frau Gräsin, nur durch Zufall."
Nach Art klatschsüchtiger Menschen stellte fia sich wichtig in Positur, war ganz rot vor freudiger Aufregung, jetzt eine richtige Sensationsnachricht loslassen zu können.
„Nasch, rasch", drängte die Gräfin, „fegen Sick doch vorläufig die verflixte Brennschere weg, Meta, und erzählen Sie, was Sie wissen."
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