Elisabeth
erobert sich das Glück
Roman von Margarete Ankelmann
Copyright by M. Feuchtwanger, Halle.
17. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Elisabeth war froh, als die Sommerferien kamen und sie mit Frau Schelm er verreisen konnte. Die beiden Frauen fuhren in ein kleines österreichisches Alpendorf, nach Lech, in der Nähe des Arlbergs. Dort, in der Einsamkeit der Berge und der großartigen Höhenluft, erholten sich beide wundervoll von den Strapazen der Großstadt und des Studiums, und sie genossen die Wunder der Dergwelt in langen Fußwanderungen.
Eckertsburg hatte sich nur kurz vor der Reise der Damen einmal sehen lassen. Er selbst verbrachte den Sommer in einem Nordseebad.
Elftes Kapitel.
Frau Schelmer und Elisabeth waren zurückgekehrt, braungebrannt und köstlich erfrischt.
Elisabeth arbeitete mit neuem Feuereifer. Sn der zweiten Woche schon trat Elisabeth in einem Solistenkonzert des Konservatoriums auf und hatte mit Liedern von Mozart, Schubert und Brahms so stürmischen Erfolg, daß sie viele ihrer Vorträge wiederholen muhte.
Sm gaiuen Konservatorium wußte man, daß Elisabeth Pfilipps Ausbildung vollendet, daß sie eine fertige Künstlerin geworden war. Sm nächsten Frühjahr sollte sie ihr erstes selbständiges, öffentliches Konzert geben, und Professor Walter hoffte, zum Herbst für sie ein erstklassiges Engagement zu finden. Nun, das war nächstes Sahr, bis dahin war noch lange Zeit.
Es war an einem Novembervormittag, als Elisabeth wieder im Konservatorium weilte. Sie wartete auf Kammersänger Perlberg. Plötzlich wurde sie zu Professor Walter gerufen. Als sie in sein Zimmer trat, stand auch Kammersänger Perlberg da. Beide Herren hatten rote Köpfe, schienen ziemlich erregt zu sein.
„Mein liebes Fräulein Pfilipp", sagte Professor Walter, „ich habe eine große Aufgabe für Sie."
Perlberg fiel in seiner bärbeißigen Art ein:
„Getrauen Sie sich die Elsa in „Lohengrin" zu singen? Aber natürlich, die Partie sitzt bei Shnen ja felsenfest! Also, wollen <Äe?"
„Sch? - Oh..."
Ein freudiger Schreck verschlug Elisabeth die Sprache.
„Na, was denn?! Nur keine Zimperlichkeit..."
„Lassen Sie mal, Perlberg! Sch werde es Fräulein Pfilipp erklären. Es handelt sich um folgendes, Fräulein Pfilipp. Das Neue Theater hat angerufen, ob wir eine vollwertige Vertreterin der Elsa hätten, Frau Hansen hat einen Knöchelbruch erlitten, und die zweite Vertreterin der Rolle liegt an einer schweren Halsentzündung zu Bett. Das Theater wandte sich an uns, ehe es nach auswärts telephoniert. Sch habe natürlich gleich an Sie gedacht. Dühnenfertig sind Sie, die Rolle haben Sie eingehend studiert — ich meine also, Äe können das Wagnis getrost unternehmen. Wollen Sie?"
„Wenn Sie es für richtig halten — o ja, ich will schon."
„Sch habe keinerlei Bedenken, Sie auftreten zu lassen, Fräulein Pfilipp. Einmal muß ja doch der Anfang gemacht werden. Natürlich bekommen Sie keine Gage, denn unser Snftitut wird ja von der Stadt unterhalten. Also machen Sie Zhre Sache gut! Sch bin überzeugt davon, daß das Experiment ganz gelingen wird. Sch werde heute abend natürlich selbst da sein und Sie hören. Seht müssen Sie ins Theater zur Probe. Man erwartet Sie am Bühneneingang. Sie haben ja bei der Konservatoriumsaufführung kein Lampenfieber gehabt, Sie brauchen auch heute keines zu haben. Nur Mut, es wird alles gut gehen."
Elisabeth war noch ganz wirr im Kopfe, als sie schon auf der Straße ging. Sie nahm sich eine Taxe, fuhr ins Neue Theater. Es war Eile geboten, hatte ihr Kammersänger Perlberg noch gesagt.
Die Probe im Theater hatte schon begonnen. Ein berühmter Gast war als Lohengrin da: mit dem hatte man kurz probieren müssen. Gleich zu Beginn der Probe war Frau Hansen über ein Kulissenstück gestolpert und hatte sich dabei einen Knöchelbruch zugezogen.
Die zweite Vertreterin lag krank zu Bett. Das Stück konnte man kaum mehr absagen, da die Vorstellung des Gastes wegen ausverkauft war. Man hatte sich also eine andere Elsa verschaffen müssen. Perlberg hatte das Elisabeth alles schnell berichtet, während -sie sich ankleidete.
Elisabeth stand vor dem Bühneneingang. Herzklopfend blieb Jte einen Augenblick stehen. Dann faßte sie Mut, ging hinein.
Eine barsche Stimme fuhr sie an:
„Wo wollen Sie denn hin, Fräulein? Karten gibt es drüben, im Haupteingang."
„Nein, ich will keine Karten. Sch bin hierher bestellt, soll heute abend singen — die Elsa."
„Aber das glauben Sie ja selbst nicht, Fräulein." Die Stimme war etwas milder geworden, als der Mann im kleinen Portierfenster die Verlegenheit und Aengstlichkeit Elisabeths gesehen hatte. „Das glauben Sie ja selbst nicht. Wo wollen Sie denn die Stimme zur Elsa hernehmen, Sie dünnes Ding?"
Der Portier saH ungläubig an Elisabeths zarter Erscheinung herunter, die allerdings nichts von dem Umfang der berühmten Wagnersängerinnen an sich hatte.
„Sa, aber man wartet drinnen doch auf mich.
„Das ist alles schön und gut, Fräulein. Haben Sie denn einen Ausweis? Sonst kann ich Sie nicht da hinauflasfen."
„Einen Ausweis — nein, den habe ich nicht. Aber ich komme doch von Professor Walter."
„Kenne ich nicht, Professor Walter..."
Sn diesem Augenblick kam ein Mann dieTreppe herabgestürmt, die ins Innere des Hauses führte.
„Dienert, ist denn die Elsa noch nicht da?"
Er sah Elisabeth und hielt inne, schaute sie fragend an.
„Sch bin Elisabeth Pfilipp, mein Herr. Sch komme von Professor Walter. Aber der Herr Portier glaubte mir nicht, wollte mich nicht her- einlafsen."
„Sie sind ein Trottel, Dienert. Das hab' ich Shnen ja schon immer gesagt. — Sch bin Doktor Kerner, Regisseur. Wir warten schon mit Sehnsucht auf Sie. Wollen Sie, bitte, mit mir kommen."
Doktor Kerner führte Elisabeth an dem verdutzt dreinschauenden Portier vorüber hinauf zu den Dühnenräumen. Elisabeth ging wie im Traum. Sie sah nicht die verwunderten Blicke der Chorleute, die tuschelnd außerhalb der Bühne standen. Sie sah nichts von den Dingen, die um sie herum vorgingen.
Doktor Kerner führte Elisabeth zum Oberregisseur:
„Hier, Doktor Schäffer, das ist Fräulein Pfilipp vom Konservatorium."
Aus dem Konversationszimmer, gleich hinter der Bühne, trat ein großer Mann mit einem schmalen, intelligenten Gesicht. Shm folgten mehrere Damen und Herren auf dem Fuße.
„Professor Walter schickt Sie, gnädiges Fräulein?"
Dabei streifte ein verwunderter Blick Elisabeths Erscheinung.
„Sa, ich heiße Elisabeth Pfilipp und komme von Professor Walter."
Der große Mann verbeugte sich vorstellend:
„Doktor Schäffer, Oberregisseur. Also, bitte, kommen Sie! Wir haben keine Zeit zu verlieren."
Elisabeth folgte dem Oberregisseur auf die Bühne. Doktor Schäffer sprach eifrig zum Orchester hinunter. Noch während des Gesprächs trat ein anderer Mann neben Elisabeth:
„Drettschneider! Also Sie sind die neue Attraktion, von der Walter uns vorgeschwärmt hat. Hoffentlich hat er sich nicht verrechnet. Kulissenstaub scheinen Die noch nicht geschickt zu haben.
Aber wir wollen gleich anfangen — die große Szene der Elsa...“
Er lieh Elisabeth stehen und ging hinüber zum Oberregisseur:
„Sch bitte Sie, Schäffer! Walter ist nicht ganz gescheit, uns eine so junge Anfängerin zu schicken. Es wäre doch besser gewesen, gleich Dresden oder Halle anzurufen um Ersatz. Sollen wir das Risiko auf uns nehmen, mit diesem kleinen Mädchen?"
Oberregisseur Schäffer sah Professor Drettschneider an. Er wußte, daß dieser Dirigent sehr anspruchsvoll war in bezug auf das Künstlerpersonal. Aber Walter hatte so geschwärmt von dieser Novize, und der Konservatoriumsdirektor war doch schließlich ein Mann, der etwas verstand vom Metier. Vielleicht, daß man es noch einmal versuchte.
„Sch meine, Herr Professor, wir wollen einmal probieren. Es wird sich dann ja schnell Herausstellen, ob mit der jungen Dame etwas anzufangen ist oder nicht. Sie sieht jedenfalls gut aus, und es wäre einmal etwas anderes als unsere etwas mollige Hochdrgmatische. Wenn es gar nicht geht, müssen wir eben doch noch Halle oder Dresden anrufen."
„Gut. Dann wollen wir gleich anfangen."
Sm nächsten Augenblick erschien Drettschneider unten am Dirigentenpult.
Nach einer flüchtigen Vorstellung gruppierte man sich auf der Bühne. Licht erhellte die Szenerie, die eine Aue darstellte. Auf der einen Seite die mächtige Gerichtsbude, darunter der König, umgeben von den brabantischen Edelleuten. Reisig und Volk. Es sah ein wenig komisch aus, wie die modern gekleideten Menschen mit Speer und Schild hantierten.
Man fing mit dem Ende der Szene an: der König ließ die beklagte Elsa zu sich rufen.
Elisabeth hatte sich chres Hutes entledigt, kam barhäuptig, in ihrem Strahenkostüm. Wie die Rolle es vorschrieb, kam sie mit ihrem Gefolge bis in die Mitte der Bühne. Bisher hatte sie ein banges Gefühl, starkes Herzklopfen nicht loswerden können. Setzt, mit einem Male, war daS vorüber.
Nach den vorgeschriebenen, stummen mimischen Gebärden tönte es süß bezwingend zu den Lauschenden:
„Einsam an trüben Tagen hab' ich zu Gott gefleht.. “
Alle starrten entzückt aus das blonde, schwanke Mädchen, das eine so wundervolle Stimme besah und das musikalisch und »schauspielerisch so Hervorragendes leistete. Der berühmte Gast war entzückt von seiner bildschönen Partnerin, der man die Elsa wirklich glaubte. Schmelzend scholl sein Tenor mit Elisabeths wundervollem Sopran zusammen.
(Fortsetzung folgt.)
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