Ausgabe 
23.6.1932 Frühausgabe
 
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besonderen Verhältnisse in Düdöeutschland eine Aenderung des bisherigen Standpunktes nicht ermöglichen. Vach der Stimmung bei den Ländern betrachtet man in politischen Kreisen diese letzte Antwort als die wahrscheinliche, so dah dann also, voraussichtlich bereits am SamStag die Notverordnung des Reichs- Präsidenten erscheinen würde, durch die die ganze Frage von Reichs wegen geregelt wird. Vielleicht würden die beiden süddeutschen Län­der darauf mit der Anrufung des Staats­gerichtshofs antworten. Diesem Schritt käme aber keine aufschiebende Wirkung zu,

so bah also die Reichsregelung unter allen Um­ständen in Kraft treten würde.

Man hat den Eindruck, daß die heutige Aus­sprache unter keinen älmständen eine weitere Zu­spitzung herbeigeführt hat. Sie war freimütig und offen und dürfte in diesem Sinne besonders von bayerischer Seite gehandhabt worden sein, dessen Vertreter sich Wohl auch besonders deut­lich gegen jede Anzweiflung der bayerischen Reichstreue gewandt hat. Aber im ganzen spielte die Besprechung sich in sehr viel verbind­licheren Formen ab, als der Streit in den letzten Tagen in der Oeffentlichkeit geführt wurde.

Präsidentenwahl im preußischen Landtag.

Kerrlö Wahl bestätigt. Kein Sozialdemokrat im Präsidium.

Oie Amnestievorlage in zweiter Lesung angenommen.

(232)3) Das Interesse der Oeffentlichkeit an der heutigen Plenarsitzung des Preuß. Landtages ist deshalb besonders groß, weil neben der politischen Amnestie auch die endgültige Wahl des Landtags­präsidiums auf der Tagesordnung steht. Die Publi­kumstribüne. sowie die Diplomaten- und Abgeord­netenempore sind außerordentlich stark besetzt. Auch Journalisten und Photographen sind sehr zahl­reich vertreten. In den Bänken der nationalsozia­listischen Fraktion sind zahlreiche Abgeordnete in der neuen braunen SA.-Unisorm, andere in der schwarzen Uniform der SS.-Formation erschienen. Auch auf den Tribünen sieht man naNonalsozia- listische Besucher in Uniform.

Auf der Tagesordnung steht zunächst die erste Beratung von Anträgen 'der NSDAP., der Kom­munisten und der Deutschnationalen auf Erlaß einer politischen Amnestie. Es wird zu­nächst über den nationalsozialistischen Entwurf abgestimmt. Mit großer Mehrheit wird § 1 angenommen, der bestimmt, daß Straferlaß gewährt werde für rechtskräftig erkannte Strafen, soweit ausschließlich oder vorwiegend politische Beweggründe maßgebend gewesen sind und zwar, entsprechend einem deutschnationalen Antrag für Taten, die bis zum 15. Juni d. I. be­gangen wurden. Auf kommunistischen Antrag wird weiter beschlossen, daß auch solche Straftaten am­nestiert werden sollen, die aus Anlaß von Wirtschaftskämpfen, Streiks und Demon­strationen entstanden sind. Im übrigen wird die nationalsozilistische Fassung beftu*.yl, uie Amnestie auch f ü r Vergehen wegen wirtschaft­licher Not gewähren will. § 3 des Entwurfs regelt die entsprechende Amnestierung von Dienst­strafen für Beamte, Arbeiter und Angestellte im öffentlichen Dienst.

Das Haus stimmt der nationalsozialistischen Fassung des § 3 mit einem deutschnationalen Aende- rungsantrag zu. Auch die übrigen Bestimmungen werden hn wesentlichen nach der nationalsozialisti­schen Fassung angenommen. Bei §4 wird dagegen der deutschnationale Antrag angenommen, der die schweren Delikte, wie Verbrechen gegen das Leben, schwere Körperverletzung usw. von der Amnestie ausnimmt.

Das Haus wendet sich dann der endgültigen Wahl des Landtagspräsidiums zu.

2luf Vorschlag des Abg. Pieck (Komm.), der die bedingungslose Bereitschaft seiner Frak­tion mit dem, Zentrum und den Sozialdemokraten zusammenzugehen, zum Ausdruck bringt, u m N a - tionalsozialisten und Deutschnatio­nale vom Präsidium auszuschließen, wird die Sitzung auf eine Stunde unterbrochen. Um 17.15 Uhr wird die Sitzung wieder eröffnet. In­zwischen ist bekannt geworden, daß das Zentrum den kommuni st ischen Vorschlag ab­gelehnt hat.

Abg. 6 u b e (RS.) schlagt den Abg. kerrl für die endgültige Wahl zum Landlagspräsidenten vor. Es werden 405 Stimmzettel abgegeben. 64 Stimm­zettel (des Zentrums) waren unbeschrieben. Es sind abgegeben worden 197 Stimmen für den Abg. kerrl, 91 für den Abg. Wittmaack (Soz.) und 53 für den Abg. kasper (komm.). Damit ist Abg.

kerrl (RS.) mit absoluter Mehrheit end­gültig zumPrasidenten gewählt. Diese Feststellung wird von den Nationalsozialisten mit stürmischem Händeklatschen ausgenommen, während die Kommunisten ein dreifaches Nieder auf den neuen Präsidenten ausbringen.

Es folgt die Wahl des Ersten Vize­präsidenten.

Abg. K u b e (Rats.) erklärt, daß seine Fraktion den Abg. D r. v. Kries (Dnt.) zum Ersten Vizepräsidenten Vorschläge, nachdem sich die So­zialdemokraten dem üblichen Brauch entzogen und gegen die stärkste Fraktion einen eigenen Gegenkandidaten aufgestellt und gewählt hätten. Auf den Abg. Dr. v. Kries (Dnt.) entfallen 192, auf den Abg. Wittmaack (Soz.) 162 und auf den Abg. Kasper (Komm.) 50 Stimmen, ein Stimmzettel war unbeschrieben. Da keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit der abgege­benen gültigen Stimmen erhalten hat, muß eine engere Wahl zwischen den Abg. Dr. v. Kries und Wittmaack erfolgen. Hier fallen auf den Abg. Dr. v. Kries 182, auf den Abg. Wittmaack 174 Stimmen. Präsident Kerrl stellt fest, daß D r. v. Kries (Dnt.) damit zum Ersten Vize­präsidenten gewählt worden ist. (Bravo! rechts.)

Zum Zweiten Vizepräsidenten wird Abg. Da umhoff (Z.) gewählt.

Für die Wahl des Dritten Vizepräsidenten schlägt Abg. Kube (Rats.) seinen Fraktions­kollegen Abg. Haake vor. Die Kommunisten halten an ihrem Kandidaten Kasper fest. Die Sozialdemokraten, Zentrum, Volkspartei und Sbaatspartei geben keine Karten ab. Der Abg. Haake (Rats.) wird zum Dritten Vizepräsidenten gewählt. Die Sozialdemokraten, die seit der Sbaatsumwälzung in allen Landtagen den Prä­sidenten stellten, sind also im Präsidium nicht mehr vertreten.

Hierauf entwickelte sich eine stürmische Ge- schäftsordnungsdebatte um die W a h l d e s M i - nisterpräsidenten. Sie sollte nach dem Ta­gesordnungsvorschlag für Donnerstag stillschwei­gend unter den Tisch fallen. Die Deutsch- nationalen beantragten, wenigstens den Ver­such einer Wahl des Ministerpräsidenten am Donnerstag vorzunehmen. Der deutschnationale Antrag wurde indessen abgelehnt.

Abg. Pieck (Komm.) wirft den Rationalsozia­listen Schiebung vor.

Abg. Ks be (Rats.) sagt: Wenn der Abg. Pieck anstelle von Braun möglichst bald ein national­sozialistisches Kabinett haben wolle, so brauche er nur für die Aenderung der Geschäftsordnung ein­zutreten. Dann aber würden auch die M o r d t a - ten der Kommunist en draußen im Land aufhören, und dann würde auch in Berlin für Ordnung gesorgt werden können. In diesem Augenblick würden in Moabit Ra- tionalsozialisten einzeln abge­schlachtet und der Polizeipräsident sitze hier und tue seine Pflicht nicht.

Abg. G v z e s i n s k i (Soz.) erklärt, an der Be­hauptung, daß Rationalsozialisten in Moabit ab­geschlachtet würden, sei kein wahres Wort. Im übrigen sei es seine eigene Angelegenheit, wo er seine Pflicht tue. (Die Ausführungen des Red­ners werden von den Rationalsozialisten mit an­haltender Tlnruhe begleitet. Präsident Kerrl

vermag nur mit größter Mühe die Ordnung im Saal aufrechtzuerhalten und setzt es schließlich durch, daß alle Abgeordneten ihre Plätze wieder einnehmen.)

Abg. GrafHelldvrf (Rats.) erklärt, er habe beim Polizeipräsidium Berlin um Schutz gebeten für 25 von den Kommunisten bedrohte SA.-Män­ner, die.in einem Lokal eingeschlossen seien. Der Kommissar vom Dien st habe erklärt, er sei nicht in der Lage und auch nicht willens, die Meldung anzunehmen. (Große Llnruhe bei den Rationalsozialisten.- Die nationalsozialistischen Abgeordneten schlagen mit den Fäusten auf die Tische, einzelne versuchen, zu den sozialdemokra­tischen Bänken vorzudrängen.

Abg. G r z e s i n s k i (Soz.) erwidert, die An­gaben des Vorredners würden von ihm nachge- priift. Wenn die Angaben richtig seien, habe der Kommissar vom Dienst falsch gehandelt.

Neues Oemonstraiionsverboi in Hessen.

WSN. Darmstadt, 22. Ium. Der hessische Mi­nister des Innern hat unter dem 20. Juni folgende Verfügung erlassen:

Auf Grund des Art. 233,2 NV. und des § 14 der Verordnung des Reichspräsidenten zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen vom 14. Juni 1932 und zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit, Ruhe und Ordnung verbiete ich mit sofor­tiger Wirkung im gesamten Gebiet des Volks­staates Hessen bis auf weiteres alle Ver­sammlungen unter freiem Himmel, Demonstrations - Auf; üge, Umzüge, Durchmärsche und sämtliche Trans­porte aller Art, die von Mitgliedern politischer Vereinigungen oder zu politischen Zwecken unternommen werden."

Als G r ü n d e werden angeführt: Durch die Locke­rung des Verbotes vom 7. November 1931 ist es zu schweren politischen Ausschreitun­gen und damit zu erheblichen Störungen der öffentlichen Ruhe, Sicherheit gekommen (Mainz, Worms, Reichenbach, Schönberg, Geinsheim ufw.). Insbesondere das heranziehen von orts­fremden Elementen zu solchen Veranstal­tungen bietet insofern einen besonderen Anreiz zu politischen Ausschreitungen, als diese glauben, vor Erkennung und damit vor Strafverfolgung sicher zu fein. Diefe Ausschreitungen können in der Regel nur durch die Heranziehung größerer Abteilungen der Bereitschaftspolizei oder der Gendarmerie ver­hindert werden. Die hierdurch entstehenden kosten können von der Staatskasse nicht mehr g e t r a g en werden. Auch ist eine dauernde Reberlastung der Beamten, wie sie durch die Lockerung des Verbotes eingetreten ist, nicht möglich. Zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit, Ruhe und Ordnung ist daher ein er­neutes verbot derartiger Veranstaltungen er­forderlich geworden.

Der Rektor zu den Vorfällen in der Frankfurter Universität.

Frankfurt a. M., 22. Juni. (WSN.) Zu den gemeldeten Vorfällen an der Frankfurter Universi­tät gibt der Rektor der Universität, Professor M a > delung, folgende Erklärung ab: Ich darf sagen, daß ich von den Vorfällen völlig überrascht war, denn ich hatte das Ehrenwort der Vertretung der nationalsozialistischen Studierenden, daß sie i n keiner Weise gegen das Verbot des Tragens der Uniform innerhalb der Universitätsräume demonstrieren wollten. Tatsächlich muß auch festgestellt werden, daß die ganze Bewegung n ich t ,e t w a von Stu­denten der Universität ausgegangen ist, sondern daß außerhalb der Universität stehende SA.-Leute die Eindringenden gewesen sind. Ich habe mich während der Vorfälle fortwährend unter den Studenten aufgehalten, und ich muß feft- stellen, daß man sich auf beiden Seiten, von ganz wenig Ausnahmen abgesehen, in must er-

Has ter Ruhe benommen hat. Auch der Red» ner, der vom Fenster aus sprach, war, wie ich fest- gestellt habe, kein immatrikulierter Student, sondern ein ehemaliger Studierender, der nicht mehr der Universität angehört.

Der Senat der Universität beschloß, die Universi­tät am Donnerstag wieder z u öffnen. Es sollen nur zwei Eingänge offengehalten werden und nur Personen gegen Ausweis das Uni» versitätsgebäude betreten dürfen. Die Zugänge zur Universität und die umliegenden Straßen sollen polizeilich geschützt werden. Der Senat beschloß fer» ner, den Reichsinnenminister um Schutz der Uni­versität gegen nicht zur Universität g e hörende Elemente zu bitten, die die Absicht haben, den politischen Kampf in die Universität hineinzutragen.

Ein Aufruf Hitlers.

LcharfeAbsage an jedeZentrunis-Koaliiion.

München, 22. Ium. (TU.) Adolf Hitler hat imVölkischen Beobachter" einen Aufruf erlassen, in dem es heißt:Das Iahr 1932 wird in der Geschichte unserer Bewegung dereinst fortleben als ein Iahr schwerster Opfer und Kämpfe, aber auch als das Iahr größter Siege und Erfolge. Zehn Wahlkämpfe liegen hinter uns. Zehnmal kämpften wir gegen eine Front von Gegnern, zehnmal haben wir beispiellose Sieg^erfochten. Die Tatsache, daß der Rationalsozialismus Deutsch­lands größte Partei ist, kann heute von nieman­den mehr geleugnet werden und dennoch drückt uns soeben eine neue Welle von Unter­drückung und Verfolgung. Mit dem blu­tigsten Terror des Mordgesindels der kommunistischen Verbrecherwelt ver­bindet sich ein fortgesetzter Rechts-undVer- fassungsbruch des Zentrumsund der Sozialdemokratie in den Ländern, in denen diefe Parteien immer noch herrschen. Im selben Augenblick stehen das Reich und die Län­der dank der 14jährigen Luderwirtschaft der­selben Parteien vor dem politischen und wirt- scha/ftlichen Bankerott. Als verantwortlicher Füh­rer der nationalsozialistischen Bewegung muh ich es daher ablehnen, mit diesenParteien heuteirgendeinenPa kt zu schließen. Preußen und Deutschland werden nicht durch Schiebungen und Kompromisse, sondern durch charaktervolle Kraft gerettet. Das Zentrum glaubt heute noch nicht an den Sinn der letzten Wahlen und an die Mission unserer Bewegung. Wir wer­den ihm diesen Glauben noch im Monat Iuli des Iahres 1932 bei bringen. Parteigenossen! Sorgt jetzt dafür, daß d-er Wahlkampf am 31. Iuli zur Entscheidungsschlacht wird. Der Sieg an diesem Tage muh auch die Macht der schwarz-roten Parteien in den Län­dern endgültig brechen und zwar ohne Kompro- miffe. So Gott will, werden wir dann am 1. August die Voraussetzungen geschaffen haben zur Bildung der Regierungen, vor allem auch in Preuhen, die der geschichtlichen Tradition ebenso gerecht werden, wie sie zur Lösung der gigantischen Aufgabe der Gegenwart befähigt sein werden."

Kritische Lage in Chile.

Santiago de Chile, 22.Juni. (TU.) Von den Anhängern des bisherigen Junta-Mitgliedes Grove wurde der Generalstreik erklärt, der aber nur teilweise erfolgreich zur Durchführung kam. Die jetzigen Machthaber beantworten ihn mit der Erklärung des Kriegszustandes. Der Eisenbahnverkehr vollzieht sich unter militärischem Schutz, die Straßenbahnen in Santiago fahren un­ter polizeilicher Bedeckung. Die Sicherheitsorgane haben Anweisung, nachts ohne weiteres scharf zu schießen. In der vergangenen Nacht haben heftige, aber erfolglose AngriffevonZioilistenauf die Polizei stattgefunden. Die Straßen sind mit Toten und Verwundeten bedeckt. Zehn Polizisten wurden getötet, lieber die Höhe der Verluste der Zivilisten sind keine Angaben ver­öffentlicht worden. Am Tage wurde die Ruhe wiederhergestellt. Die Regierung hat ein Mora­torium erklärt. Wenn die Schuldenzahlungen gesichert sind, sollen in den ersten beiden Viertel- jähren je 5 v. H. und in dem folgenden Vierteljahr 10 v. H., andernfalls sollen je Vierteljahr 20 v.H. gezahlt werden.

Ein Sonntag war es, hell und klar ...

Von Georg Mühlen-Schulte.

Ihr müßt wissen, daß wir zu dummen Strei­chen aufgelegt sind, ich, der dicke Mufti, der lange Goldlack und noch ein paar andere.

Das ist eine natürliche Reaktion auf den Emst der Zeit. Der Mensch kann nicht ewig mit dem Kopf zwischen den Händen dasitzen und über ein­gefrorene Kredite, Autarkie, versenkte Kaffeesäcke und andere Mysterien der Wettwirtschaftsgeba- rung nachdenken. Das kann er nicht, wenn er nicht riskieren will, daß er schließlich tobsüchtig wird und einem der berufsmäßigen Verteiler irdischer Glückseligkeit mit einem Klammerbeutel oder einem anderen Mordinstrument zu Leibe geht.

Wir beschlossen also, unter Gehirn zu lüften, und fuhren am Sonntagmorgen raus nach Gatow. Das liegt idyllisch am Ufer der Havel. Viele kleine Wochenendhäuser stehen da rum; eins davon ge­hört dem Kunstmaler Wurzer. Es war der Zweck unseres Ausflugs, Wurzer zu besuchen. Wir wuß­ten, daß er in der Küche seines Hauses drei Doppeldosen mit Hummer zu stehen hatte; die wollten wir zum Frühstück aufessen, um sie vor dem Verderben zu schützen. Außerdem wollten wir unsere Hängematten zwischen den Kiefern des Wurzerschen Grundstücks aufknüpfen. Es ist schön, in der Hängematte zu liegen, den Weg der Wol­ken am Himmel zu verfolgen und an nichts zu denken, außer an die guten Speckerbsen, die Wur­zer alle Sonntage eigenhändig auf seinem Herd zu kochen pflegt, und an den Mokka mit hausge- backenem Napfkuchen, den es nachmittags gibt.

Wir waren um zehn Uhr draußen, aber wir fanden das Haus verschlossen.

Goldlack sagte:

Der Pinsel ist wahrscheinlich unten am Wasser."

Mufti knurrte:

Ieht können wir noch eine Stunde auf das Frühstück warten; es ist wirklich auf keinen Men­schen mehr Verlaß."

Wir gingen zur Badewiese hinunter und suchten Wurzer, aber wir fanden ihn nicht. Schließlich zogen wir uns aus und badeten. Wir hatten leb­haften Appetit, als wir aus dem Wasser tarnen; deshalb legten wir die Strecke bis zum Wurzer­schen Grundstück in beschleunigtem Tempo zurück.

Wurzer war immer noch nicht da.

Ich kann mir denken, wo er steckt", sagte Gold­lack.Er hat gestern ein Honorar einkassiert, und wenn Wurzer Geld hat, bann ißt er im Ufer- restaurant in Cladow."

..Los, gehn wir nach Cladow!" ordnete Mufti an.Wenn wir Wurzer finden, dann gnade ihm Gott; ich esse allein dreimal Schweinebraten mit gemischtem Gemüse."

Wir marschierten eine gute halbe Stunde bis Cladow. Lind eine gute halbe Stunde zurück. Wur­zer war nicht im Gartenrestaurant, und wir hatten nicht genügend Kasse, um uns selbst zu beköstigen.

Wir standen wieder vor demWurzer'schenGrund- stück. Dreimal knurrten wir im Chorus mit dem Magen; als sich daraufhin noch immer nichts im Haus regte, sagte Goldlack:

Er hat sich verspätet, der Schuft. Er ißt in der Stadt und kommt erst nach Tisch raus. Wir wol­len unsere Hängematten aufspannen und uns hin- emlegen. Man erträgt den Hunger am besten, wenn man kein Glied rührt."

Wir handelten nach seiner Weisung. Bis drei Uhr nachmitags lagen wir in unseren Hängematten und guckten in die Wolken. Dann sprang Mufti heraus und rannte, ohne ein Wort zu sagen, nach dem Strand hinunter.

Es ist der Hungerwahnsinn," meinte Goldlack. ..Los! Wir dürfen den Unglücklichen nicht im Stich lassen!

iilts wir an das Wasser kamen, sahen wir Mufti im eifrigen Gespräch mit einem Mann, der einen Kneifer trug und ein bißchen dämlich aussah. Wir kannten den Mann; es war der Photograph Kirch- Haus, der zuweilen an unferm Stammtisch erscheint und der dort auf den schlichten NamenKirchen­maus" getauft worden war.

3d) habe nocheinmal den ganzen Strand nach Wurzer abgesucht, aber er ist nicht da. Wir sind dem Hungertode verfallen/' erklärte Mufti düster.

Na und Kirchenmaus?" fragte Goldlack mit einem Hoffnungsschimmer im hungrigen Blick.

Der Photograph zuckte die Achsel.

Meine Schalter sind geschlossen," meinte er, und Dabei holte er aus seinen beiden Hosentaschen das Futter heraus.

Wir setzten uns im Kreise ins Gras und berie­ten.

Wurzer ist ein Lump!" erklärte Mufti mit Ueberzeugung.Man sollte ihn für vogelfrei er- klaren. Jedermann müßte das Recht haben ihn mit einer Latte, in der rostige Nägel stecken, zu er chla-

Große Worte, nichts als große Worte," meinte Kirchhaus.Damals, als es gegen mich ging, da hatten die Herren Mut; da blieb es nicht bei dem Gerede."

Was habt ihr denn mit Kirchenmaus gemacht?" erkundigte ich mich.

Wir haben inseriert, daß er Katzen zu Dressur- Zwecken zu kaufen sucht," antwortete Goldlack.

Ja," ergänzte der Photograph.In aller Herr- gottsfrühe wurde ich schon von einem Mann ge­weckt, der mir einen Angora-Kater für fünfzig Mark anbot. Mittags stand das Treppenhaus voll von Leuten mit Katzen. Und als ich spät abends vollständig zerbrochen von all dem Aerger mein Bett aufsuchte, da lag eine fauchende Bestie mit einem Wurf von sechs Jungen drin. Wirklich eine feine Sache. Damals hatten die Herren Kurage, wie ge­sagt.

Es fehlt uns auch heute nicht daran", erklärte entschlossenen Gesichts Mufti.

Aber was wollen wir machen?" fragte Goldlack.

Ich habe eine Idee," sagte Kirchhaus.Mon­tieren Sie Wurzers Haus ab uüd stellen Sie es an einen anderen Platz."

..Das ist doch nicht möglich," wandte ich ein.

Möglich ist es schon," erklärte Goldlack. Er ist Architekt und versteht was von solchen Dingen Möglich ist es durchaus. Handelt sich doch bloß um em paar verspundete Bretter. Türen und tyenfter sind mit einem Handgriff ausgehoben. Der Nahmen macht auch keine Schwierigkeiten. Stein­sundament ist nicht. Schornstein auch nicht. Also das wäre eine Kleinigkeit. Aber, wohin mit der Bude?

-.Das ist das wenigste," meinte Kirchhaus "Sehn Sie mal zum Beispiel die eingezäunte Par­zelle da drüben. Liegt ganz im Gebüsch versteckt und es steht noch kein Haus drauf. Da müßten Sie Wurzers Villa hintragen. Gäbe einen Riesenspaß."

Verdient hätte es der Halunke!" sagte Goldlack sinnend.

Dann sprang Mufti auf und schrie:Los! Wir kommen auf die Weise wenigstens an den Büchsen- Hummer ran!" 71

Um das gleich vorwegzunehmen, es war kein Buchsenhummer da. Es gab auch nichts anderes zu beißen; es gab bloß eine furchtbare Schusterei. ..Das mit denpaar verspundeten Brettern" hört fick) sehr einfach an, aber es versteckt sich allerhand dahinter. Hier ist eine genaue Statistik des Teils der allgemeinen Pflichten, der auf mich entfiel:

3ch habe sechsundvierzig Bretter ausgehöben und einhundertsiebzehn Nägel gerade geklopft. Ich habe mir einen Stützpfeiler auf den Fuß fallen lassen, ich bin zweimal mit der Hose und dreimal mit dem Hemd hängen geblieben. Ich habe mir acht Split­ter eingerissen. Ich bin neununddreißig Mal mit schweren Lasten aus Hölzern und Teerpappe den Weg von Wurzers Haus nach der Strandparzelle gekeucht. Ich habe mir beim Wiederaufbau des Hauses sechzehn Mal mit einem Hammer auf den linken Daumen geschlagen. Immer auf den linken Daumen. Ick) habe einen halben Eimer Schweiß verloren, und mein Hunger nahm derartige Di­mensionen an, daß ich mich in einer Wette mit Mufti verpflichtete, eine Gans von zehn Pfund ungerupft zu verzehren. Es war aber niemand da, der die Gans hätte bezahlen können.

Zusammenfassend ist zu sagen, daß wir alle drei sehr hart arbeiteten. Die Sache ging ohne Störung oonftatten, denn es war ein trüber Tag, und in der Kolonie hielten sich nur ganz wenige Menschen auf. Außerdem stand Kirchenmaus Schmiere. Er hatte oben an der Autostraße Posten bezogen. Wenn Wurzer käme, sollten wir durch einen Pfiff ge­warnt werden. Aber der Maler ließ sich nicht blicken. Um vier Uhr hatten wir mit der Ar- beit begonnen; um acht stand das Haus an seinem neuen Platz. Und um neun waren wir wieder in der Stadt, hundemüde, dreckig wie die Hotten­totten und so hungrig, daß ein Rudel Wölfe vor uns umgekehrt wäre.

Mufti fand noch einen Groschen in der Tasche, den steckte er in den Schlitz eines Telephon-Auto- maten.Hier bet Wurzer" meldete sich Fräulein Leuthold, die Haushälterin des Malers.

Hier ist Mufti. Sagen Sie mal, Leuthold'n, wo steckt eigentlich Wurzer?"

Herr Wurzer ist verreist. Nach Wiesbaden." Nach Wiesbaden? Bei den schlechten Zeiten?" Ja, Herr Wurzer hat eine arößere Einnahme gehabt. Er hat doch sein Häuschen verkauft."

Wa .. a ... s? Etwa das Grundstück in Gatow?" Nicht das Grundstück. Das Grundstück behält Herr Wurzer. Nur das Häuschen hat er verkauft. 2ln einen Photographen Kirchhaus hat er es ver­kauft. Kirchhaus hat eine Strandparzelle in Gatow, da will er das Häuschen raufftellen."

Hier sank Mufti kraftlos in unsere Arme.

Versteht man, daß wir jetzt für ein Inserat sparen, durch das der Photograph Kirchhaus Kreuz, ottern zu Dressurzwecken zu kaufen sucht?

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